Die Verschriftlichung phonetischer und prosodischer Mündlichkeitsmerkmale in "Harry Potter and the Deathly Hallows" und ihre Übersetzung ins Schwedische und Norwegische


Bachelorarbeit, 2011
107 Seiten, Note: 1,0

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Mündlichkeit und Schriftlichkeit

3. Literarische Mündlichkeit
3.1. Literarische Mündlichkeit zwischen Nähe und Distanz
3.2. Merkmale mundaner Mündlichkeit und deren Verschriftung in der Literatur
3.3. Übersetzung literarischer Mündlichkeit

4. Phonetische und prosodische Mündlichkeitsmerkmale in Harry Potter and the Deathly Hallows und deren Übersetzung ins Schwedische und Norwegische
4.1. Phonetische Ebene
4.1.1. Standard- und diatopisch neutrale Umgangssprache
4.1.2. Dialekte und Soziolekte
4.1.2.1. Rubeus Hagrid
4.1.2.2. Mundungus Fletcher
4.1.2.3. Weitere dialektale und soziolektale Markierungen
4.1.3. Interferenzen
4.1.3.1. Interferenzen französischer Muttersprachler
4.1.3.2. Interferenzen bulgarischer Muttersprachler
4.1.4. Individuelle und situationsbedingte Aussprachefehler
4.1.5. Zusammenfassung
4.2. Prosodische Ebene
4.2.1. Betonung/Satzakzent
4.2.2. Tonhöhe: Intonationsverlauf und Register
4.2.3. Pausen
4.2.4. Lautstärke
4.2.5. Sprechgeschwindigkeit
4.2.6. Stimmqualität und Stimmfärbung
4.2.7. Zusammenfassung

5. Konklusion

Literaturverzeichnis

Anhang

1. Mündlichkeitsmerkmale im Originaltext

2. Mündlichkeitsmerkmale in der norwegischen Übersetzung

3. Mündlichkeitsmerkmale in der schwedischen Übersetzung

4. Lautstärke und Stimmfärbung verschriftende Verba dicendi

1. Einleitung

In beinahe jedem Roman, unabhängig von der Sprache, der Epoche und dem Genre, in welchem er verfasst ist, finden sich Verweise auf Mündlichkeit, indem die wörtliche, also mündliche Rede von Figuren gekennzeichnet wird. Hierbei zeigt sich, dass die Kennzeichnung wörtlicher Rede nicht allein durch Anführungszeichen erfolgt, sondern vor allem auch durch sprachliche Elemente, die spezifisch auf spontan gesprochene Sprache verweisen und somit den Eindruck realer Mündlichkeit entstehen lassen. Dies wird auch als literarische Mündlichkeit bezeichnet. Sie befindet sich im Spannungsfeld zwischen Mündlichkeit und Schriftlichkeit, da sie innerhalb der Schrift mit schriftlichen Mitteln realisiert wird, aber dennoch den Anschein spontan gesprochener Sprache erweckt.

Bei der sprachwissenschaftlichen Erforschung literarischer Mündlichkeit handelt es sich um eine relativ junge Disziplin, die vor allem durch die Arbeiten von Koch/Oesterreicher (1985; 1994) zum Verhältnis zwischen Mündlichkeit und Schriftlich­keit angestoßen wurde. Hier sind vor allem die auch im Rahmen dieser Arbeit konsultierten Untersuchungen von Ayad (1980), Goetsch (1985), Blank (1992), Berthele (2000) und Englund Dimitrova (2004) zu nennen, sowie besonders die umfassende Arbeit Freuneks (2007) zu Formen und Funktionen literarischer Mündlichkeit und der Problematik ihrer Übersetzung.

In dieser Arbeit soll zunächst vor dem Hintergrund der Beziehung zwischen den Sprachebenen Mündlichkeit und Schriftlichkeit untersucht werden, wie das Phänomen literarische Mündlichkeit im Spannungsfeld zwischen Mündlichkeit und Schriftlichkeit entsteht. Hierbei soll besonders berücksichtigt werden, welche Elemente spontan gesprochener Sprache in literarischer Mündlichkeit verschriftlicht[1] werden und ob und inwiefern sich bei der Übertragung von Mündlichkeitsmerkmalen ins schriftliche Medium besondere Probleme ergeben. Weiterhin soll auch untersucht werden, ob sich neben dem schlichten Verweis auf reale Mündlichkeit im schriftlichen Medium noch weitere oder spezifischere Funktionen literarischer Mündlichkeit feststellen lassen.

Den zentralen Teil dieser Arbeit stellt die Untersuchung der Verschriftungsstrategien bezüglich phonetischer und prosodischer Mündlichkeitsmerkmale in Joanne K. Rowlings Harry Potter and the Deathly Hallows dar, wobei auch die Übersetzungen ins Schwedische und Norwegische betrachtet werden sollen. In diesem Zusammenhang werden einerseits die sprachspezifischen Verschriftungsformen von Mündlichkeitsmerkmalen im Englischen, Norwegischen und Schwedischen betrachtet und verglichen und andererseits die Unterschiede bezüglich der Strategien der Übersetzung von Mündlichkeitsmerkmalen in den Übersetzungstexten heraus­gearbeitet.

2. Mündlichkeit und Schriftlichkeit

Im Sprachgebrauch wird allgemein zwischen gesprochener und geschriebener Sprache bzw. zwischen Mündlichkeit und Schriftlichkeit unterschieden. Diese Ein­teilung bezieht sich jedoch nicht rein auf das Medium, also den phonischen und graphischen Code, sondern kann auch auf die Konzeption des kommunizierten Textes, also die gewählten Versprachlichungsstrategien referieren (vgl. Koch/Oesterreicher[2] 1985: 17). Die mediale Dimension liegt in diesem Modell, welches auf Ludwig Söll (1985) zurückgeht, quer zur Dimension der Konzeption, sodass sich vier mögliche Realisierungsformen von Sprache ergeben:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Tabelle 2/1: Zuordnungsmöglichkeiten von Medium und Konzeption (vgl. Söll 1985: 24; Koch/Oesterreicher 1985: 17)

K./O. (1985:17) merken jedoch an, dass, während die Zuordnung zum graphischen bzw. phonischen Code immer eindeutig erfolgen kann, die Beziehung zwischen Mündlich­keit und Schriftlichkeit auf der konzeptionellen Ebene nicht streng dichotom, sondern als graduelles Kontinuum verläuft. Die Pole ‚mündlich’ und ‚schriftlich’ werden im Kontinuum-Modell von K./O. (1985) auf der konzeptionellen Ebene durch Nähe und Distanz repräsentiert. Nähe und Distanz repräsentieren zwei maximal verschiedene Kommunikationssituationen, welche jeweils durch eine Reihe von Kommunikations­bedingungen gekennzeichnet sind, die wiederum mit be­stimmten Ver­sprachlichungsstrategien in Verbindung stehen. Alle Kommunikations­bedingungen und die mit ihnen verknüpften Versprachlichungs­strategien von Nähe und Distanz sind grund­­sätzlich graduell abstufbar und können frei miteinander kombiniert werden, sodass sich ein mehrdimensionales Kontinuum ergibt, an dessen Enden jeweils die proto­­­­­typische Nähe- bzw. Distanzsituation mit prototypischer Nähe- bzw. Distanz­sprache steht (vgl. K./O. 1985; 1994: passim).

In reinen Distanz­situationen, die durch Merkmale wie Offizialität, Monologizität, physische, soziale und referentielle Distanz gekennzeichnet sind, ist der gemeinsame außersprachliche Kon­text der Kommunikationsteilnehmer minimal. Somit muss bei der Ver­sprachlichung in Distanzsituationen (Distanzsprache) erst ein gemeinsamer Kontext geschaffen werden bzw. der individuelle außersprachliche Kontext muss dem Kommunikationspartner durch Versprachlichung zugänglich werden. Dies erfordert einen hohen Grad an Planung und führt zu einer höheren Informationsdichte und Komplexität distanzsprachlicher Äußerungen. Die prototypische Nähesituation zeichnet sich hingegen durch u.a. Inoffizialität, Dialogizität, physische, soziale und referentielle Nähe aus. Hier ist ein gemeinsamer außersprachlicher Kontext vorhanden, eine Versprachlichung des Kontextes ist also nicht notwendig, weshalb die Nähesprache nur ein sehr geringes Maß an Planung, Informationsdichte und Kompaktheit erfordert (vgl. K./O. 1985: 19–24; Blank 1991: 12–15).

Prototypisch nähesprachliche Äußerungen sind immer auch medial mündlich (analoges gilt für distanzsprachliche Äußerungen und den graphischen Code): Obwohl Konzeption und Medium eindeutig trennbar sind, weisen Nähesprache und phonischer Code eine starke Affinität auf (analoges gilt für Distanzsprache und den graphischen Code), was auf einer Korrespondenz der Kommunikationsbedingungen von Nähe­situationen mit den Eigenschaften des phonischen Codes beruht: Hierbei ist vor allem der Aspekt der Flüchtigkeit von Sprache im phonischen Code hervorzuheben, welche der Spontaneität und Ungeplantheit von Nähesprache entgegenkommt, da er die Möglichkeit zu Korrektur oder Überspielung von Fehlern bietet.

Das Kontinuum-Modell ist jedoch nicht allein auf die Beschreibung konzeptioneller Mündlichkeit/Schriftlichkeit beschränkt, sondern stellt nach K./O. (1994: 594) das „universale Grundprinzip sprachlicher Variation“ dar. Angewendet auf die drei großen Typen einzelsprachlicher Variation (Diastratik, Diatopik und Diaphasik) ergibt sich jeweils ein Kontinuum von starker bis schwacher diatopischer und niedriger bis hoher diastratischer und diatopischer Markierung. Auf einzelsprachlicher Ebene zeigt sich nun, dass die Kontinua der nähe-/distanzsprachlichen, der diatopischen, der diastratischen und diaphasischen Variationsdimension mit­einander korrespondieren: So wird etwa stark diatopisch markierte Sprache in vielen Sprachgemeinschaften vor­nehmlich von Sprechern niedriger sozialer Schichten verwendet und ist in diesen Fällen somit auch diastratisch niedrig markiert. Dialektal-soziolektal bzw. rein soziolektal niedrig markierte Sprache kann sich wiederum auch im niedrigen Register sozial höher­stehender Sprecher finden. Des Weiteren verfügen diatopisch stark und diastratisch und diaphasisch niedrig markierte Varietäten über eine starke Affinität zum phonischen Code und treten am häufigsten in Nähesituationen auf, da „[d]er enge Kommunikationsradius von Mundarten und Dialekten […] im Widerspruch zu der für konzeptionelle Schriftlichkeit definitorischen maximalen Reichweite“ (K./O. 1995: 595) steht.[3] Prototypische (also mediale und konzeptionelle) Mündlichkeit weist also eine starke Affinität zu Non-Standard-Varietäten auf, die ihrerseits selten über eine standardisierte Verschriftung verfügen. Diatopisch schwach und diastratisch und diaphasisch hoch markierte Sprache (also die jeweilige Standardvarietät bzw. Hochsprache) hin­gegen ermöglicht vor allem durch ihre Situationsentbundenheit Kommunikation über eine maximale Distanz. Sie wird daher vornehmlich in Distanzsituationen verwendet und steht dem graphischen Code nahe (vgl. K./O. 1994: 594 f.). Dies hat vor allem zwei Gründe: Erstens basiert die orthographische Norm einer Sprache meist auf der Aussprache der Standard- bzw. prestigeträchtigsten Varietät und zweitens kommt der schriftnahen Aussprache aufgrund der Verknüpfung von Schriftlichkeit mit Bildung und somit hohem sozialen Status meiste Prestige zu.[4]

Die starke Affinität von diaphasisch niedrig markierter Sprache, Nähesprache und phonischem Code führt in der Forschung vielfach zu einer Subsumption der Ebene Mündlichkeit-Schriftlichkeit unter Diaphasik. K./O. (1985: 16) weisen jedoch auf die Notwendigkeit der Trennung von stilistischer und mündlich/schriftlicher Dimension hin, da „die Zuweisung sprachlicher Erscheinungen zur Registerskala im Gesprochenen […] nicht mit der im Geschriebenen überein[stimmt], sondern […] so verschoben [ist], dass z.B. geschrieben ‚familiär’ gesprochen ‚neutral’ entspricht“.

Der graduelle Verlauf des Varietätenkontinuums resultiert jedoch auch darin, dass beispielsweise auf diaphasischer Ebene keine genauen Grenzen zwischen Standard, Umgangssprache und Slang gezogen werden können. Auch eine Unterscheidung nach dem Grad der Kodifikation und Verschriftlichung gestaltet sich schwierig, da auch u.a. auch Teile der umgangssprachlichen und auch der extrem informellen Lexik bis hin zu Flüchen über eine standardisierte Schreibung verfügen. Soziolekte und vor allem Dialekte sind hingegen, sofern sie sich nicht mit den kodifizierten Elementen diaphasisch-stilistischer Varietäten überschneiden, meist nicht kodifiziert.

Da für die Zwecke dieser Arbeit eine Unterscheidung zwischen stilistisch neutralen und als stilistischer Substandard konnotierten Formen nötig ist, werden für die nachfolgenden Untersuchungen die Begriffe Standard(-sprache), Standard­orthographie, Normorthographie und Standardvarietät wie folgt definiert: Standardsprache wird als Oberbegriff für die dialektal und soziolektal unmarkierten stilistischen Registerebenen einer Sprache verwendet, wobei die Standardvarietät die stilistisch neutrale Ebene darstellt. Die Verschriftung der Standardvarietät wird durch die Normorthographie geregelt, wohingegen Standardorthographie alle kodifizierten Schreibungen unabhängig von ihrer Zugehörigkeit zur Normorthographie umfasst. Im alltäglichen Sprachgebrauch etablierte, jedoch nicht kodifizierte Schriftformen werden als etablierte Schreibungen bezeichnet.

3. Literarische Mündlichkeit

Der Begriff literarische Mündlichkeit bezeichnet im weiteren Sinne „eine Fülle von Erscheinungen […], die die Forschung bisher als oral elements, als Spuren der Mündlichkeit, oral residues oder einfach als Mündlichkeit bezeichnet hat“ (Goetsch 1985: 202), also jegliche auf mündliche Äußerungen verweisenden Elemente in literarischen Texten, sowohl im Erzählertext als auch in der Figurenrede. Im für diese Arbeit relevanten, engeren Sinne beschränkt sich literarische Mündlichkeit auf die fiktiven mündlichen Äußerungen fiktiver Personen in literarischen Texten.

Freunek (2007: 27 f.) unterscheidet mit fiktionaler, fiktiver und fingierter Mündlich­keit drei Aspekte literarischer Mündlichkeit und grenzt sie von realen, unter natürlichen Bedingungen statt­findenden mündlichen Äußerungen, der mundanen Mündlichkeit, ab. Fiktional ist Mündlichkeit dann, wenn sie, z.B. als Teil literarischer Texte, in einer nicht-realen Welt stattfindet, während Mündlichkeit, die künstlich erzeugt wird, als fiktiv be­zeichnet wird. Fiktionale Mündlichkeit ist immer auch fiktiv, während fiktive Mündlichkeit nicht zwangsläufig fiktional ist. Fingiert referiert schließlich auf die vorgebliche Echt­heit literarisch mündlicher Äußerungen. Fiktionale, fiktive und fingierte Mündlichkeit können auch in nicht-literarischen Texten auftreten und stellen somit keine Untergruppen literarischer Mündlichkeit dar, sondern weisen lediglich Schnittmengen mit ihr auf.

In den folgenden Kapiteln soll zunächst der Begriff der literarische Mündlichkeit im Bezug auf das Kontinuum-Modell von K./O. (1985; 1994) definiert und erläutert werden. Sodann soll dargestellt werden, welche Ebenen mundaner Mündlichkeit bei literarischer Mündlichkeit verschriftlicht werden können und mit welchen Mitteln das geschieht. Schließlich erfolgt eine Untersuchung der Übersetzbarkeit literarischer Mündlichkeit, wobei folgende Fragen eine besondere Berücksichtigung erfahren: Unter welchem Aspekt literarische Mündlichkeit übersetzbar? Welche Probleme ergeben sich besonders bei der Übersetzung literarischer Mündlichkeit?

3.1. Literarische Mündlichkeit zwischen Nähe und Distanz

Auf der Basis des Kontinuum-Modells von K./O. (1985; 1994) kann literarische Mündlichkeit als Darstellung von Nähesprache im Distanzsprache-affinen graphischen Code definiert werden. Im Gegensatz zu mundaner Mündlichkeit müssen bei literarischer Mündlichkeit jedoch drei verschiedene Ebenen unterschieden werden: (1) Die produktive Ebene, welche die Produktion des literarischen Texts und somit auch der fiktiven mündlichen Äußerungen durch den Autor berücksichtigt, (2) die fiktionale Ebene, auf der sich die fiktiven Kommunikations­teilnehmer im literarischen Text befinden, (3) die rezeptive Ebene, auf welcher sich die Relation zwischen dem fiktiven Sprecher bzw. der fiktiven Sprech­situation und dem Leser, welche vor allem durch physische, referentielle und soziale Distanz ge­kennzeichnet ist, abspielt.[5]

Von diesen drei Ebenen ist nur die Kommunikations­situation auf der fiktionalen Ebene mit Kommunikationssituationen vergleichbar, in welchen mundane Mündlichkeit stattfindet. Die fiktionale Ebene existiert jedoch nicht selbständig, sondern nur im Bezug auf den Autor oder auf den Leser.

Die produktive Ebene ist, ebenso wie die rezeptive Ebene, durch eine Distanz­situation gekennzeichnet: Beim Verfassen eines literarischen Textes sind distanz­sprachliche Produktionsbedingungen und Versprachlichungsstrategien wie etwa physische Distanz und Reflektiertheit vorherrschend. Literarische Mündlichkeit im Text ist also grundsätzlich fiktiv: sie entsteht durch Nachbildung nähesprachlicher Versprachlichungs­strategien unter distanzsprachlichen Kommunikationsbedingungen (vgl. Blank 1991: 27; K./O. 1985: 24).

Literarische Mündlichkeit erschöpft sich jedoch nicht in der Integration von nähesprachlichen Merkmalen in einen aus der Distanzsituation verfassten schriftlichen Text. Ihre hauptsächliche Funktion besteht vielmehr in der Erzeugung der Illusion einer Nähesituation (vgl. Goetsch 1985: 217): Die mehr oder minder ausgeprägte Nähesituation, in der sich die fiktiven Kommunikationsteilnehmer befinden, wird für den Leser eben genau durch den Gebrauch starker oder weniger starker Nähesprache evoziert. Während mundane Mündlichkeit immer das Resultat einer Nähesituation ist, funktioniert literarische Mündlichkeit also gerade umgekehrt: Bei mundaner Mündlichkeit folgt die Wahl der Versprachlichungsmittel (z.B. Nähesprache) aus den jeweiligen Kommunikationsbedingungen (z.B. informelle Situation), während in literarischer Mündlichkeit die Kommunikationssituation durch die gewählten Versprachlichungsstrategien evoziert wird.

Je nachdem, wie ausgeprägt und in welcher Form der Autor Mündlichkeitsmerkmale verschriftet, kann der Leser Rückschlüsse auf z.B. den Grad der Offizialität der Situation und der sozialen und referentiellen Nähe der fiktiven Kommunikations­teilnehmer oder auf ihre regionale Herkunft, ihren Bildungsstand oder ihren sozialen Status ziehen (vgl. Freunek 2007: 29). Genauer kann hier zwischen Evokationen und Konnotaten von fiktiver Nähesprache in der Literatur unterschieden werden: Evokationen von literarischer Mündlichkeit beziehen sich immer auf die fiktive Kommunikations­situation (Nähesprache kann z.B. Vertrautheit, Inoffizialität oder Spontaneität evozieren), Konnotate sind hingegen bestimmte Sprechtechniken und Sprechweisen wie etwa Dialekte oder Registerebenen und werden durch Konnotatoren wie etwa dialektal markierte Sprache konnotiert (vgl. Freunek 2007: 60).

Während der Leser aufgrund der verwendeten Nähesprache die fiktive Sprech­situation als Nähesituation auffasst, be­findet er selbst sich weiterhin in einer Distanz­beziehung zu dieser Situation: Der gemein­same außersprachliche Kontext von Leser und fiktivem Sprecher/Sprechsituation ist minimal, weswegen in literarischer Mündlich­keit Elemente des fiktiven außersprachlichen Kontexts versprachlicht werden müssen, deren Versprachlichung rein auf der Ebene der fiktiven Sprech­situation nicht not­wendig wäre. Literarische Mündlichkeit ist also nicht einfach die Verschriftung mundaner Mündlichkeit nachempfundener fiktiver mündlicher Äußerungen, sondern muss, um für den Leser einerseits die fiktive Nähesituation zu evozieren und andererseits seine Distanz zu dieser Nähesituation zu überbrücken, sowohl nähe- als auch, vor allem im Bezug auf die Versprachlichung des Kontextes, distanz­sprachliche Elemente beinhalten. Die Versprachlichung des außersprachlichen Kontext muss allerdings nicht zwangsläufig in der direkten Rede des fiktiven Sprechers erfolgen, sondern kann auch in den Erzählertext ausgelagert werden.

3.2. Merkmale mundaner Mündlichkeit und deren Verschriftung in der Literatur

Literarische Mündlichkeit erzeugt die Illusion mundaner mündlicher Äußerungen und wird häufig mit der exakten Verschriftung mundan mündlicher Äußerungen in Verbindung gebracht. Tatsächlich weist literarische Mündlichkeit bezüglich ihrer Form jedoch starke Abweichungen zu mundaner Mündlichkeit auf:

Die Wirklichkeit dient den literarischen Äußerungen nur als Muster und Bezugs­punkt, in vieler Hinsicht funktionieren sie jedoch nach eige­nen Gesetz­mäßig­keiten und haben Eigenschaften und Funktionen, die von denen realer mündlicher Äußerungen grundlegend abweichen (Freunek 2007: 26).

Die Illusion von Mündlichkeit wird in literarischen Texten nicht durch die Verschriftung aller Merkmale mundaner Mündlichkeit hergestellt; dies würde den Text bis zur Unlesbarkeit verfremden. Die Evokation ‚Mündlichkeit’ bzw. ‚Nähe­situation’ entsteht vielmehr durch die Einmischung einzelner gesprochensprachlicher Elemente in den schriftsprachlichen Text. Hierbei spielt auch eine Rolle, „ob und wie sich die Partien, in denen Mündlichkeit fingiert wird, von anderen Teilen des gleichen Werkes abheben“ (Goetsch 1985: 215). Weist auch der Erzählertext Mündlich­keits­merkmale auf, wird die Mündlichkeit der Figurenrede nicht so deutlich evoziert wie im Kontrast zu einem stark distanzsprachlichen Erzähltext.

Bei mundaner Mündlichkeit lassen sich mit der segmentalen, der supra­segmentalen und der nonverbalen Ebene drei Ebenen von Versprachlichung unter­scheiden; Sprachproduktion im schriftlichen Medium findet hingegen nur auf der segmentalen Ebene statt.

Die segmentale Ebene umfasst Phonetik, Lexik, Syntax, Morphologie und Pragmatik und ist am einfachsten zu ver­schriften, da hier die Über­tragung vom mündlichen ins schriftliche Medium durch Orthographie und teilweise auch durch Interpunktions­regeln festgelegt ist (vgl. Blank 1991: 20 f.). Orthographie orientiert sich jedoch prinzipiell an der Standardlautung, wodurch sich die Ver­schriftung von phonetischen Merkmalen, die von der schriftnahen Standardaussprache abweichen, wie etwa im Falle von Umgangs­sprache, Dialekten und Soziolekten, mittels der Standardorthographie nicht möglich ist. Stattdessen wird hier die Methode der laut­nahen Schreibung angewandt, sodass die Verschriftung nicht durch eine standardisierte Orthographie, sondern lediglich durch die Graphem-Phonem-Korrespondenzen der Einzelsprache reguliert ist.[6]

Die Tatsache, dass lautnahe Verschriftung häufig nicht standardisiert und die jeweiligen Schreibungen dem Leser somit nicht vertraut sind, macht lautnah ver­schriftete phonetische Mündlichkeitsmerkmale mitunter schwer lesbar: „[T]he representation of nonstandard dialect in writing […] tends to give a reader a tired throat after a short period of reading: we cannot help subvocalizing as we read ‚dialect’; it exists only in oral form“ (Lakoff 1982: 242, zitiert nach: Goetsch 1985: 213). Dass Dialekte über keine Schriftnorm verfügen bzw. sich deutlicher als stilistische Varietäten von der Standardsprache unterscheiden, bedeutet jedoch nicht, dass sie nicht normiert sind. Die dialektale Norm ist lediglich nicht kodifiziert, wobei sich jedoch etwa in der Mundartliteratur nicht-standardisierte Verschriftungs­normen für einzelne Dialekte herausbilden können.

Für einige Wörter und Syntagmen existieren allerdings etablierte und teilweise auch kodifizierte lautnahe Schreibungen, wie etwa schwed. <nån>, <mej>, <säja>für någon, mig, säga (vgl. SAOL 2006: s.v. någon, jag, säga). Solche kon­ventionalisierten Schreibungen existieren jedoch überwiegend für diaphasisch-stilistische Varietäten wie Umgangssprache oder Slang, welche im Vergleich zu Dialekten stärker kodifiziert und enger an die Normen des Standards gebunden sind. Es ist allerdings zu berücksichtigen, dass das gleiche stilistische Merkmal im phonischen und graphischen Code je unterschiedlich bewertet wird: „Als Distanzfaktor erhält mediale Schriftlichkeit auch mehr soziales Prestige als mediale Mündlichkeit, der Abstand der nähesprachlichen Merkmale zur geltenden Norm wird als größer empfunden, die Merkmale selbst werden damit abgewertet“ (Freunek 2007: 89). Abweichungen, insbesondere von der orthographischen Norm, sind also immer mit einem Verlust an Prestige verbunden. Dies resultiert insbesondere bei der lautnahen Verschriftung phonetischer Merkmale, häufig darin, dass die jeweiligen Merkmale, obwohl im mündlichen Medium diatopisch, diaphasisch und diastratisch neutral, in der Schrift aufgrund ihrer von der Norm abweichenden Schreibung häufig stilistisch abgewertet werden und daher in literarischer Mündlichkeit auch als Konnotatoren stilistischer Varietäten fungieren (siehe hierzu auch Kap. 4.1.1. und 4.1.5.).

Einige phonetische Merk­male sind allerdings auch nicht mittels lautnaher Schreibung verschriftbar, wie etwa die /r/-Varianten im Schwedischen und Norwegischen, da kein alternatives Graphem zu <r> zur Verfügung steht, das die Ver­schriftung beider Aussprache­varianten ermöglichen würde. Ähnliches gilt für Rhotizität/Nicht-Rhotizität im Englischen. Hier muss auf Metakommentare des Erzählers bzw. der Figuren über die Aussprache­variante oder sehr unkonventionelle Schreibungen[7] zurückgegriffen oder auf die Ver­schriftung der Aussprachevariante ver­zichtet werden.

Die Syntax ist durch Anakoluthe, Ellipsen, Korrekturen, Wiederholungen, Apokoinukonstruktionen und Links- und Rechts­herausstellungen gekennzeichnet, wodurch sie im Vergleich zur schriftsprachlichen Syntax unvollständig und fehlerhaft wirkt. Diese Fragmentarizität nimmt mit dem Grad der Nähe der Kommunikations­situation zu und resultiert, ebenso wie die geringere Komplexität, also die Tendenz zur Parataxe, mündlicher Syntax einerseits aus der Spontaneität, Un­gezwungenheit und Ungeplantheit der Nähesituation und anderer­seits aus der Flüchtig­keit phonisch realisierter Sprache. Vor allem der Nähefaktor der Ungeplant­heit wirkt sich besonders auf die Syntax aus, da diese aufgrund ihrer ausgeprägt syntagmatischen Struktur mehr als alle anderen segmentalen Sprachelemente der Voraus­planung bedarf, um normgemäß realisiert werden zu können.

Für morphologische Mündlichkeitsmerkmale lässt sich keine allgemeine Be­schreibung angeben, da ihre genaue Form, ebenso wie bei phonetischen Mündlich­keits­merkmalen, von der Einzelsprache abhängig ist. Am frequentesten treten sie bei der Markierung diatopischer Varietäten auf, welche häufig morphologische Abweichungen zur Standard- bzw. Schriftsprache aufweisen, wie z.B. die in Südostnorwegen übliche e- Endung (bzw -i, wenn der Stammvokal ein i ist) im Supinum starker Verben in Kontrast zu der im Bokmål üblichen Form -(e)t (vgl. Skjekkeland 1997: 271).

Auf der lexikalischen Ebene äußert sich konzeptionelle Mündlichkeit vor allem in der Verwendung umgangssprachlich konnotierter Lexeme anstelle ihrer standard­sprachlichen/distanzssprachlichen Synonyme bis hin zur Verwendung hochgradig informeller Slang­wörter, die über keine hochsprachlichen Synonyme verfügen. Der Gebrauch von stark informell markierter Lexik und auch von Interjektionen ist hier­bei an den Grad der Affektivität, Expressivität und Vertrautheit der Kommunikations­situation geknüpft. Auch Modalpartikeln und -adverbien als Aus­druck einer persönlichen Einstellung zur bzw. Bewertung der Mitteilung resultieren aus Affektivität (vgl. Schwitalla 2006: 153). Die Verwendung von Deiktika und Vagheits­ausdrücken ist hingegen durch die physische und vor allem referentielle Nähe der Kommunikations­teilnehmer bedingt. Werden diese in literarischer Mündlich­keit verwendet, müssen auch die Referenten bzw. der außersprachliche Kontext ver­schriftlicht bzw, versprachlicht werden, da die literarisch mündliche Äußerung dem Leser sonst nicht verständlich wird (vgl. Blank 1991: 24). Andere lexikalische Mündlichkeitsmerkmale umfassen u.a. Vagheitsausdrücke (semantisch unscharfe passe-partout -Wörter und Hecken­ausdrücke), Onomatopoetika, Inflektive und nicht-lexikalisierte ad-hoc-Bildungen.

Insgesamt zeichnet sich die gesprochensprachliche Lexik durch eine relativ niedrige type-token-Relation, also durch eine geringe Variabilität der Wortwahl, aus. Dies ist ebenfalls durch die Ungeplantheit der Nähesituation und auch den geringen Zeitaufwand bei der Versprachlichung im phonischen Code bedingt (vgl. Söll 1985: 22, 64). Eine hohe type-token-Relation weist lediglich stark affektiv bedingte Mündlichkeit wie etwa das Fluchen auf (vgl. Blank 1991: 23).

Pragmatisch-textuelle Mündlichkeitsmerkmale resultieren vornehmlich aus der freien Themenentwicklung und der Dialogizität in der Nähesituation und sind eng mit der Lexik verknüpft: Hier handelt es sich u.a. um Partikeln und Interjektionen, die zur Rede- und Gesprächssteuerung verwendet werden (z.B. Gliederungs-, Rück­versicherungs-, Korrektur- und Rezeptionssignale, Markierungen des Turnhaltens und Turnbeanspruchens, Abtönungspartikeln) (vgl. Schwitalla 2006: 156).

Bei der Verwendung gesprochensprachlicher Lexik handelt es sich um die einfachste Form der Verschriftung von Mündlichkeit: Sie kann, im Gegensatz zur Verschriftung gesprochen­sprachlicher Syntax oder der lautnahen Verschriftung phonetischer Mündlichkeits­merkmale und insofern es sich um Lexik mit standardisierter Schreibung handelt, in relativ hohem Maße erfolgen ohne die Lesbarkeit des Textes zu beeinträchtigen (vgl. auch Blank 1991: 22; Schwitalla 2006: 13). Deshalb ist literarische Mündlichkeit auch vielfach primär durch gesprochen­sprachliche Lexik markiert.

Die suprasegmentale Ebene bzw. die prosodischen Merkmale sind ein integraler Bestandteil gesprochener Sprache und unterscheiden sich hauptsächlich in Betonung, Sprechgeschwindigkeit, Lautstärke, Tonhöhe, Pausen und Stimm­färbung. Suprasegmentalia verfügen zwar über keine eigene Bedeutung, können jedoch den Inhalt sprachlicher Äußerungen z. B. durch Hervorhebung oder Ab­schwächung einzelner Segmente wesentlich modifizieren.

Im Vergleich zur segmentalen Ebene gestaltet sich die Verschriftung supra­segmentaler und nicht-lautlicher Mündlichkeitsmerkmale sehr schwierig, da sie keine direkten Äquivalente im graphischen Code haben:

Writing is a poor, secondary system when compared to speech. No tone or quality of voice can be represented; no helpful and delightful accompanying body language is seen; and no dramatic or embarrassing pauses or rapid tempo can be provided. (Preston 1982: 304)

Der Grund hierfür liegt in den Bedingungen der Codes selbst: phonisch realisierte Sprache verläuft als Laut­erscheinung grundsätzlich analog bzw. kontinuierlich. Bestimmte Aspekte (eben die Elemente der segmentalen Ebene) können jedoch aus der Laut­erscheinung segmentiert, also digitalisiert werden. Versprachlichung im phonischen Code findet also sowohl auf der segmentalen wie auch auf der suprasegmentalen Ebene statt. Dagegen zeichnet sich der graphische Code durch reine Digitalität aus, weshalb Versprachlichung hier nur auf der segmentalen Ebene möglich ist. Prosodische Merkmale sind jedoch rein analoge Phänomene, die nicht, wie etwa Phone, Silben, Morphe etc., aus lautlichen Äußerungen segmentiert werden können. Für diese nicht-segmentalen Aspekte gesprochener Sprache muss bei der Verschriftung also ein Verfahren gefunden werden, mittels dessen sie in den graphischen Code übersetzt, also digitalisiert werden können.[8] Die Digitalisierung von Intonation ist zumindest teilweise durch Interpunktionsregeln reguliert, während zur Markierung von Akzenten, Lautstärke, Sprechgeschwindigkeit etc. meist auf typo­graphische Markierungen zurückgegriffen wird (siehe hierzu Kap. 4.2.).

Auf nonverbalen Ebene finden sich schließlich Phänomene, die nicht direkt lautlich umgesetzt werden, aber dennoch eine kommunikative Funktion ausüben, wie etwa Blicke, Mimik, Gestik und allgemeine Körpersprache. Einige nicht-lautliche Phänomene haben kulturvariante Bedeutungen, andere wiederum sind interkulturell verständlich. Alle sind jedoch hochgradig semantisiert und können in der Nähesituation „viele Worte ersetzen“ (Blank 1991: 25), haben jedoch andererseits in der Distanz­situation kein Äquivalent und müssen deshalb in der Literatur z.B. in Form von Erzähler- oder Figurenkommentaren extensiv versprachlicht werden.

Hinsichtlich der Evokationen und Konnotate literarischer Mündlichkeitsmerkmale muss, unabhängig davon, ob es sich um z.B. phonetische, syntaktische oder prosodische Merkmale handelt, zwischen Merkmalen unterschieden werden, die Mündlichkeit primär evozieren, da sie eine spezifische Varietät konnotieren (z.B. umgangssprachliche Lexik, regional spezifische morphologische Formen), und solchen, die auf Mündlichkeit als Medium verweisen, also Aspekte oder Formen gesprochener Sprache darstellen, die im mundanen Sprachgebrauch nur im phonischen Code auftreten und keine Varietät konnotieren. Zu letzteren zählen z.B. die Verschriftung von Stottern oder die Kennzeichnung von Lautstärke.

Die Konnotation einer spezifischen Varietät jedoch entsteht erst, wenn mehrere Merkmale, die in ihrer Kombination für die jeweilige Varietät kennzeichnend sind, gemeinsam auftreten. Je höher die Anzahl ver­schiedener, für eine bestimmte Varietät spezifischer Merkmale ist, desto deutlicher wird diese Varietät konnotiert. Finden sich in der Rede eines Sprechers nur wenige oder unspezifische Merkmale, werden Varietäten konnotiert, die ein relativ breites Spektrum um­fassen, wie Umgangs- oder, bei diatopischen Markierungen, auch Regional­sprachen.

3.3. Übersetzung literarischer Mündlichkeit

Der Begriff Übersetzung bezeichnet im weiteren Sinne den „Vorgang und [das] Ergebnis der Übertragung eines Textes aus einer Ausgangssprache in eine Zielsprache“ (Bußmann 2002: s.v. Übersetzung). Die primäre Anforderung an das Resultat dieser Übertragung ist die der Invarianz: Der Unterschied zwischen AS-Text und ZS-Text soll so gering wie möglich gehalten werden. Ist die Invarianzforderung erfüllt, kann von Äquivalenz von AS- und ZS-Text gesprochen werden.

Die Invarianzforderung der Übersetzung gilt nach Koller (2004) für die folgenden Aspekte des Original­textes: (1) denotativer Informationsgehalt, (2) konnotativer Informations­gehalt, (3) Gattung bzw. Textsorte und deren spezifische Bedingungen, (4) Vor­wissen des Rezipienten bezüglich des sozialen und kulturellen Hintergrunds, auf den sich der Originaltext bezieht, und (5) ästhetische Form (vgl. Koller 2004: 216, 228–265). Einen Sonderfall bildet (4), da sich die Rezeptionsbedingungen für AS- und ZS-Text unterscheiden: Der AS-Text ist auf einen Rezipienten mit AS-spezifischem Vorwissen, also gesellschaftlichen und kulturellen Hintergrund[9], ausgerichtet, der sich vom ZS-spezifischen Vorwissen des Rezipienten des ZS-Textes unterscheidet. Der Originaltext muss bei der Übersetzung also so angepasst werden, dass AS-spezifische Referenzen, die nicht zum Vorwissen des ZS-Rezipienten gehören, dem ZS-Rezipienten verständlich werden (etwa durch Manipulation, erklärende Er­weiterung oder Eliminierung der entsprechenden AS-Teiltexte). Hierbei kommt es häufig zu Invariantenkonkurrenz: Herstellung von Invarianz bezüglich (4) führt zu Varianz bezüglich mindestens eines anderen Aspekts. Je stärker sich also Kultur und Gesellschaft von Ausgangs- und Zielsprache und somit auch das Vorwissen von AS- und ZS-Rezipient unterscheiden, desto schwerer ist ein „äquivalenter kommunikativer Effekt“ (Bußmann 2002: s.v. Übersetzung) zu erreichen und desto wahr­scheinlicher ist ein hoher Grad an Varianz der Übersetzung.

Genauer definiert ist eine Übersetzung also „das Resultat einer sprachlich-textuellen Operation, die von einem AS-Text zu einem ZS-Text führt, wobei zwischen ZS-Text und AS-Text eine Übersetzungs- (oder Äquivalenz-)relation her­gestellt wird [Hervorhebung im Original]“ (Koller 2004: 16). Betrachtet man diese Beziehung zwischen AS- und ZS-Text unter den fünf oben genannten Aspekten, ergibt sich eine Unterscheidung zwischen (1) denotativer, (2) konnotativer, (3) text­normativer, (4) pragmatischer und (5) formal-ästhetischer Äquivalenz. Text­normative Äquivalenz ist für das Thema diese Arbeit irrelevant, zudem unterliegt die Textsorte Roman als im weiteren Sinne künstlerische Ausdrucksform kaum textnormativen Be­dingungen. Bei der Übersetzung literarischer Mündlichkeit wird vor allem formal-ästhetische Äquivalenz, also die Invarianz der „ ästhetische[n], formale[n] und individual­stilistische[n] Eigenschaften des AS-Textes [Hervorhebung im Original]“ (Koller 2004: 216) hergestellt, da es sich bei literarischer Mündlichkeit in erster Linie um ein Stilmittel des Autors handelt.

Die Frage der Übersetzbarkeit literarischer Mündlichkeit kann nicht allgemein, sondern nur abhängig von der Art der Evokation der jeweiligen Merkmale beantwortet werden: Für Mündlichkeitsmerkmale, die als Konnotatoren einer spezifischen Varietät oder Registerebene fungieren, stellt sich die Frage der Übersetzbarkeit nicht bezüglich der Merkmale selbst, sondern bezüglich der Varietät, die sie konnotieren. Über die Übersetzbarkeit von Varietäten an sich kann keine allgemeingültige Aus­sage getroffen werden, die Untersuchung dieser Frage muss vielmehr für jedes Paar aus Ausgangs- und Zielsprache und für jede AS-Varietät neu erfolgen (vgl. Diller/ Kornelius 1978: 81). Prinzipiell ist jedoch feststellbar, dass eine Varietät schwerer übersetzbar ist, je enger sie allgemein an Variablen wie Einzelsprache, Ort, Gesell­schaft oder Kultur gebunden ist und je stärker sie in einem spezifischen Text identitäts­bildendes Merkmal des jeweiligen Sprechers ist (vgl. Brembs 2004: 1).

Stilistisch-diaphasische Varietäten/Registerstufen wie Umgangs­sprache sind somit am einfachsten zu übersetzen: Sie sind hauptsächlich situationsspezifisch und kaum an andere Variablen gebunden. Des Weiteren ist das Prinzip der stilistischen Variation bei so vielen Einzelsprachen beobachtbar, dass sie als linguistische Universalie an­gesetzt werden kann (vgl. Diller/Kornelius 1978: 83). Dialekte hin­gegen stellen den „klassischen Fall der Unübersetzbarkeit [Über­setzung L.H.]“ (Englund Dimitrova 2004: 121) dar, da sie sprach-, orts- und kultur­spezifisch sind und die Identität des jeweiligen Sprechers wesentlich charakterisieren. In der präskriptiven Übersetzungs­theorie überwiegt hier die Tendenz zur Übersetzung der AS-Varietät durch eine diatopisch unmarkierte ZS-Varietät, die jedoch auf allen weiteren kon­notativen Ebenen (v.a. Stilschicht und soziale Gruppe) äquivalent zur AS-Varietät ist (vgl. hierzu Brembs 2004: 14–16). Diese Übersetzungsverfahren wird auch als Nivellierung bezeichnet: normabweichende AS-Merkmale werden durch stärker kodifizierte, weniger markierte und dem Standard nähere ZS-Merkmale ersetzt bzw. durch die Verwendung unmarkierter Formen im ZS-Text völlig neutralisiert (vgl. Freunek 2007: 92 f.).

Da die wenigsten Varietäten rein diatopisch, diastratisch oder diaphasisch sind, müssen bei der Übersetzung einzelner Varietäten immer sowohl die Konnotationen der Stilschicht als auch die der sozialen Gruppe und die der regionalen Zuordnung berücksichtigt werden (vgl. Koller 2004: 243–246): Dialekte werden z.B. in vielen Sprachgemeinschaften mit einem niedrigen sozialen Status verknüpft, können also auch über soziolektale Aspekte verfügen, während stigmatisierte Soziolekte häufig mit diaphasisch niedrigen Varietäten korrelieren. Über wieviel Prestige etwa ein spezifischer Dialekt (oder Dialekte über­haupt) verfügt oder inwieweit eine bestimmte Stilschicht auch soziolektal konnotiert ist, unter­scheidet sich jedoch von Varietät zu Varietät und vor allem von Sprachgemeinschaft zu Sprachgemeinschaft. In Bezug auf die Übersetzung von Varietäten und somit auch literarischer Mündlichkeit bedeutet das vor allem: Für die „im [AS-]Text durch die Art der Verbalisierung vermittelten Konnotationen be­züglich Stilschicht, soziolektale und geographische Dimension, Frequenz etc. [Hervor­hebung im Original]“ (Koller 2004: 216) lässt sich in der Zielsprache nie ein absolutes Äquivalent finden, konnotative Äquivalenz kann also immer nur approximativ erreicht werden: AS- und ZS-Varietät können zwar bspw. vergleichbare Sprechergruppen, etwa Angehörige der gleichen sozialen Schicht, evozieren, aber in der jeweiligen Sprachgemeinschaft den­noch unterschiedliche Werturteile und Assoziationen konnotieren. Dies führt fast immer zu Invariantenkonkurrenz (vgl. Freunek 2007: 51).

Bei der Verschriftung der jeweiligen ZS-Varietät muss auch der sprachpolitische und literaturgeschichtliche Hintergrund der ZS-Sprachgemeinschaft berücksichtigt werden, da sich die „Konventionen hin­sichtlich dialektaler Markierungen im literarischen Text“ (Brembs 2004: 2) (und auch hinsichtlich der Markierung von Mündlichkeit überhaupt) in AS- und ZS-Sprachgemeinschaft deutlich unterscheiden können. Je restriktiver die Schriftnorm und je geringer das Dialektprestige in einer Sprachgemeinschaft ist, desto geringer ist meist auch die Akzeptanz dialektaler Markierungen in der Literatur. Die Verschriftung diaphasisch-stilistischer Varietäten gestaltet sich weniger problematisch, da sie stärker kodifiziert sind und dem Standard näher stehen.

Neben objektiven Faktoren wie den sprachsystembedingten Unterschieden zwischen Ausgangs- und Zielsprache spielen jedoch auch die subjektiven Kenntnisse und Auf­fassungen des Autors einerseits und des Übersetzers andererseits eine wichtige Rolle. Es ist nicht nur relevant, wie die jeweilige AS-Varietät in der AS-Sprach­gemeinschaft insgesamt konnotiert ist, sondern vor allem auch, zu welchem Zweck der Autor die jeweilige Varietät markiert und wie erfolgreich die von ihm gewählten Verschriftungsformen die jeweilige Varietät evozieren. Im Falle des Übersetzers muss berücksichtigt werden, dass unter Umständen Missverständnisse bezüglich der vom Autor intendierten Markierung auftreten können (vgl. Berthele 2000: 588 f.): Fast immer handelt es sich bei mindestens einer der beiden Sprachen (vorwiegend ist es die Ausgangssprache) nicht um die Muttersprache des Übersetzers, weshalb dessen Kenntnisse bezüglich des jeweiligen Varietätenraumes meist beschränkter sind als bei Muttersprachlern, wodurch es zu einer Fehlinterpretation von Varietätenkonnotatoren und folglich auch zur Fehlübersetzung von AS-Varietäten bzw. der mit ihnen verbundenen Assoziationen kommen kann (vgl. auch Ayad 1980: 26 f.). Aber auch im Falle einer korrekten Interpretation der Markierungen obliegt die Wahl einer äquivalenten ZS-Varietät den subjektiven Meinungen und Kenntnissen des Übersetzers. Ergeben sich bei der Übersetzung einer AS-Varietät Invariantenkonkurrenzen, muss der Übersetzer entscheiden, welche Elemente er in der Übersetzung erhalten möchte und bei welchen Elementen er folglich eine Varianz der Übersetzung zulässt. In anderen Worten: Er muss eine „ Hierarchie der in der Übersetzung zu erhaltenden Werte aufstellen, aufgrund deren er eine Hierarchie der Äquivalenzforderungen bezüglich des betreffenden Textes bzw. des betreffenden Textsegmentes ableiten kann“ (Koller 2004: 266). Diese Hierarchien können von Übersetzer zu Übersetzer durchaus deutlich differieren.

Verschriftungsformen von Mündlichkeitsmerkmalen, die keine Varietät konnotieren und als Schriftform nicht stilistisch negativ besetzt sind, stellen bei der Übersetzung allgemein keine großen Probleme dar, da es sich nicht um Phänomene handelt, die einzelsprachlich oder kulturellgebunden sind. Hierzu zählen vor allem, neben phonetischen Merkmalen wie z.B. individuellen Sprachfehlern, vor allem prosodische Merkmale.

Suprasegmentalia verfügen über keine eigene Bedeutung, sondern tragen lediglich zur Gestaltung sprachlicher Äußerungen bei (siehe auch Kap. 3.2.). Sie sind an sich zwar nicht sprachspezifisch – Betonung/Akzent, Intonation, Pausen, variable Laut­stärke und Sprechgeschwindigkeit finden sich in jeder Sprache – einige Supra­segmentalia sind jedoch nicht nur Phänomen des Sprachgebrauchs, sondern als Teil des Sprachsystems normiert, wie z.B. im Schwedischen und Norwegischen der Wortakzent und der musikalische Akzent. Auf diese Phänomene wird in literarischer Mündlichkeit jedoch kaum Bezug genommen.

Die Übersetzung typographisch verschrifteter prosodischer Mündlichkeitsmerkmale gestaltet sich in der Regel unproblematisch, da sich die Formen des Gebrauchs typo­graphischer Gestaltungsmittel in Ausgangs- und Zielsprache meist nicht unter­scheiden und nicht oder nur geringfügig normiert sind. Die Übersetzung von Inter­punktionszeichen als Verschriftungsform prosodischer Mündlichkeitsmerkmale er­fordert eine stärkere Berücksichtigung der AS- und ZS-Normen: Gebrauch und Funktion von Interpunktionszeichen sind in den meisten Sprachgemeinschaften sehr streng normiert und die diesbezüglichen Normen der Ausgangssprache können von denen der Zielsprache durchaus deutlich abweichen, sodass die durch Interpunktion verschriftete prosodische Gliederung möglicherweise aus Gründen, welche durch die Unterschiede von AS- und ZS-Sprachsystem bedingt sind, nicht äquivalent übersetzt werden kann.

Werden Suprasegmentalia mittels Verba dicendi oder Erzählerkommentaren, also mit segmental-sprachlichen Mitteln außerhalb literarisch mündlicher Äußerungen als Teil des Erzählertextes verschriftlicht, verlagert sich die Problematik ihrer Übersetzung vor allem auf die denotative Ebene: Es müssen ZS-Ausdrücke gefunden werden, welche über den gleichen Inhalt verfügen wie die AS-Ausdrücke, also auf die gleichen prosodischen Merkmale referieren.

Als mögliche Formen der Übersetzung von Mündlichkeitsmerkmalen, besonders solcher, die Varietäten konnotieren, nennt Freunek (2007: 92 f., 125 f.) neben der bereits erläuterten Nivellierung,die Verfahren Innovation/Verfremdung und Einbürgerung. Nivellierung stellt hierbei das frequenteste Verfahren dar, innovativ-verfremdende Verfahren werden weitaus weniger genutzt. Bei letzteren handelt es sich um die Übersetzung der AS-Merkmale durch fiktive ZS-Merkmale, also Innovationen des Übersetzers (bspw. die Schaffung einer fiktiven Varietät als Äquivalent zu einer AS-Varietät, die in der Zielsprache keine Entsprechung hat). Einbürgerung bezeichnet schließlich die Übersetzung kultur­- und sprachspezifischer AS-Merkmale durch kultur- und sprachspezifische ZS-Merkmale, z.B. die Übersetzung eines AS-Dialekts durch einen ZS-Dialekt.

4. Phonetische und prosodische Mündlichkeitsmerkmale in Harry Potter and the Deathly Hallows und deren Übersetzung ins Schwedische und Norwegische

In den folgenden Kapiteln sollen am Beispiel des Romans Harry Potter and the Deathly Hallows Formen der Verschriftlichung phonetischer und prosodischer Mündlichkeits­merkmale in der Literatur dargestellt werden.

Bei Harry Potter and the Deathly Hallows handelt es sich um den siebten und letzten Bandes aus Joanne K. Rowlings Harry Potter -Reihe, in welchem sich das Protagonistentrio aus Harry Potter, Ron Weasley und Hermione Granger aufmacht, den dunklen Zauberer Lord Voldemort, der mit seiner Gefolgschaft, den Todessern, die Macht in der magischen Welt übernommen hat, zu vernichten.

Für die Untersuchung auf phonetische und prosodische Mündlichkeitsmerkmale in den folgenden Kapiteln werden neben dem Original­text auch die Übersetzungen ins Schwedische (Harry Potter och dödsrelikerna) und Norwegische (Harry Potter og dødstalismanene) herangezogen und sowohl die Formen der Verschriftung von Mündlichkeit in allen drei Versionen sowie spezifischen Übersetzungsstrategien von Mündlichkeits­merkmalen und den durch sie konnotierten Varietäten in den beiden Übersetzungssprachen analysiert. Ein Verzeichnis der in den einzelnen Texten festgestellten Merkmale findet sich im Anhang. Da das gesamte Korpus zu umfangreich ist, um es an diese Arbeit anzufügen – es umfasst insgesamt etwa 1500 Seiten – handelt es sich hierbei lediglich eine Übersicht über alle bei der Untersuchung des Korpus festgestellten Merkmalsformen samt ausgewählter Beispiele zu jedem Merkmal. Die Rede von Sprechern permanenter Varietäten, wie Dialekte oder durch Interferenzen gekennzeichnete Übergangsvarietäten von Nicht-Muttersprachlern wurde jeweils vollständig in den Anhang aufgenommen.

Die allgemeinen Gliederung der phonetischer und prosodischer Mündlichkeits­merkmale in diesem Kapitel wurde aus Schwitalla (2006) ent­nommen, der spezifischen Gliederung der phonetischen Merkmale auf der Ebene von Standardsprache und stilistischen Varietäten wurde die von Preston (1982) verwendete Einteilung zu­grunde gelegt.

4.1. Phonetische Ebene

Die folgenden Untersuchungen gelten der Verschriftung phonetischer Mündlichkeitsmerkmale im Originaltext und den Übersetzungen. Als phonetische Merkmale gelten hierbei Merkmale, deren schriftliche Form durch auf die lautliche Realisierung verweisende Abweichungen von der Normorthographie gekennzeichnet ist. Formen, die zwar Lautlichkeit konnotieren, die jedoch als lautnahe Schreibungen zur Norm­orthographie gehören (z.B. Interjektionen), werden hingegen zu lexikalischen Mündlichkeitsmerkmalen gerechnet und nicht berücksichtigt.

Zur Einordnung normorthographischer und standardorthographischer Schreibungen habe ich mich an den jeweils offiziellen bzw. inoffiziellen orthographischen Kodizes der jeweiligen Sprachen orientiert: Für Englische an OED (2011), für das Norwegische an BO (2010) und für das Schwedische an SAOB (1997) und SAOL (2006).

Im Falle des Norwegischen muss außerdem beachtet werden, dass in der norwegischen Sprachgemeinschaft zwei Schriftstandards, Bokmål und Nynorsk,[10] vorhanden sind, in denen jeweils eine Vielzahl regionaler Variantenschreibungen kodifiziert ist, sodass die Verschriftung regionaler Varietäten weitestenteils auch mit kodifizierten Sprachmitteln möglich ist.

Der Schwerpunkt dieser Untersuchung liegt nicht auf dem direkten Vergleich einzelner Textpassagen in Harry Potter and the Deathly Hallows und den beiden Übersetzungen. Vielmehr sollen anhand der Betrachtung einzelner Verschriftungs­formen die grundlegenden Strategien zur Verschriftung von Mündlichkeit mittels phonetischer Markierungen in allen drei Versionen ermittelt und miteinander verglichen werden.

4.1.1. Standard­­- und diatopisch neutrale Umgangssprache

Während im Englischen die Received Pronunciation (RP) und im Schwedischen das sogenannte rikssvenska die Rolle der gesprochensprachlichen Standardvarietät einnehmen, verfügt das Norwegische über keine Standardlautung. Bei literarischer Mündlichkeit stellt dies insofern ein Problem dar, als daher mit dialektal unmarkierten Äußerungen keine spezifische Varietät – nämlich, wie im Englischen und Schwedischen, die Standardvarietät – verknüpft wird. Somit stellt sich zunächst die Frage, von welcher unmarkierten Varietät dialektal markierte Äußerungen in der norwegischen Übersetzung überhaupt abgegrenzt werden.

Phonetische Mündlichkeitsmerkmale bezeichnen auf der stilistischen Ebene haupt­sächlich Reduktionsformen, die bei oraler Sprachproduktion auftreten. Folgende Phänomene finden sich hierbei am häufigsten: Schwächung unbetonter Laute bis hin zur Elision, Assimilation von artikulatorisch aufwändigen Lautverbindungen und Klitisierung unbetonter Wörter, häufig in Ver­bindung mit Lautschwächungen oder -elisionen. In einem bestimmten Maße treten diese artikulatorisch vereinfachenden Reduktionsformen auf allen stilistischen Ebenen auf, sofern nicht eine schriftnahe Leseaussprache verwendet wird. Starke phonetische Reduktionen und eine sehr hohe Frequenz von Reduktionsformen werden jedoch als nachlässige Sprechweise aufgefasst und hauptsächlich in informellen Situationen verwendet. Hier kann von einem stilistischen Substandard gesprochen werden. Die Schriftsprache ist hingegen stärker und restriktiver normiert als die gesprochene Sprache. Gleichzeitig verfügt die schriftsprachliche Norm über sehr hohes Prestige, sodass Norm­abweichungen grundsätzlich stigmatisiert werden. Hieraus folgt, dass die lautnahe, nicht-normorthographische Verschriftung phonetischer Mündlichkeitsmerkmale, selbst wenn diese im phonischen Code stilistisch neutral sind, immer mit einer stilistischen Abwertung gegenüber normorthographischer Schriftformen verbunden ist.

Funktionswörter sind aufgrund ihrer Kürze und ihres hochfrequenten Auftretens vor allem in unbetonten Positionen be­sonders anfällig für gesprochensprachliche Reduktion. So steht auch der überwiegende Teil der standardsprachlich bzw. stilistisch konnotierten phonetischen Mündlichkeits­merkmale in Harry Potter and the Deathly Hallows in Zusammenhang mit der lautnahen Verschriftung von Schwachtonformen: In Akzent­sprachen, zu denen auch das Englische, Schwedische und Norwegische ge­hören, verändert sich in der Regel die lautliche Qualität eines Wortes, wenn es in unbetonter Position auftritt. Die unbetonte Form (auch: Schwachtonform, engl. weak form) ist im Vergleich zur regulären Starktonformen durch reduzierte Länge der Laute, Abschwächung der Vokale hin zu /ǝ, ɪ, ʊ/ und Elision von Vokalen und Kon­sonanten gekennzeichnet (vgl. Gimson 2008: 266). Je schwächer das jeweilige Wort betont ist, desto stärker ist die entsprechende Schwachtonform reduziert. Besonders Funktionswörter treten häufig in unbetonter Stellung auf und verfügen daher meist über regularisierte Schwachtonformen. Im Englischen ist dies sehr stark ausgeprägt: Alle Funktions­wörter verfügen hier über eine oder mehrere reguläre Schwachton­formen,[11] deren Gebrauch nicht stilistisch konnotiert, sondern auf allen Registerebenen üblich ist.

[...]


[1] Koch/Oesterreicher (1994: 587) unterscheiden zwischen Verschriftung als medialem und Verschriftlichung als konzeptionellem Übergang von der Mündlichkeit zur Schriftlichkeit. In dieser Arbeit werden beide Begriffe, analog zu Freunek (2007), synonym für den medialen Übergang verwendet.

[2] Im Folgenden K./O.

[3] Vor allem Dialekte und Soziolekte existieren beispielsweise hauptsächlich im mündlichen Medium/phonischen Code und verfügen nur in den seltensten Fällen über eine eigene Schriftsprache.

[4] Eine Sonderstellung nimmt hier das Norwegische ein, das über zwei Schriftstandards, jedoch keine Standardlautung verfügt. Der Bokmål-Schriftstandard entwickelte sich aus der dänischen Schriftsprache, während es sich bei Nynorsk um eine „Synthesesprache aus Dialekten“ (Braunmüller 2007: 193) handelt.

[5] Möglich wäre auch ein Modell, das zwischen je einer realen und einer fiktionalen Ebene von Produktion und Rezeption literarischer Mündlichkeit unterscheidet.

[6] Gemeint sind hier nicht die GPKen in einem einzelnen Wort, sondern die Gesamtheit der GPKen und PGKen im jeweiligen Sprachsystem. Bei Sprachen mit flachen Schriftsystemen (also insgesamt wenige GPKen/PGKen und einen hohen Anteil an 1:1-Entsprechungen), wie etwa das Norwegische im Bezug auf die südostnorwegische Regionalsprache, gestaltet sich die lautnahe Verschriftung und deren Interpretation relativ unkompliziert, wohingegen sich selbiges bei Sprachen mit tiefen Schriftsystemen, z.B dem Englischen, schwieriger darstellt, da es viele Möglichkeiten einerseits zur lautnahen Verschriftung durch den Autor und andererseits zur phonetischen Interpretation der lautnahen Verschriftung durch den Leser gibt.

[7] Solche Schreibungen erschließen sich dem Leser vermutlich nicht eindeutig und müssten erläutert werden.

[8] Eine vollständige Digitalisierung von Suprasegmentalia ist jedoch selbst mit einer linguistischen Transkription nicht zu leisten, prosodische Merkmale können im graphischen Code immer nur andeutungsweise verschriftet werden (Blank 1991: 25).

[9] Koller (2004: 164) verwendet hier den Begriff des „kommunikativen Zusammenhang[s]”.

[10] Für die norwegische Übersetzung von Harry Potter and the Deathly Hallows wurde eine Form des Bokmål verwendet, welche relativ neutral etwa in der Mitte zwischen radikalem, also an das Nynorsk angenäherten, und moderatem, also konservativem, Riksmål-nahem Bokmål liegt. Es wird z.B. das Drei-Genus-System verwendet, welches auf die radikale Bokmål-Variante verweist, andererseits finden sich auch moderat geprägte Formen wie etwa die Endung -et im Präteritum und Perfekt von Verben der 1. schwachen Klasse.

[11] Eine Auflistung der Funktionswörter mit Schwachtonformen findet sich bei Gimson (2008: 266–268).

Ende der Leseprobe aus 107 Seiten

Details

Titel
Die Verschriftlichung phonetischer und prosodischer Mündlichkeitsmerkmale in "Harry Potter and the Deathly Hallows" und ihre Übersetzung ins Schwedische und Norwegische
Hochschule
Ernst-Moritz-Arndt-Universität Greifswald
Note
1,0
Autor
Jahr
2011
Seiten
107
Katalognummer
V269981
ISBN (eBook)
9783656607601
ISBN (Buch)
9783656607595
Dateigröße
897 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Teilbereich Skandinavistische Sprachwissenschaft
Schlagworte
verschriftlichung, mündlichkeitsmerkmale, harry, potter, deathly, hallows, übersetzung, schwedische, norwegisch, dänisch, schriftsprache, nähe-distanz-modell
Arbeit zitieren
Lou Hilsbecher (Autor), 2011, Die Verschriftlichung phonetischer und prosodischer Mündlichkeitsmerkmale in "Harry Potter and the Deathly Hallows" und ihre Übersetzung ins Schwedische und Norwegische, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/269981

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