Zwischen 1195 und 1205 entstand im deutschsprachigen Raum der >Parzival< durch Wolfram von Eschenbach. Im Großteil des etwa 25.000 Verse umfassenden Werks, aufgeteilt in sechzehn Bücher, wird vom Leben des Parzival und seinem doch beschwerlichen Weg zunächst zum Ritter und dann zum Gralskönig berichtet.
Parzival ist ein Held, der Gegensätze in sich trägt. Zum einen ist er wunderschön aber zum anderen fehlt es ihm an Weisheit und tumpheit bestimmt lange sein Verhalten. Im dritten Buch des >Parzival< wird nun das Leben als Kind und das Aufwachsen Parzivals in der Einöde Soltane beschrieben und schließlich der Weg zu Artus an den Hof.
Dieser Weg soll hier untersucht werden, denn Parzival wächst nach dem Willen der Mutter ohne die ihm zustehende adlige Erziehung auf. Nur diese würde es ihm erlauben, sich in der Welt außerhalb von Soltane standesgemäß zu verhalten. Auch fehlt ihm jede Kenntnis seiner verwandtschaftlichen Zugehörigkeit sowohl zur Gralsfamilie als auch zur Familie Mazadans und daher, über Utependragon, auch zu Artus. Welche Hindernisse muss er, um Ritter zu werden, überwinden und wie wird die Figur Parzival in diesem dritten Buch dargestellt? Hierbei sollen sowohl indirekte als auch direkte Zuschreibungen und Perspektiven beleuchtet werden. Die Frage, die hier in Ansätzen erörtert werden soll, ist also:
Inwiefern ist der Weg Parzivals zum Artushof eine Entwicklung für Parzival hin zum Ritter und wie wird Parzival im dritten Buch charakterisiert?
Zentral sollen hier die Begegnungen Parzivals im dritten Buch untersucht werden, aber auch die kurze Beschreibung von Parzival Jugend in Soltane und die Voreinführung der Figur in den Büchern eins und zwei. Obwohl Parzival noch nicht geboren ist, wird er erwähnt und schon vorcharakterisiert. Diese Ungewöhnlichkeit des Erzählens spiegelt auch die Ungewöhnlichkeit der Figur wieder und soll daher auch behandelt werden.
Inhaltsverzeichnis
I. Ein mære wil i'u niuwen
II. Erste Vorstellung des Helden in Buch 1 und 2
III. Die Jugend in Soltane
IV. Begegnungen im 3. Buch
i. Begegnung mit den Rittern
ii. Begegnung mit Jeschute
iii. Begegnung mit Sigune
iv. Die Ankunft am Artushof und Begegnung und Tötung Ithers
v. Die Begegnung mit Gurnemanz
V. Forschungsliteratur
VI. Exkurs: Elsternfarbige Menschen
VII. Fazit
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit untersucht die Entwicklung der Romanfigur Parzival im dritten Buch von Wolframs von Eschenbach "Parzival". Dabei wird analysiert, wie Parzival durch verschiedene Begegnungen und trotz einer fehlenden ritterlichen Erziehung erste Schritte auf seinem Weg zum Artushof und zum Rittertum macht.
- Die kindliche Prägung durch die Mutter Herzeloyde in Soltane.
- Die Diskrepanz zwischen Parzivals natürlichem Wesen und ritterlichen Normen.
- Die Bedeutung der Begegnungen mit Rittern, Jeschute, Sigune, Ither und Gurnemanz.
- Die Rolle von Kleidung und äußerem Erscheinungsbild als Ausdruck innerer Entwicklung.
Auszug aus dem Buch
i. Begegnung mit den Rittern
Parzival ist im Wald und jagt Hirsche. Kurz bevor er auf die Ritter trifft, hört er schon den Hufschlag der Pferde. Da das einzige mit Huf, das er kennt, der Teufel ist, wartet er auf ihn, um gegen ihn zu kämpfen: alsus stuont er in strites ger (120, 3). Diese Kampfbereitschaft ist eine weitere Eigenschaft, die Parzival auszeichnet und sein väterliches Erbe ist. Im Folgenden erblick Parzival die drei Ritter in ihren glänzenden Rüstungen und denkt, daz ieslicher wære ein got (120, 28). Hier wird deutlich, dass Parzival in dem kindlichen Zustand, in dem er sich geistig noch befindet, nicht in der Lage ist, mit neuen Begebenheiten umzugehen, das es sich nicht um Götter handelt. Dies aber nur Konsequenz aus der sehr abstrakten idiomatischen Gotteserklärung durch Herzeloyde. Sie erkennt nicht, dass ihr Sohn alles wörtlich umsetzt, was ihm gesagt wird. Diese Naivität wird hier direkt deutlich gemacht, im Folgenden aber noch genauer durch Figuren sowie Erzähler artikuliert: >dirre tærsche Wôleise/ unsich wendet gâher reise.< (121, 5f) Die direkte Bezeichnung von Parzivals törichter Verhaltensweise ist somit eine erste Fremdcharakterisierung Parzivals durch einen der drei Ritter. Hierzu ist zu sagen, dass Parzival noch nicht weiß, wie er sich situationsadäquat verhalten kann. Nebst Unkenntnis des eigenen Namens, kommt hier ganz deutlich die negativen Konsequenzen zum Anschein, die durch Herzeloydes Nicht- Erziehung entstanden. Diese Konsequenz wird dadurch bestärkt, dass Parzival niemanden aus seiner Familie kennt und daher nicht zum Vorbild für standesgemäße Verhaltensweisen haben kann. Im Gegensatz zu mancher anderer Bewertung Parzivals – zum Beispiel der von Sigune – fällt den Rittern nicht Parzivals Schönheit auf, sondern sein törichtes Verhalten. Auch nimmt der Erzähler diese Einschätzung des Ritters zum Anlass, diesen noch zu bekräftigen:
ein pris den wir beiern tragn, muot ich von Wâleisen sagn: die sint tærscher denne beiersch her, unt doch bî manlicher wer. (121, 7-10)
Zusammenfassung der Kapitel
I. Ein mære wil i'u niuwen: Einführung in die Fragestellung zur Entwicklung Parzivals und zur Bedeutung seiner Jugend und Erziehung.
II. Erste Vorstellung des Helden in Buch 1 und 2: Analyse der Vorab-Charakterisierung des Helden durch den Erzähler vor seinem eigentlichen Auftreten.
III. Die Jugend in Soltane: Untersuchung der isolierten Kindheit in der Einöde unter dem Einfluss der Mutter Herzeloyde.
IV. Begegnungen im 3. Buch: Detaillierte Analyse der zentralen sozialen Interaktionen, die Parzivals Weg zum Artushof prägen.
i. Begegnung mit den Rittern: Die erste Konfrontation mit der ritterlichen Welt und das Missverständnis der Götter-Eigenschaft.
ii. Begegnung mit Jeschute: Das kindlich-naive Verständnis von Lehren der Mutter im direkten Kontakt mit der ritterlichen Gesellschaft.
iii. Begegnung mit Sigune: Die Konfrontation mit menschlicher Trauer und die schrittweise Identitätsfindung durch die Namensnennung.
iv. Die Ankunft am Artushof und Begegnung und Tötung Ithers: Der Eintritt in den Artushof und die problematische Tötung des Ritters Ither.
v. Die Begegnung mit Gurnemanz: Die Einleitung in die ritterliche Lebensführung und Ethik durch Gurnemanz.
V. Forschungsliteratur: Diskussion verschiedener wissenschaftlicher Positionen zum Parzival-Stoff und der Rolle der Erziehung.
VI. Exkurs: Elsternfarbige Menschen: Reflexion über die Symbolik der Farbbeschreibung Parzivals und deren Bedeutung für seinen Charakter.
VII. Fazit: Zusammenfassende Beantwortung der Leitfrage hinsichtlich der Entwicklung und Charakterisierung des Helden im dritten Buch.
Schlüsselwörter
Parzival, Wolfram von Eschenbach, Artushof, Rittertum, Erziehung, Herzeloyde, Gurnemanz, Jugend, Soltane, Identität, tumpeit, ritterliche Tugenden, Erzähler, Literaturanalyse, Mittelalter.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit grundlegend?
Die Arbeit analysiert die Entwicklung der Romanfigur Parzival im dritten Buch von Wolframs von Eschenbach Epos, insbesondere seinen Weg aus der Isolation in Soltane hin zum Artushof.
Was sind die zentralen Themenfelder der Untersuchung?
Im Fokus stehen die kindliche Prägung durch die Mutter, der Kontrast zwischen natürlichem Wesen und gesellschaftlichen Normen sowie die ritterliche Ausbildung durch Begegnungen.
Was ist das primäre Forschungsziel?
Es soll geklärt werden, wie Parzival charakterisiert ist und welche Schritte er unternimmt, um vom naiven Waldkind zum Ritter zu werden.
Welche wissenschaftliche Methode wird angewandt?
Die Arbeit nutzt textnahe Interpretation und Diskursanalyse der Primärquelle sowie den Einbezug der existierenden Forschungsliteratur.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in eine Analyse der Vorgeschichte und eine detaillierte Untersuchung der fünf zentralen Begegnungen im dritten Buch (Ritter, Jeschute, Sigune, Ither, Gurnemanz).
Welche Schlagworte charakterisieren diese Arbeit?
Zentral sind Begriffe wie Parzival, Rittertum, Erziehung, Identitätsfindung und das Konzept der "tumpeit" (Torheit/Kindlichkeit).
Warum ist die "tumpeit" für Parzival so entscheidend?
Die tumpeit beschreibt seinen Mangel an Wissen über die höfische Welt, was einerseits für Komik sorgt, aber gleichzeitig die notwendige Grundlage für seine Lernprozesse bildet.
Welche Rolle spielt Herzeloyde für Parzivals Scheitern oder Erfolg?
Sie versucht ihn durch Abschirmung vor der Welt zu bewahren, was jedoch dazu führt, dass Parzival die gesellschaftlichen Regeln nicht erlernt und mit der Welt außerhalb Soltanes kollidiert.
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- Bachelor of Arts Alexa Hof (Author), 2009, Parzival im dritten Buch, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/270142