Parzival im dritten Buch


Hausarbeit, 2009

26 Seiten, Note: 3,0


Leseprobe

Inhalt

I. Ein mære wil i'u niuwen

II. Erste Vorstellung des Helden in Buch 1 und 2

III. Die Jugend in Soltane

IV. Begegnungen im 3. Buch
i. Begegnung mit den Rittern
ii. Begegnung mit Jeschute
iii. Begegnung mit Sigune
iv. Die Ankunft am Artushof und Begegnung und Tötung Ithers
v. Die Begegnung mit Gurnemanz

V. Forschungsliteratur

VI. Exkurs: Elsternfarbige Menschen

VII. Fazit

VIII. Anhang
i. Literaturverzeichnis

I. Ein mære wit i'u niuwen

Zwischen 1195 und 1205 entstand im deutschsprachigen Raum der >Parzival< durch Wolfram von Eschenbach. Als Vorlage diente ihm dafür der französischen Roman Le Roman de Perceval ou Le Conte du Graal von Chrétien de Troyes von ca. 1180. Im Großteil des etwa 25.000 Verse umfassenden Werks, aufgeteilt in sechzehn Bücher, wird vom Leben des Parzival und seinem doch beschwerlichen Weg zunächst zum Ritter und dann zum Gralskönig berichtet.

Parzival ist ein Held, der Gegensätze in sich trägt. Zum einen ist er wunderschön aber zum anderen fehlt es ihm an Weisheit und tumpheit bestimmt lange sein Verhalten. Im dritten Buch des >Parzival< wird nun das Leben als Kind und das Aufwachsen Parzivals in der Einöde Soltane beschrieben und schließlich der Weg zu Artus an den Hof.

Dieser Weg soll hier untersucht werden, denn Parzival wächst nach dem Willen der Mutter ohne die ihm zustehende adlige Erziehung auf. Nur diese würde es ihm erlauben, sich in der Welt außerhalb von Soltane standesgemäß zu verhalten. Auch fehlt ihm jede Kenntnis seiner verwandtschaftlichen Zugehörigkeit sowohl zur Gralsfamilie als auch zur Familie Mazadans und daher, über Utependragon, auch zu Artus. Von Beginn an will Herzeloyde alles tun, um zu verhindern, dass ihr Sohn seinen Weg zum Rittertum, der ihm schon in die Wiege gelegt wird, gehen kann. Dennoch gelingt es Parzival, ein Ritter zu werden. Welche Hindernisse muss er dafür überwinden und wie wird die Figur Parzival in diesem dritten Buch dargestellt? Hierbei sollen sowohl indirekte als auch direkte Zuschreibungen und Perspektiven beleuchtet werden. Die Frage, die hier in Ansätzen erörtert werden soll, ist also: Inwiefern ist der Weg Parzivals zum Artushof eine Entwicklung für Parzival hin zum Ritter und wie wird Parzival im dritten Buch charakterisiert?

Zentral sollen hier die Begegnungen Parzivals im dritten Buch untersucht werden, aber auch die kurze Beschreibung von Parzival Jugend in Soltane und die Voreinführung der Figur in den Büchern eins und zwei. Obwohl Parzival noch nicht geboren ist, wird er erwähnt und schon vorcharakterisiert. Diese Ungewöhnlichkeit des Erzählens spiegelt auch die Ungewöhnlichkeit der Figur wieder und soll daher auch behandelt werden.

Im Anschluss an diesen interpretatorischen Teil sollen dann einige Werke aus der Forschung diskutiert werden. Ausgewählt habe ich sie, da sie teils auf entgegengesetzte Weise die Figur des Parzivals darstellen und sein Verhalten interpretieren. Grundlegender Unterschied dabei ist die Antwort der Forscher auf die Frage, ob und wie sich Parzival entwickelt. Joachim Bumke z.B. weist eine Entwicklung Parzivals zurück, allerdings stimmen da keineswegs alle -auch ich- nicht zu. Belege für eine Entwicklung wird die eigene Interpretation sowie die Forschungsliteratur aufzeigen.

Parzival ist ein oft interpretierter Held, dessen Konstruktion nahezu einmalig ist. Er ist kein Gawan, der schon als hoch gelobter Ritter vom Artushof auszieht, um auf aventiure zu gehen. Diesen Status muss Parzival aus eigener Kraft und durch die Hilfe anderer erst erreichen. Seine tumpheit und kindliche Natur stellen sich ihm dabei oft in den Weg, dennoch wird er Gralskönig werden.

Somit ist Spannung, innerhalb der Figur selbst wie auch im Roman an sich, garantiert. Nun soll Parzival, sein Auftreten und seine Bewertungen durch andere Figuren im dritten Buch untersucht werden.

II. Erste Vorstellung des Helden in Buch 1 und 2

ln jedem Roman gibt es eine oder mehrere Hauptfiguren. Diese werden mithin schon auf den ersten Seiten für den Leser oder Rezipienten durch Beschreibungen des Erzählers oder der Figur selbst greifbar. Nicht so im >Parzival< Wolframs von Eschenbach. Hier tritt die Hauptfigur erst im dritten von 16 Büchern auf. Allerdings weiß der Autor über den Erzähler diesen Mangel an Hauptfigurenpräsenz geschickt auszugleichen. ln zwei kleinen Abschnitten im ersten und zweiten Buch verweist der Erzähler auf die noch ungeborene Hauptfigur, ohne jedoch Namen zu nennen.

sin herze in dar nie betrouc, er stahei, swa er ze strite quam, sin hantdä sigeiichen nam vii manegen iobeiichen pris, er küene, træciiche wis (den heit ich aisus grüeze), er wibes ougen süeze, unt dá bi wibes herzen suht, vor missewende ein wáriufiuht. den ich hie zuo hán erkorn, er ist mærshaip noch ungeborn. (4,13-24)

ln diesen elf Versen wird der Held in seinen entscheidenden Zügen zusammengefasst. Wolfram schafft es, hier schon eine Erwartungshaltung an den Text und den Helden aufzubauen, obwohl dieser noch nicht geboren ist. Schon hier wird nämlich deutlich, dass es sich nicht um einen Idealritter handelt, der präsentiert werden soll. Er ist jemand, der zwar küene ist und wibes ougen süeze aber auch træciiche wis. Schon hier wird der den Roman bestimmende Konflikt Parzivals ausgestellt. De Erzähler beschreibt auf einen Helden, der nicht den bekannten Mustern entspricht, der nicht der rein positive, nachdenkende Held ist. Doch auch eins wird für mich dadurch deutlich: der Schwerpunkt der Beschreibung liegt auf inneren Bestimmungen des Helden, auf Parzivals Herz und dessen Empfindungen. Dies wird deutlich, übersetzt man sin herze in dar nie betrouc mit ,Sein Herz betrog ihn dabei nie'. Hinzu kommt, dass durch den Ausdruck træciiche wis schon hier durch den Erzähler auf eine -langsame - Entwicklung des Helden hingewiesen wird. Auch die äußerliche Bestimmung der Schönheit liegt im Schwerpunkt der Beschreibung, um von Anfang an den Kontrast der Figur für den Rezipienten ersichtlich zu machen.

Zwar ist Parzival schön, aber diese Schönheit hat auch negative Konsequenzen. er wibes ougen süeze,/ unt dá bi wibes herzen suht bezieht sich auf mehrere Begebenheiten. Zum einen auf Cunneware, die aufgrund von Parzivals Schönheit lächelt und danach von Keye geschlagen wird. Hinzu kommt, dass Jeschute über ein Jahr lang durch ihren Mann leiden muss, da dieser glaubt, sie hätte in Parzival einen Nebenbuhler. Als dritten Punkt lässt sich noch die Verfluchung durch Cundrie anführen, die als einzige erkennt, dass Parzival zwar von außen schön, von innen aber unvollkommen und ihrer Ansicht nach hässlich ist. Nur ein schönes Herz hätte Anfortas auf der Gralsburg beim ersten Mal befreien können, so sinngemäß Cundrie.

Das zweite Mal, dass der Erzähler auf die noch ungeborene Hauptfigur aufmerksam macht, ist gegen Ende des zweiten Buches. Dort heißt es:

wan si truoc in ir iibe der aiier ritter bioume wirt, ob in sterben hie verbirt. (109,10-12)

So kurz diese Passage auch ist, baut sie doch immens, fast übertrieben Spannung, auf. Herzeloyde ist aufgrund der Nachricht vom Tode Gahmurets ohnmächtig zu Boden gefallen, doch der Erzähler spricht von einem Kampf mit dem Tod. Der Konstruktionscharakter wird hier offensichtlich. Allerdings erreicht diese Erinnerung an den Haupthelden, dass die Rezipienten sich zum einen an diesen Erinnern und es wird gezeigt, dass das was bis jetzt geschehen ist, zwar dramatisch und erzählenswert war, dies aber durch die folgenden Erzählungen über Parzival selbst noch gesteigert werden kann und wird. Es stellt sich - wie fast immer bei solchen Stellen in mittelhochdeutscher Literatur- für mich die Frage, wie ernst man diese nehmen kann. Als wörtlich kann man sie wohl nicht hinnehmen. Eine Frau stirbt höchst selten an einer einfachen Ohnmacht. Aber als Stilmittel zur Vorausdeutung auf folgende Erzählungen oder Erzählabschnitte, die eine weitere Steigerung der Ereignisse und Spannung verspricht, macht eine solche Stelle sehr wohl Sinn. Vor allem, wenn man davon ausgeht, dass die Rezipienten solche Mittel gewohnt waren.

Noch etwas verrät diese Stelle: Parzival istjetzt schon prädestiniert als allerritter bloume. Damit wird klar, dass Parzival vom Schicksal und durch seine Geburt zum Ritter werden wird. Es wird sich auch zeigen, dass, egal was seine Mutter versucht, sie die Ereignisse eigentlich erst ins Rollen bringt, die dazu führen, dass Parzival ein Ritter wird.

Warum nun führt der Erzähler in den ersten beiden Büchern Parzival immer wieder an? Zum einen, um ihn im Gedächtnis des Publikums zu bewahren, immerhin heißt der Roman >Parzival< und nicht etwa >Gahmuret<, und zum anderen, um immer wieder neu Spannung aufzubauen und das Interesse auf Seiten der Rezipienten zu erhalten. Ein weiterer Aspekt dieser Vor- Einführung der Hauptfigur ist eine Voreinschätzung. Was für ein Held wird auf die Rezipienten zukommen.

Innerhalb dieser beiden zitierten Stellen, wird der Held in seiner Grundstruktur erklärt, obwohl dies eher im Nachhinein zu erkennen ist.

III. Die Jugend in Soltane

sich zöch die frouwe jämers balt üz ir lande in ein walt, zer waste in Soltane; niht durch bluomen üfdie pláne. (117, 7-10 )

Herzeloyde zieht mit ihrem Kind, ihre drei Länder zurücklassend, in den Wald. Hinter sich lässt sie die Herrschaft über besagte Länder, die permanente Erinnerung an Gahmuret und vor allem den Hof und seine Gesellschaft. Grund für diese Flucht ist Herzeloydes Bemühen, ihren Sohn nicht der Hofgesellschaft zu überlassen, die diesen zum Ritter machen würde. Noch einen Verlust durch einen Ritterkampf könnte Herzeloyde nicht ertragen.

Was dies für das Kind Parzival bedeutet, ist aber für den Verlauf des Romans, das Aufwachsen in einer dem Hof entgegengesetzten Gesellschaft maßgeblicher, als die Motivation der Mutter oder eine Schuldzuweisung.

Parzival wächst - nach dem Willen der Mutter- ohne jedwede höfische oder andere Erziehung auf. Per Befehl wurde der gesamten Dienerschaft verboten, in Gegenwart von Parzival über Ritter zu sprechen. Der Erzähler wertet dies sehr negativ:

der knappe alsus verborgen wart zer waste in Soltane erzogn, an küneclîcherfuore betrogn,. (117, 30 -118, 2)

Parzival ist betrogen um den Lebensstil, der ihm eigentlich zustände. Anstelle dessen wächst er frei und ungebunden in der Natur auf, ohne Sorgen und ohne, dass der tiefe Kontrast in ihm, der ja schon im ersten Buch angedeutet wird, anzumerken ist. Ich denke, dass nur in der idyllischen Naturumgebung Parzival mit sich selbst eins ist. Dies wird in den folgenden Versen deutlich, die sehr an eine Idylle erinnern:

üf dem plán am riviér twuog er sich ale morgen, erne kunde niht gesorgen, ez enwære ob im der vogelsanc. (118,12-15)

Interessant zu bemerken ist, dass das Leben eines adligen Kindes ohne standesgemäße Erziehung durchaus funktionieren kann. Allerdings nur unter strengen Auflagen und führt dazu, dass ein standesadäquates Leben nicht geführt werden kann. In Soltane dringt nichts von der Außenwelt ein und es gibt keine destrukturierenden oder irreführenden Verhaltensweisen und Ereignisse, die Parzival aus diesem Zustand des Gleichgewichts in seinem 'Naturzustand' erschüttern könnten.

Der einzige Punkt, an dem der Hof indirekt Einzug in Soltane hält, besteht im Selbstanfertigen einer Armbrust und den Bolzen durch Parzival. Zum einen zeigt das seine große Geschicklichkeit - eine Eigenschaft, die hier durch den Erzähler indirekt eingeführt wird- und zum anderen ist die Jagd mit der Armbrust für Adlige vorbehalten. Der Erzähler weist dadurch geschickt darauf hin, dass es Parzival nicht bestimmt ist, in Soltane zu bleiben, sondern dass er irgendwann zum Hof 'zurückkehrt'. Ebenfalls indirekt wird hier vermittelt, dass Herzeloydes Plan, die höfische Kultur komplett aus dem Leben ihres Sohnes auszuschließen, schon durch ihn, Parzival selbst, vereitelt wird. Allerdings nimmt Herzeloyde Parzival die Armbrust auch nicht weg, was nur konsequent wäre, denn sie weiß ja, dass die Armbrust indirekt ein Adelszeichen ist. Diese Konstruktion der Inkonsequenz des Handelns von Herzeloyde ist meiner Meinung nach bezeichnend dafür, dass die Erzählung und vor allem deren Hauptfigur zu gerade dem Ziel bestimmt ist, dass Herzeloyde zu verhindern sucht.

Mit dieser Armbrust macht Parzival Jagd auf Vögel. Allerdings führt die Tötung eines Vogels bei Parzival zu starken Gefühlsschwankungen: so weinder unde roufte sich,/ an sîn hár kêrt er gerich. (118, 9f). Es wird eine neuerliche Eigenschaft Parzivals indirekt eingeführt, nämlich die Mitleidsfähigkeit, die Teil seiner art ist.

Der Effekt des natürlichen Vogelgesangs auf Parzival, nämlich das Weinen, als innere Regung des twang in art und sîn gelust (118,28), wird von Herzeloyde falsch interpretiert und sie reagiert übertrieben. Durch die nun einsetzende Jagd auf die Vögel wird erstmals ein Ungleichgewicht in Soltane hergestellt. Dies ist auch das erste Mal, dass sich Parzival zu Wort meldet: >waz wîzet man den vogelîn?< (119, 10). Deutlich wird, dass der junge Parzival schon ein unbewusstes Unrechtsempfinden besitzt, denn offenbar hält er die Jagd auf die Vögel für falsch - immerhin mag er ja ihren Gesang. Diese art Parzivals ist zum Teil Erbe seines Vaters Gahmuret und die gelust wird Parzival von nun an begleiten. Hier wird nun ein Parzival prägendes Merkmal durch den Erzähler eingeführt, wobei nicht nur die gelust zu Parzivals art gehört, wie sich zeigen wird. Als Herzeloyde, ihre Schuld erkennend, gegenüber Parzival Gott erwähnt, wird deutlich, dass Parzival über eine kindliche Wissbegier und Neugier verfügt, die er sich auch noch lange erhält, nachdem er Soltane verlassen hat. Durch die Frage nach Gott betritt erstmals ein Faktor der Außenwelt den geschlossenen Raum von Soltane. Die Erklärung, die Herzeloyde Parzival gibt, ist allerdings sehr vage und unhandlich für das Kind, das Parzival noch ist. Bis jetzt hat Parzival in der Welt, in der er groß wurde, alles gekannt und -wahrscheinlich- auch verstanden. Nun tritt aber ein unbekannter Faktor hinzu, der eine neue Fertigkeit von Parzival fordert und zwar Abstraktionsvermögen. Dass er über dieses nicht verfügt wird vor allem in der Begegnung mit den Rittern deutlich. Schließlich ist die Erweckung der Wissbegier für Parzival von großer Bedeutung, denn hier wird ihm erstmals eine größere Welt gezeigt, die nun nicht mehr aus Soltane zu entfernen ist. Hier beginnt Parzival schon, seinen Weg aus der Einöde zu suchen.

IV. Begegnungen im 3. Buch

Die Begegnungen im dritten Buch des >Parzival< sind deswegen von besonderer Wichtigkeit, da zum einen wichtige Eigenschaften Parzivals eingeführt aber auch die Figur an sich verschieden beurteilt und charakterisiert wird. Diese Mehrstimmigkeit der Charakterisationen soll in diesem Kapitel beleuchtet werden. Auch lassen die Begegnungen erkennen, inwiefern und ob sich Parzival entwickelt im Laufe dieser Begegnungen, und welche Schritte in Richtung Artushof und Ritterschaft Parzival geht.

i. Begegnung mit den Rittern

Parzival ist im Wald und jagt Hirsche. Kurz bevor er auf die Ritter trifft, hört er schon den Hufschlag der Pferde. Da das einzige mit Huf, das er kennt, der Teufel ist, wartet er auf ihn, um gegen ihn zu kämpfen: alsus stuont er in strîtes ger (120, 3). Diese Kampfbereitschaft ist eine weitere Eigenschaft, die Parzival auszeichnet und sein väterliches Erbe ist. Im Folgenden erblick Parzival die drei Ritter in ihren glänzenden Rüstungen und denkt, daz ieslîcher wære ein got (120, 28). Hier wird deutlich, dass Parzival in dem kindlichen Zustand, in dem er sich geistig noch befindet, nicht in der Lage ist, mit neuen Begebenheiten so umzugehen, dass die Schlüsse, die er zieht, wirklich auch schlüssig sind. Dies ist aber nur Konsequenz aus der sehr abstrakten idiomatischen Gotteserklärung durch Herzeloyde. Sie erkennt nicht, dass ihr Sohn alles wörtlich umsetzt, was ihm gesagt wird. Diese Naivität wird hier direkt deutlich gemacht, im Folgenden aber noch genauer durch Figuren sowie Erzähler artikuliert: >dirre tœrsche Wâleise/ unsich wendet gäher reise.< (121, 5f) Die direkte Bezeichnung von Parzivals törichter Verhaltensweise ist somit eine erste Fremdcharakterisation Parzivals durch einen der drei Ritter. Hierzu ist zu sagen, dass Parzival noch nicht weiß, wie er sich situationsadäquat verhalten kann. Nebst Unkenntnis des eigenen Namens, kommt hier ganz deutlich die negativen Konsequenzen zum Anschein, die durch Herzeloydes Nicht- Erziehung entstanden. Diese Konsequenz wird dadurch bestärkt, dass Parzival niemanden aus seiner Familie kennt und daher nicht zum Vorbild für standesgemäße Verhaltensweisen haben kann. Im Gegensatz zu manch anderer Bewertung Parzivals - zum Beispiel der von Sigune - fällt den Rittern nicht Parzivals Schönheit auf, sondern sein törichtes Verhalten. Auch nimmt der Erzähler diese Einschätzung des Ritters zum Anlass, diesen noch zu bekräftigen:

ein prîs den wir beiern tragn, muot ich von Wäleisen sagn: die sint tœrscher denne beiersch her, unt doch bîmanlîcher wer. (121, 7 -10)

Zum einen wird das Werk lokal verortet und zum anderen charakterisiert der Erzähler hier Parzival indirekt über seine Volkszugehörigkeit. Allerdings sind die Eigenschaften der tœrscheit und der manlîcher wer sind bei Parzival sehr viel stärker nahezu extrem ausgeprägt.

Interessant für mich ist die Stellung zu Parzival und dessen tumpheit, die der Erzähler hier in 121, 5­12 einnimmt. Trotz der ersten Bewertung von Parzival durch die Ritter vom Hof, wird Parzival durch den Erzähler gleichsam in Schutz genommen, sodass das negative Bild der Ritter auf Parzival abgeschwächt wird. Parzival ist zwar tœrsch, aber doch bî manlîcher wer (121,10) und dies wird durch den Erzähler direkt als positiver Ausgeich für tœrsch genannt.

Der Auftritt von Karnahkarnanz führt erneut dazu, dass Parzival einen Ritter für Gott hält. Die Einführung von Karnahkarnanz zeigt ihn als vorbildlichen Artusritter in prächtiger Ausrüstung. Diese Ausrüstung wird vom Erzähler detailliert beschrieben, der Fürst ist gezimiert wünneclîche (122, 12). Allerdings verweist der Erzähler, direkt im Anschluss an diese Beschreibung von großer höfischer Schönheit, auf aller manne schœne ein bluomen kranz - Parzival. Diese Bewertung des Erzählers ist sehr interessant, denn obwohl er aufwendig den Dekor von Karnahkarnanz beschreibt und auch indirekt lobt, so stellt er Parzivals von Natur aus gegebene Schönheit, die nicht artifiziell verstärkt wurde - wie bei Karnahkarnanz- doch vor diesen. Dieses Zusammentreffen von höfischer Artifizialität und die Natürlichkeit Parzivals können schon als der grundlegende Kontrast in Parzival selbst betrachtet werde. Im Verlauf seiner Erlebnisse im dritten Buch steht Parzival immer wieder vor dem Problem der scheinbaren Unvereinbarkeit dieser beiden Welten, da ihm essentielles Wissen von einer der beiden fehlt. Die Konstruktion dieses Zusammentreffen von höfischer Gesellschaft und durch Herzeloyde antihöfisch konzipierter Gesellschaft kann somit als prägend für Parzivals inneren Konflikt aufgefasst werden. Immer wieder steht Parzival sich selbst im Weg, da die beiden Welten, die er in sich zu vereinen sucht, eigentlich im direkten Kontrast zu einander stehen und dieser so konstruierte innere Konflikt wird hier schon angezeigt durch das Zusammentreffen von Karnahkarnanz und Parzival.

Parzivals Reden und Handeln stehen jedoch im Kontrast zu seiner äußeren Schönheit. Dies wird daran erkennbar, dass er die Ritter immer noch für Gott hält und sich vor ihnen niederkniet. Der Erzähler weist dieses naive Verhalten aber klar als Fehlverhalten als Konsequenz der Lehre Herzeloydes aus. Diese hatte Parzival Gott ja als den liehten schîn (122, 24) beschrieben. Also ist es für Parzival in völlig logischer Schluss, die Ritter für Gott zu halten. Das Licht, das auf Rüstungen glänzt, verleiht ihnen den liehten schîn, von dem Herzeloyde sprach. Dementsprechend ist vom Erzähler her, Parzivals Verhalten nicht negativ bewertet sondern als Fehlleistung der Mutter. An dieser Stelle wird aber noch eins indirekt deutlich: Parzival hört gar nicht richtig zu, wenn jemand zu ihm spricht. Seiner Mutter hört er zu, aber niemand unbekanntem: der knappe wände, swaz er sprach, /ez wære got,... (122, 21-22). Bei Parzival mangelt es noch eindeutig an der Fähigkeit der Kommunikation. Würde Parzival richtig zuhören, dann hätte er schon erkannt, dass es sich bei Karnahkarnanz um einen Ritter und nicht um Gott handelt. Erst beim zweiten Mal hört Parzival bewusst zu.

der knappe frägte fürbaz, >du nennest ritter: waz ist daz?

hästu niht gotlîcher kraft, so sage mir, wer gît ritterschaft?< (123, 3- 6)

An dieser Stelle ist der Plan Herzeloydes endgültig gescheitert. Parzival hat den zweiten -neben Gott- für ihn lebensbestimmenden Begriff gehört und direkt als für ihn ausgezeichneten Weg angenommen. Er will direkt wissen - erneutes Zeichen seiner Wissbegier- wer Ritter macht. Diese beiden Begriffe, Ritter und Gott, sind jedoch für Parzival nicht nur zukunftsweisend, sondern stellen auch fest, woher Parzival kommt. Dies ist vielleicht sogar wichtiger: Herzeloyde gehört der Gralsfamilie an, daher hat Gott immens wenn nicht sogar die größte Wichtigkeit. Gahmuret hingegen war ein großer und geehrter Ritter. Somit wird auch hier indirekt der Lebensweg Parzivals noch einmal bestätigt.

Parzivals Schönheit kommt erst jetzt durch Figuren zur Sprache -vorher nur durch den Erzähler. Das offensichtlichste Merkmal Parzivals wird erst hier von Karnahkarnanz benannt und ebenfalls erst hier auch für die anderen drei Ritter ersichtlich:

>... irmugt wol sfn von ritters art.<

von den helden er geschouwet wart:

dô lac diu gotes kunst an im. (123,11 -13)

Die Schönheit Parzivals wird hier zum sichtbaren Ausdruck seiner art und der erste Vers macht deutlich, wie Figuren einander den Stand zu weisen. Karnahkarnanz erkennt die körperliche Schönheit des Jungen und schließt so auf dessen adlige Herkunft. Das Erkennen des eigenen Standes bzw. das Erkennen des Standes anderer verläuft hauptsächlich über sinnliche Wahrnehmung.

Es werden also zwei unterschiedliche Perspektiven auf Parzival sichtbar. Zunächst die Perspektive der ersten drei Ritter, die negativ auf Parzivals Verhalten ist, und dann die zweite von Karnahkarnanz, welche positiv Parzivals Schönheit beleuchtet. Auch hier unterstreicht der Erzähler die von Karnahkarnanz getroffene Feststellung: nie mannes varwe baz geriet/ vor im sît Adâmes zît. (123, 16f). Doch ebenso - wie bei den drei Rittern- wird die Schönheit direkt in Kontrast zu Parzivals Verhalten gesetzt: aber sprach der knappe sân./ dâ von ein lachen wart getân. (123, 19 f). Parzival vergleicht die Rüstung, die Karnahkarnanz trägt, mit den Schmuckringen der Frauen. Auf die Erklärung von Karnahkarnanz hin, schließt Parzival sofort, dass es sehr schlecht für ihn wäre, sollten Hirsche auch so gepanzert sein. der knappe sprach durch sînen muot (124,1) ist hier zentral, da die Übersetzung von muot durchaus verschiedene Interpretationen zulässt. Hier seinen zwei erwähnt. muot als Verstand übersetzt, ließe darauf schließen, dass Parzival sehr wohl in breiteren Bahnen denken kann, aber aufgrund seines Nicht- Wissens in Beziehung auf höfische Kultur als dumm erscheint. Übersetzt man muot hingegen mit Herz so klammert man das Denken bei Parzival aus, spricht ihm aber eine Natürlichkeit zu, die durchaus positiv gewertet werden kann - in diesem Fall jedoch dazu führt, dass die Ritter ihn für dumm halten.

Für mich zeigt die Szene, dass Parzival den Sinn der Rüstung durchaus versteht. Beide Übersetzungen ergeben also Sinn. Parzivals Natürlichkeit lässt ihn hier sprechen. Es zeigt sich klar, dass er Verstand hat, den er auch benutzt -allerdings noch in den Bahnen eines Kindes.

Diese Unterhaltung zeigt Parzivals noch kindliche Naivität. E zeigt dies auch erneut, wie Parzival mit ihm unbekannten Dingen umgeht: er vergleicht sie einfach mit ihm bekannten Dingen, was aber immer zu falschen Schlüssen führt und die Figuren in seiner Umgebung an der Verstandeskraft des Jungen zweifeln lassen. Ebenfalls zentral hier ist, dass Karnahkarnanz selbst sich mit dem Widerspruch zwischen diesem -scheinbaren- Mangel an Verstandeskraft und der Schönheit sehr beschäftigt:

der fürste sprach >got hüete dîn. ôwî wan wærdîn schœne mín! dir heet got den wnsch gegebn, ob du mit wizen soldest leben. (124, 17- 20)

Die Eigenschaft, die in dieser Begegnung Parzival durch die Figuren direkt zugeschrieben wird, ist die tumpheit. Hinzukommend wird diese tumpheit immer direkt in den Kontrast zu Parzivals Schönheit gesetzt. Somit ist erneut das zentrale Problem ersichtlich: Parzival vereinigt Widersprüche in sich, die es zunächst sehr unwahrscheinlich erscheinen lassen, dass er je Ritter werden kann.

[...]

Ende der Leseprobe aus 26 Seiten

Details

Titel
Parzival im dritten Buch
Hochschule
Ruhr-Universität Bochum  (Germanistisches Institut)
Veranstaltung
Figurenanalyse
Note
3,0
Autor
Jahr
2009
Seiten
26
Katalognummer
V270142
ISBN (eBook)
9783656615361
ISBN (Buch)
9783656615354
Dateigröße
560 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Parzival;, Drittes Buch;, Wolfram von Eschenbach;, Figurenanalyse;
Arbeit zitieren
Bachelor of Arts Alexa Hof (Autor), 2009, Parzival im dritten Buch, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/270142

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