Die Funktion der Figur des Prometheus im antiken Mythos und im Gedicht von Johann Wolfgang von Goethe

Welche Eigenschaften des Menschenfreundes hat Goethe besonders herausgestellt und was neu hineininterpretiert?


Hausarbeit, 2013

18 Seiten, Note: 1,7


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis / Gliederung

0. Einleitung

1. Der antike Mythos um Prometheus
1.1 Kurze Zusammenfassung der Geschichte
1.2 Interpretation und Einordnung in die Epoche des „Sturm und Drang“

2. Goethes Gedicht „Prometheus“
2.1 Formanalyse
2.2 Interpretation

3. Vergleich zwischen Gedicht und Mythos

4. Schluss

5. Literaturverzeichnis

6. Anhang

0. Einleitung

Die Epoche des „Sturm und Drang“ am Ende des 18. Jahrhundert wird auch als Geniezeit bezeichnet. Es ging damals darum sich gegen die Obrigkeit aufzulehnen, seinen freien Willen durchzusetzen und das christliche Weltbild zu hinterfragen oder gar abzulehnen. Doch dieses Gedankengut ist wesentlich älter. Bereits in den Sagen der alten Griechen findet man eine Figur, die sich gegen die höchsten Anführer auflehnt. Die Rede ist von Prometheus, der seine Ideale über die Autorität des Göttervaters Zeus stellt. Goethe wählte als Charakterbild für seine Ode "Prometheus", den symbolischen Revolutionär. Was ist ein besseres Symbol für den Widerstand als jemand, der sich gegen die Macht des Zeus auflehnt?

Ich werde in meiner Hausarbeit die Funktion des Prometheus sowohl in der Mythologie und im Werk Goethes untersuchen und herausfinden, wie Goethe seine Rolle interpretiert. Welche Eigenschaften des Menschenfreundes hat er besonders herausgestellt und was neu hineininterpretiert? Deshalb werde ich zuerst kurz den altgriechischen Mythos skizzieren. Ich werde einen Einblick in die Sage des Prometheus geben und darstellen, wieso diese Figur ähnliche Ziele wie die Geniedichter des „Sturm und Drang“ verfolgt. Danach werde ich mich Goethes Hymne Prometheus widmen. Nachdem ich den Aufbau und die Form des Gedichtes grob untersucht habe, werde ich eine kurze inhaltliche Analyse vornehmen und dabei mein Hauptaugenmerk auf die Figur des Prometheus werfen und darstellen, inwiefern seine Figur und das Gedicht in den „Sturm und Drang“ passen. Dies ist unerlässlich, da die Epoche sicherlich Ausschlag gebend für Goethe Figurenwahl ist. Danach werde ich den antiken Prometheus mit Goethes Adaption vergleichen. Dabei werden unter anderem die Fragen nach seiner Titanen-Herkunft und seine Funktion in Sage und Gedicht hinterfragt. Ich werde meinen Fokus darauf legen, wie sich Johann Wolfgang von Goethe die symbolische antike Figur des Prometheus in seiner Ode zu Nutze gemacht hat, und die Frage beantworten: Wie interpretiert Goethe den mythologischen Prometheus in seiner Ode?

Ich hoffe dabei herauszufinden, wie Goethe die Figur des Prometheus in Bezug auf die Inhalte des „Sturm und Drang“ neu interpretierte. Welche Eigenschaften und Merkmale dichtete Goethe hinzu und was wandelte er ab?

1. Der antike Mythos um Prometheus

1.1 Kurze Zusammenfassung der Geschichte

Zunächst werde ich die fiktive Sagengestalt des Prometheus darstellen und das Wesentliche des Mythos skizzieren. Über Prometheus ganz präzise Aussagen zu treffen ist aufgrund der variationsreichen und verschiedenen Überlieferungen von griechischen Sagen kompliziert. Nach Ovid ist Prometheus „der von Iapetus gezeugte“.[1] Seine Mutter ist entweder Klymene, Themis oder Asia – die Auskünfte der antiken griechischen Autoren Hesiod, Aischylos und Apollodorios sind da unterschiedlich.[2] Als direkter Nachkomme des Titanen Iapetos gehört jedenfalls auch Prometheus indirekt zu diesem mächtigen Göttergeschlecht. Später in meiner Hausarbeit wird der Umstand seines Titanendaseins hinterfragt. Sicher ist allerdings, dass er sich im Mythos von den Titanen abwendet und auf die Seite des Zeus wechselt. Im Krieg zwischen Zeus und den Titanen stand Prometheus auf der Seite der Olympier[3]. Prometheus, dessen Name „der Vorausdenkende“ bedeutet, prophezeite dem Göttervater einen Sieg. Zeus belohnte ihn dafür damit mit dem Vorrecht auf der Erde das Leben zu erschaffen. Nachdem Prometheus zu Zeus' Zufriedenheit die Tiere erschaffen hatte, formte er aus Lehm Figuren nach dem Abbild der Götter. Ohne Zeus' Erlaubnis hauchte der Vorausdenkende seinen Lehmfiguren dann Leben ein. Das Übergehen von Zeus bei dieser entscheidenden Tat könnte der Grund dafür sein, dass Zeus für die Menschheit laut den griechischen Sagen nie viel übrig hatte. Durch sein Engagement für die Menschen erhielt Prometheus den Titel „Menschenfreund“. Er schenkte den Menschen das Feuer und zeigte ihnen, wie sie bei den Opfergaben an die Götter die für sich brauchbaren Dinge behalten können. Zeus war über diese Taten so erzürnt, dass er den Menschenfreund an einen Felsen fesseln ließ, wo ihm jeden Tag ein Adler die immer wieder nachwachsende Leber aus dem Torso riss.[4]

1.2 Interpretation und Einordnung in die Epoche des „Sturm und Drang“

Die Moral, die in der Prometheus-Sage steckt, ist ihrer Zeit voraus. Der Menschenfreund motiviert sich selbst zum autonomen Handeln. Es ist somit naheliegend, dass er als „Prototyp eines eigenverantwortlichen Denkens und Handels“[5] gilt. Prometheus gibt dem Menschen die Freiheit zu denken und frei zu handeln. Er eröffnet metaphorisch deren Bewusstsein, indem er ihnen Leben einhaucht[6] und sich gegen die Obrigkeit auflehnt. Dies sind Ansätze, die erst in der Aufklärung des späten 18. Jahrhunderts tatsächlich realisiert werden. Dem „Vorausdenkenden“ ist sicherlich klar gewesen, dass er für den Widerstand gegen Zeus bestraft werden würde. Deshalb kann man davon ausgehen, dass er das Wohl der Allgemeinheit über sein eigenes gestellt hat. Er schenkte den Menschen also nicht nur den technischen Fortschritt in Form des Feuers [7], sondern auch ein Beispiel für autonomes Handeln. Das Ideal des Widerstandes gegen die Fesseln der Zeit[8] und das Bestreben Grenzen zu durchbrechen, für welches Prometheus offensichtlich steht, lässt sich eins zu eins auf die Epoche des Sturm und Drang übertragen.

2. Goethes Gedicht „Prometheus“

2.1 Formanalyse

Um nun die Ode „Prometheus“ vorzustellen, werde ich vor der inhaltlichen Analyse kurz die Form von Goethes Gedicht untersuchen. Die Ode „Prometheus“ von Johann Wolfgang von Goethe entstand zwischen 1772 und 1774 in der Epoche des Sturm und Drang.

Das Werk besteht aus sieben Strophen. Die Versanzahl der Strophen ist unterschiedlich.Das Gedicht ist im freien Rhythmus geschrieben[9]. In Goethes Ode klagt Prometheus, wie bereits erwähnt, mit trotziger Sprache den Göttervater Zeus an. Die Ode hat die Struktur eines Gebetes, dessen Inhalt allerdings eher blasphemisch ist. Dieses Mittel kann ebenfalls als Provokation des Zeus gesehen werden. Wie in einem Gebet spricht Prometheus Zeus direkt an, nur dass der Menschenfreund nicht um Gnade oder Hilfe bittet, sondern diesen Weg der Gotteskommunikation nutzt um Zeus Vorwürfe zu machen.[10] Die erste Strophe besteht aus zwölf, die zweite, vierte und fünfte jeweils aus neun, die dritte aus sieben, die sechste aus fünf und die letzte aus sieben Versen. Da es in dieser Ode nur zwei Reime gibt (vgl. V. 5 und 7 bzw. V. 56 und 58), ist kein Reimschema zu erkennen. Außerdem lassen sich in der ersten Strophe eine Aufzählung (vgl. V. 6–12) und in der fünften Strophe ein Parallelismus erkennen (vgl. V. 39-42). Auffällig ist das Mittel der rhetorischen Frage. In den Strophen vier bis sechs wird dieses Stilmittel immer wieder dazu benutzt um Zeus Vorwürfe zu machen. Das Gedicht selbst ist ohnehin eine Art Anklage. Prometheus macht dem Göttervater und den anderen Göttern Vorwürfe, was grundlegend für den Stil des Gedichtes ist. Er lehnt sich in einem Monolog gegen die Herrscher auf. Nicht nur deshalb ist diese Ode in die Epoche des „Sturm und Drang“ einzuordnen.

2.2 Interpretation

Im Folgenden werde ich eine kurze Inhaltsanalyse des Gedichts „Prometheus“ vornehmen. Dabei werde ich, um den Rahmen dieser Hausarbeit nicht zu sprengen, nicht jede Zeile und jedes Stilmittel untersuchen, sondern besonders diejenigen Stellen unter die Lupe nehmen, die für die hier vorliegende Fragestellung von besonderer Relevanz sind.

Die zentrale Aussage dieses Gedichtes ist, dass der eigene Geniegeist und die Selbstverwirklichung wichtiger sind als der Gehorsam gegenüber Göttern bzw. Fürsten und Regierenden. Diese helfen trotz ihrer theoretischen Omnipräsenz als Herrscher oder Schöpfer niemandem wirklich. Anstatt Gedankenfreiheit zuzulassen, fordern sie das Bürgertum bzw. den Einzelnen dazu auf alles zu ertragen, was um sie herum geschieht. Das Bild vom „heilig glühend[en] Herz[en]“ (V.34) beschreibt sehr gut, dass die eigene Verwirklichung vor den Göttern steht, welche eigentlich das Attribut heilig tragen[11]. Eine in Stein gemeißelte Interpretation dieses Werkes kann es jedoch nicht geben, da es zu offen und zu facettenreich ist. Wie bereits kurz angesprochen, ist beispielsweise auch ein Vater-Sohn-Konflikt ein weitererAspekt, unter welchem man dieses Gedicht analysieren könnte. Dies ist auch deshalb naheliegend, da Goethe selbst einige Differenzen mit seinem Vater hatte[12].

[...]


[1] Ovid: Metamorphosen. Stuttgart: Reclam 1994. I, 83.

[2] vgl. Hunger, Herbert: Lexikon der griechischen und römischen Mythologie. Hamburg: Rowohlt Verlag 1974. S.352-356.

[3] vgl. Littleton. C. Scott (Hg.): Das Grosse Buch der Mythologie. Sagen, Stätten und Symbole alter Völker und Kulturen. München: Christian Verlag GmbH 2003. S.151.

[4] vgl. Ebd

[5] vgl. Pankow, Edgar; Peters, Günter: Prometheus. Mythos der Kultur. München: 1999 Wilhelm Fink Verlag (=Literatur und andere Künste). S.36.

[6] Aus Ovids Metamorphosen I, 76-88.

[7] vgl. Pankow, Edgar; Peters, Günter: Prometheus. Mythos der Kultur. München: 1999 Wilhelm Fink Verlag (=Literatur und andere Künste). S.37.

[8] vgl. Jeßling, Benedikt; Bernd Lutz; Inge Wild (Hg.): Metzler Goethe Lexikon. Weimar: J.B. Metzler 1999. S.473.

[9] vgl. Ebd. S.474.

[10] vgl. Edb. S.390.

[11] vgl. Conrady, Karl Otto: Goethe. Prometheus. In: Die deutsche Lyrik. Interpretationen.

Hrsg. von Benno von Wiese. Düsseldorf: Bagel Verlag 1981. S.226.

[12] vgl. Luserke, Matthias: Der junge Goethe, „Ich weis nicht warum ich Narr soviel

schreibe“. Göttingen: Vandenhoeck& Ruprecht Verlag 1999 (= Sammlung

Vandenhoeck). S.111.

Ende der Leseprobe aus 18 Seiten

Details

Titel
Die Funktion der Figur des Prometheus im antiken Mythos und im Gedicht von Johann Wolfgang von Goethe
Untertitel
Welche Eigenschaften des Menschenfreundes hat Goethe besonders herausgestellt und was neu hineininterpretiert?
Hochschule
Universität Paderborn
Veranstaltung
Entwicklungslinien: Von Opitz bis Goethe
Note
1,7
Autor
Jahr
2013
Seiten
18
Katalognummer
V270677
ISBN (eBook)
9783656622062
ISBN (Buch)
9783656622055
Dateigröße
452 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Prometheus, Goethe, Mythos, Menschenfreund, Gedicht, Gedichtsanalyse, Titan, Götter, Titanen, Literatur, Lyrik, Opitz, Deutsch, Sturm und Drang, antik, Obrigkeit, Ode, ovid, iapetos, 1772, Zeus, Reimschema
Arbeit zitieren
Alexander Rüther (Autor), 2013, Die Funktion der Figur des Prometheus im antiken Mythos und im Gedicht von Johann Wolfgang von Goethe, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/270677

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