Persönliche Zukunftsplanung. Ein personenzentriertes Konzept mit Zukunft?

Ein Diskurs zur „Persönlichen Zukunftsplanung“ als mögliches Initial zu einem veränderten Selbstverständnis in der Heilpädagogik unter dem Blickwinkel von Inklusion und Empowerment


Bachelorarbeit, 2013

101 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe


Inhalt

1. Einleitung und Eingrenzung des Themas

2. Herkunft und Entwicklung des „PZP“ - Konzeptes

3. Das Konzept der Persönlichen Zukunftsplanung
3.1. Grundannahmen und Ziele der „PZP“
3.2. Der Methodenkoffer der „PZP“ dargestellt anhand ausgewählter Planformate
3.2.1. Womit alles anfängt - von der Macht, träumen zu dürfen
3.2.2. Der Unterstützerkreis - das Grundelement der „PZP“
3.2.3. Planformat: „Die Persönliche Zukunftskonferenz“
3.2.4. Planformat: „MAPS“ (Making Action Plans)
3.2.5. Planformat: “PATH” (Planning Action to Help)

4. Anspruch und Wirkungen der „PZP“

5. PZP ein Konzept mit Zukunft?

6. Kennzeichen der aktuellen Arbeitspraxis

7. Best Practice - Modellprojekt zur Anwendung der „PZP“ in einer Institution
7.1. Vorstellung der Organisation "Horizonte Ostholstein“
7.2. Ursprung und Vision der Einrichtung
7.3. „Horizonte Ostholstein“ als veränderungsbereite Institution
7.4. Zielsetzung und Einführung der „PZP“ in Ostholstein
7.5. Wirkung der Durchführung am Beispiel der beruflichen Bildung
7.5.1. Erfahrungen aus der Praxis
7.5.2. Veränderungen in Folge der Durchführung des Projektes
7.5.3. Veränderte Praktiken in der Organisation
7.5.4. Veränderung des Werkstattkonzeptes - zur virtuellen Werkstatt
7.5.5. Veränderung in der Praxis der Beruflichen Bildung
7.5.6. Veränderung in der Methodik - Das Persönliche Zukunftsgespräch
7.5.7. Ergebnisse zum Best Practice Beispiel „Horizonte Ostholstein“

8. Relevante hinderliche Faktoren
8.1. In Bezug auf das Projekt „Neue Wege zur Inklusion“
8.2. In Bezug auf den „PZP“ Prozess allgemein

9. Zusammenfassung und Fazit

10. Literaturverzeichnis

Anhang A: Handout Horizonte Ostholstein

Anhang B: Verfahren zum persönlichen Zukunftsgespräch

Anhang C: „Horizonte Ostholstein“ Vordrucke zum persönlichen Zukunftsgespräch

Anhang D: Interview Doose, Stefan

Anhang E: Interview Emrich, Carolin

Anhang F: Interview, Roman, Alfonso

Anhang G: Interview, Reinhard, Sohns

Anhang H: Interview Witjes- Hielen, Angelika

Anhang I: Interview Jankuhn, Reinhard

Danksagung

„Die Zukunft, die wir wollen, muss erfunden werden, sonst bekommen wir eine, die wir nicht wollen. “

Joseph Beuys

(1921 -1986)

Für die fachliche und wertschätzende Begleitung unserer Bachelorarbeit bedanken wir uns herzlich bei Prof. Dr. Heidrun Kiessl und Eckehard Herwig Stenzei.

Für den offenen Austausch und die guten Anregungen aus der Praxis bedanken wir uns herz­lich bei unserem persönlichen Unterstützerkreis:

Reinhard Jankuhn, Carolin Emrich, Alfonso Roman, Dr. Stefan Doose .Reinhard E. Sohns, Angelika Witjes-Hielen, Sabine Felder, Carola von Gehlen, Heidrun Neitzel, Ronald Gaube und Joel Buttlar

Düsseldorf und Viersen, den 20. August 2013

Abstract

„Es gibt einen erkennbaren Run auf die Persönliche Zukunftsplanung“.

Jedenfalls ist dies die Überzeugung von Carolin Emrich einer der führenden Vertreterinnen der Persönlichen Zukunftsplanung. Diese Entwicklung wahrnehmend, geht diese Bachelorar­beit der Frage nach ob die Persönliche Zukunftsplanung ein personenzentriertes Konzept mit Zukunft ist, oder dieser „Run“ nur eine Modeerscheinung ist, die sich in Kürze im Sande ver­laufen wird.

Die Persönliche Zukunftsplanung tritt mit dem hohen Anspruch auf, ein neuer Weg zur Selbst­bestimmung und Inklusion zu sein. Dabei verfolgt sie zwei Ziele. Primäres Ziel der „PZP“ ist es, die persönlichen Zukunftserwartungen eines Menschen in Bezug auf ein oder mehrere individuelle Lebensziele hin zu erfassen und ihm die nötige Assistenz zur eigenständigen Pla­nung und Umsetzung anzubieten. Die sekundäre Zielsetzung des Konzeptes ist es, eine An­frage an die Gesellschaft und an die Institutionen der Behindertenhilfe darzustellen und auf diese verändernd einzuwirken.

Ob die Persönliche Zukunftsplanung wirklich dieses verändernde Potential in sich trägt wird in dieser Arbeit hinterfragt und beantwortet. Abschließend wird beantwortet ob sie mit diesem Potential auch ein Initial zu einem veränderten Selbstverständnis in der heilpädagogischen Profession sein kann.

Die Ergebnisse wurden mit unterschiedlichen Methoden aus unterschiedlichen Perspektiven zusammengeführt. Neben umfangreicher Literaturrecherche wurden offene qualitative Inter­views mit Experten, Betroffenen und Fachkräften aus der Praxis geführt. Die fachliche Einsicht in die Arbeitsweise des Konzeptes wurde durch die Teilnahme an einem Grundlagenkurs zur Persönlichen Zukunftsplanung gewonnen. Zur Bestimmung des Veränderungscharakters wurde eine nach dem Konzept arbeitende Institution als „best practice“ Beispiel untersucht.

Resultat

Die Persönliche Zukunftsplanung wird dem o. a. Anspruch aufgrund ihres personenzentrierten Ansatzes, den rechtlichen Rahmenbedingungen und der Methodenvielfalt außerhalb von In­stitutionen gerecht. Für die stationäre Behindertenhilfe ist sie in ihrer ursprünglichen Form nicht umsetzbar. Das Praxisbeispiel zeigt jedoch auf, das der Schlüssel in der Personenzentrierung liegt und somit in modifizierter Form auch hier einen relevanten Beitrag leisten kann. Die ver­ändernde Wirkung des Konzeptes auf die an der Durchführung beteiligten Menschen und zwar des planenden Menschen als auch des professionellen Begleiters, ist nachgewiesen. Aufgrund des bestätigten Veränderungspotentials des Konzeptes kann es bei entsprechender Adaption zu einem Initial der Veränderung im Selbstverständnis der heilpädagogischen Profession wer­den und zu einer Internalisierung der Paradigmen der Selbstbestimmung und Inklusion führen.

1. Einleitung und Eingrenzung des Themas

„Mehr als die Vergangenheit interessiert mich die Zukunft, denn in ihr ge­denke ich ZU leben.“ (Albert Einstein, zitiert nach Mörtenhummer, 2008, S. 211)

Zukunft ist das, worauf unser Leben zusteuert. Geschieht dies von alleine oder wäre es sinnvoll, auf den Weg geplant einzuwirken und das Leben in eine bestimmte gewünschte Richtung zu lenken? Die weitaus meisten Menschen1würden diese Frage mit „Ja“ be­antworten, denn es ist eine menschliche Eigenschaft, sich die Zukunft und ihre mögli­chen Inhalte vorzustellen und auf ihre Verwirklichung hinzuplanen und hinzuwirken. Die meisten Erwartungen und Handlungen des Menschen sind direkt oder indirekt auf die Entwicklung, Gestaltung oder Veränderung der Zukunft bezogen. Einstein bringt dies in dem eingangs erwähnten Zitat prägnant auf den Punkt, indem er der Zukunft sein größ­tes Interesse ausspricht.

Diese Bachelorarbeit setzt sich mit dem Konzept der „Persönlichen Zukunftsplanung“ (zukünftig „PZP“ abgekürzt) auseinander, einem Konzept, „das Menschen befähigen soll, gemeinsam mit anderen über die individuelle Zukunft nachzudenken und diese in gangbare Schritte umzusetzen“ (Emrich, 2004, S. 1). Leitend ist hierbei die Frage, ob die „PZP“ ein Konzept ist, das für die zukünftige Gesamtentwicklung der gleichberech­tigten gesellschaftlichen Teilhabe von Menschen mit Behinderung relevant ist und ein zukunftsfähiges Konzept darstellt. In diesem Zusammenhang soll geklärt werden, ob sie ein mögliches Initial zu einem veränderten Selbstverständnis in der Heilpädagogik unter dem Blickwinkel von Inklusion und Empowerment darstellt. Dazu werden zunächst die Herkunft und die Entstehungsgeschichte der „PZP“ aufgezeigt. In diesem Zusammen­hang werden auch die derzeitige Entwicklung, Verbreitung und Anwendung der „PZP“ in Deutschland beleuchtet und ihre Grundannahmen, Zielsetzung und Konzeption be­schrieben. Welche Methoden in ihr zur Anwendung kommen, wird anhand der wichtigs­ten Planungsformate dargestellt. Dabei wird hauptsächlich auf das Konzept, das von Stefan Doose, Susanne Göbel, Carolin Emrich, Andreas Hinz, Ines Boban, Oliver Koenig und Anderen2als eine Umsetzung des in Nordamerika und England entwickelten Ansat­zes des „person centered plannings“ im deutschsprachigen Raum unter dem Titel „PZP“ bekannt gemacht wurde, Bezug genommen.3Danach werden anhand der von den Ver­tretern der „PZP“ angeführten Anforderungen für eine effektive Anwendung des Konzep­tes die Rahmenbedingungen, welche für dessen Umsetzung erforderlich sind, und die sich daraus ergebenen Konsequenzen beschrieben.

In einem weiteren Schritt werden die Zukunftsfähigkeit und die mögliche Bedeutung in der Zukunft anhand der Rechtsforderungen der UN-Behindertenrechtskonvention her­ausgestellt. Darauf folgt als Kontrast eine Darstellung, welche Situation für die heilpäda­gogische Profession in der institutioneilen Behindertenhilfe aktuell kennzeichnend ist. Es wird die Frage gestellt, ob und inwieweit die beschriebenen Rechtsforderungen schon umgesetzt werden und welche Bedeutung die „PZP“ für die heilpädagogische Profes­sion, insbesondere im Rahmen der institutionell4verödeten und tätigen Heilpädagogik, als Herausforderung einnehmen kann.

Im Schlussteil wird anhand eines „best practice“ Beispiels einer Institution, die die „PZP“ anwendet, deren Wirk- und Veränderungscharakter untersucht. Es wird aufgezeigt, wel­che Möglichkeiten aber auch Herausforderungen mit der Einführung von personen- zentrieden Ansätzen in eine veränderungsbereite Organisation verbunden sind und wie es gelungen ist, die „PZP“ als Basisausrichtung des gesamten Unternehmens zu imple­mentieren.

Den Abschluss bildet das Fazit, in dem eine kritische Würdigung und Bewedung der „PZP“ im Sinne der Fragestellung dieser Ausarbeitung gegeben wird. Es wird aufgezeigt, welche Schlussfolgerungen aus dem bearbeiten Punkten für die Anwendung und Um­setzung der „PZP“ im Bereich der institutioneilen Behindedenhilfe gezogen werden kön­nen, ob sie ein Konzept mit Zukunft ist und ein Initial zu einem verändeden Selbstver­ständnis in der Heilpädagogik sein kann.

2. Herkunft und Entwicklung des „PZP“ - Konzeptes

Mitte bis Ende der 90er Jahre wurde die „PZP“ in Deutschland zunächst von Susanne Göbel5und Stefan Doose bekannt gemacht. „Den Begriff Persönliche Zukunftsplanung führt Stefan Doose in die deutschsprachige Diskussion ein (Emrich, 2004, Fußnote 1). In den folgenden Jahren trugen neben diesen beiden Personen auch Carolin Emrich, Ines Boban, Andreas Hinz und Oliver Koenig maßgeblich zur Verbreitung des Konzepts in Deutschland bei. Die „PZP“ versteht sich als Konzept und Handwerkszeug der kon­kreten Zukunftsplanung für jeden Menschen. Sie macht dabei keinen Unterschied zwi­schen Menschen mit erhöhtem Unterstützungsbedarf und Menschen, die eines Solchen nicht bedürfen (Emrich, 2009, S. 7-8). Ihre häufigste Anwendung und Verbreitung findet sie jedoch im Kontext des Menschen mit erhöhtem Unterstützungsbedarf. Erkennbar wird dies daran, dass bezüglich der Anwendung der „PZP“ in Veröffentlichungen, die das Konzept im deutschsprachigen Raum vorstellen und etablieren möchten, von den Ver­tretern der „PZP“ auf eine Anwendung von Menschen mit Behinderung fokussiert wird. „Persönliche Zukunftsplanung versteht sich als ein Ansatz, der prinzipiell für alle Men­schen hilfreich sein kann, die über Veränderungen in ihrem Leben nachdenken und kon­krete Schritte realisieren möchten. Und dennoch kann er - gerade im Wissen darum, dass Selbstbestimmung und Wahlmöglichkeiten noch immer Privilegcharakter tragen - für Menschen mit Beeinträchtigungen in besondererWeise relevant sein“ (Emrich, 2004, S. 2).

„Persönliche Zukunftsplanung - gerade und besonders eine Idee für behinderte Men­schen, denen nicht zugetraut wird, für sich selbst entscheiden zu können“ (Göbel, Stro­bel, 2005, S. 3).

„Als Unterstützer behinderter Menschen ... werden Sie wahrscheinlich in dem Instru­mentenset zur Persönlichen Zukunftsplanung als erstes nach diesem Handbuch greifen“ (Emrich; Gromann und Niehoff, 2009, Handbuch S. 3).

Auch Verbände von Menschen mit Behinderung bzw. Menschen mit Lernschwierigkei­ten6, wie zum Beispiel „Mensch zuerst“, sind an der Etablierung der Persönlichen Zu­kunftsplanung als personenzentriertes Konzept beteiligt und fokussieren ähnlich:

„Mit der Persönlichen Zukunftsplanung werden behinderte Menschen, aber auch Grup­pen oder Einrichtungen beraten und unterstützt, etwas anders zu machen“ (Göthling, 2012, o. S.).

Außerdem wird der exponierte Anwendungsbereich der „PZP“ bei Menschen mit erhöh­tem Unterstützungsbedarf deutlich, wenn man die Herkunft des Konzeptes betrachtet. Die Ursprünge des Konzeptes entwickelten sich in den USA und in Kanada. Sie lassen sich im Kontext der „Empowerment - Bewegung“ identifizieren, welche sich in den 50er, 60er und 70er Jahren des letzten Jahrhunderts als Bürgerrechtsbewegung farbiger Men­schen formierte (vgl. Theunissen, 2002, S. 15).

„Ein grundlegender Unterschied zu Deutschland ist, daß die USA auf eine lange Tradi­tion von Bürgerrechtsbewegungen zurückblicken, in denen sich diskriminierte Gruppen zusammenschlossen und erfolgreich für Veränderungen kämpften“ (Hermes, 1998, S. 20). „Insbesondere Frauen und schwarze Bürgerinnen kämpften um Chancengleichheit und gleichberechtigte Teilhabe am gesellschaftlichen Leben“ (Nabben, in Hermes, 1998, S. 29).

Das daraus weiter entwickelte „Empowermentkonzept“ vertritt die Idee: „dass einzelne Menschen als auch Gruppen in benachteiligenden und schwierigen Situationen mit Hilfe ihrer eigenen Stärken, auf der Grundlage gleicher Rechte, ihr Leben selbstbestimmend in die eigene Hand nehmen können“ (Weiß, 2000; zitierte nach Meyer, 2002, S. 7), das heißt, zu einer selbstbestimmten persönlichen Lebensform und zu gleichberechtigter ge­sellschaftlicher Teilhabe zu gelangen. Das gleiche Ziel verfolgt die „PZP“ letztlich auch.

Die „Persönliche Zukunftsplanung“ soll Menschen mit Behinderungen den Schritt in ein selbstbestimmtes und inklusives Leben ermöglichen. Bezüglich der Verödung der „PZP“ ist es interessant, dass Doose in seiner Publikation zur „PZP“ eine Verbindung zum An­liegen Martin Luther King's und der vom ihm mitgetragenen Menschenrechtsbewegung herstellt.

I have a dream' lautet der Titel der Rede, mit der Martin Luther King in den USA gegen die Diskriminierung von Menschen aufgrund ihrer Hautfarbe protestierte Diese Vi­ sion sollte auch unser Leitbild in der Arbeit mit Menschen mit Behinderung sein“ (Doose, 2011, S. 6). So scheint der Titel „I want my dream“ von Dooses Publikation, in der es explizit um persönliche Zukunftsplanung, das heißt, um die konkrete Umsetzung von persönlichen Lebensträumen geht, die logische und programmatische Konsequenz auf Martin Luther King's „I have a dream“ zu sein. Folgt man dieser Akzentuierung Dooses von „I have a dream“ zu „I want my dream“ in Verbindung mit den Leistungen der Men­schenrechtsbewegung Martin Luther King's, erhält die „PZP“, die sich zunächst als Kon­zept und methodisches Handwerkszeug der konkreten Zukunftsplanung für Menschen versteht, darüber hinaus eine starke (sozial-) politische Dimension.

Weitere Verwandtschaftsbeziehungen der „PZP“ im Bereich der methodischen Konzep­tion lassen sich zu den in den 1980er Jahren im angloamerikanischen Raum entwickel­ten Ansätzen des personenzentrierten Ansatzes und personenzentrierten Planens (per­son-centered planning) finden (Emrich, Gromann, Niehoff, 2009, S. 70-71).

Als wesentliche Personen, die den personenzentrierten Ansatz entwickelt haben und die in Veröffentlichungen der Vertreter zur „PZP“ immer wieder angeführt werden, sind Mar­sha Forest, Jack Pearpoint, John O'Brien, Connie Lyle O'Brien, Beth Mount, Michael Smull, Judith Snow und Helen Sanderson zu nennen. Aus deren Konzepten zum perso­nenzentrierten Arbeiten, insbesondere von Helen Sanderson, wurden wesentliche Im­pulse und Methoden in die Methodik der „PZP“ adaptiert (vgl. Sanderson, Methoden­buch, 2010).

Carolin Emrich fasst die methodischen Wurzeln der „PZP“, die in der deutschsprachigen Literatur unter dem personenzentrierten Ansatz bekannt geworden sind, folgenderma­ßen zusammen: „Die us-amerikanische und kanadische Originalliteratur bezeichnet den Ansatz als Per­son Centered Planning' und fasst unter dieser übergeordneten Kategorie verschiedene personenzentrierte Planungskonzepte wie beispielsweise Personal Futures Planning (Mount, Zwernik), Lifestyle Planning (O'Brien), Preference-Based Planning (Curtis, De- zelsky), MAPS und PATH (Falvey, Forest, Pearpoint, Rosenberg; Pearpoint, Forest) zu­sammen“ (Emrich, 2004, Fußnote 1).

Wichtig zum Verständnis, wie die Vertreter der „PZP“, z.B. Stefan Doose, das Konzept in Bezug zu dem etablierten deutschen Unterstützungs- bzw. Hilfeleistungsangebot (Be­hindertenhilfe) verstehen, ist es zu wissen, dass die personenzentrierten Ansätze im Kontext des „essential lifestyle planning“ oder „person-centered plannings“ aufgrund nicht vorhandener staatlicher Hilfeleistungen entstanden sind. Ausgangspunkt war ein Fehlen von Unterstützungsleistungen. So sind zum Beispiel in den USA umfassende staatliche Hilfeinstitutionen, wie sie aus der deutschen „Behindertenhilfe“ bekannt sind, fast vollständig unbekannt. Daher formierten sich dort zunächst Privatpersonen meist ohne fachliche Profession, Eltern und Selbsthilfegruppen zum Ausgangspunkt der per­sonenzentrierten Konzepte. Die personenzentrierten Ansätze wurden von den von Be­hinderung betroffenen Menschen selbst und deren Angehörigen und / oder Freunden entwickelt. Als solche haben sie sich neben und als Alternative zu staatlichen oder pro­fessionellen Unterstützungsangeboten entwickelt und eine durchaus „institutionskriti­sche“ Haltung angenommen.

„Judith Snow ist eine Frau mit einer komplexen Behinderung, die unter anderem zur Folge hat, dass sie bloß die Hand bewegen kann. [...] Judith Snow war, meines Wissens, danach hier einer der ersten Personen mit so hohem Unterstützerbedarf, die mit Assis­tenz in einer eigenen Wohnung gelebt hat. Das heißt der Ursprung von PZP war das sich Leute zusammengetan haben, weil das Hilfesystem nicht das bot was sie eigentlich von ihm erwartet haben." (Doose, Interview, 2013, Beispiel Judith Snow7, Min.; 14.50­16.00, Anhang D).

Diese institutionsdistanzierte bis institutionskritische Haltung ist den Vertretern der „PZP“ immer noch sehr wichtig. So sprechen sie sich z.B. sehr deutlich dafür aus, dass „PZP“ in Reinkultur in Institutionen nicht durchführbar ist.

„Persönliche Zukunftsplanung in Reinkultur ist in Institutionen oder größeren Einrichtun­gen der Behindertenhilfe nicht durchführbar und aus der Entwicklung heraus auch nicht so gedacht“ (Emrich, 2013, Interview, S. 1, Anhang E).

„Personenzentrierte Planung versteht sich dabei als ein aus der Praxis entstandenes und für die konkrete Praxis entwickeltes Konzept, das neben theoretischen Grundüber­legungen konkrete Planungshilfen umfasst“ (Emrich, Gromann, Niehoff, 2009, S. 71).

Sehr deutlich geht aus diesen Aussagen hervor, dass die Vertreter der „PZP“ diese als ein Instrument in und aus der Praxis von direkt von Behinderung betroffen Menschen verortet sehen. „PZP“ ist also im Verständnis der Vertreter in erster Linie ein Empower- mentkonzept.

Seit der Einführung der „PZP“ in den 90er Jahren wird die Weiterentwicklung und Etab­lierung des Konzeptes im deutschsprachigen Raum stringent vorangetrieben. „PZP“ wird in verschiedensten Zusammenhängen und Medien thematisiert. Einige Vereine, wie zum Beispiel der „bvkm“8, haben die „PZP“ als ein wichtiges und zu unterstützendes Thema in ihren Publikationen und Arbeitskreisen aufgenommen. Besonderes Engagement in der Unterstützung leistet hierbei der Verein „People First“, ein Verein zur Selbstvertre­tung von Menschen mit einer Behinderung. People First unterhält eine eigene Webseite speziell zum Thema „PZP“ und hat lange Zeit als Versandstelle für Publikationen und Materialien zur „PZP“ fungiert.

Von Februar 2009 bis Dezember 2010 lief in Schleswig-Holstein das umfangreiche Pro­jekt: „Neue Wege zur Inklusion - Zukunftsplanung in Ostholstein“. Bei dem Projekt han­delte es sich um eine inklusive Weiterbildung in „PZP“ innerhalb einer Institution der Be­hindertenhilfe. Gefördert wurde das Projekt durch das Ministerium für Arbeit, Soziales und Gesundheit des Landes Schleswig-Holstein und im Rahmen des Leonardo Da Vinci Programms für Lebenslanges Lernen der EU. Die Ostholsteiner Behindertenhilfe (heute „Horizonte Ostholstein“) ließ sich als Institution der Behindertenhilfe auf eine umfas­sende Weiterbildung in „PZP“ auf allen Einrichtungsebenen ein (Hinz, Friess, Töpfer, 2012, S. 7). Die Entwicklungen und Ergebnisse des Projektes werden unter dem Punkt „Best Practice“ beschrieben.

„Im Oktober 2011 fand in Berlin die [erste] Fachtagung zur Persönlichen Zukunftspla­nung mit dem Titel "Weiter denken: Zukunftsplanung' statt. Der "bvkrrT und "Mensch zuerst - Netzwerk People First Deutschland' waren die gemeinsamen Veranstalter der Tagung und bezogen weitere Akteure der Persönlichen Zukunftsplanung in die Vorbe­reitung und Durchführung ein“ (Jankuhn, 2013, S. 1, Anhang I). Im November 2012 fand in Linz die zweite große deutschsprachige Tagung zur Persönlichen Zukunftsplanung statt. Sie hieß: "Persönliche Zukunftsplanung - Lust auf Veränderung! Gemeinsam pla­nen, handeln und gestalten'. Dort wurde das deutschsprachige „Netzwerk Persönliche Zukunftsplanung“ gegründet. Mitglieder sind verschiedene Dachverbände von Selbsthil­fegruppen und Verbänden, Einzelpersonen und Institutionen aus Österreich, Deutsch­land, Italien und der Schweiz.

Ebenfalls im Oktober 2009, und zunächst befristet bis September 2011, startete unter dem Titel „Neue Wege zur Inklusion - Persönliche Zukunftsplanung“ auch das europäi­sche Projekt unter gleichem Namen, das im Wesentlichen von Oliver Koenig betreut wird und die „PZP“ - Idee in unterschiedliche Länder Europas tragen soll. Dies soll vor allem durch Schulung von Fachkräften zu Moderatoren für „PZP“ umgesetzt werden. Stadler- Vida und Brandstätter beschreiben die Hauptzielsetzungen folgendermaßen:

„Dem gemäß bestehen die Hauptzielsetzungen des Projektes “Neue Wege zur Inklu­sion” darin, neueste Entwicklungen und Erfahrungen personenzentrierter Planung aus Großbritannien in die berufliche Aus- und Weiterbildung sowie in Dienstleistungsangebot für Menschen mit Behinderungen in unterschiedlichen europäischen Ländern zu über­tragen“ (Stadler-Vida, Brandstätter, 2011, S. 2). Diese Zielsetzung erlebt zurzeit eine dynamische Entwicklung. Neue Gruppen und Netzwerke bilden sich in Rumänien, Dä­nemark, Portugal, Spanien und Luxemburg. (Doose, 2013, Interview, Teil 1, Min.: 00:58 - 01:40, Anhang D) „Es gibt einen erkennbaren Run auf PZP“ (Emrich, 2013, Interview, S. 2, Anhang E).

3. Das Konzept der Persönlichen Zukunftsplanung

Im Folgenden wird beschrieben, welche Grundannahmen, Inhalte und Ziele für die ,,ΡΖΡ' charakteristisch sind und welche Methoden sie zur Umsetzung anbietet.

3.1. Grundannahmen und Ziele der „PZP“

„PZP“ ein personenzentrierter Prozess

Das grundsätzliche, primäre Ziel der „PZP“ ist es, einen Menschen9zu unterstützen, die eigene persönliche Vorstellung von dem, wie seine Zukunft sich gestalten soll oder wel­che Inhalte er in ihr verwirklichen will und wie er in ihr zu leben gedenkt, zu planen und in konkreten Schritten umzusetzen.

"Der Prozess der Persönlichen Zukunftsplanung schlägt eine Reihe von Aufgaben vor und hält verschiedene Methoden bereit, die uns helfen, einen Prozess mit Menschen zu beginnen, um ihre Fähigkeiten aufzudecken, Möglichkeiten vor Ort zu entdecken und neue Dienstleistungen zu erfinden, die mehr helfen als im Weg stehen" (MOUNT, 1994, zitiert aus Doose, 1, 2013, S. 1).

Als wesentlichstes methodisches Element kommt ein strikter personenzentrierter An­satz10zum Tragen. Die planende Person mit ihren Lebenswünschen, Interessen und Stärken steht dabei im Mittelpunkt, ihre Interessen haben erste Priorität.

„Die Interessen der Person haben Priorität gegenüber anderen, z.B. denen eines Betrie­bes oder einer Einrichtung“ (Hinz, Friess, Töpfer, 2010, S. 42). Damit wird eine wesent­liche Umkehrung in der Vorrangstellung der Interessen in Bezug darauf, welche Unter­stützungsleistungen in welchem Umfang mit welcher Zielsetzung und vom wem zu er­bringen sind, eingefordert. Dies wird auch in dem Leitsatz der „PZP“ deutlich, dass er­forderliche Assistenz nicht für den Menschen, sondern mit dem Menschen geplant und erfahren wird.

„Diese Grundhaltung ist die Basis Persönlicher Zukunftsplanung“ (Doose, 1,2013, S. 1).

„PZP“ ein wertegeleiteter Ansatz

Neben dem strikten personenzentrierten Ansatz verstehen die Vertreter der „PZP“ diese auch als wertegeleiteten Ansatz mit einer sozialpolitischen Ausrichtung, welcher das Po­tential hat, Inklusion zu gestalten und die Menschenrechte eines jeden Menschen zu verwirklichen.

„Persönliche Zukunftsplanung ist ein wertegeleiteter Ansatz. Das Ziel von Persönlicher Zukunftsplanung ist es, Inklusion zu gestalten und die Menschenrechte jedes Menschen zu verwirklichen“ (Doose, 1, 2013, S. 2).

„PZP“ ein menschenrechtsorientierter Ansatz

Diese Verödung der „PZP“ in Richtung der Menschenrechte korrespondiert mit der von Doose hergestellten Verbindung zum Anliegen Martin Luther King's und der damaligen Menschenrechtsbewegung. Sie zeigt sehr deutlich, dass von ihren Vertretern her ge­dacht „PZP“ wesentlich mehr ist als eine Methode zur Planung und Gestaltung der per­sönlichen Zukunft. Sie wird neben dieser Zielbestimmung auch als Weg zur gesellschaft­lichen Veränderung gedacht. Gemeint ist eine Veränderung weg vom institutioneilen Hil­fesystem hin zu einer inklusiven Gesellschaftsform, die Selbstbestimmung und Em­powerment und als deren Folge ein selbstbestimmtes Leben aller Menschen als Men­schenrecht verwirklicht. Stefan Doose stellt diese Verbindung zwischen Inklusion als Menschenrecht und „PZP“ als Weg zu deren Umsetzung in seinem Artikel: „Inklusion als Menschenrecht - Zukunftsplanung als Weg“ (Doose, 4, 2013, o. S.) explizit heraus.

„PZP“ ein sozialpolitischer Ansatz

Carolin Emrich unterstreicht dieses Verständnis der sozialpolitischen Potenz der „PZP“, indem sie erklärt:

„Wenn wir den Inklusionsgedanken ernst nehmen, dann geht der Weg zur praktischen Umsetzung der Inklusion nur über personenzentrierte Ansätze, nur über personen­zentrierte Antworten. Aus meiner Sicht geht, wenn wir Inklusion wollen, kein Weg an PZP und personenzentrierter Planung vorbei. Sie entspricht in ihrer Methodik der Leit­idee der Inklusion in politischer Dimension und muss fester Bestandteil werden“ (Emrich, 2013, Interview S. 3, Anhang E).

Oliver Koenig argumentiert bezüglich der gesellschaftspolitischen Dimension der „PZP“ ähnlich: „Eine Möglichkeit sich diesem kulturellen Veränderungsbedarf (gemeint sind Organisa­tionskulturen, Anmerkung der Verfasser) zu stellen, der mit den in der UN-Konvention beschriebenen Werten und Rechten konform geht und durch das Projekt 'Neue Wege zur Inklusion' befördert wird, ist die bewusste Einführung von Methoden und Praktiken des personenzentrierten Denkens und Handelns sowie der Persönlichen Zukunftspla­nung (Koenig, 2012, S. 6).

An anderer Stelle relativiert Stefan Doose diese exponierte Stellung der „PZP“ etwas, in dem er schreibt:

„Das vorgestellte Modell der Persönlichen Zukunftsplanung soll kein Patentrezept sein, sondern eher ein Denkanstoß, ein Fragment, eine Skizze, ein erster Entwurf - unvoll­ständig im besten Sinne. Vielleicht können wir gemeinsam neue passende Stücke zu dem Puzzle eines neuen Bildes von Hilfeplanung in der Behindertenhilfe finden oder erfinden“ (Doose, 2011, S. 72).

Zielsetzung der „PZP“

Primäres Ziel der „PZP“ ist es also, die persönlichen Zukunftserwartungen, den Lebens­entwurf eines Menschen in Bezug auf ein oder mehrere individuelle Lebensziele hin zu erfassen und ihm die nötige Assistenz zur eigenständigen Planung und Umsetzung an­zubieten. Als sekundäre Zielsetzung beinhaltet das Konzept immer auch eine Anfrage an die Gesellschaft und an die Institutionen. Auf diese möchte es verändernd einwirken. Hier geht es um die Frage, inwieweit sie für Veränderungen offen sind, konsequent per­sonenzentrierte Ansätze zu verfolgen und umzusetzen. Diese Bereitschaft wird von den Vertretern der „PZP“ mit dem Verweis auf die Menschenrechte nicht als „Kann - Lösung“ sondern als „Muss - Lösung“ herausgestellt.

3.2. Der Methodenkoffer der „PZP“ dargestellt anhand ausgewählter Planformate

Im Folgenden wird aufgezeigt, mit welchen Methoden diese Zielsetzungen umgesetzt werden sollen. Einleitend werden zunächst die grundlegenden Einstellungen und Ele­mente der „PZP“ (Haltung, Träume, Unterstützerkreis) beschrieben und abschließend aus der Fülle der Methoden der „PZP“ die drei maßgeblichen Planungsformate darge­stellt.

"Die Methoden-Schatzkiste der Persönlichen Zukunftsplanung. Persönliche Zukunftspla­nung ist nicht EINE Sache oder EINE Methode. Persönliche Zukunftsplanung ist eine Sammlung ganz verschiedener Ideen und Methoden, wie man mit Menschen gemein­sam über ihre Zukunft nachdenken kann. Die Ideen und Methoden sind so vielfältig wie es die Menschen sind, die über ihre Zukunft nachdenken“ (Göthling, Göbel, 2004, Heft 2).

Auch hier wird deutlich, dass es den Vertretern der „PZP“ nicht darum geht, eine be­stimmte Methode bekannt zu machen, sondern darum, den Interessen eines jeden Men­schen auf die für ihn annehmbare Art und Weise gerecht zu werden. Auch in der Auswahl und Bestimmung der Methoden verwirklichen sie das in der „PZP“ zentrale Thema des personenzentrierten Ansatzes. Es bleibt das stringente Anliegen, durch vielfältig zu va­riierende methodische Ansätze die Person mit ihren jeweiligen Interessen in den Mittel­punkt zu stellen. Dadurch ergibt sich eine Fülle von möglichen Methoden.

3.2.1. Womit alles anfängt - von der Macht, träumen zu dürfen

Nicht nur der Titel „I want my dream“ deutet an, dass in der „PZP“ Träume eine wichtige Rolle spielen, auch in der Konzeption werden Träume als konstituierend für den Prozess einer persönlichen Zukunftsplanung beschrieben (Doose, 2011, S. 24-26).

„Träume sind wichtig. Träume sind ein wichtiges Element in der Persönlichen Zukunfts­planung. In den Träumen liegen unsere kleinen und großen Ziele, unsere Visionen und die Quelle unserer Motivation. Sie sind eine wichtige Quelle unserer Inspiration“ (Doose, 2011, S. 24).

„Mit Träumen kann man unterschiedlich umgehen: Man kann sie als schönen, aber un­erreichbaren Traum stehen lassen, sie als Vision und Richtungsweiser nutzen, ihre Re­alisierungschancen konkret erkunden oder aus ihnen Ideen für andere mir wichtige Dinge bekommen“ (Doose, 2011, ebd.).

Ideen im Kopf haben, Pläne schmieden, Veränderungen planen und Träume verwirkli­chen - all dies ist geradezu der Ausgangspunkt für die Gestaltung einer persönlichen Zukunft. Es kann davon ausgegangen werden, dass dieser Prozess Grundlage bei je­dem Menschen, für jegliches auf die Zukunft gerichtetes Planen ist. Konsequent setzt die „PZP“ genau an diesem Punkt mit dem Prozess der persönlichen Zukunftsplanung ein und will von dort aus dem Menschen benötigte Unterstützung anbieten, seine

Träume und Wünsche in eine möglichst konkrete, praktische und reale Zukunftsplanung zu überführen. Wesentlich sind hierbei zwei Schritte. Erstens soll der Kern der Träume erkundet werden. Was ist das in dem Traum erkennbare Interesse, welches Motiv ist kennzeichnend für den Traum? Zweitens sollen bezogen auf diesen Kern der Träume diese in gangbare Schritte umgewandelt werden. Die „PZP“ versteht sich als Schnitt­stelle zwischen Traum und Umsetzung.

„Sie geht von Träumen und großen Visionen aus und verbindet sie mit praktischen und realen Schritten“ (Hinz, Friess, Töpfer, 2010, S. 43).

Mit diesem Gewicht auf die Träume, Vorstellungen und Visionen eines Menschen als Ausgangpunkt jeder Planung und Hilfeleistung positionieren die Vertreter der „PZP“ das Konzept aus ihrer Sicht bewusst als Antipode und Anfrage an die etablierte institutioneile Behindertenhilfe. Doose thematisiert dies in einer konkreten methodischen Gegenüber­stellung von „PZP“ und „Institutioneller Hilfeplanung“ (Doose, 2011, S. 18-24). In ihr wür­den eigene Träume, Wünsche und Vorstellungen kaum thematisiert oder gar als Prob­lem angesehen.

„In der traditionellen Hilfeplanung im Behindertenbereich werden Träume dagegen häu­fig als Problem gesehen. Es würde zu schmerzhaften Verletzungen führen, wenn wir die unterstützten Menschen mit Behinderungen nach ihren Träumen fragen würden. Damit würden Hoffnungen geweckt, die nie befriedigt werden können. Den hochfliegenden Träumen würde dann der viel schmerzhaftere Fall folgen“ (Doose, 2011, S. 24).

Träume als Befreiung (Alfonso Roman)

Ganz im Gegensatz zu dieser Ansicht stehen die Aussagen von Alfonso Roman, selbst von Behinderung betroffen und lange Zeit in einer Wohngruppe der institutioneilen Be­hindertenhilfe untergebracht. Er beschreibt die Möglichkeit, über die eigene Zukunft zu träumen, als grundlegendes, wichtiges Element der „PZP“ und im Weiteren als Befreiung (Roman, 2013, Interview, track 1, Min.: 4:40 ff. und track 3, Min.: 3:00 - 5:15, Anhang F).

Aus den Träumen bezüglich seiner möglichen Zukunft entwickelte Alfonso Roman den Willen, diese auch umzusetzen. Zur Umsetzung suchte er sich selber einen Unterstüt­zerkreis und es gelang ihm mit dieser Unterstützung, in eine eigene Wohnung zu ziehen und einen Beruf außerhalb der Werkstatt für behinderte Menschen (WfbM)zu realisieren (vgl. Roman, 2012, Internetauftritt). Er beschreibt, dass diese Entwicklung von Seiten der Mitarbeiter der Institution, in der er vorher lebte und arbeitete, nicht unterstützt wurde, er im Gegenteil eher entmutigt wurde.

„Vom Umfeld und da wo ich wohnte, habe ich keine Unterstützung bekommen, ... nur von den Unterstützern aus dem Unterstützerkreis, ... die waren dafür, ... die anderen sagten, das geht nicht, du fällst in ein tiefes Loch ...“ (Roman, 2013, Interview, track 2, Anhang F).

Damit stützt er die oben angeführte These von Stefan Doose, dass in der traditionellen Hilfeplanung im Behindertenbereich Träume eher als Problem gesehen werden, aus ei­gener Erfahrung. Er zeigt aber auch, dass Träumen von Betroffenen als Befreiung und Selbstermächtigung empfunden werden kann. Um diesem Anspruch auf Selbstbestim­mung gerecht zu werden, fordert die „PZP“ die Bereitschaft der Assistenten und Unter­stützenden unabhängig von den eigenen Interessen oder institutioneilen Grenzen, die planende Person in ihrer aktuellen Lebenssituation, möglichst in seiner ganzen Vielfalt zu erfassen. Dazu dienen Fragen wie: Wer ist die Person? Was sind ihre Lebensthemen, was sind ihre Interessen? Welche Motive bewegen die Person, welche sozialen Bezie­hungen, welche Stärken und Fähigkeiten und welche Wünsche für anstehende Lebens­veränderung und Lebensgestaltung bringt die Person mit? Auf dem Weg zu Antworten auf diese Fragen erwächst von der Person ausgehend eine Planung und Konkretisierung für den eigenen, angestrebten Veränderungsprozess. Um die so erarbeiteten Lebens­wünsche und Ziele zu erreichen, wird wie weiter unten beschrieben ein „Unterstützer­kreis“ von Personen aus dem Umfeld dieses Menschen formiert, die dabei helfen, die Träume und Ziele ernst zu nehmen und zu realisieren.

„PZP“ - ein geplanter Prozess vom Traum bis zur Verwirklichung

Betroffene und Interessensverbände wie z.B. „Mensch zuerst“ verbinden mit der Mög­lichkeit, von der eigenen Zukunft zu träumen und diese auch konkret planen zu können, die berechtigte Hoffnung auf Verbesserung der Lebensqualität in verschiedensten Le­bensbereichen.

Deutlich kann man diese Erwartungshaltung aus folgendem Resümee zur Anwendung von „PZP“ „Erste Erfahrungen in Deutschland“ von Stefan Göthling von „Mensch zuerst“ entnehmen. Er beschreibt hier Teilerfolge der Umsetzung der persönlichen Zukunftspla­nung von Menschen mit Behinderung, die in einer Institution leben:

- und „...aus Werkstätten für behinderte Menschen Arbeitsplätze auf dem allge­meinen Arbeitsmarkt gefunden haben,
- aus Einrichtungen in eigene Wohnungen oder in kleinere Wohngruppen gezogen sind,
- und begonnen haben, lange erträumte Reisen zu planen und zu unternehmen und selbstbewusster geworden sind,
- dass große Einrichtungen Wohnangebote für kleine Gruppen machen,
- dass behinderte Menschen aus den Einrichtungen ausziehen konnten,
- dass behinderte Menschen in den Einrichtungen mehr Freiheiten bekommen,
- dass Selbstbestimmungsgruppen von Menschen, die in Einrichtungen leben, ent­stehen konnten“ (Göthling, Stefan; 2011).

Methoden und Formate der „PZP“

Um diese Zielsetzung der „PZP“ für die im Mittelpunkt stehende Person positiv in Gang zu setzen und eine individuelle Unterstützung zur Erreichung ihrer Ziele sicherzustellen, wurden eine Vielfalt von Methoden, Ideen und Planungsansätzen entwickelt (vgl. Doose, 2011, S. 29-42). Konkret sollen die verschiedenen Methoden dazu dienen, die Motivlage des planenden Menschen zu erfassen und zu visualisieren, das heißt, sie für die pla­nende Person und die beteiligten Unterstützer aus der manchmal sogar unbewussten Ebene in eine konkrete, für jeden sichtbare, mitteilbare und konkret umsetzbare Form zu holen.

Als mögliche Moderationstechniken, um einen Zukunftsplanungsprozess in eine konkret durchführbare Form umzusetzen, bietet das „PZP“- Konzept drei Planungsformate an:

- die persönliche Zukunftskonferenz
- MAPS
- PATH

Welches dieser Planungsformate zum Einsatz kommt, hängt von den Kompetenzen, Fä­higkeiten und Vorlieben der planenden Person ab. In jedem Fall ist der weiter unten beschriebene Unterstützerkreis beteiligt. Innerhalb der Planformate kann eine Vielzahl von Mitteln aus der personenzentrierten Methodik zur Anwendung kommen, zum Bei­spiel Emotionskarten, Wunschkarten, Mandalas, persönliches Glücksrad etc.

„PZP“ ein strukturierter Prozess

Im Wesentlichen arbeiten alle Planformate mit folgender Struktur: Erfassen der Gegen­wart, Bestimmung der Zukunft, Ermitteln der Bedarfe zur Umsetzung, gemeinsames Er­arbeiten und Umsetzen der Ziele.

Struktur der Planformate:

(Doose, 2008, S.13, frei nach einer Vorlage von Ritschie, 2002, von den Verfassern bearbeitete und abgeänderte Grafik)

„PZP“ als moderierte Prozesse

Bei allen Planformaten handelt es sich um moderierte Prozesse. Der Moderator wird von der planenden Person bestimmt. Moderator kann grundsätzlich jeder sein, der die Fä­higkeit hat, Prozesse anzuleiten und der den personenzentrieten Ansatz beherzigt. Die Vertreter der „PZP“ weisen jedoch darauf hin, dass die Moderation extern erfolgen sollte, damit die Distanz zur betroffenen Person gewahrt bleibt. Der Moderator sollte Erfahrun­gen in der Moderation von Gruppen haben und gemeinsam mit der Gruppe die Ge­sprächsregeln festlegen. Er achtet insbesondere darauf, dass die Hauptperson nicht aus dem Blick gerät und sich nach ihren Möglichkeiten beteiligen kann.

„Gerade die beim gemeinsamen Visionieren und Planen sichtbar werdenden, oft hohen emotionalen Ladungen und zuweilen auch die sozialen Verstrickungen machen eine ex­terne Moderation dieses Prozesses notwendig“ (Boban, 2007, S. 1).

Das Netzwerk Persönliche Zukunftsplanung bietet im Rahmen des EU-Projektes „Neue Wege zur Inklusion“ seit 2011 Lehrgänge zur Ausbildung zum / zur Moderatorin in Per­sönlicher Zukunftsplanung an. Der Lehrgang vermittelt das notwendige Wissen, Kön­ nen und die Haltung, um professionell Persönliche Zukunftsplanungsprozesse in vielfäl­tigen Settings und für unterschiedliche Zielgruppen zu moderieren und zu begleiten“ (Ko­enig, 2013, S. 2).

Durchgängige Visualisierung der Prozessergebnisse durch einen Zeichner Neben der Moderation wird ein Zeichner benötigt, er hält die Ergebnisse der einzelnen Schritte auf großen Plakaten fest. Seine Aufgabe besteht darin, mit der Hauptperson und dem Unterstützerkreis die passenden Bilder und Formulierungen zu finden. Bei allen Methoden ist die Visualisierung ein wichtiger Bestandteil.

Unterstützung der Planungsprozesse durch den Persönlichen Unterstützungs­agenten

Eine besondere Methode in der Durchführung der„PZP“ kann die zusätzliche Implemen­tierung eines „Persönlichen Unterstützungsagenten“ darstellen.

„Die Aufgabe des persönlichen Unterstützungsagenten war das Anstoßen von Aktivitä­ten im Bereich Freizeit, Arbeit und Bildung. Er war nicht primär dafür zuständig, selber die Aktivitäten zu begleiten, sondern verantwortlich dafür, dass etwas in Gang kommt. [] Seine Aufgabe war es, vielfältige und wechselseitige Beziehungen der Hauptper­son am Ort zu organisieren. Es ist in Deutschland denkbar, einen solchen Unterstüt­zungsagenten im Rahmen eines persönlichen Budgets bei der Person bzw. der Familie selbst einzustellen oder als Einzelfallhilfe im Rahmen der Eingliederungshilfe nach dem SGB XII zu finanzieren“ (Doose, 2001, S. 27).

3.2.2. Der Unterstützerkreis - das Grundelement der „PZP“

Das Grundelement und die Kernzelle der „PZP“ ist der Unterstützerkreis. Der Unterstüt­zerkreis ist aus Sicht des „PZP-Konzeptes“ obligatorisch, egal, welches der Planformate zur Anwendung kommt.

„Das Konzept der Persönlichen Zukunftsplanung sieht vor, dass der vorangegangen skizzierte Prozessverlauf niemals nur von der planenden Person alleine bewältigt wird. Vielmehr ist der Grundgedanke von sog. Unterstützungskreisen fest im Konzept veran­kert“ (Emrich, 2004, S. 7).

Nach Ines Boban ist der Unterstützerkreis ein Mittel zur Enthinderung.

„Wenn, [...], Einsamkeit die einzige wirkliche Behinderung ist, dann sind Wege zu 'Zwei­samkeit' und 'Mehrsamkeit' und gar 'Vielsamkeit' Formen der 'Enthinderung' - der Aufbau eines Unterstützerkreises ist ein aktiver Beitrag dazu, denn es ist eine starke Verbin­dungsstiftung, gemeinsame Hoffnungen zu haben“ (Boban, 2007. S. 5).

Der Unterstützerkreis besteht aus Menschen, die in erster Linie ein Interesse an der Person haben, die ihre persönliche Zukunft in den Blick nehmen, sie beim Planen und bei der Realisierung konkret unterstützen möchten. Dies können z. B. Familienmitglie­der, Nachbarn, Freunde, Peergroup und Fachkräfte sein. Immer jedoch sollte es so sein, dass die Teilnehmer am Unterstützerkreis von dem planenden Menschen selbst und nach eigenen Kriterien ausgewählt werden. Dies ist, wie weiter unten ausgeführt, ein möglicher „Stolperstein“11in der Durchführung. Der Unterstützerkreis stellt als informel­les Tool der Unterstützung geradezu das Herzstück der „PZP“ dar und steht als solches in Spannung zur formellen, professionellen (institutioneilen) Unterstützung. Diese Span­nung wird unter dem Punkt „Relevante hinderliche Faktoren“ zur Umsetzung der „PZP“ noch näher beschrieben.

Die bei den Mitgliedern vorhandenen, unterschiedlichen Ressourcen werden im Unter­stützerkreis gebündelt und eingebracht, wenn sie für die Hauptperson hilfreich sein kön­nen. Die Erfahrungswerte in der Umsetzung der „PZP“ zeigen auf, dass unterschiedliche Menschen auch unterschiedliche Aspekte einbringen. Einige haben ein großes Fachwis­sen, andere sind der Person emotional sehr nahe und unterstützen sie in schwierigen Situationen, weitere Unterstützer sind praktisch veranlagt oder haben Ideen, wer noch hilfreich sein kann. Diese Unterstützungsart führe, so Ines Boban, zur Umsetzung der Inklusion.

„Unterstützerkreise sind also ein Schlüsselelement des 'Lebens mit Unterstützung' zur Adaption der direkten Lebensbedingungen von Menschen mit Behinderungen, die nicht länger hinnehmen wollen, an (Sonder-) Institutionen an- und eingepasst zu werden, son­dern ein eigenes Lebenskonzept als gleichberechtigte Bürgerinnen einer Gemeinde - also Inklusion - verwirklichen möchten“ (Boban, 2007, S. 5).

Deutlich wird hier der Unterstützerkreis als informelles Hilfe- bzw. Unterstützungskon­zept als institutionskritische Alternative zu institutioneilen Hilfskonzepten definiert. Der Unterstützerkreis soll dabei möglichst stringent die folgenden Fragen als Grundsatz in den Vordergrund stellen: Wie will die betreffende Person zukünftig leben? Was möchte sie zukünftig ändern oder neu einführen? Was braucht sie und welche Bedingungen müssen erfüllt sein, explizit unabhängig von institutioneilen Bedingungen?

Die Aufgaben des Unterstützerkreises sind, die planende Person und ggf. ihre Familie bei der Zukunftsplanung zu stärken, zu ermutigen und zu unterstützen. Von den Mitglie­dern wird ein lebendiges Bild der planenden Person mit ihren Stärken und Ressourcen zusammengetragen und eine Vision von einer guten Zukunft für die Hauptperson ent­worfen. Sie unterstützen die Hauptperson darin, die für sie bedeutsamen Ziele, die sie begeistert und zur Teilhabe in der Gemeinschaft führen, herauszufinden und begleiten deren Umsetzung mit einem Aktionsplan. Dieser legt konkret die Verantwortlichkeiten und den Zeitpunkt der Erledigung fest.

Alle Mitglieder des Unterstützerkreises sollen sich parteilich, d.h. unbedingt für die Inte­ressen der planenden Person einsetzen. Besondere Beachtung sollte hier die Verteilung der Verantwortlichkeiten finden, insbesondere dann, wenn es neben informeller Unter­stützung auch um Verantwortlichkeiten geht, die von Fachleuten geleistet werden.

Die Donut-Methode als Hilfe, Verantwortlichkeiten zu konkretisieren

Als Hilfe, die Verantwortlichkeiten im Unterstützerkreis festzulegen, bietet die „PZP“ die „Donut-Methode“ an.

„Diese Methode hilft, Verantwortlichkeiten festzulegen, insbesondere in Bezug auf die der eingesetzten Fachkräfte und Organisationen“ (Sanderson, 2010, S. 7).

Die Donut-Methode unterscheidet drei Verantwortungsbereiche:

1. Bereich der Kern-Verantwortlichkeit:

Aufgaben, die Fachkräfte und Organisationen in jedem Fall übernehmen.

2. Bereich der Entscheidungsspielräume und der Kreativität:

Aufgaben, die nach eigenem Ermessen und eigener Kreativität übernommen werden können, aber nicht übernommen werden müssen.

3. Bereich außerhalb der bezahlten Verantwortlichkeit:

Aufgaben, die in jedem Fall außerhalb des bezahlten Auftrags der Fachkräfte und Organisationen liegen.

Wichtige weiterführende Fragen, die helfen, Verantwortlichkeiten im Unterstützerkreis personenzentriert abzuwägen, sind: Wie und von wem werden Entscheidungen getrof­fen? Diese Frage hilft, über Entscheidungsprozesse neu nachzudenken und den Blick darauf zu richten: Wie viel Entscheidungsspielraum oder wie viel Macht und Kontrolle hat der planende Mensch konkret in seinem Leben? Welche Möglichkeiten bieten sich von der bloßen Anwesenheit beim Planungsprozess bis hin zur selbstbestimmten, akti­ven Teilhabe? (Sanderson, 2010, S. 7-14).

3.2.3. Planformat: „Die Persönliche Zukunftskonferenz“

Die im Folgenden beschriebenen Planformate benötigen zur Durchführung als solches einen zeitlichen Rahmen zwischen 2,5 Stunden bis zu einem Tag. Da es sich hier um ein prozessorientiertes Verfahren handelt, sind mehrmalige Zusammenkünfte einzupla­nen. Das heißt jedoch nicht, dass der Prozess der Planung als solcher in dieser Zeit abzuschließen ist. Im Gegenteil, die Durchführung der Planformate bildet nur das Initial für weitere Handlungen, die sich aus den Ergebnissen der Planformate ergeben. Diese Handlungen werden aus den erarbeiteten Zielen konkret abgeleitet und stellen im Nor­malfall den größeren Teil des zu erbringenden Aufwandes bzw. Einsatzes dar. So er­streckt sich der PATH-Prozess z.B. über mindestens ein Jahr.

Die Persönliche Zukunftskonferenz oder auch Persönliche Lagebesprechung ist eine Flipchart-gestützte, gesprächsorientierte Konferenz, auch gedacht als personen­zentrierte Alternative zu einer Hilfeplanung. Es geht darum, sich gemeinsam mit dem betroffenen Menschen einen Überblick über die persönliche Situation zu verschaffen und die wichtigen Themen in seinem Leben herauszufiltern, um die daraus resultierenden wichtigen Schritte zu planen. Sie wurde von Helen Sanderson als eine personen­zentrierte Alternative zur klassischen Hilfeplanung entwickelt.

„Diese Methode ist für Menschen mit einem hohen Vertretungsbedarf geeignet“ (Doose, 2, 2013).

Wie ist die Persönliche Zukunftskonferenz aufgebaut?

Die Persönliche Zukunftskonferenz besteht aus neun Elementen, von denen jedes Ele­ment auf einem Plakat, welches im Raum aufgehängt wird, zusammengetragen wird.

Der Prozess gliedert sich in die folgenden drei Phasen:

1. Ankommen und orientieren
2. Ideen Zusammentragen
3. Aktionsplan erstellen

In der ersten Phase steht das gegenseitige Kennenlernen im Vordergrund. Zu Beginn stellen sich alle Anwesenden vor und benennen, in welcher Beziehung sie zur Haupt- person stehen. Der Moderator führt durch die Zukunftskonferenz, seine Gesprächsfüh­rung ist personenzentriert. Nun tragen die Teilnehmenden zusammen, was sie an der Hauptperson schätzen und mögen.

In der zweiten Phase werden die gegenwärtige Situation, offene Fragen und Probleme, die gelöst werden müssen, erfasst. Dabei stehen folgende Fragen im Vordergrund: Wie will die betreffende Person leben? Was braucht sie dazu? Welche Bedingungen müssen erfüllt sein, abgesehen von institutioneilen Bedingungen? Die Teilnehmenden schreiben oder malen zu jedem Thema, was ihnen dazu einfällt, auf die entsprechenden Plakate. In jedem Fall muss jedoch sichergestellt sein, dass Personen, die nicht schreiben oder lesen können, adäquate Unterstützung erhalten.

In der dritten Phase, der Aktionsplanung, werden die Ergebnisse gemeinsam gesichtet sowie Verständnisfragen geklärt. Die Anwesenden einigen sich, welche Punkte beim Er­stellen des Aktionsplanes berücksichtigt werden sollen. Wichtig ist, darauf zu achten, dass die Themen der Hauptperson in jedem Fall vorrangige Beachtung finden. Dies ist bei Menschen mit hohem Vertretungsbedarf ein sehr sensibles Thema. Im Vertretungs­falle ist es oft sehr schwierig, zwischen eigener Meinung, eigener Empfindung und dem wirklichen Anliegen der planenden Person zu unterscheiden. Hier ist besondere Sorgfalt geboten, den Willen des Menschen in Erfahrung zu bringen. Abschließend werden Ver­antwortlichkeiten und die Terminierung der zu erfüllenden Aufgaben festgehalten. Die Evaluation der erledigten Aufgaben erfolgt dann in der nächsten Zukunftskonferenz.

3.2.4. Planformat: „MAPS“ (Making Action Plans)

Ines Boban bezeichnet den MAPS - Prozess als:

„Personenzentrierte Gegenwarts-Klärung mit dem MAP-Prozess - 'Who is the person?' (Boban, 2007, o. S.)

MAPS besteht aus acht aufeinanderfolgenden Etappen, deren wesentliche Ergebnisse auf einem Plakat visualisiert werden. Bei dieser Methode geht es darum, anhand von Lebensgeschichten der betreffenden Person deren Träume, Alpträume und Stärken wahrzunehmen, um darauf aufbauend einen Aktionsplan zu erarbeiten, wie die Person in ihrer Zukunftsgestaltung weiterkommen kann. Die aus diesen Episoden entstehende Lebensgeschichte wird von einem Zeichner in Form einer Lebens-Landkarte festgehal­ten. Dieser Planungsprozess eignet sich besonders für Personen, bei denen sich eine

Veränderung wie z. B. der Übergang von der Schule ins Berufsleben oder ein Wechsel der Wohnsituation ankündigt.

Wie ist MAPS aufgebaut?

Der Moderator und der Zeichner stellen sich dem Unterstützerkreis vor, erläutern ihre Rolle und den Ablauf. Die Mitglieder des Unterstützerkreises teilen den Anderen in der Vorstellungsrunde ihre Beweggründe, sich zu engagieren, mit.

Zu Beginn werden drei Geschichten aus dem Leben der Hauptperson erzählt, die mit den anstehenden Veränderungen in Zusammenhang stehen. In der Regel erzählt die Hauptperson selbst. Kann sie dies nicht, übernimmt eine vertraute Person das Erzählen. Im weiteren Verlauf schildert die planende Person ihren Traum und beschreibt, was sie in ihrem Leben wirklich möchte. Ebenso sollte die Person etwas über ihre „Alpträume“ sagen, gemeint ist die schlimmste, schwerwiegendste, nicht gewollte Zukunftsperspek­tive, die für die Hauptperson eintreten könnte. Der Unterstützerkreis hört zu.

Der Zeichner entwickelt gemeinsam mit der planenden Person zu jedem Thema ein Bild, dass er malt, oder er notiert das Wesentliche auf den jeweiligen Plakaten. Am Schluss des Prozesses ist so eine Lebenslandkarte mit den für die planende Person wichtigsten Ereignissen entstanden.

Als nächstes tauschen sich die Anwesenden des Unterstützerkreises darüber aus, wel­che Träume sie für die Zukunft der Person haben, auch eventuelle Alpträume werden kurz angesprochen. Dann werden die persönlichen Ressourcen (Gaben) der planenden Person zusammengetragen. Aus der Sammlung werden die Schlüsselbegriffe dokumen­tiert. Im weiteren Prozessverlauf wird die Frage erörtert, welche Bedingungen notwendig sind, damit die Hauptperson ihre Gaben einbringen kann und was ihr eigener Beitrag sein kann, um den ermittelten Traum oder die ermittelten Träume zu realisieren. Die Ergebnisse werden ebenfalls auf dem Plakat festgehalten.

Abschließend wird der Aktionsplan erstellt. Dabei ist Folgendes zu bedenken:

- Gibt es Menschen, die informiert und einbezogen werden müssen?
- Nach welchen Möglichkeiten soll gesucht werden?
- Welche Veränderungen sollen ausgehandelt werden?

[...]


1 Aus Gründen der besseren Lesbarkeit wird auf die gleichzeitige Verwendung männlicher und weiblicher Sprachformen verzichtet. Sämtliche Personenbezeichnung gelten gleichwohl für beiderlei Geschlecht.

2 Die hier genannten Protagonisten der „PZP“ werden im Weiteren abgekürzt als die Vertreter der „PZP“ bezeichnet.

3 Die Verwendung von „Persönliche Zukunftsplanung“ bzw. der Abkürzung „PZP“ versteht sich in diesem engen Sinn. Wo die Bedeutung in weiterem - allgemeinem Sinne (z.B. im Sinne von Planung der persönli­chen Zukunft) vorliegt, wird dies entweder besonders erwähnt oder durch den Verzicht auf die Anführungs­zeichen deutlich gemacht.

4 Über die Bedeutung des Begriffes Institution und seiner Unterbegriffe gibt es weitreichende Erklärungen und Deutungsansätze. In dieser Ausarbeitung wird der Begriff in rudimentärer und sehr basaler Form be­nutzt. Unter institutioneller Hilfe ist hier die formelle, unter bestimmten Richtlinien tätig werdende Unterstüt- zungs- und Hilfeform in der Betreuung und Assistenz gemeint, die von speziellen Organisationen des Hil­fesystems unter Aufwendung des entsprechenden Fachpersonals geplant und angeboten wird. Als Anti­pode dazu können die privaten und informellen Hilfeleistungen durch Familie, oder Freunde gesehen wer­den. In Abgrenzung zur Institution wird der Begriff Organisation für den konkreten Anbieter (Firma oder Einrichtung) benutzt. Eine grundlegende und positivistische Darstellung zum Thema Institutionen liefert: Robert Seyfert, Das Leben der Institutionen, 2011. Re-Institutionalisierung vertritt Andreas Brachmann in Re-Institutionalisierung statt De-Institutionalisierung in der Behindertenhilfe, 2011. Kritik führen z.B. Johan­nes Schädler in: Stagnation oder Entwicklung in der Behindertenhilfe?, 2003 und Pascal Kistner in: Vom Auszug aus den Institutionen, 2009.

5Doose, Kan und Göbel haben 1999 ein Buch mit dem Titel: „Zukunftsweisend: Peer Counseling & Persön­liche Zukunftsplanung“ herausgebracht. (Doose, Kan und Göbel, 1999) Markanter Weise führt es den Begriff „Zukunftsweisend“ als Bestimmung von Peer Counseling und PZP im Titel. (Zur Entwicklung vlg. auch: Gö­bel, Ingiualla, Jahns, Stephan, 2010, S. 55-72)

6 Anmerkung zur Begrifflichkeit: Die Begrifflichkeit, wie man den momentanen Status eines Menschen, der von Behinderung betroffen ist, als zusammenfassende Kategorie verwenden kann oder darf, ist - zu Recht - umstritten. In dieser Publikation werden die Begriffe „Menschen mit Behinderung“, „Behinderte Menschen“, „Menschen mit Beeinträchtigung“ und „Menschen, die von Behinderung betroffen sind“ (und andere), syno­nym und im allgemeinen Sinn verwendet. Nur dort, wo der Zusammenhang es erforderlich macht, wird nach Art der Behinderung die betroffene Gruppe weiter differenziert, zum Beispiel in Begriffen wie „Menschen mit Lernschwierigkeiten“, „Menschen mit geistiger Behinderung“ usw. Die Entscheidung, die Begriffe offen und nicht stringent zu verwenden, soll die nicht vorhandene Fixierung auf einen Bedeutungsgehalt von Behin­derung unterstreichen. Immer und in jedem Fall unterstellen die Autoren der Verwendung der Begriffe eine wertschätzende Haltung. In keinem Fall haben sie die Intention der Diskriminierung oder Stigmatisierung. Eine tiefergehende Diskussion zum Begriff „Behinderung“ kann hier nicht geführt werden. Zur weiteren In­formation wird auf folgende Publikationen zum Thema verwiesen:

Günther Cloerkes: Soziologie der Behinderten, Eine Einführung, Universitätsverlag Winter Markus Dederich; Wolfgang Jantzen: Behinderung und Anerkennung, Kohlhammer SGB, Rechtliche Definition: § 2 Absatz 1 Sozialgesetzbuch IX

WHO, Internationale Klassifikation der Funktionsfähigkeit, Behinderung und Gesundheit (ICF)

7 Judith Snow hat eine eigene Webseite: http://judithsnow.org/

8 Bundesverband für körper- und mehrfachbehinderte Menschen e.V. http://www.bvkm.de/arbeitsbereiche- und-themen/weiter-denken-zukunftsplanung.html

9Aber auch Gruppen oder Einrichtungen können mit der „PZP“ beraten und unterstützt werden, die eigene Zukunft besser zu planen.

10 Personenzentriert wird der Ansatz deshalb genannt, weil nach diesem Ansatz der Mensch als selbstbe­stimmende und gleichberechtigte Person gesehen wird. Das in ihm wohnende Potential zur Persönlichkeits­entwicklung und konstruktiven Gestaltung seines Lebens, als auch seine Würde als Individuum machen ihn zum Subjekt und nicht etwa zum Objekt der heilpädagogischen Begegnung. Er ist Experte in eigener Sache und jede Aktion und Handlung geht selbstbestimmt von ihm aus. Seine Interessen und sein Wille sind kon­stituierend für jegliche Hilfeleistung.

11Mit Stolpersteine werden in den Veröffentlichungen zur „PZP“ oftmals die störenden, hindernden oder vereitelnden Einflüsse benannt.

Ende der Leseprobe aus 101 Seiten

Details

Titel
Persönliche Zukunftsplanung. Ein personenzentriertes Konzept mit Zukunft?
Untertitel
Ein Diskurs zur „Persönlichen Zukunftsplanung“ als mögliches Initial zu einem veränderten Selbstverständnis in der Heilpädagogik unter dem Blickwinkel von Inklusion und Empowerment
Hochschule
Fachhochschule der Diakonie GmbH
Note
1,0
Autoren
Jahr
2013
Seiten
101
Katalognummer
V270871
ISBN (eBook)
9783656618416
ISBN (Buch)
9783656618409
Dateigröße
19431 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Bewertung: Um jemandem einen Überblick über den Stand der Diskussion über PZP in Deutschland insbesondere in ihrer Relevanz für die Behindertenhilfe zu geben, empfehlen wir diese Arbeit als Literatur. Die Arbeit ist umfassend eruiert, im Text verständlich und sehr gut zu lesen. Die Literatur wurde umfassend gesichtet und der Fragestellung wird darüber hinaus mit qualitativen Interviews nach-gegangen sowie mit der Lupe eines ‚best practice‘-Beispiels betrachtet, so dass die Verfasser fundierte Antworten auf ihre Eingangsfrage geben konnten.
Schlagworte
Persönliche Zukunftsplanung, personenzentriertes Konzept, Inklusion, Empowerment, Heilpädagogische Haltung, UN Menschenrechtskonvention, Behindertenhilfe, Selbstbestimmung, Bachelorarbeit, Abschlussarbeit Heilpädagogik, Silke Gaube, Manfred Felder, Prof. Dr. Heidrun Kiessl, Eckehard Herwig-Stenzel, Fachhochschule der Diakonie, 2013
Arbeit zitieren
Silke Gaube (Autor:in)Manfred Felder (Autor:in), 2013, Persönliche Zukunftsplanung. Ein personenzentriertes Konzept mit Zukunft?, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/270871

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