Erotische Lyrik bei Christian Hoffmann von Hoffmannswaldau


Seminararbeit, 2012

21 Seiten, Note: 2,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

I Literatur- und Sozialgeschichte der barocken Spätzeit
1. Der Manierismus
2. Der galante Stil

II Die Lyrik Christian Hoffmann von Hoffmannswaldaus
1. Biografie und Überlieferung
2. Die weltlichen Dichtungen
2.1. Die galante bzw. erotische Lyrik bei Hoffmannswaldau
2.1.1. Die Sonette

III  Abschließende Betrachtung: Erotische Dichtung als literarische Emanzipation

IV Textanhang

V Literaturverzeichnis
1. Texte und Quellen
2. Forschungsliteratur

I Literatur- und Sozialgeschichte der barocken Spätzeit

Zum Ende des 17. Jahrhunderts verlor die barocke Lyrik in Deutschland an Einheitlichkeit und spal­tete sich im Wesentlichen in zwei Gegenbewegungen auf.[1] Eine dieser Tendenzen trug manieris­ti­sche Züge nach dem Vorbild barocker und manieristischer Literatur aus Italien und Spanien, die an­dere strebte eine Rückkehr zu einem klassizistischen Mittelmaß und eine sprachliche Angleichung an die Prosa an, wobei hierbei der Französische Klassizismus als Ideal diente. Lediglich die Rheto­rik blieb als anerkannte Grundlage der Poesie beständig.[2]

Die Weiterentwicklung der zu Beginn des Jahrhunderts erneuerten deutschen Vers- und Dichtungs­sprache war vor allem für die manieristische Literatur von großer Bedeutung. Unter anderem trugen die Werke August Buchners und Philipp von Zesens, welche die Opitzsche Dichtungsreform um eine Legitimation des Daktylus, systematische Erfassungen von Versformen und Eindeutschungen antiker Verse durch Mischformen der Betonung erweiterten,[3] zu einer neuen deutschen Dichtungs­sprache bei. Deren Biegsamkeit und Metaphernreichtum näherte sich dem Italienischen an und schuf so neue Ausdrucksmöglichkeiten.[4]

Christian Hoffmann von Hoffmannswaldaus weltliche Lyrik als Vertreter und Vorbild manieris­ti­scher Literatur der barocken Spätzeit soll in dieser Arbeit näher untersucht werden. Nach einer Ab­handlung über die im Folgenden verwendeten Begriffe „Manierismus“ und „galante Lyrik“ werde ich mit Hinblick auf die Vita und Überlieferungsgeschichte Hoffmannswaldaus eine genauere Un­tersuchung seiner erotischen bzw. galanten Dichtungen, insbesondere der Sonette, vornehmen.

1. Der Manierismus

„Manierismus“ bezeichnete ursprünglich eine Übergangsform der bildenden Kunst zwischen Re­naissance und Barock. Durch den Romanisten Ernst Robert Curtius wurde er auf die späte, anti­klassische Barocklyrik ausgeweitet und bekam den universellen Charakter einer gekünstelten, pa­the­tischen, reich verzierten, überladenen Kunstform.[5]

Die manieristische Lyrik ist gekennzeichnet von esoterisch-spielerischen Verschlüsselungen und der konzeptionistischen Ausrichtung auf geistreich zugespitzte Wort- und Gedankenspiele, doppel­deu­tige Bilder bzw. Metaphern, überraschende Einfälle oder Wendungen, welche ihrer Herkunft aus dem Marinismus nach unter dem Begriff concetti zusammengefasst werden können.[6] In der häufig als überkünstelt und überladen beschriebenen Sprache finden sich eine Vielzahl an dunklen Worten, gesuchten Bildern und reiche rhetorische Figuren wie Hyperbeln, Synästhesien, Oxymora oder Kon­trastierungen durch geistreiche Antithesen. Begriffe werden meist metaphorisch oder als kunst­volle Chiffren verwendet, es häufen sich Sinnbilder, Begriffs- und Wortspiele, gesuchte Umschrei­bungen und sprachliche Verzierungen. Neben der Vermittlung von starkem Pathos besitzt der ma­nie­ristische Stil einen intellektualistischen Anspruch, er verwendet Fremdwörter, gelehrte Anspie­lungen auf die antike Mythologie und sogar lateinische Satzelemente.[7] Ein elliptisches Auslassen von implizit ausgedrückten oder vorausgesetzten Prämissen demonstriert zusätzlich die Spannweite des sprachlichen Ausdrucks.[8] Dieser stark gestaltete Charakter lässt manieristische Lyrik sozial ex­klusiv werden. Sie richtet sich an gebildete Leser, welche durch umfangreiche Bildung und rheto­ri­sche Schulung das Vermögen besitzen, die concetti zu entschlüsseln.[9]

Manieristische Lyrik strebt nach immer neuen Reizen und führt ihre akrobatische Sprachartistik de­monstrativ vor. Scharfsinnig erdachte, intellektuelle Metaphorik soll ihre Vorbilder übertrumpfen, statt nur nachzuahmen.[10] Dieses im Barock nicht unübliche Prinzip des monstrare l'arte, eine ge­wisse ´Zeigelust` provoziert bei dem Rezipienten meraviglia und stupore: Erstaunen und Bewunde­rung für die Kunstfertigkeit des Dargestellten und damit auch seines Urhebers.[11]

Die Ausrichtung auf sprachliche Effekte geht jedoch oft auf Kosten der Wortbedeutung oder des In­halts[12] und führt zu einer gewissen Verselbstständigung der formalen Mittel. Die Masse an Tropen ist nicht immer dem Gegenstand entsprechend, welcher, oft aus dem erotischen Themenfeld stam­mend, eher niederen Stils ist und dadurch keine sachliche Notwendigkeit einer solchen Kunstspra­che herstellt. Das Ergebnis ist das am Manierismus viel kritisierte „Übermaß an Kunst“, ein Un­gleich­gewicht zwischen Inhalt und Intensität der Figur bzw. die Selbstbezogenheit der Kunst­spra­che.[13]

Dennoch begreifen sich die Autoren des Manierismus nicht als Gegenbewegung zum Klassizismus, sondern eher als seine Weiterentwicklung durch Häufung, Dehnung und Intensivierung der ver­wend­eten Mittel. Literarhistorisch geschieht hierbei eine Art Geschmacksverschiebung, welche ein anderes Verständnis vom aptum und decorum besitzt, ihren Schwerpunkt von delectare zu docere wechselt und innerhalb der rhetorischen Tradition die elocutio der inventio vorzieht.[14]

2. Der galante Stil

Wie schon eingangs erwähnt, nahm ab der Mitte des 17. Jahrhunderts auch der französische Ein­fluss auf die deutsche Literatur zu. Zum Ende des Jahrhunderts hatte sich eine an Frankreich orien­tierte höfische Kultur durchgesetzt, welche sich auf viele Gesellschaftsbereiche ausweitete. „Galan­terie“ wurde Teil eines männlichen Idealbildes und gleichzeitig zum Stilideal in Literatur und Kunst.[15] Benjamin Neukirch, der Verfasser der Anthologie „Herrn von Hoffmannswaldau und and­rer Deutschen auserlesene und bißher ungedruckte Gedichte“[16] überschrieb die bis dato unveröffent­lichte Lyrik Hoffmannswaldaus mit „Galante Gedichte“. Diese nachträgliche Bezeichnung ist aus der zeitgenössischen Mode ent­standen: Hoffmannswaldau selbst verwendete diesen Begriff nicht. Mit dieser nachträglichen Einordnung bzw. Wertung schuf Neukirch eine Verbindung vom aktuellen Zeitgeist, später auch bezeichnet als ´Zweite Schlesische (Dichter-)Schule`, und dem hier hinein­wir­kenden Vorbild Hoffmannswaldau. Dass Hoffmannswaldau die Entwicklung des galanten Stils mit seiner Lyrik beeinflusst und vorbereitet hat, ist unumstritten. Nachfolgende galante Dichter orientierten sich an Teilen seiner Werke, verwendeten sie als Muster und Grundlage für eigene (ihn teils parodierende, teils nacheifernde) Gedichte. Darüber hinaus sollte man aber in Betracht ziehen, dass der hoffmannswaldausche Einfluss nur einen von vielen Aspekten darstellt und neben der fran­zösischen Galanterie weitere literarische Entwicklungen außerhalb Schlesiens den galanten Stil ge­prägt haben.[17]

In seiner „Anweisung zu Teutschen Briefen“ von 1721 beschreibt Neukirch die Galanterie in Brie­fen als „nichts anders, als eine vermengung der scharffsinnigen, lustigen und satyrischen styli“ be­ziehungsweise „eine schreib-art, welche so wohl im ernste, als im schertze das maß hält, und den leser auf eine ungemeine art nicht allein ergötzet, sondern auch gleichsam bezaubert“[18]

Er bezeichnet hierbei einen mittleren, leicht verständlichen, aber einfallsreichen Stil mit - im Ge­gen­satz zum Manierismus – mäßigem Ornatus und „Anmut“ in Bildgebrauch, Form und Rhythmus, welche sich unter anderem darin zeigt, dass neben dem Alexandriner auch freiere, leichtere Reim­arten verwendet werden.[19] Dennoch finden sich eine Vielzahl an Gemeinsamkeiten mit manieris­tischer Lyrik. Auch galante Dichter arbeiten mit „lustige[n] einfällen und scharfsinnige[n] gedan­cken“[20], um dem Rezipienten die Kunstfertigkeit des Dichters zu demonstrieren, sie treffen mehr­deutige Aussagen, verstellen oder simulieren Affekte[21], sodass sie „ernsthaffte dinge schertzend, und schertzhaffte ernstlich zu sagen wissen“[22]. Ebenso setzen sie eine umfassende Bildung des galanten Dichters oder Briefstellers voraus, zu dem „nicht nur ein herrliches ingenium, sondern auch ein gu­tes judicium, vor allen dingen aber ein hurtiger geist gehöret“[23]: Die Bedeutung des docere rückt da­gegen in den Hintergrund: „wenn mann gelehrte dinge […] mit einmenget, so muß man sie lustig fürbringen, oder doch mit lächerlichen einfällen unterspicken“ und „alles […] meiden, was entwe­der nach kunst oder regeln schmecket. Denn so bald man mercket, daß der schreiber darauf studiret; so ist der stylus nicht mehr galant“[24]

Im galanten Stil ist wie beim Manierismus kein Traditionsbruch oder Neubeginn der neuzeitlichen Dichtung zu sehen, sondern eine Zurücknahme und Dämpfung von herkömmlichen Themen und Mo­tiven. Inhaltlich beschränken sich alle literarischen Erzeugnisse des galanten Stils auf die - vor allem heitere – Liebe, welche weitgehend vom barocken memento mori entkleidet ist. Sie äußert sich spielerisch, scherzhaft und teilweise explizit sexuell, bleibt aber stets bei unverfänglicher Mehr­deutigkeit. In den literarischen Formen spiegelt sich die Funktion dieses Stils: Scherzhafte Liebesgedichte, Opern, Kantaten, Arien und Oden dienen vormals der gesellschaftlichen Unter­hal­tung.[25]

II Die Lyrik Christian Hoffmann von Hoffmannswaldaus

1. Biografie und Überlieferung

Der 1617 geborene Christian Hoffmann von Hoffmannswaldau stammte aus einer angesehen Bres­lauer Familie, deren Oberhaupt 1612 geadelt wurde. Die gehobene Stellung seines Vaters ermög­lichte ihm nach der Schulzeit in Breslau und Danzig ein Jurastudium in der Universitätsstadt Leiden und eine anschließende Bildungsreise. Bei seinen Aufenthalten in den Niederlanden, England, Frank­reich und Italien kam er unter anderem in Kontakt mit der galanten französischen Dichtung und der Literatur des italienischen Dichters Giambattista Marinos.1641 kehrte er in seine Geburts­stadt zurück und übernahm nach einer 1643 erfolgten Eheschließung angesehene Ämter im Stadt­regiment.[26] Zeitgleich ist auch der Beginn von Hoffmannswaldaus literarischer Tätigkeit zu veror­ten, welche er „zu seinem und seines Freundeskreises Vergnügen“[27] betrieb und durch die sozial ge­sicherte Lage als Sohn eines geadelten Beamten ermöglicht wurde. Diese Stellung zwischen zwei Ständen, in seiner späteren Tätigkeit als Ratsherr verfestigt, mag ebenso wie die Bildungsreise für seine Lyrik bedeutend gewesen sein. Hoffmannswaldau erlebte eine gesellschaftliche Wandlung in Schlesien mit, welche ein neues „weltmännisches“ Lebensideal – ähnlich dem Ideal des galanten Dichters – hervorbrachte, soziale Schranken innerhalb der Städte durchlässiger werden ließ und seinen Ursprung unter anderem in einer irdisch ausgerichteten Bildung hatte.[28]

[...]


[1] Meid, Volker: Das 17. Jahrhundert. In: Hinderer, Walter (Hg.): Geschichte der deutschen Lyrik vom Mittelalter bis zur Gegenwart. Würzburg, 2001, S. 120.

[2] Meid, Volker: Barocklyrik. Sammlung Metzler Band 227, Stuttgart, 1986, S. 117f.

[3] Vgl. Ebenda, S. 49ff.

[4] Meid, Volker: Das 17. Jahrhundert, S. 121.

[5] Beil-Schickler, Gudrun: Von Gryphius bis Hofmannswaldau. Untersuchungen zur Sprache der deutschen Literatur im Zeitalter des Barock. Tübingen (u.a.), 1995, S. 34.

[6] Ebenda.

[7] Ebenda, S. 34f.

[8] Ebenda, S. 39.

[9] Ebenda, S. 35.

[10] Beil-Schickler, Gudrun: Von Gryphius bis Hofmannswaldau, S. 37f.

[11] Zymner, Rüdiger: 'Liebliche Artistik' bei Hoffmann von Hoffmannswaldau. In: Borgstedt, Thomas (Hg.): Der galante Diskurs. Kommunikationsideal und Epochenschwelle. Arbeiten zur neueren deutschen Literatur 6,  Dresden, 2001, S. 351.

[12] Beil-Schickler, Gudrun: Von Gryphius bis Hofmannswaldau, S. 35.

[13] Vgl. Ebenda, S. 37f.

[14] Vgl. Ebenda, S. 40f.

[15] Meid, Volker: Barocklyrik, S. 126.

[16] Meid, Volker: Das 17. Jahrhundert, S. 163.

[17] Vgl. Meid, Volker: Barocklyrik, S. 127.

[18] Wiedemann, Conrad (Hg.): Der galante Stil. 1680-1730. Deutsche Texte Nr. 11, Tübingen, 1969, S. 40.

[19] Meid, Volker: Barocklyrik, S. 127.

[20] Wiedemann, Conrad (Hg.): Der galante Stil, S. 36.

[21] Vgl. Ebenda, S. 35.

[22] Ebenda, S. 42.

[23] Ebenda, S. 40f.

[24] Ebenda, S. 42.

[25] Vgl. Meid, Volker: Barocklyrik, S. 128.

[26] Vgl. Beil-Schickler, Gudrun: Von Gryphius bis Hofmannswaldau, S. 96f.

[27] Meid, Volker: Das 17. Jahrhundert, S. 121.

[28] Vgl. Heiduk, Franz: Die Dichter der galanten Lyrik. Studien zur Neukirchschen Sammlung. München (u.a.), 1971, S. 194f.

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Details

Titel
Erotische Lyrik bei Christian Hoffmann von Hoffmannswaldau
Hochschule
Humboldt-Universität zu Berlin  (Institut für deutsche Literatur)
Veranstaltung
Lyrik des Barock
Note
2,0
Autor
Jahr
2012
Seiten
21
Katalognummer
V271214
ISBN (eBook)
9783656632177
ISBN (Buch)
9783656632153
Dateigröße
580 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Hoffmannswaldau, Erotische Lyrik, Manierismus, Sonett, Galante Dichtung
Arbeit zitieren
Vivien Lindner (Autor), 2012, Erotische Lyrik bei Christian Hoffmann von Hoffmannswaldau, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/271214

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