Das Frauenbild der Femme fatale in der Décadence

Vergleich der Salome-Darstellung in Joris-Karl Huysmans „Gegen den Strich“ mit Thomas Manns Gerda von Rinnlingen in „Der kleine Herr Friedemann“


Hausarbeit, 2010
23 Seiten, Note: 2,0

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Die Décadence
2.1 Eine Literaturströmung des Fin de siécle
2.2 Kennzeichen und Motive
2.3 Das Frauenbild der Femme fatale
2.3.1 Femme fatale als Reaktion auf die Emanzipation
2.3.2 Femme fatale als mächtiges Naturwesen
2.3.3 Verbindung von Eros und Gewalt

3. „Gegen den Strich“ als Bibel der Décadence
3.1 Salome-Gemälde von Gustave Moreau
3.2 Huysmans Salome als Femme fatale

4. Thomas Mann – ein Décadent?
4.1 „Der kleine Herr Friedemann“
4.1.1 Gerda von Rinnlingen als Femme fatale
4.1.2 Vergleich Gerda von Rinnlingens und Huysmans Salome

5. Fazit

Literaturverzeichnis

Anhang

1. Einleitung

Die literarische Strömung der Décadence im Fin de siécle war geprägt von Endzeitstimmung und Untergangsbewusstsein. Bürgerliche Werte hatten ihre Bedeutung verloren, neue Werte wie die Emanzipationsbestrebungen der Frau führten bei Künstlern zu Unsicherheiten und Minderwertigkeitsgefühlen. In der Literatur äußerte sich dieses Unbehagen unter Anderem in der Faszination für verhängnisvolle Frauenfiguren. Mythologische und biblische Frauenmotive wie Helena, Eva, Herodias und vor allem Salome wurden in der Décadence von vielen Künstlern neu bearbeitet und zu fatalen Schönheiten stilisiert, die durch ihre Anziehungskraft Männern zum Verhängnis wurden.

In der vorliegenden Hausarbeit befasse ich mich mit eben diesem Frauenbild, der Femme fatale in der Décadence, sowie mit seinen Ursachen und Funktionen. Dabei zeige ich auf, dass dieses Frauenmotiv sich nicht nur bei typischen Dekadenzdichtern wie Joris-Karl Huysmans findet, sondern auch bei einem deutschen und scheinbar bürgerlichen Autor wie Thomas Mann. Dazu werde ich nach den theoretischen Grundlagen zunächst auf die Salome-Darstellung in Huysmans Roman „Gegen den Strich“ eingehen und aufzeigen, inwiefern diese prototypisch für das Frauenbild der Femme fatale ist. Ausgehend davon werde ich untersuchen, ob die Figur Gerda von Rinnlingen in Manns Novelle „Der kleine Herr Friedemann“ diesem Frauenbild entspricht. Abschließend werde ich in einem Vergleich auf Gemeinsamkeiten und Unterschiede der beiden Frauenfiguren eingehen und dabei der Frage nachgehen, welche Funktionen die Femme fatale jeweils bei Huysmans und bei Mann erfüllt.

Ziel dieser Arbeit ist es, aufzuzeigen, inwiefern das Frauenbild der Femme fatale in der Dekadenzliteratur eine Reaktion der Künstler auf die gesellschaftlichen Verhältnisse um die Jahrhundertwende war.

2. Die Décadence

2.1 Eine Literaturströmung des Fin de siécle

Das Fin de siécle ist eine Kultur- und Literaturepoche, die etwa von 1880 bis 1914 datiert werden kann. Die französische Bezeichnung bedeutet „Ende des Jahrhunderts“ und bezieht sich auf die Endzeitstimmung und den Kulturpessimismus, die bei Künstlern mit dem Ende des 19. Jahrhunderts einhergingen[1]. Ausgelöst wurde diese Stimmung durch gesellschaftliche Veränderungen wie die zunehmende Technisierung, Industrialisierung und Verstädterung, die die Künstler verunsicherten.[2] Frühere traditionelle Werte waren nicht mehr gültig, das Individuum fühlte sich verloren und konnte seine Identität nicht mehr klar definieren. In der Literatur äußerte sich das durch die Thematisierung von Untergang und Verfall. Es entstanden verschiedene, sich überschneidende Stilrichtungen wie z. B. der Symbolismus, der Impressionismus, sowie die Décadence, die sich alle als Gegenbewegungen zur „ästhetisch verarmten Industriegesellschaft“[3] verstanden. Gemeinsam war ihnen dabei die Ablehnung des Naturalismus. Es stand nun nicht mehr die Außenwelt, sondern die Psyche des Individuums für die Künstler im Vordergrund.[4]

Der Begriff „Décadence“ (mlat. decadentia = Verfall, Niedergang, Entartung)[5] bezog sich ursprünglich auf den Untergang des Römischen Reiches. Im Fin de siécle wurde die Verfallsthematik jedoch positiv umgewertet. Der Verfall wurde nun als liebenswert betrachtet, da er das geschwächte Individuum sensibler und empfänglicher für neue Reize machte.[6] Im Folgenden skizziere ich die typischen Kennzeichen und Motive dieser Literaturströmung.

2.2 Kennzeichen und Motive

Die Werke der Dekadenzdichtung sind alle durch ähnliche Motive gekennzeichnet. Laut Rasch, thematisierten die Décadents nur selten den gesellschaftlichen und moralischen Niedergang einer geschichtlichen Epoche. Auch wenn sie den Verfall „als allgemeines Schicksal einer Spätzeit verstanden“[7], stellten sie ihn doch meistens am Beispiel einzelner Menschen oder Familien dar. Die Protagonisten sind dabei meistens geschwächte Menschen mit wenig Lebensenergie und schwachen Nerven, wobei die Grenze zwischen Schwäche und Krankheit of unscharf ist.[8] Die geringe Lebensenergie des Décadent ergibt sich daraus, dass er sein Dasein als öde und sinnlos empfindet. Der monotone Alltag erscheint ihm banal. Geprägt von Welthass und der daraus resultierenden Willensschwäche bewegt er sich passiv am Rande der Gesellschaft und ist mehr Zuschauer als Handelnder. Diese Lebensferne und Isolierung bildet das nächste typische Motiv. Die Unfähigkeit sich der entfremdeten Wirklichkeit anzupassen und die zunehmende Beziehungslosigkeit unter den Menschen in den Großstädten trieben Künstler in die freiwillige Isolierung.[9] Denn Vereinsamung und Selbstentfremdung wurden von ihnen als notwendige Lebenserfahrung gesehen.[10]

Ein weiteres Motiv bildet die bereits erwähnte Verfallsdarstellung. Die Décadents akzeptierten den Tod als Teil des Lebens,[11] was zu Ambivalenzen führte. Einerseits wurde das sinnliche Leben in all seiner Pracht geschätzt, andererseits sahen die Künstler auch stets die Vergänglichkeit darin. Daraus erklärt sich ihre Vorliebe für die Darstellung von Edelsteinen und Edelmetallen, denn diese sind, im Gegensatz zum menschlichen Körper, unvergänglich.

Das führt zum nächsten Motiv; der Künstlichkeit und Naturfeindschaft. Die Décadents lehnten alles Natürliche ab und ersetzten es durch Künstlichkeit, da die Kunst für sie der Natur überlegen war.[12] Sie teilten das Kunstverständnis des Ästhetizismus, wonach Schönheit der höchste aller Werte ist.[13] Aus der Vorliebe für die Künstlichkeit entstand auch die für dekadente Autoren typische Figur des Dandys. Dieser zeichnet sich aus durch eine künstliche, selbst geschaffene Aristokratie, einen exklusiven Kleidungsstil und eine bewusste Selbstinszenierung, die ihn vom Bürgertum abhob, ihm aber genauso Ansehen verschaffte.[14]

Ausgehend von den bisher genannten Motiven ergibt sich schließlich noch das Motiv der Reizsucht. Durch ihre erhöhte Sensibilität für ästhetische Reize entwickelten die Décadents geradezu eine Sucht nach neuen, ungewöhnlichen Eindrücken. Wegen ihrer ermüdeten Nerven, mussten es schließlich immer stärkere Reize sein, um eine Wirkung zu erzielen.[15]

Die Femme fatale war ein solcher Reiz. Die schwachen Sinne der Künstler verlangten nach einem exotischen, amoralischen und gefährlichen Frauenbild, da nur das Extreme sie noch erregen konnte. Zugleich spiegeln sich darin auch ihre Frauenfeindlichkeit und die Ablehnung gegenüber der bürgerlichen Gesellschaft wider.[16] Im Folgenden gehe ich auf dieses Frauenbild ein und erörtere seine Ursachen und Funktionen.

2.3 Das Frauenbild der Femme fatale

Die Femme fatale des Fin de siécle war keine Abbildung der historischen Wirklichkeit, sondern viel mehr ein Gedankenkonstrukt, mit dem verschiedene Assoziationen verbunden waren.[17] Sie entsprang der kollektiven Phantasie und war Wunsch- und Angstbild zugleich. Daraus ergeben sich die Widersprüchlichkeiten dieser Figur, denn sie ist gleichzeitig Wunschprodukt sexueller Phantasien und Abwehrprojektion des Mannes.[18]

Zunächst gilt es eine Definition der Femme fatale aufzustellen. Aufgrund der Ambivalenz dieser Figur, kann diese jedoch nur vage und allgemein bleiben. Hilmes folgt deshalb einer „Minimaldefiniton“, die sich an den Klischees dieses Frauenbildes orientiert. Demnach ist eine Femme fatale „eine meist junge Frau von auffallender Sinnlichkeit, durch die ein zu ihr in Beziehung geratender Mann zu Schaden oder zu Tode kommt“[19]. Dabei werden stets ihre Verführungskünste und ihre Sexualität hervorgehoben, die sie bewusst nutzt, um ein bestimmtes Ziel zu erreichen.[20] Gerhard Stein hat in seiner Definition der Femme fatale mögliche gesellschaftliche Ursachen für die Beliebtheit dieses Frauenbildes im 19. Jahrhundert aufgeführt:

[…] Der Emanzipationsanspruch, den Frauen erstmals im 19. Jahrhundert nachhaltig anmelden, spielt als Folie für die Herausbildung der Femme fatale eine wichtige Rolle, denn dieser Anspruch wurde als eine unerhörte Bedrohung empfunden; auf eine merkwürdige Weise korrespondieren die realen Gleichheitsforderungen der Blaustrümpfe und Frauenrechtlerinnen mit der irrealen Figur der Femme fatale, die als eine Antwort auf die neuen gesellschaftlichen Tendenzen zu verstehen ist, obwohl sie nicht auf der Straße, sondern ausschließlich in der Literatur, der Malerei und der Oper anzutreffen ist. Neu ist aber vor allem die dekadente Verfassung der Femme fatale: sie bietet in maliziöser Genüßlichkeit den Tod als ein hocherotischen Opfergang und die Liebe als ein zerstörerisches Herrschaftsritual dar.[21]

Es wird deutlich, dass die Femme fatale keine eindeutige Gestalt war, sondern aus verschiedenen Perspektiven betrachtet werden muss.

2.3.1 Femme fatale als Reaktion auf die Emanzipation

Wie alle anderen Motive der Dekadenzdichtung ist auch die Femme fatale eine Reaktion auf die gesellschaftlichen Veränderungen um die Jahrhundertwende. Die Industrialisierung veränderte von Grund auf die meisten Lebensbereiche. Neue Klassen wie die Bourgeoisie, das Großbürgertum und das Finanzbürgertum entstanden. Die sozialen Unterschichten forderten aufgrund von Wirtschaftskrisen mehr Mitbestimmungsrecht. Im Zuge des Liberalismus wurden auch die Forderungen der Frauen nach mehr Gleichberechtigung öffentlich. Zu diesem Zeitpunkt hatten sie keinerlei Rechte und unterstanden zuerst der Vormundschaft ihres Vaters und dann der ihres Ehemanns. Je nachdem, welcher Schicht die Frau angehörte, hatte sie einen festen Tagesablauf, der sich auf die Ausübung ihrer häuslichen Pflichten beschränkte, denn die außerhäusliche Erwerbsarbeit war ihr verboten. In erster Linie repräsentierte sie den Status und Stand ihres Ehemanns. Mit der einsetzenden Liberalisierung und mit der darauf folgenden Februarrevolution 1848 in Frankreich entstand schließlich die Frauenbewegung. Sie kämpfte für die Gleichstellung im Zivilrecht, unabhängige gesellschaftliche und politische Betätigung und gleiche Bildungschancen. Die Industrialisierung ermöglichte es den Frauen außerdem, erwerbstätig zu sein, so dass auch arbeitende Frauen schließlich alltäglich wurden.[22]

[...]


[1] Vgl.: Metzler Literatur Lexikon. Begriffe und Definitionen. Hrsg. von Dieter Burdorf, Christoph Fasbender, Burkhard Moennighoff. Begr. v. Gunther u. Irmgard Schweikle. Stuttgart³ 2007.

[2] Vgl. Sandra Walz: Tänzerin um das Haupt. Eine Untersuchung zum Mythos „Salome“ und dessen Rezeption durch die europäische Literatur und Kunst des Fin de siécle. München 2008, S. 116.

[3] Lissy Winterhoff: Ihre Pracht muß ein Abgrund sein, ihre Lüste ein Ozean. Die jüdische Prinzessin Salome auf der Bühne der Jahrhundertwende. Würzburg 1998, S. 57.

[4] Vgl. ebd., S. 57 – 59.

[5] Metzler Literatur Lexikon. Begriffe und Definitionen. Stuttgart³ 2007.

[6] Vgl. Rasch: Die literarische Décadence um 1900. München 1986, S. 19 – 23.

[7] Ebd., S. 38.

[8] Vgl. ebd.

[9] Vgl. ebd., S. 101.

[10] Vgl. Walz: Tänzerin um das Haupt, S. 117.

[11] Vgl. ebd., S. 118.

[12] Vgl. Rasch: Die literarische Décadence um 1900, S. 46 – 47.

[13] Vgl. ebd., S. 58.

[14] Vgl. ebd., S. 53 – 54.

[15] Vgl. ebd., S. 64 – 65.

[16] Vgl. Walz: Tänzerin um das Haupt, S. 124.

[17] Vgl. Carola Hilmes: Die Femme fatale. Ein Weiblichkeitstypus in der nachromantischen Literatur. Stuttgart 1990, S. 4.

[18] Vgl. ebd., S. 65.

[19] Ebd., S. 10.

[20] Vgl. ebd., S. 68.

[21] Gerhard Stein (Hrsg.): Femme fatale. Vamp. Blaustrumpf. Sexualität und Herrschaft. Vorwort. Frankfurt am Main 1985, S. 12.

[22] Vgl. Winterhoff: Ihre Pracht muss ein Abgrund sein, S.35 – 43.

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Details

Titel
Das Frauenbild der Femme fatale in der Décadence
Untertitel
Vergleich der Salome-Darstellung in Joris-Karl Huysmans „Gegen den Strich“ mit Thomas Manns Gerda von Rinnlingen in „Der kleine Herr Friedemann“
Hochschule
Universität Bremen
Note
2,0
Autor
Jahr
2010
Seiten
23
Katalognummer
V271606
ISBN (eBook)
9783656634478
ISBN (Buch)
9783656634461
Dateigröße
594 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Huysmans, Gegen den Strich, Salome, Décadence, Fin de Siécle, Femme Fatale, Thomas Mann, Der kleine Herr Friedemann
Arbeit zitieren
Elena Schefner (Autor), 2010, Das Frauenbild der Femme fatale in der Décadence, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/271606

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