In den Wirtschaftswissenschaften nun war die Geschichte und die Darstellung historischer Entwicklungen lange Zeit eine wichtige Komponente, doch hat sich dies stark geändert. Gerade in der universitären Lehre hat die Geschichte der Wirtschaftswissenschaft, die Geschichte des wirtschaftlichen Denkens, heute kaum noch Platz, sodass, wer heute Wirtschaftswissenschaft studiert, in erster Linie Mathematik und Statistik büffeln muss, aber wenig von den philosophischen Vorannahmen dieser Wissenschaft erfährt. Aus einer eher geistes- und sozialwissenschaftlichen Disziplin mit Blick für die Geschichte wurde immer stärker eine möglichst exakte Naturwissenschaft, die ihren historischen Kontext zu vergessen scheint.
Zu zeigen, dass dieser Kontext aber doch existiert, sich mit ihm zu beschäftigen, am Beispiel des wirtschaftlichen Denkens bei Aristoteles und im Alten Testament diesen darzustellen und schließlich zu skizzieren, dass auch die Wirtschaftswissenschaft etwas aus der Geschichte lernen kann, ist das Ziel dieser Seminararbeit. Der amerikanische Ökonom John Kenneth Galbraith sagte es einmal so, „Wirtschaftswissenschaft lässt sich nicht verstehen, wenn das Bewusstsein für ihre Geschichte fehlt.“ Damit hat er sicherlich nicht Unrecht.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Die Anfänge wirtschaftlichen Denkens
3. Aristoteles und die ökonomische Idee
3.1 Aristoteles und sein Werk
3.2 Aristoteles´ Suche nach der perfekten Gesellschaft
3.3 Konkrete ökonomische Thesen
3.4 Aristoteles zur Frage nach dem Zins
3.5 Aristoteles und das Privateigentum
4. Der Einfluss auf die ökonomische Entwicklung in Europa
5. Wirtschaftliches Denken im Alten Testament
5.1 Das Alte Testament: Eine kurze Definition
5.2 Wirtschaftliches Denken im Alten Testament
5.3 Konkrete ökonomische Thesen
5.4 Ordnung und Rahmenregeln im Alten Testament
6. Alttestamentarischer Einfluss auf das ökonomische Denken
7. Aktualität und Implikationen für heute und morgen
Zielsetzung & Themen
Diese Arbeit untersucht die historischen Wurzeln wirtschaftlichen Denkens, indem sie die ökonomischen Ansätze bei Aristoteles und im Alten Testament analysiert, um aufzuzeigen, wie diese ethisch fundierten Traditionen als Impulsgeber für eine gegenwärtige Neuorientierung der Wirtschaftswissenschaften dienen können.
- Historische Analyse der Wirtschaftslehre des Aristoteles.
- Untersuchung wirtschaftsethischer Regeln im Alten Testament.
- Gegenüberstellung von antiken Idealvorstellungen und heutiger Gewinnmaximierung.
- Diskussion über das Zinsverbot und dessen historische Folgen.
- Erarbeitung von Impulsen für eine ethisch nachhaltigere Weltwirtschaftsordnung.
Auszug aus dem Buch
3.4 Aristoteles zur Frage nach dem Zins
Zur Zinsproblematik bei Aristoteles muss zuerst seine Aufteilung der Wirtschaftskunst verstanden werden. Auf der einen Seite sieht er die Ökonomik, die bisher ausschließlich besprochene Kunst der Bewahrung und Beschaffung von Gütern für den Haushalt, das Decken von Bedürfnissen. Und auf der anderen Seite die Chrematistik, das Anhäufen von Reichtum. Bei ihr werden Geschäfte nicht zur Bedarfsdeckung oder zum Gebrauch betrieben, sondern allein zur Akkumulation von Geld, welches zum Selbstzweck degeneriert. Im diametralen Gegensatz zur Ökonomie, welche Aristoteles als „natürliche Erwerbskunst“ bezeichnet, sieht er die Chrematistik als „widernatürliche Erwerbskunst“ an.
Das Problem bei der Chrematistik ist für ihn auch ein philosophisches, nämlich dass sie keine Grenzen kennt. Der Gelderwerb ist ein stetes Streben nach mehr. Dieses Ziel, das Mehrwollen, die Pleonexie, geht ins Unendliche. Das aber ist nach Aristoteles nicht möglich, „ein Streben auf einen unbegrenzten Zweck ginge ins Leere und wäre sinnlos.“ Das Unbegrenzte ist bei ihm kein Gegenstand der Wissenschaft. „Das unbegrenzte widerspricht dem Bild eines geordneten Kosmos. Besitz und Reichtum, die Werkzeuge zum guten Leben, haben per analogiam ebenso eine von Natur gesetzte Grenze wie alles Seiende.“ Aristoteles geht nicht davon aus, dass die Bedürfnisse des Menschen unersättlich sind, und nicht davon, wie bei Thomas Hobbes (1588 - 1679), „daß Glück im unbegrenzten Fortschreiten von einem erfüllten Wunsch zum anderen besteht.“ Er entwirft stattdessen die Eudämonie, die Glückseligkeit als absolutes und oberstes Ziel aller Menschen. Reichtum ist somit nur ein Mittel, ein Werkzeug zum guten Leben, und kein Werkzeug kann unbegrenzt sein, es dient nur der Befriedigung der endlichen Bedürfnisse.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Diese Einleitung begründet die Relevanz der historischen Betrachtung ökonomischen Denkens und skizziert das Ziel der Arbeit, diese historischen Kontexte als Lernquelle für die moderne Wirtschaftswissenschaft zu erschließen.
2. Die Anfänge wirtschaftlichen Denkens: Das Kapitel verortet den Ursprung systematischer ökonomischer Wissenschaft in der griechischen Klassik und hebt die herausragende Stellung des Aristoteles hervor.
3. Aristoteles und die ökonomische Idee: Hier werden das Werk und die ökonomischen Kernkonzepte des Aristoteles, wie die Unterscheidung zwischen Ökonomik und Chrematistik sowie seine Haltung zu Geld und Eigentum, detailliert analysiert.
4. Der Einfluss auf die ökonomische Entwicklung in Europa: Dieses Kapitel erörtert die historische Wirkung der aristotelischen Lehre auf das europäische Wirtschaftsverständnis und den Übergang zur modernen Theoriebildung.
5. Wirtschaftliches Denken im Alten Testament: Hier werden die biblischen Schriften hinsichtlich ihrer impliziten wirtschaftsethischen Regeln, insbesondere zu Zins, Reichtum und sozialer Ordnung, untersucht.
6. Alttestamentarischer Einfluss auf das ökonomische Denken: Das Kapitel analysiert die fortwirkende Bedeutung alttestamentarischer Ethik auf das christliche Weltbild und die historische Ambivalenz im Umgang mit Zinsgeschäften.
7. Aktualität und Implikationen für heute und morgen: Zum Abschluss wird der Bogen in die Gegenwart geschlagen, um aus den historischen Befunden Anregungen für einen notwendigen Paradigmenwechsel in der modernen Wirtschaftspolitik abzuleiten.
Schlüsselwörter
Aristoteles, Altes Testament, Wirtschaftsethik, Ökonomik, Chrematistik, Zinsverbot, Gemeinwohl, Eudämonie, Privateigentum, Wirtschaftsgeschichte, soziale Gerechtigkeit, Nachhaltigkeit, Paradigmenwechsel, Geldtheorie, Marktwirtschaft.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht die philosophischen und religiösen Wurzeln des ökonomischen Denkens bei Aristoteles und im Alten Testament, um deren Relevanz für heutige wirtschaftliche Probleme zu bewerten.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die Arbeit fokussiert sich auf die Themenbereiche Ethik und Wirtschaft, die Rolle des Geldes, das Zinsverbot, die Konzepte von Reichtum sowie die Bedeutung des Gemeinwohls.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?
Ziel ist es zu zeigen, dass die Wirtschaftswissenschaft aus der Geschichte lernen kann, und zu prüfen, ob die ethischen Standards der Antike und des Alten Testaments als Grundlage für eine moderne, gemeinwohlorientierte Weltwirtschaftsordnung dienen können.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es handelt sich um eine geisteswissenschaftliche, wirtschaftshistorische Analyse, die Originalschriften und deren Interpretation durch namhafte Ökonomen und Historiker gegenüberstellt.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil analysiert das ökonomische System bei Aristoteles (z.B. Oikos, Chrematistik) und die sozialethischen Regeln des Alten Testaments (z.B. Zinsverbot, Jubeljahr) sowie deren historische Rezeption.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Wichtige Begriffe sind insbesondere Aristoteles, Wirtschaftsethik, Gemeinwohl, Chrematistik und soziale Gerechtigkeit.
Wie unterscheidet Aristoteles zwischen Ökonomik und Chrematistik?
Aristoteles definiert die Ökonomik als natürliche Erwerbskunst zur Bedarfsdeckung im Haushalt, während er die Chrematistik als widernatürliche, grenzenlose Akkumulation von Geld zum Selbstzweck ablehnt.
Warum spielt das Jubeljahr im Alten Testament eine wichtige ökonomische Rolle?
Das Jubeljahr diente als sozialer Korrekturmechanismus, bei dem Schulden erlassen und Land zurückgegeben wurde, um Armut zu verhindern und die Gesellschaftsstruktur langfristig zu stabilisieren.
Welchen Einfluss hatte das alttestamentarische Zinsverbot auf die europäische Geschichte?
Das Zinsverbot prägte über Jahrhunderte die ökonomische Praxis und führte im Mittelalter zu einer Arbeitsteilung, in der die jüdische Bevölkerung aufgrund religiöser Ausnahmeregelungen das Kreditgeschäft übernahm, was historisch zu wachsenden Ressentiments führte.
Was fordert der Autor als Konsequenz für die heutige Zeit?
Der Autor fordert einen Paradigmenwechsel: Die Wirtschaft soll nicht mehr nur auf Gewinnmaximierung ausgerichtet sein, sondern wieder als ein Mittel in ein politisch-ethisches System eingebettet werden, das der Gesellschaft und dem "guten Leben" dient.
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- Simon Valentin (Author), 2013, Ursprung wirtschaftlichen Denkens bei Aristoteles und im Alten Testament, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/272469