Eine literarische Analyse des Gedichtes K*** von Aleksandr S. Puškin

Ein erhabenes und zugleich wehmütiges Begehren?


Hausarbeit, 2012
16 Seiten, Note: 1,0

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Einordnung des Themas und lyrischen Konzeptes

3 Weltbild zwischen Chaos und Kosmos
3.1 Der Weltzustand im Spannungsverhältnis
3.2 Zwischen himmlischer Schönheit und dunkler Einkerkerung

4 Der Mensch als Wesen der Inspiration
4.1 Ein lyrisches Ich im Wandel der Gefühle
4.2 Die Erscheinung einer antiken Göttin
4.3 Perspektivierung der Figuren

5 Architektonisches Prinzip des Kreises
5.1 Poetische Genialität in Syntax und Euphonie
5.2 Die strophische Aufbau als Spiegel des Lebens

6 Empfangende Haltung im Zeichen der Inspiration

7 Fazit

8 Anhang

9 Literaturverzeichnis
9.1 Primärliteratur
9.2 Sekundärliteratur

1 Einleitung

Alexander Puškin gilt als der bedeutendste und populärste Dichter Russlands, dessen ästhetisches Schaffen von höchstem Anspruch getragen wird. Nicht nur in seinen lyrischen Werken kombinierte Puškin „Geistesreichtum und poetische Vollkommenheit, das Universale und [zugleich] das Persönliche wie nur [...] wenige[ ] Großen der Weltliteratur“[1]. Die Vereinigung dieser Komponenten soll auch in der literarischen Analyse seines Gedichtes K*** im Fokus stehen.

Bei der ersten assoziativen Betrachtung des lyrischen Textes wird unweigerlich ein thematischer Bezug zur Liebe deutlich, bei dem der Künstler eine madonnenhafte Muse zu verehren scheint. Daraus resultierend wirft sich die Frage auf, ob Puškins Werk tatsächlich als Liebesgedicht oder doch vielmehr als Künstlergedicht zu verstehen ist. Diese Problematik soll auf interpretativer Basis anhand inhaltlicher und stilistischer Punkte untersucht werden. Eine Analyse, die sich am Interpretationsschema von Prof. Dr. Birgit Harreß orientieren wird, soll darüber Aufschluss geben. Als Interpretationsgrundlage dient die Originalausgabe Puškins in der Fassung des Reclam-Verlages.

Im zweiten Kapitel werden zunächst sowohl das Thema als auch das lyrische Konzept des Gedichtes näher bestimmt. Weiterhin gilt es, im darauffolgenden Kapitel kritisch zu untersuchen, wie sich der allgemeine Weltzustand und darüber hinaus die Beziehung zwischen Weltordnung und Weltbewohnern gestaltet. Anschließend soll diese Erkenntnis im räumlichen und zeitlichen Kontext näher eingeordnet werden.

Im vierten Teil dieser Arbeit wird unter anderem herauszustellen sein, wie sich die existentielle sowie soziale Verfassung des lyrischen Ichs in die Figurenkonzeption eingliedern. Ein weiteres Ziel besteht darin, zu analysieren, ob und inwieweit das lyrische Ich beispielsweise hinsichtlich körperlicher oder sexueller Gestaltung als lyrische Figur charakterisiert werden kann. Interessant erscheint zudem, eine Figurenperspektivierung unter den Aspekten der Kommunikation, Beziehung zu Raum und Zeit vorzunehmen. Daran soll sich ferner die architektonische Analyse des Gedichtes K*** anschließen, bei der insbesondere auf den poetischen Aufbau sowie stilistische Mittel der Gestaltung einzugehen sein wird. Die Perspektivierung der lyrischen Haltung bildet den letzten Punkt der literarischen Analyse.

In der Gesamtheit soll die Analyse und Interpretation Puškins K*** einen differenzierten Standpunkt zur Thematik ermöglichen und exemplarisch darstellen, welche enorme Bedeutung diesem Gedicht im Kontext seiner stilistischen und inhaltlichen Komplexität widerfährt.

2 Einordnung des Themas und lyrischen Konzeptes

Bereits bei der Einordnung des lyrischen Konzeptes ist es immanent, eine differenzierte thematische Betrachtung vorzunehmen. So handelt es sich bei Puškins Gedicht K*** keinesfalls lediglich um ein romantisches Liebesgedicht. Vielmehr erfährt der lyrische Text auf Grundlage einer spirituellen Basis und hohen ästhetischen Ansprüchen auch den Status eines Künstlergedichtes. Als zentrale Idee zieht sich neben zweifelsohne romantischen Motiven die Idee des Klassizismus durch Puškins Verse.

Angeregt von der Begegnung mit einer Frau, die das lyrische Ich mit dem „Genius reiner Schönheit“ (I, 4) vergleicht, erwacht in ihm ein wunderbarer Augenblick der Inspiration. Diese Muse, welche madonnenhafte Züge zu haben scheint, tritt zugleich „wie eine flüchtige Erscheinung“ (I, 3) auf. In dieser Transzendenz besteht das Dilemma, denn die Erlebnisse des lyrischen Ichs weisen sehr viele Parallelen zu den autobiografischen Zügen des Dichters auf. Die Gefühlswelt des lyrischen Ichs wird eingehend erläutert und in eine stilistisch und ästhetisch sehr aufwendige Lyrik eingebunden. In diesem Kontext steht die Empfängnis für die künstlerische und spirituelle Inspiration klar im Fokus.

3 Weltbild zwischen Kosmos und Chaos

Die vorherrschende Weltordnung in Puškins Gedicht K*** soll im Folgenden analysiert werden. Dabei wird vor allem auf die Beziehung beziehungsweise den Antagonismus zwischen Chaos und Kosmos einzugehen sein. Des Weiteren gilt es das Weltbild räumlich und zeitlich zu konkretisieren und dessen Besonderheiten in den Gesamtkontext einzuordnen.

3.1 Der Weltzustand im Spannungsverhältnis

Die gründliche Analyse offenbart, dass es sich beim Weltbild um ein Wechselspiel zwischen Chaos und Kosmos handelt. Besonders deutlich wird dieses konzentrierte Spannungsverhältnis an Gegensatzpaaren wie beispielsweise „Trauer“ (II, 1) und „Ekstase“ (VI, 1), „flüchtig[ ]“ (I, 3) und „rein[ ]“ (I, 4) sowie „lärmend[ ]“ (II, 2) beziehungsweise „wild[ ]“ (III, 1) und „zärtlich[ ]“ (II, 3). Dieser Zustand des Dualismus ermöglicht zudem eine Kollision. Kennzeichnend dafür ist das Reiben des lyrischen Ichs an den vorherrschenden Verhältnissen der Welt.

Dahingehend wird erkennbar, dass das Chaos mit Erscheinungen negativ konnotierter psychologischer Eigenschaften wie beispielsweise „Eitelkeit“ (II, 2) oder „Trauer“ (II, 1) beschrieben wird. Darüber hinaus charakterisieren Naturereignisse wie eine „wilde Sturmbö“ (III, 1) sowie die „Dunkel[heit]“ (IV, 1) den Weltzustand des Chaos, welche die Außenwelt als sehr unruhig erscheinen lassen. Auf der anderen Seite stellt die Adressatin des Gedichtes für das lyrische Ich die Harmonie und den Kosmos dar. Deutlich wird dies an der Tatsache, dass die Frau mit Adjektiven wie beispielsweise „rein[ ]“ (I, 4), „zärtlich[ ]“ (II, 3) oder „lieb[ ]“ als eine Art madonnenhafte Muse bewundert wird, wodurch eine Transzendenz im lyrischen Text erzeugt wird. Diese Ästhetik wird einer konkreten Frau mit scheinbar göttlichen beziehungsweise „himmlischen Züge[n]“ (III, 4) zugeschrieben.

Besonders auffällig ist das Spannungsverhältnis zwischen Kosmos und Chaos im architektonischen und inhaltlichen Aufbau der Strophen. Der lyrische Text konkretisiert in der ersten Strophe die Verhältnisse im harmonischen Kosmos und schließt zudem in den letzten beiden Strophen mit christlichen Idealen. Doch bereits in der zweiten sowie dritten Gedankeneinheit des Gedichtes wird die Polarität zwischen Chaos und Kosmos sichtbar. So etwa offenbart die zweite Strophe das Chaos mit „Qualen hoffnungsloser Trauer“ (II, 1) und „Wirnissen lärmender Eitelkeit“ (II, 2) und wechselt in den nachfolgenden Versen zu harmonischen Zuständen der „zärtliche[n] Stimme“ (II, 3) und „lieben Zügen“ (II, 4). Vollkommen bricht das Chaos mit den Motiven der „Einöde“ (IV, 1), Dunkelheit und inspirationslosen Stille in der vierten Strophe aus, welches sich jedoch wieder zum Kosmos wandelt. Es scheint als würde die Ästhetik letztendlich den Sieg davontragen, da sich auch das lyrische Ich nach allen Schmerzen und Qualen in einem harmonischen Umfeld christlicher Ideale der „Gottheit, Inspiration“ (VI, 3) und der Liebe (VI, 4) widerfindet.

Zudem eröffnen sich im Weltbild zwei verschiedene Sphären.[2] Zum einen die Sphäre des Realen, die insbesondere durch das Chaos und die Wiedergabe der dunklen Verbannung in der inspirationslosen Einöde zum Ausdruck gebracht wird. Das lyrische Ich reflektiert die Zeit nach der ersten Begegnung mit seiner Muse. An dieser Stelle werden eindeutige autobiografische Züge zum realen Leben Puškins ersichtlich. Denn Puškin erlebte selbst nach der ersten Begegnung mit Anna Petrovna Kern eine solch trostlose Zeit im Gefangenenlager von Michajlovskoe. Auf der anderen Seite besteht ein ideales Weltbild, welches durch die poetische Ästhetik als „Genius der reinen Schönheit“ (I, 4) erfahrbar wird. Die Herausforderung besteht im „Proze[ss] der Verknüpfung des Realen und des Idealen mit den spezifischen Mitteln der Verssprache [, der] gleichzeitig kontinuierlich geschildert und reflektiert wird“[3].

3.2 Zwischen himmlischer Schönheit und dunkler Einkerkerung

Inhaltlich lassen sich im Gedicht K*** (1825) nur wenige Hinweise auf eine zeitliche Konkretisierung feststellen. In welchem Jahr die Handlungen stattfinden, bleibt ausgehend vom Textverständnis unklar. Erst mithilfe von Hintergrundinformationen kann eine zeitliche Konkretisierung vorgenommen werden. Festzustellen ist lediglich, dass zwischen den Situationen „des wunderbaren Augenblicks“ (I, 1) und der „Ekstase“ (VI, 1) sowie „der Einöde, im Dunkel der Verbannung“ (IV, 1) einige Jahre liegen. Die Handlungen finden somit zu unterschiedlichen Zeitpunkten statt. Der lyrische Text hat einen sehr reflektierenden Charakter, was auch durch den Wechsel der Zeitformen wie beispielsweise vom Präsens in das Präteritum (vgl. I, 1-2) beziehungsweise vom Präteritum ins Präsens (vgl. V, 1-2) deutlich wird. Außerdem wird keine Aussage zur vorherrschenden Jahreszeit getätigt; einzig ein Verweis zu nächtlichen Stunden liefert die Dunkelheit in der Verbannung (vgl. IV, 1). Allerdings ist eine literaturgeschichtliche Einordnung anhand des Entstehungsjahres 1825 in die Epoche der vom Neuklassizismus inspirierten Romantik möglich.[4] Der lyrische Text K*** weist einerseits mit dem Streben nach Vollendung und einer festen Ordnung klassizistische Elemente auf, anderseits sind romantische Motive der Liebe und des Sehnsuchtsvollen erkennbar.

Räumlich gesehen, bleibt das Geschehen ebenfalls zu großen Teilen im Abstrakten beheimatet. Erfahrungen der Trauer, der Qualen oder „Phantasien“ (III, 2) finden insbesondere durch die häufigen Reflektionen des lyrischen Ichs im psychologischen Bereich statt. Erfahrbarer Raum wird einzig mit einer beunruhigenden Außenwelt und „wilde[n] Sturmbö“ (III, 1) beschrieben, die zudem zerstörerischen Charakter erfahrt, da diese die früheren Phantasien zerstreut hat.

4 Der Mensch als Wesen der Inspiration

Bei der Analyse des Menschenbildes erhält vor allem die Betrachtung der Figurenkonzeption,

-charakterisierung und -perspektivierung entscheidende Priorität. Zu Beginn wird der Fokus auf die existentielle und soziale Verfassung gelegt, um die inhaltlichen Besonderheiten der Figurenkonzeption zu ermitteln. Dabei sollen unter anderem die Fragen geklärt werden, welchen Sinn das lyrische Ich seinem Leben gibt, ob Beziehungen zu anderen Figuren oder eine Übereinstimmung mit der Weltordnung vorliegen.

Daran schließt sich die Figurencharakterisierung an. In diesem Zusammenhang wird zu untersuchen sein, ob äußere Erscheinungsmerkmale des lyrischen Ichs erkennbar sind. Den letzten Analysepunkt nimmt die Figurenperspektivierung ein, bei der insbesondere die Spezifika der Kommunikation und Beziehung von Raum und Zeit intensiver betrachtet werden.

4.1 Ein lyrisches Ich im Wandel der Gefühle

Bei der Betrachtung der existentiellen Verfassung des lyrischen Subjekts fällt vor allem die Forderung zur Hingabe an das träumerische und spirituelle Erlebnis auf. Das lyrische Ich reflektiert das Augenblickserlebnis der Inspiration, welches durch die Muse ausgelöst wird. Dieses Erlebnis erscheint derart wunderbar, sodass das lyrische Ich eine empfangende Haltung einnimmt, um die Empfindsamkeiten der „zärtlichen Stimme“ (II, 3) oder „reinen Schönheit“ (I, 4) vollkommen wahrzunehmen.

[...]


[1] Lauer, Richard: Kleine Geschichte der russischen Literatur. München: C. H. Beck Verl. 2005, S. 74.

[2] Vgl. Peters, Jochen-Ulrich: Aleksandr Puškin: K*** - An***. In: Zelinsky, Bodo (Hrsg.): Die russische

Lyrik. Köln; Weimar; Wien: Böhlau Verl. 2002, S. 84.

[3] Peters, Jochen-Ulrich: Aleksandr Puškin: K*** - An***. In: Zelinsky, Bodo 2002, S. 84.

[4] Stender-Petersen, Adolf: Geschichte der russischen Literatur. München: C. H. Beck Verl. 1993, S. 104 f.

Ende der Leseprobe aus 16 Seiten

Details

Titel
Eine literarische Analyse des Gedichtes K*** von Aleksandr S. Puškin
Untertitel
Ein erhabenes und zugleich wehmütiges Begehren?
Hochschule
Universität Leipzig  (Institut für Slavistik)
Veranstaltung
Projekt Literaturwissenschaft
Note
1,0
Autor
Jahr
2012
Seiten
16
Katalognummer
V272533
ISBN (eBook)
9783656640158
ISBN (Buch)
9783656640141
Dateigröße
789 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Alexander Puškin, Puškin, An***, Chaos, Kosmos, Menschenbild, Weltbild, Räumliche Orientierung, Zeitliche Orientierung, Russland, Figurenkonzeption, Figurencharakterisierung, Lyrik, Figurenperspektivierung, Russische Lyrik, Interpretation, Kommunikation, Beziehung zu Raum und Zeit, Perspektivierung durch lyrische Haltung, lyrisches Ich, Innenwelt, Außenwelt, existenzielle Verfassung, lyrische Verfassung, Harreß, lyrisches Subjekt, lyrisches Konzept, Architektonisches Prinzip des Kreises, Syntax, Euphonie, Spiegel des Lebens, Gedicht K***, Weltliteratur, Liebesgedicht, Künstlergedicht, Reclam, körperliche Gestaltung, sexuelle Gestaltung, Gedicht, Romantik, Klassizismus, Ästhetik, Spiritualität, Dualismus, Kollision, Muse, Anna Petrovna Kern, Schönheit, Inspiration, Exil, Empfangende Haltung, autobiografisch
Arbeit zitieren
Christian Roos (Autor), 2012, Eine literarische Analyse des Gedichtes K*** von Aleksandr S. Puškin, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/272533

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