Das Habitus-Konzept von Pierre Bourdieu


Hausarbeit, 2011

16 Seiten, Note: 1,7


Leseprobe

Einleitung

1. Entstehung des Habituskonzepts

2. Ausbildung und Funktion des Habitus
2.1. Der Habitus als strukturierte Struktur
2.2. Der Habitus als strukturierende Struktur

3. Habitustransformation

Fazit

Literaturverzeichnis

Einleitung

Thema dieser Hausarbeit ist das Habitus-Konzept des Soziologen Pierre Bourdieu. Der Habitus-Begriff hat seinen Ursprung in der griechischen Philosophie der Antike. Er wurde von Aristoteles als „Hexis“ (griech. Haltung) verwendet und im Mittelalter mit dem lateinischen Begriff „Habitus“ übersetzt. Habitus bedeutet Gewohnheit, Disposition oder etwas „Gehabtes“ (Fröhlich/Rehbein 2009: 110). In seinem Werk „Die feinen Unterschiede: Kritik dergesellschaftlichen Urteilskraft“, das 1982 erschienen ist, behauptet Bourdieu unter Berufung auf Gottfried Wilhelm Leibniz, dass wir Menschen „in Drei-viertel unserer Handlungen Automaten sind“ (Bourdieu 1982: 740). Wie ist diese Aussage im Zusammenhang mit seinem Habitus-Konzept zu verstehen und was lässt sich über das verbleibende Viertel sagen? Um dieser Frage in der vorliegenden Arbeit nach zu gehen, erfolgt in einem ersten Schritt eine Annäherung an Bourdieus Habituskonzept, d.h. eine kurze Erläuterung, wie das Konzept entstanden ist und welchen Zweck es erfüllen sollte. Anschließend wird das Habitus-Konzept in einem zweiten Schritt, genauer im Bezug auf die Ausbildung und die Funktion bzw. Wirkung des Habitus untersucht. Danach erfolgt dann eine Betrachtung der Möglichkeiten den Habitus zu verändern bzw. zu transformieren, wobei es vor allem um Selbst- bzw. Fremdbestimmung geht. Abschließend werden dann die gesammelten Erkenntnisse im Fazit zusammengefasst, um die o.g. Frage zu beantworten.

Aufgrund der Tatsache, dass Pierre Bourdieu in erster Linie an empirischer Forschung interessiert war und nicht an der Arbeit und Klärung von Begriffen gestaltet es sich nicht immer einfach, seine Schriften zu verstehen. Boike Rehbein bemerkt dazu: „Hatte man bei der Lektüre einen Begriff gerade noch auf eine Weise verstanden, so muss er ein paar Seiten weiter auf eine andere Weise verstanden werden“ (Rehbein 2006: 79). Diese Gegebenheit resultiert aus der Tatsache, dass Bourdieu seine Theorie-Konzepte mit jedem weiteren Werk beständig erweitert, modifiziert und angereichert hat. Deshalb sei an dieser Stelle erwähnt, dass die vorliegende Arbeit keinen Anspruch auf Vollständigkeit erheben kann.

1. Entstehung des Habituskonzepts

Für Bourdieu ist der Habitusbegriff aus einer Problemstellung hervorgegangen, auf die er in den 1960er Jahren bei seinen Feldforschungen in Algerien gestoßen ist (Rehbein 2006: 88). Vor der französischen Kolonisation war Algerien durch eine vorkapitalistische Wirtschaftsweise und -ethik geprägt, die durch eine gebrauchsorientierte Produktion sowie durch Prinzipien wie Reziprozität und Redistribution gekennzeichnet war. Diese Gegebenheiten haben mit der Zeit entsprechende Wahrnehmungs-, Denk- und Handlungsmuster bei den Einwohnern hervorgebracht, d.h. z.B. eine gewisse Lebensführung mit entsprechenden Lebenszielen, eine bestimmte Weltsicht und ein davon abhängiges Selbstbewusstsein. Doch mit der rasanten Ausbreitung des Kapitalismus sahen sich die kabylischen Einwohner schnell mit zum Teil völlig anderen und neuen Gegebenheiten, z.B. profitorientierte Produktion, Kapitalakkumulation und Lohnarbeit, konfrontiert. Diese neuen Gegebenheiten konfligierten mit den eingeprägten Wahrnehmungs-, Denk- und Handlungsmustern aus der vorkapitalistischen Zeit, was für die kabylische Bevölkerung hieß, „dass sie unter den neuen Bedingungen nur noch unangemessen, 'unvernünftig' und damit auch erfolglos im Hinblick auf die Sicherung ihrer Existenz handeln konnten“ (Erler 2003: 13). Aus der Beobachtung dieser Ungleichzeitigkeit bzw. Trägheit (Hystersis) bei der Anpassung der Wahrnehmungs-, Denk- und Handlungsmuster an die neuen Bedingungen, d.h. aus dieser Entdeckung im Forschungsprozess, ist bei Bourdieu der Habitusbegriff hervorgegangen (Rehbein 2006: 88). Eine systematische Ausbildung des Habitusbegriffs erfolgte jedoch erst Ende der 1960er Jahre in Form eines Nachwortes, das Bourdieu für das Essay „Gotische Architektur und Scholastik“ des Kunsthistorikers Erwin Panofsky verfasst hat (Nickl 2001: 213). Panofsky gebrauchte in seinem Essay den Habitusbegriff, „um die Disposition zu einer bestimmten Art der ästhetischen Gestaltung und des Erkennens zu kennzeichnen“ (Barlösius: 2006: 54). Bourdieus Nachwort mit dem Titel: „Der Habitus als Vermittlung zwischen Struktur und Praxis“, enthält eine erste Definition des Habitus: „In derTerminologie der generativen Grammatik Noam Chomskys ließe sich der Habitus als ein System verinnerlichter Muster definieren, die es erlauben, alle typischen Gedanken, Wahrnehmungen und Handlungen einer Kultur zu erzeugen - und nur diese.“ (Bourdieu 1970: 143).

Bourdieu stellte sich die Ausgangsfrage: „Wie können Verhaltensweisen geregelt sein, ohne dass ihnen eine Befolgung von Regeln zugrunde liegt?“ (Bourdieu 1992: 86), die er mit dem Begriffdes Habitus beantworten konnte. Mit dem Habitusbegriff sollte auch der Gegensatz von Individuum und Gesellschaft überwunden werden, da sich das Individuum laut Bourdieu nur vor dem Hintergrund einer Gesellschaft erklären lässt (Fröhlich/Rehbein 2009: 112). Prinzipiell beruht der Habitus auf der Aneignung sozialer Handlungsformen, die er tendenziell reproduziert aber mit den Handlungssituationen in Relation setzt (Rehbein 2006: 87). Somit ist er Produkt und Produzent von Praktiken.

„Der Begriff Habitus bezeichnet im Grunde eine recht simple Sache: Wer den Habitus einer Person kennt, der spürt oder weiß intuitiv, welches Verhalten dieser Person versperrt ist. Wer z.B. über einen kleinbürgerlichen Habitus verfügt, der hat eben auch, wie Marx einmal sagt: Grenzen seines Hirns, die er nicht überschreiten kann. Deshalb sind für ihn bestimmte Dinge einfach undenkbar, unmöglich, gibt es Sachen, die ihn aufbringen oder schockieren. Aber innerhalb dieser seiner Grenzen ist er durchaus erfinderisch, sind seine Reaktionen keineswegs immer voraussehbar“ (Bourdieu 1993: 26f).

Nach dem nun eine erste Annäherung an das Habitus-Konzept erfolgt ist, kann jetzt dazu übergegangen werden, die Ausbildung und Funktion bzw. Wirkung des Habitus genauer zu untersuchen. Dafür wird der Habitus im Folgenden einerseits als Produkt, also als strukturierte Struktur und andererseits als Produzent, als strukturierende Struktur von Praktiken betrachtet.

2. Ausbildung und Funktion des Habitus

2.1. Der Habitus als strukturierte Struktur

Der Habitus ist nicht ursprünglich bzw. angeboren sondern erworben, d.h. er ist im wesentlichen nicht biologisch sondern sozial bestimmt (Fröhlich/Rehbein 2009: 113). Erwird zu einer zweiten Naturdes Menschen (Jurt2010: 8).

Jeder Mensch ist von Geburt an ein Mitglied der Gesellschaft. Innerhalb der Gesellschaft gibt es eine Reihe von sozialen Strukturierungs- und Teilungsprinzipien, die als Regularien oder Axiome zu verstehen sind, „nach denen die gesellschaftliche Zuteilung von Ressourcen und Positionen erfolgt“ (Barlösius 2006: 60). Zu diesen sozialen Strukturierungs- und Teilungsprinzipien gehören z.B.ökonomisches Kapital, Geschlechtszugehörigkeit, politische Macht und kulturelles Kapital. Der jeweilige Machtgehalt dieser Strukturprinzipien variiert dabei von Gesellschaft zu Gesellschaft. Daraus ergibt sich, dass die soziale Position eines Menschen bzw. Akteurs innerhalb der Gesellschaft, einerseits von seinen Ressourcen (z.B. seiner Kapitalausstattung) und andererseits von den dominanten Strukturprinzipien abhängig ist. Jede soziale Position ist somit an bestimmte Daseinsbedingungen geknüpft, die mit der Ausbildung entsprechender Wahrnehmungs-, Denk- und Handlungsschemata, zur Bewältigung der alltäglichen Herausforderungen, einhergeht. Oder anders gesagt, ein Akteur trifft in einer Situation immer auf objektive Strukturen, welche die Ausbildung oder aber die Anpassung (bereits vorhandener) inkorporierter Strukturen nach sich zieht. Deshalb kann man auch sagen, dass „ein Akteur [...] eine handlungsfähige Verkörperung sozialer Strukturen“ (Rehbein 2006: 95) darstellt. Auch die Entstehung von subjektiven Erwartungen, z.B. im Bezug auf den eigenen Lebensverlauf, hängt mit den Daseinsbedingungen zusammen. Dabei gilt es zu berücksichtigen, dass nicht jeder Akteur völlig unterschiedlichen Daseinsbedingungen ausgesetzt ist, sondern dass es sich jeweils um bestimmte Gruppen bzw. Klassen von ähnlichen Daseinsbedingungen handelt, weshalb „das Individuum nur ein Exemplar der sozialen Klassen [ist], der es zugehört, ebenso wie sein Habitus nur eine Variante des Klassenhabitus ist“ (Fröhlich/Rehbein 2009: 116). Aufgrund der Gegebenheit, dass es bestimmte Gruppen bzw. Klassen von Daseinsbedingungen gibt, die wiederum sehr ähnliche Habitusformen hervorbringen, sind die Handlungen der Akteure aufeinander abgestimmt, ohne dass dabei Regeln befolgt werden oder eine bewusste Abgestimmtheit angestrebt wird (Abgestimmtheit ohne Abstimmung) (Rehbein 2006: 96). Die Daseinsbedingungen sind von zentraler Bedeutung für die Ausbildung bzw. Strukturierung des Habitus, also für die Habitualisierung, weil sie direkten Einfluss auf die Erfahrungen nehmen, die ein Akteur innerhalb der Gesellschaft macht. So wird das Kind einer wohlhabenden Familie, das von seinen Eltern auf eine Privatschule geschickt wird, völlig andere Erfahrungen im Bezug auf seine Mitschüler, auf die Art des Unterrichts, die Qualität der Arbeitsmaterialien usw. machen, als das Kind einer finanziell schlecht gestellten Familie, welches notwendigerweise eineöffentliche Schule besuchen muss. Bei der Habitualisierung sind vor allem die Ersterfahrungen hervorzuheben, d.h., das erstmalige Erlernen einer Wahrnehmungs-, Denk- oder Handlungsweise als Reaktion auf eine neue Situation ist von besonders prägender Kraft, sofern sie sich als praktisch und zweckmäßig erwiesen hat (Bourdieu 1993b: 101). Die Habitualisierung kann auf mehrere Arten erfolgen. So werden z.B. in Schulen bewusste Anleitungen zum Handeln vermittelt. Eine andere Möglichkeit der Aneignung sozialer Handlungsformen bzw. der Habitualisierung, stellt die Nachahmung des Verhaltens z.B. von Personen aus der Familie, der Verwandtschaft oder dem Freundeskreis dar (Fröhlich/Rehbein 2009: 114). Bei der Habitualisierung durch Nachahmung orientiert sich der Akteur hauptsächlich an der Hexis anderer Menschen, also an allen ,,Aspekte[n] der physischen Erscheinung, die als Bestimmungsfaktoren der sozialen Position gelesen werden können“ (Fröhlich/Rehbein 2009: 125) und sich z.B. im geduckten Gang des Beherrschten oder im aufrechten Gang des Stolzen ausdrücken.

„ln allen Gesellschaften zeigen die Kinder für die Gesten und Posituren, die in ihren Augen den richtigen Erwachsenen ausmachen, außerordentliche Aufmerksamkeit: also für ein bestimmtes Gehen, eine spezifische Kopfhaltung, ein Verziehen des Gesichts, für die jeweiligen Arten, sich zu setzen, mit Instrumenten umzugehen“ (Bourdieu 1976: 190).

[...]

Ende der Leseprobe aus 16 Seiten

Details

Titel
Das Habitus-Konzept von Pierre Bourdieu
Hochschule
Humboldt-Universität zu Berlin  (Institut für Sozialwissenschaften)
Veranstaltung
Freiheit – Zwischen Selbstentwurf und Fremdbestimmung
Note
1,7
Autor
Jahr
2011
Seiten
16
Katalognummer
V272543
ISBN (eBook)
9783656639664
ISBN (Buch)
9783656639657
Dateigröße
415 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Habitus, Hexis, Modus operandi, Opus operatum, Einprägsame Ersterfahrung, Sozialisation, Strukturierte Struktur, Strukturierende Struktur
Arbeit zitieren
Andreas Filko (Autor), 2011, Das Habitus-Konzept von Pierre Bourdieu, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/272543

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