Das Volk Athens unter der Tyrannis des Peisistratos


Seminararbeit, 2012

19 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Herrschaft des Peisistratos

3. Verhältnis zur institutionellen Ordnung
3.1 Ämter und Areopag
3.2 Gesetzte

4. Verhältnis zum Volk Athens
4.1 Aristokraten und Bauern
4.2 Bauten
4.3 Kultur und Religion

5. Analyse zur Bedeutung des Peisistratos

6. Schlussbetrachtung

7. Quellenverzeichnis

8. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Athen im 6. Jahrhundert v. Chr., war bereits eine einflussreiche Metropole der antiken Welt. Die Urbanisierung des städtischen Zentrums schritt voran, es kam zum Aufleben von Handel und Wirtschaft und zugleich entwickelte sich das kulturelle Leben auf den Straßen der Stadt. Historiker[1] sprechen von einem Zeitalter des inneren Umbruchs. Dementgegen nehmen wir Kenntnis von sozialen Krisen, gekennzeichnet von bürgerkriegsähnlichen Auseinandersetzungen, die das Bild von einem innerlich zerrütteten Athen prägen. Adligen Männern boten sich zu dieser Zeit einzigartige Möglichkeiten, aus der Erbitterung unterdrückter Gesellschaftsgruppen zu profitieren und sich selbst unter Gewaltanwendung die Souveränität zu verschaffen.

In einem der bedeutendsten antiken Dokumente über die Geschichte und Verfassung Athens brilliert nun ein Mann, der dem Stereotyp eines Tyrannen der archaischen Zeit widerspricht. Laut der Schrift „Athenaion politeia“ aus dem Jahre 335-322 v. Chr., deren Urheberschaft umstrittener Weise auf Aristoteles zurückgeführt wird, ergreift 561/60 v. Chr. der „volksfreundlichste Führer“ dieser Zeit die Macht über Athen. Peisistratos wird beschrieben als ein Tyrann, der ohne auf seinen eigenen Vorteil bedacht, vielmehr als all seine Vorgänger zum Nutzen der Polis agierte. Den Quellen entsprechend, scheinen wir einer Ausnahmeerscheinung unter den zahlreichen Gewaltherrschern zu begegnen. Aus ebendieser positiven Resonanz ergibt sich die spannende Frage nach den Gründen der Glorifikation dieses Tyrannen. Welchen Beitrag leistete Peisistratos zur inneren Stabilisierung und welche Bedeutung kann ihm für die innere Entwicklung Athens wirklich zugeschrieben werden?

Während die archäologische sowie epigraphische Quellenlage des 6 Jh. v. Chr. mangelhaft ausfällt, können wir dennoch auf reichhaltige literarische Zeugnisse späterer antiker Autoren zurückgreifen. Unter Berücksichtigung der verschobenen Zeitverhältnisse, ermöglichen uns die „Historien“ Herodots aus dem 5. Jahrhundert v. Chr., „Der peloponnesische Krieg“ des Thukydides von 431-404 v. Chr. und die „Athenaion politeia“ des Aristoteles einen guten Einblick in die Zeit des Peisistratos.

Im Fokus der Arbeit wird die Betrachtung des athenischen Volkes unter der Tyrannis des Peisistratos liegen. Die umfassende Herrschaftsgeschichte ist für die Untersuchung dieses Sachverhaltes trivial und wird lediglich auf einen allgemeinen Überblick reduziert. Um den Bedeutungsgehalt des Herrschers für die innere Stabilisierung Athens erschließen zu können, müssen vor allem seine Eingriffe in die politische Ordnung näher betrachtet werden. Aufgrund der unzureichenden Dokumentationen diesbezüglich, stößt die Untersuchung jedoch rasch an ihre Grenzen. Der Schwerpunkt der weiteren Betrachtung erweitert sich daher auf die Untersuchung der angewandten Maßnahmen Peisistratos für eine erfolgreiche Sozialpolitik. Aus diesem Kontext heraus, kann eine Analyse zur Relevanz des Tyrannen gegenüber dem Volk Athens vorgenommen werden. Das Ergebnis wird zeigen, ob sein Handeln ausschlaggebend für eine Wende in der inneren Entwicklung Athens war.

2. Herrschaft des Peisistratos

Der junge Athener Peisistratos war Sohn des Hippokrates[2] und erblickte vermutlich vor dem Jahre 600 v. Chr.[3] das Licht der Welt. Eine ausführliche Darstellung über den Beginn und Verlauf seiner Karriere liefern uns vor allem die Quellen Herodots[4] und Aristoteles[5]. Die Vielzahl kongruierender Inhalte verstärkt trotz der angeführten Kritik an beiden Werken, die Glaubwürdigkeit der historischen Darstellung.[6] Laut Angabe der Quellen, zeichnete sich Peisistratos bereits vor seiner Alleinherrschaft durch militärische Erfolge[7] aus. In Zeiten der aufstrebenden Rivalitäten zwischen den Aristokraten in Athen, bildeten sich am Ende der 60er Jahre des 6. Jahrhunderts konkurrierende Stasisgruppen[8] mit den adligen Oberhäuptern Megakles, Lykurgos und Peisistratos. Schließlich gelang es Letzterem die größte Anhängerschaft unter der Bevölkerung zu motivieren. Aristoteles begründet diesen Erfolg, indem er die schlechte wirtschaftliche Lage der Bewohner des Hügellandes sowie die Furcht Einzelner um ihr Bürgerrecht nennt.[9] Durch einen Staatsstreich und der Besetzung der Akropolis gelang ihm die Usurpation.[10] Peisistratos wird unter dem Archonten Komeas, etwa 561/62 v. Chr.[11] zum Tyrannen[12] über Athen. Seine Regentschaft wehrte nicht lange da sich die übrigen Gruppierungen um Megakles und Lykurgos wieder vereinten und Peisistratos stürzten. Um 556/55 v. Chr. zog sich dieser ins Exil zurück.[13] Für seine Rückkehr wandte er eine erneute List[14] an und es gelang ihm, sich zum zweiten Mal als Alleinherrscher zu behaupten. Doch auch diese Tyrannis hielt nicht lange stand und er floh aus Furcht vor einem erneutem Angriff der Parteiungen nach Eretria. Von dort aus warb er Söldner an, fand Unterstützung bei den Aristokraten und mobilisierte militärische Truppen.[15] Erneut rüstete Peisistratos gegen Athen und traf nach zehn Jahren Abstinenz in Attika ein um die Stadt Marathon einzunehmen.[16] Das athenische Heer wurde endgültig geschlagen[17] und die dritte Tyrannis des Peisistratos begann ab 539/38 v. Chr. Er konsolidierte seine Macht, indem er ein System aus Bundesgenossen schuf und sich auf finanzielle Einkünfte stützte.[18] Aristoteles berichtet zusätzlich von einer Entwaffnung der Bürgerschaft[19] durch Peisistratos unmittelbar nach der Schlacht von Pallene.

Während Herodot keinen subjektiven Kommentar über Peisistratos oder seine Herrschaftsmethode vermerkt, wird der Leser der „Athenaion politeia“ mit Lobpreisungen regelrecht überhäuft. Aristoteles beschreibt Peisistratos als Herrscher, „der als der volksfreundlichste Führer galt“[20] und „das Gemeinwesen maßvoll und mehr zum Nutzen der Polis als auf tyrannische Art und Weise“[21] verwaltete. „Denn im allgemeinen war er menschenfreundlich, mild und bereit zu vergeben, wenn jemand ein Unrecht begangen hatte [...]“. Die Tyrannis des Peisistratos war von Frieden und Ruhe geprägt und „das (goldene) Zeitalter unter Kronos“[22] gewesen. Allem Anschein nach widersprachen die Handlungen des Tyrannen den traditionellen Maßstäben eines Alleinherrschers.

[...]


[1] Vgl. Brandt, Peisistratos, 9; Kolb, JdI 92 (1977), 100; Schuller, Griechische Geschichte, 125.

[2] Vgl. Hdt. 1, 59.

[3] Vgl. Kinze, DNP 9 (2000), 483.

[4] Vgl. Hdt. 1, 59-64. Dieser überliefert chronologische Angaben, welche kritisch betrachtet werden müssen, da seine Historien weitgehend auf mündlichen Überlieferungen und Zeugenbefragungen basieren.

[5] Vgl. Arist. Ath. pol. 13-17. Dieser fügt zusätzliche Fakten hinzu, doch aufgrund seiner zeitlichen Nachfolge ist davon auszugehen, dass Inhalte aus dem Werk Herodots übernommen wurden.

[6] Diskrepanzen ergeben sich beispielsweise bei den Datierungen von Herodot und Aristoteles. Diese erklären sich durch die unterschiedlich angewandten Zählmethoden der Autoren. Vgl. dazu Schachermeyr, RE 19,1 (1937), 164-167. Eine Übersicht der Ergebnisse anderer Forscher gibt Schachermeyr, RE 19, 1 (1937), 172. Detaillierte Analysen zu den Diskrepanzen liefert Heidbüchel, Philologus 101 (1957), 70-89 und Rhodes, Commentary, 191-199.

[7] Darunter fällt der Oberbefehl im Krieg gegen Megara mit der Eroberung Nisaias. Vgl. Hdt. 1, 59; Arist. Ath. pol. 14,1/17, 2.

[8] Vgl. Hdt. 1, 59. Arist. Ath. pol. 13, 4 geht von Parteien mit unterschiedlichen politischen Interessen aus. Diese Vorstellung wird in der modernen Forschung häufig widerlegt. Vgl. Kluwe, Klio 54 (1972), 120-124; De Libero, Archaische Tyrannis, 56. Anders dagegen Stein-Hölkeskamp, Adelskultur und Polisgesellschaft, 141.

[9] Vgl. Arist. Ath. pol. 13, 5. De Libero, Archaische Tyrannis, 57 vermutet dagegen, dass der Grund in der „Mobilisierung größerer, politisch gewichtiger Massen in der Volksversammlung“ lag und unterstellt Aristoteles eine zu subjektive zeitbezogene Reflexion.

[10] Vgl. Arist. Ath. pol. 14, 1. Hdt. 1, 59 verbindet die Eroberung der Akropolis mit dem Herrschaftsanspruch über Athen. Welwei, Griechische Polis, 227 sieht in der Besetzung hingegen nur ein Mittel zur Machtrepräsentation und setzt die Errichtung der eigentlichen Tyrannis später an.

[11] Ich entscheide mich für eine Zeitrechnung, die auf der Angabe der Quelle beruht. Arist. Ath. pol 14, 1 setzt das Jahr des Komeas 561/60 v. Chr. als erstes Regierungsjahr des Peisistratos an. Dagegen vgl. Schachermeyr, RE 19, 1 (1937), 172.

[12] Der Begriff „τυραννίς“ bedeutet ursprünglich soviel wie „Herr“, ohne einen negativen Akzent. Er bezeichnet eine Form monarchischer Stadtherrschaft, die bereits im 7 Jh. v. Chr. aufgekommen ist. Ihre Ausbreitung vollzieht sich vor allem im griechischen Raum und verschwindet erst im Hellenismus. Vgl. Demandt, Antike Staatsformen, 167. Die Forschung unterscheidet zwischen einer älteren sowie einer jüngeren Tyrannis. Vgl. Lenschau, RE 7 A, 2 (1948), 1821.

[13] Vgl. Hdt. 1, 60; Arist. Ath. pol. 14, 3.

[14] Vgl. Hdt. 1, 60; Arist. Ath. pol. 14, 4.

[15] Vgl. Hdt. 1, 61; Arist. Ath. pol. 15, 2.

[16] Vgl. Hdt. 1, 62; Arist. Ath. pol. 15, 2 hingegen erwähnt nicht die Belagerung der Stadt Marathon.

[17] Vgl. Hdt. 1, 63; Arist. Ath. pol. 15, 3 informiert außerdem über eine Schlacht beim Heiligtum der Athena Pallenis.

[18] Vgl. Hdt. 1, 64. De Libero, Archaische Tyrannis, 68-69 zieht die Enteignung von Gütern prominenter adliger Rivalen durch Peisistratos als eine zusätzliche Einnahmequelle in Betracht.

[19] Vgl. Arist. Ath. pol. 15, 3-5. Thuk. 6, 58 schreibt die Entwaffnung Hippias zu und ordnet sie zeitlich nach der Ermordung des Hipparchos ein. De Libero, Archaische Tyrannis, 62 vermutet einen anachronistischen Rückschluss bei Aristoteles.

[20] Ebd. 14, 1.

[21] Ebd. 16, 2. Obwohl Demandt (siehe S. 3) angibt, dass der ursprüngliche Begriff „Tyrannis“ keine negative Akzentuierung barg, kann durch die Formulierung des Aristoteles das Gegenteil interpretiert werden. Sein Zeitverständnis unterscheidet bereits zwischen einer „Herrschaft zum Nutzen der Polis“ wie er sie Peisistratos zuschreibt und einer „Tyrannis“.

[22] Ebd. 16, 7.

Ende der Leseprobe aus 19 Seiten

Details

Titel
Das Volk Athens unter der Tyrannis des Peisistratos
Hochschule
Technische Universität Dresden  (Institut für Geschichte)
Veranstaltung
Die Verfassung Athens
Note
1,0
Autor
Jahr
2012
Seiten
19
Katalognummer
V272804
ISBN (eBook)
9783656648765
ISBN (Buch)
9783656648796
Dateigröße
560 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Peisistratos, Athenaion politeia
Arbeit zitieren
Tina Kaiser (Autor), 2012, Das Volk Athens unter der Tyrannis des Peisistratos, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/272804

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