Zu: Georg Heyms "Der Gott der Stadt"


Hausarbeit (Hauptseminar), 2004

19 Seiten, Note: 2,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Einleitung

Georg Heym: Der Gott der Stadt

1. Form und Metrik

2. Interpretation
2.1 Inhaltliche Gliederung
2.2 Interpretation
2.3 Die Bedeutung der Bildlichkeit bei Georg Heym
2.3.1 Mythisierung, Dämonisierung und Personifizierung
2.3.2 Farbmetaphorik

3. Schlussbetrachtung: Der Gott der Stadt als Zivilisationskritik

Literaturverzeichnis
Primärliteratur
Sekundärliteratur

Einleitung

Deutsche Großstadtlyrik nimmt in der Lyrik des Expressionismus einen besonderen Stellenwert ein. Die Großstadt als Produkt der Industrialisierung im 19. Jahrhundert verkörpert die moderne Welt[1], der die expressionistischen Lyriker kritisch und misstrauisch gegenüberstehen. Sie bewerten die neuen, auf Versachlichung und Rationalisierung ausgerichteten Zivilisationsformen, die durch das Wesen der Großstadt in dieser entstehen, negativ.[2] Die Großstadt ist einer der „Fluchorte des Expressionismus“[3] und deren Darstellung zumeist mit düsteren Bildern des Schreckens, der Katastrophe und Zerstörung verbunden. Die Metropole als „Ort der Moderne“[4] wird gerade von Dichtern problematisiert, die in einer solchen, z.B. Berlin, leben.

Eines der bekanntesten und wichtigsten Gedichte dieser Großstadtlyrik ist Der Gott der Stadt von Georg Heym, das Ende des Jahres 1910 entstand. Es erschien im Jahr 1911 in Heyms Gedichtband Der ewige Tag und gehört nach eigener Aussage zu einem seiner besten Werke, wie er in einem Brief an seinen Verleger Ernst Rowohlt schreibt.[5]

Diese Arbeit widmet sich einer ausführlichen Interpretation des Gedichts Der Gott der Stadt. Zunächst erfolgt eine Untersuchung der äußeren Form und der Metrik, der sich eine Gliederung der Strophen in inhaltlich sinnvolle Abschnitte anschließt, wobei auch der Gedichtinhalt kurz wiedergegeben wird. Daraufhin wird das Gedicht hinsichtlich seines Inhalts gründlich analysiert. Anschließend wird die zugrunde liegende Bildlichkeit einer genaueren Betrachtung unterzogen, um die Aussage des Gedichts aufzuzeigen. In der Schlussbetrachtung werden die wichtigsten Aspekte dieser Untersuchung noch einmal kurz zusammengefasst dargestellt.

Georg Heym: Der Gott der Stadt

Der Gott der Stadt[6]

Auf einem Häuserblocke sitzt er breit.
Die Winde lagern schwarz um seine Stirn.
Er schaut voll Wut, wo fern in Einsamkeit
Die letzten Häuser in das Land verirrn.

Vom Abend glänzt der rote Bauch dem Baal,
Die großen Städte knien um ihn her.
Der Kirchenglocken ungeheure Zahl
Wogt auf zu ihm aus schwarzer Türme Meer.

Wie Korybanten-Tanz dröhnt die Musik
Der Millionen durch die Straßen laut.
Der Schlote Rauch, die Wolken der Fabrik
Ziehn auf zu ihm, wie Duft von Weihrauch blaut.

Das Wetter schwelt in seinen Augenbrauen.
Der dunkle Abend wird in Nacht betäubt.
Die Stürme flattern, die wie Geier schauen
Von seinem Haupthaar, das im Zorne sträubt.

Er streckt ins Dunkel seine Fleischerfaust.
Er schüttelt sie. Ein Meer von Feuer jagt
Durch eine Straße. Und der Glutqualm braust
Und frißt sie auf, bis spät der Morgen tagt.

1. Form und Metrik

Das Gedicht Der Gott der Stadt ist sehr regelmäßig aufgebaut. Es besteht aus fünf Strophen, die sich aus je vier unterschiedlich langen Zeilen zusammensetzen. Die Verse sind durchgehend fünfhebige Jamben, die im Kreuzreim abgefasst sind. Die Reime sind durchgehend rein. Mit Ausnahme der letzten bestehen die Strophen aus ein bis zwei ganzen Sätzen, wodurch eine gewisse Ruhe und Gleichmäßigkeit in das Gedicht gebracht wird. In der fünften Strophe wird diese Regelmäßigkeit unterbrochen, es kommt Bewegung in die Handlung, die sich auch in der äußeren Form widerspiegelt: Es erfolgen Zäsuren, indem die Sätze nun mitten im Vers enden, nicht am Zeilenende. Verstärkt werden diese Zäsuren durch Enjambements in dieser Strophe: „Er schüttelt sie. Ein Meer von Feuer jagt / Durch eine Straße. Und der Glutqualm braust / Und frißt sie auf, bis spät der Morgen tagt.“ (Z.18-20)

Insgesamt gesehen ist Der Gott der Stadt für ein expressionistisches Gedicht äußerlich ungewöhnlich streng gefasst. Die Form ist überaus schlicht und traditionell gehalten, „geradezu auffallend unauffällig“[7]. Rein vom Äußerlichen her würde man es zunächst nicht für ein expressionistisches Gedicht halten. Die Abweichungen, die man gerade von der Lyrik des Expressionismus erwartet, sind nicht auf den ersten Blick zu erkennen. Um diese zu erfassen, muss man sie im Inhalt, den gebrauchten Metaphern, der ausgesprochenen und besonderen Bildlichkeit suchen, die Heym in seiner Lyrik nutzt. Er setzt diese bildhafte Darstellung als konstitutives Element in der Gestaltung seiner Gedichte ein.[8] Der Gott der Stadt wird im folgenden Kapitel vor allem in Hinblick auf die gebrauchte Metaphorik analysiert.

2. Interpretation

In diesem Kapitel wird das Gedicht Der Gott der Stadt zunächst in inhaltliche Abschnitte unterteilt. Anschließend erfolgen eine ausführliche Interpretation des Gedichts sowie die Darstellung der zugrunde liegenden Metaphorik.

2.1 Inhaltliche Gliederung

Das fünfstrophige Gedicht kann in drei inhaltliche Abschnitte gegliedert werden.

Die erste Strophe, die Exposition, beinhaltet die Vorstellung und Beschreibung des Gottes der Stadt, wie er bereits im Titel des Gedichts genannt wird. „Auf einem Häuserblocke sitzt er breit“ (Z.1) und „schaut voll Wut“ (Z.3) auf den fernen Stadtrand, wo „die letzten Häuser in das Land verirrn.“ (Z.4) Schon in diesen ersten Zeilen wird klar, dass dieser Gott ein zorniger ist, kein gütiger. Die Ursache seines Zornes wird allerdings nicht näher bestimmt.

In der zweiten und dritten Strophe wird der „Götzendienst“[9], den die personifizierten Städte leisten, dargestellt. Diese knien vor ihrem ebenfalls personifizierten Gott, der nun mit dem Namen Baal bezeichnet wird. Die dritte Strophe ergänzt das Bild der Weltstadt durch die „akustische Sphäre“[10]: Der Lärm der Städte, der als „Musik der Millionen“ (Z.9/10) geschildert wird, tönt zum Stadtgott hinauf.

Nun folgt die Wendung der Gedichthandlung: trotz der unterwürfigen Haltung der Städte gegenüber ihrem zornigen Gott lässt sich dieser nicht besänftigen. Die letzten beiden Strophen bilden den letzten inhaltlichen Gliederungsabschnitt des Gedichts. Es kommt Bewegung in den Handlungsvorgang.[11]

In der vierten Strophe verstärkt sich die Wut des grollenden Baal: „Das Wetter schwelt in seinen Augenbrauen“ (Z.13), die „Stürme flattern, die wie Geier schauen / Von seinem Haupthaar, das im Zorne sträubt“ (Z.15/16).

In der fünften Strophe kommt es schließlich zur Katastrophe. Baals Wut bricht plötzlich und unvermittelt aus, die verherrlichende Anbetung seiner Anhänger konnte ihn nicht besänftigen. Sein Zerstörungswille richtet sich gegen sie: Er „streckt […] seine Fleischerfaust“ (Z.17) und „ein Meer von Feuer jagt / Durch eine Straße“ (Z.18/19). Der rasende Gott kennt keine Gnade. Der „Glutqualm braust“ (Z.19) und wütet bis zum späten Morgen.

[...]


[1] Vgl. Noh, Hee-Jik: Expressionismus als Durchbruch zur ästhetischen Moderne. Tübingen 2001. S.74.

[2] Vgl. Noh, S.86.

[3] Rothe, Wolfgang: Deutsche Großstadtlyrik vom Naturalismus bis zur Gegenwart. Stuttgart 1973. S.16.

[4] Noh, S.74.

[5] Vgl. Schneider, Nina: Am Ufer des blauen Tags. Glinde 2000. S.114.

[6] Georg Heym. Dichtungen und Schriften. Band 1: Lyrik. Hg. von Schneider, Karl Ludwig. Hamburg. München 1964. S.192.

[7] Vietta, Silvio; Kemper, Hans-Georg: Expressionismus. München 1983. S.52.

[8] Vgl. Korte, Hermann: Georg Heym. Stuttgart 1982. S.53.

[9] Noh, S.153.

[10] Noh. S.121.

[11] Vgl. Noh, S.153.

Ende der Leseprobe aus 19 Seiten

Details

Titel
Zu: Georg Heyms "Der Gott der Stadt"
Hochschule
Ruprecht-Karls-Universität Heidelberg  (Germanistisches Seminar)
Veranstaltung
Lyrik um 1900
Note
2,0
Autor
Jahr
2004
Seiten
19
Katalognummer
V27342
ISBN (eBook)
9783638294188
ISBN (Buch)
9783638781879
Dateigröße
494 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Georg, Heyms, Gott, Stadt, Lyrik
Arbeit zitieren
Magistra Artium Melanie Kindermann (Autor), 2004, Zu: Georg Heyms "Der Gott der Stadt", München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/27342

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