Der Einfluss des Christentums auf die Entstehung der wohlfahrtsstaatlichen Institutionen in Deutschland


Hausarbeit, 2013

14 Seiten, Note: 1,7


Leseprobe

Inhalt

Einleitung

Die Anfänge des deutsche Wohlfahrtsstaats

Theorien der wohlfahrtsstaatlichen Politik
Die Sozioökonomische Schule
Die Machtressourcentheorie

Die Rolle des Christentums
Der Einfluss des Katholizismus
Der Protestantismus und die Säkularisierung

Fazit

Literaturverzeichnis

Einleitung

Innerhalb der vergleichenden Sozialforschung ist der Einfluss der Religion auf die Herausbildung der wohlfahrtsstaatlichen Institutionen mittlerweile ein durchaus populäres Arbeitsfeld. Sprach Franz-Xaver Kaufmann 1989 noch von einem „vergessenen Thema“ (Kaufmann, 1989, S. 67), so finden sich mittlerweile diverse Arbeiten, die sich dieser Frage annehmen. Dafür verantwortlich ist auch ein Paradigmenwechsel in der Perzeption der Rolle der Religion für die gesellschaftliche Entwicklung. Während bis in die 1980er Jahre der Neo-Marxismus oder die Modernisierungstheorie, die prinzipiell einen einheitlichen Entwicklungspfad postuliert, Religion als Faktor begreifen, der für Geschwindigkeits-unterschiede in einem ansonsten fast gleich ablaufenden Entwicklungsprozess verantwortlich ist, wird sie heute viel mehr als „mächtig nachwirkende Kulturkompetenz“ (Manow, 2009, S. 12) aufgefasst. Aus dieser Perspektive prägt sie den Sozialstaat in Bereichen, die vor allem moralische Fragen innerhalb der Gesellschaft aufwerfen. Sie beeinflusst die Definition von gerechter beziehungsweise ungerechter Verteilung und von gesellschaftlicher Solidarität (Manow, 2009, S. 13). Ich halte mich in meiner Arbeit an eine Definition, die Religion als „Theorie und Praxis der Letztwertbegründung“ (Opielka, Entstaatlichung und soziale Sicherheit. Verhandlungen des 31. Kongresses der Deutschen Gesellschaft für Soziologie in Leipzig 2002, 2002, S. 2) begreift. Das bedeutet, dass sie für - für das Individuum - nicht hinterfragbare Werte verantwortlich ist und so - ausgehend von dem Gedanken, dass jede politische Entscheidung einer moralischen Akzeptanz bedarf - erscheint es plausibel, zu untersuchen, inwieweit der Wohlfahrtsstaat auf religiösen Werten beruht.

Dahinter steht die These, dass religiöse Motive institutionelle Prozesse beeinflussen und wiederum von diesen beeinflusst werden. Das heißt, dass sich eine „Wahlverwandschaft“ (Max Weber) bildet zwischen religiösen Ideen und Prinzipien von Institutionen, die sich mit der Zeit zu einer „etablierten Verwandschaft“ entwickelt, die nicht so leicht zu ändern ist. Das heißt im Gegensatz zu einem strukturalistischen Ansatz, der primär politisch-ökonomische Bedingungen für die Bildung und Entwicklung sozialpolitischer Regime verantwortlich macht, verfolge ich einen kulturalistischen Ansatz und interessiere mich für die Rolle gemeinsamer sozialisierter Werte und Traditionen und historischer Erfahrungen.

Was das Thema für mich außerdem interessant macht, ist das Wissen, dass sich in Deutschland wie in sonst keinem anderen europäischen Land zwei Einflusslinien aus den zwei großen christlichen Konfessionen überschneiden. Einerseits die für die lutherische Tradition typische Staatsnähe, die in den skandinavischen Ländern – zusammen mit anderen Faktoren, wie starken sozialdemokratischen Parteien – für die Etablierung eines universalistisch ausgerichteten, starken Wohlfahrtsstaats verantwortlich war, andererseits eine für den Katholizismus des 19. Jahrhunderts typische Eigenständigkeit bzw. Überordnung gegenüber dem moderne Staat (Gabriel, 2009, S. 3).

Um den Rahmen meiner Arbeit nicht zu sprengen, konzentriere ich mich auf den deutschen Raum, was es mir erlaubt, mich fast ausschließlich auf die Einflüsse des Protestantismus und des Katholizismus zu konzentrieren. Eine solche Gegenüberstellung wäre auf ganz Europa bezogen im Sinne einer wissenschaftlichen Herangehensweise nicht zulässig, gibt es doch enorme Unterschiede in der Sozialdoktrin, das heißt in der jeweiligen Aufgabenzuschreibung an Staat und Individuum zum Beispiel zwischen den protestantischen Staatskirchen in Nordeuropa und den lutherischen Sekten in Ländern wie der Schweiz, den Niederlanden, Großbritannien oder den USA (Manow, 2009, S. 8).

Die Anfänge des deutsche Wohlfahrtsstaats

Seine Wurzeln hat der moderne Sozial- und Wohlfahrtstaat im späten 19. Jahrhundert. In unterschiedlichen europäischen Ländern wurden in diesen Jahren Gesetze zur sozialen Sicherheit verabschiedet. Die vier tragenden Pfeiler der Sozialpolitik, die Unfall-, Kranken-, Renten- und Arbeitslosenversicherung, wurden dabei als erstes in den europäischen Pioniernationen Deutschland, Dänemark, Belgien und Österreich eingeführt. Außerhalb Europas fasste der Wohlfahrtsstaat vor allem in Australien und Neuseeland frühzeitig Fuß (Schmidt, Sozialpolitik in Deutschland. Historische Entwicklung und internationaler Vergleich, 2005, S. 182). Trotz länderspezifisch variierender Muster wurde dabei im Durchschnitt zunächst die Unfallversicherung etabliert, anschließend die Rentenversicherung, gefolgt von der Krankenversicherung und letztlich der Arbeitslosenversicherung (Flora, 1995, S. 50).

Das grundlegende Ziel der Politiken und der mit ihnen verknüpften Institutionen ist darauf ausgerichtet, vor Wechselfällen des Lebens und der Verelendung zu schützen und/oder die Gleichheit der Lebensführungschancen zu fördern. Dies kann durch Eingriffe in die Einkommensverteilung durch Dienstleistungen und Güterproduktion sowie durch Gebote und Verbote erfolgen (Schmidt, 2007, S. 21). Allerdings existierten bereits vorher sozialpolitische Mechanismen der Sozialfürsorge und Armenpflege, in Deutschland etwa auf genossenschaftlicher, kommunaler, betrieblicher und kirchlicher Basis (Schmidt, 2005, S. 21). Wesentlicher Unterschied war dabei jedoch die Beschränkung des gewährten Schutzes, der lediglich Bevölkerungsminderheiten galt, etwa Beamten und Angehörigen des Militärapparats. Eine Abkehr von dieser traditionellen Armenpolitik erfolgte dabei zunächst in Deutschland durch das „Gesetz, betreffend die Krankenversicherung der Arbeiter“ (1883), eine Zwangsversicherung, primär für die Arbeiter der Gewerblichen Wirtschaft. Mit der Einführung einer Unfallversicherung (1884) sowie einer Invaliditäts- und Altersversicherung (1889) erwies sich das Deutsche Reich als Vorreiter dreier essentieller Zweige des Wohlfahrtsstaates.

Theorien der wohlfahrtsstaatlichen Politik

Im Folgenden werde ich zwei prominente Theorieschulen der wohlfahrtsstaatlichen Entwicklung vorstellen, bevor ich mich dem Einfluss des Christentums widme. Dabei möchte ich betonen, dass es sich, wie bei allen gesellschaftlichen Theorien, um idealtypische Komplexe handelt, die, jede für sich, einen stark vereinfachenden Charakter haben. Es ist davon auszugehen, dass die Realität deutlich vielschichtiger ist und – und das würde auch kein Verfechter der einzelnen Theorien verneinen – zumindest ein Zusammenspiel der einzelnen Erklärungsansätze widerspiegelt.

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Ende der Leseprobe aus 14 Seiten

Details

Titel
Der Einfluss des Christentums auf die Entstehung der wohlfahrtsstaatlichen Institutionen in Deutschland
Hochschule
Universität Hamburg  (Fakultät Wirtschafts- und Sozialwissenschaften)
Veranstaltung
Wohlfahrtswerte im internationalen Vergleich
Note
1,7
Autor
Jahr
2013
Seiten
14
Katalognummer
V273492
ISBN (eBook)
9783656656913
ISBN (Buch)
9783656656906
Dateigröße
447 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
einfluss, christentums, entstehung, institutionen, deutschland
Arbeit zitieren
Jakob Kluge (Autor), 2013, Der Einfluss des Christentums auf die Entstehung der wohlfahrtsstaatlichen Institutionen in Deutschland, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/273492

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