Warum gibt es Tiere in der Fabel?

Historische Begründungen


Hausarbeit, 2012
11 Seiten, Note: 3,0

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Hauptteil
2.1. Historische Begründungen für die Verwendung von Tieren in der Fabel
2.1 „Von dem Gebrauche der Tiere in der Fabel“

3. Schlussbetrachtung

4. Quellen- und Literaturverzeichnis einschließlich weiterführender Literatur
4.1. Quellenverzeichnis
4.2. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Wir alle kennen sie: die Fabel. Eine kurze Geschichte, die zu gleichen Teilen unterhalten und belehren will und in der häufig Tiere die Protagonisten sind. Reinecke, der schlaue und hinterlistige Fuchs, Meister Lampe, der vorlaute, aber zugleich ängstliche Hase und viele andere tierische Darsteller sind ein fester Bestandteil der Tierfabeldichtung. „Es gibt bestimmte Eigenschaften und Verhaltensweisen, die den Fabeltieren eigen sind und die man auch in Sprichwörtern, Redensarten und in der Heraldik findet.“[1] Aber aus welchem Grund ist das so? Warum gibt es Tiere in der Fabel?

Diese Arbeit beschäftigt sich mit den historischen Begründungen für die Verwendung von Tieren in der Fabel.

„Die Diskussion über die Rolle der Tierfiguren in der Fabel ist alt, wenngleich sie noch keineswegs als wissenschaftlich hinreichend behandelt und geklärt angesehen werden kann.“[2] Diese Arbeit versucht, eine Übersicht und Zusammenfassung über den Stand der literaturwissenschaftlichen Diskussion über die Rolle von Tieren in der Fabel zu geben. Der erste Teil dieser Arbeit beschäftigt sich mit den verschiedenen historischen Begründungen für die Verwendung von Tieren in der Fabel. Literaturgrundlage für die Wiedergabe der Auffassung von Johann Jacob Breitinger ist hierbei der Text seiner Critischen Dichtkunst. Jacob Grimms Analysen stammen aus der Einleitung seines Werkes Reinhart Fuchs. Weiter wird im Folgenden auf verschiedene Aufsätze aus dem von Peter Hasubek herausgegebenen Sammelband Fabelforschung eingegangen. Der zweite Teil dieser Arbeit behandelt Gotthold Ephraim Lessings Werk Abhandlungen über die Fabel. Lessing gesteht der Behandlung der Frage nach dem Gebrauche der Tiere in der Fabel ein ganzes Kapitel seines Buches zu und trifft einige Aussagen, die die nachfolgende Fabelforschung nachhaltig beeinflussten. Auch setzt er sich in seiner Abhandlung mit den Schlüssen Breitinger auseinander und korrigiert dessen Analysen.

Abschließend werden im Schlusswort, das das Ende dieser Arbeit bildet, die Ergebnisse der beiden Kapitel zusammengefasst.

2. Hauptteil

2.1. Historische Begründungen für die Verwendung von Tieren in der Fabel

Johann Jacob Breitinger befasst sich Mitte des 18. Jahrhunderts mit der Äsopischen Fabel[3] und in seiner Critischen Dichtkunst findet sich eine Passage, in der er das Auftreten der Tiere in der Fabel erklärt. Der Fabel soll „eine anzügliche Kraft und ein reizendes Ansehen“ gegeben werden um „einen sichern Eingang in das menschliche Herz aufzuschließen.“[4] Da aber „allein das Seltene, Neue und Wunderbare eine solche erweckende und angenehm entzückende Kraft auf das menschliche Gemüt mit sich führet, so war man bedacht, die Erzählung durch die Neuheit und Seltsamkeit der Vorstellungen wunderbar zu machen.“[5] Da „aber dergleichen wunderbare Handlungen in dem gemeinen Leben der Menschen etwas Ungewohntes und Seltsames sind, (…), nahm man sich die Freiheit heraus, die Tiere, (…), zu der höhern Natur der vernünftigen Wesen zu erheben, indem man ihnen menschliche Vernunft und Rede mitteilte, damit sie also fähig würden, uns ihren Zustand und ihr Begegnisse in einer uns vernehmlichen Sprache zu erklären und durch ihr Exempel von ähnlichen moralischen Handlungen unsre Lehrer abzugeben.“[6]

Das Wunderbare in der Fabel wird also erst mit Hilfe der Tiere und den übrigen unbelebten Akteuren verwirklicht. Breitinger sieht demnach im Auftreten von Tieren in der Fabel den besonderen Reiz, „weil durch dieses „Wunderbare“ die Aufmerksamkeit des Lesers mehr geweckt werde, als wenn Menschen auftreten“.[7] Daniel Wilhelm Triller, wie Breitinger ein Schriftsteller des 18. Jahrhunderts, bezeichnet das „Unglaubliche“, dass Tiere miteinander reden, als wesentliches Element der Fabel.

Auch Jacob Grimm kommt in der Einleitung seiner Ausgabe des Reinhart Fuchs auf die Frage nach der Funktion der Tiere in der Fabel zu sprechen. Gut ein Jahrhundert nach Breitinger ist er der nächste, der sich mit der Rolle der Tiere in der Fabel beschäftigt und benennt zu Anfang die Faszination und Entfesselung der Gefühle, die durch Tiere im Menschen ausgelöst wird: „ Es ist nicht bloß die äußere Menschähnlichkeit der Tiere, der Glanz ihrer Augen, die Fülle und Schönheit ihrer Gliedmaße was uns anzieht; auch die Wahrnehmung ihrer mannigfaltigen Triebe, Kunstvermögen, Begehrungen, Leidenschaften und Schmerzen zwingt in ihrem Inneren ein Analogon von Seele anzuerkennen, das bei allem Abstand von der Seele des Menschen ihn in eine so empfindsames Verhältnis zu jenen bringt, dass, ohne gewaltsamen Sprung, Eigenschaften des menschlichen Gemüts auf das Tier und tierische Äußerungen auf den Menschen übertragen werden dürfen.“[8]

Im weiteren Text werden Funktionen und Eigenschaften genannt, die die Tiere im Laufe der Jahrhunderte im Leben der Menschen ein- und angenommen hatten. Grimm bemerkt, dass „alle Volkspoesie (…) erfüllt von Tieren, die sie in Bilder, Sprüche und Lieder einführt“[9] sei. Die Tierfabel gründe sich „also auf nichts anderes als den sicheren und dauerhaften Boden jedweder epischen Dichtung“[10] und „sobald wir eingelassen sind in das innere Gebiet der Fabel, beginnt der Zweifel an dem wirklichen Geschehensein ihrer Ergebnisse zu schwinden, wir fühlen uns so von ihr angezogen und fortgerissen, dass wir den auftretenden Tieren eine Teilnahme zuwenden, die wenig oder nichts nachgibt derjenigen, die uns beim reinmenschlichen Epos erfüllt. Wir vergessen, dass die handelnden Personen Tiere sind, wir muten ihnen Pläne, Schicksale und Gesinnungen der Menschen zu“[11] Es scheint hier ein Grad der Vermenschlichung der Tiere erreicht zu werden und die Handlung der Fabel ersetzt ein menschlich besetztes Epos, was allerdings zugleich den Reiz der Fabel auszumachen scheint.

Im Folgenden benennt Grimm die seines Erachtens wesentlichen Merkmale der Tierfabel: Einmal müsse sie „die Tiere darstellen als seien sie begabt mit menschlicher Vernunft und in alle Gewohnheiten und Zustände unseres Lebens eingeweiht, sodass ihre Aufführung gar nichts befremdliches hat.“[12] Zum anderen „müssen daneben die Eigenheiten der besonderen tierischen Natur ins Spiel gebracht und geltend gemacht werden.“[13] Grimm verhält sich hier bei der Frage Tier = Naturwesen und Tier = Mensch indifferent, indem er beide Möglichkeiten in der Fabel gegeben sieht.

Den Geist der Fabel verfehlt hätte jedoch, “wer Geschichten ersinnen wollte, in denen die Tiere sich bloß wie Menschen gebährdeten, nur zufällig mit Tiernamen und Gestalt begabt wären, [ebenso] wie wer darin Tiere getreu nach der Natur aufzufassen suchte, ohne menschliches Geschick und ohne den Menschen abgesehne Handlung. Fehlte den Tieren der Fabel der menschliche Beigeschmack, so würden sie albern, fehlte ihnen der tierische, langweilig sein.“[14] Jacob Grimm möchte nur Tiere als Akteure in der Fabel dulden und verweist die toten Gegenstände in das Märchen: “Das bloße Märchen kann ganz tote Gegenstände, wie Stühle, Bänke, Kohlen handelnd und redend einführen; aus jener [der Fabel] müssen sie geschieden bleiben, weil ihnen alle natürliche Lebenstätigkeit, die ihr beizumischen wäre, abgeht. Pflanzen, Bäume, deren Leben wiederum sie zu unmerkbar äußert, als dass sie wirksam sein, könnten, taugen ihr ebenso wenig.“[15]

Die Fabel sei keine Satire und habe nicht die Absicht „ihren Spott über das ganze Menschengeschlecht“[16] zu ergießen, vielmehr strömt die Fabel „in ruhiger, unbewusster Breite; sie ist gleichmütig, wird von ihrer inneren Lust getragen, und kann es nicht darauf abgesehen haben, menschliche Laster und Gebrechen zu strafen oder lächerlich zu machen.“[17]

Mitte des 20. Jahrhunderts greift der Romanist Karl August Ott das Problem der Funktion der Tiere in der Fabel erneut auf, darüber hinaus behandelt er auch verschiedene Aspekte der Fabeltheroie Lessings. Im Hinblick auf die Bedeutung der Tiere in der Fabel führt Ott aus, dass die „Verwendung der Tiere in dem Situationsmodell“ die Überführung komplizierter Verhältnisse des menschlichen Lebens in den Zustand „berechenbare[r] Größen“[18] erlaube. In der Welt der Fabeltiere herrsche eine „notwendige und unverrückbare Ordnung der Kräfte“ und „die Verkennung dieser Ordnung der natürlichen Kräfte bekommt der Mensch „am eigenen Leibe zu spüren“. Die Spiegelung der menschlichen Lage in tierische Verhältnisse [impliziere] des Weiteren eine zwangsläufige Entwertung des menschlichen Handelns.“[19]

Klaus Doderer argumentiert, dass „die Zusammenstellung [der Tiere] in den einzelnen Fabeln (…) aus Gesichtspunkten“, geschähe, “die aus der Absicht des Erzählers erwachsen.“[20]

2.1 „Von dem Gebrauche der Tiere in der Fabel“

Für den berühmten Fabeldichter und Theoretiker Gotthold Ephraim Lessing besitzt die Verwendung von Tieren in der Fabel eine solche Wichtigkeit, dass er dieser Thematik ein ganzes Kapitel in seinen „Abhandlungen über die Fabel“ zuweist. Im Kapitel „Von dem Gebrauche der Tiere in der Fabel“ beschreibt er seine Auffassung zur Verwendung von Tierfiguren in der Fabel und begründet diese.

In Lessings‘ Schrift „Von dem Gebrauche der Tiere in der Fabel“ heißt es: ,,Folglich würde auch die Einführung der Tiere uns höchstens nur in den ersten Fabeln wunderbar vorkommen; fänden wir aber, daß die Tiere fast in allen Fabeln sprächen und urteilten, so würde diese Sonderbarkeit, so groß sie auch an und vor sich selbst wäre, doch gar bald nichts Sonderbares mehr für uns haben“.[21] Lessing widerlegt hier oben erwähnte These Breitingers, das Auftreten von Tieren in der Fabelbedeute das Wunderbare, da „das Wunderbare seine Wirkung verliert durch das häufige Vorkommen. Nur bei den ersten Fabeln, die man kennenlerne, wirke das Auftreten von Tieren, die reden können sonderbar; später nicht mehr.“[22] Für Lessing ist das Auftreten von Tieren ein Gattungsmerkmal, denn „daß die Tiere, und andere niedrigere Geschöpfe, Sprache und Vernunft haben, wird in der Fabel vorausgesetzt; es wird angenommen und soll nichts weniger als wunderbar sein.“[23] Lessing kann Breitingers These vom Wunderbaren als Kennzeichen der Fabel nicht akzeptieren, da für ihn die Besonderheit der Fabel als Genre in ihrer Annäherung an die Wirklichkeit besteht.

Nach Lessing s Fabeldefinition sind Tiere für die Fabel nicht unbedingt notwendig. Ihm kommt es in erster Linie auf die Darstellung typischer Charakter an. Der Fabelerzähler verwendet Tiere auf Grund der „allgemein bekannte[n] Bestandheit der Charaktere.“[24] Fabeltiere sind bevorzugte Akteure, weil man ihre Eigenschaften nicht mehr zu beschreiben braucht: „Die umständliche Charakterisierung daher zu vermeiden, bei welcher es doch noch immer zweifelhaft ist, ob sie bei allen die nämlichen Ideen hervorbringt, war man gezwungen, sich lieber in die kleine Sphäre derjenigen Wesen einzuschränken, von denen man es zuverlässig weiß, daß auch bei den Unwissendsten ihren Benennungen diese und keine andere Idee entspricht.(…) Aber man hört: der Wolf und das Lamm; sogleich weiß jeder, was er höret, und weiß, wie sich das eine zu dem andern verhält.(…) Wenn daher der Fabulist keine vernünftigen Individua auftreiben kann, die sich durch ihre bloße Benennung in unsere Einbildungskraft schildern, so ist es ihm erlaubt, und er hat Fug und Recht, dergleichen unter den Tieren oder unter noch geringeren Geschöpfen zu suchen.“[25] Durch die dadurch erreichte Sprachökonomie werden Charakterisierungen erspart.

[...]


[1] Dithmar Reinhard: Die Fabel. Geschichte, Struktur, Didaktik. 2. Auflage. Paderborn: Schöningh, 1974 (Uni-Taschenbücher; 73). S.111.

[2] Hasubek, Peter: Einleitung. In: Fabelforschung. Hg. v. Peter Hasubek. Darmstadt: Wissenschaftliche Buchgesellschaft, 1983 (Wege der Forschung; 572). S. 4.

[3] Ihre historisch entscheidende Prägung erfuhr die Fabel in der Verbindung mit dem Namen und der Lebensgeschichte des angeblichen Gattungsstifters Äsop (5. Jh. v. Chr.). Die unter seinem Namen laufenden Corpora bestimmen das Bild der Gattung und stellen die fortwirkenden Figurenkonstellationen und Handlungsabläufe bereit.

[4] Breitinger, Johann Jacob: Critische Dichtkunst. Faksimiliedruck nach der Ausgabe von 1740. Mit einem Nachwort von Wolfgang Bender. Bd. 1. Stuttgart: J.B. Metzlersche Verlagsbuchhandlung, 1966 (Texte des 18. Jahrhunderts). S. 183.

[5] Ebenda.

[6] Breitinger: Cristische Dichtkunst, S. 184 f.

[7] Dithmar: Die Fabel, S.110.

[8] Grimm, Jacob: Wesen der Thierfabel (1834). In: Fabelforschung. Hg. v. Peter Hasubek. Darmstadt: Wissenschaftliche Buchgesellschaft, 1983 (Wege der Forschung; 572). S. 19.

[9] Grimm: Wesen der Thierfabel, S. 22.

[10] Ebenda.

[11] Grimm: Wesen der Thierfabel, S.23.

[12] Ebenda.

[13] Ebenda.

[14] Grimm: Wesen der Thierfabel, S.24.

[15] Grimm: Wesen der Thierfabel, S. 24 f.

[16] Grimm: Wesen der Thierfabel, S. 26.

[17] Ebenda.

[18] Ott, Karl August: Lessing und La Fontaine. Von dem Gebrauche der Tiere in der Fabel (1959). In: Fabelforschung. Hg. v. Peter Hasubek. Darmstadt: Wissenschaftliche Buchgesellschaft, 1983 (Wege der Forschung; 572). S. 187.

[19] Ebenda.

[20] Doderer, Klaus: Fabeln. Formen, Figuren, Lehren. Zürich: Atlantis, 1970.

[21] Lessing, Gotthold Ephraim: Fabeln. Abhandlungen über die Fabel. Stuttgart: Reclam, 1967 (Reclams Universal-Bibliothek; 27). S. 109.

[22] Dithmar: Die Fabel, S. 111.

[23] Lessing: Fabeln. Abhandlungen über die Fabel, S. 109.

[24] Lessing: Fabeln. Abhandlungen über die Fabel, S. 110.

[25] Lessing: Fabeln. Abhandlungen über die Fabel, S. 111.

Ende der Leseprobe aus 11 Seiten

Details

Titel
Warum gibt es Tiere in der Fabel?
Untertitel
Historische Begründungen
Hochschule
Johannes Gutenberg-Universität Mainz
Note
3,0
Autor
Jahr
2012
Seiten
11
Katalognummer
V273859
ISBN (eBook)
9783668502741
ISBN (Buch)
9783668502758
Dateigröße
521 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
warum, tiere, fabel, historische, begründungen
Arbeit zitieren
Desiree Wolny (Autor), 2012, Warum gibt es Tiere in der Fabel?, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/273859

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