Vier Aspekte der Zeit(-lichkeit) in Chris Markers "La Jetée"


Ausarbeitung, 2014

8 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Vier Aspekte der Zeit(-lichkeit) in Chris Markers LA JETÉE
2.1. Zeit ist dekonstruierbar
2.2. Zeit ist tödlich
2.3. Zeit ist konservierbar
2.4. Zeit ist unausweichlich

3. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Verallgemeinernd lässt sich der thematische Inhalt von Chris Markers Kurzfilm (von ihm selbst als „Foto-Roman“ bezeichnet1 ) LA JETÉE (dt.: „Am Rande des Rollfelds“) schnell zusammenfassen: LA JETÉE ist eine Erzählung über Zeit2. Doch natürlich wird man dem inhaltlich komplexen und handwerklich einzigartig komponierten Film, der, bis auf eine Ausnahme, nur aus aneinandergereihten, monochrom gehaltenen Standbildern besteht, begleitet von der tiefen Stimme eines auktorialen Erzählers, damit alles andere als gerecht. Zwar ist die Aussage („LA JETÉE ist ein Film über Zeit“) nicht falsch, aber erstens greift sie zu kurz und zweitens, muss selbst jene Formulierung erweitert werden, denn: Zeit ist nicht gleich Zeit. Zeit kann zahlreiche Eigenschaften haben, aus unterschiedlichen Blickwinkeln betrachtet und auf verschiedene Komponenten hin untersucht werden. Im Rahmen eines Referats zu LA JETÉE habe ich es mir zur Aufgabe gemacht, verschiedene Aspekte der von Chris Marker dargestellten Zeit(-lichkeit) zu identifizieren. Dabei haben sich vor allem vier Attribute herausgestellt, die der Zeit in LA JETÉE zugeschrieben werden können. Natürlich erhebt diese Aufzählung keinen Anspruch auf Vollständigkeit, doch sie liefert einen guten Überblick über die Komplexität des Films als auch über Zeit(-lichkeit) an sich.

2. Vier Aspekte der Zeit(-lichkeit) in Chris Markers LA JETÉE

2.1 Zeit ist dekonstruierbar.

In LA JETÉE wird Zeit auf zwei verschiedenen Ebenen dekonstruiert. Die erste Ebene bezieht sich auf den formal-ästhetischen Bereich, denn: Unsere intuitive Erwartungshaltung an einen Film, als ein narratives Medium, das uns fortlaufende, bewegte Bilder präsentiert, in der das Geschehene zwar nicht unbedingt in Echtzeit ablaufen muss, aber sich durchaus an unserem realen Zeitverständnis orientiert, wird gebrochen. Stattdessen sehen wir beinahe metonymisch aneinandergereihte Standbilder, die mal länger und mal kürzer auf uns wirken3. Die eigentlich obligatorisch fortlaufende Zeit wird so hinsichtlich einer Folge von Momenten und Zeitpunkten aufgebrochen4. Darüber hinaus könnte auch die Tatsache, dass es sich bei LA JETÉE um eine medienanachronistische Komposition handelt als Dekonstruktion der Zeit gewertet werden. Denn die „klassische Konstruktion filmischer Narration […] durch die spezifisch dezentralisierte, essayistische Form“5 zu ersetzen, d.h. einen Film aus einzelnen Standbildern zu produzieren, obwohl es weder den technischen, noch den inszenatorischen Gepflogenheiten der Zeit entspricht, birgt eine große medienanachronistische und somit dekonstruierende Qualität. In dem Fall nicht als rein formal-ästhetische Dekonstruktion, sondern durch einen institutionell-medialen Bezug erweitert.

Die zweite Form der Dekonstruktion findet auf einer narrativ-inhaltlichen Ebene statt. Da das für unsere „Kultur fundamentale Zeitmodell“6 das, des linearen Ablaufs ist, wird Zeit durch die Vorstellung bzw. Inszenierung von Zeitreisen per se dekonstruiert. Im konkreten Fall geht es darum, dass uns ein Paradox präsentiert wird, bei dem es nicht darum geht, dass eine Person zum selben Zeitpunkt an zwei Orten gewesen zu sein scheint, sondern darum, dass sich in einem Ort zwei Zeitebenen verschränken. Ein Ort wurde von einer Person als Kind und als Mann aufgesucht, allerdings war der Moment, indem sie sich dort befanden, ein und derselbe, ist je nach Blickwinkel also Vergangenheit, Gegenwart und auch Zukunft. Dies spricht zudem für eine permanente Gleichzeitigkeit, worauf im Unterpunkt „Zeit ist unausweichlich“ aber nochmal gesondert eingegangen wird.

2.2 Zeit ist tödlich.

Auch im Bezug auf die Aussage „Zeit ist tödlich“ müssen zwei verschiedene Betrachtungsweisen differenziert werden. Denn neben der sich in LA JETÉE konkretisierenden Erkenntnis, „dass Zeit tödlich ist“, erscheint diese Formulierung erst einmal nahezu redundant. Dennoch erscheint es aufgrund der komplexen Zeitstrukturen in LA JETÉE sinnvoll, diesen Punkt anzusprechen.

Diese Aussage („Zeit ist tödlich“) vollzieht sich im Sinne unseres alltäglichen Verständnisses von einer permanent ablaufenden Lebenszeit. D.h.: Umso älter wir werden, umso mehr Lebenszeit ist abgelaufen. Jeden Tag verrinnt unsere Lebenszeit, vergleichbar mit einer Sanduhr, sukzessive und zum Zeitpunkt unseres Todes - ob er uns nun in besonders jungen Jahren oder im hohen Alter ereilt, ist dabei völlig egal, da „Lebenszeit“ keine absolute Größe ist, sondern individuell verschieden - ist sie schließlich komplett aufgebraucht.

Der morbide Charakter von Zeit zeigt sich aber, filmspezifisch, auch im Bezug auf Zeitreisen. Zu Beginn des Films erklärt der Erzähler, dass zunächst ausschließlich „unlebendige Dinge“ auf Zeitreise geschickt wurden, da lebende bzw. lebendige Menschen, bei dem Experiment stets verstorben oder aber wahnsinnig geworden sind. Dadurch wird gezeigt, dass nicht nur die ablaufende Lebenszeit für uns im Endeffekt tödlich ist, sondern auch, dass die Adaption an eine Zeitebene, an die wir nicht gewohnt sind und aus der wir nicht ursprünglich stammen, sehr gefährlich sein kann. Es kann also ein „mentaler Schock“ auftreten. Dies ist eine Problematik die in sehr vielen Zeitreisefilmen auftritt, in denen es ebenfalls extrem schwer zu sein scheint, sich an eine „neue Gegenwart“ anzupassen, die nicht mehr die Gegenwart ist, an die man eigentlich gewohnt ist. Und dies liegt nicht nur an etwaigen kulturellen, technischen, klimatischen bzw. „zeitlich bedingten“ Differenzen, sondern an Zeit als solches. In LA JETÉE wird ausgerechnet dieser Protagonist ausgewählt, weil ihn ein „starkes, mentales Bild“ aus seiner Vergangenheit nicht loslässt. Ihn zeichnet also eine intensive Verbindung zur Vergangenheit aus, da er etwas „Vergangenes“ noch nicht bewältigt hat, was ihm die Zeitreise bzw. das Zurechtfinden in der „neuen Gegenwart“ erleichtern soll. Es sind im Grunde genommen keine technischen, objektiven Schwierigkeiten, die eine Zeitreise problematisch werden lassen, sondern Probleme am bzw. mit dem Subjekt, mit dem „Zeitreisenden“. Dies passt schließlich auch zu der Erkenntnis von Katharina Zimmer, die in ihrer Diplomarbeit „Die Suche nach dem Selbst. Fremdheit in La Jetée“ erkennt, dass Marker „die Zeitreise nicht als physikalische Virtualität, sondern als anthropologische Konstante formuliert“7.

2.3 Zeit ist konservierbar.

Auch für den dritten Punkt ist es unabdingbar, die Vielschichtigkeit der Erkenntnis zu berücksichtigen, denn: Zeit ist auf mehrere Weisen konservierbar. Unter anderem innerhalb institutioneller Artefakte, wie einem Museum, in dem vergangenes Leben archiviert wird8. Allerdings auch in unserem Gedächtnis, das in gewisser Weise auch als eine Art „mentales Museum“ verstanden werden kann. In LA JETÉE werden beide Möglichkeiten quasi miteinander kombiniert, was besonders an den Szenen sichtbar wird, die beide Protagonisten in einem Museum zeigen. Dort ist von einem „museum filled with ageless animals“ die Rede. Was darauf anspielen könnte, dass nicht nur die ausgestopften Tiere nicht weiter altern, sondern auch die beiden Protagonisten „alterslos“ sind, da sie zu dem Zeitpunkt im Prinzip lediglich aus Erinnerungen bestehen. Darauf weist u.a. auch das Arrangement der Szenen hin. Es wirkt beinahe so, als würde kein Unterschied mehr zwischen den Tieren und den Protagonisten, die das Museum besuchen, existieren. Und so scheinen sie alle gleichermaßen einerseits Relikte aus einer anderen Zeit, andererseits aber auch unberührt von Zeit, ausgestopft und statisch9.

[...]


1 Vgl. Paech, Joachim: Anmerkungen zu LA JETÉE, 1999, S.64.

2 Vgl. Ebd.

3 Vgl. Zimmer, Katharina: Die Suche nach dem Selbst. Fremdheit in Chris Markers La Jetée, 2010, S.18

4 Vgl. Ebd. S.8

5 Ebd. S.20

6 Kappest, Klaus-Peter; Schallenberger, Stefan: Die Suche nach Zeit-Isotopien im Film - Von der Möglichkeit und Unmöglichkeit, Zeitstrukturen in Chris Markers LA JETÉE zu durchschauen, 1999, S.55.

7 Zimmer, Katharina: Die Suche nach dem Selbst. Fremdheit in Chris Markers La Jetée. 2010, S.20

8 Vgl. Paech, Joachim: Anmerkungen zu LA JETÉE, 1999, S.68

9 Vgl͘ Milkowski, Pamela Wanda: „The Killer in me is the Killer in you“ - Die Ästhetik des Todes im Kino, untersucht anhand von 4 unterschiedlichen Genrefilmen. 2009, S.66

Ende der Leseprobe aus 8 Seiten

Details

Titel
Vier Aspekte der Zeit(-lichkeit) in Chris Markers "La Jetée"
Hochschule
Universität Siegen
Note
1,0
Autor
Jahr
2014
Seiten
8
Katalognummer
V274154
ISBN (eBook)
9783656665991
ISBN (Buch)
9783656665960
Dateigröße
1082 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
vier, aspekte, zeit, chris, markers, jetée
Arbeit zitieren
Lukas Lohmer (Autor), 2014, Vier Aspekte der Zeit(-lichkeit) in Chris Markers "La Jetée", München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/274154

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