Wilhelm von Humboldts Arbeit an Aischylos "Agamemnon"


Hausarbeit (Hauptseminar), 2003
21 Seiten, Note: 2

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Biographische Information zu Wilhelm von Humboldt

3. Entstehungsgeschichte der Agamemnon-Übersetzung

4. Die Einleitung zu Agamemnon oder:
Humboldts Übersetzungsmaximen

5. Vergleich der verschiedenen Übersetzungen des Prologs/ der Wächterszene und der Chorpartien
5.1 Wilhelm von Humboldts älteste Fassung und die Druckversion von 1816
5.2 J.J.C. Donners Agamemnon-Übersetzung von 1855
5.3 Oskar Werner Agamemnon-Übersetzung von 1943
5.4 Peter Steins Agamemnon-Übersetzung von 1980

6. Abschließende Beobachtung

7. Bibliographie

1. Einleitung

In der vorliegenden Hausarbeit werden zunächst in einer Kurzbiographie die Eckdaten von

Wilhelm von Humboldts Biographie genannt und ein kurzer Überblick über die Entstehungsgeschichte der Agamemnon-Übersetzung gegeben.

Die inhaltliche Zielsetzung der Studie besteht darin, die Vorrede Humboldts wiederzugeben und die Maximen seiner Übersetzungstheorie darzustellen. In einem weiteren Schritt soll anhand ausgewählter Kategorien Stil, Integration des Fremden und Sprachgenauigkeit überprüft werden, inwiefern seine Maximen in der Agamemnon-Übersetzung realisiert wurden. Schließlich wird ein Textvergleich verschiedener Übersetzungen geschehen. Die erste und letzte Fassung Humboldts, die Agamemnon-Übersetzung J.J.C. Donners, Oscar Werners, sowie Peter Steins Orestie-Übersetzung sollen gegenübergestellt werden. Hierzu erfolgt teilweise eine Analyse der theoretischen, praktischen oder historischen Hintergründe, um zu erhellen welche Perspektive der jeweilige Übersetzer auf seine Arbeit gerichtet und nach welchen Kriterien er übersetzt hat. Die grundsätzlichen Hauptunterschiede im Übersetzungsdenken um 1800 und dem des 20.Jahrhunderts sollen exemplarisch anhand der Texte dargestellt werden. Abschließend soll kurz erläutert werden, welche Anforderungen die heutige Übersetzungspraxis an das Theater stellt.

2. Biographische Information zu Wilhelm von Humboldt

Wilhelm von Humboldt wurde 1767 in Potsdam geboren. Er studierte in Frankfurt am Main und in Göttingen. Während seiner göttinger Zeit lernte er Heinrich Heine kennen, der ihn mit der „Welt des Aischylos“ vertraut machte. Heine schreib zu dieser Zeit Interpretationen zu „Die Perser“, „Aischylos“ und „Agamemenon“, die Humboldt bekannt gewesen sein dürften.[1] Um 1800 arbeitete Humboldt als Leiter des Kultus- und Unterrichtswesens im preußischen Innenministerium. Seinen kulturpolitischen Rang im 19. und 20. Jahrhundert hat er sich besonders durch zwei Verdienste erworben. Einmal durch die Gründung der Friedrich-Wilhelms-Universität in Berlin; hierzu formulierte er die deutsche Universitätsidee der „Einheit von Forschung und Lehre.“[2] und durch die Gründung des neuhumanistischen Gymnasiums in Preußen. Zudem leistete er wichtige Reformvorschlägen in der Bildungspolitik, die allerdings erst post hum realisiert wurden. Wilhelm von Humboldt verlies 1819 den Staatsdienst und zog sich zu schriftstellerischen Arbeiten auf das Humboldtsche Schloss in Tegel zurück, wo er am 8. April 1819 verstarb.

3. Entstehungsgeschichte der Agamemnon-Übersetzung

Humboldt wurde im August 1792, unter anderem durch den damals sehr bekannten Altphilologen Wolf, zu seiner Agamemnon-Übersetzung inspiriert. Die Anfänge der ersten Übersetzung geschahen 1796/97 in Jena. Bis April lag bereits die Hälfte der Übersetzung vor. Briefwechsel aus dieser Zeit dokumentieren die Freundschaft zu Wolf, Schiller, Goethe und den Gebrüdern Schlegel, welche Humboldt als Kritiker seiner übersetzten Szenen heranzog.[3] 1804 in Marino (Italien) wurde die erste Übersetzungsversion abgeschlossen. Es folgte ein jahrelanger Prozess der Überarbeitung. Das Erscheinen der Übersetzung wurde weiter aufgeschoben. Inzwischen hatte. Humboldt eine römische Reinschrift des Agamemnon erhalten und die Übersetzung des Altphilologen Gottfried Hermann entdeckt, was wiederum eine grundlegende Umarbeitung seiner Übersetzung erforderte. Zudem musste Humboldt seinen politischen Pflichten nachkommen, weshalb der Druck erst im Jahr 1816 erschien. Entgegen Humboldts, Wolfs und Herrmanns Wunsch, weigerte sich der Verleger eine zweisprachige Ausgabe in griechisch und deutsch herauszugeben.

4. Die Einleitung zu Agamemnon

1816 erschien erstmals die Agamemnon-Übersetzung Wilhelm vom Humboldts in Leipzig bei Gerhard Fleischer dem Jüngern, mit dem Titel: „Aischylos Agamemnon metrisch übersetzt von Wilhelm von Humboldt“. Der vorliegende Text „Einleitung zu Agamemnon“ enthält Humboldts Vorrede, wie er sie seiner Übersetzung vorangestellt hat. Die Vorrede stammt vom 23. Februar 1816, dem 50. Geburtstag Caroline von Humboldts, welcher die Übersetzung des Agamemnon gewidmet ist.

Im ersten Textabschnitt erfolgt Humboldts Lob von Aischylos‘ Agamemnon, welches sich im wesentlichen darauf gründet, dass Aischylos die Erhabenheit des unausweichlichen Schicksals als alles überschattende Macht in seiner Tragödie konstruiert hat. Die Größe der Götter und Helden zeige sich darin, dass

„jeder aus zufälliger Persönlichkeit geschöpfte Bewegungsgrund entfernt ist“.[4]

Alles Menschliche und Irdische wird als „das reine Symbol der menschlichen Schicksale“ und „das gerechte Walten der Götter“ dargestellt. Die Figuren handeln nach Humboldt nicht durch sich (individuell) sondern sind Werkzeug der „Strafe und der Rache“[5]

Im zweiten Abschnitt erläutert Humboldt den mythologischen Hintergrund der Tragödie. Er umreißt die Vorgeschichte des „Agamemnon“, den Fluch der auf dem Königshaus der Atriden lastet, sich bis zu Orestes fortsetzt und erst durch Göttergnade in den „Eumeniden“ aufgehoben wird. Humboldt geht im Folgenden auf „Agamemnon“ im Kontext anderer Stücke, besonders der Trilogie der Orestie, ein. Seine Deutung und Intention von „Agamemnon“ sei mit folgendem Zitat charakterisiert:

„So ist der zurückkehrende König, wie er seine Heimat betritt, wie mit nicht zu überspringenden Netzen umstellt. Väterschuld und eigene, heimlich schleichender Volkshass und Neid des Schicksals ziehen ihn unwiederbringlich ins Verderben, und er fällt mehr vom Verhängnis (dem was über ihn verhängt wurde), als dem Arm seines Weibes.“[6]

Klytaimnestra ist für Humboldt der „Hauptcharakter des Stücks“, da eigentlich sie allein handelt.[7] Dies meint in vollem Bewusstsein ihrer Tat, die sie geplant, ausführt und ihrem Volk triumphierend gesteht. Er definiert ihre Tatmotive psychologisch durch den Verlust von Iphigenie und die Eifersucht auf Kassandra. Bis hierhin ist zwar noch nicht explizit von Übersetzungstheorie die Rede, es ist aber implizit ableitbar, dass der Übersetzer ein Kenner der griechischen Sprache, Geschichte und Mythologie sein muss, um der Tragödie des Aischylos gerecht zu werden. Allgemein heißt dies, dass ein Übersetzer auf allen Ebenen: sprachlich, historisch und kulturell ein Experte sein und sich umfassend mit dem Original und seinen Entstehungsbedingungen, sowie dessen Rezeptionsprozess befasst haben sollte.

Auf S. 76 geht es inhaltlich weiter, Humboldt schildert das Aufeinandertreffen Klytaimnestras und Agamemnons. Er hebt die Kassandra-Szene und deren Weissagung im Dialog mit dem Chor hervor indem er sagt:

„Nichts im ganzen Altertum reicht an die Erhabenheit dieser Szene .“[8]

Dann betont Humboldt nochmals die Notwendigkeit als Übersetzer die Historie zu kennen, da ein Stück im Kontext seiner Zeit und darüber hinaus gesehen werden muss.[9]

Hier klingt ebenso an, dass sie Tragödien oft selbst über historische Faktizität verfügen.

Die Motive „Sieg über Troja“ und das Stück „Die Perser“ basieren beispielsweise auf historischen Ereignissen. Griechische Geschichte wird als Tragödienstoff verarbeitet, was von einem Übersetzer, der kein Kenner der Historie ist verkannt werden und zu gravierenden Missverständnissen mit der Folge fehlerhafter Übersetzung führen kann. Humboldt geht weiter auf die Dramaturgie des Stückes ein. Ihm fällt auf, dass die griechische Tragödie keine naturalistische Verknüpfung der Handlung und Darstellung enthält; da sie künstlerische Freiheit bevorzuge.[10] Ab Seite 80 beginnt der Teil, welchen man als explizite Übersetzungstheorie bezeichnen kann. Es erfolgt zunächst die Feststellung, dass die Übersetzung von Dichtung immer ein Moment der Unmöglichkeit in sich birgt. Zur Erklärung dieses Phänomens setzt Humboldt mit seiner Sprachphilosophie an:

„Ein solches Gedicht ist, seiner eigenthümlichen Natur nach, und in einem noch viel anderem Sinn, als es sich überhaupt von allen Werken grosser Originalität sagen lässt, unübersetzbar [...]“[11]

[...]


[1] Wilhelm von Humboldts Werke. Hrsg.: Albert Leitzmann. Bd. 8. Berlin 1909, S. 233.

[2] Knoll, Joachim H./ Siebert, Horst : Wilhelm von Humboldt. Politiker und Pädagoge. Köln 1967, S. 6.

[3] Wilhelm von Humboldts Werke. Hrsg.: Albert Leitzmann. Bd. 8. Berlin 1909, S. 255.

[4] Störig, Hans Joachim: Das Problem des Übersetzens. Darmstadt 1963, S. 71.

[5] Vgl. ders., S. 72.

[6] Ders., S. 73.

[7] Ders., siehe S. 73 unten.

[8] Ders., S. 76

[9] Ders., S. 78.

[10] Ders., S. 79 oben.

[11] Ders., S. 80.

Ende der Leseprobe aus 21 Seiten

Details

Titel
Wilhelm von Humboldts Arbeit an Aischylos "Agamemnon"
Hochschule
Johann Wolfgang Goethe-Universität Frankfurt am Main  (Institut für Theater-, Film und Medienwissenschaft)
Veranstaltung
Übersetzungstheorie und Spielplan um 1800
Note
2
Autor
Jahr
2003
Seiten
21
Katalognummer
V27530
ISBN (eBook)
9783638295604
ISBN (Buch)
9783656074007
Dateigröße
536 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Wilhelm, Humboldts, Arbeit, Aischylos, Agamemnon, Spielplan
Arbeit zitieren
Magistra artium Yvonne Rudolph (Autor), 2003, Wilhelm von Humboldts Arbeit an Aischylos "Agamemnon", München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/27530

Kommentare

  • Noch keine Kommentare.
Im eBook lesen
Titel: Wilhelm von Humboldts Arbeit an Aischylos "Agamemnon"


Ihre Arbeit hochladen

Ihre Hausarbeit / Abschlussarbeit:

- Publikation als eBook und Buch
- Hohes Honorar auf die Verkäufe
- Für Sie komplett kostenlos – mit ISBN
- Es dauert nur 5 Minuten
- Jede Arbeit findet Leser

Kostenlos Autor werden