Die vorliegende Hausarbeit hat die Psychologisierung in Jean Anouilhs und Sophokles` „Antigone“ zum Gegenstand. Neben dem Vergleich der beiden Theaterstücke, soll die Besonderheit der Psychologisierung hervorgehoben und anhand ausgewählter Textstellen betrachtet werden. In diesem Zusammenhang wird zunächst ein Exkurs über Begriff und Thematik des Subjekts erfolgen. Um die eigene, literaturpsychologische Argumentation im textanalytischen Teil zu erhärten, bezieht sich die Verfasserin unter anderem auf Modelle bedeutender Psychologen des 20. Jahrhunderts, stets mit dem Ziel die Geschichte der Antigone aus einer für unsere Gegenwart relevanten Perspektive zu beleuchten.
Inhaltsverzeichnis
1 Einleitung
1.1 Charakterisierung der Studie
1.2 Von der Unentdecktheit des Subjekts
1.3 Das Subjekt als Objekt der Psychologie
2 Antigones Ohnmacht und Widerstand bei Sophokles und Anouilh
2.1 Antigone zwischen Kindheit und Rebellion
2.2 Der Machtkampf
3 Die Aufführung des Stückes und das Politische
3.1 „Résistance“ oder „Collaboration“
4 Bibliographie
Zielsetzung und Themen der Arbeit
Diese Arbeit untersucht die Psychologisierung in Sophokles' und Jean Anouilhs „Antigone“, indem sie die literarischen Figuren vor dem Hintergrund psychologischer Entwicklungsmodelle und des modernen Subjektbegriffs analysiert. Das primäre Ziel ist es, den Antigone-Stoff unter einer für die Gegenwart relevanten Perspektive neu zu beleuchten, wobei der Fokus auf dem Identitätskonflikt der Protagonistin und den Machtdynamiken im Stück liegt.
- Psychologisierung der Figur Antigone in verschiedenen Dramenepochen.
- Die Entwicklung des Subjektbegriffs von der Antike bis zur Moderne.
- Der Generationskonflikt als Machtkampf zwischen Kind und Erwachsenem.
- Sozialisationsbedingte psychische Motive als Motor für individuellen Widerstand.
- Die politische Deutung der „Antigone“ im Kontext von Widerstand und Kollaboration.
Auszug aus dem Buch
2.1 Antigone zwischen Kindheit und Rebellion
Das wohl zentralste Motiv in Anouilhs Drama ist das der Kindheit. Es besitzt geradezu leitmotivischen Charakter und übernimmt häufig dramaturgische Funktion. Antigone gesteht in der ersten Szene , dass sie sich durch das Weinen der Amme wieder vorkommt „wie ein kleines Kind - und das darf nicht sein – heute nicht.“11. Dieser Umstand, dass also das Kind in Antigone jederzeit hervorbrechen kann, wird durch das Verhältnis zur Amme bestätigt. Diese scheint die infantilen Verhaltensweisen der Königstochter zu unterstützen, indem sie sagt: „ Eigentlich solltest du richtige Hiebe bekommen, wie ein kleines Mädchen.“12. Verwunderlich ist hierbei, dass Antigone, obwohl sie schon zwanzig Jahre alt ist, noch immer wie ein Kind behandelt wird. Eine Wiederholung des Kindheitsthemas und Beispiel des Eigensinns Antigones findet sich im Dialog mit der Schwester Ismene:
Ismene „Dann versuche wenigstens zu verstehen!“
Antigone „Verstehen... Seit ich klein bin, höre ich von euch nichts als dieses Wort. Ich musste verstehen, dass man nicht mit kühlen , lustig plätschernden Wasser spielen darf, weil sonst die Fliesen nass werden, dass man Erde nicht aufhebt, weil man sonst die Kleider schmutzig macht. Ich mußte verstehen, dass man nicht alles auf einmal essen darf, dass man dem erstbesten Bettler ein Almosen geben muß, dass man nicht mit dem Wind über die Felder laufen und sich dann ermattet auf den Boden legen darf, dass man nicht trinken darf, wenn man erhitzt ist, dass man nicht baden darf, wenn man Lust hat, weil es zu früh oder zu spät ist, ich musste verstehen, dass man sich gerade halten und >>Guten Tag, gnädige Frau<< sagen muß und dass man sich stets ordentlich zu kämmen hat. Verstehen! Immer Verstehen. Ich will nicht verstehen. Vielleicht später, wenn ich alt bin- ruhig wenn ich alt werde. Jetzt nicht.“13
Zusammenfassung der Kapitel
1 Einleitung: Die Einleitung definiert den Fokus auf die Psychologisierung der Antigone-Figuren und führt in die philosophische Problematik des Subjektbegriffs ein.
1.1 Charakterisierung der Studie: Dieser Abschnitt legt dar, dass die Arbeit keinen reinen Vergleich anstrebt, sondern mittels psychologischer Modelle neue Perspektiven auf den Stoff eröffnet.
1.2 Von der Unentdecktheit des Subjekts: Hier wird erörtert, warum in der antiken Welt das Individuum als Subjekt noch nicht im modernen Sinne existierte und durch Schicksalsgläubigkeit determiniert war.
1.3 Das Subjekt als Objekt der Psychologie: Der Autor hinterfragt, inwieweit moderne psychologische Analysemethoden, wie die Psychoanalyse Freuds, überhaupt auf antike Texte anwendbar sind.
2 Antigones Ohnmacht und Widerstand bei Sophokles und Anouilh: Dieses Kapitel vergleicht die psychologischen Motive hinter Antigones Auflehnung in beiden Dramen.
2.1 Antigone zwischen Kindheit und Rebellion: Die Untersuchung konzentriert sich hier auf das Leitmotiv der Kindheit bei Anouilh und den Pubertätskonflikt als Ausgangspunkt für den Widerstand.
2.2 Der Machtkampf: Es wird analysiert, wie sich der Konflikt zwischen Antigone und Kreon als psychologischer Machtkampf zwischen dem aufsässigen Kind und dem erwachsenen Autoritätsträger darstellt.
3 Die Aufführung des Stückes und das Politische: Dieses Kapitel beleuchtet die Rezeption des Stückes vor dem Hintergrund des Zweiten Weltkriegs.
3.1 „Résistance“ oder „Collaboration“: Hier wird diskutiert, wie die Inszenierungen in den 1940er Jahren als Spiegelbild der zeitgenössischen politischen Spannungen zwischen Widerstand und Kollaboration interpretiert wurden.
4 Bibliographie: Auflistung der verwendeten Primär- und Sekundärliteratur.
Schlüsselwörter
Antigone, Sophokles, Jean Anouilh, Psychologisierung, Subjektbegriff, Kindheit, Rebellion, Machtkampf, Psychoanalyse, Widerstand, Kollaboration, Identitätsentwicklung, Literaturpsychologie, Tragikverständnis, Dramenanalyse
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in der Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht die psychologischen Dimensionen und die Psychologisierung der Figur Antigone in den Theaterstücken von Sophokles und Jean Anouilh.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Zentrale Themen sind die Entwicklung des Subjektbegriffs, der Generationskonflikt, die Problematik der Pubertät sowie die politische Rezeption des Stoffes während der Zeit des Nationalsozialismus.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Ziel ist es, die Unterschiede und Gemeinsamkeiten der Antigone-Figuren mittels literaturpsychologischer Deutungsansätze aus einer gegenwartsrelevanten Perspektive zu beleuchten.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es wird eine textanalytische Methode angewandt, die durch verschiedene Modelle der Entwicklungspsychologie und Psychoanalyse ergänzt wird, um das Verhalten der Figuren zu erklären.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Im Hauptteil werden die Motive der Kindheit und des Machtkampfes zwischen Antigone und Kreon detailliert analysiert und die politische Bedeutung der Stoffbehandlung in der Moderne erörtert.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die wichtigsten Begriffe sind Antigone, Psychologisierung, Subjekt, Machtkampf, Rebellion, Widerstand und Kollaboration.
Welche Bedeutung misst der Autor dem Kindheits-Motiv bei?
Das Kindheits-Motiv dient als Metapher für die Ohnmacht der Figur, aus der sich der pubertäre Widerstand gegen die patriarchale Ordnung entwickelt.
Wie unterscheidet sich die politische Einordnung bei Sophokles und Anouilh?
Während Sophokles das antike Weltbild der Schicksalsergebenheit widerspiegelt, stellt Anouilh das moderne, existenzialistische Subjekt dar, das in einer sinnlosen Welt Widerstand leistet.
- Arbeit zitieren
- Magistra artium Yvonne Rudolph (Autor:in), 2002, Die Psychologisierung in Sophokles und Jean Anouilhs "Antigone", München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/27532