Umgehungsstrategien der Zensur im Franco-Regime

Camilo José Celas „La familia de Pascual Duarte“


Hausarbeit, 2014

20 Seiten, Note: 1,3


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Spanien nach dem Bürgerkrieg 1939

3. Der Zensurapparat

4. Der Roman (Zusammenfassung)

5. Fragestellung
5.1 Die Position des Autors
5.2 Die Gattung des Romans
5.3 Die Rahmenkonstruktion
5.4 Die zeitliche Situierung
5.5 Die versteckte Kritik im Roman (Doppelcodierung)

6. Fazit

7. Literaturverzeichnis

8. Anhang

1. Einleitung

Der Zensurapparat zur Zeit der Diktatur unter Francisco Franco sorgte in Spanien beinahe 40 Jahre lang dafür, dass jegliche mediale Kommunikation als Sprachrohr für Propaganda diente. 1942 publizierte Camilo José Cela seinen ersten Roman „La familia de Pascual Duarte“. Die zu dieser Zeit beispiellosen Schilderungen an brutaler Gewalt und unmenschlichen Verhaltens sowie Verstöße gegen die guten Sitten innerhalb des Werkes passierten mühelos die strenge Zensur. Eine zweite Auflage in den darauffolgenden Jahren wurde jedoch zensiert und der Roman vom Markt genommen.

Diese Arbeit geht der Frage nach, welche Mittel und Möglichkeiten dem Autor halfen und wie er sie einsetzte, um die Zensur seiner Zeit zu umgehen und einen Roman publizieren durfte, der bei genauerer Betrachtung als nicht regimefreundlich und konform einzuordnen war.

Hierfür wird zuerst ein Einblick in die geschichtlichen und politischen Verhältnisse nach dem Spanischen Bürgerkrieg von 1936 gegeben, der zu einer detaillierten, auf die Zeit des Werkes beschränkten Erklärung über den Zensurapparat weiterleitet. Hierbei wird vor allem der frühen Phase der Zensur und deren Wirken Beachtung geschenkt, um im Anschluss zu der Zusammenfassung von Celas „La familia de Pascual Duarte“ überzuleiten. Die Fragestellung wird erneut aufgegriffen, um sie anhand verschiedenster Aspekte und Beispielen zu beantworten. Insbesondere Celas Wahl der Romangattung, die versteckte Kritik und die verschachtelte Rahmenkonstruktion werden zu wichtigen Schwerpunkten der Argumentation und anhand verschiedenster Romanauszüge belegt. Anschließend werden die Ergebnisse in einem Fazit zusammengefasst.

2. Spanien nach dem Bürgerkrieg 1939

Am 1. April 1939 wurde der seit drei Jahren anhaltende Spanische Bürgerkrieg von der Falange, einem Zusammenschluss nationalistischer und faschistischer Parteien1 unter dem Kommando von General Francisco Franco gewonnen. Dies führte keineswegs zu einem friedlichen Neuanfang Spaniens sondern zu einem „Krieg im Inneren“2, einer Diktatur, auch Franco Regime genannt, das bis 1975 Spanien konstituierte. Der angebrochene Faschismus nahm es sich zur obersten Priorität den Liberalismus auszulöschen, der schon zuvor die Forderung und Motivation der Gegner im Krieg war. Dabei ging das neue Regime, angeführt von Francos einziger Staatspartei, der Falange, mit brutaler Härte und Kompromisslosigkeit vor. Das Ende des Krieges läutete eine Serie von Erschießungen, Hinrichtungen und Inhaftierungen ein, die „die Gesellschaft in Sieger und Besiegte, Besitzende und Marginalisierte“3 trennte. Von da an bestimmte allein Franco, welche Werte für die spanische Bevölkerung richtig und wichtig seien. So waren die Feindbilder der Liberalismus, Marxismus, Anarchismus, Separatismus, Atheismus und die Freimaurerei, deren Anhänger bereits im Bürgerkrieg bekämpft worden waren4. Die Position der Kirche wurde durch das Regime gestärkt und richtete in dessen Namen, um die wichtigsten Werte zu beschützen: Familie, Staat und allen voran den Erhalt der Ordnung. Der sich zuspitzende Zweite Weltkrieg kam dem Franco Regime dabei sehr entgegen - die enorme Anzahl an menschenverachtenden Taten zur damaligen Zeit traf trotz der engen Sympathie zu Hitler und Mussolini auf ein relatives internationales Desinteresse5. Die ideologisch begründete Gewalt diente einzig dazu, das Land langanhaltend von einer politischen Opposition zu bereinigen. Durch brutale Strafmaßnahmen, Repression und institutionelle Kontrolle lebten die Verlierer des Krieges ein Leben in Angst, Verlust und Ungewissheit. Entsprechend verließen

Abertausende das Land und wandten sich dem Exil zu. Unter ihnen befanden sich zudem viele Künstler, Wissenschaftler und andere Freidenker. Die anschließende literarische Dürre im Spanien der 40er Jahre lässt sich zum einen durch die gehäuften Ausreisen ins Exil erklären. Für die Schriftsteller, die jedoch im Lande verblieben waren, herrschte eine strikte Kontrolle über jegliche Publikation in Form eines Zensurapparates.

3. Der Zensurapparat

Zur Kontrolle über die vierte politische Gewalt im Staat, der Presse, war die Zensur das Mittel der Wahl für Franco, um mediale Kontrolle und Gewalt in Spanien ausüben zu können. Schon zu Zeiten des Bürgerkrieges wurden die entsprechenden Teile der Verwaltung vom Militär unterdrückt und die Presse zu einer Militärzensur gezwungen6. Das Pressegesetz vom 23. April 1938 markierte den Beginn einer bis 1966 anhaltenden Vorzensur, die jegliche, sogar bereits publizierte Werke, auf Regimefreundlichkeit überprüfte. Mit diesem nach nazi-deutschem Vorbild entwickelten Gesetz etablierte sich über kurze Hand die Kontrolle über die spanische Presse und deren Nutzung als Propagandainstrument des Staates. Es wurden alle Schriften von den Verlegern und Buchhändlern eingefordert, die als „zersetzend“7 deklariert worden waren. Ebenso war jede Art von Propaganda gegen das Franco Regime und die katholische Kirche verboten. Jegliche neutrale Berichterstattung wurde durch ideologische Stärkung des Staates ersetzt, da „die Presse ein entscheidendes Organ zur Bildung [͙] eines kollektiven Bewußtseins“8 war. Bis 1941 unterstand die Zensurinstitution dem Innenministerium und arbeitete eng mit kirchlichen Vertretern zusammen. Danach übernahm die Falange für drei Jahre die Kontrolle über die Zensur, was die Besetzung der Mitarbeiter marginal veränderte9. Die Arbeitsweisen blieben jedoch über all die Jahre bis 1975 gleich: Der Zensor beantwortete einen Fragenkanon über etwaige Verstöße gegen die guten Sitten, gegen die katholische Kirche, gegen politische Grundsätze des Regimes und/oder deren Vertreter10. Es ist davon auszugehen, dass sich die Reihenfolge und die Priorität der einzelnen Fragen je nach Aktualität zwischenzeitlich veränderten. So wurden die Zensurbedingungen durch die in den 50er Jahren aufbrechende Isolierung Spaniens vom Rest Europas etwas gelockert und angepasst.

Stark besetzte und teilweise auch mehrfach kontrollierte Gegenstände waren Theaterstücke und kinematographische Werke, dicht gefolgt von der Presse, da sie das größte Publikum erreichen konnten. Das Buchwesen erhielt im Durchschnitt zwei Zensoren pro Roman, die Lyrik wurde am schwächsten besetzt11. Die Zensoren, allesamt einer internen Hierarchie untergeordnet, arbeiteten meist nicht haupt- sondern nebenberuflich und verdienten sich ein geringes Honorar. Viele Zensoren der frühen Phase (bis 1943) waren geisteswissenschaftlich Gebildete, Lehrer, Schriftsteller, Kritiker und/oder bekannte Falangisten12. Die Verteilung der Werke an die betreffenden Zensoren erfolgte im Regelfall nach fachlicher und ideologischer Ausrichtung der Mitarbeiter13. Diese gaben in der Regel strenger als nötige Gutachten ab, um ihren Job dauerhaft zu sichern. Allerdings kann man nicht behaupten, dass es keine komplizenhaften Zensoren gab, die Autorenfreunde begünstigten. Die Gutachten wurden an den Cheflektor gegeben, der schließlich das Recht hatte, das Werk zu autorisieren oder zu verbieten. In den meisten Fällen wurden jedoch Stellen in Absprache mit dem Autor eher bearbeitet oder gestrichen, anstatt das gesamte Werk zu verbieten14.

Der Großteil an Literatur im Spanien der 40er Jahre bestand laut Zensurgutachten aus sakralen Werken, historischen Heldendramen, unpolitischen Liebesromanzen und biederen Familiengeschichten15. Themen wie der Spanische Bürgerkrieg, die Zweite Republik16 und natürlich die kritische Haltung zur aktuellen Lage waren absolute Tabuthemen, auf die die Zensoren, die oftmals nur nach Schlüsselbegriffen suchten17.

[...]


1 Die Falange (zuerst Falange Española), um 1933 gegründet, schloss sich erst mit nationalen Syndikalisten, später mit den Traditionalisten Spaniens zusammen. 1937 übernahm Franco die Führung und ernannte sie zur einzig zugelassenen Staatspartei.

2 Seidel, Carlos Collado. Der Spanische Bürgerkrieg, Geschichte eines europäischen Konflikts. München: Verlag C.H. Beck, 2006 (Seidel 2006), S.188.

3 Ebda., S. 191.

4 Vgl. Cisquella, Georgina/Erviti, José Luis/Sorolla, José Antonio. La represión cultural en el franquismo. Barcelona: Editorial Anagrama, 2002 (Cisquella u.a. 2002), S. 20.

5 Vgl. Chulia, Elisa. El poder y la palabra, Prensa y poder político en las dictaturas. El régimen de Franco ante la prensa y el periodismo. Madrid: Editorial Biblioteca Nueva, 2001 (Chulia 2001), S. 26. 4

6 Vgl. Ebda., S. 25.

7 Vgl. Knetsch, Gabriele. Die Waffen der Kreativen - Bücherzensur und Umgehungsstrategien im Franquismus (1939-1975). Frankfurt am Main: Vervuert Verlag, 1999 (Knetsch 1999), S.70.

8 Vgl. Ebda., S. 73.

9 Vgl. Ebda., S. 79.

10 Vgl. Neuschäfer, Hans-Jörg. Macht und Ohnmacht der Zensur, Literatur, Theater und Film in Spanien (1933-1976). Stuttgart: J.B. Metzler Verlag, 1991 (Neuschäfer 1991), S. 43.

11 Vgl. Ebda., S. 43.

12 Vgl. Knetsch 1999, S. 57.

13 Vgl. Ebda., S. 54.

14 Vgl. Ebda., S. 55.

15 Vgl. Ebda., S. 81.

16 Die Zweite Republik beschreibt die von 1931 bis zur Übernahme Francos im Bürgerkrieg herrschende demokratische Staatsform in Spanien.

17 Vgl. Knetsch 1999, S. 56.

Ende der Leseprobe aus 20 Seiten

Details

Titel
Umgehungsstrategien der Zensur im Franco-Regime
Untertitel
Camilo José Celas „La familia de Pascual Duarte“
Hochschule
Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf  (Romanistik)
Veranstaltung
Krise als Herausforderung. Literarische Sondierung im Franquismus
Note
1,3
Autor
Jahr
2014
Seiten
20
Katalognummer
V275416
ISBN (eBook)
9783656684121
ISBN (Buch)
9783656684060
Dateigröße
863 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Franquismus, Franco, Pascual Duarte, Zensur, Cela, Schelmenroman
Arbeit zitieren
Desiree Richter (Autor), 2014, Umgehungsstrategien der Zensur im Franco-Regime, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/275416

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