Funktion ästhetisch konstruierter Räume anhand des Artusromans Iwein

Semantisches System nach Jurij M. Lotman


Hausarbeit, 2013
16 Seiten, Note: 1,0

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Semantisches System nach Lotman
2.1 Narrative Struktur
2.2 Ereignis

3 Rekonstruktion der Diegese am Beispiel Iwein

4 Darstellung semantischer Räume am Beispiel Iwein

5 Lotmans Grenzüberschreitungstheorie am Beispiel Iwein

6 Ereignistilgung

7 Ereignistilgung am Beispiel Iwein

8 Fazit

Abbildungsverzeichnis

Abbildung 1: Lotmans Sujetmodell

Abbildung 2: Raumsemantik und Grenzüberschreitung Iwein

Funktion ästhetisch konstruierter Räume

1 Einleitung

Literatur befördert unter anderem das Verständnis von kulturspezifischen Werte- und Normensystemen (vgl. Zaharka 2002, S. 39). Durch die Erzeugung einer eigenen, eigenständigen Welt mit diesen jeweiligen Wert- und Normvorstellungen, werden auch Grenzen gesetzt, welche wiederum Unterscheidungen ermöglichen. Diese Konstruktion eines Weltentwurfs mit entsprechenden Regeln und Gesetzen wird unter dem Begriff literarische Raumsemantik gefasst (vgl. Heide 2004, S. 83). Diese organisiert die literarisch entworfene Welt und bildet zudem die darin modellierten dargestellten Topografien ab. Ziel dieser Hausarbeit ist es, die semantischen Räume im Zusammenhang mit ihrer modellbildenden Rolle anhand Hartmanns von Aue Artusroman Iwein zu untersuchen und die durch deren Gegenüberstellung entstehenden Grenzen abzustecken. Grundlage dafür wird das Modell der Sinnstiftung einer erzählten Welt mithilfe von Semantisierungen oppositioneller Räume von Jurij M. Lotman sein. Bestenfalls klärt diese Hausarbeit die Frage, ob die Konstruktion eines Weltbildes mit Hilfe von Dichotomien, die hier als semantische Räume dargestellt sind, als interkulturell auftretendes Modell der Sinnstiftung funktioniert.

In diesem Zusammenhang wird zunächst das semantische System definiert und zusätzlich auf seine Funktion in narrativen Texten eingegangen um später über die Diegese und Ereignisfolge auf das Sujet, ebenfalls nach Lotman, zu gelangen. Als weiteres wird geklärt, inwieweit die Raumsemantik eine Grenze bildet und inwiefern ein Prozess der Grenzüberschreitung in narrativen Texten stattfindet. Danach wird auf die Strukturierung der erzählten Welt durch Erzeugung semantischer Räume eingegangen, wobei diese im Vorfeld definiert werden. In diesem Punkt wird zudem die Ästhetik dieser Raummodelle und aufbauend darauf mögliche Arten der Ereignistilgungen erläutert. Die verschiedenen Arten dieser Ereignistilgung werden in der Hausarbeit benannt und erläutert.

Anhand des Artusromans Iwein, welcher um das Jahr 1200 von Hartmann von Aue aus dem Altfranzösischen übertragen wurde und zu den bedeutendsten Romanen höfischer Romanliteratur gehört, wird die Funktion ästhetisch konstruierter Räume beispielhaft erläutert. Dabei wird die Diegese rekonstruiert. Im ersten Schritt werden Textelemente und topographische Räume einem bestimmten semantischen Raum zugeordnet. Somit kann jedem Textelement ein Bedeutungsraum zugewiesen werden, der nach ganz bestimmten, nur für ihn gültigen Regeln funktioniert (vgl. Lotman 1972, S 312 f.). Die Grenzbetrachtung dieser zugeordneten semantischen Räume macht nach Lotman ein semantisches Feld in zwei komplementäre Teilfelder teilbar. Die Überschreitung dieser Grenze wird im Vorfeld durch die Betrachtung von Ereignissen in der Theorie erläutert. Des Weiteren wird mittels des vorliegenden Artusromans analysiert, ob es zu einer Ereignistilgung kommt und wenn ja, wie sie gestaltet ist. Um die möglichen Arten der Tilgung zu eruieren, wird zudem geklärt, ob es sich bei dem zu untersuchenden Ereignis um ein normales Ereignis oder Metaereignis handelt. Im abschließenden Fazit werden die Ergebnisse zusammengefasst. Schlussfolgernd wird geklärt, wie sich das Lotmansche Konzept der Raumsemantik im Artusroman Iwein darstellen lässt und wie die Sinnstiftung der erzählten Welt funktioniert.

2 Semantisches System nach Lotman

Werte- und Normensysteme beschreiben Ideologien in ihren verschiedenen Auffassungen, die von kleineren Interessengemeinschaften aber auch größeren Gesellschaften bis hin zu globalen Gruppen wie beispielsweise der westlichen Welt geteilt werden. Dieser Weltanschauung unterliegen bereits Aspekte eines globalen semantischen Systems. Lotman vertritt die These, dass Topografien nicht-räumliche Merkmale zugeschrieben werden. Zudem nimmt er an, dass allgemein nicht-räumliche Sachverhalte oftmals metaphorisch durch politische oder soziale Daten oder entsprechende Werte ausgedrückt werden (vgl. Lotman 1972, S. 39 f.). Der Begriff Raumsemantik steht in der Literatur für eine konstruierte Welt mit ihren Regeln und Gesetzen. Diese organisieren und strukturieren die literarisch entworfene Welt. Die Zusammenhänge semantischer Systeme werden im Folgenden durch die Betrachtung der narrativen Struktur, der Diegese, der Ereignisfolge und der Grenzüberschreitung verdeutlicht.

2.1 Narrative Struktur

Ein narrativer Text entsteht durch die erzählerische Gestaltung einer Handlung. Eine entsprechende Struktur kommt durch das Zusammenspiel von Ausgangssituation, Transformation und Endsituation in chronologisch-logischer Folge zustande (vgl. Forster 2010, S. 8). Zudem wird zwischen den Ebenen der Histoire und des Discours des Erzählens unterschieden. Diese sind eng aufeinander bezogen und beschreiben zum einen das Was der Erzählung inklusive des Inhaltes und der Handlung eines Textes. Der Discours hingegen bezieht sich auf das Wie der Erzählung und auf die Art der Darstellung einer Erzählung durch einen Narrateur. Die universelle Ordnung der dargestellten Welt eines Textes, die als Diegese bezeichnet wird, umfasst alle Gesetze und Regeln (vgl. Martines / Scheffel 2012, S. 209). Die globale Struktur eines Textes wird von Lotman unter den Begriff Sujet gefasst und „setzt sich aus drei notwendigen Elementen“ zusammen (Lotman 1973, S. 360):

„1. ein semantisches Feld [i.e. eine erzählte Welt], das in zwei komplementäre Untermengen aufgeteilt ist; 2. eine Grenze zwischen diesen Untermengen, die unter normalen Bedingungen impermeabel ist, im vorliegenden Fall jedoch (der sujethaltige Text spricht immer von einem vorliegenden Fall) sich für den die Handlung tragenden Helden als permeabel erweist; 3. der die Handlung tragende Held“

Die komplementären Untermengen lassen sich anhand entsprechender Gegensätze auf topologischer, semantischer und topographischer Ebene unterscheiden. Der Raum der erzählten Welt wird topologisch durch Gegensätzlichkeit wie <hoch vs. tief> oder <links vs. rechts> differenziert. Diese wird mit semantischen Gegensatzpaaren wie <gut vs. böse>, welche oftmals als Wertung fungieren, verbunden. Zuletzt wird die semantisch-topologische Ordnung durch Topographien wie <Stadt vs. Land> oder <Himmel vs. Hölle> präzisiert (vgl. Martinez / Scheffel 2012, S. 156 f.). Eine narrative Struktur ergibt sich lt. Lotman allerdings erst dann, wenn der Text ein Ereignis offenbart.

2.2 Ereignis

Ein Ereignis wird als „[…] die Versetzung einer Figur über die Grenze eines semantischen Feldes“ definiert (Lotman 1972, S. 365). Dabei werden die Gruppen der Figuren in Träger der Handlung und in diejenigen, die für diese Handlung verantwortlich sind, unterteilt (vgl. Lotman 1972, S. 365). Felder bzw. Räume überschreiten können allerdings ausschließlich die Figuren, die als Träger der Handlung erkannt werden. Diese Überschreitungen werden als „[…] Verletzungen semantischer Ordnungen, also Widersprüche zwischen den Figuren und den semantischen Räumen, denen die Figuren zugeordnet sind“ (Grimm 1996, S. 186) erkannt und werden in der Regel im Verlauf narrativer Texte behoben.

Überschreitungen klassifikatorischer Grenzen bedingen lt. Lotman sujethaltige also narrative Texte. „Das Sujet kann […] immer zu einer Grundepisode kontrahiert werden – dem Überqueren der grundlegenden topologischen Grenze in seiner räumlichen Struktur“ (Lotman 1973, S. 357). Sujetlose Texte wären vergleichsweise ein Kalender, ein Telefonbuch oder ein lyrisches Gedicht (vgl. Lotman 1972, S. 336). Des Weiteren unterscheidet er narrative Texte anhand der Grenzüberschreitung semantischer Räume, dem Versuch der Überschreitung verbunden mit dem Scheitern aber auch dem Aufheben und somit der Rückkehr. Martinez / Scheffel (2012, S. 158) bezeichnen Texte des ersten Typs als revolutionär, die des zweiten Typs als restitutiv.

[...]

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Details

Titel
Funktion ästhetisch konstruierter Räume anhand des Artusromans Iwein
Untertitel
Semantisches System nach Jurij M. Lotman
Hochschule
Carl von Ossietzky Universität Oldenburg
Note
1,0
Autor
Jahr
2013
Seiten
16
Katalognummer
V275927
ISBN (eBook)
9783656683711
ISBN (Buch)
9783656683766
Dateigröße
583 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Sujet, Raumsemantik, Lotman, Iwein, Artusroman, Grenze, Semantisches System, semantische Räume, Grenzüberschreitung, Ereignis, Ereignistilgung, Diegese, Narrative Struktur, Hartmann von Aue
Arbeit zitieren
Julia Jätzold (Autor), 2013, Funktion ästhetisch konstruierter Räume anhand des Artusromans Iwein, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/275927

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