Das Scheitern eines Analytikers. Das kriminalistische Genie Matthäi bei Dürrenmatt

Eine zufällige Entthronung des klassichen Ermittlers durch eine groteske Verzerrung der Gattung des Kriminalromans?


Hausarbeit, 2013

15 Seiten, Note: 1,3


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Dr. Matthäi – eine Charakterisierung
2.1 Zum Begriff des Genies
2.2 Zur Person des Kommissars Dr. Matthäi

3 Die Entthronung der Gattung des Kriminalromans durch Dürrenmatt
3.1 Zur Bestimmung des Grotesken
3.2 Das Verbrechen als Groteske
3.3 Die Vorgehensweise Dürrenmatts
3.4 Matthäi fällt dem Zufall zum Opfer

4 Fazit

1 Einleitung

In vorliegender Hausarbeit möchte der Verfasser darlegen, wie es zum Scheitern und sozialen Absturz des kriminalistischen Genies und Ermittlers Dr. Matthäi in Dürrenmatts Das Versprechen kommt. Meine zugrunde gelegte These besteht darin, dass der Autor, um den engen Grenzen der Gattung des Kriminalromans zu entfliehen, willentlich ein groteskes – der Realität jedoch nahes – Bild des Ermittlers zeichnet, indem er sich des Konzepts des Zufalls bedient und den Protagonisten somit zum unausweichlichen Scheitern verurteilt.

Im ersten Schritt nimmt der Verfasser deshalb eine Charakterisierung der Ermittlerpersönlichkeit Dr. Matthäi vor, der dem Leser zunächst als klassischer Ermittler präsentiert wird, und geht dabei näher auf die ihn auszeichnenden Besonderheiten ein, welche die Brutalität und Grausamkeit, mit denen ihn der Zufall trifft, zusätzlich begünstigen und deshalb umso wirkungsvoller erscheinen lassen.

Im anschließenden Teil widmet sich der Verfasser dem Grotesken und dessen Vorkommen und Auftreten in Das Versprechen. Dabei bemüht er sich zunächst um eine allgemeine Definition des Grotesken, um ein einheitliches Verständnis des Begriffs voraussetzen zu können und geht dann der Fragstellung nach, welche Auswirkungen das Groteske auf den Leser hat. Des Weiteren beleuchtet er die Vorgehensweise, mit der Dürrenmatt den Totengesang auf den Kriminalroman als solchen anstimmt.

Schließlich bestimmt er den Zufall als das Mittel der Wahl, um die Groteske voranzutreiben und somit den Ermittler Matthäi unweigerlich und sukzessiv seinem Verderben preiszugeben.

2 Dr. Matthäi – eine Charakterisierung

2.1 Zum Begriff des Genies

In seinem Handwörterbuch der Medizinischen Psychologie bestimmt der Psychiater Karl Birnbaum den Begriff des Genies wie folgt:

Als Genie wird ein besonderer psychischer Persönlichkeits- und Begabungstyp herausgehoben, der vor allem durch exzeptionell hochwertige schöpferische Geistesfähigkeiten, die Gabe zur Erzeugung neuartiger Leistungen von höchster kultureller Wertigkeit gekennzeichnet ist. Darüber hinaus und z. T. damit in Zusammenhang pflegt man dann noch dem Genie besondere Eigenschaften bezüglich der Gesamtpersönlichkeit und der Art des Produktionsprozesses zuzuschreiben.[1]

Diese Definition des Genies wird nicht nur dem klassischen Typ des Ermittlers in den Kriminalromanen zu Zeiten Dürrenmatts gerecht, sondern auch Kommissar Matthäi selbst. So beschreibt etwa Ira Tschimmel in ihrem Essay Kritik am Kriminalroman den klassischen Detektiv als „Inkarnation der Ratio“[2]. Dieser vermag allein durch seine gedankliche Arbeit, die von reiner Logik bestimmt ist, den scheinbar unlösbaren Fall aufzuklären.

2.2 Zur Person des Kommissars Dr. Matthäi

Matthäi ist der Protagonist der Binnenhandlung in Das Versprechen und Oberleutnant bei der Kantonspolizei in Zürich.[3] Er wurde am 11. November 1903[4] in Basel[5] geboren, wo er als Jurist promoviert hat[6]. Zum Zeitpunkt seiner Ermittlungen den Mordfall Gritli Moser betreffend ist er fünfzigjährig[7] und befindet sich „‚auf dem Höhepunkt seiner Karriere‘“[8], wie sein Vorgesetzter Dr. H. bekundet. Matthäi lebt „‚seit Jahr und Tag‘“[9] im Hotel Urban, bis er, nachdem er wegen eines Vertragsbruchs aus dem Polizeidienst ausscheidet, im Hotel Rex[10] logiert. Darauf wechselt er seinen Beruf und betreibt eine Benzintankstelle „in Graubünden, in der Nähe von Chur“.[11] Matthäi erweckt während seiner Tätigkeit im Polizeidienst nach außen hin einen ordentlichen und gepflegten Eindruck, da er „‚stets sorgfältig gekleidet‘“[12] erscheint und frei von Lastern wie dem Rauchen oder Trinken ist.[13] Mit der Übernahme der Tankstelle wird sein sozialer Verfall sichtbar. Der Autor stellt ihn zu diesem Zeitpunkt, der in die Rahmenhandlung des Romans eingebettet ist, als alten Mann dar, der unrasiert, ungewaschen und in nachlässiger, schmuddeliger und verfleckter Kleidung auftritt, nach Schnaps riecht und raucht[14], wobei er ihn durch Dr. H. als „‚traurige[s], versoffene[s] Wrack‘“[15] bezeichnen lässt.

Dr. H. erklärt Matthäi zum Genie, lobt ihn als seinen „‚beste[n] Kommissar‘“[16] und bescheinigt ihm ferner einen überragenden Verstand bei gleichzeitigem Fehlen von Humor.[17] Weil er „‚hart und unbarmherzig sein Metier beherrschte‘“[18], hätte der Ermittler eigentlich die bald anstehende Nachfolge seines Vorgesetzten, Dr. Hs., antreten sollen. Doch war er „‚ebenso verhaßt [sic] wie erfolgreich‘“[19] ; eine fehlende Parteizugehörigkeit verwehrte ihm diesen Posten ohnehin schon aus politischen Gründen. Da aber seitens der Verantwortlichen „‚Hemmungen bestanden, einen so tüchtigen Beamten zu übergehen‘“[20], sollte Matthäi sein organisatorisches Talent, seine Planmäßigkeit und Unermüdlichkeit, mit welcher dieser „‚Kriminalist von Format‘“[21] vorging, bei einem Auftrag des jordanischen Staates – die Polizei in Amman zu reorganisieren – unter Beweis stellen dürfen. Matthäi „‚freute die Wahl, nicht nur beruflich‘“[22], dachte er doch darüber nach, den Auftrag abgeschlossen, zu seiner verwitweten „‚Schwester in Dänemark‘“[23] ziehen zu wollen.

Dies macht den fehlenden Bezug Matthäis zu seiner Umgebung, seiner Heimat, und seinen Mitmenschen deutlich. Auch die Tatsache, dass Matthäi unverheiratet ist und „‚nie von seinem Privatleben‘“[24] spricht, unterstreicht die Aussage Dr. Hs., jener sei unpersönlich, formell, beziehungslos und ohne Leidenschaft[25]. Weiterhin konstatiert auch der Psychiater Locher, den Matthäi im Verlauf seiner Ermittlungen aufsucht, um etwas über eine indizienreiche Kinderzeichnung herauszufinden, sein Unverständnis über Matthäis Lebenswandel und spricht zu Matthäi: „‚Sie hausen nun schon dreißig Jahre in Zürich. Da gründen andere Familien, zeugen Nachwuchs, halten die Zukunft in Schwung. Führen Sie denn überhaupt kein Privatleben?‘“[26] Diesen Einwand scheint Matthäi jedoch nicht nachvollziehen zu können. Er bleibt in jener Situation schweigsam und führt die ebenfalls bestehende Junggeselligkeit des Arztes ins Feld, ohne vorerst auf die Fragen weiter einzugehen.

[...]


[1] Birnbaum, Karl: Genie. In: Ders.: Handwörterbuch der Medizinischen Psychologie. 1. Auf- lage. Leipzig: Thieme 1930, S. 169.

[2] Tschimmel, Ira: Kritik am Kriminalroman. In: Facetten. Studien zum 60. Geburtstag Fried- richs Dürrenmatts, hg. von Gerhard P. Knapp u. Gerd Laboisse. Bern: Lang 1981, S. 175- 190, hier: S. 177, im Folgenden zitiert als ‚Tschimmel Kriminalroman‘.

[3] Vgl. Dürrenmatt, Friedrich: Das Versprechen. Requiem auf den Kriminalroman. Zürich: Diogenes 1985 (= detebe 22812), S.13f im Folgenden zitiert als ‚Dürrenmatt Das Verspre chen‘.

[4] Vgl. ebd., S. 83.

[5] Vgl. ebd., S. 14.

[6] Vgl. ebd., S. 14.

[7] Vgl. ebd., S. 15.

[8] Ebd., S. 14.

[9] Ebd., S. 51.

[10] Vgl. ebd., S. 76.

[11] Ebd., S. 99.

[12] Ebd., S. 14.

[13] Vgl. ebd., S.14.

[14] Vgl. ebd., S. 8.

[15] Ebd., S. 13.

[16] Ebd., S. 42.

[17] Vgl. ebd., S. 14.

[18] Ebd., S. 14.

[19] Ebd., S. 14.

[20] Ebd., S. 14f.

[21] Ebd., S. 14.

[22] Ebd., S. 15.

[23] Ebd., S. 15.

[24] Ebd., S. 14.

[25] Vgl., ebd., S. 14.

[26] Ebd., S. 83.

Ende der Leseprobe aus 15 Seiten

Details

Titel
Das Scheitern eines Analytikers. Das kriminalistische Genie Matthäi bei Dürrenmatt
Untertitel
Eine zufällige Entthronung des klassichen Ermittlers durch eine groteske Verzerrung der Gattung des Kriminalromans?
Hochschule
Rheinisch-Westfälische Technische Hochschule Aachen  (Germanistisches Institut)
Veranstaltung
Proseminar Dürrenmatt
Note
1,3
Autor
Jahr
2013
Seiten
15
Katalognummer
V275951
ISBN (eBook)
9783656689560
ISBN (Buch)
9783656693369
Dateigröße
475 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Matthäi, Dürrenmatt, Kriminalroman, Zufall, Es geschah am helllichten Tag, Genie, Kommissar, Bärlach, Gattungskritik, Scheitern
Arbeit zitieren
Tim Hoffmann (Autor), 2013, Das Scheitern eines Analytikers. Das kriminalistische Genie Matthäi bei Dürrenmatt, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/275951

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