Französische Schallverben. Psychophonologische Aspekte der Onomatopöie


Bachelorarbeit, 2013
41 Seiten, Note: 1,3

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Aufbau und Zielsetzung der Arbeit..2 Theoretischer Teil

3. Semiotik und Strukturalismus: Arbitraritätsgrade des sprachlichen Zeichens → Peirce und Saussure
3.1. Semiotik - Ch. S. Peirces Zeichenlehre
3.2. Strukturalismus - Onomatopoetika als Herausforderer von Saussures Arbitraritätsprinzip

4. Kognitive Linguistik und Psychoakustik
4.1. Kognitionswissenschaftliche Grundlagen
4.2. Psychoakustik - Kognitive Reizverarbeitung von Schällen

5. Genese und morphologische Eigenheiten von Onomatopoetika - Verhältnis zwischen Ikonizität und Symbolik/ Konzeptualität und Formgebung...15 Empirischer Vergleich

6. Schallverben
6.1. deutsche (Kategorisierungsparameter nach C. Lehmann)
6.2. französische
6.3. Zusammenfassung

7. Ausblick..30 Literaturverzeichnis

Anhang:
1. Tabellen zur Schallkategorisierung nach Lehmann
2. Liste französischer Schallverben (nach de Rudder)

3. Liste deutscher Schallverben (nach C. Lehmann)

1. Einleitung

Lassen sich genuine Eigenheiten einer Sprache anhand ihrer spezifischen lautmalerischen Abbildungsarten ausmachen? Auch wenn das Geräusch des Zuwerfens einer Kühlschranktür in einer Kurzgeschichte von Anna Gavalda mit „Vlam“ bezeichnet wird1, dürfte man vermuten, dass französische Kühlschranktüren nicht anders knallen, als deutsche. Trotzdem würde in einem deutschen Text dasselbe Geräusch wohl beispielsweise mit „Rums“ wiedergegeben werden. Es lassen sich eine beträchtliche Anzahl von Geräuschen auflisten, die in verschiedenen Sprachsystemen zwar lautmalerisch, also angepasst an das objektiv gegebene Lautbild, aber dennoch unterschiedlich verbalisiert werden. Ein sehr geläufiges, weil in besonders vielen Sprachen sprachlich konventionalisiertes Beispiel für Onomatopoetika ist der Hahnenschrei - Ferdinand de Saussure stellte bereits dt. „kikeriki“ und fr. „cocorico“ einander gegenüber. Werden Geräusche womöglich von Ohren verschiedener Sprachgemeinschaften anders gehört? Oder ist lediglich die sprachliche Reproduktion eines Schalls durch die sprachgemeinschaftlich gebundene Artikulatorenformung spezifiziert und demnach anders als bei Sprechern, deren Sprechwerkzeuge aus biographischen oder sogar evolutionären Entwicklungen heraus anders dispositioniert sind?

Um derlei Fragen auf den Grund zu gehen, muss zunächst überlegt werden, ob das Sprachphänomen des Onomatopoetischen ganzheitlicher und detaillierter mithilfe idealistischer Sprachtheorie oder mittels naturwissenschaftlich gespeister Kognitionslinguistik zu erfassen ist. Diese zwei verschiedenen Herangehensweisen stellen die Überlegungen nebeneinander, ob ein Onomatopoetikum als sprachsystemische Unvollkommenheit oder schlicht als schallbezeichnender Schall zu betrachten ist.

Schon in Platons Kratylos wird der Ursprung des Worts diskutiert, der Grad seiner Verbundenheit mit der natürlichen Beschaffenheit seines bezeichneten Gehalts. Im 18. Jahrhundert war die Onomatopöie im Zuge der Sprachursprungsdiskussion wieder verstärkt Interessensgegentand der Sprachwissenschaft, stellte sie doch das Paradebeispiel der „naturgemäßen“ sprachgenetischen Parameter von Mimesis und Emotionalität dar.2 Anfang des 20. Jahrhunderts räumte Ferdinand de Saussure wiederum dem Onomatopoetischen, das seine Arbitraritätshypothese ernsthaft in Bedrängnis brachte, innerhalb seiner rigiden strukturalistischen Sprachtheorie nur zähneknirschend ein kleines Plätzchen ein. In der Kognitionslinguistik, die sich in den letzten Jahrzehnten des vergangenen Jahrhunderts als interdisziplinäre Wissenschaft mit Bezugspunkten aus Psychologie, Neurowissenschaft, Philosophie und Computerwissenschaft entwickelt hat, wird dem Problem der sprachlichen Formgebung unter Rückgriff auf naturwissenschaftlichere Forschungselemente begegnet, was eine völlig andere Zugangsmöglichkeit zur Onomatopöie bietet.

Der methodische Abgleich von zeichen- und sprachtheoretischer, strukturalistischer (saussurescher) Tradition und neuropsychischen, naturwissenschaftlichen Ansätzen, sowie psychoakustischen Erkenntnissen bezüglich des Schallempfindens kann den Schnittstellenstatus des Phänomens Onomatopoetikum umfassend darstellen, wobei onomatopoetische Verben als feste grammatische, aber dennoch mimetische und dadurch mit der Sprachgenese verwurzelte Wortart einen sehr geeigneten Untersuchungsgegenstand für einen kontrastiven Vergleich der französischen und deutschen Sprache bieten.

Die Onomatopöie ist ein äußerst grenzwertiger linguistischer Fall - allein durch den Gegensatz, den der Begriff in sich darstellt: Ein höchst bildungssprachlicher, stilisierter Begriff bezeichnet das ursprünglichste, archaischste Sprachschöpfungsphänomen überhaupt. Umso nötiger erscheint es, sie sowohl aus der Perspektive der theoretischen Sprachsystemik zu beleuchten, als auch eine materialnähere Untersuchung ihrer real messbaren schallphysikalischen Komponenten durchzuführen, deren neuropsychische Wirkung auf das Bewusstsein in der Natürlichkeit des onomatopoetischen Sprachzeichens so greifbar wird.

2. Aufbau und Zielsetzung der Arbeit

Die vorliegende Arbeit soll Onomatopoetika sowohl in ihrer Rolle innerhalb des theoretischen Sprachsystems erfassen, als auch ihre Bedeutung für den Charakter einer einzelnen Sprache am Beispiel des Französischen zeigen. Hierzu soll als nüchternes Gegengewicht zur Sprachtheorie die kognitionswissenschaftliche und psychoakustische Seite der Sprache beleuchtet werden. Innerhalb des Wortgebiets der Onomatopoetika sollen onomatopoetische Verben, also schallbezeichnende, einer genaueren Untersuchung unterzogen werden, weil sie bezüglich der zu betrachtenden Grenzfallbeziehung zwischen Sprach- und Wahrnehmungssystem durch die hier maximale Parallelisierbarkeit von Phonem- und Schallkategorisierung der menschlichen Kognition besonders geeignet sind.

1. Zu diesem Zweck soll zunächst die Zeichentheorie von Charles Sanders Peirce als Grundstock für das Verhältnis des Onomatopoetikums zu allem weiteren Sprachmaterial herangezogen werden. Insbesondere der Gegensatz von ikonischer und symbolischer Zeichenübertragung dieser Zeichentheorie soll als Orientierungspunkt dienen für eine anschließende kritische Auseinandersetzung mit Saussures Arbitraritätshypothese des sprachlichen Zeichens, die das Onomatopoetikum ernsthaft in Frage stellt.

2. Im Hinblick auf die naturwissenschaftliche Gegebenheiten einbeziehende Vergleichsstudie deutscher und französischer Schallverben soll die kognitionslinguistische Perspektive auf sprachliche Formgebung mentaler Inhalte der streng formalistischen strukturalistischen Sicht auf die Wortgenese gegenübergestellt werden. Die neurowissenschaftlichen Einflüsse dieser jungen Disziplin, die zerebrale Verarbeitungsmechanismen perzeptueller und konzeptueller Elemente gegeneinanderstellt und darin ihre Forschungshypothese der phonematischen Rasterbildung einbettet, soll auf die Untersuchung französischer Schallverben hinführen, die sowohl naturwissenschaftliche, als auch sprachtheoretische Seiten in sich aufnehmen soll, sowie konkrete phonoartikulatorische Unterschiede zwischen Deutsch und Französisch.

3. Empirisch sollen die sprachtheoretischen und kognitionswissenschaftlichen Darstellungen in der Anwendung von Christian Lehmanns Analyse deutscher Schallverben auf die französischen münden, mithilfe derer Gemeinsamkeiten und Unterschiede in den Verhältnissen von Ikonizität und Symbolik, beziehungsweise Formgebung und Konzeptualität der deutschen und französischen Sprache freigelegt werden sollen. Da wir uns innerhalb des Wortgebiets der Onomatopoetika ausschließlich auf die Verben konzentrieren, die ja generell (anders als syntaktisch isolierte Interjektionen) lexikalisiert sind, sollen Aspekte der syntaktischen Eingliederung bei der Untersuchung ausgespart bleiben und der Fokus auf der Phonologie und der Morphologie liegen. Es sei noch darauf hingewiesen, dass das Korpusmaterial zu deutschen und französischen Schallverben im Anhang aus nicht wissenschaftlich vergleichbaren Quellen stammt und die deutsche Liste demnach weitaus ausführlicher ausfällt. Für das Französische ließ sich keine vergleichbar gründliche Aufstellung finden.

Theoretischer Teil

3. Semiotik/ Strukturalismus

3.1. Semiotik

Die in der Linguistik uneinheitlichen terminologischen Bezeichnungen für sprachliche Formgestaltung und mentale Vorstellung zeigt, wie komplex die Herausforderung ist, die Tiefen dieses Verhältnisses zu erforschen und wie viele Herangehensweisen dafür möglich sind. In der strukturalistischen Tradition existiert natürlich das Begriffspaar de Saussures, signifiant und signifi é, wofür die Bezeichnungen Ausdruck und Inhalt nach Louis Hjelmslev als deutsches Pendant angesehen werden.3 Dieser abstrakten und isolierenden Vorstellung des sprachlichen Zeichens stehen Modelle gegenüber, die die außersprachliche Realität einbeziehen, so zum Beispiel das semiotische Dreieck von Ogden und Richards.

Sprachtheoretische Modelle sind in der Geschichte der Sprachwissenschaft viele vorgeschlagen worden, und jedem liegt mehr oder weniger bewusst ein bestimmtes Verständnis von Zeichenübertragung zugrunde. Um sich der sprachlichen Zeichenübertragung und deren Grenzfall Onomatopoetikum anzunähern, ist es demnach hilfreich, sich zunächst zeichentheoretische Grundlagen anzusehen.

Rekurriert man bei der Analyse einer kommunikativen Situation auf das bekannte Organon-Modell Karl Bühlers, geht von einem aktiven, intentionalen Sender ein Zeichensignal aus, das allein durch das Angelangen beim Empfänger seine appellative Funktion, also seinen semantischen Gehalt entwickelt. Volli weist indes darauf hin, dass die eigentliche Bedeutung einer sprachlichen Äußerung erst dadurch entsteht, dass der Adressat etwas als Botschaft begreift, das heißt, dass er dem Wirklichkeitseindruck, den er erfährt, Relevanz verleiht.4 Der Codegehalt des Sprachzeichens manifestiert sich demgemäß in Jakobsons Erweiterung des Organon-Modells, indem er die konative Funktion, also die aktive Enkodierung und Bedeutungszuweisung durch den Empfänger mit einbezieht, die durch die innerhalb des konventionsbasierten Sprachsystem kodierte Zeichensendung erforderlich wird.

Was jedoch sämtliche theoretische Überlegungen über das sprachliche Zeichen gemeinsam haben, sowohl das Kommunikationsmodell Bühlers, als auch Jakobsons Erweiterung und nicht zuletzt Saussures Sprachzeichentheorie, ist seine grundsätzliche Aufteilung in eine phatische und eine metalinguistische, beziehungsweise eine physikalische und eine symbolisch kodierende Komponente.

Diese Aufteilung ist maßgeblich für die Untersuchung der verschiedenen Arten von Zeichen, mit der sich die Disziplin der Semiotik befasst. Der amerikanische Philosoph Charles Sanders Peirce hat mit seiner Zeichentheorie die Semiotik des 20. Jahrhunderts im Dienste der Logik und Phänomenologie5 begründet und soll hier als Ausgangspunkt für eine grundlegende Differenzierung von Zeichenarten auch innerhalb der Sprache dienen. Peirce nimmt drei Grundarten von Zeichen an: Ikone, Indexe und Symbole.

There are three kinds of signs. Firstly, there are likenesses, or icons; which serve to convey ideas of the things they represent simply by imitating them. Secondly, there are indications, or indices; which show something about things, on account of their being physically connected with them. [...] Thirdly, there are symbols, or general signs, which have become associated with their meanings by usage.“6

Peirces Klassifikation der Zeichen fußt demnach auf dem jeweiligen Verhältnis zwischen Signifikat und Signifikant: Ikone verbinden Signifikat und Signifikant über eine substantielle Ähnlichkeit. Sie bilden ein Signifikat durch Imitation ab, indem sie in einer bestimmten Hinsicht Ähnlichkeit zu diesem aufweisen. Eine ikonische Zeichenbeziehung entsteht bei jeglicher Art von Illustrationen, Abbildungen oder Verkehrsschildern, die eine Richtung oder eine gegenwärtige Gefahrenquelle anzeigen. Volli problematisiert hierbei den Ähnlichkeitsbegriff, der freilich ebenso wie das ikonische Zeichen selbst auf gesellschaftlicher Konvention beruhen muss, um systematisch zu funktionieren. Der allgemeine Ähnlichkeitsbegriff fuße nämlich auf einer gewissen Toleranz, die die Vernachlässigung gewisser Vergleichskomponenten erlauben - absolute Ähnlichkeit bildet insofern eine Ausnahme.

Bei Indexen weist der Signifikant durch eine natürliche Verbindung auf das Signifikat hin. Diese natürliche Verbindung besteht in Form eines Symptoms, einer Spur oder eines Abdrucks des bezeichneten Signifikats und setzt es in eine Beziehung physikalischer oder kausaler Nähe zum Signifikanten7. Zu indexikalischen Zeichenrelationen zählen Pronomina, die auf Subjekte verweisen, ein Fingerabdruck, der auf einen Urheber verweist oder auch ein Blitz, der eine Funkenentladung anzeigt8.

Symbole stellen letztlich eine rein willkürliche Verbindungsschöpfung zwischen Signifikant und Signifikat dar, sind also arbiträr motiviert, sie werden daher von Peirce auch als allgemeine Zeichen9 verstanden und können also gewissermaßen als die zeichenhaftesten Zeichen angesehen werden. Das symbolische Zeichenverhältnis beruht hierbei allein auf gesellschaftlicher, durch Gebrauch gefestigter Konvention. Die Sprache ist hierfür das Paradebeispiel, aber auch Verkehrszeichen, die eine rein konventionelle Bedeutung transportieren oder mathematische Symbole sind Zeichen mit arbiträrer, konventionalisierter Verbindung zu ihrem Signifikat.

Unabhängig von der Art des Zeichens jedoch besteht die Semiose, also die Bedeutungsentstehung, erst durch das Zusammenwirken von Signifikat, Signifikant und Interpret: „[…] by „semiosis“ I mean […] an action […] which is […] a cooperation of three subjects, such as a sign, its object, and its interpretant“10

Um die Relevanz der bewussten Interpretation durch den Empfänger für die Differenzierung der peirceschen Zeichenarten zu verdeutlichen, weist Volli auf eine andere Ebene von Zeichenunterscheidung hin, wodurch die Wirkungsbezogenheit der 3-Zeichenarten-Definition nach Peirce deutlich wird: Bei der Unterscheidung beispielsweise zwischen digital und analog wird dagegen auf die Art von Zeichenherstellung Bezug genommen, entweder mittels Zahlenrechnung (im ersten Fall) oder physischer Ähnlichkeit (im zweiten Fall), während die Unterscheidung zwischen ikonisch, indexikal und symbolisch die Aktivierungsart des semantischen Gehalts von Zeichen durch den Empfänger bezeichnet.11

J. O. Askedal weist überdies auf die genauere Differenzierung innerhalb der ikonischen Zeichenübertragung in bildliche und diagrammatische Ikonizität (B-/ D-Ikonizität) hin. Zur B- Ikonizität können hierbei eigentlich allein die Onomatopoetika gezählt werden, indem sie eine „substantielle akustische Ähnlichkeit mit der zu repräsentierenden Schallquelle“12 aufweisen. D- Ikonizität bezeichnet hingegen etwas genereller „ontologische oder perzeptorische Primitiva“13 und drückt die „Beziehung zwischen Ausdruck und inhaltlich-kongnitiver Repräsentation des Denotats“ aus.14 Für unsere Zwecke ist also vor allem die B-Ikonizität von Interesse, aber sie als abgegrenzt von einer weiter gefassten Art von Ikonizität sprachlicher Zeichen zu wissen, ist wichtig, weil dies den Sonderstatus von Onomatopoetika unterstreicht.

3.2. Strukturalismus

Psychologiquement, abstraction faite de son expression les mots, notre pens é e n'est qu'une masse amorphe et indistincte. Philosophes et linguistes se sont toujours accord é s à reconna î tre que, sans le secours des signes, nous serions incapables de distinguer deux id é es d'une fa ç on claire et constante.“15

Mit der logisch-nüchternen Zeichentheorie nach Peirce im Hinterkopf wenden wir uns nun der auf einem sozialpsychologischen Zeichenverständnis aufbauenden16 strukturalistischen Sprachtheorie Ferdinand de Saussures zu. Saussures Zeichenübertragungsverständnis verbleibt nicht wie bei Peirce in der Sterilität der theoretischen Folgerung aus der Sache an sich, sondern sieht das Zeichen als automatisches Erzeugnis sozialer Verständigung an und weniger als abstrahierbares Phänomen. In der Tat bettet Saussure seine Überlegungen zur Sprache in die Annahme ein, dass für die menschliche Kommunikation die Art der Zeichenübertragung nicht von Belang ist. Essentiell für ihr Funktionieren sei allein die gesellschaftliche Übereinkunft: „la langue est une convention, et la nature du signe dont on est convenu est indifférente.“17

la substance phonique n'est pas plus fixe ni plus rigide; ce n'est pas un moule dont la pens é e doive n é cessairement é pouser les formes, mais une mati è re plastique qui se divise à son tour en parties distinctes pour fournir les signifiants dont la pens é e a besoin.18

Zeichen sind im saussure'schen Sinne also bloßes Material für konventionalisiertes Kommunizieren, wodurch sich seine Unterscheidung von - in peirce'scher Terminologie - ikonischer und symbolischer Zeichenübertragung auszeichnet und woraus sich sein wichtigstes Prinzip, das der Arbitrarität, ableitet.

Die Wissenschaft der Semiotik ist zu Saussures Wirkungszeit noch im Begriff, zu entstehen, und Saussure weist wiederholt darauf hin, dass bestimmte zeichentheoretische Herausforderungen erst zu bewältigen seien, „quand la sémiologie sera organisée“19 In diesen Rahmen stellt Saussure auch die Frage, ob 'natürliche' Zeichen überhaupt dieser Disziplin zugerechnet werden können. Mit 'natürlichen Zeichen' meint Saussure im Grunde ikonische Zeichen: „comme la pantomime“.20 An diese Überlegung knüpft Saussures Arbitraritätsprinzip an: Indem nämlich auch die ikonischsten Zeichen wie Höflichkeitsgesten auf einem Konventionalitätssystem basierten und allein um der regelhaften Verwurzelung in der Gemeinschaft willen angewandt würden, zeige sich der Kodierungsgrad, also die Symbolhaftigkeit eines Zeichens als Vollkommenheitsmaßstab: „On peut donc dire que les signes entièrement arbitraires réalisent mieux que les autres l'idéal du procédé sémiologique“21

Trotzdem räumt Saussure im gleichen Atemzug ein, dass ein symbolisches Zeichen niemals völlig arbiträr sein kann: „ Le symbole a pour caractère de n'être jamais tout à fait arbitraire“22, weswegen er auf seinen Begriff der 'Unmotiviertheit' ausweicht, der die Arbitrarität nur auf die Wahl des Signifikanten beschränkt, ohne die völlige Verbindungslosigkeit zum Signifikat zu berühren. Ein 'natürliches Zeichen' nach Saussure zeichnet sich hingegen durch einen hohen Ikonizitätsgrad, also eine ungewöhnliche Nähe von Signifikant und Signifikat aus. Die Onomatopöie als sprachlicher Vertreter der 'natürlichen Zeichen' kann gewissermaßen als verbale Entsprechung zur räumlich-visuellen Pantomime gesehen werden und steht in ihrer Sonderart der Symbolhaftigkeit der Hauptmasse von Wörtern gegenüber. Zur ikonischen Zeichenspezies zählt Volli neben sprachlicher Lautmalerei auch Baupläne, Karikaturen oder Landkarten.23 Anhand dieser Beispiele wird die Bedingtheit von ikonischer Ähnlichkeit deutlich, die auch durch Saussures behelfsmäßige Bezeichnung der 'Relativen Motiviertheit' von Onomatopoetika deutlich wird: die Abbildung gleicher Eigenschaften von Signifikat und Sigifikant findet nämlich unter mehr oder minder intensiver Vernachlässigung des Ausmaßes statt: Größe, Dimensionalität oder Verhältnismäßigkeit (bei Karikaturen) sind nach Volli die einzigen Parameter, die bei der ikonischen Zeichenbildung verändert werden. Demnach gehört zu der Enkodierung eines ikonischen Zeichens das entsprechende Vorwissen und die Übung darin, die Veränderung des Ausmaßes als Teil der konventionalisierten Ikonizität zu verstehen.

Dieses bedingende Vorwissen besteht bei sprachlicher Ikonizität in der Konventionalität des Sprachsystems. Das auf gewohnheitsmäßigem, eingeschliffenem Gebrauch basierende sprachliche Zeichensystem setzt ein vereinbartes Grundmuster voraus, also die Ausdrucksweise realer Eindrücke und Gedanken in Form von Lautfolgen, die in bestimmte morphologische und syntaktische Regelhaftigkeiten eingepasst werden. Der Arbitraritätsgedanke Saussures beruht auf eben diesem hohen Formwert von Sprache, denn je höher der Kodegehalt eines Zeichensystems ist, desto idealer sei der semiotische Prozess (procédé sémiologique) und dieser Kodegehalt steigt periodisch mit der Symbolhaftigkeit der einzelnen Signifikanten. Man könnte auch sagen, ein Signifikant ist umso purer, je symbolhafter er gewählt ist, indessen ist er umso „minderwertiger“, je ikonischer, also abbildhafter er ist. Hier stößt die Theorie auf die Onomatopoetika. Um sein sprachtheoretisches Gedankengebäude nicht zu gefährden, versucht Saussure die möglichen Einwände, die durch Onomatopoetika gegen sein Arbitraritätsprinzip angebracht werden könnten, zu minimieren. Um dieses Arbitraritätsprinzip, das das völlige Fehlen einer natürlichen Verbindung zwischen Signifikant und Signifikat beim Sprachzeichen postuliert, aufrechtzuerhalten, teilt Saussure die Onomatopoetika in zwei Gruppen auf, von denen sich die eine dem Arbitraritätsprinzip unterordnen lässt und die andere als „Rest“ hygienisch abgespalten vom „richtigen“ Sprachsystem verbleibt. Die erste Gruppe sieht Saussure in Pseudo-Onomatopoetika, die fälschlicherweise als onomatopoetisch angesehen würden, jedoch getrost den arbiträren Sprachformen des wirklichen Sprachsystems zugerechnet werden können. Die irrtümliche Zuordnung zu den Onomatopoetika bestehe darin, dass ihre gegenwärtige Lautung vom signifi é motiviert anmutet, wobei die etymologische Wurzel eine völlig arbiträre Zeichenbildung ist (Bsp.: fouet = 'Peitsche', das nicht etwa eine lautmalerische Wortbildung ist, sondern aus dem lateinischen f ā gus = 'Buche' stammt24 ). Als zweite Gruppe bleiben für Saussure gewissermaßen als Filterrückstand die wirklichen Onomatopoetika (onomatopées authentiques), denen er aber eine schwache Präsenz in der Sprache beimisst und die er nicht als dem Sprachsystem organisch inhärent ansieht: „[...] elles ne sont jamais des éléments organiques d'un système linguistique“25, was er allerdings nicht näher erläutert. Sollte diese Ansicht dem schwachen symbolischen Wert (an welchem er ja das sprachzeichentechnische Ideal misst) von Onomatopoetika entspringen, erscheint Saussures nächster Argumentationspunkt recht paradox, indem er auf die Unterschiede wirklicher Onomatopoetika in verschiedenen Sprachen hindeutet, die auf deren jeweiliger Einpassung in das konventionalisierte Sprachsystem beruhten. Wenn Saussure sich bei den Onomatopoetika auf ihre formale Konventionalisierung in den verschiedenen Sprachen beruft, verliert gleichzeitig ihre Symbolschwäche an Argumentationskraft. Bei den Interjektionen sieht Saussure die Unterschiede zwischen Sprachen sogar als Beweis, dass eine Mehrzahl von ihnen kein „lien nécessaire entre le signifié et le signifiant“26 aufweisen und führt das Beispiel dt. „au“ versus frz. „aïe“ an. Hierbei jedoch lässt sich sehr wohl bei beiden Interjektionen eine natürliche Motiviertheit feststellen, da [a], bei beiden Wörtern Hauptbestandteil, der geöffnetste und somit aus physiobiologischer Sicht der ausdrucksstärkste Vokal ist, hervorgerufen durch die weite Mundöffnung als natürliche Folge der Erregung durch einen körperlichen Schmerz. [a] ist der häufigste vokalische Schreilaut bei Neugeborenen27, was auf einen universalen Wert bestimmter Laute über sprachgemeinschaftliche Grenzen hinaus hindeutet.28 Hierzu Näheres im folgenden Kapitel über die Psycholinguistik.

In diesem Zusammenhang darf noch der von Edward Sapir geprägte „phonetische Symbolismus“ erwähnt werden, nach dem der Klang der einzelnen Vokale und Konsonanten selbst mit einem symbolischen Assoziationspotential behaftet ist. So konstatiert Sapir anhand eines Experiments, in dem Probanden phonetisch kontrastive Kunstwörter auf ihre klangliche Assoziation hin evaluieren und den Kategorien „groß“ und „klein“ zuordnen sollten, dass [a] gemäß des größeren Raumes, den der Mund dem Luftstrom bei der Artikulation bietet, auch „größer“ klingt, während Vokale mit höherer Zungenstellung und somit kleinerem Artikulationsraum „kleiner“ klingen.

„ [...] we are really dealing with a measurably independent psychological factor that for want of a better term may be called 'phonetic symbolism.' “ 29

„ it is difficult to resist the conclusion that in some way a significant proportion of normal people feel that, other things being equal, a word with the vowel a is likely to symbolize something larger than a similar word with the vowel i, or e, or Ɛ , or ä . To put it roughly, certain vowels and certin consonants 'sound bigger' than others.30

Das onomatopoetische Sprachzeichen macht Saussures Theorie letztlich insofern zu schaffen, als es zumindest tendenziell eine direkte Verbindung von der Ausdrucksseite zum außersprachlichen Referenten schlägt und das konzeptuelle Signifikat mehr oder weniger mit diesem zusammenfällt. Diesem Problem wollen wir nun mit der jungen Wissenschaft der kognitiven Linguistik begegnen und der theoretisch-idealistischen eine wissenschaftlich-nüchterne Betrachtungsweise auf die Sprache und ihrem Verhältnis von ihrem Rohmaterial Schall und kognitiver Informationsverarbeitung gegenüberstellen.

4. Kognitive Linguistik und Psychoakustik

4.1. Kognitionswissenschaftliche Grundlagen

Mit der sogenannten „kognitiven Wende“ ab den 1960er Jahren ist die behavioristische Psychologie von einem interdisziplinäreren Forschungsansatz abgelöst worden, der die neurobiologischen Vorgänge des menschlichen Organismus zur Verarbeitung und Speicherung von Informationen in seine Arbeit einbezieht.

In der Kognitionswissenschaft wird von der grundsätzlichen Annahme ausgegangen, dass das menschliche Gehirn die perzeptuellen Reize der äußeren Welt mittels klassifizierender Strukturen speichert und ordnet, um die Informationsflut effizient zu nutzen und damit zu arbeiten31. Bezüglich dieser Kategorisierung von Informationen im Gedächtnis spricht man in der Kognitionswissenschaft von Konzeptbildung. Als Konzepte (in etwa analog zum saussure'schen Signifikat) werden kategoriale Einheiten eines mentalen Rasters bezeichnet, mit Hilfe derer konkrete Objekte oder Sachverhalte aus einer Wahrnehmungssituation heraus direkt in ein kognitives Ordnungssystem eingefügt werden können. So kann eine akut wahrgenommene Linde in die Baum-Kategorie eingefügt werden, deren Merkmalskatalog ungefähr aus [Große Pflanze, hat einen Stamm, hat Blätter/Nadeln] besteht. Hierbei ist zu betonen, dass die Konzepte nicht klar begrenzt sind (wie es lange in der Kognitionswissenschaft angenommen wurde)32, sondern fließende Übergänge zu Nachbarkonzepten haben. Den Kern eines Konzeptes bildet vielmehr ein Prototyp, umgeben von einem nach allen Seiten periodisch nach Typikalität abnehmenden Feld von Konzeptmaterial. Die Konzepte sind abstrakte Knotenpunkte, deren artikulatorische Realisierung und semantischer Einsatz immer aufs Neue einmalig und individuell ist. Dies verdeutlicht, dass die Konzeptbildung ein rudimentäres, sich ausbildendes Hilfsmittel der menschlichen Kognition zur Wahrnehmungsverarbeitung ist, ausgehend von der Reizquelle, und kein per se vorhandenes Raster, in welches äußere Reize eingefügt werden können.

Die kognitive Verwertung und Katalogisierung von äußeren Perzepten durch das menschliche Gehirn setzt voraus, dass die einzelnen wahrgenommenen Informationen mit Bedeutung versehen werden. Die substantielle Relevanz eines äußeren Reizes für den Empfänger stellt also einen Teil des Kognitionsprozesses dar.

Die Sprache kann als Veräußerung dieser Semantisierung angesehen werden; wie bei Saussure ist die Teilung in eine mentale und eine phatische Komponente demnach auch in der Kognitionslinguistik grundlegend.

[...]


1 Gavalda, 129.

2 vgl. Trabant, 130.

3 Geckeler/Dietrich 43.

4 vgl. Volli, 21.

5 vgl. Volli, 1.

6 Peirce, 5, § 3.

7 vgl. Volli, 36.

8 vgl. Volli, 36.

9 s. Zitat m. Fußnote 16 → „general signs“.

10 Peirce, 411.

11 vgl. Volli, 35, 36.

12 Askedal, 14.

13 Askedal, 14.

14 Askedal, 15.

15 de Saussure, 155.

16 vgl. Volli, 1.

17 de Saussure, 26.

18 de Saussure, 155.

19 de Saussure, 100.

20 de Saussure, 100.

21 de Saussure, 101.

22 de Saussure, 101.

23 vgl. Volli, 33.

24 de Saussure, 102.

25 de Saussure, 101.

26 de Saussure, 102.

27 vgl. Tabelle in Rothgänger, 209.

28 vgl. Groß, 130.

29 Sapir, 233.

30 Sapir, 235.

31 vgl Schwarz, 108/109.

32 vgl. Schwarz, 110.

Ende der Leseprobe aus 41 Seiten

Details

Titel
Französische Schallverben. Psychophonologische Aspekte der Onomatopöie
Hochschule
Johannes Gutenberg-Universität Mainz  (Romanische Philologie)
Note
1,3
Autor
Jahr
2013
Seiten
41
Katalognummer
V276226
ISBN (eBook)
9783656763437
ISBN (Buch)
9783656763444
Dateigröße
577 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Onomatopöie, Onomatopoetika, Psychoakustik, Verben, Schallverben, Französisch, Kontrastiver Vergleich, Semiotik
Arbeit zitieren
Caroline Strauss (Autor), 2013, Französische Schallverben. Psychophonologische Aspekte der Onomatopöie, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/276226

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