Die Pariser Vorortverträge und die Neuordnung Europas


Hausarbeit (Hauptseminar), 2014

41 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Inhalt

1. Einleitung

2. Europa vor dem Ersten Weltkrieg

3. Die Pariser Vorortverträge und die Neuordnung Europas
3.1. Gebietsabtretungen
3.2. Volksentscheide
3.3. Das Verschwinden und Entstehen von Staaten

4. Ausblick: Zweite Neuordnung nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges

5. Fazit

6. Literatur- und Quellenverzeichnis

7. Anhang

1. Einleitung

Nach dem Ende des Ersten Weltkrieges, lag nicht nur ein Teil Europas in Trümmern, sondern auch die Staatenwelt hatte sich dauerhaft verändert. Beinahe gleichzeitig mit ihrer Bitte um Waffenstillstand war die Habsburger Monarchie, ebenso wie das Deutsche Kaiserreich zusammengebrochen.1 Revolutionen überrollten Europa und aus den Überresten der ehemaligen Vielvölkerreiche entstanden neue Staaten.2

In dieser Situation kam den ‚Pariser Vorortverträgen‘ eine besondere Bedeutung zu. Ihre Aufgabe bestand darin, einen möglichst dauerhaften Frieden zu garantieren, und gleich- zeitig die Landkarte der Welt, insbesondere Europas neu zu gestalten.3 Mit den Ergebnissen dieser Verträge waren allerdings beide Seiten nicht zufrieden. Es seien zu viele Kompromisse gemacht worden,4 sodass man zum Teil sogar von einem „verstümmelten Sieg“,5 oder im Falle der Verlierer-Staaten von einem „Diktatfrieden“ sprach.6

Doch wie genau ging diese territoriale Neuordnung Europas vonstatten? Diese Frage gilt es im Folgenden zu beantworten. Zu Beginn wird ein Blick auf das Vorkriegseuropa und dessen staatliche Aufteilung geworfen. Hierbei wird kurz umrissen, welche Staaten es vor dem Krieg gab, und wie diese organisiert waren. Anschließend werden die Pariser Vorort- verträge, hinsichtlich ihrer Aufgaben und Ziele betrachtet. In drei Punkten werden die Vertragswerke darauf untersucht, wie sie die Neuordnung Europas erreichen wollten. Der erste Punkt behandelt die Gebietsabtretungen, wobei der Fokus vorwiegend auf den von den Verlierer-Staaten abzutretenden Gebieten liegen wird. Darauf folgt der zweite Punkt: Volksabstimmungen. Hier werden weniger die prozentualen Ergebnisse im Vordergrund stehen, sondern vielmehr die Hintergründe der Abstimmung selbst. Dabei gilt es zu unter- suchen, ob überhaupt von ‚Volksabstimmungen‘ gesprochen werden kann oder inwiefern die Wahlen womöglich zu Gunsten einer Seite behindert wurden. Als dritten Punkt widmet sich diese Arbeit dem ‚Verschwinden‘ und ‚Entstehen‘ von Staaten. An dieser Stelle gilt es zu betrachten, wie sich die Staatenwelt durch die Verträge verändert hat, welche Staaten von der Landkarte ‚verschwanden‘, lediglich umbenannt oder tatsächlich neu gegründet wurden. Bei dieser Gelegenheit wird auch die Zeit zwischen dem Ende des Ersten Welt- krieges, also den Kapitulationen der einzelnen Staaten und der Aushändigung der Pariser Vorortverträge dahingehend kurz umrissen, ob die Staaten wirklich erst durch die Verträge von ‚außen‘ verändert wurden oder ob sie sich bereits zuvor, durch Revolutionen, von ‚innen‘ gewandelt haben. Auf diese recht umfangreichen Betrachtungen hinsichtlich des Nachkriegseuropas und der Pariser Vorortverträge folgt ein kleiner Ausblick auf die Situa- tion nach dem Zweiten Weltkrieg, als die Welt erneut vor dem Problem stand, ein vom Krieg ‚zerstückeltes‘ Europa wieder zusammen zu setzen. Es gilt zu betrachten, wie man mit dieser Herausforderung umging und welche Unterschiede sich im Vorgehen von 1945 im Vergleich zu 1919 ausmachen lassen. Im Fazit werden die Ergebnisse all dieser Betrachtungen schließlich zusammengeführt.

2. Europa vor dem Ersten Weltkrieg

Europa bestand im Jahr 1914, im Vergleich zu heute, aus viel weniger Staaten.7 Das Bild wurde durch monarchische ‚Riesenreiche‘ bestimmt, aus denen nach dem Ersten Weltkrieg viele der heutigen Staaten aber auch ‚Übergangsstaaten‘8 hervorgegangen sind. Das West- lichste dieser Reiche war das Kaiserreich Österreich-Ungarn. Es umspannte nicht nur die Gebiete der Titularnationen, Österreich und Ungarn, sondern auch Territorien der heutigen Staaten Tschechien, Slowakei, Slowenien, Kroatien, Bosnien und Herzegowina, Rumänien, Montenegro, Polen, Ukraine, Italien und Serbien.9 Obwohl zum Großteil nur einzelne Regionen dieser Länder zum Staatsgebiet des Habsburgerreiches gehörten, kann man im Bezug auf die Donaumonarchie sowohl von einem ‚Riesenreich‘, als auch von einem ‚Vielvölkerstaat‘ sprechen.10 Verwaltungstechnisch aufgeteilt in eine österreichische (Cis- leithanien) und eine ungarische Reichshälfte (Transleithanien),11 war es flächenmäßig nach dem russischen Kaiserreich der zweitgrößte Staat des damaligen Europas.12 Das Zarenreich umfasste ganz oder teilweise das heutige Russland, Weißrussland, Polen, Estland, Lettland (Livland und Kurland), Finnland, Ukraine, Moldawien, Armenien, Aser- baidschan, Georgien, Turkestan, das heutige Kasachstan (die Regionen Buchara und Chiwa), sowie Kirgisistan, Tadschikistan, Turkmenistan und Usbekistan.13 Das Deutsche Kaiserreich, wenn auch nicht ganz so groß, wie die oben genannten Staaten, setzte sich im Jahre 1914 nicht ausschließlich aus dem Gebiet des heutigen Deutschlands, sondern neben den Kolonien, zusätzlich noch aus Teilen von Belgien, Frankreich, Däne- mark und Polen zusammen.14

Diese Ordnung der monarchisch organisierten ‚Riesenreiche‘ endete mit dem Ersten Weltkrieg. Durch die Oktoberrevolution war das russische Zarenreich bereits 1917 zusammengebrochen;15 ihm folgten 1918 die Donaumonarchie und das Deutsche Kaiserreich.16 Das Osmanische Reich, ebenfalls ein ‚Riesenreich‘, wird im Weiteren nicht genauer betrachtet, da dessen Gebiet überwiegend außerhalb Europas lag.17 Allerdings endete auch die Existenz dieses Landes 1919, als „Mustafa Kemal Pascha ‚Atatürk‘ [...] Wahlen zu einem türkischen Nationalkongreß ausrief“.18

Präsident Wilson hatte auf der Pariser Friedenskonferenz vor, Europa gemäß seiner 14- Punkte neu zu ordnen. Dabei setzte er vor allem auf das „Selbstbestimmungsrecht der Völker“, was große territoriale Umwälzungen voraussetzte.19 So sollten die vielen kleinen ‚neuen‘ Staaten, die auf dem Gebiet des ehemaligen Kaiserreichs Österreich-Ungarn entstanden unter anderem eine Art ‚Bollwerk‘ gegen den russischen Kommunismus bilden.20 Wie genau diese Neuordnung vonstatten ging, wird im Folgenden dargestellt.

3. Die Pariser Vorortverträge und die Neuordnung Europa

Am 18. Januar 1919 wurde die sogenannte Pariser Friedenskonferenz eröffnet. 32 Staaten waren mit insgesamt über eintausend Abgesandten vor Ort.21 Nicht vertreten war das sich im Bürgerkrieg befindende ehemalige russische Kaiserreich.22 Entscheidungsgewalt hatte im weiteren Sinne der „Rat der Zehn“ bestehend aus den „Regierungschefs und Außenminister[n] der vier Großmächte USA, Großbritannien, Frankreich und Italien, sowie zwei Vertreter Japans.“23 Letzten Endes fungierte aber „als oberstes Entscheidungsgremium der ‚Rat der Vier‘: Wilson, Clemenceau, Lloyd George und Orlando [...] ohne ihre Außenminister und ohne die Vertreter Japans“.24 Besonders die sehr heiklen und strittigen Probleme wurden von diesem Rat besprochen und entschieden.25

Allerdings hatte jeder dieser Vertreter eigene Ziele und Ansprüche, die er auf der Friedens- konferenz durchsetzen wollte. „Für Wilson besaß die Schaffung eines Völkerbundes oberste Priorität.“26 Frankreichs Strategie, vertreten durch Clemenceau, „lag eine Sicher- heitsdoktrin zugrunde“; man wollte „die einzigartige Chance [...] nutzen, um das Deutsche Reich nach Möglichkeit dauerhaft zu schwächen und ein französisches Hegemonialsystem in Europa zu errichten.“27 Großbritannien war jedoch darauf aus, genau eine solche Hege- monialstellung Frankreichs zu verhindern.28 Die „vorrangigen Kriegsziele [Großbri- tanniens seien] bereits in den Waffenstillstandsbedingungen weitgehend erreicht“ worden.29 „Als Belohnung für die Unterstützung im Weltkrieg“ hatten die Entente-Mächte in Geheimverträgen zugesichert, Territorialforderungen mehrerer Länder zu unterstützen.30 Insbesondere im Bezug auf Italien war eigentlich, durch den geheimen Londoner Vertrag von 1915, bereits alles geklärt.31

Die auf der Friedenskonferenz ausgearbeiteten Verträge sind als ‚Pariser Vorortverträge‘ bekannt, da sie in Vororten der Stadt unterzeichnet wurden. Der Vertrag mit dem ehemali- gen Deutschen Kaiserreich wurde am 28. Juni 1919 im Spiegelsaal von Versailles unter- schrieben und heißt deswegen ‚Versailler Vertrag‘.32 „In anderen Vororten von Paris erfolgte - allerdings erst Monate später - die Unterzeichnung der Friedensverträge zwischen den Alliierten und Deutschlands Kriegsverbündeten“.33 Am 10. September 1919 unterschrieb Österreich den Vertrag von St. Germain, knapp zwei Monate später, folgte am 27. November 1919 Bulgarien in Neuilly und etwas über ein halbes Jahr danach Ungarn, das schließlich am 4. Juni 1920 in Trianon sein Schicksal besiegelte.34 Die Türkei, als Nachfolgestaat des Osmanischen Reiches unterzeichnete am 10. August 1920 den letzten Friedensvertrag in Sèvres, der im Folgenden nur ganz am Rande behan- delt wird, da das Staatsgebiet des ehemaligen Osmanischen Reiches zum allergrößten Teil außerhalb Europas lag. Bemerkenswert ist jedoch, dass ebendieser Vertrag nie ratifiziert wurde und somit auch nie in Kraft getreten ist. Nach einigen gewaltsamen Auseinanderset- zungen und der Absetzung des Sultans ersetzte ihn der Frieden von Lausanne 1923.35

Durch die Pariser Vorortverträge sollten nicht nur die zerfallenen Riesenreiche wieder zu Staaten zusammengesetzt, sondern auch die Kriegsverlierer bestraft werden. Dies geschah in Gestalt von oftmals astronomisch hohen Reparationszahlungen und durch Gebietsabtretungen.36 Neu an dieser Konferenz war, „daß es sich nicht um Verhandlungen zwischen den bisher kriegführenden Mächten handelte, sondern um die Auseinanderset- zung der Sieger um eine Neuordnung Europas auf Kosten und unter Ausschluß der Besieg- ten als Verhandlungspartner.“37 Auf Seiten Frankreichs war das Ziel den Sicherheitsbestre- bungen des Landes entgegenzukommen und gleichzeitig die erwünschte Hegemonial- stellung zu ermöglichen, indem das Deutsche Reich auch wirtschaftlich geschwächt würde.38 Schließlich verlor das Reich „über ein Achtel seines Gebiets und ein Zehntel seiner Bevölkerung“39 und „ [d]ie neue polnische Grenze lag nur 150 Kilometer von Berlin entfernt“.40 Hinzu kamen noch umfangreiche weitere Bestimmungen, die unter anderem die Stärke des Heeres und den Verlust sämtlicher Kolonien betrafen.41 Alles in allem löste der Versailler Vertrag in Deutschland „eine Welle der Empörung“ aus.42 Historiker sind bei der Bewertung der Pariser Friedenskonferenz und des Versailler Vertrages geteilter Meinung. Manch einer ist der Ansicht die „Härte der Bedingungen überstieg [...] frühere Friedensschlüsse“,43 andere halten dagegen, der Vertrag sei objektiv betrachtet „besser als sein Ruf“ gewesen, da er „Deutschland die Potenz der Großmacht und damit die Chance [ließ], sich allmählich wieder im Kreis der Mächte zu etablieren.“44

Doch auch andere Staaten mussten empfindliche Verluste durch die Vorortverträge hin- nehmen. Als größten „Weltkriegsverlierer“ könnte man Ungarn bezeichnen, da das Land durch den Vertrag von Trianon rund 70 Prozent seines Territoriums einbüßte.45 Allerdings verlor Österreich, wenn man eine Karte betrachtet, annähernd ebenso viel Fläche.46 Welche Gebiete direkt und welche erst durch eine Volksabstimmung abzutreten waren, sowie die Begünstigten dieser Gebietsverluste, gilt es im Weiteren genauer zu betrachten.

3.1. Gebietsabtretungen

Vor der Aushändigung des Versailler Vertrages machten sich die Deutschen Hoffnung einen Frieden im Sinne der 14-Punkte Wilsons zu erhalten. Dazu gehörte im Bezug auf die Selbstbestimmung der Völker, dass „Territorialfragen [...] nur in wirklich strittigen Fällen durch Volksabstimmungen gelöst werden [sollten], das hieß in Elsaß-Lothringen, der Provinz Posen und Schleswig, nicht aber im Rheinland oder Westpreußen.“47 Diese Gebiete seien selbstverständlich Deutsch. Die Illusion wurde durch den Vertragsentwurf am 7. Mai 1919 zerstört.48 „Wilson hatte sich schon in seinen vierzehn Punkten festgelegt, und die Engländer hatten bereits bald nach Kriegsbeginn den französischen Anspruch auf Rückgabe Elsaß-Lothringens anerkannt - ohne Volksabstimmung“.49 Darüber hinaus solle Deutschland durch die Abtretung des Gebiets „das Unrecht“ wieder gut machen, dass es „im Jahre 1871 sowohl dem Rechte Frankreichs als [auch] dem Willen der trotz des feier- lichen Widerspruchs [...] von ihrem Vaterlande getrennten elsaß-lothringischen Bevölkerung gegenüber begangen hat“.50

Ebenfalls ohne Abstimmung musste das Reich in Schlesien das Hultschiner Ländchen, Teil des Kreises Ratibor,51 an die Tschechoslowakei abtreten. (vgl. VV, Artikel 83) Polen erhielt den größten Teil Westpreußens und Posens.52 Die deutsche Stadt Danzig war jedoch ein Sonderfall; sie „erhielt den Status einer auf Dauer dem Völkerbund unterstellten Freien Stadt.“53 (vgl. VV, Artikel 100 und 102) Allerdings sollte Danzig dem „polnischen Zoll- verein“ angehören und somit an Polen gebunden werden. (VV, Artikel 104) Ebenfalls an den Völkerbund abgetreten werden, musste das Memelland, (vgl. VV, Artikel 99) das zunächst von den Franzosen besetzt wurde und „ab 1923/24 [unter] litauische Oberhoheit“ kam.54

Aber nicht nur das Deutsche Reich hatte sich Illusionen hingegeben auch Österreich erhoffte sich durch die Abschaffung der Monarchie, noch vor Unterzeichnung des Vertra- ges von St. Germain, eine bessere Behandlung bei den Friedensverhandlungen. Man wollte nicht als Erbe des Habsburgerreiches angesehen werden, sondern als neuer Staat.55 Diese Hoffnungen wurden allerdings bald zerschlagen, als beide Staaten, sowohl Österreich als auch Ungarn, durch ihre Verträge wie „verantwortliche Rechtsnachfolger der Habsburger- monarchie behandelt“ wurden.56

„Der Staatsvertrag von St. Germain stieß in Österreich auf heftige Ablehnung.“57 Vor allem weil er das vormalige ‚Riesenreich‘ „in die Kleinstaatlichkeit“ stürzte und obendrein auch noch den Anschluss an Deutschland ausdrücklich verbot.58 Im Vergleich zu Ungarn kam Österreich aber noch glimpflich davon. MacMillan schätzt die Lage wie folgt ein:

Hungary went Bolshevik in 1919, while Austria remained socialist. It was fighting with most of its neighbors, while Austria was at peace. Hungary deserved punishment, Austria sympathy. It helped that, unlike Germany or Hungary, Austria was too small and too poor to be a threat.59

Nichtsdestotrotz, musste auch Österreich Gebiete abtreten. Bereits im Londoner Vertrag von 1915 war festgelegt, welche Gebiete an Italien gehen sollten:

Italy shall obtain the Trentino, Cisalpine Tyrol with its geographical and natural frontier (the Brenner frontier), as well as Trieste, the countries of Gorizia and Gradisca, all Istria as far as the Quarnero and including Volosca and the Istrian islands of Cherso and Lussin as well as the small islands of Plavnik, Unie, Canidole, Palazzuoli, San Pietro di Nembi, Asinello, Gruica, and the neighbouring islets.60

Des Weiteren wurde Italien ein großer Teil Dalmatiens versprochen,61 der andere Teil wurde, ebenso wie Bosnien-Herzegovina und eventuell sogar ein Teil Kroatiens, Serbien in Aussicht gestellt.62 Durch die neuen Grenzsetzungen fielen die im Vertrag zugesicherten Gebiete „Trentino, Triest, Istrien, Julisch-Venetien, Teile Dalmatiens und Südtirol“ an Italien.63

Die neugegründete Tschechoslowakei, erhielt Böhmen (vgl. SG, Artikel 54) und Mähren,64 zusammen mit den Sudetendeutschen,65 und damit auch „schätzungsweise 60-70% der industriellen Kapazitäten Österreich-Ungarns“.66 Rumänien bekam einen Teil der Buko- wina, der erst noch festgelegt werden sollte. (vgl. SG, Artikel 59) Jugoslawien wurden Montenegro, Slowenien und Bosnien zugesprochen.67 Polen erhielt Galizien, was im Vertrag allerdings nicht ausdrücklich in einem eigenen Artikel behandelt wird.68

Noch vor Beginn der Friedensverhandlungen in Paris hatte Ungarn über viele seiner Ge-biete die Kontrolle verloren. Serben, Tschechen und Rumänen okkupierten bereits weite Teile des Landes.69 „1919 hielten die drei Parteien bereits rund zwei Drittel de ungarischen Staatsgebietes militärisch besetzt.“70 Durch den Vertrag von Trianon wurde „Ungarn von bisher 325.411 qkm auf zunächst 92.963 qkm, [und] durch anschließende Grenzkorrekturen auf 93.073 qkm“ verkleinert.71 Dadurch „wurden die Grenzen enger gezogen, als es den ethnischen Gegebenheiten entsprach: Mehr als drei Millionen Ungarn, z.T. in zusammenhängenden und mit dem Rumpfstaat benachbarten Siedlungsgebieten, wurden zu Bürgern fremder Staaten.“72 Jugoslawien erhielt Kroatien und den westlichen Teil des Banat.73 Der größere Teil ging an Rumänien, dem der Banat bereits im Vertrag von Bukarest 1916 versprochen worden war.74 Darüber hinaus musste Ungarn Transylvanien an Rumänien abtreten, ebenfalls ein im Vertrag von Bukarest zugesichertes Gebiet,75 auch Siebenbürgen genannt.76 Allgemein gilt Rumänien als größter ‚Gewinner‘ der Neuordnung Europas; das Land konnte sein „Territorium von 139.000 auf 295.000 Quadratkilometer vergrößern und damit von einem unbedeutenden Kleinstaat zu einem großen Mittelstaat werden.“77

Der ‚neue‘ Staat der Tschechen und Slowaken erhielt die Slowakei und die Karpato-Ukraine.78 Abgesehen davon musste Ungarn die Hafenstadt Fiume abtreten, um die sich sowohl Italien als auch Jugoslawien stritten.79 Nicht in einem eigenen Artikel behandelt, wird die Abtretung eines kleinen Gebiets im Westen Ungarns an Österreich: Das Burgenland.80 Die Bewohner dieses Gebiets waren überwiegend Deutsche, jedoch hatten sie nie unter österreichischer Herrschaft gelebt und „appeared to see themselves as part of Hungary“.81 Trotzdem wurde das Gebiet, bis auf eine Stadt, Österreich zugesprochen und somit war dieses „the only defeated nation to gain new territory at the Peace Conference.“82

[...]


1 Vgl. Rauchensteiner, Manfried: Österreich-Ungarn, in: Hirschfeld, Gerhard (Hg.), Krumeich, Gerd (Hg.), Renz, Irina (Hg.): Enzyklopädie Erster Weltkrieg, Paderborn (u.a.) 22004, S. 64- 86, hier: S. 85 und vgl. Mommsen, Wolfgang J.: Deutschland, in: Hirschfeld, Gerhard (Hg.), Krumeich, Gerd (Hg.), Renz, Irina (Hg.): Enzyklopädie Erster Weltkrieg, Paderborn (u.a.) 22004, S. 15-30, hier: S. 29.

2 Vgl. MacMillan, Margaret: Paris 1919. Six months that changed the world, New York 2003, S. 245 und vgl. Küpper, Herbert: Das neue Minderheitenrecht in Ungarn, München 1998, S. 74f.

3 Vgl. Bernecker, Walther L.: Europa zwischen den Weltkriegen 1914-1945, Handbuch der Geschichte Europas Band 9, Stuttgart 2002, S. 20.

4 Vgl. ebenda, S. 363.

5 Vgl. ebenda.

6 Kolb, Eberhard, Schumann, Dirk: Die Weimarer Republik, München 82013, S. 36.

7 Vgl. Karten im Anhang S. 27 und S. 39.

8 Als Übergangsstaat wird hier zum Beispiel die Tschechoslowakei oder Jugoslawien bezeichnet, also Länder, die nach dem Ersten Weltkrieg entstanden sind, aber heute in dieser Form nicht mehr existieren.

9 Vgl. Karten im Anhang S. 26 - S. 28, S. 30 und S. 39.

10 Vgl. Küpper, Minderheitenrecht, S. 64ff.

11 Vgl. Küpper, Minderheitenrecht, S. 64 und vgl. Rauchensteiner, Österreich-Ungarn, S. 78.

12 Vgl. Karte im Anhang S. 27 und S. 29.

13 Vgl. Karten im Anhang S. 29. Die heutigen Staaten lassen sich durch die eingezeichneten Bevölkerungsgruppen erschließen, sowie durch den Vergleich mit der Karte im Anhang, S. 39.

14 Vgl. Karten im Anhang S. 27, S. 30, S. 34 und S. 39.

15 Vgl. Bernecker, Europa, S. 234.

16 Vgl. Rauchensteiner, Österreich-Ungarn, S. 85 und vgl. Mommsen, Deutschland, S. 29.

17 Vgl. Karte im Anhang S. 27.

18 Bernecker, Europa, S. 239.

19 Ebenda, S. 231.

20 Vgl. Kolb, Schumann, Weimarer Republik, S. 25.

21 Kolb, Schumann, Weimarer Republik, S. 25.

22 Vgl. Bernecker, Europa, S. 361 und S. 543f.

23 Kolb, Schumann, Weimarer Republik, S. 25.

24 Ebenda.

25 Vgl. ebenda.

26 Ebenda, S. 26.

27 Ebenda, S. 28.

28 Vgl. ebenda.

29 Ebenda, S. 29.

30 Bernecker, Weimar, S. 230.

31 Vgl. Schwabe, Klaus: Das Ende des Ersten Weltkriegs, in: Hirschfeld, Gerhard (Hg.), Krumeich, Gerd (Hg.), Renz, Irina (Hg.): Enzyklopädie Erster Weltkrieg, Paderborn (u.a.) 22004, S. 293-303, hier S. 295.

32 Vgl. Kolb, Schumann, Weimarer Republik, S. 35.

33 Ebenda.

34 Vgl. ebenda.

35 Vgl. ebenda, S. 35f.

36 Vgl. ebenda, S. 28 und S. 35.

37 Conze, Werner: Die Weimarer Republik 1918-1933, in: Schieffer, Theodor (Hg.): Deutsche Geschichte im Überblick, Stuttgart 1973, S. 625-653, hier S. 631.

38 Vgl. Kolb, Schumann, Weimarer Republik, S. 28.

39 Ebenda, S. 30. Alle Deutschen Gebietsverluste sind auf der Karte im Anhang S. 34 eingezeichnet.

40 Conze, Die Weimarer Republik, S. 637.

41 Vgl. Bernecker, Weimar, S. 46 und vgl. Kolb, Eberhard: Der Frieden von Versailles, München 22011, S. 64. 5

42 Bernecker, Weimar, S. 46.

43 Conze, Die Weimarer Republik, S. 631.

44 Bernecker, Weimar, S. 46 und vgl. Kolb, Schumann, Weimarer Republik, S. 36.

45 Bernecker, Weimar, S. 235.

46 Vgl. Karten im Anhang S. 30 und S. 33.

47 Schwabe, Das Ende, S. 295.

48 Vgl. ebenda.

49 Kolb, Schumann, Weimarer Republik, S. 29.

50 Reichs-Gesetzblatt, Jahrgang 1919, Nr. 140, in: Deutsches Reichsgesetzblatt Teil 1. 1867-1945, Österreichische Nationalbibliothek, http://alex.onb.ac.at/cgi-content/alex?aid=dra&datum=1919&size=45&page=889, Abschnitt 5. Im Folgenden zitiert mit der Sigle (VV) und Artikelnummer.

51 Vgl. Kolb, Der Frieden, S. 63.

52 Vgl. ebenda.

53 Schwabe, Das Ende, S. 296.

54 Kolb, Der Frieden, S. 63.

55 Vgl. MacMillan, Paris, S. 246.

56 Schwabe, Das Ende, S. 300.

57 Bernecker, Europa, S. 236.

58 Ebenda.

59 MacMillan, Paris, S. 247.

60 o.A.: Agreement between France, Russia, Great Britain and Italy. Signed at London, April 26, 1915, Lon- don 1920, in: https://archive.org/stream/agreementbetween00franrich#page/n3/mode/2up, Artikel 4.

61 Vgl. ebenda, Artikel 5.

62 Vgl. MacMillan, Paris, S. 114.

63 Bernecker, Europa, S. 363 und vgl. Staatsgesetzblatt für die Republik Österreich, Jahrgang 1920, Nr. 303, in: Staatsgesetzblatt 1918-1920, Österreichische Nationlabibliothek, http://alex.onb.ac.at/cgi-content/alex?aid=sgb&datum=1920&size=45&page=1077, Artikel 27 und 36. Im Folgenden zitiert mit der Sigle (SG) und Artikelnummer.

64 Vgl. Bernecker, Europa, S. 241.

65 Vgl. MacMillan, Paris, S. 237.

66 Bernecker, Europa, S. 241.

67 Vgl. MacMillan, Paris, S. 123.

68 Vgl. ebenda, S. 250.

69 Vgl. ebenda, S. 260.

70 Bernecker, Europa, S. 235.

71 Küpper, Minderheitenrecht, S. 77.

72 Ebenda.

73 Vgl. MacMillan, S. 123 und S. 134 und vgl. o.A.: Peace Treaties. Various treaties and agreements between the Allied and Associated Powers and the Serb-Croat-Slovene State, Roumania, Bulgaria, Hungary and Turkey. Together with certain other agreements signed by the Peace Conference at Paris and Saint Germain-En-Laye, Washington Government Printing Office 1921, S. 183, Artikel 42 und 43.

74 Vgl. MacMillan, Paris, S. 127 und S. 130.

75 Vgl. ebenda, S. 135 und S. 260.

76 Vgl. Bernecker, Europa, S. 237.

77 Ebenda.

78 Vgl. Bernecker, Europa, S. 235 und vgl. o.A., Peace Treaties, S. 184, Artikel 48-50.

79 Vgl. Schwabe, Das Ende, S. 297 und vgl. o.A., Peace Treaties, S. 185, Artikel 53.

80 Vgl. Kolb, Schumann, Weimarer Republik, S. 35.

81 MacMillan, Paris, S. 256.

82 Ebenda.

Ende der Leseprobe aus 41 Seiten

Details

Titel
Die Pariser Vorortverträge und die Neuordnung Europas
Hochschule
Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf  (Abteilung II - Neuere Geschichte)
Veranstaltung
Der Versailler Vertrag - Masterseminar
Note
1,0
Autor
Jahr
2014
Seiten
41
Katalognummer
V276376
ISBN (eBook)
9783656692485
ISBN (Buch)
9783656693918
Dateigröße
24195 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
pariser, vorortverträge, neuordnung, europas
Arbeit zitieren
Andrea Benesch (Autor), 2014, Die Pariser Vorortverträge und die Neuordnung Europas, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/276376

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