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Transzendenz und Immanenz Gottes bei Giordano Bruno

Title: Transzendenz und Immanenz Gottes bei Giordano Bruno

Doctoral Thesis / Dissertation , 2009 , 156 Pages , Grade: Befriedigend

Autor:in: Gerhard Lechner (Author)

Philosophy - Early Modern Philosophy (approx. 1350-1600)
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Bis in unser Jahrhundert sind die Einschätzungen über Giordano Bruno sehr ambivalent. Von den einen wird er gefeiert als Wegbereiter der neuzeitlichen Philosophie und als wichtiger Vertreter der damals aufkommenden naturwissenschaftlichen Bewegung, die von Kopernikus ausging. Von anderen wird er als magisch verbrämter, unsystematisch-spekulativer Obskurantist verworfen. Diese Arbeit befasst sich mit der Frage, ob und wie Gott in der Philosophie Brunos gedacht wird. Hierbei kann eine sehr starke Ambivalenz in der Sekundärliteratur festgestellt werden. Teile der Forschung sehen bei Bruno einen Pantheismus (siehe Hirschberger), andere erkennen bei ihm einen stark platonischen bzw. neuplatonischen Bezug beim Gottesbegriff.
Zunächst soll die Frage des Gottesbegriffes als solche im gesamten Werk Brunos herausgearbeitet werden. Manche Interpreten wollen auch eine Wende hin zum Pantheismus im Spätwerk (in den lateinischen Schriften) erkennen. Verweise zu Gott finden sich in allen Werken. Zentrale These dieser Arbeit ist es, dass bei Bruno eindeutig von einem neuplatonischen Gottesbegriff gesprochen werden kann. Gott geht nicht vollständig in der Natur auf, sondern die Transzendenz Gottes wird in allen Werken systematisch deutlich. Die These des Pantheismus ist jedoch aus mehreren Gründen sehr naheliegend. Diesen Gründen soll in weiterer Folge nachgegangen werden. Bruno betrachtet die Welt als Schatten bzw. als Spiegel Gottes. Das „Neue“ gegenüber antiken bzw. mittelalterlichen Vorstellungen des Neuplatonismus ist die Aufwertung des Begriffes der Materie. Diese bezeichnet Bruno als etwas „Göttliches“ und damit widerspricht er etwa Plotin, der die Materie als das „Böse“ bezeichnete. Bei Plotin ist die letzte Stufe der Emanation die Materie. Sie ist aber nichts „Göttliches“, sondern nur noch Negation des Guten, Prinzip des Bösen und so der Gegenpol des Ur-Einen. Die Materie wird jedoch nicht als konkret stoffliches Ding gesehen, sondern ist ontologisches Prinzip, das als Grundlage aller körperlichen Stofflichkeit dient. Dieser Dualismus der Antike und des Mittelalters wird im Neuplatonismus der Renaissance Schritt für Schritt aufgehoben bis sie bei Bruno schließlich zum „Göttlichen“ erhoben wird. Diese Tatsache ist vermutlich für viele Interpreten der Grund gewesen Bruno in die „Pantheismusecke“ zu stellen. Es sei jedoch drauf hingewiesen, dass das „Göttlich“ nicht mit Gott gleichzusetzen ist. [...]

Excerpt


Inhaltsverzeichnis

1 EINLEITUNG

2 REZEPTION DER PHILOSOPHIE BRUNOS

2.1 BRUNOS REZEPTION IM DEUTSCHEN IDEALISMUS

2.2 DIE REZEPTION BRUNOS IM 20. JAHRHUNDERT

3 DIE RENAISSANCEPHILOSOPHIE UND GESCHICHTLICHE VORAUSSETZUNGEN FÜR DIE PHILOSOPHIE GIORDANO BRUNOS

3.1 NIKOLAUS VON KUES (CUSANUS)

3.2 PICO DELLA MIRANDOLA

3.3 CORNELIUS AGRIPPA VON NETTESHEIM

3.4 THOEOPHRASTUS PARACELSUS

4 DIE METAPHYSIK BEI GIORDANO BRUNO

4.1 DIE METAPHYSIK IN „ÜBER DIE URSACHE, DAS PRINZIP UND DAS EINE“ (1584)

4.2 DIE METAPHYSIK IN „ÜBER DAS UNENDLICHE, DAS UNIVERSUM UND DIE WELTEN“ (1584)

4.3 DIE METAPHYSIK IN „DIE HEROISCHEN LEIDENSCHAFTEN“ (1585)

4.4 DIE METAPHYSIK IN DEN LATEINISCHEN SCHRIFTEN

4.5 DIE METAPHYSIK IN DEN INQUISITIONSAKTEN

4.6 BRUNOS METAPHYSIK ALS SYNTHESIS ZWISCHEN ARISTOTELISCHER UND PLATONISCHER METAPHYSIK

4.6.1 PARALLELEN UND DIFFERENZEN ZWISCHEN DER METAPHYSIK BEI ARISTOTELES UND BRUNO

4.6.2 PARALLELEN UND DIFFERENZEN ZWISCHEN DER METAPHYSIK BEI PLATON UND BRUNO

4.6.3 GIORDANO BRUNO UND DIE NEUPLATONISCHE METAPHYSIK

4.6.4 GIORDANO BRUNO UND DIE HERMETISCHE METAPHYSIK

5 DIE METAPHYSIK DER SEELE BEI BRUNO

5.1 DER BEGRIFF DER WELTSEELE IM WERK VON BRUNO

5.2 DIE WELTSEELE BEI PLATON

5.3 DIE WELTSEELE IN DER STOISCHEN PHILOSOPHIE

5.4 DIE INDIVIDUELLE SEELE BEI GIORDANO BRUNO

5.4.1 AUFSTIEG UND ABSTIEG DER SEELE

5.4.2 DAS VERHÄLTNIS VON SEELE UND KÖRPER

5.4.3 DIE SEELE ALS SICH BEWEGENDE ZAHL

5.4.4 DIE INDIVIDUELLE SEELE UND DIE ASTROLOGIE

5.4.5 FAZIT

6 DER MATERIEBEGRIFF IN BRUNOS PHILOSOPHIE

6.1 DER BEGRIFF DER MATERIE BEI PLATON UND PLOTIN

6.2 DER BEGRIFF DER MATERIE BEI ARISTOTELES

6.3 DER BEGRIFF DER MATERIE BEI BRUNO

7 SCHLUSSBEMERKUNGEN UND ABSCHLIESSENDE THESEN

Zielsetzung & Themen

Die vorliegende Arbeit untersucht die Philosophie Giordano Brunos unter der zentralen Fragestellung, wie Gott in seinem Werk gedacht wird, und arbeitet dabei insbesondere das Spannungsfeld zwischen Transzendenz und Immanenz heraus, um die gängige Einordnung als Pantheist kritisch zu hinterfragen.

  • Untersuchung des Gottesbegriffs in Brunos Hauptwerk und Spätwerk
  • Analyse des neuplatonischen Einflusses auf Brunos Denken
  • Kritische Auseinandersetzung mit dem Vorwurf des Pantheismus
  • Erforschung des Materiebegriffs und der Metaphysik der Seele
  • Beleuchtung der historischen Voraussetzungen und Rezeption Brunos

Auszug aus dem Buch

4.1 DIE METAPHYSIK IN „ÜBER DIE URSACHE, DAS PRINZIP UND DAS EINE“ (1584)

Von den meisten Interpreten, die bei Brunos Metaphysik von einem Pantheismus ausgehen, wird die Schrift „Über die Ursache, das Prinzip und das Eine“ als wichtigste Quelle für diese These herangezogen. Hirschberger bezieht sich auf den fünften Dialog dieses Buches, wo er deutlich erkennen will, dass für Bruno Gott und die Welt identisch sind. Das unendliche Universum ist bereits das Letztwirkliche und somit Gott. 130 Wenn man dieser These von Hirschberger auf den Grund geht, so kommt man jedoch eindeutig zur Auffassung, dass Gott bei Bruno „über den Dingen“ und somit „über dem unendlichen Universum“ steht.

Das Buch teilt sich in fünf Dialoge, ab dem zweiten sind vier Personen in das Gespräch verwickelt. Den ersten Dialog verwendet Bruno zur Verteidigung seiner eben erst erschienenen Schrift „Das Aschermittwochsmahl (1584)“. Im ersten Dialog nehmen Elitorpio, Filoteo und Armesio teil. Im zweiten Dialog wird dann nur mehr Filoteo wiederkehren, der sich dann Teofilo nennt und mit dessen Namen Gottesfreund sich Bruno selbst benennt.131 Die anderen Gesprächsteilnehmer sind ab dem zweiten Dialog der „kultivierte Freund“ von Teofilo Dicsono, der philosophisch ungeschulte, aber durchaus verständige Gervasio und der „gottverlassene Pedant“ Polihimnio.132

Bereits zu Beginn des zweiten Dialoges ist eine Schlüsselstelle in Bezug auf den Gottesbegriff zu finden. Teofilo behauptet, dass, alles, was nicht sich selbst erstes Prinzip und erste Ursache ist, ein Prinzip und eine Ursache habe.133 Was ist aber dieses erste Prinzip? Teofilo (durch ihn spricht Bruno) weist auf die Grenzen der Erkenntnisfähigkeit dieses ersten Prinzips hin: „Weil wir, ausgehend von der Erkenntnis aller abhängigen Dinge, bestenfalls auf die Spur der Erkenntnis des ersten Prinzips und der ersten Ursache kommen können. Entspringt doch das All Seinem Willen und Seiner Güte, die das Prinzip Seiner Tätigkeit, Seiner alles umfassenden Schöpfung, bildet.... Die Erkenntnis des Universums bedeutet also nicht, etwas über das Wesen und die Substanz des ersten Prinzips zu wissen, sondern nur die Akzidentien der Akzidentien zu kennen.“134

Zusammenfassung der Kapitel

1 EINLEITUNG: Definiert die Ambivalenz der Rezeption Brunos und führt in die zentrale Forschungsfrage der Arbeit ein.

2 REZEPTION DER PHILOSOPHIE BRUNOS: Zeichnet die verschiedenen Interpretationslinien von der Aufklärung bis ins 20. Jahrhundert nach.

3 DIE RENAISSANCEPHILOSOPHIE UND GESCHICHTLICHE VORAUSSETZUNGEN FÜR DIE PHILOSOPHIE GIORDANO BRUNOS: Analysiert die philosophischen Einflüsse von Cusanus, Pico della Mirandola, Agrippa von Nettesheim und Paracelsus.

4 DIE METAPHYSIK BEI GIORDANO BRUNO: Untersucht systematisch Brunos Schriften auf den Gottesbegriff und stellt seine Metaphysik in einen Zusammenhang mit Aristoteles und Platon.

5 DIE METAPHYSIK DER SEELE BEI BRUNO: Beleuchtet den Begriff der Weltseele und der individuellen Seele sowie deren Verhältnis zum Körper.

6 DER MATERIEBEGRIFF IN BRUNOS PHILOSOPHIE: Analysiert Brunos Materiekonzeption im Vergleich zu seinen philosophischen Vorgängern.

7 SCHLUSSBEMERKUNGEN UND ABSCHLIESSENDE THESEN: Fasst die zentralen Ergebnisse zusammen und verwirft die pantheistische Deutung zugunsten eines neuplatonisch geprägten Verständnisses.

Schlüsselwörter

Giordano Bruno, Metaphysik, Transzendenz, Immanenz, Pantheismus, Neuplatonismus, Weltseele, Materiebegriff, Renaissancephilosophie, Gottesbegriff, Idealismus, Hermetik, Kabbala, Individualseele, Monade

Häufig gestellte Fragen

Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit grundsätzlich?

Die Arbeit untersucht die philosophische Metaphysik Giordano Brunos, insbesondere sein Verständnis von Gott, Materie und Seele.

Welche zentralen Themenfelder werden behandelt?

Die Schwerpunkte liegen auf der Analyse von Transzendenz und Immanenz Gottes bei Bruno, dem neuplatonischen Einfluss auf sein Werk und der kritischen Auseinandersetzung mit dem Vorwurf des Pantheismus.

Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage der Arbeit?

Die zentrale Forschungsfrage ist, ob und wie Gott in der Philosophie Brunos gedacht wird, wobei die Ambivalenz der Sekundärliteratur zwischen pantheistischer und neuplatonischer Interpretation aufgeklärt werden soll.

Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?

Es handelt sich um eine systematische Text- und Werkinterpretation, die Brunos Schriften chronologisch analysiert und mit den philosophischen Traditionen von Platon, Aristoteles und den Renaissance-Neuplatonikern vergleicht.

Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?

Der Hauptteil gliedert sich in die Untersuchung der Metaphysik in Brunos zentralen Werken, die Analyse des Seelenbegriffs und der Weltseele sowie die detaillierte Betrachtung des Materiebegriffs.

Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?

Die Arbeit ist geprägt durch Begriffe wie Metaphysik, Neuplatonismus, Weltseele, Materie, Transzendenz, Immanenz und Pantheismus.

Wie unterscheidet sich Brunos Verständnis der Materie von dem der Vorsokratiker?

Im Gegensatz zu den Vorsokratikern, die Materie oft als konkrete stoffliche Bausteine deuteten, begreift Bruno die Materie als ein ontologisches Prinzip, das durch die "Form" oder "Seele" geordnet wird.

Warum wird Bruno oft fälschlicherweise als Pantheist bezeichnet?

Die Fehlinterpretation beruht auf Brunos Aufwertung der Materie als etwas „Göttliches“ und seiner These, dass Gott in der Welt präsent ist, was oft als vollständige Identität von Gott und Welt (Pantheismus) missverstanden wurde.

Welche Rolle spielt der Begriff der „Monade“ in Brunos Metaphysik?

Die Monade bezeichnet bei Bruno die absolute Einheit und ist ein zentraler Begriff zur Systematisierung seines Gottesbildes, bei dem das erste Prinzip alle Dinge in sich vereint.

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Details

Title
Transzendenz und Immanenz Gottes bei Giordano Bruno
College
University of Vienna  (Philosophie)
Grade
Befriedigend
Author
Gerhard Lechner (Author)
Publication Year
2009
Pages
156
Catalog Number
V276823
ISBN (eBook)
9783656699316
ISBN (Book)
9783656713227
Language
German
Tags
transzendenz immanenz gottes giordano bruno
Product Safety
GRIN Publishing GmbH
Quote paper
Gerhard Lechner (Author), 2009, Transzendenz und Immanenz Gottes bei Giordano Bruno, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/276823
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