Die Rezeption Richard Wagners durch Thomas Mann und Adolf Hitler

„Wenn zweien dasselbe gefällt und einer davon ist minderwertig – ist es dann auch der Gegenstand?“


Magisterarbeit, 2014
96 Seiten, Note: 1

Leseprobe

1. Inhaltsverzeichnis

1. Einführung

2. Das Leben Thomas Manns
2.1. Beginn der Wagner-Faszination
2.2. Wagner-Mann-Relation

3. Adolf Hitler und die Kunst
3.1. Hitlers Wagner-Faszination

4. Adolf Hitler und die Nachkommen Richard Wagners
4.1. Geschichte der Wagner-Familie
4.1.1. Der Meister ist tot es lebe der Meister!
4.1.2. Die neue „Herrin des Hügels“
4.2. Wagner-Nachkommen im Dienste der Nazis
2.3. Hitler in Bayreuth
4.2.1. „Mein Kampf“ hat „Mein Leben“ verdrängt

5. Thomas Mann als Kritiker und Bewunderer Richard Wagners
5.1. Der Mensch im Genie
5.2. Ewiger Zauber der Wagnerschen Musik
5.3. Richard Wagner in den Werken Thomas Manns

6. Thomas Mann über Wagner im Nazi-Deutschland

7. Ideologische Ähnlichkeiten und Unterschiede bei Richard Wagner und Adolf Hitler
7.1. Richard Wagner als Hofkomponist der Nazis
7.2. Ideologische Ansätze
7.3. Die ‘Bayreuther Blätter’

8. Schlussfolgerungen

Literaturverzeichnis

Internetquellen

9. Streszczenie w języku polskim

Danksagung

Mein Dank gilt Prof. Dr. hab. Sławomir Piontek für die Betreuung dieser Arbeit unddiedamit verbundene Möglichkeit, ein an der Adam Mickiewicz Universität in Poznań weniger beachtetes Forschungsthema zu untersuchen.

Ich danke auch meiner Mutter – Eugenia Pospieszczyk für die Unterstützung, die ich stets von ihr erfahren habe und dafür, dass sie immer die Stimme in meinem Kopf ist, die fragen lässt, was hinter dem nächsten Horizont liegt.

1. Einführung

Der Gegenstand dieser Arbeit ist die Beleuchtung des Verhältnisses Thomas Manns und Adolf Hitlers zu Richard Wagner, aus verschiedenen Aspekten, dabei bietet diese Konstellation eine große Bandbreite an Betrachtungsweisen, da es nicht nur das Verhältnis Manns und Hitlers zu Wagner ist, das es zu beleuchten gilt, sondern auch das zwischen den beiden Herren untereinander. Mann, der persönlich unter der Herrschaft der Nazis litt und ins Exil ging, um dieser nicht zum Opfer zu fallen, setzte im Ausland alles daran, die Welt einerseits darüber zu informieren, wie die tatsächlichen Umstände im Nazi-Deutschland waren und ihr andererseits ein anderes, kulturell wertvolles Bild dieses Landes zu vermitteln, unter anderem mit Vorträgen zu Richard Wagner. Hitler wiederum bekämpfte Mann, nach anfänglichen Versuchen diesen dem Nazi-Deutschland zu erhalten, später mit direkten Angriffen in seinen Reden.

Der Unterschied zwischen dem Intellektualisten Mann und dem Autodidakten Hitler wird auf den ersten Blick erkennbar, wobei die leidenschaftliche Bewunderung für das Werk Wagners, welche die beiden, scheinbar unvereinbaren Gegensätze, verbindet ihnen einen gemeinsamen Nenner verschafft. Doch auch in ihrer Rolle als Wagnerianer unterscheiden sich der Schriftsteller und der Politiker in ihrer Herangehensweise und ihrem Verständnis der Kunst, wie sie es in allen anderen Sphären tun. Das Ziel dieser Ausarbeitung ist die Ergreifung der charakteristischen Punkte dieser außergewöhnlichen, sich um die Achse – Wagner drehenden, Konstellation, sowie die Darstellung der Entstehungsgründe des heutigen Bildes Wagners, als eines genialen Musikers, dessen Werk jedoch nicht ohne Bedenken bewundert werden kann und für viele eine Gewissensfrage darstellt. Dabei fällt das besondere Augenmerk nicht nur auf das Verhältnis Hitlers zu Wagner selbst, sondern auch auf das zu den Nachkommen des Musikers. Es wird erörtert, welche Rolle die Familie Wagner im Dritten Reich und für Hitler selbst gespielt hat. Die Hauptachse dieser Analyse bilden, seitens der Familie Wagner, zwei ihrer Mitglieder, nämlich Winifred Wagner – Wagners Schwiegertochter, die Hitler seit den frühesten Anfängen in seinem Plan des Aufbaus eines nationalsozialistischen Deutschlands tatkräftig unterstützte, sowie Wagners Schwiegersohn Houston Stewart Chamberlain, dessen ‘Grundlagen des neunzehnten Jahrhunderts‘ die, später von Hitler adaptierten, Thesen enthielten. Diese beiden Personen waren es, die Hitler den Zugang zu vielen einflussreichen Familien und damit zu Geldmitteln verschafften. Darüber hinaus war Winifred Wagner, in ihrer Funktion als Leiterin der Bayreuther Festspiele, diejenige, welche Hitler auch auf diese den Einfluss gewährte. Einen weiteren Aspekt, der im Verlauf dieser Arbeit behandelt wird, bilden die „Bayreuther Blätter“ und ihre Entwicklung, unter der Leitung Hans von Wolzogens, in der Zeit seit ihren Anfängen, nach der Gründung durch Wagner, bis in die Zeit des Dritten Reiches hinein. Einer eingehenden Analyse wird also das gesamte Spektrum an Begebenheiten, um die Bayreuther Festspiele herum und ihr Einfluss auf die spätere Rezeption Wagners unterzogen. Es wird jedoch auch Hitlers persönliche Faszination von Wagner und seinen Werken betrachtet, mit dem Focus auf seine Identifizierung mit den Helden der Wagnerschen Opern, sowie mit dem Meister selbst und die Vereinnahmung, durch den Führer, seiner Lieblingsopern für seine politischen Zwecke. Es wird dabei auf die ideologischen Ähnlichkeiten und Unterschiede zwischen Hitler und Wagner, sowie die damit verbundenen Inhalte der Wagner-Opern verwiesen. Der Wagner-Perspektive Hitlers wird dann, im weiteren Verlauf, um die Manns ergänzt. Da der Schriftsteller ein Zeitgenosse Hitlers war, erlebte er das Geschehen um die Bayreuther Festspiele herum mit und er bildete, in seiner Funktion als Wagnerianer, ein Gegengewicht zu der Rezeption Wagners im Dritten Reich. Seine kritisch-objektive Betrachtung Wagners stand im deutlichen Gegensatz zur kritiklosen Verherrlichung des Meister durch Hitler und leistete einen erheblichen Beitrag zur heutigen Wagner-Aufarbeitung. Ähnlich, wie im Falle Hitlers, erfährt auch die lebenslange Passion Manns für Wagner eine eingehende Analyse, von ihren Anfängen, über die Krisenjahre, bis hin ins hohe Alter des Schriftstellers. Hierbei werden sowohl die kritischen Äußerungen Manns, deren Ursprung oftmals aus den Werken Nietzsches rührt, als auch die Verteidigung Wagners durch Mann beleuchtet. Die Grundlage für diese Analyse bilden nicht nur die Schriften Manns, sondern auch seine persönlichen Aufzeichnungen aus seinem Tagebuch und seinen Briefen. Die darin enthaltenen Aussagen geben Auskunft über die Positionierung Manns Wagner gegenüber, als auch über den Einfluss des Komponisten auf Mann und sein schriftstellerisches Werk. Dieser Einfluss der Wagner-Passion auf Mann, als Person, wird dabei anhand seines Exilzwangs, aufgrund seines Essays ‘Leiden und Größe Richard Wagners‘, ersichtlich, während der Einfluss Wagners auf sein Werk an mehreren Beispielen verdeutlicht wird. Anhand der Gegenüberstellung des Verhältnisses Manns und Hitlers zu Wagner soll bezeichnet werden, welchen Beitrag sie zur Wagner-Rezeption geleistet haben und welche Auswirkungen sie auf diese hatten. Während sich die Analyse der Begeisterung Hitlers auf die ideologischen Ansätze und seine Vereinnahmungen der Wagner-Kunst für das Dritte Reich konzentriert, steht in der Betrachtung Manns, seine persönliche Betrachtung Wagners und die Aufarbeitung der Werke dieses, im Vordergrund. Die Gemeinsamkeit stellt dann die Veränderung der Empfindung Wagners dar, welche durch die beiden Wagnerianer herbeigeführt wurde. Es ist eben diese Veränderung, welche Gegenstand eines, bis heute andauernden, Diskurses ist, der zahlreiche Beiträge zur Wagner-Thematik zur Folge hat. An diesen wird der erhebliche Einfluss Hitlers auf die Wagner-Rezeption ersichtlich, mit dem sich auch Mann oft auseinandersetzte. Die Drehscheibe stellt dabei oftmals der Antisemitismus Wagners und seine Betrachtung durch Hitler und Mann dar, wobei es bei Mann eher das Auslassen dieses Themas ist, was einen Kritikpunkt bei vielen Ausarbeitungen zum Thema Mann-Wagner bildet. Das direkte Ziel dieser Arbeit ist die Beleuchtung der Wagner-Kunst im Hinblick auf ihre Vereinnahmung durch den Politiker Hitler und ihre Aufarbeitung durch den Schriftsteller Mann, doch rückt der Aspekt Empfänger-definierter Kunst indirekt und als, im Raum stehende Frage, in den Vordergrund.

2. Das Leben Thomas Manns

Thomas Mann ist am 06. Juni 1875 in Lübeck als Sohn eines Kaufmanns und Senators der Stadt und einer Brasilianerin geboren, in einer Familie, die großes Ansehen in der Stadt genoss und zu den besten Kreisen gehörte. Mann betonte später, dass er eine glückliche Kindheit in Geborgenheit verbrachte. Die Familie litt bis zum Zweiten Weltkrieg, als die Manns vor dem Nazi-Regime flüchten mussten und dabei ihr Vermögen und ihre Immobilien größtenteils verloren, selten unter finanziellen Problemen. Der Schriftsteller Sandor Marai, der sich mit dem Verhältnis Manns zu Deutschland beschäftigte, schrieb: „…Thomas Mann, der in Lübeck als Patrizier geboren wurde…“[1] und definierte damit sehr gut die Herkunft und die Lebensverhältnisse Manns. Als Manns Vater 1891 starb, wurden, seinem Testament entsprechend, sein Unternehmen und das Haus in Lübeck verkauft und das Geld daraus, zur Versorgung der Familie, angelegt. Aus eben dieser Anlage stammen die monatlichen 180 Goldmark, die es dem volljährigen Mann ab 1896 erlaubten den bürgerlichen Beruf als Volontär einer Feuerversicherungsgesellschaft, den ihm sein Vormund Krafft Tesdorpf aufgezwungen hatte, aufzugeben und seinen Weg als Schriftsteller zu bestreiten. Mann nahm früh seine Tätigkeit als Schriftsteller auf und hatte bereits 1893 das Prosastück – ‘Der Frühlingssturm‘ verfasst, welches in einer Schülerzeitung veröffentlicht wurde. Sein Schriftstellerdebüt hatte er aber ein Jahr später mit der Novelle Gefallen‘, welche im literarischen Magazin „Die Gesellschaft“ veröffentlicht wurde. 1895 ging Mann auf die Technische Hochschule München mit der Absicht Journalist zu werden.

1896 reisten Mann und sein Bruder Heinrich, mit dem sich Thomas zu dem Zeitpunkt noch gut verstand, was sich später aufgrund unterschiedlicher Ansichten der beiden Brüder zu Kunst und Politik ändern sollte, nach Italien. Dort verfassten die Beiden das ‘Bilderbuch für artige Kinder‘ , mit parodistischen Gedichten und eigenen Zeichnungen, das später zu Emigrationszeiten jedoch verschollen ist. Trotz der Meinungsverschiedenheiten zwischen den Brüdern Heinrich und Thomas (vor allem wurde der Roman ‘Die Jagd nach Liebe‘, den Heinrich Mann geschrieben hatte, von Thomas Mann stark kritisiert und führte letztendlich zum Bruch zwischen den Brüdern), brach der Kontakt zwischen ihnen nie ganz ab. Die Brüder führten einen regen Schriftverkehr und kommentierten in ihren Briefen jeweils die Werke des anderen. 1900 begab sich Mann als „Einjährigen-freiwilliger“ in den Wehrdienst, von dem er jedoch nach nur 3 Monaten wegen Untauglichkeit entlassen wurde.

Bereits 1901 schrieb er seinen ersten Roman ‘Die Buddenbrooks‘, für den er 1929 mit dem Nobelpreis für Literatur ausgezeichnet wurde. Viele der Figuren im Roman fanden ihren Ursprung in der damaligen Lübecker-Gesellschaft, was dem Autor zahlreiche Kritik und Ungunst seitens dieser einbringen sollte. In dem Kommentar zum Buch „Im Schatten Wagners“, das von Hans Rudolf Vaget herausgegeben wurde und die Aussagen Manns zu dem Komponisten Richard Wagnerenthält, lesen wir: „Thomas Mann erreichte bereits als Fünfundzwanzigjähriger, mit ‘Buddenbrooks‘ das Hochplateau seiner literarischen Produktion, auf dem es sich fortan zu behaupten galt.“[2] Mann selbst war bei der Nobelpreisvergabe überrascht und auch etwas enttäuscht darüber, dass seinen anderen Werken, die er in der Zwischenzeit geschrieben hatte, wie etwa dem ‘Zauberberg‘ keine Beachtung geschenkt wurde. Der in den Notizen in seinen Tagebüchern oft homoerotisch angehauchte Mann lernte 1904 Katharina Pringsheim kennen und heiratete diese einige Zeit später. Auch Katia, wie sie genannt wurde, und ihre Familie brachten Mann, wie viele andere Personen in seiner Umgebung (z.B. seine Mutter), dem Mann näher, der für den Schriftsteller seine größte Inspiration werden sollte – Richard Wagner. Katias Vater war nämlich ein großer Verehrer Wagners und hatte daher, durch die Unterzeichnung von Patronatsscheinen, die Finanzierung der Bayreuther Festspiele unterstützt. Dieses soll, nach Aussage von Klaus Pringsheim (Enkel) später dazu geführt haben, dass Winifred Wagner – die Ehefrau von Siegfried Wagner, bei Hitler erbeten hat, dem Ehepaar Alfred und Hedwig 1939 die Ausreise aus Deutschland zu ermöglichen, was ihnen das Leben rettete.[3] Durch die Verbindung mit Katia heiratete Mann in eine der angesehensten Familien Münchens ein. Der „Patrizier“ aus dem Norden, der Lübeck 1894, wie sich später herausstellen sollte, für immer verließ, heiratete also eine Dame „seines Standes“ aus dem Süden. Katias Aufenthalt im Sanatorium in Davos, aufgrund eines Verdachts auf Tuberkulose bei ihr, und der Besuch Manns bei ihr, boten dem Schriftsteller den Stoff für den Roman ‘Zauberberg‘, der 1924 veröffentlicht und ein großer Erfolg wurde.

Mann war als Gründungsmitglied der Sektion Dichtkunst an der Preußischen Akademie der Künste tätig, aus der er am 17.03.1933 austrat, als die Mitglieder der Sektion aufgefordert wurden eine Treueerklärung an die NS-Regierung abzugeben. Mann zählte zu den wichtigsten prominenten Gegnern des NS-Regimes, er verließ Deutschland daher auch und reiste mit seiner Frau nach Frankreich, wonach die nächste Station die Schweiz war, wo die Manns in Küsnacht wohnten.

Die Regierung Hitlers war sich lange nicht schlüssig, ob sie einen prominenten Schriftsteller wie Mann endgültig verbannen möchte, deshalb wurde er von dem Ausbürgerungsverfahren, das alle nach 1933 ausgereisten, Prominenten betraf, erst einmal ausgeschlossen, doch folgte irgendwann auch für ihn der „Schutzhaftbefehl“. Die Gültigkeit des Passes Manns lief aus und die deutsche Regierung machte die Verlängerung dieser von einem persönlichen Erscheinen des Schriftstellers in München abhängig, wo er zweifellos verhaftet worden wäre, was Mann stark in seiner Bewegungsfreiheit einschränkte. Doch bereits 1934 gewährten die USA ihm eine Einreise ohne gültigen Pass. Mann, der seine Ausreise nach Frankreich und die Trennung von Deutschland und damit von seiner gewohnten und sicheren Umgebung, mit einer tiefen Depression verbüßte, machte sich in den Vereinigten Staaten „an die Arbeit“, indem er Vorlesungen zu verschiedenen Themen hielt. Da das deutsche Finanzamt sein Vermögen zum großen Teil beschlagnahmt hatte (aufgrund angeblicher Steuerschulden), hatte Mann nun nur noch den Restbetrag seines Nobelpreises (200.000 Reichsmark) zur Verfügung. Die Erhaltung seines Lebensstandards war jedoch nur einer der Gründe, die Mann dazu bewogen Vorlesungen in den USA zu halten. Mann, der zu dem Zeitpunkt die tschechische Staatsbürgerschaft besaß, hatte insgesamt 134 Termine mit Vorlesungen wahrgenommen, bei denen er 1000 Dollar pro Auftritt erhielt, was ihm ein für ihn gewohntes Leben erlaubte, bevor die Einnahmen aus den Erfolgen seiner Bücher auf dem amerikanischen Markt kamen.

Und doch wurde der finanzielle Faktor von dem Bestreben Manns überragt, die Amerikaner über die Verhältnisse im Nazi-Deutschland aufzuklären. Die meisten Vorlesungen des Schriftstellers galten nämlich nicht, wie anzunehmen wäre, seinen Werken, sondern eben der Situation in Deutschland und dem NS-Regime.[4]

In den USA genoss Mann großes Ansehen, die Übersetzungen seiner Bücher feierten Erfolge, er war finanziell abgesichert. Doch sein Leben wäre in diesem Land viel schwieriger gewesen, wenn er nicht eine treue Gönnerin und Freundin in Agnes E. Meyer gehabt hätte, mit der er auch den umfangreichsten Schriftverkehr in seinem Leben führte. Die reiche A.E. Meyer, die über weitreichende Konnexionen verfügte, öffnete den Manns viele Türen, auch die zu dem, von Mann verehrten und bewunderten, Präsidenten F.D. Roosevelt. Von den 22 Jahren Exil, verbrachte Mann 14 in den USA. Es wurden ihm Doktorwürden zahlreicher dortiger Universitäten, wie Yale, Princeton, oder Harvard, verliehen. Nach 11 Jahren wurde ihm auch die amerikanische Staatsbürgerschaft verliehen. Er starb als Amerikaner, jedoch in der Schweiz, in die er zum Lebensende ausreiste.

Neben seinen Vorlesungen hielt Mann auch Vorträge im Radio, bei denen er Hitler und seine Machenschaften scharf kritisierte. Die Serie trug den Titel ‘Deutsche Hörer‘ und wurde später auf Schallplatten aufgenommen und über Langwelle auch auf einem Teil deutscher Gebiete ausgestrahlt. Die Einnahmen davon spendete Mann an den Britisch War Relief Fund.

Aufgrund seiner scharfen öffentlichen Kritik am Nazi-Regime wurde Mann sehr früh zu einem der „auserwählten“ Gegner Hitlers, auf die sich der Diktator in seinen Ansprachen namentlich bezog, doch gab es paradoxerweise auch etwas, was die beiden - sich in der Öffentlichkeit bekämpfenden Männer verband – es war die Liebe zu dem Komponisten Richard Wagner. Beide verehrten und ahmten den Komponisten, jeder auf seine eigene Art nach, obwohl jeder von ihnen etwas anderes in Wagner sah und bewunderte.

Nach dem Krieg entfachte zwischen Mann und den Vertretern der Inneren Emigration in Deutschland ein heftiger Streit, der über Zeitungsartikel (offene Briefe) ausgetragen wurde. Mann verweigerte auch die Rückkehr nach Deutschland, zu der er von Walter von Molo aufgefordert wurde. Als Reaktion auf den Brief von Molos, schrieb Mann den offenen Brief ‘Warum ich nicht nach Deutschland zurückkehre‘.

Aus der amerikanischen Zeit Manns war lange der von seinem Bruder falsch überlieferte, Satz in Umlauf: „Wo ich bin, ist die deutsche Kultur“, der im Original von Mann auf Englisch: „Where I am, thereis Germany“ hieß und einen anderen Bedeutungssinnmit sich brachte.[5] Über das Verhalten Manns zur Nazi-Zeit schreibt Vaget: „Er ist den Weg der Selbsterkenntnis und Verantwortlichkeit früher und entschlossener gegangen als die große Mehrheit der Deutschen, auch als die große Mehrheit der deutschen Historiker.“[6] Mann reiste 1949, anlässlich des 200. Geburtstags Goethes, nach Frankfurt/M. und Weimar. Die Reise fand unter polizeilichem Schutz statt, da Mann kurz zuvor Drohbriefe erhalten hatte, er wurde aber, entgegen den Befürchtungen, sehr positiv aufgenommen und erhielt den westdeutschen Goethe-Preis, dem später der ostdeutsche Goethe-Nationalpreis folgte.

Der Schriftsteller starb 1955 in Zürich. Seine Tagebücher wurden, auf seine Anweisung hin, 20 Jahre nach seinem Tod veröffentlicht.

2.1. Beginn der Wagner-Faszination

„Fragte man mich nach meinem Meister, so müsste ich einen Namen nennen, der meine Collegen von der Literatur wohl in Erstaunen setzen würde: Richard Wagner“[7]

Thomas Mann war seit seiner Kindheit von Musik umgeben, seine Mutter sang ihm Lieder von Schubert und Brahms, aber sie war auch eine begeisterte Opern-Gängerin und Wagner-Verehrerin. Es scheint, als hätten sich im Leben Manns alle Mächte dazu verschworen ihm den Komponisten Wagner näher zu bringen, denn sein ganzes Leben ist – angefangen bei seiner Wagner verehrenden Mutter – durchzogen von der Anwesenheit von Menschen, die diese Verehrung mit ihr teilten und den, anfangs noch sehr jungen, Mann mit dieser ansteckten. Mit acht Jahren nahm der kleine Thomas seinen Unterricht im Violinspielen auf. Sein Lehrer war ein Violinist des Lübecker Stadttheaters - Ludwig Winkelmann, dessen Bruder der Tenor Hermann Winkelmann – Wagners erster Parsifal, war. Auch die Schule bot ihrem jungen Schüler Thomas, z.B. mit Franz Sucher, durch den Mann auch wieder mit Wagner in Berührung kam, Suchers Eltern – Rosa und Franz waren nämlich in Bayreuth bekannte und geschätzte Künstler, sie war Sängerin und spielte Sieglinde und Isolde in Wagners Opern, er war wiederum Hofkapellmeister in Berlin und Probendirigent bei Wagner-Festspielen, Kameraden, die seine Wagner-Begeisterung förderten.[8] Durch diese Freundschaft wurde Mann auf Bayreuth aufmerksam, das er seit seinem Umzug nach München, im Jahre 1894, wird besuchen wollen, was ihm jedoch aus verschiedenen Gründen erst 15 Jahre später gelingt. Auf diese Weise, scheinbar von allen erdenklichen Seiten darauf vorbereitet, geht Mann 1893 in die `Lohengrin`-Vorstellung in Lübeck, über die er sich Jahre später so äußert:

Später war es ein künstlerisches Kapital-Ereignis meines Lebens, die Begegnung mit der Kunst Richard Wagners, die das Theater meiner Heimatstadt mir vermittelte, - eine Begegnung, von derer entscheidender, prägender Wirkung auf meinen Kunstbegriff ich jedes Mal gesprochen habe, wenn es Erläuterungen zur geistigen Geschichte meiner Bücher zu sagen galt.[9]

Durch dieses Erlebnis gekennzeichnet, wird Mann zum Wagnerianer, auf einen Schlag entfacht seine Liebe zu dem deutschen Komponisten, über den er vorher immer nur gehört, seine Kunst aber nie genossen hatte. Mann hatte es dann mehrmals in seinen späteren Jahren angedacht einen Essay über den `Lohengrin` zu schreiben, doch hat er dann jedes Mal wieder darauf verzichtet. Dabei kannte er seiner eigenen Aussage nach diese Oper in – und auswendig und war von ihrer Schönheit immer wieder entzückt.

Den `Lohengrin` lernte ich am ehesten kennen, habe ihn unzählige Male gehört und weiss ihn nach Wort und Musik noch heute auswendig. Sein erster Akt ist ein Phänomen an dramatischer Őkonomie und theatralischer Wirkung, das Vorspiel etwas absolut Zauberhaftes, der Gipfel der Romantik.[10]

Und, obwohl er über dieses Stück Wagners keinen Aufsatz schrieb, nahm es doch eine extrem wichtige Stellung bei ihm ein, der er dadurch Ausdruck verlieh, dass seine beiden ersten Werke eine tiefe Wagner-Prägung bekamen, denn sowohl in `Der kleine Herr Friedemann`, als auch in den `Buddenbrooks` ist das Motiv der schicksalhaften Begegnung mit Wagner zu finden. Die Ursache dafür rührt eben aus dem Eindruck, den diese Oper auf Mann gemacht hatte. Der `Lohengrin` führte Mann in weiterer Folge dann auch zu Nietzsche, dessen Schriften der Schriftsteller, aufgrund seiner Begeisterung für Wagner, las. „Der Weg führte von Wagner zu Nietzsche, nicht umgekehrt.“[11] Mit dem Umzug nach München gerät Mann in das Zentrum des Wagner-Lebens, da diese Stadt auch die Hauptstadt der Wagner-Bewegung war. Eben dort fanden die Uraufführungen von Wagners vier Hauptwerken statt und dort wirkten auch drei Bayreuth-erfahrene Dirigenten: Franz Fischer, Hermann Zumpe und Hermann Levi, die noch direkt vom Schaffen Wagners geprägt wurden.

Mann stieß in jenen Jahren nicht nur in seiner gewohnten Umgebung, in seiner Heimat, auf die Musik Wagners, diese schien ihn überallhin zu begleiten, so auch bei seiner Italienreise, die er mit seinem Bruder Heinrich unternahm, von welcher der, nachfolgend von Joachim Köhler zitierte, Mann-Bericht stammt:

Deutsche Musik als Weltsprache – der zwanzigjährige Thomas Mann hörte sie in Rom, also bei einem Platzkonzert Siegfrieds Trauermarsch aus Wagners `Götterdämmerung` gespielt wurde. Ein Teil des Publikums pfiff wütend, forderte einheimische Klänge, die anderen applaudierten enthusiastisch. So wogte der Krieg der Welten auf der Piazza Colonna hin und her, bis Siegfrieds Schwertmotiv ertönte, `über dem Straßenkampf der Meinungen seine gewaltigen Rhythmen entfaltete`, so Thomas Mann, `und wie auf seinem Höhepunkt, zu jener durchdringend schmetternden Dissonanz vor dem zweimaligen C-Dur- Schlage, ein Triumphgeheule losbrach und die erschütterte Opposition unwiderstehlich zudeckte.`[12]

In München zieht sich der, in Lübeck gesponnene, rote Faden an, den jungen Mann umgebenden, Wagnerianern fort, er trifft auf Paul Ehrenberg, dessen Bruder Carl, der später Dirigent und Komponist wurde, das Wissen Manns über Wagner sichtlich erweiterte. Dieser Lebensabschnitt, und diese Freundschaft Manns, werden unentwegt vom Wagner-Stern erhellt. Mann lässt keine Aufführung der Opern des Meisters aus und es finden oft Diskussionen unter den Freunden zum Thema der Wagner-Kunst statt. Diese Phase sollte, so hatte es sich Mann vorgenommen, mit der Ehe mit Katia Pringsheim enden, was jedoch nicht ganz der Fall wurde, da Katias Vater, Alfred Pringsheim, wie oben erwähnt, ein begeisterter Wagnerianer war.„Mit der Einsicht, dass die Wagner-Schwärmerei mit dem geliebten Gefährten einem unentwirrbaren Geflecht von „Metaphysik, Musik und Pubertätserotik“ entsprang, wuchs auch der Entschluss, sein Verhältnis zu Wagner auf die Basis einer `gesünderen Geistigkeit zu stellen`“[13], wie Mann 1901 an seinen Bruder Heinrich schreibt.

Aber das Schicksal hatte Mann wieder in eine Wagner-durchtränkte Umgebung gestoßen, denn außer dem Wagnerianer als Schwiegervater hat Mann noch einen Schwager Klaus, der als Dirigent Erfolge feiert und Mann bei dem lang geplanten Besuch Bayreuths zur `Parsifal`-Aufführung begleitet.

An dieser kurzen Darstellung des Beginns und der anfänglichen Entwicklung der „Wagnermanie“ bei Mann wird erkennbar, dass der Schriftsteller dem Komponisten und seinem gewaltigen Werk zu keinem Zeitpunkt hätte ausweichen können. Lässt man die Existenz eines Faktors namens Schicksal in unser aller Leben zu, so war Wagner Manns Schicksal, er nahm, wie im weiteren Verlauf der Arbeit erkennbar wird, Einfluss auf sein Leben und sein Schaffen, wie kein anderer Künstler vor oder nach ihm. „Wenn bei Thomas Mann von Wagner gehandelt wird, steht somit höchst Persönliches und eminent Öffentliches auf dem Spiel.“[14]

2.2. Wagner-Mann-Relation

„Von Anfang bis Ende waren ihm Wagners Werke der Maßstab des schlechthin Gelungenen und Wagner selbst vor allem eins: `das Paradigma welt-erobernden Künstlertums`“[15]

Das Verhältnis Thomas Manns zu Richard Wagner mag in vielerlei Hinsicht an das des Philosophen Friedrich Nietzsches zu Wagner erinnern, es ist nämlich in beiden Fällen eine eigentümliche Entwicklung von Begeisterung über Verständnis bis hin zur Kritik zu erkennen. Die beiden Konstellationen verbindet auch die letztendliche Einsicht, sowohl beim Philosophen Nietzsche, als auch beim Schriftsteller Mann, dass ihre Liebe zum Großen Meister und seinem Werk doch immerwährend bleibt – trotz jeglicher Kritik, die sie beide Wagner entgegenbrachten. Und so kommen von Nietzsche die Worte: „Ich habe ihn geliebt, ihn und niemanden sonst.“[16], während Mann schreibt: „Es gibt Fälle, bei denen man alles mögliche zugeben mag, und es bleibt immer etwas Überwältigendes zurück.“[17]

Wie Nietzsche seinen Stein des Anstoßes für seine Kritik an Wagner und seinem Werk, im Christentum und dem angeblichen Einfluss dessen Frau Cosima fand, so hatte Mann mit dem Antisemitismus Wagners und seinem Einfluss auf Hitler zu kämpfen. Und doch gibt es, trotz aller Ähnlichkeit, auch gravierende Unterschiede zwischen den beiden Situationen. Am gravierendsten ist wahrscheinlich der, dass im Falle Manns nie von einem Verhältnis zwischen ihm und Wagner die Rede sein kann, da er dem Meister, aus offensichtlichen Gründen, nie persönlich begegnet ist und seine Relation mit Wagner eine einseitige und immer nur eine Reaktion auf des Meisters Werk, ohne jegliche Aktion seitens desselben, war. Dieser Umstand, der bewirkt, dass in diesem Falle nie von einem Zerwürfnis zwischen den beiden gesprochen werden kann, wie es bei Nietzsche der Fall war, der nach jahrelanger, persönlicher Freundschaft mit Wagner und absoluter Verherrlichung seines Schaffens, sich von ihm abwandte und vom absoluten Huldiger in einen absoluten Kritiker Wagners umschlug (so schien es zumindest auf den ersten Blick). Ein zweiter Unterschied ist sicherlich der, dass Mann sich mit der vermeintlichen Mitwirkung Wagners am Schaffen Hitlers, also mit dem Einfluss Wagners auf seine Nachwelt auseinandersetzen musste, was Nietzsche erspart blieb. Er kannte nur den ihm gegenwärtigen Wagner, konnte dadurch aber auch besser beurteilen, was dieser mit seinen Aussagen, Schriften und Werken beabsichtigt und gemeint hat, er konnte den Meister im Zweifelsfall fragen, ob die eine oder andere Reaktion auf sein Werk und seine Deutung von diesem so beabsichtigt waren - diese Möglichkeit blieb dem, nach dem Tod Wagners lebenden und schaffenden, Mann entsagt. Mann konnte sich in der Interpretation und im Verständnis Wagners nur auf seine Intuition und sein Gefühl verlassen, was eine Verteidigung des Meisters vor persönlichen und künstlerischen Angriffen, um die sich der Schriftsteller immer bemühte, wesentlich erschwerte. Der Philosoph sah sich nie in der prekären Lage, solch schwerwiegende Vorwürfe, dem Meister gegenüber, abwenden zu müssen, wie es bei Mann der Fall war (Vorwurf der „Mitwirkung“ Wagners am Nationalsozialismus).

Das Verhältnis Manns zu Wagner lässt sich, auf den ersten Blick, in vier Phasen unterteilen: die erste Phase der anfänglichen bedingungslosen Verherrlichung, die der Schriftsteller mit seiner pubertären Phase und daher auch mit seiner, seiner Meinung nach, ungesunden Beziehung zu seinem Jugendfreund Paul Ehrenberg, in Verbindung brachte und sie deshalb durch die Heirat mit Katia Pringsheim beenden wollte; die zweite Phase, der reifen und verständnisvollen Begeisterung für das Werk Wagners, das ihn bei seiner Arbeit unentwegt inspirierte; die dritte Phase, der Kritik am Werk und an der Persönlichkeit Wagners, jedoch zu dem Zeitpunkt noch ohne die Berücksichtigung des Einflusses Wagners auf die Entwicklung des Nationalsozialismus in Deutschland; und die letzte Phase, der Auseinandersetzung mit dem „Hitler“ in Wagner. All diese Phasen waren jedoch von der ununterbrochenen Begeisterung für die Musik Wagners durchzogen. Das Verhältnis lässt sich jedoch, bei Betrachtung eines anderen Aspektes, auch in nur zwei Abschnitte teilen: die Zeit vor und die Zeit nach Hitlers Machtergreifung. Soweit die erste Aufteilung Parallelen zum Verhältnis Nietzsches aufweist, so birgt die zweite etwas Einzigartiges, was dem Philosophen nie zuteil wurde und worum er den Schriftsteller auch nicht zu beneiden hätte – die Auseinandersetzung mit Wagner im Nazideutschland, mit sich. Während Mann sich vor der Machtergreifung Hitlers, in Deutschland und in Bayreuth, getrost mit allen Vor-und Nachteilen der Wagner-Werke auseinandersetzen konnte und wenig deswegen zu befürchten hatte, so vertrieb ihn sein Essay ‘Über die Leiden und Größe Richard Wagners‘ in München dann ins Exil. „Wenig später erließ die Politische Polizei in der Tat einen Schutzhaftbefehl, unterzeichnet von Reinhard Tristan Heydrich, der Thomas Mann beim Wiederbetreten des Landes nach Dachau gebracht hätte.“[18] Die Deutung seiner Aussagen über Wagner und sein Werk, sollte von nun an vom Künstlerischen ins Politische gerückt werden, alles was der Schriftsteller über den Komponisten sagte, wurde von da an, auf zweierlei Weise interpretiert, einmal im Hinblick auf das Künstlertum Wagners, andererseits aber im Hinblick auf die ihm zugeschriebene Rolle als Hofkomponisten Hitlers. Dieses rief bei Mann zwiespältige Gefühle hervor; da war einerseits das Bedürfnis der Auseinandersetzung mit dem betörenden Werk seines großen Meisters und andererseits das Bedürfnis der Verteidigung Wagners, der für Mann, seit dessen Exilantritt, zur Verkörperung und zum Symbol seiner Heimat wurde. Mann musste sich der, von überall her auf ihn einschlagenden, Kritik an Wagner, als Propheten des Vollstreckers Hitler stellen und suchte den Meister doch, trotz eigener Einsicht über viele Gemeinsamkeiten zwischen den Ansichten Wagners und Hitlers Politik, immer wiedermit Konzentration auf Wagners künstlerisches Werk, zu verteidigen. In der Hinsicht hielt Mann es mit Nietzsche, der sagte: „Gott Lob, den wahren Wagner hat man schließlich doch für sich.“[19] Manns Verhältnis zu Wagner war immerwährend von einer absoluten Begeisterung für dessen Musik und dessen Verständnis des Theaters geprägt und er bemühte sich stets die Aufmerksamkeit darauf zu lenken, ohne das Werk des Meisters jedoch von Kritik zu verschonen, wo er diese für angebracht hielt. Eins wird dennoch offensichtlich, nämlich dass - egal welche Phase seiner Beziehung zu Wagner man betrachten möge - immer Manns große Begeisterung für Wagners Werk und seine Hochachtung vor der Kunstauffassung des Komponisten, durchschimmert. Mann schrieb diesem eine Bedeutung für die künstlerische Nachwelt zu, die sonst nur Wagner, in seiner Selbstverherrlichung, sich selbst zugeschrieben hätte: „Es war damals, dass mir zuerst die Kunst Richard Wagners entgegentrat, diese moderne Kunst, die man erlebt, erkannt haben muss, wenn man von unserer Zeit irgend etwas verstehen will.“[20]

3. Adolf Hitler und die Kunst

„Der Mann, der für den Holocaust verantwortlich war und Europa in einen verbrecherischen und verheerenden Krieg stürzte, besaß ein Sensorium für Malerei, und zwar durchaus für deren spezifische künstlerische Qualitäten“[21]

Adolf Hitler, geboren am 20. April 1889 in Braunau am Inn – Tyrann, Verbrecher, Unmensch - so die kürzeste Charakteristik Hitlers. Es wurde schon so viel über Hitler als Staatsmann und Kriegsstifter geschrieben, dass dem kaum noch etwas hinzuzufügen sei. Alle kennen und die meisten hassen ihn. Über den Menschen in Hitler zu schreiben ist unpopulär, aber auch sehr schwierig, da es einen natürlichen inneren Widerstand in den Menschenweckt, weil seine schändlichen Tatenalles andere überschatten. Seine künstlerische „Ader“ wird meistens in einem spöttischen Ton behandelt. Hitler wird als ein gescheiterter Möchtegern-Künstler gesehen, der seine Frustrationen an der ganzen Welt auslebte, indem er ganze Völker ausrotten und Nationen vernichten wollte. Es ist äußerst schwierig objektiv über den Mann zu schreiben, der Leid verursachte, das bis in die heutige Zeit hinein spürbar ist.

Im Kontext der gesamten Arbeit, nämlich des Verhältnisses zwischen drei Männern, von denen einer, Richard Wagner, die Achse bildet, ist Hitler aber aus einer anderen Perspektive zu betrachten. Nicht die politische und kriegerische Tätigkeit Hitlers soll erörtert werden, sondern seine Einstellung zur Kunst und sein Verständnis dieser. Seine Vorliebe für die Malerei und die Musik ist dabei nicht als Gegendarstellung zu seinem verbrecherischen Wesen, sondern eher als eine parallel existierende Eigenschaft zu betrachten. Die gescheiterte Künstlerkarriere Hitlers gilt hierbei weder als Entschuldigung, noch als Begründung seiner späteren Taten, obwohl sich an dieser Stelle natürlich die Frage stellt, was passiert wäre, wenn Hitler nicht zweimal von der Wiener Kunstakademie abgelehnt worden wäre. Er selbst sah sich nicht als einen gescheiterten, sondern als einen „verkannten“ Künstler. Schon diese Tatsache mag einen Eindruck darüber vermitteln, wie seine Psyche konstruiert war - Hitler war davon überzeugt, ein Genie zu sein. Er folgte darin der Lehre Immanuel Kants und Arthur Schopenhauers, deren Ansicht nach nur ein Künstler ein Genie sein kann. Demzufolge sah sich Hitler insbesondere daher als Künstler, weil er sich als Genie sah. Die Kunst war dabei quasi ein Mittel zum Zweck (obwohl er paradoxer Weise genau dieses über die Politik sagte), obwohl ihm ein gewisses Zeichner-und Malertalent natürlich nicht abzusprechen ist. Er verdiente seinen Lebensunterhalt eine gewisse Zeit lang als Aquarellen-Maler (malte Postkarten nach) und versuchte sich auch als Zeichner und Architekt. Hitler hatte, als bester Zeichner seiner Schulklasse, damit gerechnet, von der Kunstakademie problemlos aufgenommen zu werden. So ist also anzunehmen, dass seine Absichten, sich der Kunst zu widmen schon aus frühester Zeit rührten. Erst nach der Ablehnung durch die Kunstakademie und die, in der Zwischenzeit aufgenommenen, politischen Lehren kam es bei ihm zur Entwicklung des Bildes eines „geniefeindlichen Akademikers“ und eines „geniefeindlichen Juden“[22]. Die spätere Entwicklung brachte eine Evolution in der Denkweise Hitlers - der Focus verschob sich vom Selbstbild eines genialen Künstler zu dem eines Kunstmäzens. Er besaß eine umfangreiche Kunstsammlung, die er auf jeden Fall der Nachwelt hinterlassen wollte und verstand sich als Kunstkenner. Bei seinem Besuch in Rom am 7.05.1938 (während eines Staatsbesuchs in Italien) besuchte Hitler alle möglichen Museen und Kunstgalerien. Während der genervte Gastgeber Mussolini es kaum abwarten konnte, sich wieder den `wichtigen Dingen des Lebens` zu widmen, stand Hitler lange vor jedem Bild und betrachtete dieses eindringlich. Begleitet wurde er dabei vom Pisaner Professor Bianchi Bandinelli. Dieser kritisierte, in seinem 1948 erschienen „Diario di unborghese“, die Betrachtungsweise der Bilder durch den Führer, da dieser die Gemälde nach Bildgegenstand, technischem Vermögen der Maler, Lebendigkeit der Farben und psychologischem Ausdruck beurteilte, die nach Ansicht des Professors eben die falschen Kriterien, im Gegensatz zum Stil und Zuschreibungsfragen, welche die richtigen gewesen wären. Und er war verwundert über die Aussage, die er immer wieder aus Hitlers Umfeld hörte „Unser Führer ist ein großer Künstler“.[23]

Hitler selbst sah sich als verkannten Künstler im Bereich der Malerei, da seine eigene Begabung, nach eigener Ansicht, in diese Richtung ging, seine Vorbilder und Lieblingskünstler waren auf diesem Feld Feuerbach und Böcklin - zum großen Teil wahrscheinlich deshalb, weil er in ihnen auch verkannte Künstler sah und eine Parallele zu sich selbst zog. Er tendierte auch dazu, Künstler zu bewundern, deren Lebensläufe Ähnlichkeiten mit seinem eigenen aufwiesen. Die Malerei war jedoch nicht das einzige Metier der Kunst, dem sein Interesse galt, er war auch ein Bewunderer und Kenner der Musik Richard Wagners, in der er Inspirationen und Vorbilder fand. Unabhängig davon, ob man die Malerei oder die Musik betrachtet, zeichnet die Vorlieben Hitlers eins aus: sie wurden im Dritten Reich zur Vorgabe, „sich diesem Geschmack unterzuordnen oder zu widersetzen war […] gleichbedeutend mit Machtgewinn oder Machtverlust“.[24]

Hitler hatte bereits als Kind den Entschluss gefasst, Künstler zu werden. Sein Vater war dagegen, wobei seine Mutter den jungen Hitler in seinem Entschluss unterstützte. Der spätere Führer hatte früh angefangen, Künstlerbiographien zu lesen, bereits mit 13 Jahren kannte er die Werke zu Rubens und Makart. Bei beiden Malern fallen, die bereits oben erwähnten, Ähnlichkeiten zum Lebenslauf Hitlers auf. Beide Maler erlitten einen frühen Vaterverlust und hatten eine starke Bindung zur kunstbegabten Mutter. Die Biographien beider scheint Hitler auch zum Vorbild seines späteren Vorgehens genommen zu haben. Brigitte Schwarz bezeichnet es in ihrem Buch, wie folgt: „Beide hatten das erreicht, was er von den Künstlern unter dem Nationalsozialismus erwartete, nämlich „dem politischen Wollen unserer Zeit und seinen Leistungen einen gleichwertigen kulturellen Ausdruck zu schenken.“[25] Künstlerbiographien und Geschichte waren das, was Hitler interessierte. Er las künstlerhistorische Bücher und Artikel, mitunter in der „Kunst für Alle“ des Bruckmann-Verlags. Für die Fragen der Kunstentwicklung und des Stils hatte er dabei wenig Interesse. Hitler war ein sehr aufmerksamer Leser, er zitierte die gelesenen Schriften oft und brachte sie in seinen Aussagen als eigene Ansichten vor. Er konnte, wie seine Privatsekretärin Christa Schröder berichtet, auch ganze Passagen, ja ganze Seiten aus den Schriften seines Lieblingsdenkers Schopenhauer auswendig zitieren. Hitler selbst sagte auch, er habe ganze Werke Schopenhauers mit sich herumgetragen.[26] Unter den, von Hitler mit solcher Vorliebe gelesenen, Künstlerbiographien durften die Werke seiner großen Vorbilder, Anselm Feuerbach und Richard Wagner nicht fehlen. Ersterer schrieb eine Autobiographie unter dem Titel ‘Vermächtnis‘, vom zweiten stammt das Werk ‚Mein Leben‘. Beide Künstler sahen sich als verkannt an und beide wurden aus Wien „vertrieben,“, was sie Hitler näher brachte, wie er selbst meinte, wobei die Ansichten und Aussagen Hitlers, in dieser Hinsicht, oft Fehler und Verfälschungen enthielten, wie z.B. die von ihm verbreitete Behauptung, Feuerbach sei von der Wiener Akademie abgewiesen worden, während dieser tatsächlich dorthin auf eine Professur berufen wurde. Ähnlich verhält es sich mit der angeblichen Verkennung Makarts durch die Akademie. Sowohl Makart als auch Feuerbach hatten eine akademische Ausbildung erfahren, der eine absolvierte diese in München, der andere in Düsseldorf. Doch eine realistische Darstellung der Tatsachen hätte nicht in Hitlers Bild vom verkannten Künstler gepasst und ihn der Ähnlichkeit mit seinen Vorbildern beraubt, die er zur Stärkung seines, durch die Ablehnung der Wiener Kunstakademie, angeschlagenen Selbstbewusstseins, bitter nötig hatte. Darüber hinaus vertrat Hitler die Meinung, dass nur ein reines, von Gott gegebenes Talent, das durch keine schulische Ausbildung „verdorben“ wurde, ein Genie ausmachen konnte, darin folgte er wieder den Lehren Immanuel Kants. Ob er die Ansichten des Philosophen wohl auch teilen würde, wenn er von der Wiener Kunstakademie angenommen worden wäre, ist fraglich. Es bleibt jedoch eine Tatsache, dass Hitler seine Einstellung zu diesem Thema immer wieder betonte und bei unterschiedlichsten Gelegenheiten um Ausdruck brachte. So schreibt er bereits in „Mein Kampf“: „Wahre Genialität ist immer angeboren und niemals anerzogen oder gar angelernt“.[27] Auch 1933 sagte er bei der Kulturtagung des Nürnberger Parteitages: „Zur Kunst muss man geboren sein. Das heißt: die außer aller Erziehung liegende grundsätzliche Veranlagung und damit Eignung ist von entscheidender Bedeutung“.[28] Hitlers Ablehnung gegen die akademische Ausbildung von Künstlern ging so weit, dass er die Abschaffung der meisten Kunstakademien plante. Es sollten nur die in Düsseldorf, München und eventuell Wien weiter existieren, um – wie er es ausdrückte - „einen anständigen, ehrlichen Durchschnitt herzustellen, aus dem sich dann die wirklichen Genies zu erheben vermögen“[29]. Bei all seinen Überlegungen zur Definition eines Genies, ging Hitler natürlich immer davon aus, selbst eins zu sein. In einem seiner zahlreichen Monologe im Führerhauptquartier erzählte er am 29.10.1941:

Mit herzlicher Freude bin ich nach München; drei Jahre wollte ich noch lernen; mit 28 Jahren dachte ich als Zeichner zu Heilmann & Littmann zu gehen; bei der ersten Konkurrenz würde ich mich beteiligt haben, und da, sagte ich mir, würden die Leute sehen, der Kerl kann etwas. Ich hatte mich bei allen damaligen Konkurrenzen privat beteiligt, und als die Entwürfe zum Bau der Oper in Berlin publiziert wurden, hat mir das Herz geklopft, wenn ich mir sagen musste, viel schlechter als das, was du selbst geplant hast! Auf dem Theatergebiet hatte ich mich spezialisiert; Ich dachte mir, kriege ich den Preis, so ist es gut, wenn nicht, so schadet das der Firma nicht.[30]

Hitler hat 1912 auch drei Monate lang für den Stadtplaner Max Fabiani als Zeichner gearbeitet. Fabiani berichtete kurz vor seinem Tod, er habe Hitler nach dieser Zeit aufgrund seiner Charaktereigenschaften entlassen, sein „Starrsinn, laufende Meinungsänderungen, geringe Leistungsfähigkeit“[31] seien der Grund für seine Entlassung gewesen. Auch nach Aussage von seinem Jugendfreund Kubizek, war Hitler weniger an der Ausführung eines Bauwerks selbst interessiert, als an einer „Selbstbestätigung als Genie“.[32] Hitler scheint immer nur ein einziges Ziel vor Augen gehabt zu haben, nämlich das seiner Entdeckung als Genie. Es hat ihn nie interessiert, welche Arbeit und welcher Aufwand erforderlich wären, seine Vision (z.B. von einem geplanten Gebäude) umzusetzen, dessen sollte sich dann jemand anderer annehmen. Hier wird ein Widerspruch in Hitlers Charakter sichtbar – einerseits die Oberflächlichkeit und Ungeduld bei allem was er tat, und andererseits die Detailkenntnis zu bestimmten Themen. Seine Aussage bezüglich seiner Spezialisierung auf den Theaterbau war nicht unbegründet, er versetzte seine Zuhörer nämlich oft in Erstaunen, wenn er aus dem Stehgreif Daten, wie Maße, Preise und Bautermine mehrerer Theater nennen konnte. So auch bei einem Gespräch im Führerhauptquartier vom 13.06.1943:

Wenn ich an die Pariser Oper denke, da ist doch die Dresdner oder die Wiener Oper etwas ganz anderes. Der Pariser Baukörper als solcher, der ist genial, aber die Durchführung, künstlerisch gesehen ist ordinär […] Auch beim Münchener Prinzregententheater hat man gespart, wo man konnte. Der Bau hat […] 1,3 Mio. Mark gekostet. Da hat der Statiker den Kopf hinhalten müssen. […] Das Reichstagsgebäude, als solches ein Schandbau, hat mit der Inneneinrichtung 28 Mio. Mark gekostet.[33]

Einmal soll Hitler bei der Pariser Oper einen Raum vermisst haben, den er aus den Plänen kannte, der bei einem Umbau aber weggefallen war. Als er danach gefragt wurde, antwortete er:„Wenn ich heute in der Lage bin, aus dem Handgelenk z.B. den Grundriss eines Theatergebäudes aufs Papier zu werfen, so mach ich das ja auch nicht im Trancezustand. Das alles ist ausschließlich das Ergebnis meines damaligen Studiums.“[34]

[...]


[1] http://de.wikipedia.org/wiki/Thomas_Mann Stand zum 01.12.2013.

[2] Im Schatten Wagners Thomas Mann über Richard Wagner, Hg.v. H.R. Vaget, München 2005, S. 324.

[3] Vgl. dazu Ebda. S.320.

[4] Vgl. dazu Wagnerspectrum Schwerpunkt Thomas Mann und Richard Wagner, München 2011, S. 254.

[5] Vgl. dazu Wagnerspectrum Schwerpunkt Thomas Mann und Richard Wagner S. 253.

[6] Ebda. S. 255.

[7] Im Schatten Wagners Thomas Mann über Richard Wagner, S. 18.

[8] Vgl. dazu Ebda S. 316.

[9] Im Schatten Wagners, Thomas Mann über Richard Wagner, S. 84.

[10] Ebda S. 79.

[11] Ebda S. 317.

[12] Köhler Joachim Wagners Hitler Der Prophet und sein Vollstrecker, München 1999, S. 31.

[13] Im Schatten Wagners, Thomas Mann über Richard Wagner, S. 46 und 320.

[14] Ebda S. 324.

[15] Im Schatten Wagners, Thomas Mann über Richard Wagner, S. 18.

[16] Borchmeyer Dieter Nietzsche, Cosima, Wagner Porträt einer Freundschaft, Leipzig 2008, S.42.

[17] Im Schatten Wagners, Thomas Mann über Richard Wagner, S. 185f.

[18] Im Schatten Wagners, Thomas Mann über Richard Wagner, S. 336.

[19] Ebda S. 20.

[20] Ebda S. 22.

[21] Schwarz Brigitte Geniewahn, Hitler und die Kunst, S. 122.

[22] Schwarz Brigitte Geniewahn, Hitler und die Kunst, Wien 2009, S. 12.

[23] Ebda S. 16.

[24] Schwarz Brigitte Geniewahn, Hitler und die Kunst, S. 35.

[25] Ebda S. 43.

[26] Ebda S. 178.

[27] Schwarz Brigitte, Geniewahn, Hitler und die Kunst, S. 207.

[28] Ebda.

[29] Ebda.

[30] Adolf Hitler Monologe im Führerhauptquartier, Hamburg 1980, S. 114.

[31] Schwarz Brigitte, Geniewahn Hitler und die Kunst S. 64.

[32] Ebda S. 81.

[33] Adolf Hitler Monologe im Führerhauptquartier, S. 234.

[34] Schwarz Brigitte, Geniewahn Hitler und die Kunst, S. 81.

Ende der Leseprobe aus 96 Seiten

Details

Titel
Die Rezeption Richard Wagners durch Thomas Mann und Adolf Hitler
Untertitel
„Wenn zweien dasselbe gefällt und einer davon ist minderwertig – ist es dann auch der Gegenstand?“
Hochschule
Uniwersytet im. Adama Mickiewicza w Poznaniu  (Zakład Literatury Austriackiej)
Note
1
Autor
Jahr
2014
Seiten
96
Katalognummer
V278147
ISBN (eBook)
9783656707752
ISBN (Buch)
9783656710677
Dateigröße
962 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
rezeption, richard, wagners, thomas, mann, adolf, hitler, wenn, gegenstand
Arbeit zitieren
Anna Piasecka (Autor), 2014, Die Rezeption Richard Wagners durch Thomas Mann und Adolf Hitler, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/278147

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