Die Novelle gilt als Paradegattung des Realismus. Doch wie ist es dazu gekommen und welche Eigenschaften der Novelle prädestinierten sie für diese Epoche? Mit Beispielen von Theodor Storm, Wilhelm Raabe, Gottfried Keller und vielen mehr.
Inhaltsverzeichnis
Die Novelle als Paradegattung und im medialen Kontext des Realismus
Die Bestimmung des Begriffs „Realismus“
Epochenbeginn und Auslöser
Was macht die Kunstrichtung Realismus aus?
Faktoren die zur Entstehung des Literatursystems Realismus beitragen
Bevölkerungsboom
Schichtendifferenzierung
technische Erfindungen
Industrialisierung
Medien
denkgeschichtliche Kontexte
Literatur und Fotographie
Literatur und Bilder
bürgerlicher Realismus
poetischer Realismus
medialen Kontext des Realismus
Zeitschriften und ihr Publikum
Erfolg
Der Leipziger Verleger Ernst Keil und seine „Gartenlaube“
Die Ursprünge der modernen Medienindustrie
Entwicklungsbedingungen des Zeitschriftenmarktes
Familienzeitschriften
Familienblattmoral
Jugendzeitschriften
Frauenzeitschriften
Witzblätter
Romanzeitschriften
Situation des Schriftstellers
Die Novelle
Wortherkunft
Kennzeichen der modernen/realistischen Novelle in Abgrenzung von Boccaccios „Decamerone“
Paul Heyse: Falkentheorie
Charakteristika der Novelle
Verklärung
Humor
Epochenkennzeichen
Die Dorfgeschichte
Theodor Storm (1817 - 1888): „Immensee“ (1849)
1. Rahmung der Novellen
2. Realitätskompatibilität (Kausalität)
3. Symbolik
4. Gegenwartsbezug
5. Verklärung/Humor
TheodorStorm: Der Schimmelreiter (1888)
1. Rahmung der Novellen
2. Realitätskompatibilität (Kausalität)
3. Symbolik
4. Gegenwartsbezug (zeitlich, räumlich)
Gottfried Keller: Romeo und Julia auf dem Dorfe
Die Leute von Seldwyla
Romeo und Julia auf dem Dorfe
1. Rahmung der Novellen
2. Realitätskompatibilität (Kausalität)
3 Symbolik
5. Verklärung/Humor
Gottfried Keller: Kleider machen Leute
Gottfried Keller: Das verlorne Lachen (1873)
Conrad Ferdinand Meyer: Das Amulett
1. Rahmung der Novellen
2. Realitätskompatibilität (Kausalität)
3. Symbolik
4. Gegenwartsbezug (zeitlich, räumlich)
5. Verklärung/Humor
Theodor Fontane: „Unterm Birnbaum“
1. Rahmung der Novellen
2. Realitätskompatibilität (Kausalität)
3. Symbolik
4. Gegenwartsbezug (zeitlich, räumlich)
5. Verklärung/Humor
Mord
Zusammenfassung
Individualstil
Wilhelm Raabe: Else von der Tanne
Raabes Programmatik
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht die Novelle als Paradegattung im medialen Kontext des Realismus und analysiert, wie diese literarische Form die gesellschaftlichen Umbrüche des 19. Jahrhunderts – insbesondere die Industrialisierung und den Aufstieg des Bürgertums – verarbeitet und ästhetisiert. Dabei wird der Frage nachgegangen, wie realistische Novellen durch spezifische Erzählstrategien, Symbolik und eine bewusste „Verklärung“ die Kluft zwischen der subjektiven Wahrnehmung und der gesellschaftlichen Wirklichkeit überbrücken und den Leser in einem sich wandelnden Literaturbetrieb positionieren.
- Die Funktion der Novelle als Leitgattung des bürgerlichen Realismus.
- Die Rolle der Massenmedien (insb. Familienzeitschriften wie die „Gartenlaube“) für die Verbreitung literarischer Texte.
- Narrative Techniken und Symbolik in Werken von Storm, Keller, Meyer und Fontane.
- Das Spannungsfeld zwischen ökonomischem Druck der Verlage und künstlerischem Anspruch der Autoren.
- Die Auseinandersetzung mit dem Aberglauben und gesellschaftlichen Tabus im Spiegel der Kriminalgeschichte.
Auszug aus dem Buch
Theodor Storm: Der Schimmelreiter (1888)
es geht um den ehrgeizigen aber verschlossenen Hauke Haien, der sich in der Mitte des 18. Jahrhunderts dank seiner wissenschaftlichen Kenntnisse und seines Tatendrangs vom Kleinknecht zum Deichgraf hocharbeitet und Elke, die Tochter seines Vorgängers heiratet; die abergläubische Angst der Dorfbewohner vor Haiens geheimnisvollen Schimmel isoliert ihn im Dorf
Haien hat gesellschaftliche Konflikte mit der Umwelt --> wegen Neid auf seinen Erfolg behaupten manche, dass er das Amt nur seiner Frau verdanke, was Haien durch den Bau eines neuen, genial konstruierten Deich widerlegen will --> neues Land wird für das Dorf erschlossen, was allerdings zu großen Teilen Haien selbst gehört und die Uneigennützigkeit seines Plans in Zwielicht bringt
bei einer Sturmflut, die den alten Deich durchbricht, ertrinken Elke und Wienke, Haiens schwachsinnige Tochter und Haien stürzt sich mit seinem Schimmel in den Bruch --> aus Sühne für seine Schuld? oder als Verzweiflungstat? oder mythisch heroisches Opfer für das Wohl des Dorfes?
Hauke Haien Deich steht auch nach hundert Jahren immer noch --> immer wenn eine Strumflut droht geistert Hauke Haien auf seinem Schimmel als ruheloses Gespenst über den Deich
Zusammenfassung der Kapitel
Die Bestimmung des Begriffs „Realismus“: Definiert den Realismus als Haltung und Epoche, die zwischen Romantik und Naturalismus vermittelt und das Prinzip des Maßvollen sowie Sachlichen betont.
Epochenbeginn und Auslöser: Beschreibt die historischen Rahmenbedingungen, insbesondere das Revolutionsjahr 1848 und die Industrialisierung, als Katalysatoren für den Wandel.
Was macht die Kunstrichtung Realismus aus?: Erläutert die künstlerische Methode der Wirklichkeitserkenntnis und die Abwendung von romantischer Subjektivität hin zu einer ästhetisierten Darstellung des Alltags.
Die Novelle: Analysiert die Novelle als zentrales Gattungsmerkmal des Realismus, ihre Wortherkunft, Strukturen wie die Falkentheorie und die Funktion der Verklärung.
Die Dorfgeschichte: Untersucht die Bedeutung dieses Subgenres für die Schilderung regionaler Gesellschaftsstrukturen und deren Einfluss auf den poetischen Realismus.
Theodor Storm (1817 - 1888): „Immensee“ (1849): Analysiert die Musternovelle hinsichtlich ihrer Erinnerungsstruktur, Kausalität und der symbolischen Bedeutung von Naturmotiven.
TheodorStorm: Der Schimmelreiter (1888): Untersucht das mythische Spannungsfeld zwischen wissenschaftlichem Fortschrittsdenken und dem Aberglauben der Dorfbevölkerung.
Gottfried Keller: Romeo und Julia auf dem Dorfe: Diskutiert die Übertragung eines hohen Stoffes auf dörfliche Verhältnisse und die zentrale Rolle der Wasser- und Stein-Symbolik.
Gottfried Keller: Kleider machen Leute: Analysiert das Spiel mit Schein und Sein sowie die gesellschaftliche Entlarvung durch die Kleidung eines vermeintlichen Grafen.
Gottfried Keller: Das verlorne Lachen (1873): Beleuchtet die Kritik an religiösem Glück und die Wiederfindung der Liebe als Symbol für gesellschaftliche und individuelle Harmonie.
Conrad Ferdinand Meyer: Das Amulett (1873): Behandelt die Integration historischer Stoffe in die Novellistik und das multiperspektivische Erzählen bei Meyer.
Theodor Fontane: „Unterm Birnbaum“: Untersucht die Verschränkung von Kriminalgeschichte und realistischer Dorfgeschichte unter besonderer Berücksichtigung der psychologischen Tiefe.
Wilhelm Raabe: Else von der Tanne: Analysiert Raabes Fokus auf inhumanes Handeln und die Isolation von Außenseitern innerhalb einer moralisch fragwürdigen Gesellschaft.
Schlüsselwörter
Realismus, Novelle, Literaturgeschichte, 19. Jahrhundert, Industrialisierung, Bürgertum, Zeitschriftenmarkt, Gartenlaube, Erzählstruktur, Symbolik, Verklärung, Gesellschaftskritik, Theodor Storm, Gottfried Keller, Dorfgeschichte.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht die Novelle als literarische Paradegattung im Kontext des Realismus und analysiert deren ästhetische und soziale Funktion in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts.
Welche zentralen Themenfelder werden behandelt?
Im Zentrum stehen die Entwicklung des Zeitschriftenmarktes, die Rolle von Familienblättern wie der „Gartenlaube“, der Wandel der sozialen Schichten sowie spezifische Erzähltechniken realistischer Novellen.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage der Arbeit?
Es wird untersucht, wie realistische Novellen die zeitgenössischen gesellschaftlichen Veränderungen wie Industrialisierung und Pauperismus ästhetisch verarbeiten und wie sie als Vermittler zwischen künstlerischem Anspruch und Publikumsbedürfnissen fungieren.
Welche wissenschaftlichen Methoden kommen zum Einsatz?
Die Arbeit nutzt literaturhistorische Analysen und Gattungsbestimmungen, um die Entwicklung der Novelle und die individuelle Stilistik bedeutender Realisten (Storm, Keller, Meyer, Fontane) methodisch einzuordnen.
Welche Inhalte werden im Hauptteil fokussiert?
Der Hauptteil gliedert sich in eine medienhistorische Analyse des Literaturbetriebs sowie in tiefgehende Werkinterpretationen, die auf Rahmung, Kausalität, Symbolik und den Gegenwartsbezug der gewählten Novellen eingehen.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Publikation?
Zu den prägenden Begriffen zählen Realismus, Novelle, Dorfgeschichte, Ästhetisierung, Familienblattmoral, Symbolik und die spezifische „Verklärung“ der Wirklichkeit.
Welche Rolle spielt die „Gartenlaube“ für die Literatur dieser Zeit?
Die „Gartenlaube“ war als erfolgreichste Familienzeitschrift der Ur-Typ eines Mediums, das breite Bevölkerungsschichten ansprach, indem es konservative Werte mit unterhaltsamer Belletristik verband und so den Literaturbetrieb maßgeblich beeinflusste.
Inwiefern unterscheiden sich die Novellen bei Keller und Meyer?
Während Keller bei „Romeo und Julia auf dem Dorfe“ reale, alltägliche Schicksale im Dorfkontext ansiedelt, verarbeitet Meyer in „Das Amulett“ historische Stoffe und nutzt eine multiperspektivische Erzählweise, um psychologische Komplexität abzubilden.
- Arbeit zitieren
- Bachelor Ramona Schilling (Autor:in), 2013, Die Novelle als Paradegattung und im medialen Kontext des Realismus, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/278547