Forschung am Menschen. Das Autonomie-Konzept und seine Bedeutung für das ‚Informierte Einverständnis‘


Essay, 2013

6 Seiten, Note: 2,3


Leseprobe

1. Einleitung

Die vorliegende Arbeit beschäftigt sich, mit dem Konzept der Autonomie und dessen Bezug zum ‚Informierten Einverständnis‘. Dafür soll sowohl der Autonomiebegriff als auch der Begriff des ‚Informierten Einverständnis‘ näher beleuchtet werden. Im Anschluss daran soll geklärt werden, inwiefern das Autonomie-Konzept beim ‚Informierten Einverständnis’ zum Tragen kommt. Abschließend wird auf Autonomie-restringierende Faktoren und Umsetzungsprobleme in der medizinischen Forschungspraxis eingegangen. Als Grundlage dient sowohl das vierte Kapitel des Buches: Principles of Biomedical Ethics von Tom L. Beauchamp und James F. Childress als auch der Text: Die MRT als wissenschaftliche Studienuntersuchung und das Problem der Mitteilung von Zufallsbefunden – Probandenethische Herausforderungen von Dr. Martin Langanke und Pia Erdmann.

Der Autonomiebegriff wird diskursiv sehr unterschiedlich aufgeladen und von Wissenschaftlern und Theoretikern oft unterschiedlich definiert. Einige Facetten von Autonomie werden nun näher erläutert. Unter Autonomie wird häufig eine bedingungslos geltende Fähigkeit zur Einwilligung in bzw. Ablehnung bestimmte(r) Handlungsoptionen verstanden. Dabei denken wir jeden Menschen als autonom handelnd wenn er aus mehreren zueinander alternativen Handlungsoptionen, die für sich passende, unter Angabe von Gründen, auswählen kann. Dabei sollte stets zweitrangig sein, ob der angegebene Grund von Dritten nachvollzogen oder verstanden werden kann. Das Minimalkonzept von Autonomie schließt limitationsfreies Entscheiden, mit welchem auch eine ausreichende Informiertheit gemeint ist, und Freiheit vor der Einmischung Dritter bei der eigenen Entscheidungsfindung ein.[1] Man kann den Autonomiebegriff jedoch auch stärker aufladen und einer Person nur dann Autonomie zuschreiben, wenn sie über Selbstverwaltungsmechanismen wie ein gewisses Weltverständnis, Abwägungsstrategien, Managementstrategien und Eigenständigkeit verfügen.[2] Eine derartige Belegung des Begriffes birgt jedoch Risiken, da beispielsweise manchen Kindern und Jugendlichen, kranken und alten Menschen fälschlicherweise ihre Autonomie abgesprochen wird.

Die vollkommene Autonomie kann nur ein Idealkonstrukt sein, das gesellschaftlich nicht umsetzbar ist. Aus diesem Grund sollte eine Entscheidung nur im Kern autonom sein müssen, um als autonome Entscheidung eingestuft werden zu können. Grundlegend sollte es dabei auch auf den bestimmten Kontext ankommen um die Grenzen und Möglichkeiten der spezifischen, autonomen Entscheidung abstecken zu können.[3]

Andere Theorien sehen Autonomie als die Fähigkeit der Zurückweisung von, selbst erwählten, elementaren Bedürfnissen, wie zum Beispiel das Hauptbedürfnis des Trinkens von Alkohol bei einer alkoholabhängigen Person, hinter Bedürfnisse zweiter Ordnung. Diese erfüllen zwar das Hauptbedürfnis nicht, sind aber ganzheitlich als höherwertig anzusehen, wie zum Beispiel das Nicht-Trinken von Alkohol bei einer alkoholabhängigen Person. Wenn eine solche Entscheidung getroffen werden kann, die Person diese reflektieren, sich mit ihr identifizieren und die Entscheidung akzeptieren kann, dann ist die Entscheidung als autonom getroffen anzusehen.[4]

Das Vorhandensein von Autonomie ist naturwissenschaftlich oder psychologisch nur schwer nachweisbar, jedoch kann nachgewiesen werden, dass die Autonomie in bestimmten Situationen nicht gegeben war. Der augenscheinlich positiv aufgeladene Begriff muss daher als negativer bezeichnet werden. Autonomie ist daher nicht vorhanden, wenn ein Individuum in seiner Entscheidung von Dritten maßgeblich beeinflusst bzw. gelenkt wird oder wenn es verschiedene Handlungsoptionen und ihre Folgen nicht einschätzen kann, was krankheits-, oder reifebedingt sein kann, oder einer fehlenden Aufklärung geschuldet ist. Weitere Autonomie-restringierende Faktoren werden im weiteren Verlauf erläutert.

Beim ‚Informierten Einverständnis‘ (Informed Consent, abgekürzt: IC) in der medizinischen Praxis handelt es sich um eine Einverständniserklärung von Probanden bzw. Patienten, die erst nach gründlicher Auseinandersetzung mit dem Thema getroffen wird. Dies kann durch verschiedene Aufklärungsmethoden erreicht bzw. erleichtert werden. Diese Methoden können Fragebögen, Texte, Videos, Gespräche, häufiges Nachfragen usw. umfassen. Dabei sollen die potenziellen Teilnehmer sowohl über den Nutzen als auch die Risiken der Studie aufgeklärt werden.

2. Auseinandersetzung

In Bezug auf das ‚Informierte Einverständnis‘ sollte der Autonomiebegriff schwächer aufgeladen werden. Grundsätzlich ist es wichtig das ein Proband die Entscheidung an einer Gesundheitsstudie teilzunehmen selbstständig und frei treffen kann. Dafür müssen die nötigen Informationen, die zur Entscheidungsfindung beitragen können, zur Verfügung gestellt werden und der Proband muss hinreichend über Vor- und Nachteile, Möglichkeiten, Probleme, Risiken und Folgen aufgeklärt werden. Jedoch kann nicht bei allen medizinischen Studien davon ausgegangen werden, dass alle Zusammenhänge bis ins Detail verstanden werden können. Das soll aber nicht bedeuten, dass eine Entscheidung für oder gegen die Studie nicht als autonom einzustufen ist. Dabei ist auch nicht davon auszugehen, dass Einfluss von außen bis ins Kleinste vermieden werden kann. Eine gewisse Auseinandersetzung mit den Menschen seiner Umgebung sollte nicht als Verlust von Autonomie eingestuft werden. Durch verschiedene Formen der Aufklärung soll es den Probanden ermöglicht werden, sich detailliert mit dem Inhalt der medizinischen Studie auseinanderzusetzen und auf Grundlage dieser Auseinandersetzung ihre Entscheidung zu treffen. Die Aufklärung muss dabei so transparent wie möglich erfolgen. Die Dokumente, die Aussagen der Ärzte und mögliche Videoinhalte, andere Medien oder Maßnahmen, die zur Veranschaulichung genutzt werden, müssen klar formuliert und eindeutig strukturiert sein.[5] Es muss die Möglichkeit geben Fragen zu stellen und diese fachkundlich beantwortet zu bekommen. Auch wenn es sich bei der Einverständnisklärung zur Teilnahme klar um eine vertragliche Einigung handelt, die an beide Parteien festgeschriebene Forderungen stellt, sollte es dem Probanden möglich sein, seine Entscheidung zu revidieren. Dies sollte beispielsweise dann möglich werden, wenn den Probanden neue Informationen zur Studie erreichen oder er mit den Abläufen der Studie nicht mehr einverstanden ist.

3. Autonomie-restringierende Faktoren und Umsetzungsprobleme bei ihrer Beseitigung

Es gibt vielfältige Faktoren, die die Autonomie von Individuen einschränken können. Diese können in innere und äußere Faktoren unterschieden werden. Dabei bezeihen sich die äußeren Faktoren auf die Umgebung des Probanden und der Studie, und die inneren Faktoren auf individuelle, vom Probanden abhängige Faktoren. Dabei haben die äußeren Faktoren häufig einen großen Einfluss auf die inneren Faktoren. Zu forderst können die Rahmenbedingungen der Studie und das durchführende Personal genannt werden. Eine medizinische Studie, die im Kliniksetting durchgeführt wird, inkludiert immer eine gewisse Art von Wichtigkeit, Seriosität und vielleicht auch Dringlichkeit. Menschen können sich von einem derartigen Umfeld eingeschüchtert und übermannt fühlen. Dazu kommt, dass der Umgang mit den „Göttern in weiß“ von einer gewissen Unterlegenheit, Abhängigkeit oder auch Bewunderung geprägt sein kann, die die Entscheidungsfindung maßgeblich beeinflusst. Hinzu kommen das Thema und der erhoffte Nutzen der Studie. Die Aussicht bei der Erforschung oder gar Heilung einer todbringenden Krankheit zu helfen kann viele Menschen in ihrer Entscheidung unfrei machen. Mit den äußeren Faktoren geht ein erlerntes Rollenverständnis einher das jedes Individuum im Laufe seines Lebens entwickelt hat. Der Proband fühlt sich dahingehen schnell als vom Arzt abhängiger, ihm unterlegener Patient. (So wie sich viele Erwachsene wieder in der Schülerrolle sehen sobald sie eine Schule betreten oder auf einen Lehrer treffen.) Diesem inneren Rollenverständnis kann nur sehr schwer entgegen gewirkt werden.

[...]


[1] Beachamp T., Childress J., Principles of Biomedical Ethics, S. 99.

[2] Beachamp T., Childress J., Principles of Biomedical Ethics, S. 100.

[3] Beachamp T., Childress J., Principles of Biomedical Ethics, S. 102.

[4] Beachamp T., Childress J., Principles of Biomedical Ethics, S. 100

[5] Dr. Martin Langanke, Pia Erdmann „ Die MRT als wissenschaftliche Studienuntersuchung und das Problem der Mitteilung von Zufallsbefunden“, S. 214.

Ende der Leseprobe aus 6 Seiten

Details

Titel
Forschung am Menschen. Das Autonomie-Konzept und seine Bedeutung für das ‚Informierte Einverständnis‘
Hochschule
Ernst-Moritz-Arndt-Universität Greifswald  (Theologische Fakultät)
Veranstaltung
Proseminar: Grundfragen der Medizinethik
Note
2,3
Autor
Jahr
2013
Seiten
6
Katalognummer
V279040
ISBN (eBook)
9783656728573
ISBN (Buch)
9783656728566
Dateigröße
496 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
forschung, menschen, autonomie-konzept, bedeutung, einverständnis‘
Arbeit zitieren
Anika Kehl (Autor), 2013, Forschung am Menschen. Das Autonomie-Konzept und seine Bedeutung für das ‚Informierte Einverständnis‘, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/279040

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