Sexualpädagogik in den Medien. Von Dr. Sommer bis zur "Sexualerziehung 2.0" im Internet


Fachbuch, 2014
182 Seiten

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Sexualpädagogik im Wandel der Zeit
1.Einleitung
2. Sexualerziehung im Altertum und Mittelalter
3. Negative Sexualerziehung
3.1. Sexualerziehung in der Kindheit
3.2. Sexualerziehung in der Jugend
3.3. Zeitzeugenberichte aus der Nachkriegszeit
4. Scheinaffirmative Sexualerziehung
4.1. Sexualerziehung in der Kindheit
4.2. Sexualerziehung in der Jugend
5. Emanzipatorische Sexualerziehung
5.1. Die Erkenntnisse Sigmund Freuds
5.2. Sexualerziehung in der Kindheit
5.3. Sexualerziehung in der Jugend
6. Fazit
Literaturverzeichnis

40 Jahre Dr. Sommer & Co. Sexualerziehung in der BRAVO im Spiegel der Zeit
1. Einleitung
2. Die Jugendzeitschrift BRAVO
2.1 Auflage und Leserschaft
2.2 Aufklärungsserien und sexuelle Lebenshilfe
3. Quantitative und qualitative Inhaltsanalyse des Stichprobenmaterials
3.1 Die Stichprobe
3.2 Quantitative Analyse
3.3 Qualitative Aspekte
4. Vergleich des Stichprobenmaterials von 1989 bis 2008
4.1 Kontinuitäten
4.2 Unterschiede in den Fragen und Problemen Jugendlicher
4.3 Die Veränderung der Aufklärungsseiten
5. Fazit
Literaturverzeichnis
Primärliteratur
Sekundärliteratur

Vom Einfluss der modernen Pornographie auf das Sexual- und Selbstempfinden im 21. Jahrhundert
1. Einleitung
2. Die Geschichte der Pornographie: Von der Höhlenmalerei zum Full HD-Erlebnis
3. Von der Existenzgrundlage der Pornoindustrie: Die Geschichte der Masturbation
4. Die Einflüsse der modernen Pornographie auf das Selbstempfinden
5. Die Einflüsse der modernen Pornographie auf das Sexualempfinden
6. Schlusswort
Literaturverzeichnis
Umfrageergebnisse

Sexualpädagogik goes Web 2.0. Sexualpädagogik im Umgang mit sozial-online vernetzten Jugendlichen
1. Einleitung
2. Jugend und Sexualität
2.1 Lebenswelten Jugendlicher
2.2 Definition Sexualität
2.3 Sexuelle Entwicklung im Jugendalter
3. Jugend und Sexualität im Web 2.0
3.1 Ausdrucksmöglichkeiten von Sexualität im Web 2.0
3.2 Der Umgang Jugendlicher mit ihrer Sexualität im Sozialen Netzwerk facebook
3.3 Probleme und Gefahren
4. Grundlagen der gegenwärtigen Sexualpädagogik
4.1 Institutionenübergreifende Grundlagen der Sexualpädagogik
4.2 Familiale Sexualpädagogik
4.3 Staatliche Sexualpädagogik
4.4 Kirchliche Sexualpädagogik
5. Sexualpädagogik im Zeitalter des Web 2.0
5.1 Erziehung zur Kompetenz im Umgang mit Sozialen Netzwerken
5.2 Erziehung zum Umgang mit sexuellen Inhalten in Sozialen Netzwerken
5.3 Vorschlag für einen sexualpädagogischen Leitfaden Web 2.0
6. Fazit und Ausblick
Literaturverzeichnis

Sexualpädagogik im Internet. Chancen und Risiken einer sexualpädagogischen Online-Beratung
1. Einleitung
2. Definitionen
2.1 Beratung
2.2 Sexualpädagogik
2.3 Sexualpädagogische Beratung
3. Sexualpädagogik im Wandel – Entstehung und Geschichte
4. Beratung im Internet
4.1 Vorteile der Online-Beratung
4.2 Nachteile der Online-Beratung
5. Welche Chancen und Risiken für die sexualpädagogische Arbeit ergeben sich aus diesen Erkenntnissen?
6. Ausblick
Literaturverzeichnis

Einzelbände

1.Einleitung

Sexualerziehung, bzw. sexuelle Aufklärung, ist definiert als „die geschlechtliche Erziehung von Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen“[1] und beruht auf der „Weitergabe von Informationen über Sexualität“[2].

Es beinhaltet Informationen über:

- „(den) menschlichen Körper und seine Funktion, Anatomie von Mann und Frau, anatomische Veränderung während des Wachstum und in der Pubertät.
- Erotik und Liebesleben, Sexualität, Zeugung, Schwangerschaft, Geburt, Stillen, Ehe, Eltern, Kinder
- allgemeine Körperhygiene und Sexualhygiene oder Intimpflege, das Verhüten von Ansteckung mit Geschlechtskrankheiten, Schwangerschaftsverhütung, Familienplanung.
- Sexualität als Kulturverhalten, gesellschaftliche Norm und die Abweichung von ihnen“[3].

Das Ziel, ist eine als "richtig" empfundene Sexualmoral zu entwickeln, die eine Ausübung des angeborenen Sexualtriebs im Einklang mit der jeweiligen Kultur erlaubt.[4]

So wird Sexualerziehung heute definiert. Es ist ein Thema, das in unserer Zeit nicht mehr weg zu denken ist. Doch das war nicht immer so. Sexualerziehung, bzw. sexuelle Aufklärung, wie wir sie heute kennen, ist erst seit ca. 40 Jahren zu einem festen Bestandteil unserer Erziehung geworden. Vor 200 Jahren war sie völlig unbekannt. Sie war etwas Selbstverständliches und ergab sich von selbst. Durch ein offenes Leben mit Mensch und Tier, ohne Scham und Verbote, boten sich Kindern schon allein durch die Beobachtung in ihrem Umfeld genügend Möglichkeiten sich selbst aufzuklären.

In dieser Ausarbeitung werde ich mich mit der Problematik und den Veränderungen der Sexualerziehung von Kindern und Jugendlichen befassen, wobei ich auf drei verschiedene Formen der Sexualerziehung eingehen werde,

- die negative Sexualerziehung
- die scheinaffirmative Sexualerziehung und
- die emanzipatorische Sexualerziehung

die vom 18.Jahrhundert bis in unsere heutige Zeit reichen. Beginnen werde ich mit einem kurzen Einblick ins Mittelalter und Altertum, wo die Sexualerziehung für den Menschen noch ohne jegliche Bedeutung war. Danach werde ich auf das 18. Jahrhundert eingehen, der Zeit der negativen Sexualerziehung, in der die Sexualität am stärksten tabuisiert wurde. Im weiteren Verlauf folgt ein Einblick in die scheinaffirmative Sexualerziehung, die den kommenden Wandel des Menschen in Bezug auf die Sexualität ankündigt. Im Anschluss darauf folgt die emanzipatorische Sexualerziehung. Zum Schluss gebe ich ein kurzes Fazit

2. Sexualerziehung im Altertum und Mittelalter

Im Altertum und Mittelalter ist Sexualität ein fester Bestandteil des Lebens. Nichts Besonderes, nichts Problematisches, nichts, dem besondere Aufmerksamkeit gebührt hätte. Sexuelles Wissen ist etwas Selbstverständliches, und mit derselben Selbstverständlichkeit kann es auch erworben werden. Kinder leben nicht in einer eigenen, geschützten Welt, sondern sind Teil der Erwachsenenwelt. Somit ist es nichts Ungewöhnliches, wenn sie an Arbeits- und Freizeitaktivitäten der Erwachsenen teilnehmen. Der Großteil der Bevölkerung lebt auf dem Land, was Kindern genügend Gelegenheit bietet, Tiere bei der Fortpflanzung zu beobachten. Familien baden und schlafen oft unbekleidet gemeinsam. Brautwerbung und Schwangerschaft sind ein offenes Thema, an dem jeder teilnehmen kann, Frauen bringen ihre Kinder im eigenen Haus zur Welt. Es gibt keine ausgesprochene Privatsphäre, wodurch Schamgefühle und Verlegenheit im Zusammenhang mit den natürlichen Körperfunktionen nur selten auftreten. Sexuelle Dinge sind nichts Geheimnisvolles. Mit Beginn der Pubertät gelten Jungen wie auch Mädchen als heiratsfähig. In Lehrbüchern für Kinder wird Sexualität offen behandelt. Es ist ein fester Bestandteil des täglichen Lebens, mit demselben Stellenwert wie alle anderen Dingen vom allgemeinen Interesse.

Im Laufe der folgenden Jahrhunderte ändert sich die Einstellung der Menschen jedoch gravierend. Die Kindheit wird zur besonderen, „unschuldigen" Lebensphase auserkoren, in der es gilt, die jungen Menschen vor den Versuchungen der Erwachsenenwelt zu schützen. Im Verlauf der Jahre wird diese Regelung auch auf das Jugendalter übertragen. Es macht sich eine Prüderie breit, die alles Sexuelle für schmutzig und gefährlich erklärt.[5] Masturbation wird als „... ernsthafte() Gefahr für die Gesundheit“[6] definiert. „... Sexualität [wird] zu einem mysteriösen und zutiefst verwirrenden Thema“.[7]

3. Negative Sexualerziehung

Negative Sexualerziehung hat ihren Ursprung im 18. Jahrhundert und hat ihre Auswirkungen bis in die 1950er Jahre hinein. Sie ist auch als „repressive“, „unterdrückende“ oder „autoritäre Sexualerziehung“ bekannt. Die menschliche Sexualität ist zu dieser Zeit ein öffentliches Tabuthema. Der Begriff der negativen Sexualerziehung ist auf Rousseau zurückzuführen. Er beschreibt „eine Pädagogik, die den Zögling vor Einflüssen der Zivilisation streng abschirmt“[8]. „...Die Hauptsache [liegt] nicht darin, die Gedanken auf das Sexuelle hinzulenken, sondern sie davon abzulenken“.[9]

Kinder und Jugendliche werden von der Sexualität ferngehalten, sexuelle Vorgänge werden lediglich umschrieben. In Schulbüchern wird der Mensch als geschlechtsloses Wesen dargestellt. In der Erziehung soll nur das Notwendigste erwähnt werden. Auf diese Weise sollen „... alle diejenigen Charakterkräfte und Gewohnheiten ... [geweckt werden], welche den jungen Menschen von selbst in die richtige geistige Haltung gegenüber den erwachenden Trieben setzen“[10]. Die negative Sexualerziehung zeichnet sich vor allem auch durch ihre ängstliche Einstellung zur Sexualität aus. Um das Kind vor möglichen sexuellen Handlungen fernzuhalten, werden Angst- und Ekelgefühle geweckt, mögliche Gefahren werden immer wieder betont. Im Vordergrund steht die „Reproduktion“. Sexualität soll ausschließlich der Fortpflanzung dienen und auf die Ehe beschränkt bleiben, womit die Ehe und die Gründung einer Familie das oberste Ziel jeder Erziehung ist.[11] Vor allem Frauen leiden unter den Tabuisierungen dieser Zeit. Ihre Sexualität wird allein auf Ehe, Schwangerschaft und Mutterschaft begrenzt.[12] Selbst die Sexualität in der Ehe unterliegt klaren Regeln und muss „auf das Wesentliche“ beschränkt bleiben. „Einzig der genitalreduzierte, d.h. auf die Benutzung der Genitalien unter Ausschluss aller sonstiger Liebesspiele und Zärtlichkeiten verkürzte Koitus [ist] gestattet, der so zu erfolgen [hat], dass die Aussicht auf Befruchtung in keiner Weise beeinträchtigt [wird].[13] Normal und wohlerzogen soll[…] [die Frau] selbst in der Ehe keinerlei sexuelle Bedürfnisse und beim Geschlechtsverkehr keine Empfindungen kennen, soll[…] passiv den Akt erdulden, um ihrem Gatten zu Willen zu sein und der Mutterschaft teilhaftig zu werden.[14] Fortpflanzung ist der offizielle Zweck der Ehe, und die Befriedigung des Geschlechtstriebes [gilt] als ein für den Einzelmenschen und die Gesellschaft höchst gefährlich bewerteter, teuflischer Trieb. Sexuallust [wird] einzig als übles, aber leider notwendiges Mittel zur Fortpflanzung zugelassen.“[15]

3.1. Sexualerziehung in der Kindheit

Kinder werden in der anthropologischen Sichtweise der negativen Sexualerziehung als „engelsgleiche Wesen ohne Genitale – [und] was den Sexualbereich angeht - ohne affektive und kognitive Bedürfnisse“[16] betrachtet. Sie sind Asexuelle, noch nicht zeugungsfähige Wesen. Jungen entwickeln ihren Geschlechtstrieb erst mit Eintritt der Pubertät. Beim Mädchen ist es sogar möglich das dieser erst in der Ehe zum Vorschein kommt[17], allerdings nur unter der Bedingung, dass „... das Mädchen durch eine gute, abschirmende, behütende Erziehung gegen verführerische Einflüsse von außen geschützt [wird]“[18]. Mit dieser Auffassung von kindlicher Sexualität fällt es nur sehr schwer, einem Kind eine eigene Sexualität zuzugestehen. Rousseau war der Ansicht, dass jedes Kind „in einem ,natürlichen’ Zustand ‚heiliger Unschuld’ geboren [werde], der möglichst lange zu erhalten sei“[19]. Um die Wahrung dieser Unschuld sichern zu können, gehört das Fernhalten und Ablenken zu den Prinzipien und Methoden der kindlichen Erziehung. Die sexuelle Aufklärung des Kindes wird immer wieder auf einen späteren, noch unbekannten, Zeitpunkt verschoben. Gelingt dies nicht, werden auf Empfehlung von Rousseau, um Unschuld und Harmonie des Kindes zu wahren, durch Erzählungen von „Horrorgeburten“, schmerzhaften Zeugungen und Berichten von sexueller Gewalt Angst- und Ekelgefühle im Kind geweckt, die es auf diese Weise ebenfalls von einem Interesse an der Sexualität und möglichen sexuellen Gedankengängen fernhalten.[20]

3.2. Sexualerziehung in der Jugend

Sexualität dient allein der Reproduktion und ist Teil der mustergültigen Ehe, um die Gründung einer Familie zu ermöglichen. Natürlich wird bei Jugendlichen ein starkes Interesse an der Sexualität deutlich, es ist das „Erwachen der Sexualität“[21], wie es zu dieser Zeit auch beschrieben wird. Doch wird Sexualität in der Jugend auch mit Gefahr verbunden, mit einem Naturtrieb, den es durch Überwachung und wenn nötig auch durch Bestrafung zu verdrängen, bestenfalls völlig auszuschalten gilt. Berichte über Geschlechtskrankheiten sollen die Jugendlichen vor vorehelichem Geschlechtsverkehr abschrecken.[22] Auch die Masturbation wird in der negativen Sexualerziehung nicht geduldet. „Das voreheliche Leben [wird] als ein Übungsfeld zum Erlernen von Selbstbeherrschung, Opferbereitschaft und Entsagung aufgefasst.“[23] Es ist Aufgabe der Erzieher, dafür zu sorgen, „dass sexuelle Befriedigung nicht zustande kommt und von der Sexualität wegerzogen wird“[24]. Indirekte Methoden wie Ordnung halten, Fasten und Schweigeübungen sollen dabei Hilfestellung leisten, dem inneren Drang zur Selbstbefriedigung entgegen zu wirken[25] und somit „die animalischen Zustände und Bedürfnisse im Zaum zu halten und zur Unterwerfung zu zwingen“[26]

3.3. Zeitzeugenberichte aus der Nachkriegszeit

Auch in den Jahren nach 1945 bleibt sexuelle Aufklärung als Tabuthema bestehen. Zeitzeugen berichten, dass die sexuelle Aufklärung als Thema in ihrem Elternhaus verboten ist. Dort wo sie stattfindet, ist sie eine Ausnahme, die lediglich „der damals modern eingestellten Mutter zugeschrieben“[27] wird. Die Allgemeinheit der Kinder und Jugendlichen lebt mit einer Unwissenheit gegenüber ihrer Sexualität. Aufklärung findet in ihrem Elternhaus nicht statt.

Frau H. (Jg.1925) erinnert, dass – gemäß der damaligen Konvention – der erste Mann, mit dem sie sexuell verkehrte, gleichzeitig ihr zukünftiger Ehemann war. Erst aus einem Aufklärungsbuch hätte sie sich als 24-Jährige über die Funktion der männlichen Sexualität informiert, da sie über keinerlei diesbezügliches Wissen verfügte.“[28]

Frau D. (Jg. 1922) berichtet, dass sie ‚kaum’ aufgeklärt worden sei und vor der Ehe keine sexuellen Erfahrungen gehabe habe. Die Scheu, mit einem Mann vor der Ehe intim zu werden und die Furcht, schwanger zu werden, sieht sie als einen Teil der damaligen Erziehung [...] Schließlich sei sie aber sofort nach der Eheschließung – resultierend aus der Unaufgeklärtheit – schwanger geworden.“[29]

Besonders für Mädchen ist der Beginn der Pubertät durch die fehlende Aufklärung mit Problemen verbunden. Der Eintritt der ersten Menstruation ist für viele von ihnen ein Schockerlebnis und, geprägt durch das gesellschaftliche Verständnis von Sexualität, nicht selten mit Ekelgefühlen verbunden. Mit ihren körperlichen Veränderungen sind sie auf sich alleine gestellt.[30] Sie wissen nicht, was es bedeutet, „eine Frau zu sein, schwanger zu werden, eine Ehe zu führen und eine Familie zu gründen“[31]

Frau C. (Jg.1921) hatte als ledige junge Frau während des Krieges mit einem Soldaten ein sexuelles Verhältnis. Dieser musste an die Front und wollte sie – schwanger geworden – nicht heiraten. Und zuhause setzte man sie aufgrund der von der Gesellschaft gedeuteten Schande der nichtehelichen Mutterschaft vor die Tür. Nach der Entbindung wäre es ihrer Mutter lieb gewesen, wenn das Kind tot gewesen wäre, um der Tochter – und möglicherweise auch sich selbst – die gesellschaftliche Verleumdung zu ersparen.“[32]

Ungewollte Schwangerschaften stellen bei den Frauen in der Nachkriegsjahren keine Einzelfälle dar, doch bleibt auch bei den Zeitzeuginnenberichten vieles unklar. „Und nur am Rande wird von den Zeitzeuginnen erwähnt, dass manches ihrer Kinder ungeplant war.“[33]

4. Scheinaffirmative Sexualerziehung

Die scheinaffirmative Sexualerziehung ist der Nachfolger der negativen Sexualerziehung. Sie hat 1968 ihren Höhepunkt erreicht und ist auch als „scheinliberale“, „pseudodemokratische“ oder „scheinbar bejahende Sexualerziehung“ bekannt. Sie stellt die negative Sexualerziehung in einer abgeschwächten Form dar. Sexualität wird nicht mehr ganzheitlich tabuisiert, doch die Grundprinzipien der Erziehung bleiben genau genommen dieselben. Das Ziel Ehe und Familie, das in der negativen Sexualerziehung das oberste Ziel jeder Erziehung darstellte, bleibt auch in der scheinaffirmativen Erziehung erhalten, allerdings in einer abgeschwächten Variante. Vorehelicher Geschlechtsverkehr bedeutet jetzt nicht mehr das Versagen einer Erziehung, es ist den Jugendlichen erlaubt, jedoch auch nur unter der Bedingungen, dass sie „reif“[34] genug dafür sind und es sich dabei um eine „Beziehung auf Dauer“[35] handelt, sprich eine Beziehung, die die Eheschließung zum Ziel hat. Auch die Masturbation wird weitestgehend akzeptiert, „nämlich als ‚vorübergehende Erscheinung’ in der Entwicklung junger Menschen“[36] mit der Einschränkung, dass sie „nicht zu häufig betrieben werde“[37], da es auf Grund zu häufiger Masturbation dennoch zu physischen und psychischen Schäden kommen kann. Eine genaue Definition von „nicht zu häufig“ wird dabei allerdings nicht gegeben. Auch die Homosexualität wird legalisiert. Homosexuelle gelten nicht mehr als Kriminelle, die mit einem strafrechtlichen Verfahren rechnen müssen, wenn ihre sexuelle Orientierung an die Öffentlichkeit gelangt. Es ist Teil der scheinaffirmativen Erziehung, ihm Hilfestellung zu leisten, indem man ihn dazu „ermuntert, sich einem Seelsorger oder Psychiater anzuvertrauen“[38].

4.1. Sexualerziehung in der Kindheit

Die scheinaffirmative Erziehung gesteht dem Kind ein Recht auf Sexualität und Aufklärung zu, jedoch nur in sehr eingeschränkter Form. Zwar wird erkannt, dass die Erziehungsprinzipien der negativen Sexualerziehung, dem Kind Angst zu machen, sodass es Sexualität mit Gefahr und Schmerzen in Verbindung setzt, falsch ist, doch ist es immer noch Teil der Erziehung, von emotionalen und genitalen Bereichen abzulenken. Das Recht des Kindes auf Informationen umfasst in der scheinaffirmativen Sexualerziehung nur die Informationen auf kognitiver Seite. Das Wissen, das dem Kind zugestanden wird, wird auf die Körperkenntnis, den Unterschied zwischen Mann und Frau, Schwangerschaft und Geburt reduziert. In Ausnahmefällen wird dem Kind der Zeugungsvorgang erklärt. Das Ziel der Erziehung ist es, dass das Kind über Körperkenntnisse verfügt und ebenfalls dazu in der Lage ist, die körperlichen Gegebenheiten und deren Vorgänge zu verbalisieren.[39]

4.2. Sexualerziehung in der Jugend

Das Verständnis von Sexualität, das Jugendlichen vermittelt wird, ist auf „eine vordergründige Anerkennung der Sexualität“[40] beschränkt, die weitestgehend durch eine geschlechtsspezifische Form gekennzeichnet ist. Die „Warnung vor Verführung“[41], wie sie schon in der negativen Erziehung auftrat, bleibt weiterhin bestehen. Das Erziehungsziel Ehe und Familie wird erweitert durch die Erlernung biologischer Abläufe und die Fähigkeit, diese auch verbalisieren zu können.

5. Emanzipatorische Sexualerziehung

Emanzipatorische Sexualerziehung gewinnt nach 1968 an Bedeutung.

„Am 17. Juni 1969 wird der Sexualkunde-Atlas als einheitliches Unterrichtsmittel eingeführt. Auf nüchterne und informative Art [werden] darin Themen wie Menstruation, Schwangerschaft, Empfängnisverhütung usw. behandelt.“[42] Sexualerziehung wird zu einem festen Thema in den Schulen. Durch die Erneuerung des Strafrechts wird 1969 das Verbot der Homosexualität aufgehoben und der Schwangerschaftsabbruch innerhalb geregelter Indikationsbedingungen erlaubt. Es ist speziell die jüngere Generation, bestehend aus Schülern, Studenten und Auszubildenden, die sich für eine sexuelle Enttabuisierung einsetzt. Sie fordern eine „Normalisierung sexueller Betrachtungsweisen[...] in kulturrevolutionärer und gesellschaftsverändernder Absicht“[43], womit sie zugleich eine sexuelle Protestbewegung auslösen, mit der so niemand gerechnet hätte. Sie ziehen die Aufmerksamkeit aller einflussreichen Medien auf sich, die innerhalb kürzester Zeit ein Thema publik machen, das über Jahrzehnte hinweg tabuisiert wurde und niemals öffentlich diskutiert worden wäre. Die Veränderungen, die die „Sexwelle“[44] im Sexualleben der Jugendlichen ausgelöst hat, ist unverkennbar. Zucht und Ordnung der vergangenen Jahre werden gegen Freizügigkeit gegenüber sexuellen Umgangsformen und Themen eingetauscht. Geschlechtsspezifische Rollenklischees, unter denen in erster Linie das weibliche Geschlecht zu leiden hatte, und die Verbote sexueller Handlungen außerhalb der Ehe werden aufgehoben. Die Haltung der jungen Menschen in Bezug auf die gesellschaftlichen Moralvorstellungen, insbesondere den kirchlichen, spiegelt sich in einem unbekümmerten und unabhängigen Verhalten wieder. Ein Zwiespalt zwischen Jung und Alt ist die Konsequenz.[45]

Auch in der Sexualerziehung wird eine Veränderung deutlich. Anstatt zu verbieten, zu mystifizieren und abzulenken wird jetzt mehr zugelassen, geduldet und diskutiert. Sexualerziehung wird als ein Teilbereich der Gesamterziehung anerkannt. Die Einstellung zum vor- und außerehelichen Sexualverhalten wird gelockert, der nackte Körper wird immer stärker an Badestränden und in den Massenmedien zur Schau gestellt, pornographische Produkte sind ein fester Bestandteil in vielen Haushalten.[46]

5.1. Die Erkenntnisse Sigmund Freuds

In der emanzipatorischen Sexualerziehung wird davon ausgegangen, dass auch das Kind über eine eigene Sexualität verfügt.

Die Grundlagen der emanzipatorischen Sexualerziehung beruhen auf den Erkenntnissen Sigmund Freuds. Freud verweist bereits zu seiner Zeit darauf, dass „Ansätze sexueller Regungen […] bereits beim Säugling feststellbar [seien], systematische Beobachtungen des kindlichen Sexuallebens […] [ließen] sich bei Kleinkindern im Alter von drei bis vier Jahren anstellen“[47]. Er entdeckt drei Stadien frühkindlicher Sexualität. Das erste Stadium beginnt im Säuglingsalter. Freud begründet dies mit der Sauglust des Säuglings, was nach seiner Auffassung Lustgewinnung darstellt. Er beschreibt dies als orale Lust. Das zweite Stadium frühkindlicher Sexualität ist die Anal-Lust, womit das „... willkürliche[] Zurückhalten und Ausstoßen des Stuhls beschrieben wird“[48]. Die letzte Phase wird als die phallische Lust beschrieben, was das Spielen des Kindes mit seinen Genitalien umfasst.[49] „Sexualität durchzieht das ganze Leben des Menschen – von der Geburt bis zum Tod. Sexualität ist nicht nur ein Naturereignis, sondern Körpersprache, die gelernt werden muss, wie die Sprache selbst.“[50]

5.2. Sexualerziehung in der Kindheit

Die Zeit der emanzipatorischen Sexualerziehung erkennt, dass auch Kinder über eine eigene Sexualität verfügen. Die „Bejahung der kognitiven, affektiven und genitalen Bedürfnisse“[51] ist das Ziel der emanzipatorischen Erziehung. Der natürlichen Neugier des Kindes an seinem Körper soll nicht mehr durch Ablenkung und Fernhaltung entgegen gewirkt werden. Durch kindgerechte Informationen und die Unterstützung der Eltern / Erzieher soll das Kind lernen, seine eigene Sexualität zu akzeptieren und zu genießen, um so ein angemessenes Sexualverhalten zu entwickeln.

5.3. Sexualerziehung in der Jugend

Jugendlichen wird vermittelt, dass Sexualität mehr ist als bloßer Geschlechtsverkehr, bzw. dass der Geschlechtsverkehr mehr ist, als die Instandhaltung der eigenen Art. Sexualität bedeutet in der emanzipatorischen Erziehung Körpererfahrung, Kommunikation und Körpersprache. Die Rangordnungen „unreife“ und „reife“ Sexualität wird aufgehoben. Masturbation stellt keine Gefahr mehr für den Menschen dar, sondern ist etwas Natürliches. Das Ziel der emanzipatorischen Erziehung ist die Partnerschaft, die Fähigkeit Verantwortung tragen zu können, solidarisch und tolerant seiner Umwelt gegenüber treten zu können, insbesondere sozial benachteiligten und schwächeren Personengruppen. „Emanzipation in diesem Sinne ist die Befreiung von Vorurteilen [...]. [Sie] ist niemals abgeschlossen, nicht statisch zu verstehen, sondern als ein fortwährender dynamischer Prozess, der ständig Neureflexion bedingt.“[52] Die Prinzipien und Methoden dieser Erziehungsrichtung beinhalten zudem, es dem Jugendlichen zu ermöglichen, sich mit seiner eigenen Sexualität und seinen eigenen Wünschen unter der Berücksichtigung gesellschaftlicher Normen auseinander zu setzen.[53]

6. Fazit

Die Betrachtungsweise und der Umgang untereinander hat im Leben der Menschen in den Bereichen Privatsphäre, Sexualität, Partnerschaft und Familie einen beträchtlichen Wandel vollzogen, der von der totalen Tabuisierung bis hin zur „freien Liebe unter den Geschlechtern“ reicht. Doch auch wenn der sexuellen Erziehung von Kindern und Jugendlichen heute nicht mehr mit der Härte von vor 50 Jahren entgegen getreten wird, bleibt die Frage, inwiefern die sexuelle Liberalisierung tatsächlich stattgefunden hat und welchen Zweck sie eigentlich erfüllt.

Auch heute noch ist die Sexualität der Kinder und Jugendlichen verbunden mit Einschränkungen und Kontrollen, Verunsicherungen und Frustrationen, Ängsten und Konflikten. Der Beginn der Pubertät, der „Leistungsdruck“, mit Freunden mithalten zu können, mitreden zu können, wenn es um sexuelle Themen geht, die Angst anders zu sein als die Anderen usw. Auch wenn die Tabus der damaligen Zeit aufgehoben wurden, bleibt die eigene Sexualität ein Bereich, der dennoch für einen großen Teil der Jugendlichen Schamgefühle hervorruft.

Allgemein gesehen kann die sexuelle Liberalisierung in den meisten Fällen auf die Weiterentwicklung der Zivilisation zurückgeführt werden. Sexualität ist eine Ware, die sich durch die Medien, speziell das Fernsehen und die Werbung, gut vermarkten lässt. Der Einsatz nackter Körperteile, bzw. dem unbekleideten Körper generell, ermöglicht auf diesem Weg eine einfache sexuelle Befriedigung. Es ist der Markt, der den größten Nutzen aus der sexuellen Enttabuisierung zieht.

Literaturverzeichnis

Bloch, Karl Heinz: Masturbation und Sexualerziehung in Vergangenheit und Gegenwart. Ein kritischer Literaturbericht. Frankfurt am Main; Bern; New York; Paris: Verlag Peter Lang GmbH 1989.

Kluge, Norbert (Hrsg.): Handbuch der Sexualpädagogik. Band 1. Grundfragen der Sexualpädagogik im multidisziplinären Zusammenhang und im internationalen Vergleich. Düsseldorf: Schwann: Pädagogischer Verlag Schwann – Bagel GmbH Düsseldorf 1984.

Koch, Friedrich: Negative und positive Sexualerziehung. Eine Analyse katholischer, evangelischer und überkonfessioneller Aufklärungsschriften. Heidelberg: Quelle & Meyer 1971.

Koch, Friedrich: Sexualaufklärung in Deutschland. Dokumentation der 1. Europäischen Fachtagung „Sexualaufklärung für Jugendliche“ der BzgA.

Koch, Friedrich: Sexualpädagogik und politische Erziehung. München: Paul List Verlag KG 1975.

Kral, Silke: Brennpunkt Familie: 1945 bis 1965. Sexualität, Abtreibung und Vergewaltigung im Spannungsfeld zwischen Intimität und Öffentlichkeit. Marburg: Jonas Verlag 2004.

http://www.brigittewiechmann.de/kalender/juni2/17juni.html Download-Datum: 18.03.2006

http://www2.hu-berlin.de/sexology/ATLAS_DE/html/sexuelle_aufklaerung_und_erzie.html Download-Datum: 08.03.2006

http://www.paradisi.de/Lexikon/S/Sexuelle_Aufklaerung/ Download-Datum: 08.03.2006

http://de.wikipedia.org/wiki/Sexuelle_Aufkl%C3%A4rung Download-Datum: 08.03.200

40 Jahre Dr. Sommer & Co. Sexualerziehung in der BRAVO im Spiegel der Zeit

Jenny Camen

1. Einleitung

Seit die Jugendzeitschrift BRAVO 1956 mit der ersten Auflage startete, haben sowohl die Zeitschrift als auch die Gesellschaft grundlegende Veränderungen durchlebt. Die Aufmachung der BRAVO ist heute eine andere, das Themenspektrum ist breiter gefächert, die Stars von damals kennen heute höchstens noch die Großeltern der aktuellen BRAVO-Leser. Gleichzeitig hat die Gesellschaft das ‚Heile-Welt-Streben’ der 50er, die Revolution der 68er, Punks, Popper und diverse weitere Jugend- und Subkulturen hinter sich gelassen.

Eines zieht sich jedoch wie ein roter Faden durch die 52jährige BRAVO-Geschichte – die Aufklärungs- und Beratungsseiten. Bis heute werden die kommerziellen Jugendzeitschriften, und unter ihnen an vorderster Stelle die BRAVO, bei Fragen nach Partnerschaft, Liebe und Sexualität als Aufklärungsmedien präferiert.

In der vorliegenden Arbeit soll betrachtet werden, in wie weit sich die Aufklärungsseiten der BRAVO und die Leserbriefe der Jugendlichen angesichts der gesellschaftlichen Entwicklungen in den vergangenen Jahrzehnten verändert haben. Dieser Untersuchung wird die Hypothese zu Grunde gelegt, dass die Jugendsexualität eine Enttabuisierung erfahren hat – dass Sexualität mit den Jahren freizügiger, das heißt offener und direkter behandelt wird. Des Weiteren wird vermutet, dass die Jugendlichen, die in Form der Leserbriefe selbst zu Wort kommen, sich heute mit anderen Themen und Problemen beschäftigen als noch vor 30 oder 40 Jahren.

Zu diesem Zweck soll eine quantitative und qualitative Inhaltsanalyse des Stichprobenmaterials aus den Jahren 1969-2008 erfolgen. Dabei wird zunächst geprüft, in welchem Umfang Aufklärung in den einzelnen Jahrgängen eine Rolle in der BRAVO spielt und in welchem Maße ausgewählte Themen erwähnt werden. Anschließend werden die einzelnen Aufklärungsseiten und exemplarische Leserbriefe auf ihren Inhalt hin analysiert, um so in einem weiteren Schritt einen historischen Vergleich zwischen den unterschiedlichen Jahrgängen anstellen zu können. Im Hinblick auf die formulierte Hypothese liegt der Fokus im Besonderen auf den Differenzen und Veränderungen im zeitlichen Vergleich. Nichtsdestoweniger scheint es auch interessant, eventuelle Kontinuitäten in den Aufklärungsinhalten und Leserfragen festzustellen.

2. Die Jugendzeitschrift BRAVO

Im Folgenden soll ein Überblick über Auflage und Verbreitung von BRAVO als der marktführenden Jugendzeitschrift in Deutschland gegeben werden, um so den Wirkungskreis und Einfluss von BRAVO – und damit auch von der dort publizierten Sexualaufklärung – verstehen zu können. Ebenso soll der Frage ‚wer liest eigentlich die BRAVO und warum?‘ nachgegangen werden. In einem weiteren Schritt wird die Einführung und Weiterentwicklung der verschiedenen Ratgeberkolumnen und Aufklärungsserien chronologisch dargestellt, bevor auf die besondere Aufklärungsfunktion der Jugendzeitschrift eingegangen werden kann. Letztlich sollen auch einige kritische Stimmen zu Wort kommen, die sich insbesondere auf die jugendgefährdende Wirkung von BRAVO als Aufklärungsmedium beziehen.

2.1 Auflage und Leserschaft

1956 startete BRAVO mit einer zunächst geringen Auflage – der anstehende Erfolg der Jugendzeitschrift war nicht abzusehen. Nur zehn Jahre später war die verkaufte Auflage bereits auf über 700.000 Exemplare pro Woche angestiegen und ein weiteres Jahrzehnt später – Mitte der 70er Jahre – belief sich die Auflage auf rund 1,4 Millionen Hefte[54] – eine unvergleichbare Erfolgsgeschichte. BRAVO konnte diese Auflagenstärke relativ stabil bis noch in die Mitte der 90er Jahre aufrechterhalten beziehungsweise auf 1,5 Millionen Exemplare ausbauen. Mittlerweile ist die Auflage auf unter 850.000 Hefte pro Woche zurückgegangen, was nicht unwesentlich mit den geburtsschwächeren Jahrgängen seit den 70er Jahren zusammenhängt. Joachim Knoll – seines Zeichens entschiedener Gegner von BRAVO als Aufklärungsmedium – bemerkt hierzu, dass BRAVO in jüngster Zeit inhaltliche Veränderungen vorgenommen habe und daher keine Indizierungsanträge mehr nötig gewesen seien – vielleicht ein weiterer Grund für die sinkende Nachfrage.[55] Wichtig zu bemerken ist jedoch, dass bei einer Jugendzeitschrift wie BRAVO die Reichweite, das heißt die Zahl der Hände, durch die ein BRAVO-Heft tatsächlich geht, entscheidend wichtiger ist als die reine Auflage. So wird vermutet, dass auch bei sinkender Auflage jede Woche noch rund zwei bis drei Millionen Jugendliche Einblick in die BRAVO haben.[56]

Die Zielgruppe der BRAVO liegt zwischen 10 und 17 Jahren, wobei die Kernzielgruppe aus den Jugendlichen im Alter von 12 bis 15 Jahren besteht. Wenngleich keine Angaben zu den altersmäßigen Zielgruppen der 50er und 60er Jahre vorliegen, soll an dieser Stelle dennoch die Vermutung aufgestellt werden, dass die Zielgruppe damals älter war als die heutige.[57]

Es zeigt sich, dass BRAVO eine sehr breit gefächerte Leserschaft hat, wenn man bedenkt, dass die jugendliche Zielgruppe sich in einer Lebensphase befindet, in der die persönliche Entwicklung so schnell und so mannigfaltig abläuft wie in kaum einer späteren Phase. In Bezug auf die Sexualratgeber und Aufklärungsseiten bietet diese breite Lesergruppe immer wieder die Zielscheibe für harsche Kritik. So wird insbesondere befürchtet, dass Inhalte, die für Siebzehnjährige bestimmt sind, bereits von Zehnjährigen gelesen würden und somit gefährdend seien.

Auf die Kritik an den Aufklärungsseiten und Ratgeberkolumnen soll im folgenden Kapitel näher eingegangen werden.

2.2 Aufklärungsserien und sexuelle Lebenshilfe

Konzentriert sich die BRAVO in den ersten Jahren nach ihrer Neueinführung auf dem Markt noch auf Themen rund um Popmusik und Mode, so bringen die 60er Jahre eine einschneidende Wende mit sich. Sexuelle Aufklärung, Information und Lebenshilfe erhalten Einzug in das Jugendmagazin und werden neben der Musik zum zweiten großen Standbein der BRAVO.[58]

Den Anfang macht die Ratgeberkolumne ‚Schicksalsbriefe an Dr. Vollmer‘, in der Briefe der jugendlichen Leser zum Thema Liebe und Sexualität beantwortet werden. Interessant ist, dass sich hinter dem Pseudonym des Dr. Vollmer eine Schriftstellerin verbirgt, die nachweislich weder über eine medizinische noch eine psychologische Qualifikation verfügt. Dies ändert sich mit dem Erscheinen des bis heute unvermeidlich mit BRAVO verbundenen Dr. Jochen Sommers zu Beginn der 70er Jahre. In seiner Sprechstunde mit dem Titel ‚Was Dich bewegt’ gibt er Lebenshilfe in sexuellen und psychologischen Belangen. Hinter Dr. Jochen Sommer steckt über lange Jahre der Arzt und Psychotherapeut Dr. Martin Goldstein, der von einem Team aus – unter anderem – Psychotherapeuten, Sozialarbeitern und Lehrern unterstützt wird. Neben der wöchentlichen Dr.-Sommer-Sprechstunde nimmt Martin Goldstein auch die Rolle des Dr. Korff ein, der in seiner Aufklärungsserie spezielle sexuelle Themen aufgreift.[59] Man kann sagen, dass Dr. Sommer und Dr. Korff für die Jugendlichen der 60er und 70er Jahre das leisten, was für die Erwachsenen Oswald Kolle mit seinen Aufklärungsbüchern und -Filmen popularisiert. Die Aufklärungs- und Beratungsseiten der BRAVO entwickeln sich also in einer Zeit der sexuellen Aufklärung und Revolution – in einer Zeit, in der langsam aber sicher eine neue Freizügigkeit aufkommt, die in den 50er Jahren undenkbar gewesen wäre.

Der in den 70er Jahren bereits zum Markenzeichen von BRAVO gewordene Dr. Sommer wird Ende der 80er Jahre zum Dr.Sommer-Team ergänzt. Lange Zeit stehen die Namen Margit und Michael und ihre Rubrik ‚Sprich dich aus’ für sexuelle Aufklärung in der BRAVO. Auch hinter ihnen steht allerdings ein weitaus größeres Team aus Ärzten, Sozialpädagogen und Psychologen. In den 90er Jahren wird diese Beratung durch die ‚Liebe, Sex und Zärtlichkeiten’-Seiten ergänzt, auf denen eine Ärztin Lebenshilfe insbesondere bei medizinisch-sexuellen Problemen anbietet, während das Dr.-Sommer-Team sich mehr auf die Gefühlsebene konzentriert.

Neben diesen fest verankerten Ratgeberkolumnen wird das Aufklärungsangebot der BRAVO immer wieder durch einzelne oder serienhafte Reportagen und Berichte zur Jugendsexualität erweitert. Was seit den 90er Jahren der wöchentliche Bericht ‚Mein erstes Mal’ ist, war in den 80ern die Reihe ‚Liebe und Sex zwischen 15 und 17. Junge Leute schildern ihre Erlebnisse’; und in den 60er Jahren interessierte man sich beispielsweise für den Report ‚Sex nach Sechs – die Mädchen aus der Provinz’.

Ein ebenso beliebtes Element der BRAVO, was im eigentlichen Sinne auch die Thematisierung von Liebe und Sexualität verfolgt, ist die Foto-Love-Story. Es darf vermutet werden, dass dieser Fotoroman ebenso zeitlichen Veränderungen unterworfen ist wie die Aufklärungsseiten und Ratgeberkolumnen. Dieser Hypothese soll in Kapitel 4 nachgegangen werden.

Angesichts dieser Erfolgsgeschichte der sexuellen Information und Beratung in BRAVO, stellt sich die Frage nach den Gründen der Attraktion. „Die große Resonanz, die sexualthematische Beiträge [...] finden, verweist auf ein gleichbleibendes Defizit an kompetenter und zugleich von den Jugendlichen akzeptierter Sexualerziehung, sei es in Elternhaus, Schule oder außerschulischer Jugendarbeit“[60], so vermutet Wenzel. Verschiedene Jugendstudien und Befragungen haben gezeigt, dass Jugendliche tatsächlich mit der ihnen von Eltern und Schule angebotenen Aufklärung unzufrieden sind. Hauptkritikpunkte sind, dass die schulische Sexualerziehung zu biologisch sei und sich nicht mit den persönlichen sexuellen Problemen der Jugendlichen befasse. Außerdem werden sowohl Eltern als auch Lehrer nicht als angenehme Gesprächspartner beim Thema Sexualität empfunden. Themen, die Jugendliche als nicht ausreichend thematisiert betrachten, sind unter anderem sexuelle Praktiken, Geschlechtskrankheiten, Partnerschaft oder die sexuelle Lustfunktion, das heißt Bereiche wie Selbstbefriedigung oder Orgasmus.[61] Nicht nur, dass die Sexualratgeber der BRAVO all diese Bereiche ansprechen und Antworten geben, sondern auch der Effekt des anonymen Beraters machen den Erfolg eines Dr.-Sommer-Teams aus. Die Jugendlichen müssen sich für ihre Fragen nicht schämen und haben auch keine Konsequenzen zu befürchten – ein Verhältnis, das bei einem Gespräch mit den Eltern oder Lehrern nicht gegeben ist.[62]

Die defizitäre Aufklärung durch Elternhaus und Schule erkennt auch Knoll – einer der größten Kritiker der Sexualratgeberkolumnen: „Wird eine Jugend pädagogisch weithin unbetreut gelassen, versagen sich Eltern wie auch die offiziellen Bildungsinstitutionen insbesondere in jener Phase des Jugendlebens, da sich Persönlichkeit bildet und zunehmend entfaltet, so treten in dieses Vakuum pädagogische Ratgeber, die außer durch ihren kommerziellen Erfolg nicht kontrolliert sind“.[63] Knolls Skepsis gegenüber der Ratgeberfunktion von Jugendzeitschriften wird deutlich.

Generell muss sich BRAVO seit der Einführung von Aufklärungsserien und Sexualratgebern immer wieder mit teils vehementer Kritik auseinandersetzen. Hauptsächlich werden dabei das kommerzielle Interesse der Jugendzeitschrift und die angeblich mangelnde beziehungsweise fehlerhafte Informationsvermittlung über sexuelle Themen proklamiert. Ein weiterer Vorwurf – der sich ebenfalls bis heute standhaft behauptet – lautet, die Ratgeberkolumnen dienten mehr der „sexuellen Stimulierung denn sexualpädagogischer Beratung“.[64] Insbesondere die Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Schriften vertritt diese Auffassung und befürchtet, dass „immer jüngere Jugendliche durch BRAVO sexuell überreizt würden“[65], sie zu sexuellen Praktiken animiert würden, die ihnen ohne BRAVO gar nicht bekannt gewesen wären und sie somit auch einem sexuellen Leistungsdruck ausgesetzt würden. Knoll geht sogar soweit, BRAVO als „eine flagrante und handgreifliche Anklage gegen die institutionalisierte Jugendhilfe und Jugendpädagogik“[66] zu bezeichnen. Er gesteht den Sexualratgebern in der BRAVO also eine Art sexualpädagogischer Lückenbüßerfunktion zu, kann die Form der in BRAVO praktizierten Aufklärung aber nicht gutheißen.[67] Die Aufklärungsseiten empfindet Knoll ebenfalls als unpassend und beschreibt sie als „Bilderbuchwelt“ und die Protagonisten der Aufklärungsserien als „aus der Zuckerwelt des Showbusiness“[68] stammend. Fröhlich formuliert in seiner Dissertation zur Bedeutungsstruktur kommerzieller Jugendzeitschriften seine Kritik folgendermaßen: „[...] sie offerieren ihrem Leser schematische Unterhaltung anstatt aufklärender Information, modische Klischees und pseudo-relevanten Ratschlag anstatt sachgerechter Führung und Unterweisung“.[69]

Dieser kurze Ausblick auf die Forschungsliteratur zeigt, wie stark die Form der Aufklärung in BRAVO zu jeder Zeit kritisiert wurde und wird. Mehr als einmal waren BRAVO-Hefte Gegenstand von Indizierungsverfahren der Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Schriften und mehr als einmal wurde die Indizierung – bis in die 90er Jahre hinein – durchgesetzt.[70]

Die teils berechtigte, teils übertrieben wirkende Kritik an der Aufklärungsfunktion von BRAVO soll in der folgenden Untersuchung nicht ausgeklammert werden. Wann immer sich Beispiele für die oben genannten Kritikpunkte zeigen, soll darauf hingewiesen werden.

3. Quantitative und qualitative Inhaltsanalyse des Stichprobenmaterials

3.1 Die Stichprobe

Der Untersuchung liegen exemplarisch jeweils ein BRAVO-Exemplar aus den Jahren 1969, 1976, 1984 und 1993 zu Grunde. Aus dem aktuellen Jahrgang 2008 stehen zwei Hefte zur Verfügung. Aufgrund der geringen Datengrundlage werden die Ergebnisse mit der Studie von Susanne Wenzel aus dem Jahr 1990 – bezüglich der Jahre zwischen 1968 und 1987 – abgeglichen und gegebenenfalls ergänzt.

Von Relevanz für die Untersuchung sind aus dem Jahr 1969 die Ratgeberkolumne ‚Schicksalsbriefe an Dr. Vollmer’ und der Report ‚Sex nach Sechs’. Aus dem Heft von 1976 fließen die Aufklärungsserie von Dr. Korff, die Sprechstunde von Dr. Jochen Sommer und die Foto-Love-Story mit ein. Aus dem Jahr 1984 finden ebenfalls Dr. Sommer und die Foto-Love-Story Betrachtung, sowie die Aufklärungsreihe ‚Liebe & Sex zwischen 15 und 17’. 1993 umfasst das Untersuchungsmaterial die Sprechstunde des Dr.-Sommer-Teams, die Ratgeberkolumne ‚Liebe, Sex und Zärtlichkeit’, die Foto-Love-Story und den Report ‚Flirten – die besten Tricks zum Anmachen’. In den Heften von 2008 sollen ebenso die Foto-Love-Stories und die Dr.-Sommer-Sprechstunde untersucht werden sowie der Aufklärungsbericht ‚Wilde Zeiten – So wird ein Junge zum Mann’ und der ‚Dr.-Sommer-Bodycheck’.

3.2 Quantitative Analyse

Zunächst soll ein Blick auf den Umfang des Aufklärungs- und Beratungsangebots im Spiegel der Zeit geworfen werden. Eine naheliegende Vermutung könnte – angesichts der fortschreitenden sexuellen ‚Revolution’ und Enttabuisierung in der Gesellschaft – lauten, die Offerte sexueller Aufklärung und Lebenshilfe habe in den Jahren von 1968 bis heute stark zugenommen. Bei näherer Betrachtung des Stichprobenmaterials lässt sich diese Hypothese jedoch schnell widerlegen. Man kann sogar sagen, dass der reine Umfang von Aufklärungs- und Ratgeberseiten in den letzten 40 Jahren ungefähr auf einem gleichen Level geblieben ist.

Sicherlich haben sich die Angebote verändert. So wurde beispielweise die Ratgeberfunktion in den 90er Jahren ausgeweitet – die altbewährte Sprechstunde des Dr.-Sommer-Teams wurde durch die Rubrik ‚Liebe, Sex und Zärtlichkeit’, in der eine Frauenärztin Ratschläge gibt, ergänzt – die jedoch 2008 schon nicht mehr vorhanden ist. Dafür vermisst man allerdings auf der anderen Seite seit den 90er Jahren die mehrwöchigen Aufklärungsserien. In den 70er Jahren erschienen unter dem Pseudonym des Dr. Korff regelmäßig diese Serien zu sexuellen und partnerschaftlichen Themen. Sowohl in den 60er als auch in den 80er Jahren finden sich Aufklärungsberichte zum Thema Sexualität unter Jugendlichen. Im Stichprobenmaterial laufen diese beispielsweise unter den Überschriften ‚Sex nach Sechs – Mädchen aus der Provinz’ (1969) und ‚Liebe und Sex zwischen 15 und 17’ (1984). Eine neue Serie der 90er Jahre, die zwar nicht durchgängig zum Inhalt der BRAVO gehört, aber immer wieder neu aufgelegt wird, ist der sogenannte Bodycheck, bei dem sich jeweils ein Junge und ein Mädchen nackt fotografieren lassen und interviewt werden.

Mit den ‚Schicksalsbriefen an Dr. Vollmer’ (1969), der Sprechstunde von ‚Dr. Jochen Sommer’ (1976, 1984) und schließlich ‚Sprich dich aus’ – der Ratgeberkolumne des Dr.-Sommer-Teams (1993 bis heute) hat jedes Jahrzehnt seine Instanz für Lebenshilfe und Leserbriefbeantwortung.

Eine Neuerung der 70er Jahre ist die Foto-Love-Story, in der zunächst abgeschlossene bebilderte Geschichten, später mehrere Wochen umfassende Fotoromane dargestellt werden.

Ergänzt wird das oben beschriebene, umfangreiche Aufklärungsangebot der verschiedenen Jahrzehnte durch vereinzelte Ratgeberseiten beziehungsweise Reportagen über sexuell weniger ‚brisante’ Themen wie Partnerschaft, problematische Liebe, Flirten und Küssen. Da diese Berichte wenig über die sexuelle Enttabuisierung der Jugend zu den jeweiligen Zeiten aussagen, sollen sie bei der qualitativen Analyse nur am Rande Beachtung finden.

Als interessant erweist sich die quantitative Betrachtung der Ratgeberkolumnen, das heißt die Verteilung verschiedener Themen in den Leserbriefen der Jugendlichen im Wandel der Zeit.

Zur Systematisierung sollen vier Themenbereiche angelegt werden, denen sich die einzelnen Briefe zuordnen lassen. Es bietet sich eine Einteilung in einen biologischen Fragenbereich, einen individuell-psychologisch/sozialen Bereich sowie einen Gefahrenbereich der Sexualität und den Bereich der Lustfunktion an. Mit diesen Kategorien lassen sich alle Leserfragen des Stichprobenmaterials erfassen.

Zum biologischen Bereich der Sexualität sind solche Fragen zu zählen, die sich mit dem Körper, seinen Funktionen und Veränderungen – insbesondere Samenerguss, Empfängnis und Schwangerschaft – beschäftigen.

Der individuell-psychologische und soziale Fragenbereich umfasst persönliche Ängste, Hemmungen, Gefühle und Themen wie Partnerschaft, Einsamkeit, unerwiderte Liebe sowie Fragen, die das Verhältnis zu Eltern oder Lehrern betreffen.

Der Gefahrenbereich der Sexualität thematisiert Geschlechtskrankheiten, AIDS sowie jegliche Formen sexueller Belästigung.

Bei dem Bereich der sexuellen Lustfunktion handelt es sich um Fragen, die sich mit sexuellen Praktiken unter Partnern oder mit Masturbation beschäftigen.

Als Ergebnisse der Auswertung des Stichprobenmaterials lassen sich folgende Entwicklungen festhalten:

Der biologische Fragenbereich verzeichnet eindeutig den größten Zuwachs.[71] In den Jahren 1969 und 1976 wird keine einzige Frage betreffend der biologischen Funktionen des Körpers gestellt. 1984 werden in der Sprechstunde von Dr. Sommer allerdings bereits drei Fragen zu diesem Komplex formuliert, welche die Themen Schwangerschaft, Samenerguss und frauenärztliche Untersuchung umfassen. Außerdem wird in dieser Ausgabe ein Aufruf von Dr. Sommer gestartet, Fragen zur Verhütung mit der Pille einzusenden. Der biologische Aspekt der Sexualität ist also in den Fokus der Aufmerksamkeit gerückt. 1993 werden dann sogar noch mehr Leserbriefe zu diesem Themenbereich formuliert – sie betreffen insbesondere die Aspekte der Verhütung, Intimhygiene und körperlicher Anomalitäten. Auch 2008 machen biologische Fragen fast die Hälfte der veröffentlichten Briefe aus.

Der zweite Bereich – individuell-psychologische und soziale Fragestellungen – stellt in allen Jahrgängen den durchschnittlich am stärksten vertretenen Fragekomplex dar[72], vermutlich da es sich hierbei um die Kategorie handelt, zu der jegliche Fragen zum Thema Partnerschaft gezählt werden. Besonders in den ausgewählten Heften der Jahrgänge 1969 und 1974 kreisen alle Leserfragen ausschließlich um Probleme in der Partnerschaft, Konflikte im Elternhaus und der Schule und Probleme mit der eigenen Person, unter anderem Minderwertigkeitsgefühle und Hemmungen gegenüber dem anderen Geschlecht. Obwohl der sozial-psychologische Themenkomplex auch von den 80er Jahren bis heute immer noch die wichtigste Rolle bei der Leserbriefbeantwortung spielt, ist doch historisch betrachtet ein deutlicher Rückgang dieser Fragen zu Gunsten von explizit sexuellen Fragestellungen zu beobachten. So werden 1984 nur noch die Themen Streit mit den Eltern und Einsamkeit erwähnt und 1993 werden die Themen Elternverbote, Partnerschaft und erste Liebe erfragt. 2008 werden außerdem Fragen zu unerwiderter Liebe und Gefühlsschwankungen gestellt.

Der Themenbereich ‚Gefahren’ tritt bei der Betrachtung des Untersuchungsmaterials erstmals 1993 auf. Hier thematisiert ein Mädchen einen Fall von sexueller Belästigung. Außerdem wird im sogenannten ‚Liebeslexikon’ der Ratgeberkolumne ‚Liebe, Sex und Zärtlichkeit’ das Stichwort ‚Safer Sex’ erläutert. 2008 beschäftigt sich ein Leserbrief mit dem Thema Ritzen und Selbstverletzung. Insgesamt kann man aber sagen, dass der Gefahrenbereich der Sexualität relativ wenige Leser zu beschäftigen scheint – mit Ausnahme der Gefahr einer ungewollten Schwangerschaft. Diese Angst ist in sehr vielen Leserbriefen zu erkennen, wird jedoch in dieser Auswertung zum biologischen Fragenkreis gezählt.

Der Bereich der sexuellen Lustfunktion schließlich hat sich ähnlich entwickelt wie der biologische Fragenbereich.[73] In den ausgewählten Heften aus den Jahren 1969 und 1974 werden keinerlei Fragen betreffend sexuellen Lustgewinns gestellt. 1984 wird mit einer Frage zur Masturbation die Lustfunktion angesprochen. Ein knappes Jahrzehnt später, 1993, werden schließlich explizite Fragen zur Masturbation und zu (gleichgeschlechtlichen) sexuellen Praktiken formuliert. Des Weiteren umfassen die Seiten ‚Liebe, Sex und Zärtlichkeit’ in den 90er Jahren bereits den wöchentlichen Bericht eines Lesers oder einer Leserin über sein/ihr erstes Mal, in dem der Fokus eindeutig auf dem romantischen aber auch lustvollen Aspekt des ersten Geschlechtsverkehrs liegt und nicht etwa auf dem biologischen. In den zwei aktuellen BRAVO-Heften wird jeweils eine Frage zum sexuellen Lustgewinn gestellt, was dafür spricht, dass dieser Themenbereich trotz Anstiegs nicht zu den am häufigsten vorkommenden zählt.

Abschließend kann für die quantitative Analyse des Stichprobenmaterials festgehalten werden, dass das Aufklärungs- und Ratgeberangebot insgesamt durch 40 Jahre hinweg ungefähr gleich umfangreich geblieben ist. Zu jeder Zeit konnten die Leser sich mit Fragen an die verschiedenen Ratgeberkolumnen wenden. Deutliche Unterschiede sind allerdings bei der thematischen Verteilung der Leserbriefe festzustellen. In den 60er und 70er Jahren beschränkten sich die Fragen hauptsächlich auf soziale oder psychologische Belange und Probleme, biologische Fragen werden kaum formuliert und die sexuelle Lustfunktion findet noch keine Beachtung. Vorgreifend auf die qualitative Inhaltsanalyse sei erwähnt, dass im Stichprobenmaterial von 1969 und 1974 der Begriff ‚Sex’ oder gegebenenfalls Synonyme kein einziges Mal erwähnt werden. Biologische Fragen haben im zeitlichen Wandel den größten Zuwachs erfahren, sind heute fast genauso stark vertreten wie Fragen zu partnerschaftlichen Belangen. Die sexuelle Lustfunktion hat besonders seit den 90er Jahren an Bedeutung gewonnen. – Ein erstes Anzeichen für eine sexuelle Enttabuisierung unter den Jugendlichen.

[...]


[1] http://www.paradisi.de/Lexikon/S/Sexuelle_Aufklaerung/

[2] http://de.wikipedia.org/wiki/Sexuelle_Aufkl%C3%A4rung

[3] http://www.paradisi.de/Lexikon/S/Sexuelle_Aufklaerung/

[4] Vgl.: ebd.

[5] Vgl.:http://www2.huberlin.de/sexology/ATLAS_DE/html/sexuelle_aufklaerung_und_erzie.html

[6] Ebd.

[7] Ebd.

[8] Koch, Friedrich: Sexualaufklärung in Deutschland. Dokumentation der 1. Europäischen Fachtagung „Sexualaufklärung für Jugendliche“ der BzgA, S.17.

[9] Koch, Friedrich: Sexualpädagogik und politische Erziehung. München 1975, S.19.

[10] Ebd.

[11] Vgl. Koch, Friedrich: Sexualaufklärung in Deutschland. A.a.O., S.18f.

[12] Vgl. http://de.wikipedia.org/wiki/Sexuelle_Aufkl%C3%A4rung

[13] Kluge, Norbert (Hrsg.): Handbuch der Sexualpädagogik. Band 1.Grundfragen der Sexualpädagogik im multidisziplinären Zusammenhang und im internationalen Vergleich. 1984 Düsseldorf, S.159f.

[14] Ebd., S.163.

[15] Ebd., S.159f.

[16] Ebd., S.18.

[17] Vgl. ebd., S.164.

[18] Ebd.

[19] http://www2.hu-berlin.de/sexology/ATLAS_DE/html/sexuelle_aufklaerung_und_erzie.html

[20] Vgl. Koch, Friedrich: Sexualaufklärung in Deutschland. A.a.O., S.18.

[21] Ebd.

[22] Vgl. ebd., S.19.

[23] Bloch, Karl Heinz. Masturbation und Sexualerziehung in Vergangenheit und Gegenwart. Ein kritischer Literaturbericht. Frankfurt am Main 1989, S.383.

[24] Ebd.

[25] Vgl. Koch, Friedrich: Sexualpädagogik und politische Erziehung. München 1975, S.19.

[26] Ebd.

[27] Kral, Silke: Brennpunkt Familie: 1945 bis 1965. Sexualität, Abtreibungen und Vergewaltigungen im Spannungsfeld zwischen Intimität und Öffentlichkeit. Marburg 2004, S.48.

[28] Ebd.

[29] Ebd.

[30] Vgl. ebd., S.49.

[31] Ebd.

[32] Ebd., S.51.

[33] Ebd., S.49.

[34] Koch, Friedrich: Sexualaufklärung in Deutschland. A.a.O., S.20.

[35] Ebd.

[36] Ebd.

[37] Ebd.

[38] Ebd.

[39] Vgl. ebd.

[40] Ebd.

[41] Ebd.

[42] http://www.brigittewiechmann.de/kalender/juni2/17juni.html

[43] Kluge, Norbert (Hrsg.): a.a.O., S.4.

[44] Ebd.

[45] Vgl. ebd., S.4ff.

[46] Vgl. ebd., S.167.

[47] Koch, Friedrich: Negative und positive Sexualerziehung. Eine Analyse katholischer, evangelischer und überkonfessioneller Aufklärungsschriften. Heidelberg 1971, S.22.

[48] Ebd.

[49] Vgl. ebd.

[50] Koch, Friedrich: Sexualaufklärung in Deutschland. A.a.O., S.20.

[51] Ebd., S.21.

[52] Koch, Friedrich: Sexualaufklärung in Deutschland. A.a.O., S.22.

[53] Vgl. ebd.

[54] vgl. Knoll, Joachim H.; Stefen, Rudolf: Pro und Contra BRAVO. (Schriftenreihe der Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Schriften) Baden-Baden 1978. S.75

[55] vgl. Knoll, Joachim H.; Monssen-Engberding, Elke (Hrsg.): BRAVO, Sex und Zärtlichkeit. Medienwissenschaftler und Medienmacher über ein Stück Jugendkultur. Mönchengladbach 2000. S.34

[56] vgl. ebd. S.35

[57] siehe hierzu Kapitel 4.2

[58] Wenzel, Susanne: Sexuelle Fragen und Probleme Jugendlicher: dargestellt an den Leserbriefen Jugendlicher in der Zeitschrift „BRAVO“ (1968-1987). (Studien zur Sexualpädagogik, Bd. 6) Frankfurt am Main 1990. S.43

[59] vgl. Wenzel: Sexuelle Fragen und Probleme Jugendlicher. Frankfurt am Main 1990. S. 49-51

[60] Wenzel: Sexuelle Fragen und Probleme Jugendlicher. Frankfurt am Main 1990. S. 43

[61] vgl. ebd. S. 45-46

[62] vgl. ebd. S. 57-61

[63] Knoll; Stefen: Pro und Contra BRAVO. Baden-Baden 1978. S.13

[64] Kluge, Norbert (Hrsg.): Medien als Sexualaufklärer. Ein Tagungsbericht. Frankfurt am Main 1988. S.45

[65] Wenzel: Sexuelle Fragen und Probleme Jugendlicher. Frankfurt 1990. S.47

[66] Knoll; Stefen: Pro und Contra BRAVO. Baden-Baden 1978. S.20

[67] vgl. Wenzel: Sexuelle Fragen und Probleme Jugendlicher. Frankfurt 1990. S.47

[68] Knoll; Stefen: Pro und Contra BRAVO. Baden-Baden 1978. S.78

[69] Fröhlich, Rolf W.: Verhaltensdispositionen, Wertmuster und Bedeutungsstruktur kommerzieller Jugendzeitschriften. Inhaltsanalytische Darstellung von BRAVO, OK und WIR. München 1968. S.265

[70] vgl. Knoll; Monssen-Engberding (Hrsg.): BRAVO, Sex und Zärtlichkeit. Mönchengladbach 2000. S.146ff.

[71] vgl. hierzu die Ergebnisse von Wenzel: Sexuelle Fragen und Probleme Jugendlicher. Frankfurt 1990. S.120-121

[72] vgl. Wenzel: Sexuelle Fragen und Probleme Jugendlicher. Frankfurt 1990. S.141, 171

[73] vgl. Wenzel: Sexuelle Fragen und Probleme Jugendlicher. Frankfurt 1990. S.153

Ende der Leseprobe aus 182 Seiten

Details

Titel
Sexualpädagogik in den Medien. Von Dr. Sommer bis zur "Sexualerziehung 2.0" im Internet
Autoren
Jahr
2014
Seiten
182
Katalognummer
V279201
ISBN (eBook)
9783656719618
ISBN (Buch)
9783956871498
Dateigröße
3120 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
sexualpädagogik, medien, sommer, sexualerziehung, internet
Arbeit zitieren
Elisabeth Czok (Autor)Martina Schlund (Autor)Jenny Camen (Autor)Sabrina Gavars (Autor)Martin Wutstrack (Autor), 2014, Sexualpädagogik in den Medien. Von Dr. Sommer bis zur "Sexualerziehung 2.0" im Internet, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/279201

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