Das Nibelungenlied. Missbrauch für Ideologie und Propaganda der Nationalsozialisten


Hausarbeit, 2013
23 Seiten, Note: 1,0

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

I Einleitung

II Hauptteil
1 Die Vorgeschichte des Nibelungenliedes von 1755 bis zum Beginn des 20. Jahrhunderts
2 Die Bedeutung des Nibelungenlieds im Ersten Weltkrieg
a) Der Begriff der „triuwe“
b) Der Begriff der „Nibelungentreue“ und weitere ideologische Berufungen im Ersten Weltkrieg
3 Die Berufung auf das Nibelungenlied in der Zeit des Nationalsozialismus
a) Die politische Berufung
b) Die Berufung in Lyrik und Literatur
c) Die Berufung im Schulwesen
4 Die Verwendung des Nibelungenlieds nach dem Ende des Dritten Reiches

III Fazit

IV Literaturverzeichnis

I Einleitung

„Uns ist in alten mæren wunders vil geseit von helden lobebæren, von grôzer arebeit, von freuden, hôchgezîten, von weinen und von klagen, von küener recken strîten muget ir nû wunder hœren sagen.“[1]

Diese Strophe leitet das bedeutendste Heldenepos und zeitgleich wohl namhafteste Werk der mittelalterlichen Geschichte ein, das Nibelungenlied. Das am Anfang des 13. Jahrhunderts von einem unbekannten Autor verfasste Werk schlug auch noch viele Jahrhunderte später große Wellen und gliedert sich inhaltlich in zwei Teile. Im ersten Teil wirbt Siegfried, Sohn König Siegmunds, zunächst erfolglos um Kriemhild, die Burgundenprinzessin. Es kommt zu einem Abkommen zwischen ihm und Gunther, Kriemhilds Bruder und dem ältesten der burgundischen Könige, das besagt, dass Siegfried mehrere Aufgaben zu bestehen hat, um Kriemhild zur Frau nehmen zu können. Nach erfolgreichem Bestehen vermählt er sich schließlich mit ihr und wird anschließend von Hagen von Tronje, ein Vasall Gunthers, hinterlistig getötet. Der zweite Teil behandelt die Tat Kriemhilds, ihren Mann zu rächen, indem sie sich zunächst mit dem Hunnenkönig Etzel vermählt und die Burgunder samt Hagen zu ihrer Hochzeit einlädt. In einem blutigen Kampf zwischen den Burgundern und Hunnen gelingt Kriemhild zwar erfolgreich die Rache, wird am Ende dieses Heldenepos jedoch selbst getötet, wodurch das Nibelungenlied schließlich mit dem Untergang der burgundischen Herrschaft endet. Im Fokus dieser deutschen Heldendichtung stehen unter anderem die Eigenschaften und Taten des Drachentöters Siegfried. Als „Muster des neuen adligen Menschenbildes“[2] wird er als Idealbild eines Helden dargestellt. Mit adligen Wurzeln wird er überdies als besonders tapfer und stark, anmutig und gebildet geschildert. Neben Treue und Furchtlosigkeit lassen sich im Nibelungenlied weitere Werte wie Militarismus, Tapferkeit und Nationalismus wieder finden. Seitdem die Handschriften des Nibelungenlieds im Jahre 1755 von Jacob Hermann Obereit wiederentdeckt wurden[3], blitzten die damit in Verbindung gebrachten Werte immer wieder in der deutschen Geschichte auf, sodass es zu Beginn des 20. Jahrhunderts als „Hauptwerk der deutschen Nationalliteratur“ zu verstehen war.[4] Da ich neben Germanistik auch Geschichte studiere, lag es nahe, eine Verbindung zwischen einem Werk der älteren deutschen Literatur und ihrer historischen Rezeption herzustellen. Daher habe ich mich für das Thema der Indienstnahme des Nibelungenliedes im Nationalsozialismus entschieden und beschäftigte mich im Hauptteil dieser Hausarbeit mit der Frage, wie das Nibelungenlied für die Propaganda des Dritten Reiches verwendet wurde. Um diese Frage zu klären, gehe ich zunächst kurz auf die Vorgeschichte ab dem Zeitpunkt der Wiederentdeckung im Jahre 1755 durch Jacob Hermann Obereit bis zum Ende der Weimarer Republik ein. Danach werde ich anhand der Bereiche Politik, Lyrik, Literatur und Erziehungswissenschaft die Fragen klären, aus welchen Gründen und wie weit das Nibelungenlied für die nationalsozialistische Ideologie und Propaganda in Anspruch genommen wurde. Schließlich komme ich zu der Bedeutung des Nibelungenlieds nach 1945 und ziehe abschließend ein Fazit.

II Hauptteil

1 Die Vorgeschichte des Nibelungenliedes von 1755 bis zum Beginn des 20. Jahrhunderts

Die Wiederentdeckung der Handschriften des Nibelungenlieds geht zurück auf das Jahr 1755, zur Zeit der Spätaufklärung. In diesem Jahr stieß der Schriftsteller, Arzt und Philosoph Jacob Hermann Obereit in der Stadtbibliothek zu Hohenems (Vorarlberg) auf die Nibelungenhandschrift, welche seit der 1. Ausgabe von Lachmann aus dem Jahre 1826 unter der Sigle C geführt wird.[5] Also markiert das Jahr 1755, so Tiefenthaler, den „Ausgangspunkt für die seither nie mehr erlahmende wissenschaftliche Beschäftigung mit dem Nibelungenlied, dem größten Epos deutscher Sprache.“[6] Zwei Jahre später wurden erstmals Teile des Nibelungenlieds von Johann Jakob Bodmer veröffentlicht und 1782 erschien wiederum der erste vollständige Druck von Christoph Heinrich Myller.[7] Im weiteren Verlauf des 18. und 19. Jahrhunderts erfuhr das Nibelungenlied dadurch einen erneuten Populationsschub: Im jungen Kaiserreich wird das Heldenepos Teil der Lehrpläne von Volksschulen und Gymnasien und verdrängt sogar Homer’s „Ilias“. Aussagen wie jene des Frühromantikers August Wilhelm Schlegel 1812 bestätigen die besondere Stellung des Nibelungenlieds, hier zitiert von Otfrid-Reinald Ehrismann:

Dieß Heldengedicht muß in allen Schulen, die sich nicht kümmerlich auf den nothdürftigsten Unterricht einschränken, gelesen und erklärt werden. Es muß nächst dem ehrwürdigsten aller Bücher, den heiligen Urkunden […] wieder ein Hauptbuch bey der Erziehung der deutschen Jugend werden.[8]

Durch ihre Indienstnahme für den Deutschunterricht ist das Nibelungenlied Anfang des 19. Jahrhunderts wieder allgegenwärtig und „Figuren werden aus dem epischen Zusammenhang gerissen und als Vorbild für einen bürgerlichen Verhaltenskodex genommen, der Familiensinn, Sittlichkeit, Frömmigkeit, Gattenliebe etc. umfasst.“[9] Werke wie das Drama „Der Held des Nordens“ von Friedrich de la Motte Fouqué (1803), „Die Nibelungen“ von Friedrich Hebbels (1861) und Richard Wagners komponierter Opernzyklus „Der Ring der Nibelungen“ (bis 1874) entwickeln das Nibelungenlied zusätzlich zur Referenz für aufkommende Nationalpoesie. Es erlangte den Status eines Nationalepos und spiegelte die „Geschichte der Deutschen“[10] wider. Dass das Nibelungenlied im Laufe der deutschen Geschichte jedoch auch immer entschiedener als Propaganda- und Ideologieinstrument missbraucht wurde, möchte ich nun folgend aufzeige.

2 Die Bedeutung des Nibelungenlieds im Ersten Weltkrieg

a) Der Begriff der „triuwe“

Um die Bedeutung des Nibelungenlieds zu Beginn des 20. Jahrhunderts nachzuvollziehen, muss zunächst der mittelalterliche Begriff der „triuwe“ näher durchleuchtet werden. Als rechtswissenschaftlicher Begriff bezieht sich die „triuwe“ auf das mittelalterliche Lehnswesen und hat einen Vertragscharakter. In diesem verpflichtet sich der Lehnsherr zum unbedingten Schutz seines Lehnsmannes oder Vasallen, wenn er von außen stehenden Mächten militärisch angegriffen wird. Im Gegenzug dazu verpflichtet sich der Vasall zur Heerfolge und hat darüber hinaus eine beratende Funktion inne.[11] Im zweiten Teil des Nibelungenlieds spielt dieser Begriff eine zentrale Rolle: Nachdem Hagen von Tronje Siegfried ermordete, fordert Kriemhild, die Witwe Siegfrieds und Frau des Hunnenkönig Etzel, Rache. Kriemhilds Brüder, die Burgunderkönige Gunther, Giselher und Gernot hatten jedoch eine unterschiedlich stark ausgeprägte Mitschuld an dem Mord an Siegfried. Kriemhild ist jedoch willig, ihnen unter der Voraussetzung, sie mögen Hagen ihr ausliefern, zu verzeihen, was die Burgunderkönige jedoch aufgrund der „triuwe“ Gunthers zu seinem Vasallen Hagen verweigern. Dieses ausweglose Bündnis und die Bedürfnisse Kriemhilds, ihren ermordeten Mann zu rächen, führen letztendlich zum blutigen Kampf zwischen den Hunnen und Burgundern, obwohl der Sieg für die Burgunder eigentlich aussichtslos war. Das Treueverhältnis zwischen dem Vasallen Hagen und seinem Lehnsherren Gunther führt also letztendlich zum blutigen, tragischen Ausgang dieses Heldenepos, wodurch die „triuwe“ als Synonym für das bedingungslose Einstehen für den Lehnspartner verwendet werden kann. Speziell zu Beginn des 20. Jahrhunderts erfährt die Bedeutung der „triuwe“ unter dem Begriff der „Nibelungentreue“ eine Art Wiedergeburt und wird propagandistisch und dogmatisch erneut aufgegriffen.

b) Der Begriff der „Nibelungentreue“ und weitere ideologische Berufungen im Ersten Weltkrieg

Wenn man die Rezeptionsgeschichte des Nibelungenlieds speziell in den beiden Weltkriegen betrachtet, stößt man unweigerlich auf den Begriff des „Nibelungentreue“. Laut Duden bezeichnet dieser Begriff die „nach der im Nibelungenlied besungene heidnische Treue“.[12] Geprägt wurde diese Begrifflichkeit am 29. März 1909 durch Reichskanzler Bernhard Fürst von Bülow während der Bosnien-Krise. Historisch handelte es sich um die Österreich-ungarische Annektion Bosnien-Herzegowinas am 5. Oktober 1908, welches seit dem 15. Jahrhundert in türkischer Hand war. Im 19. Jahrhundert herrschten mehrere Aufstände gegen die muslimische Unterdrückung, von denen die Türken den letzten im Jahre 1877/1878 nicht niederwerfen konnten. Auf dem Berliner Kongress erhielt die Doppelmonarchie Österreich-Ungarn daraufhin das Recht, das Gebiet Bosniens und Herzegowinas zu verwalten. Es kam in den Folgejahren zu türkischen Protesten, aus denen sich eine regelrechte Feindschaft zwischen den beiden Parteien entwickelte.[13] Im Zuge dessen stellte sich Deutschland als einziger europäischer Staat klar hinter seinen Bündnispartner Österreich-Ungarn. Wörtlich heißt es von Fürst von Bülow:

"Meine Herren, ich habe irgendwo ein höhnisches Wort gelesen über eine Vasallenschaft gegenüber Österreich-Ungarn. Das Wort ist einfältig. Es gibt hier keinen Streit um den Vortritt wie zwischen den beiden Königinnen im Nibelungenlied; aber die Nibelungentreue wollen wir aus unserem Verhältnis zu Österreich-Ungarn nicht ausschalten; […] damit aber ängstlichen Gemütern nicht Bilder blutigen Kampfes emporsteigen, beeile ich mich, hinzuzufügen, daß ich gerade in unserem festen Zusammenstehen mit Österreich-Ungarn eine eminente Friedenssicherung erblicke!"[14]

[...]


[1] Otfrid-Reinald Ehrismann, Nibelungenlied. Epoche, Werk, Wirkung. 2. Aufl., München 2002, S. 12

[2] Ursula Schulze, Das Nibelungenlied, Stuttgart 1997, S. 145 ff.

[3] Werner Dobras, Obereit, Jakob Hermann. In: Neue Deutsche Biographie (NDB). Band 19, Berlin 1999, S. 382

[4] Hildegard Hogen, Eva Beate Bode, Der Brockhaus Literatur: Schriftsteller, Werke, Epochen, Sachbegriffe. 2. Auflage, Mannheim/Leipzig 2004, S. 589

[5] Eberhard Thiefenthaler, Die Auffindung der Handschrift des Nibelungenliedes in Hohenems. In: Montfort. Band 31, 1979, S. 295

[6] Ebd., S. 295

[7] Jakob Baechtold, Müller, Christoph Heinrich. In: Allgemeine Deutsche Biographie (ADB). Band 22, Leipzig 1885, S. 521

[8] Ehrismann, S. 178

[9] Lydia Miklautsch, 'Was gehen uns die Nibelungen an?' Zur Rezeption und Wirkungsgeschichte des Nibelungenliedes. In: Linguas e literaturas 11, 1994, S. 369 ff.

[10] Ebd., S. 372

[11] http://www.uni-due.de/~hg0222/images/stories/pdfs/informationsblatt_treue_nl_1.pdf (aufgerufen am 10.07.2013)

[12] http://www.duden.de/rechtschreibung/Nibelungentreue (aufgerufen am 11.07.2013)

[13] Karl Adam, Großbritanniens Balkandilemma. Die britische Balkanpolitik von der bosnischen Krise bis zu den Balkankriegen 1908–1913, Hamburg 2009

[14] Wilhelm von Massow, Fürst Bülows Reden, Band 5, Leipzig 1914, S. 127f

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Details

Titel
Das Nibelungenlied. Missbrauch für Ideologie und Propaganda der Nationalsozialisten
Hochschule
Universität zu Köln  (Historisches Institut)
Note
1,0
Autor
Jahr
2013
Seiten
23
Katalognummer
V279405
ISBN (eBook)
9783656720638
ISBN (Buch)
9783656722717
Dateigröße
480 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Nibelungenlied, Propaganda, NS-Ideologie, Ideologie, Nationalsozialismus, Sigfried, Siegfried
Arbeit zitieren
Marcel Rapp (Autor), 2013, Das Nibelungenlied. Missbrauch für Ideologie und Propaganda der Nationalsozialisten, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/279405

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