Skandal als Ritual. Thomas Bernhards "Heldenplatz" im Kontext seiner Inszenierung


Hausarbeit, 2014

24 Seiten, Note: 1,3


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Versuch einer Grundlegung
2.1 Ritual in der Literatur
2.2 Theorie des Skandals

3. Chronologie des Skandals bei Thomas Bernhard

4. Dramaturgie des „Heldenplatz“-Skandals
4.1 Vorgeschichte
4.2 Inhalt des Stücks
4.3 Der öffentliche Skandal
4.4 Das Nachspiel des „Heldenplatz“-Skandals

5. Fazit

6. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Wir spielen alle, wer es weiß , ist klug.“1 Dieses Zitat von Arthur Schnitzler scheint zuzutreffen, betrachtet man das Werk und Leben Thomas Bernhards. Dem österreichischen Schriftsteller gelang es, mit seinen Romanen und Theaterstücken, die regelmäßig zu Skandalen führten, die Öffentlichkeit selbst zu einem Teil seiner Inszenierung zu machen. Die Provokation und die Übertreibung, die Bernhard als Grundvoraussetzung des Schreibens sah, waren seiner Ansicht nach notwendig, um gegen die „ Niederträchtigkeit desösterreichischen Alltags2 anzuschreiben. In seinem literarischen Werk finden sich, gelinde gesagt, kritische und negative Äußerungen gegen den österreichischen Staat, die Gesellschaft, die Politik, die katholische Kirche und deren Repräsentanten, die Bernhard auch als Privatmensch in Preisverleihungen, Interviews und Leserbriefen wiedergab.

Bernhards Werke sorgten aufgrund ihrer kontroversen Inhalte immer wieder für Irritation und Aufregung in der Öffentlichkeit. Wendelin Schmidt-Dengler bezeichnete ihn als „ Ü bertreibungskünstler “. Thomas Bernhard übertrieb, „ um kenntlich zu machen, und im Gegenzug wurden die, die sich zu seinem Werkäuß erten, kenntlich. Bernards Werk scheint - und dies ist eine Qualität, die sehr wohl darin angelegt ist - zur Reaktion zu verpflichten.“3

Bezugnehmend auf den Kurs „Ritual und Literatur“ möchte ich in der Arbeit untersuchen, inwiefern Thomas Bernhard den literarischen Skandal als literaturbezogene rituelle Handlung für sich nutzt und welchem Muster diese Skandale folgen. Durch eine Darstellung der Begriffe Skandal und Ritual sowie einer theoretischen Strukturierung soll dargestellt werden, warum der literarische Skandal als Ritual gesehen werden kann. Dabei wird in Bezugnahme auf den Studienbrief und den Theorien Niklas Luhmanns, sowie ausgewählten Aufsätzen über das Thema, die die theoretische Grundlage der Arbeit gelegt.

Aufbauend darauf erfolgt eine kurze Einführung in das Werk Thomas Bernhards, mit dem Fokus einer chronique scandaleuse. Diese soll hinführen auf den Hauptgegenstand der Arbeit, dem Heldenplatz-Skandal. Dieser wird chronologisch dargestellt, ausgehend von einer Beschreibung der Vorgeschichte, die im Zusammenhang mit dem Gedenkjahr 1988 steht, über eine kurze Einführung in den Inhalt des Stücks, hin zu dem „ Welttheater “, wie Bernhard es schilderte, jenes Theater, welches rund um das eigentliche Stück aufgeführt wurde, hin zu den Folgen, die dieser Skandal für die österreichische Gesellschaft hatte.

Im Fazit werden die in der Arbeit gewonnenen Ergebnisse noch einmal zusammengefasst um die Frage zu beantworten, ob die Skandale rund um Bernhards Schaffen, insbesondere die „ Causa Heldenplatz “, eine gewollte Inszenierung darstellen und sie so im Zusammenhang einer rituellen Handlung gesehen werden können.

2. Versuch einer Grundlegung

Inwiefern der Skandal als eine rituelle Handlung bezeichnet werden kann und wie sich dies in der Betrachtung der Bernhard´schen Praxis zeigt, soll auf Grundlage dieses Kapitels dargelegt werden. Die Definitionen grundlegender Elemente des Rituals in der Literatur und eine Strukturlegung des Skandals bilden die theoretische Basis für die darauf folgende Betrachtung der Skandalologie bei Thomas Bernhard und insbesondere seines Stückes „Heldenplatz“.

2.1 Ritual in der Literatur

Der Begriff „ rituale “ stammt aus dem lateinischen und bezieht sich auf das Wort ‚ritus‘, welches ein „ Vorgehen nach festgelegter Ordnung; Zeremoniell; Verhalten in bestimmten Grundsituationen4 bezeichnet. Im Ritual wird durch die immer erneute Wiederholung eines gleichen Handlungsablaufs einem idealen Ursprung erinnert. Damit übernimmt es die Funktion der Vermittlung zwischen zwei gesellschaftlichen Zeitordnungen, der der Gegenwart (Normalität) und der des Ursprungs (Normativität). Das Ritual strebt eine Wiederherstellung eines ursprünglichen Ideals an und dient damit als Orientierungsnorm für individuelles und gesellschaftliches Handeln.5 Durch seine Distinktions- und Normierungs- funktion sichert das Ritual Stabilität und Kontinuität, kann jedoch auch verändernd auf die bestehende Ordnung einwirken und zeigt sich somit unverzichtbar für Modernisierungsprozesse. Grundsätzlich folgt das Ritual dem Prinzip der Mimesis, d.h. eine Gründungsaufführung wird durch spätere Aufführungen nachgeahmt, doch beinhalten diese stets ein historisches Moment, eine Abweichung von der ursprünglichen Aufführung.6 Arnold van Gennep bezeichnet diese gesellschaftlich zugelassene Umkehr der normalen Strukturen als „ verkehrte Welt “, die sich in drei Phasen gliedert:

1. Erste Phase

Loslösung des Individuums oder Kollektiv aus einem alten, gewohnten Zustand und definierter Sozialstruktur.

2. Zweite Phase

Die liminale Phase oder Übergangsphase bildet nach Viktor Turner das Zentrum des Rituals. Hier tritt die Distanz zu Herkunft und Ziel (NormalitätNormativität) am ausgeprägtesten in Erscheinung.

3. Dritte Phase

Die Aufnahme oder Integration, die Transformation des Wissens in eine einheitliche kollektive Wahrnehmungs- bzw. Glaubensform. Akteure verfügen über neue Verhaltens- und Urteilskompetenzen7

Die Verbindung von Ritual und Literatur kann innerhalb der fiktionalen Welt anhand von Motiven und Gegenständen geschehen oder über ein Szenario, welches den Kontext des literarischen Feldes überschreitet und auch andere Bereiche miteinbezieht, etwa das soziokulturelle oder politische Feld. Das Szenario stellt eine real historische, soziale und kulturell ritualisierte Handlungssequenz dar. Es verändert den Geltungsstatus der betroffenen Schriftsteller und Institutionen, prägt die Struktur der Öffentlichkeit.8

Die einzige legitime Akkumulation für den Autor [ … ] besteht darin, sich einen Namen zu machen, einen bekannten und anerkannten Namen, ein Kapital der Anerkennung, das die Macht einschließ t.“9

2.2 Theorie des Skandals

Etymologisch geht der Begriff Skandal auf das griechische Wort „ skandalon “ zurück, das Stellhölzchen einer Falle, die zuschnappt, sobald es berührt wird. Ursprünglich wurde der Skandal im theologischen Kontext verwendet. Im 16. Jahrhundert wurde der Begriff „ Scandal “ aus dem Französischen entlehnt und etablierte sich als Begriff für einen aufsehenerregenden Vorgang, eine Tat, die öffentliches Ärgernis erregt.10

Die Literatur steht im modernen Informationszeitalter in direkter Abhängigkeit zu einer medialen Öffentlichkeit, eine Öffentlichkeit, die durch die Medien konstituiert wird. Ein Schriftsteller muss, um Eingang in die Massenmedien zu finden, sich oder sein Werk in den Fokus der Aufmerksamkeit stellen. Niklas Luhmann nennt bestimmte Bedingungen an Themen und Diskursen, die für die Kreation öffentlicher Aufmerksamkeit grundlegend sind. Dies kann die Bedrohung oder Verletzung von Werten betreffen, die für eine Gesellschaft konstitutiv sind, oder einen Diskurs über die Krisensymptome eines Systems. Die Aufmerksamkeit zeigt sich zudem abhängig vom Bekanntheitsgrad der betroffenen Individuen oder Institutionen, ebenso wie von der Neuartigkeit des Ereignisses. Besondere Aufmerksamkeit ziehen jene Phänomene an, die das Schicksal eines oder mehrerer Menschen direkt beeinflussen, wie etwa Naturkatastrophen, Arbeitslosigkeit oder der Angriff auf stabile Traditionen.11

Die Kunst als Form der Abweichung von der gängigen Ordnung erfüllt seit dem Aufkommen der Genieästhetik Ende des 18. Jahrhunderts den gesellschaftlichen Anspruch auf das Auslösen von Kontroversen. Indem sie von der Norm der Sehund Lesegewohnheiten abweicht, irritiert Kunst und kann Debatten anstoßen, die bis dahin unhinterfragte Konventionen durchbrechen.12

Mit den Begriffen der Aufmerksamkeit und der Devianz sind bereits zwei Komponenten genannt, die dem Skandal inhärent sind. Karl Otto Hondrich, der den Skandal als gesellschaftlichen Lernmechanismus beschreibt, definiert drei elementare Faktoren, die an der Konstitution des Skandals beteiligt sind:

Unter einem Skandal verstehe ich einen sozialen Prozeß , der durch drei Merkmale charakterisiert ist: erstens durch moralische Verfehlungen, ganz gleich, ob diese tatsächlich begangen werden oder hochgestellten Personen oder Institutionen nur unterstellt werden. Zweitens durch die Enthüllung einer Verfehlung, die zuvor unbekannt war oder verborgen gehalten wurde. Und drittens durch eine weithin geteilte Empörung, die sich aufgrund dieser Enthüllung einstellt. Erst wenn alle drei Charakteristika zusammenkommen, kann es einen Skandal als gesellschaftliches Phänomen geben.“13

Die moralische Verfehlung, die Enthüllung und die daraufhin weit geteilte Empörung bilden eine Dramaturgie, die den Skandal als sozialen Prozess etabliert.

Verfehlung:

Die Verfehlung repräsentiert den Verstoß gegen eine Norm, die einer Gemeinschaft zugrunde liegen. Das Skandalon steht damit am Ursprung eines Skandals. Eine Gesellschaft bildet innerhalb ihrer Instanzen einen bestimmten Wertekanon aus, der sich je nach historischen, politischen, wirtschaftlichen und kulturellen Rahmenbedingungen entwickelt. Die Skandalerregung stellt die Basisregeln der alltäglichen Ordnung in Frage und damit die gesellschaftliche Ordnung an sich.14 Dem ist hinzuzufügen, dass Gesellschaften im Konflikt lernen und Abweichungen vom Normgefüge benötigen, um an diesen Abweichungen das Positive bestätigen zu können. Durch den Bruch werden die relevanten Werte einer Gesellschaft ins Bewusstsein gerufen. Karl Otto Hondrich zufolge kommt es erst dann zu einem Skandal, wenn die moralische Verfehlung von den üblichen Abweichungen abweicht.15

Enthüllung:

Um zu einem Skandal zu führen benötigt es jedoch auch die Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit, die auf den Normbruch entsprechend reagiert. Wie und ob eine Gesellschaft auf eine moralische Verfehlung reagiert, hängt sowohl vom Grad der Betroffenheit als auch von der Wichtigkeit der verletzten Werte ab. Diese befinden sich in einem stetigen Wandel und im Skandal kann eine Normverletzung einen schon lange schwelenden Konflikt offenlegen. Émile Durkheim sieht den Wandel der moralischen Werte besonders in Zeiten der moralischen Spaltung einer Wertegemeinschaft hervortreten. Die Skandale der jüngsten Vergangenheit lassen sich besonders auf vier Wertkonflikte zurückführen: Diese sind der Konflikt zwischen Ökonomie und Ökologie, der ältere Konflikt zwischen Staatsraison und Individualrechten, und der zwischen Machtstreben und Machtbegrenzung. Ein weiterer Konflikt zeigt sich im Widerstreit einer kollektiven Identität, die dem positiven Selbstbild einer Gesellschaft eine komplexe Identität gegenüberstellt.16

Empörung:

In der Empörung zeigt sich die Beteiligung der Öffentlichkeit auf die moralische Verfehlung. Niklas Luhmann beschrieb für den Skandal eine Dramaturgie der Aufmerksamkeit. Am Anfang steht die latente Phase, in der das Wissen über die Verfehlung nur Eingeweihte und Interessierte betrifft. In der nächsten Phase kommt es zum Durchbruch, zur Kreation eines Skandals, er wird öffentlich und löst Zustimmung oder Widerspruch aus. Ergreift dieser Prozeß die Medienwelt, wird der Skandal medial allgegenwärtig, verschiebt sich die Aufmerksamkeit vom Ereignis zu Meinungen und Entscheidungen. Schalten sich höchstrangige Meinungen und Entscheidungen ein, erreicht der Skandal seinen Kulminationspunkt. Danach kommt es zu Ermüdungserscheinungen, das öffentliche Interesse nimmt ab, wendet sich anderen Vorkommnissen zu.17

In dieser Dreigliederung des Skandals lässt sich das von van Gennep beschriebene Dreiphasenschema des Rituals wiederentdecken: In der Verfehlung zeigt sich die Loslösung aus einem alten, gewohnten Zustand, ausgelöst durch einen Vorfall, dem Skandalon. In der nächsten Phase kommt es zur der Enthüllung des Skandals und damit zu einem öffentlichen Diskurs, der die Distanz der Normativität und der Realität abbildet. Nach dieser Phase des Übergangs folgt die Rückkehr in die Realität, in der sich die Werte entweder gefestigt zeigen oder durch den Skandal eine Integration bzw. Transformation der Normen stattfindet.

[...]


1 Arthur Schnitzler: Buch der Sprüche und Bedenken. Aphorismen und Fragmente. Wien: PhaidonVerlag, 1927.

2 Oliver Bentz: Thomas Bernhard - Dichtung als Skandal. Würzburg: Königshausen und Neumann, 2000. S. 7.

3 Wendelin Schmidt-Dengler: Von der unbegründeten Angst, mit Thomas Bernhard verwechselt zu werden. In: Wendelin Schmidt-Dengler, Martin Huber (Hrsg.): Statt Bernhard. Über Misanthropie im Werk Thomas Bernhards. Wien 1987, S. 8.

4 DUDEN. Fremdwörterbuc h. Hg. von Günther Drosdowski / Werner Scholze-Stubenrecht / Matthias Wermke,: Mannheim: Bibliographisches Institut & F.A. Brockhaus AG, 6. Auflage, 1997. S. 713.

5 Vgl. Metzler Lexikon. Literatur- und Kulturtheorie. Hg. von Ansgar Nünning. Stuttgart, Weimar: Verlag J.B. Metzler, 4. Auflage, 2008, S. 629-631.

6 Vgl. Dücker, Burckhard: Ritual und Literatur. Kursband. Hagen: FernUniversität, 2013. S. 30f.

7 Vgl. Metzler Lexikon. Literatur- und Kulturtheorie. Hg. von Ansgar Nünning. S. 629-631.

8 Vgl. Dücker, Burckhard: Ritual und Literatur. S. 15ff.

9 Bourdieu, Pierre: La production de la croyance, S. 4f. Zitiert nach: Jurt, Joseph: Das literarische Feld. Das Konzept Pierre Bourdieus in Theorie und Praxis. Darmstadt 1995, S. 92.

10 Vgl. Schütze, Christian: Was ist ein Skandal. In: Der politische Skandal. Hg. von Julius H. Schoeps, Berlin: Verlag für Berlin-Brandenburg, 1992. S. 14-17.

11 Vgl. Dücker, Burckhard: Ritual und Literatur. S. 80.

12 Vgl. Ruprechter, Walter: Kulturskandal und Skandalkultur inösterreich. S. 40-47. Unter: URL: http://bit.ly/1jJ5E29

13 Hondrich, Karl Otto: Skandale als gesellschaftliche Lernmechanismen. In: Schoeps, Julius H.: Der politische Skandal. Berlin: Verlag für Berlin-Brandenburg, 1992. S. 179.

14 Vgl. Silbermann, Alphons: Vom Skandal und dem Mythos deröffentlichen Meinung. In: Der politische Skandal. Hg. von Julius H. Schoeps, Berlin: Verlag für Berlin-Brandenburg, 1992. S.37ff.

15 Vgl. Karl Otto Hondrich. Skandale als gesellschaftliche Lernmechanismen. S. 175-179.

16 Vgl. Karl Otto Hondrich. Skandale als gesellschaftliche Lernmechanismen, S. 183f.

17 Vgl. Dücker, Burckhard: Ritual und Literatur. S. 80f.

Ende der Leseprobe aus 24 Seiten

Details

Titel
Skandal als Ritual. Thomas Bernhards "Heldenplatz" im Kontext seiner Inszenierung
Hochschule
FernUniversität Hagen  (Institut für neuere deutsche und europäische Literatur)
Note
1,3
Autor
Jahr
2014
Seiten
24
Katalognummer
V279848
ISBN (eBook)
9783656737216
ISBN (Buch)
9783656737179
Dateigröße
510 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Ritual und Literatur
Schlagworte
skandal, ritual, thomas, bernhards, heldenplatz, kontext, inszenierung
Arbeit zitieren
Julia Koch (Autor), 2014, Skandal als Ritual. Thomas Bernhards "Heldenplatz" im Kontext seiner Inszenierung, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/279848

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