Die Inszenierung der homosexuellen Figur und deren Entwicklung bei Pedro Almodóvar


Diplomarbeit, 2014
88 Seiten, Note: 1,3

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Homosexualität und Gender in Diskurs und Film
2.1 Homosexualität im historischen Diskurs
2.2 Homosexualität in der Geschichte Spaniens
2.3. Homosexualität im Film der USA von den 1940ern bis zu den 1970ern
Die 1940er Jahre - Ikonografie der schwulen Erotik
Die 1950er Jahre - Verfolgung in der McCarthy-Ära
Die 1960er Jahre: Schwule Avantgarde und Pop-Art
Die 1970er Jahre: Politisierung statt Underground
2.4 Homosexualität und Männlichkeitsbild im spanischen Film
2.4.1 Homosexualität im spanischen Film von den 1960ern bis heute
2.4.2 Das Männlichkeitsbild im spanischen Film
2.5 Genre im spanischen Film
Comedia Madrileña
Thriller
Melodram

3. Almodóvars Werk
3.1 Phasen in Almodovars Schaffen
3.2 Einordnung von Almodóvars Filmen in die spanische und die internationale Kinolandschaft
3.2.1 Spanisches Kino im Vergleich
Die Transición
Der Boom
Nach der Jahrtausendwende
3.2.2 Almodóvars nationaler und internationaler Erfolg
3.3 Einordnung von Almodóvars Filmen in die homosexuelle Kinolandschaft

4. Analyse
4.1 Die zwei Filme - Beschreibungen und Einordnungen
4.1.1 Inhaltsangabe mit homosexuellem Fokus: La ley del deseo (1987)
4.1.2 Inhaltsangabe mit homosexuellem Fokus: La mala educación (2004)
4.2 Konstruktion und Dekonstruktion von männlicher Homosexualität
4.2.1 Historischer und gesellschaftlicher Kontext: Stadt vs. Land - Männliche Sexualität im alten Spanien
4.2.2 Die Sex- und Doing Gender-Theorie, angewandt auf die Protagonisten
Pablo und Enrique
Antonio und Juan/ Ángel
Tina und Ignacio
Zusammenfassung
4.2.3 Einordnung der Protagonisten nach Sex, Gender, Desire und Sexual Practice
Paare: Pablo und Juan vs. Ignacio und Enrique
Paare: Pablo und Antonio vs. Enrique und Juan/ Ángel
Paare: Tina und ihr Vater vs. Padre Manolo und Ignacio, Señor Berenguer und Juan/ Ángel Zusammenfassung

5. Fazit

6. Bibliographie

1. Einleitung

Pedro Almodóvar als Filmregisseur ist seit Beginn seines Schaffens in den späten 1970er Jahren mit den unterschiedlichsten Attributen belegt worden. Er ist das spanische Enfant terrible, eine Ikone des europäischen Autorenkinos, ein Frauenregisseur, ein Meister des Melodrams. Eine Schlüsselfigur der Movida in Madrid, der in seinen Filmen sexuelle und gesellschaftliche Tabubrüche begeht. Homosexualität, Bisexualität, Transvestitismus und Transsexualität spielen in seinen Filmen ebenso eine Rolle wie Sadomasochismus, Fetischismus und andere sexuelle Spielarten. Weder vor Inzest noch vor sexuellem Missbrauch oder Vergewaltigung schreckt Almodóvar zurück. Klare Abgrenzungen zwischen Gut und Böse gibt es bei ihm nicht, eindeutige Wertvorstellungen auch nicht - es wird eine andere Realität dargestellt als die in der vermeintlichen Normalität gelebte.

Pedro Almodóvar ist dabei sicher nicht der erste spanische Regisseur, der seinerzeit Homosexualität auf die spanische Leinwand brachte. Er mag aber der erste gewesen sein, der in seinen Filmen sexuelle Minderheiten und deren Freiheiten darstellte, die unbemerkt von und ignorant gegenüber der spanischen Gesellschaft mit ihren Werten und Normen blühten und gediehen.

Genau dieser vorurteilsfreie Blick macht Almodóvar für meine Arbeit so interessant. Almodóvars erste Filme entstanden in den späten 1970er Jahren, zu einer Zeit, als Homosexualität in Spanien bestenfalls ignoriert wurde. Heute ist es Homosexuellen per Gesetz erlaubt, die Ehe einzugehen. Dazwischen liegen mehrere Jahrzehnte, in denen Queer- und Genderstudien ihren Beitrag zu einer veränderten Sichtweise auf Homosexualität geleistet haben. Homosexualität fristet kein verstecktes Nischendasein mehr, sondern ist zu einer sichtbaren gesellschaftlichen Realität geworden. Es scheint das gelungen, was in Almodóvars Filmen gezeigt wird: Sexuelle Minderheiten können ein Leben frei von Be- und Verurteilung führen.

Inwieweit dies tatsächlich zutrifft, werde ich in dieser Arbeit nicht klären können. Ich werde mich daher auf die filmische Realität zurückziehen und auf die Inszenierung von männlicher Homosexualität in zwei von Almodóvars Filmen eingehen. Eine gleichzeitige Betrachtung zur Inszenierung weiblicher Homosexualität bietet sich hier nicht an, da das Thema der weiblichen Homosexualität bei Almodóvar zwar vorhanden, aber nicht so deutlich ausgeleuchtet wird wie das der männlichen Homosexualität. Die von mir ausgewählten Filme entstanden 1987 und 2004 und haben männliche Sexualität zum Hauptthema. In den 17 Jahren, die zwischen den beiden Filmen La ley del deseo 1 und La mala educaci ó n 2 liegen, hat Almodóvar männlicher Homosexualität in seinen Filmen keine so große Rolle mehr zukommen lassen. Die Filme, die ich betrachte, sind trotz ihres unterschiedlichen Entstehungsdatums thematisch in der gleichen Zeit anzusiedeln - im Spanien der frühen 1980er.

Nicht nur die Themen, auch die historischen Umstände, unter denen Almodóvars Filme zu Beginn entstanden, machen seine Filme so besonders. Spanien, durch die Diktatur abgeschirmt von der Außenwelt und in seiner freien Entwicklung behindert, explodierte nach dem Tod Francos geradezu vor Lebenslust und Offenheit, ein Phänomen, das sich unter dem Begriff der Movida Madrileña in Kunst, Musik und Theater durch radikale Tabubrüche mit Pop-Art- und Camp-Ästhetik äußerte3. Almodóvars erste Filme sind Ausdruck dieser Zeit, zugleich zeigt sich sein Werk jedoch unbeeinflusst von der damaligen politischen und gesellschaftlichen Situation Spaniens. Almodóvar verknüpft Homosexualität in Spanien nicht mit politischem Aktivismus und dem Kampf um Anerkennung. Die Handlung seiner Filme findet zwar in einer Gesellschaft mit festen Traditionen und Normen statt, ist jedoch gleichzeitig ignorant gegenüber diesen. Dies lässt eine Betrachtung der Filme zu, die ganz spezifisch für Spanien gelten kann, denn auch wenn der direkte historische Bezug in den Filmen fehlt, so ist der kulturelle Bezug durchaus sichtbar.

Almodóvar ist ein Regisseur mit eigener Handschrift. Zwischen 1980 und 2013 stellte er 19 Filme verschiedenster Genres fertig, die es ermöglichen, seine Entwicklung über die Zeit zu betrachten. Die beiden von mir gewählten Filme haben männliche Homosexualität als Kernthema und liegen zeitlich 17 Jahre auseinander, genau in einem Zeitabschnitt, in dem Homosexualität in Westeuropa ein öffentliches Thema zu werden beginnt. Die politisch sehr aktiven Schwulenbewegungen und die Hinterfragung heterosexueller Geschlechterrollen durch den Feminismus tragen erheblich zu dieser Aufmerksamkeit bei. Zusätzlich forciert wird sie noch durch die Verbreitung des HI-Virus, das zunächst bei männlichen Homosexuellen und anderen Randgruppen auftaucht. In den 1990ern entstanden außerdem die ersten Queer-Theorien. Mittlerweile hat Homosexualität in der westlichen Welt einen anderen Stellenwert erreicht. Männliche und weibliche Homosexuelle tauchen in Vorabendserien als ernstzunehmende Charaktere auf, das so genannte Coming-out gibt es in sämtlichen Bereichen - angefangen von der Politik bis hin zu vorrangig männlich besetzten Sportarten wie Boxen und Fußball (allerdings nur sehr vereinzelt). Gender- und Queerstudien sind an Universitäten vertreten, in Deutschland gibt es sogar einen geforderten Bildungsanspruch, der Schulkinder auf die Existenz sexueller Vielfalt hinweisen soll.

Die beiden Filme, die ich betrachte, La ley del deseo und La mala educaci ó n, lassen sich am ehesten den Genres Melodram und Thriller zuordnen. Es handelt sich nicht per se um homosexuelle Filme, auch wenn es sich bei allen Protagonisten um homosexuelle Männer oder um gleichgeschlechtlichen Sex praktizierende Männer handelt. Frauen spielen in beiden Filmen keine nennenswerte Rolle.

Ich werde beide Filme anhand der Protagonisten und ihrer Beziehungen zueinander unter Berücksichtigung verschiedener Theorien aus den Gender- und Queerstudien analysieren. Dabei werde ich auch auf den historischen und gesellschaftlichen Kontext der Filme eingehen.

Nach Nina Degele4 gibt es drei grundlegende Theorieperspektiven für die Betrachtung von Geschlecht, auf die sich die heutigen Queer- und Genderstudien stützen: Die strukturorientierte Gesellschaftskritik, der interaktionistische Konstruktivismus und der diskurstheoretische Dekonstruktivismus.

Meine Analyse werde ich vor allem vor dem Hintergrund des diskurstheoretischen Dekonstruktivismus erarbeiten, der sich gegen jede Art von Kategorienbildung richtet. Das intelligible Geschlecht wird aus dem biologischen Geschlecht (Sex), den sozialen Geschlechterrollen (Gender), dem sexuellen Begehren (Desire) und der tatsächlich ausgeübten Sexualität (Sexual Practice) abgeleitet. Auch der interaktionistische Konstruktivismus findet Eingang in meine Analyse: Er dekodiert Geschlechtszugehörigkeit über Namen, Kleidung, Gestik, Frisur, Körperhaltung und Verhalten und ordnet sie anhand der sozialen Interaktion ein. Ein gängiger Begriff hierfür ist Doing Gender. Eine erweiterte Definition von Gender entlehne ich aus der poststrukturalistischen Sozialwissenschaft - nach dieser Definition wird das Geschlechterverhältnis als Machtverhältnis5 beschrieben. Eine strukturorientierte Gesellschaftskritik kommt für meine Betrachtung nicht infrage, da eine kausale Beziehung zwischen Sex (biologisches Geschlecht) und Gender (soziales Geschlecht), beruhend auf stereotypen Männer- und Frauenrollen, bei den Protagonisten nicht zutreffend ist: Gesellschaftliche Positionen werden nicht vom biologischen Geschlecht abgeleitet.

Auf dieser Grundlage beschäftige mich mit Begriffen und Vorstellungen von Geschlechterrollen und versuche in der Analyse der einzelnen Protagonisten zu klären, ob und inwiefern Almodóvar Geschlechterrollen dekonstruiert.

Hierfür möchte ich zunächst deutlich machen, in welchem politischen und gesellschaftlichen Setting Almodóvars Filme entstanden sind:

In Kapitel 2 werde ich zunächst den Rahmen schaffen, um Almodóvars Schaffen zu analysieren und die Entwicklung seiner Arbeit nachvollziehen zu können - mit einer Einordnung von Homosexualität und Gender in Diskurs und Film.

Für die kontextuelle Einbettung meiner Analyseinstrumente beschäftige ich mich zunächst mit der Homosexualität im historischen Diskurs. Ein historischer Ausflug in die sich wandelnden Definitionen und Wahrnehmungen von Homosexualität soll zeigen, welchen Blick die Gesellschaft zur Zeit der beiden von mir betrachteten Filme auf Homosexualität hatte und welche Theorien dahinterstehen. Ein kurzer historischer Abriss der Homosexualität in Spanien erfolgt danach durch die Darstellung der Reaktionen auf Homosexualität im Kontext verschiedener politischer und gesellschaftlicher Klimata.

Das Kapitel 2.3 bringt die männliche Homosexualität mit dem Film zusammen. Aufgrund der kulturellen und gesellschaftlichen Vorherrschaft der USA sowie, nach Almodóvars eigener Aussage, der Beeinflussung durch den amerikanischen Film stelle ich zunächst die Darstellung von Homosexualität im nordamerikanischen Film dar, bevor ich den spanischen Film vor derselben Fragestellung betrachte.

Ich werde beleuchten, welche Stellung Homosexualität in Spanien zwischen den 1960ern und der Jahrtausendwende hatte, sowohl juristisch als auch im politischen und religiösen Kontext sowie in Kunst und Kultur und beschreibe die spanische Kinolandschaft nach Francos Tod sowie die Ästhetik, die zu diesem Zeitpunkt in Spanien und international in Filmen vorherrschte.

In Kapitel 3 sehe ich mir vor diesem Hintergrund Almodóvars Werk an. Zu diesem Zweck teile ich seine Filme in verschiedene Schaffensphasen ein und stelle dar, welche Rezeption seine Filme innerhalb Spaniens und international erfahren haben. Dabei betrachte ich auch, wie seine Filme in die homosexuelle Kinolandschaft passen.

Nach einer ausführlichen Inhaltsangabe der beiden Filme ordne ich die Protagonisten dem historischen und gesellschaftlichen Kontext zu, der in beiden Filmen zum Ausdruck kommt.

Im Anschluss stelle ich die Protagonisten der Filme und ihre Beziehungen zueinander detailliert vor und zeige auf, welche Parallelen und Unterschiede es zwischen ihnen gibt. Der Theorie des interaktionistischen Konstruktivismus folgend ordne ich ihre Geschlechterrollen in die Kategorien Sex und Doing Gender ein und untersuche mit Hilfe des diskurstheoretischen Dekonstruktivismus , wie die Geschlechterrollen dekonstruiert werden. In der Analyse der verschiedenen Beziehungen der Protagonisten zueinander erweitere ich die Analysebegriffe Sex und Gender um Desire und Sexual Practice. Das sexuelle Begehren (Desire) leite ich im Film aus dem dargestellten Genussempfinden der Protagonisten beim Sex und aus ihrer emotionalen Bindung zu der jeweils anderen Person ab. Diese kann (nach Connell) von Freiwilligkeit und von Zwang geprägt sein. Ein männliches Begehren geht nach dieser Definition einher mit Heterosexualität und gesellschaftlicher Dominanz der Männer. Bisexualität stellt hingegen ein Begehren dar, das an kein Geschlecht gebunden ist. Auch hier wende ich für meine Analyse den diskurstheoretischen Dekonstruktivismus an .

Hier zeigt sich, ob Almodóvar Geschlechterrollen tatsächlich dekonstruiert.

In meinem Fazit möchte ich deutlich machen, wie Almodóvar durch seine Inszenierung von Homosexualität mit Geschlechterrollen spielt.

Anmerkung: Aufgrund der verschiedenen Quellen, die ich in meiner Arbeit zitiere, sind einige der Zitate nicht in ihrer Originalsprache zitiert. So kommt es, dass amerikanische Kritikerstimmen auf Spanisch zitiert werden, und Almodóvar in seinen Interviews mal Spanisch, mal Deutsch und mal Englisch spricht.

Sofern nicht anders angegeben, handelt es sich bei denen in meiner Arbeit genannten Filmen um Werke ohne Veröffentlichung in Deutschland.

2. Homosexualität und Gender in Diskurs und Film

Der Kontext dieses Kapitels bildet den Hintergrund, vor dem ich Almodóvars Arbeit beleuchten möchte. Dabei geht es zunächst um Homosexualität im historischen Diskurs, um die von mir zur Analyse genutzten Theorien darin zu verorten. In einem historischen Abriss der Homosexualität in Spanien konzentriere ich mich auf die gesellschaftlichen und politischen Verhältnisse bzw. die daraus resultierenden Reaktionen im Wandel der Zeit.

Weiter eingegrenzt beschäftige ich mich im Anschluss daran mit der Homosexualität im Film. Der US-amerikanische Film hatte durch seinen großen Einfluss eine stetige Vorreiterrolle inne. Wie sich die homosexuelle Kinolandschaft in Spanien entwickelte, vor deren Hintergrund Almodóvars Arbeit entstand, werde ich ebenfalls darstellen.1

2.1 Homosexualität im historischen Diskurs

In diesem Kapitel wird der Begriff der Homosexualität zunächst historisch betrachtet. Im Vordergrund steht hier der Wandel, den dieses Phänomen im Laufe der Jahrtausende durchlebt hat, um daran den Konstruktcharakter der damit verbundenen Vorstellungen zu veranschaulichen. Es wird dabei versucht, die jeweils zeitgemäße Terminologie in den Text einzubinden.

Der Ausdruck Homosexualität hat erst im 19. Jahrhundert Eingang in die Wörterbücher gefunden. Begriffe wie mannmännlicher Beischlaf, der undifferenzierte Terminus der Sodomie oder der widernatürlichen Unzucht dienten zur Beschreibung dieser Praxis. Die Wortschöpfung Urning 2 für gleichgeschlechtliche Liebe wurde von Karl Heinrich Ulrichs geprägt, einem Vorkämpfer für die Gleichstellung der Homosexuellen, um die Liebe zwischen Männern neu zu definieren und von den negativen Assoziationsketten, mit denen

Begrifflichkeiten wie zum Beispiel widernatürliche Unzucht, Sodomie u.a. behaftet waren, zu lösen. Wie sie im folgenden zeigen wird, spiegelt Homosexualität die Betrachtungsweise der Gesellschaft mit ihren Ordnungssystemen, Grenzen, aber auch Utopien wider. Die Bezeichnung Homosexualität wird Ende des 20. Jahrhunderts selbst zunehmend durch Begrifflichkeiten wie “schwul” oder “gay” ersetzt, um das damit verbundene Stigma der Sündhaftigkeit, des Verbrechens oder der Krankheit zu umgehen.

Die säkularen Gesetze und Anschauungen über widernatürliche Unzucht waren über die Jahrhunderte religiös determiniert. Im Alten Testament, vornehmlich im Buch Levitikus, wurde der Geschlechtsverkehr zwischen Männern wie auch mit Tieren mit der Todesstrafe geahndet. Die Blutschande sowie der Verkehr mit einer Menstruierenden gehörten unter anderem zu den von der Thora als Unzuchtsverbrechen klassifizierten Vergehen3. Der biblische Mythos von Sodom und Gomorrha (1. Buch Mose 19,1-29) erzählt die Geschichte der Auslöschung dieser beiden und drei anderer Städte, die wegen Gotteslästerung und Unzuchtsverbrechen den Zorn des alttestamentarischen Gott Jahwe auf sich zogen und dem Erdboden gleichgemacht wurden. In diesen Mythen wird die rechtliche und soziale Ächtung einer Verfehlung sichtbar; ein Mechanismus der Vernichtung folgt auf jeglichen Verstoß gegen die göttliche Ordnung.

Auch im neuen Testament nimmt der Apostel Paulus keinen Abstand von der Postulierung der Todesstrafe für gleichgeschlechtlichen Beischlaf zwischen Männern. In seinem Brief an die Römer I, 28-32 heißt es:

Ebenso gaben die Männer den natürlichen Verkehr mit der Frau auf und entbrannten in Begierde zueinander. Männern trieben mit Männern Unzucht und erhielten den ihnen gebührenden Lohn für ihre Verirrung (…) Wer so handelt, verdient den Tod.

Die neutestamentliche Bibel betont den widernatürlichen Aspekt des gleichgeschlechtlichen sexuellen Umgangs zwischen Männern, der mit dem Tod bestraft werden muss. Der Beischlaf von Männern mit Männern wird als moralischer Fehltritt, als Sünde angesehen, die gegen die natürliche göttliche Ordnung verstößt. Nur durch dessen Vernichtung kann die ursprüngliche, gottgewollte Ordnung wiederhergestellt werden. Festzuhalten bleibt, dass mannmännlicher Beischlaf in der Bibel als regelwidriger Akt geahndet und ihm keine “natürliche” Existenz zugeschrieben wird. Er steht außerhalb der göttlichen Ordnung.

Das im Jahr 538 durch Kaiser Justitian erlassene Edikt, die sogenannte Novella 77, gründet gewissermaßen auf den Mythos von Sodom und Gomorra. Unter Androhung der Todesstrafe verbot das Edikt mannmännlichen Beischlaf sowie Blasphemie, da diese Hungersnöte, Erdbeben und die Pest heraufbeschworen4. Die Bibel erscheint folglich als ein Strafregister für bestimmte sexuelle Handlungen wie zum Beispiel mannmännlichen Beischlaf und den sexuellen Verkehr mit Tieren. Diese beiden zuletzt genannten Phänomene werden unter dem Begriff des Sodomisten zusammengefasst und lange Zeit undifferenziert betrachtet. Die in der Bibel als Unzuchtsverbrechen unter Todesstrafe gestellten Sittenverstöße wurden in anderen Kulturen jedoch nicht geahndet und bedeuteten auch keinen Verlust der sozialen Stellung5. Auch in der griechischen Antike gehörte gleichgeschlechtlicher Beischlaf zwischen Männern, die mit Frauen verheiratet waren, zum Alltag - weder wurde dieses Verhalten bestraft noch stigmatisiert. In seinem Wesen unterschied sich ein homosexueller Mann nicht von einem nach heutigen Maßstäben heterosexuellen Mann. Diese Art von Distinktion existierte bei den Griechen nicht6.

Die Aufnahme neuerer Erkenntnisse der Medizingeschichte in die Geschlechterforschung (an dieser Stelle sei auf die Arbeiten von Thomas

Laqueur7 und Ludmilla Jordanova8 hingewiesen) beweisen, dass sich Vorstellungen von einer fundamentalen Differenz zwischen maskulinem und femininem Körper (two-sex-model) erst ab dem 18. Jahrhundert manifestiert haben. Bis ins 18. Jahrhundert war ein grundsätzlich anderes Modell der Geschlechterdifferenz gültig. Mann und Frau wurden voneinander unterschieden, aber nicht in fundamentaler Opposition zueinander gesehen. Das Geschlechtsorgan der Frau wurde beispielsweise als invertierter Penis interpretiert. Wie die Ergebnisse historischer Forschung zeigen, haben sich in der westlichen Kultur erst im 19. Jahrhundert Vorstellungen etabliert, die eine grundsätzliche biologische Verschiedenheit der Geschlechter voraussetzen. Daraus ergaben sich spezifische komplementäre Charakteristika. Diese geschlechtsspezifischen Zuschreibungen orientieren sich an den binären Oppositionen Kultur/Natur, aktiv/passiv, Verstand/Gefühl, Geist/Körper, wobei der Frau immer der zweite Terminus zugesprochen wird.

Im 19. Jahrhundert wird ein gleichgeschlechtlicher Akt zwischen Männern mit einer Gefängnisstrafe belegt. Im § 143 des Preußischen Strafgesetzbuches vom 14. April 1851 heißt es:

Die widernatürliche Unzucht, welche zwischen Personen männlichen Geschlechts oder von Menschen mit Thieren (sic!) verübt wird, ist mit Gefängniß (sic!) von sechs Monaten bis zu vier Jahren, sowie mit zeitiger Untersagung der Ausübung der bürgerlichen Ehrenrechte zu bestrafen9.

Der österreichisch-ungarische Schriftsteller Károly Kertbeny plädierte für Abschaffung des §143 des Preußischen Strafgesetzbuches vom 14. April 1851 und seiner Aufrechterhaltung als § 152 im Entwurf eines Strafgesetzbuches für den Norddeutschen Bund. Er kreiert 1869 die hybride Wortschöpfung homosexual aus dem griechischen Adjektiv ὅμοιος homoios (“gleich”)10 und dem lateinischen Substantiv sexus (“Geschlecht“)11 und heterosexual abgeleitet aus dem griechischen ἕτερος heteros (“der andere, ungleich”)12. Er addiert zudem die Kategorien “monosexual”, und “heterogen”. Die Inspiration für die Wortkreationen homo-, mono- und heterosexual stammt vermutlich aus dem Terminus bisexual, der der Botanik entlehnt ist und seit dem Beginn des 19. Jahrhunderts auch von der Sexualforschung verwendet wurde13. Der neue Begriff “heterogen” bezeichnet nach Kertbeny den Geschlechtsverkehr mit einer anderen Gattung, zum Beispiel mit Tieren. Damit hat Kertbeny den Versuch unternommen, den Begriff des Sodomisten, der sowohl Geschlechtsverkehr mit Tieren als auch mannmännlichen Beischlaf beinhaltete, aufzuspalten. Die zwei vormals in einer Kategorie zusammengefassten sexuellen Praktiken sollten getrennt werden, um die Homosexualität gesondert betrachten zu können und die Straffreiheit von Homosexualität zu erreichen. Kertbeny plädierte für die Gleichberechtigung Homosexueller vor dem Gesetz; seiner Argumentation nach dürfe der Staat sich nicht in die Privatsphäre zweier Bürger über 14 Jahren einmischen, die sich einvernehmlich auf ein Geschehen geeinigt hätten, das keiner dritten Person schade. Biologische bzw. medizinische Argumente zur Erklärung von Homosexualität lehnte er ab, da diese Argumentation nicht zur Einbeziehung der Homosexuellen in die Gesellschaft führen würde14. Michel Foucault erkannte den fundamentalen Unterschied zwischen dem “Homosexuellen” und dessen jahrhundertealtem Vorgänger, dem “Sodomiten”: Der Sodomit wurde zum Todsünder und Verbrecher erklärt, weil er auf eine gewisse Art und Weise gehandelt hatte, er galt aber nicht, wie der Homosexuelle, als ein vollkommen andersgeartetes Individuum. Sodomie war eine Untat - Homosexualität ein Identitätsmerkmal. Aufschlussreich ist hierbei, dass Sodomie nicht als angeborene Eigenschaft, sondern als Akt, als Resultat einer freien Willensentscheidung betrachtet wird. Foucault formuliert das folgendermaßen:

Die Sodomie - so wie die alten zivilen oder kanonischen Rechte sie kannten - war ein Typ von verbotener Handlung, deren Urheber nur als ihr Rechtssubjekt in Betracht kam. Der Homosexuelle des 19. Jahrhunderts ist zu einer Persönlichkeit geworden, die über eine Vergangenheit und eine Kindheit verfügt, einen Charakter, eine Lebensform (…). Der Sodomit war ein Gestrauchelter, der Homosexuelle ist eine Spezies15.

Foucault verweist darauf, dass der “homosexuelle Mann” eine Fiktion des 19. Jahrhunderts ist. In den Jahrhunderten zuvor wurde der gleichgeschlechtliche Geschlechtsverkehr von der Kirche zwar als “sodomitisch” geächtet, aber nicht als menschliche Wesensart verstanden.

Die im 19. Jahrhunderten kreierten sexuellen Neologismen haben nicht nur neue Begriffe geschaffen. Sie verweisen auch auf eine weitreichende soziale Veränderung. Bisher waren sexuelle Akte hauptsächlich in Hinblick auf ihre soziale Funktionalität in Kategorien gefasst worden. Nun werden sexuelle Beziehungen auch als Elemente gesehen, die eine bestimmte Lebensweise charakterisieren16. Im späten 19. Jahrhundert wird der Terminus Heterosexualität als dichotomes Gegenstück zur Homosexualität begriffen. Diese Polarisierung der Geschlechter wird durch die Theorie der konstitutionellen Bisexualität unterstützt. Dieser Theorie zufolge seien bei jedem Embryo sowohl “weibliche” als auch “männliche” Geschlechtsmerkmale vorhanden. Während sich nur eine Anlage, entweder die “männliche” oder die “weibliche” herausbildete, würde die andere aber nicht vollkommen verschwinden und auch noch im Erwachsenenalter vorhanden sein.

Sigmund Freud war ein Vertreter dieser Theorie. Er stellt im Jahr 1905 seine Theorie der psychosexuellen Entwicklung in den Drei Abhandlungen zur Sexualtheorie vor. Darin schreibt er:

Die psychoanalytische Forschung widersetzt sich mit aller Entschiedenheit dem Versuche, die Homosexuellen als eine besonders geartete Gruppe von den anderen Menschen abzutrennen17.

Der vormals mit dem Tode geahndete Akt des mannmännlichen Beischlaf wird Ende des 19. Jahrhundert von der Medizin und Psychiatrie für sich vereinnahmt und pathologisiert. Das war das Resultat der medizinischen Normierung der Lüste, wie sie bereits im 18. Jahrhundert mit dem Kampf gegen die Masturbation ihren Anfang nahm. Homosexualität wird nun als ein degeneratives Phänomen betrachtet und stellt keinen transgressiven Akt mehr dar. Sie wird nun als Geisteskrankheit, Störung oder Krankheit angesehen18. Freud unternimmt den Versuch, das Phänomen der Homosexualität für seine Theorie zu vereinnahmen und trägt seinen Teil dazu bei, die Homosexualität zu pathologisieren. Von der Existenz des Hermaphroditismus ausgehend argumentierte Freud, dass Bisexualität die primäre sexuelle Orientierung des Menschen darstelle:

Die Auffassung, die sich aus diesen lange bekannten anatomischen Tatsachen19 ergibt, ist die einer ursprünglich bisexuellen Veranlagung, die sich im Laufe der Entwicklung bis zur Monosexualität mit geringen Resten des verkümmerten Geschlechtes verändert20.

Nach Freud habe jeder Mensch von Geburt aus eine grundlegende bisexuelle Veranlagung, so dass jeder “Normale“ neben seiner heterosexuellen Ausprägung ein nicht zu verachtendes Maß an latenten oder unbewussten homosexuellen Neigungen besäße. Freuds Theorie einer bi-sexuellen humanen Konstitution impliziert eine Auflösung der sexuellen Kategorien. Ganz im Sinne der alten Griechen gäbe es dann keine Einordnung der Sexualität in “Klassen”, sondern lediglich eine einzige Sexualität mit unterschiedlich polarisierten Spielräumen, unter anderem mit einem homo- und einem heterosexuellen Pol. Schon Freud21 stellt heraus, dass das Objekt unseres Verlangens das Flatterhafteste am Triebe sei und „im Laufe der Lebensschicksale des Triebes beliebig oft gewechselt werden” könne.

Während der 1950er und 1960er Jahren beginnen Psychologen die Geschlechterentwicklung bei kleinen Kindern zu studieren, die teilweise in dem Bemühen, die Ursprünge der Homosexualität (die seinerzeit immer noch als psychische Störung und damit als “heilbar” angesehen wurde) zu verstehen. Im Jahr 1958 wird das Gender Identity Research Project an der UCLA Medical Center22 für das Studium der Intersexuellen und Transsexuellen gegründet.

Der nordamerikanische Psychoanalytiker Robert Stoller beschrieb viele der Ergebnisse des Projekts in seinem Buch Sex and Gender: On the Development of Masculinity and Femininity 23 (1968). Auf ihn geht auch der Begriff der Geschlechtsidentität zurück:

Gender identity starts with the knowledge and awareness, whether conscious or unconscious, that one belongs to one sex and not the other, though as one develops, gender identity becomes much more complicated, so that, for example, one may sense oneself as not only a male but a masculine man or an effeminate man or even a man who fantasies being a woman. Gender role is the overt behavior one displays in society, the role which he plays, especially with other people, to establish his position with them insofar as his and their evaluation of his gender is concerned24.

1968 macht Stoller den Vorschlag, den Begriff “Gender“ aus der Grammatik zu entlehnen, um mit ihm soziologische Funktionen von Männlichkeit und Weiblichkeit zu definieren und von biologischen Geschlechtsmerkmalen (Sex) zu separieren. Der Mensch besitze keine von Geburt an präformierten geschlechterspezifischen Verhaltensweisen, sondern eigne sich diese im Laufe seines Lebens an. Männlichkeit und Weiblichkeit seien demnach nur erlernte Geschlechterrollen, die sozial generiert und kulturell zugeschrieben werden. Das biologische Geschlecht (Sex) und das soziale Geschlecht (Gender) verkörperten separate Phänomene. Es gibt keinen kausalen Zusammenhang zwischen Gender und dem biologischen Geschlecht. Gender ist vielmehr als eine kulturell geprägte Sichtweise des Körpers zu definieren, die dem Individuum über eine Geschlechtsidentität und Geschlechterrolle eine spezifische Position innerhalb der gesellschaftlichen Ordnung zuweist. Diese Theorie ist radikal dekonstruktivistisch. Gender gründet auf der Beobachtung von Differenzen zwischen Geschlechtern und ihrer Übertragung in kulturelle Zuschreibungen von “Männlichkeit” und “Weiblichkeit”. Die Sex/Gender-Unterscheidung hatte eine unentbehrliche politische Funktion für die feministische Theoriebildung in den 1970er Jahren. Hier ist der Ursprung der strukturorientierten Gesellschaftskritik zu verankern. Damals verfolgte die feministische Bewegung das Ziel, biologistische Auffassungen zur “Natur der Frau” zu dementieren und zu widerlegen. Dadurch, dass Geschlecht als soziales Konstrukt ausgewiesen wurde, konnte es gesellschaftlich verändert werden. Nun standen sich nicht mehr Mann und Frau in einer binären Ordnung gegenüber, sondern das biologische Geschlecht (Sex), also Natur und die soziale Formung von Geschlecht in Bezug auf Identität, Rolle und Wahrnehmung, also Kultur (Gender). Gender sollte nicht auf Sex reduzierbar sein, denn Charakteristika wie etwa Durchsetzungsvermögen, Elan, Sanftmut, Sparsinn, Kühnheit, Emotionalität und Pünktlichkeit könnten nicht nur jeweils einem biologischen Geschlecht zugesprochen werden25. Gender ist folglich als eine zugleich semiotische und soziokulturelle Rubrik zu begreifen, deren Bedeutung(en) ihr durch eine Kultur verliehen wird, die Mann und Frau unterscheidet. Trotz weitreichender “Entnaturalisierungsversuche” war die Soziologie allerdings immer noch von einem sozialen binären Ordnungskonstrukt ausgegangen, das Sex (als biologisches Geschlecht), Gender (als soziales Geschlecht) und Sexualität (im Sinne sexueller Orientierung) zu einem einheitlichen Konzept von Heteronormativität verknüpfte. Mit der Idee, die unterstellte Natur der Zweigeschlechtlichkeit nicht einfach zu übernehmen, sondern die soziale Genese von Konzepten wie “Männlichkeit und “Weiblichkeit” empirisch zu rekonstruieren, hat sich vor allem die ethnomethodologische und phänomenologische Mikrosoziologie auseinandergesetzt. Diese Theorie ist unter dem Begriff interaktionistischer Konstruktivismus bekannt. Die Ethnomethodologen sehen Gender als “fortlaufendes Zustandekommen", das in alle Alltagssituationen eingeschrieben ist, als so genanntes Doing Gender:

When we view gender as an accomplishment, an achieved property of situated conduct, our attention shifts from matters internal to the individual and focuses on interactional and, ultimately, institutional arenas. In one sense, of course, it is individuals who "do" gender. But it is a situated doing, carried out in the virtual or real presence of others, who are presumed to be oriented to its production. Rather than as a property of individuals, we conceive of gender as an emergent feature of the social situations: both as an outcome of and a rationale for various social arrangements and as a means of legitimating one of the most fundamental divisions of society26 .

Gender wurde in der Soziologie oft als Rolle betrachtet. Im Unterschied zur Rolle als situativer Identität sei Gender eine Art “master identity“ die sich durch alle Lebenssituationen ziehe. Die amerikanische Anthropologin Gayle Rubin27 vertrat die Ansicht, dass Männer und Frauen tun und lassen könnten, was sie wollten, solange es nur unterscheidbar sei und damit in Hierarchien übersetzt werden könnte. Beispiele für symbolische Kennzeichnungen von Grenzen seien Kleiderordnung, räumliche Aufteilung oder die Trennung von Arbeit in “männliche” und “weibliche” Tätigkeiten. In unserer Gesellschaft leiten wir das Geschlecht aus den sogenannten kulturellen Genitalien28 ab, das heißt, das Geschlecht wird aus einer Reihe von Faktoren wie Namen, Pronomina, Kleidung, Gestik, Frisur, Körperhaltung und Ähnlichem konstruiert, die wiederum als äußere Zeichen für die Existenz eines femininen oder maskulinen Körpers interpretiert werden. Zweigeschlechtlichkeit wird als gesellschaftliche und kulturelle Übereinkunft wahrgenommen, die den multigeschlechtlichen Identifizierungen des Individuums nicht gerecht wird.

In den späten 1980er Jahren beginnt Judith Butler regelmäßig Vorträge zum Thema Geschlechtsidentität zu halten und im Jahr 1990 veröffentlicht sie ihre wegweisende Arbeit Gender Trouble: Feminism and the Subversion of Identity, die bedeutende Beiträge aus der Philosophie nach dem Ende der 1950er Jahre inkorporierte und radikale Kritik an den Unzulänglichkeiten des Feminismus übte. Nach Butler ist Geschlecht “keine vordiskursive anatomische Gegebenheit”29, sondern eine diskursiv erzeugte Materialisierung, die man entnaturalisieren, genauer gesagt, dekonstruieren müsse30. Der diskursanalytische Dekonstruktivismus hat hier seinen Ursprung. Laut Butler ist der anatomische Geschlechtsunterschied ein Produkt gesellschaftlicher Diskurse.

Zweigeschlechtlichkeit resultiere aus Normierungen und Apperzeptionen und repräsentiere eine symbolische Ordnung. Butler sieht Geschlecht als Performanz, das durch Wiederholung eingeübt wird31. Darin steckt eine Kritik an der (humanistischen) Unterscheidung von Subjekt und Handlung, die im Gegensatz zu Butler das Subjekt als Handlungsagens betrachtet. Butler dagegen argumentiert, dass sich das Subjekt erst über Handlung konstruiere. Geschlechter resultierten folglich aus Identitätsdiskursen. Studien zu Transsexuellen zeigen, dass Menschen erst dann Männer oder Frauen sind, wenn sie als Männer oder Frauen “durchgehen” (Passing)32. Gesellschaftliche Diskurse funktionieren so, dass bestimmte Handlungen als Spiegelung von Identität in binäre Kategorien eingeteilt werden. Make-up, lange Haare, Pumps und ein gekonnter Hüftschwung gelten immer noch als weibliche Attribute. Das erlaubt Rückschlüsse darauf, dass eine Art Grundwissen von ontologischer “Männlichkeit” und “Weiblichkeit” existiert, die den Rahmen dafür steckt, welche Gestalt Identität annehmen darf und welche nicht. Die Differenzierung zwischen Sex/Gender entpuppt sich nach Butler letztlich auch als sozial generiertes Konstrukt. Sowohl Geschlecht als auch Geschlechtsidentität seien kulturell bedingt33. Dadurch fällt der Unterschied zwischen ihnen weg und es gibt keinen Grund, Geschlecht oder Geschlechterrollen auf eine binäre Form zu beschränken. Nach Butler gibt es kein biologisches Geschlecht, sondern lediglich ein performatives, eines, das sich im Laufe des Lebens durchaus wandeln kann, da Identität bei Butler als fragmentiert, pluralistisch und transformativ begriffen wird34. Damit steht Butler ganz in der Tradition der Postmoderne, die dominante Wertmaßstäbe und Konzepte in Frage stellt. Die Postmoderne stellt allerdings auch neue Ansprüche an das Individuum. Der Sexualforscher Volkmar Sigusch schreibt:

Mit den gesellschaftlichen Anforderungen weitgehend unvereinbar sind starre soziale Rollen, stabile psychische Identifikation und undurchlässige psychosoziale Identitäten. Anschlussfähig und erfolgversprechend sind dagegen transitorische, partielle oder fragmentarische Verhaltensweisen. Identifikationen und Identitäten, letztlich ein modulartiges Selbst, das wie ein Werkzeugkasten funktioniert, dessen Teile nach Bedarf herausgenommen, ergänzt und angekoppelt werden können. „Der Angelpunkt der postmodernen Lebensstrategie”, schreibt Zygmunt Baumann35 „heißt nicht Identitätsbildung, sondern Vermeidung jeglicher Festlegung36.

Die postmoderne Sichtweise auf die Sexualität entspricht dieser Analyse. Wenn beispielsweise Butler sagt, dass sich die Sexualität im Laufe des Lebens transformieren und zwischen den Polen hin- und her wandern kann, dann greift sie ein von Sigusch und Baumann identifiziertes Merkmal der Postmoderne auf, das fluktuierende Sexualitäten und instabile Bindungen hervorbringt. Die heutigen Queer- und Genderstudien stützen sich auf Stollers und Butlers Trennung von Sex und Gender. Wie schon in diesem Kapitel eingeführt, gründen sie auf drei grundlegenden Theorieperspektiven für die Betrachtung von Geschlecht:

1. Strukturorientierte Gesellschaftskritik

Die Kritik beruht auf der Annahme, dass sich aus dem biologischen Geschlecht (Sex) das soziale Geschlecht (Gender) bestimmt und sich daraus die unterschiedliche gesellschaftliche Position von Frauen und Männern ableitet.

2. Interaktionistischer Konstruktivismus

Sex und Gender sind nicht “auf natürliche Art und Weise” miteinander verknüpft. Das soziale Geschlecht wird durch Handlungen konstruiert, die mit gesellschaftlichen Vorstellungen von weiblichen oder männlichen Stereotypen einhergehen. Dieses Handeln ist auch als Doing Gender bekannt.

3. Diskurstheoretischer Dekonstruktivismus

Die Diskurstheorie richtet sich gegen jede Art von Kategorienbildung. Allein durch die Benennung von Dingen oder Handlungen werden diese zu einem Ausdruck bestehender Machtverhältnisse. Es geht darum, Begriffe und Vorstellungen kritisch zu hinterfragen und zu dekonstruieren.

Für die seit den 1990ern ins Licht gerückte Queer-Theorie ist ein intelligibles Geschlecht nur erkennbar aus dem biologischem Geschlecht (Sex), den sozialen Geschlechterrollen (Gender), dem sexuellen Begehren (Desire) und der tatsächlich ausgeübte Sexualität (Sexual Practice)37.

Wie eingangs angekündigt, werde ich mich für meine Analyse vor allem auf den interaktionistischen Konstruktivismus und den diskurstheoretischen Dekonstruktivismus stützen. Zusammenfassend lässt sich am Ende dieses Kapitels feststellen, dass die Kategorie Homosexualität ein Konstrukt darstellt. Durch die Analyse von Geschlecht in Hinblick auf die Merkmale der Performanz und sozialen Kategorie arbeitet die zeitgenössische Queer-Bewegung an der Auflösung des binären Geschlechtersystems mit dem Ziel, Geschlechterpositionen zu pluralisieren und Individuen Handlungsräume zu eröffnen, die nicht mehr an dem polaren System der Zweigeschlechtlichkeit orientiert sind. Damit bricht sie die Kategorisierung von Sex und Gender auf, und erlaubt eine potentiell vielgestaltige Sexualität jenseits von normativen und ausschließenden Identitätskonstruktionen. Das impliziert auch, dass Homosexualität nicht mehr nur als eine Abweichung von der Norm (Heteronormativität) gesehen werden muss.

Diese radikale Verwerfung der körperlichen Zweigeschlechtlichkeit schuf Denkräume jenseits der tradierten Klischees und offenbarte zugleich den menschlichen und feministischen Wunsch, die Grenzen des Körpers zu überschreiten38.

Dieser transgressive Traum, die Grenzen des Körpers zu überwinden, spiegelt sich unter anderem in neosexuellen Praktiken wie die der Transsexualität, die erst durch die moderne Medizin Wirklichkeit werden konnte. Hier wird der sexuelle Körper quasi eigenmächtig produziert. Sigusch spricht von “Selfsex” und “Selfgender”39, um diese neue Strömung im postmodernen Zeitalter zu beschreiben.

Die historische Perspektivierung des Homosexualitätsbegriffs zeigt, dass sich im Lauf der Zeit eine Wandlung in der Wahrnehmung von Homosexualität vollzieht, die sich von dem Urteil über “widernatürliche Unzucht” zu neueren Strömungen im postmodernen Zeitalter entwickelt, die eine vielgestaltige Sexualität sowie individuelle Identitätskonstruktionen zulassen.

Wie Homosexualität im Wandel der Zeit in Almodóvars Heimatland aufgenommen worden ist, werde ich im folgenden Kapitel darstellen. Ich liefere in aller Kürze einen groben Abriss der spanischen Historie, um die wechselnden Reaktionen auf

1 Das Gesetz der Begierde [deutscher Filmtitel]
2 Schlechte Erziehung [deutscher Filmtitel]
3 Sontag, Susan: Notes on Camp 1964 http://www9.georgetown.edu/faculty/irvinem/theory/sontag-notesoncamp-1964.html [abgerufen am 15.02.2014]
4 Degele, Nina/ Dries, Christian/ Schirmer, Dominique (Hrsg.): Gender/Queer Studies: Eine Einführung. Wilhelm Fink Verlag, München, 2008, S. 19
5 Connell, Robert W.: Der gemachte Mann: Konstruktion und Krise von Männlichkeiten. Leske + Budrich, Opladen, 1999, S. 94 Georg Thieme Verlag, Stuttgart, 2007, S. 52

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1 Das Gesetz der Begierde [deutscher Filmtitel]

2 Schlechte Erziehung [deutscher Filmtitel]

3 Sontag, Susan: Notes on Camp 1964 http://www9.georgetown.edu/faculty/irvinem/theory/sontag-notesoncamp-1964.html [abgerufen am 15.02.2014]

4 Degele, Nina/ Dries, Christian/ Schirmer, Dominique (Hrsg.): Gender/Queer Studies: Eine Einführung. Wilhelm Fink Verlag, München, 2008, S. 19

5 Connell, Robert W.: Der gemachte Mann: Konstruktion und Krise von Männlichkeiten. Leske + Budrich, Opladen, 1999, S. 94

1 “Diskurse sind machtgetränkte Wissensformen wie auch wissensgesättigte Machtkonstellationen, die gesellschaftliche Realitäten und Identitäten mit den entsprechenden Wahrnehmungsmustern erzeugen und bestimmen. Sexuelle (wie auch geschlechtliche) Identitäten wurzeln also in Diskursen beziehungsweise kulturell erzeugten Kategorien“ Vgl. Degele et al.: Gender/ Queer Studies. Eine Einführung, S. 87

2 ebd.

3 Schäfer, Christian : Widernatürliche Unzucht ( §§ 175, 1751, 175b, 182 a.F. StGB) Reformdiskussion und Gesetzgebung seit 1945. Berliner Wissenschaftsverlag, Berlin, 2006 , S. 17

4 Bailey, Derrick Sherwin: Homosexuality and the Western Christian Tradition. Longmans Green and Co, London, 1955, S. 73

5 Aldrich, Robert (Hrsg.): Gleich und anders: Eine globale Geschichte der Homosexualität. Hamburg, Murmann Verlag, 2007, S. 264

6 Vgl. Aldrich 2007: 3

7 Laqueur, Thomas: Making Sex: Body and Gender from the Greeks to Freud. Harvard University Press, Cambridge,1990 Laqueur, Thomas: Solitary Sex: A Cultural History of Masturbation. Zone Books, Brooklyn, 2003

8 Jordanova, Ludmilla: Sexual Visions: Images of Gender in Science and Medicine between the Eighteenth and Twentieth Centuries, Hemel Hempstead and University of Wisconsin Press, Harvester/Wheatsheaf, Madison, 1989

9 Vgl. Schäfer 2006: 29 4

10 www.albertmartin.de/ latein [abgerufen am 02.01.2014]

11 www.albertmartin.de/ altgriechisch [abgerufen am 02.01.2014]

12 www.albertmartin.de/ altgriechisch [abgerufen am 02.01.2014]

13 Takács, Judit : The Double Life of Kertbeny. In: Hekma, G. (Hrsg.): Past and Present of Radical Sexual Politics, UvA - Mousse Foundation, Amsterdam, 2004, S. 29/30

14 Vgl. Takács 2004: 31

15 Foucault; Michel: Der Wille zum Wissen: Sexualität und Wahrheit I. Suhrkamp, Frankfurt am Main, 1983, S.58

16 Vgl. Takács 2004: 31 6

17 Freud, Sigmund: Drei Abhandlungen zur Sexualtheorie. Franz Deuticke, Leipzig, Wien, 1905, S. 9

18 Vgl. Takács 2004: 39

19 […] bei keinem normal gebildeten männlichen oder weiblichen Individuum werden die Spuren vom Apparat des anderen Geschlechtes vermisst, die entweder funktionslos als rudimentäre Organe fortbestehen oder selbst zur Übernahme anderer Funktionen umgebildet worden sind.“ Vgl. Freud 1905: 9

20 ebd.

21 Sigusch, Volkmar: Sexuelle Störungen und ihre Behandlung, 4. überarbeitete und erweiterte Auflage, 7

22 University of California Los Angeles Medical Center, California, USA

23 Sex und Geschlecht: Über die Entwicklung von Männlichkeit und Weiblichkeit [deutscher Titel]

24 “Geschlechtsidentität (Gender Identity) beginnt mit dem Wissen und dem Bewusstsein, ob bewusst oder unbewusst, dass man dem einem Geschlecht (Sex) und nicht dem anderen angehört. Dieses Bewusstsein gewinnt jedoch mit dem Voranschreiten der eigenen Entwicklung an Komplexität. So kann es zum Beispiel sein, dass man dem eigenen Empfinden nach nicht einfach nur ein Mann ist, sondern eben ein maskuliner Mann oder auch ein femininer Mann oder gar ein Mann, der davon träumt, eine Frau zu sein. Die Geschlechterrolle (Gender Role) ist das äußerliche Verhalten, welches man in der Gesellschaft zeigt, die Rolle, die man spielt, insbesondere mit anderen Menschen, um Stellung in Bezug auf das eigene Geschlecht und dessen Bewertung durch die anderen zu beziehen.” [eigene Übersetzung] Stoller, Robert: Sex and Gender: On the Development of Masculinity and Femininity, Science House, New York City, 1968, S. 10

25 Vgl. Degele 2008: 67/68

26 “Wenn wir das Geschlecht als Leistung betrachten, als Errungenschaft, die aus einem situativen Verhalten gewonnen wird, verschiebt sich unser Augenmerk vom Körper zum Individuum und bleibt bei interaktiven und damit bei institutionellen Schauplätzen haften. Natürlich wird das Geschlecht gewissermaßen vom Individuum „konstruiert”. Aber diese Konstruktion ist in eine Situation eingebettet und erfordert die virtuelle oder reelle Präsenz der anderen, die maßgeblich an ihrer Produktion beteiligt sind. Wir begreifen das Geschlecht nicht vornehmlich als eine individuelle Eigenschaft, sondern als ein Merkmal, das in einer sozialen Situation auftritt: es ist sowohl ein Ergebnis als auch ein verschiedenen sozialen Gefügen zugrunde liegendes Prinzip und es ist ein Mittel, um eine der grundlegendsten Unterteilungen unserer Gesellschaft zu legitimieren.“ [eigene Übersetzung] West, Candace/ Zimmerman, Don: Doing Gender. In: Gender & Society Vol. 1. Sage Publications, Inc., New York , 1998, S. 126

27 Rubin, Gayle, The Traffic in Women: Notes on the ‚ Political Economy ’ of Sex, Toward an Anthropology of Women, Ed. Rayna R. Reiter, New York and London: Monthly Review Press, 1975

28 Kessler, Suzanne J./ Mc Kenna, Wendy: Gender: An Ethnomethodological Approach. John Wiley & Sons, New York etc, 1978, S. 154

29 Butler, Judith: Gender Trouble: Feminism and the Subversity of Identity. Routledge, New York, 1990. Deutscher Titel: Das Unbehagen der Geschlechter. Suhrkamp, Frankfurt am Main, 1991, S. 26

30 Vgl. Butler 1991: 218

31 Für Judith Butler ist die Kohärenz von Sex und Gender prozesshaft, sie unterliegt aber nicht dem freien Willen der Individuen, sondern ist ein Effekt gesellschaftlicher Machtdiskurse.

32 Vgl. Degele 2008: 106

33 Vgl. Butler 1991: 65

34 Vgl. Degele 2008: 108

35 Baumann, Zygmunt: Das Unbehagen in der Postmoderne, Hamburg: Hamburger Edition 1999:146, 149

36 Vgl. Sigusch 2007:16

37 Vgl. Butler1991: 216

38 Vgl. Sigusch 2007: 29

39 Vgl. Sigusch 2007:13 14

Ende der Leseprobe aus 88 Seiten

Details

Titel
Die Inszenierung der homosexuellen Figur und deren Entwicklung bei Pedro Almodóvar
Hochschule
Humboldt-Universität zu Berlin  (Institut für Romanistik)
Note
1,3
Autor
Jahr
2014
Seiten
88
Katalognummer
V280300
ISBN (eBook)
9783656734055
ISBN (Buch)
9783656735236
Dateigröße
716 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
In dieser im Fach Interkulturelle Fachkommunikation vorgelegten Diplomarbeit untersucht Frau Hollenbach die Inszenierung männlicher Homosexueller und deren Entwicklung in zwei einschlägig markanten Filmen Almodóvars, La ley del deseo (1987) und La mala educación (2004). Damit hat sie die beiden unter dieser Perspektive aussagekräftigsten und ertragreichsten Filme des spanischen Regisseurs gewählt, die überdies – dies sei vorweg gesagt – mit großer Plausibilität und Sachkenntnis analysiert werden.
Schlagworte
Almodóvar, Homosexualität, Gender Studies, Queer Studies, Nina Degele, Volkmar Sigusch, Schlechte Erziehung, Das Gesetz der Begierde
Arbeit zitieren
Birgit Hollenbach (Autor), 2014, Die Inszenierung der homosexuellen Figur und deren Entwicklung bei Pedro Almodóvar, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/280300

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