‚Ist das er‘? Thomas Glavinics "Das bin doch ich". Ein Spiel zwischen Autobiographie und Fiktion


Hausarbeit, 2013
34 Seiten, Note: 1,7

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Gegenstandsbestimmung
2.1 Autobiographie und Fiktion
2.1.1 Autobiographie
2.1.2 Fiktion
2.2 Die Autofiktion zwischen Fakt und Fiktion
2.2.1 Entwicklung und Definition
2.2.2 Kennzeichen der Autofiktion

3. Thomas Glavinic Das bin doch ich
3.1 Thomas Glavinic Das bin doch ich: Eine Autofiktion?
3.1.1 Paratextuelle Fiktionalitäts- und Faktualitätsmerkmale
3.1.2 Textuelle Fiktionsmerkmale
3.1.3 Textuelle autobiographisch-faktuale Merkmale
3.2 Selbstinszenierung durch den Text: Identitätskonstruktion

4. Fazit

5. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Die vorliegende wissenschaftliche Arbeit zum Seminar Neuerscheinungen: Literatur des letzten Jahrzehnts befasst sich mit Thomas Glavinics Roman Das bin doch ich von 2007. Das bin doch ich erzählt vom Protagonisten namens Thomas Glavinic und seinem Dasein als Autor in der österreichischen Literaturszene. Der Protagonist hat seinen Roman Die Arbeit der Nacht beendet und hofft nun auf dessen Erfolg Sofort sticht die Übereinstimmung des Protagonisten Thomas Glavinic und dem Autor Thomas Glavinic ins Auge, denn auch er ist ein österreichischer Schriftsteller und hat den Roman Die Arbeit der Nacht geschrieben.

Somit kann Das bin doch ich als Zusammentreffen von Autobiographie und Roman sowie Fiktion und Wirklichkeit, verstanden werden. Der Autor Glavinic spielt in seinem Roman mit der „Wirklichkeit und ihrer Verdopplung, mit der Wahrheit und ihrer Erdichtung“1. Die Ebenen der Dichtung und der Realität sowie die Grenzen der Gattungen verschwimmen vollkommen. Damit besteht die Gefahr, dass viele Rezipienten den Thomas Glavinic im Roman mit dem realen Autor gleichsetzen. Die häufigsten Fragen zu Das bin doch ich sind wohl jene: Wie viel im Buch ist autobiographisch und wie viel erfunden? Und ist der Protagonist des Romans Thomas Glavinic identisch mit dem Erzähler-Autor Glavinic?

Diese und weitere Fragen sollen in der vorliegenden Arbeit geklärt werden, die die Perspektive und These verfolgt, dass in Glavinics Roman von 2007 sowohl autobiographische als auch fiktionale Aspekte auszumachen sind. Ziel dieser Arbeit ist es, einen theoretischen und positionsgeleiteten Abriss über das Spannungsfeld der Fiktion und Autobiographie im Roman zu liefern.

Im ersten Abschnitt der Arbeit sollen zunächst die Begriffe der Autobiographie und der Fiktion näher beleuchtet werden, die in der sogenannten ‚Autofiktion‘ ihre Vereinigung finden.

Der darauffolgende Teil beschäftigt sich mit der Frage ob Das bin doch ich eine Autofiktion ist, indem die im ersten Abschnitt erarbeiteten Kenntnisse zur Autofiktion, der Verschmelzung von autobiographischen und fiktionalen Aspekten, auf Thomas Glavinics Roman angewendet werden. Dabei soll zunächst der Paratext des Romans auf autobiographische oder fiktionale Merkmale untersucht werden, um im Anschluss die textuellen Fiktivitäts- und Faktualitätssignale herauszuarbeiten.

Im dritten und letzten Abschnitt wird beleuchtet, inwieweit der Autor Thomas Glavinic sich durch den Text selbst inszeniert und sein Ich konstruiert.

Abschließend folgt ein zusammenfassendes Fazit, welches den letzten Teil dieser Arbeit darstellt. Dieses überprüft die erarbeiteten Kenntnisse über den Roman Das bin doch ich hinsichtlich seiner autobiographischen und fiktionalen Aspekte und stellt heraus, wie der Roman nach Thomas Glavinic aufzufassen ist.

2. Gegenstandsbestimmung

Um anschließend herausarbeiten zu können, ob Thomas Glavinics Das bin doch ich als Autofiktion, also einer Mischung von autobiographisch-faktualen und fiktionalen Merkmalen, anzusehen ist, sollen im Folgenden zunächst die einzelnen Gattungen näher beleuchtet und ihre Kennzeichen aufgezeigt werden.

2.1 Autobiographie und Fiktion

Die Autobiographie und der Roman, konkreter die Faktualität und Fiktionalität, gelten seit jeher als grundsätzlich gegensätzliche Konzepte.2 Um die beiden Gattungen gegenüberstellen zu können, werden an dieser Stelle die Kennzeichen und Grundlagen der Autobiographie, beziehungsweise des autobiographischen Schreibens, und der Fiktion, beziehungsweise des fiktionalen Schreibens, beleuchtet. Zudem ist es an diesem Punkt wichtig, auf die Unterscheidung Fiktionalität und Faktualität naher einzugehen, um anschließend den Begriff der ‚Autofiktion‘ skizzieren zu können.

2.1.1 Autobiographie

Die Bezeichnung ‚Autobiographie‘ ist erstmals bei William Taylor 1797 nachweisbar. Frühes autobiographisches Schreiben existierte bereits in der Antike, allerdings entwickelte sich erst im 18. Jahrhundert ein Gattungsbewusstsein der Selbst-Biographie. Eine besondere Bedeutung erlangen die Confessiones von Aurelius Augustinus um 400, die als erste Autobiographie im heutigen Verständnis anzusehen sind. Höhepunkt der Entwicklung der Autobiographie bildet Johann Wolfgang Goethes Dichtung und Wahrheit in vier Bänden (1811-14, 1933). Goethe schildert die Entwicklung eines Individuums als ein dynamisches, sich ständig veränderndes Wechselverhältnis zwischen Ich und Welt. Im 20. Jahrhundert entwickelte sich die Gattung der Autobiographie zunächst in verschiedene Richtungen. Das Bemühen um erzählerische Gestaltung des eigenen Lebens ist ebenso zu verzeichnen wie das

Bestreben, historiographisch-berichtend zu verfahren.3 In der Moderne wird die Autobiographie dann mit der Reflexion über die Voraussetzung der Erinnerung, der Identität und der sprachlichen Darstellung des Realen verbunden.4

Als wichtigstes Werk der Autobiographieforschung gilt Philippe Lejeunes Le pacte autobiographique von 1975. Für Lejeune ist die Autobiographie eine „rückblickende Prosaerzählung einer tatsächlichen Person über ihre eigene Existenz, wenn sie den Nachdruck auf ihr persönliches Leben und insbesondere auf die Geschichte ihrer Persönlichkeit legt.“5 Die Autobiographie ist also eine Prosaerzählung, die das eigene Leben aus dem Rückblick beschreibt. Dabei haben Erzähler und Autor, sowie Erzähler und Figur dieselbe Identität. Daraus ergibt sich für Lejeune die Formel: Autor = Erzähler = Figur.6

Erfüllt ein Text, so Lejeune, all diese Bedingungen, so ist er autobiographisch. Die Nachbargattungen der Autobiographie, wie etwa die Memoiren, das Tagebuch oder die Biographie, unterscheiden sich dagegen in mindestens eines dieser Kriterien. Die einzelnen Voraussetzungen sind mehr oder weniger zwingend. Die Bedingung, dass eine Identität zwischen dem Autor, dem Erzähler und dem Protagonisten besteht, ist für den französischen Literaturwissenschaftler aber unabdingbar, denn besteht zwischen Autor, Erzähler und Protagonist eine Übereinstimmung durch den Namen (Homonymie), so lässt sich Fiktionalität im Text ausschließen.7 Die Identität zwischen Erzähler, Protagonist und Autor äußert sich im Text meist in einem Ich der Rede, doch es gibt auch autobiographische Texte, die nicht in der Ich-Form erscheinen.8 Zudem ist die Autobiographie auf eine „Balance zwischen dem Ich und der Welt, dem Subjektiven und dem Objektiven“9 angewiesen, da ein Individuum nie für sich allein steht, sondern eine Berücksichtigung seiner Umwelt erforderlich ist.

Wichtig für die Gattung der Autobiographie ist für Lejeune zudem der Abschluss eines sogenannten ‚autobiographischen Paktes‘ zwischen Autor und Leser. Dieser Pakt macht dem Leser deutlich, dass der Protagonist der Erzählung und der Autor der Erzählung die gleichen Personen sind. Dies kann auf zwei Arten geschehen: Zum einen durch die Namensidentität von Autor, Erzähler und Protagonist und zum anderen durch paratextuelle Angaben, zum Beispiel durch eine Gattungsbezeichnung.10 Zudem muss der Autor aufgrund des sogenannten ‚referentiellen Paktes‘ die Wahrheit sagen, soweit sie ihm zugänglich ist.11 Nimmt der Leser den autobiographischen Pakt an, so ist er verpflichtet, den Text autobiographisch zu lesen.12 Für Lejeune ergibt sich daraus, dass die autobiographische Gattung eine vertragliche Gattung ist.13 Damit wird deutlich, dass die Autobiographie nicht bloß nach Wahrscheinlichkeiten, sondern nach Ähnlichkeit mit dem Wahren strebt.14

Die Autobiographie versucht alles zu vermeiden, was auf Fiktionalität hinweisen könnte und beteuert ständig das Gesagte als wahr und authentisch. Damit ist die Autobiographie eine faktuale Gattung, da sie denselben Wahrheits- und Authentizitätsanspruch wie faktuale Texte aufweist.15

Doch die Autobiographie muss nicht nur auf Fakten basieren. Dies ist bereits an Rousseaus Confessions von 1782/89 zu erkennen, die als Prototyp der modernen Autobiographie gelten. Neben Fakten kann eine Autobiographie durchaus auch Fiktives beinhalten. Im Falle von Erinnerungslücken hat Rousseau seine Bekenntnisse einfach mit Fiktivem ausgeschmückt, denn der objektiven Berichterstattung steht immer die subjektive Autorposition gegenüber. Rousseau weist die fiktiven Elemente nicht als solche aus, sondern behandelt sie als Fakten: „Die fiktiven Elemente werden hier vom dominant faktualen Diskurs überformt bzw. von ihm für seine Zwecke dienstbar gemacht“16. Damit kann die ausschließliche Faktiziät des Dargestellten nicht das entscheidende Kennzeichen der Autobiographie sein, was sie von historiographischen und wissenschaftlichen Texten unterscheidet.17

2.1.2 Fiktion

Im Gegensatz zur Autobiographie ist die Fiktion eine nicht-wirkliche Geschichte, also eine Geschichte, die nicht auf in der Realität tatsächlichen Ereignissen beruht. Der Terminus ‚Fiktion‘ geht zurück auf das lateinische Wort ‚fictio‘ (‚fingere‘), das machen, erdichten, vorgeben, gestalten und bilden bedeutet. Standardbestimmungen von Fiktion drehen sich fast immer darum, dass Fiktion in literarischen Texten das Nicht-Wirkliche, Erfundene und Erdachte ist, also etwas Ausgedachtes darstellt.18 Dargestellte Personen, Orte, Ereignisse, Gegenstände oder Sachverhalte sind nicht real, da sie „keine Entsprechung in der Realität“19 haben. Diese allgemeinen Bestimmungen von Fiktion finden sich auch in allgemeinen Wörterbüchern und in literaturwissenschaftlichen Lexika wieder. So steht im Duden geschrieben, dass Fiktion „etw., was nur in der Vorstellung existiert; etw. Vorgestelltes, Erdachtes […]“20 ist und auch für das Reallexikon der deutschen Literaturwissenschaft ist die Fiktion „ein erfundener (‚fingierter‘) einzelner Sachverhalt oder eine Zusammenfügung solcher Sachverhalte zu einer erfundenen Geschichte.“21

Zu unterschieden ist zwischen den Adjektiven ‚fiktiv‘ und ‚fiktional‘. Fiktiv bedeutet ‚nichtwirklich‘ und bezieht sich auf die fiktive Welt innerhalb des Textes. „Fiktionale Texte [dagegen] bilden eine bestimmte Klasse von Texten, die, wie sich jedenfalls vorläufig sagen lässt, von erfundenen Figuren, Gegenständen, Ereignissen handelt; und Fiktionalität ist genau jenes Merkmal, das diese Klasse von Texten von solchen unterscheidet, in denen keine erfundenen Figuren, Gegenstände, Ereignisse vorkommen.“22

Bei Fiktionen geht der Autor davon aus, dass der Rezipient den Text mit der Haltung des ‚make-believe‘ aufnimmt. Der Leser erkennt die Absicht des Autors und lässt sich auf das ‚make-believe‘-Spiel ein. Mit ‚make-believe‘ wird die Haltung bezeichnet „sich selber bzw. der Gruppe, mit der man zusammen spielt, etwas glauben zu machen.“23 Der Rezipient weiß um die Intention des Autors und hält die fiktive Geschichte für nicht wahr.24 Würde der Rezipient nicht um die Fiktion im Text Bescheid wissen, wäre es kein fiktiver Text, sondern eine Täuschung, Lüge oder eine missverständliche Kommunikation.25

Ebenso wenig wie die Autobiographie nur aus Fakten bestehen muss, sind auch fiktive Geschichten nie vollkommen unwirklich. Neben den fiktiven Personen, Orten und Sachverhalten im Text gehören alle Tatsachen der realen Welt zur fiktiven Geschichte, sofern sie nicht ausdrücklich im Text aufgehoben werden, denn eine fiktive Welt basiert auf der Welt unserer Wirklichkeitskonzeption.26 Das Realitätsprinzip sagt dabei aus, „dass eine fiktive Welt so nah wie möglich an der realen Welt zu konstruieren ist.“27 Bei fiktionalen Texten ist es wichtig, dass zwischen Autor und Erzähler unterschieden wird, denn nur der Erzähler behauptet etwas und nicht der Autor. Der Literaturwissenschaftler Frank Zipfel versteht den Kommunikationszusammenhang zwischen Autor und Leser beim fiktionalen Erzählen wie beim autobiographischen Erzählen als Art Vertrag: „Ein Fiktionsvertrag wird stillschweigend bei jeder Produktion und Rezeption von fiktionalen Erzähl-Texten auf der Grundlage der die soziale Praxis ‚Fiktion‘ bestimmenden Regeln abgeschlossen.“28

Im Sinne des Fiktionalen hat sich die Umschreibung als ein ‚Als-ob‘ herausgebildet. Durch diese Struktur sind Fiktionen frei und können auch bei gewusst Nichtwirklichen so tun, als wäre es wirklich, denn Fiktionen haben keinen Anspruch auf Wahrheit oder Richtigkeit. Fiktionen, so die Geisteswissenschaftlerin Christina Schäfer, sind bewusste Konstrukte. Dies unterscheidet sie auch von Fakten, denn diese müssen auf der Wirklichkeit basieren.29 Damit ist der von Platon erhobene Vorwurf, dass Dichter lügen als falsch zu erachten. Anders als eine Lüge, erzählt der Dichter nämlich eine fiktive Geschichte, die in einer imaginären Welt, nicht aber in der Wirklichkeit stattgefunden haben soll.30

Heutzutage wird der Begriff der Fiktion als Kriterium von Literatur verwendet, doch dies ist problematisch, da auch manche Autobiographien, Reiseberichte oder Reportagen als literarische Texte bezeichnet werden, ohne dass sie fiktional sind. Somit wäre es falsch zu sagen, dass alle Literatur Fiktion ist. Fiktion ist nur ein Kriterium von Literatur.31

In der Literaturwissenschaft gibt es „kaum ein vageres, geläufigeres und zugleich umstritteneres Begriffspaar“32, als die Fiktion und Faktualität. Es ist schwierig, zwischen faktualen und fiktionalen Texten zu unterscheiden, denn die meisten fiktionalen Texte beinhalten Orte, Zeiten und Sachverhalte der Wirklichkeit und auch faktuale Texte weisen fiktive Elemente auf.

Ob ein Text fiktional oder autobiographisch (faktual) ist, kann der Rezipient durch Fiktions- und Faktualitätssignale erkennen. Dabei gibt es textuelle Signale, etwa die erlebte Rede oder ein allwissender Erzähler und paratextuelle Signale, wie zum Beispiel die Gattungsbezeichnung ‚Roman‘. Fiktionalität und Faktualität werden vor allem über Unterschiede und Gemeinsamkeiten zwischen realem Autor, Erzähler und Protagonist erkannt.33

2.2 Die Autofiktion zwischen Fakt und Fiktion

In den letzten Jahrzehnten ist in der neueren Literaturwissenschaft zwischen die Konstellation Werk und Leben, also Fiktion und Autobiographie, die Kategorie ‚Autofiktion‘ getreten. Die Autofiktion ist ein Mischungsverhältnis zwischen Fiktion und Autobiographie.34 Die Autofiktion, die 1977 durch Serge Doubrovsky geprägt wurde, ist nur schwer zu klassifizieren, da sie sich an der Grenze von fiktionaler und faktualer Literatur bewegt.

2.2.1 Entwicklung und Definition

Der Begriff ‚Autofiktion‘ taucht zum ersten Mal im Jahr 1977 im Vorwort des Romans Fils von Serge Doubrovsky auf. Der Roman erzählt einen Tag aus dem Leben des New Yorker Literaturprofessors Julien Serge Doubrovsky, der schnell mit dem Autor verschmilzt. Alle Ereignisse, Orte und Daten der Geschichte stimmen mit dem Leben des Autors überein. Dennoch betont der französische Literaturwissenschaftler, dass der Text eine Fiktion ist, auch wenn er viele Realitätsreferenzen enthält. Durch die Doppelschichtigkeit in Fils grenzt Doubrovsky den Text sowohl von der Autobiographie, als auch vom Roman ab.35

Für Doubrovsky ist die Autofiktion eine „Fiktion von absolut wirklichen Ereignissen.“36 Er qualifiziert autofiktionale Texte als „nicht Autobiographien, nicht ganz Romane, gefangen im Drehkreuz, im Zwischenraum der Gattungen, die gleichzeitig und somit widersprüchlich den autobiographischen und den romanesken Pakt geschlossen haben.“37

Schnell etablierte sich der Begriff in der literaturwissenschaftlichen Forschung und literarischen Praxis. Vor allem in der französischen Literaturtheorie wurde die Autofiktion breit diskutiert. Fast alle wichtigen Theoretiker der Autobiographie und Fiktion beschäftigten sich mit dem Konzept der Autofiktion. Dadurch sind zahlreiche recht unterschiedliche Interpretationen und Bestimmungen des Begriffs entstanden.38

Das Konzept und die Praxis der Autofiktion, verstanden als Kombination von Autobiographie und Roman, werfen jedoch viele Fragen bezüglich der Grenze der Literatur, der Grenze zwischen faktualem und fiktionalem Erzählen und der Gattungsgrenzen, vor allem zwischen Literatur und Nicht-Literatur, auf.39

2.2.2 Kennzeichen der Autofiktion

Das wichtigste Kennzeichen der Autofiktion ist die Mischung von zwei sich eigentlich gegenseitig ausschließenden Praktiken: Die Autobiographie und die Fiktion. Die Autofiktion ist somit zwischen Fakt und Fiktion angesiedelt, wodurch es nicht möglich ist, sie dem Typus ‚fiktionaler Text‘ oder dem Typus ‚faktualer Text‘ zuzuordnen. Ein autofiktionaler Text kann sowohl fiktional als auch faktual angesehen werden, da er mehrdeutige Signale liefert. Im Gegensatz zur Autobiographie kehrt der autofiktionale Text aber seine fiktionalen Anteile hervor und anders als der Roman bietet die Autofiktion dem Leser teilweise offen einen autobiographischen Pakt an. Die Literaturwissenschaftlerin Claudia Groneman beschreibt die Autofiktion zusammenfassend als typologisches ‚Zwitterwesen‘.40

Doch wie kann es sein, dass ein Text durch zwei gegensätzliche Praktiken bestimmt wird? Frank Zipfel unterscheidet hierfür zwischen drei unterschiedlichen Formen der Autofiktion:41 Zunächst beruft sich Zipfel auf die Autofiktion als eine besondere Art autobiographischen Schreibens. Doubrovsky, der sein autobiographisches Werk Fils als Roman bezeichnet hat, gesteht, dass dies ein Trick war. Die Gattungsbezeichnung sollte das Interesse des Lesers für eine uninteressante Erzählung wecken. Dabei kann die Bezeichnung ‚Roman‘ bedeuten, dass der Text im Bereich des Fiktionalen einzuordnen ist und somit auf unwahren Sachverhalten basiert. Andererseits kann die Bezeichnung ‚Roman‘ eine „Erzählung einer besonders spannenden, faszinierenden Geschichte“42 heißen. Doubrovsky hat also versucht durch die Bezeichnung ‚Roman‘ die Autobiographie einer eigentlich unbedeutenden Person interessant zu machen. Der Autor wollte vermutlich auch die Zensur umgehen.

[...]


1 zitiert aus: Glavinic, Thomas: Das bin doch ich, dtv, 3. Auflage, München 2012, Klappentext.

2 Zipfel, Frank: Autofitkion. Zwischen Grenzen von Faktualität, Fiktionalität und Literarität? In: Grenzen der Literatur. Zu Begriff und Phänomen des Literarischen, hrsg. von Simone Winko, Fotis Jannidis und Gerhard Lauer, Berlin/New York 2009, S. 286.

3 Lehmann, Jürgen: Art.: Autobiographie. In: Reallexikon der deutschen Literaturwissenschaft. Band I A-G, hrsg. von Klaus Weimar, Berlin /New York 1997, S. 171.

4 Marszalek, Magdalena: Autobiographie. PDF: http://www.google.de/url?sa=t&rct=j&q=&esrc=s&source=web&cd=1&ved=0CC0QFjAA&url=http%3A%2F%2F www.uni- potsdam.de%2Ffileadmin%2Fprojects%2Fslavistik%2Fmarszalek%2FMarszalek_Autobiographie_Lexikon.pdf&ei =YzUoU_zhKsLy7AbtnoBQ&usg=AFQjCNFzGVpLrME1sQ78d5iyQkN7zPsyDQ&bvm=bv.62922401,d.bGE.

5 zitiert aus: Lejeune, Philippe: Der autobiographische Pakt, Frankfurt am Main 1994, S. 14.

6 Zipfel, Autofiktion, S. 287.

7 Schäfer, Christina: Die Autofiktion zwischen Fakt und Fiktion. In: Im Zeichen der Fiktion. Aspekte fiktionaler Rede aus historischer und systematischer Sicht. Festschrift für Klaus W. Hempfer zum 65. Geburtstag, hrsg. von Irina O. Rajewsky und Ulrike Schneider, Stuttgart 2008, S. 305.

8 Probst, Rudolf: (K)eine Autobiographie schreiben. Friedrich Dürrenmatts Stoffe als Quadratur des Zirkels, Paderborn 2008, S. 40.

9 zitiert aus: Schönert, Thomas: Figurengestaltung, Autobiographie und Fiktion. Eine Untersuchung zum literarischen Werk von Hermann Lenz, Frankfurt am Main/Berlin/Bern/New York/Paris/Wien 1992, S. 169.

10 Zipfel, Autofiktion, S. 287/288.

11 Schäfer, S. 304.

12 Wagner-Engelhaaf, Martina: Autobiographie, Stuttgart/Weimar 2005, S. 71.

13 Lejeune, S. 49.

14 Ebd., S. 39/40.

15 Schäfer, S. 305.

16 zitiert aus: Ebd., S. 306.

17 Ebd.

18 Zipfel, Autofiktion, S. 14.

19 zitiert nach: Zipfel, Frank: Fiktion, Fiktivität, Fiktionalität. Analysen zur Fiktion in der Literatur und zum Fiktionsbegriff in der Literaturwissenschaft, Berlin 2001, S. 14.

20 zitiert aus: Ebd.

21 zitiert aus: Gabriel, Gottfried: Art.: Fiktion. In: Reallexikon der deutschen Literaturwissenschaft. Band I A-G, hrsg. von Klaus Weimar, Berlin/New York 1997, S. 594.

22 zitiert nach: Weidacher, Georg: Fiktionale Texte- fiktive Welten. Fiktionalität aus textlinguistischer Sicht, Tübingen 2007, S. 37.

23 zitiert aus: Zipfel, Autofiktion, S. 292.

24 Ebd., S. 292/293.

25 Schäfer, S. 303.

26 Zipfel, Fiktion, S. 79.

27 zitiert nach: Ebd., S. 85.

28 zitiert aus: Zipfel, Autofiktion, S. 293.

29 Schäfer, S. 302.

30 Martinez, Matias: Art.: Fiktionalität. In: Metzler Lexikon Literatur. Begriffe und Definitionen, hrsg. von Dieter Burdorf, Christoph Fasbender und Burkhard Moennighoff, Stuttgart/Weimar, S. 240.

31 Zipfel, Autofiktion, S. 294.

32 zitiert aus: Schabacher, Gaďriele: Topik der RefereŶz. Theorie der Autoďiographie, die FuŶktioŶ ‚GattuŶg‘ uŶd Roland Barthes´ Über mich selbst, Würzburg 2007, S. 38.

33 Schäfer, S. 304.

34 Wagner-Engelhaaf, Auto(r)fiktion. Literarische Verfahren der Selbstkonstruktion, Bielefeld 2013, S. 8.

35 Schäfer, S. 299.

36 zitiert aus: Zipfel, Autofiktion, S. 285.

37 zitiert aus: Wagner-Engelhaaf, Auto(r)fiktion, S. 10.

38 Zipfel, Autofiktion, S. 286.

39 Zipfel, Autofiktion, S. 286.

40 Schäfer, S. 307.

41 Zipfel, Autofiktion, S. 298.

42 zitiert aus: Ebd., S. 300.

Ende der Leseprobe aus 34 Seiten

Details

Titel
‚Ist das er‘? Thomas Glavinics "Das bin doch ich". Ein Spiel zwischen Autobiographie und Fiktion
Hochschule
Albert-Ludwigs-Universität Freiburg  (Deutsches Seminar)
Veranstaltung
Neuerscheinungen
Note
1,7
Autor
Jahr
2013
Seiten
34
Katalognummer
V280339
ISBN (eBook)
9783656735144
ISBN (Buch)
9783656735137
Dateigröße
693 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
thomas, glavinics, spiel, autobiographie, fiktion
Arbeit zitieren
Christina Ca (Autor), 2013, ‚Ist das er‘? Thomas Glavinics "Das bin doch ich". Ein Spiel zwischen Autobiographie und Fiktion, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/280339

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