Davide Hume: Natürliche und künstliche Tugenden

David Humes Moralphilosophie zwischen Affekten und dem Verstand


Hausarbeit, 2011
11 Seiten, Note: 1,7

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

A Einleitung

B Der Rechtssinn im Spannungsfeld von Motiven und Tugenden
I. Die Motive als Gradmesser für Handlungen
II. Die Unterscheidung von natürlichen und künstlichen Tugenden
III. Die Herleitung des Rechtssinn als künstliche Tugend

C Problembereiche von Humes Moraltheorie
I. Das „Getane“ und das „Gewollte“
II. Reziproker Altruismus
III. Thomas Reid und das Problem der „moralischen Freiheit“
IV. Eine Neugewichtung von Humes-Thesen angesichts der Problembereiche

D Schlussbetrachtungen

Literaturverzeichnis

A Einleitung

Aus dem Werk von David Hume werden heutzutage seine erkenntnistheoretischen Ausführungen am meisten rezipiert. Er wird neben John Locke und George Berkeley in der Erkenntnistheorie als einer der wichtigsten Vertreter des britischen Empirismus genannt. Humes Moralphilosophie hatte andererseits aber auch einen entscheidenden Einfluss auf die Geschichte des Denkens über Ethik. Im anglo-amerikanischen Bereich werden Humes Schriften deutlich ausführlich besprochen als in z.b. in Deutschland. Das hat sicherlich auch damit zu tun, dass die Diskussion hierzulande immer noch so stark von Immanuel Kant geprägt ist. Philosophiegeschichtlich befinden sich beide Bereiche von Humes Philosophie insgesamt aber auch eher an der Schwelle zu klassischen Aufklärern wie Jean-Jaques Rousseau und Immanuel Kant.

Seine Ausführungen zur Moralphilosophie entstanden jedoch unter anderem durch die Auseinandersetzung mit Hobbes´ moralischem Relativismus, nach dem moralisches Handeln vor allem von Egoismus durchsetzt ist. Noch wichtiger war aber wohl der Einfluss von Francis Hutcheson Moraltheorie, das ein weitaus positiveres Menschenbild hat und Gefühle der Wohltätigkeit und des Mitgefühls für das moralische Handeln vorherrschend hielt. Dass Gefühle ausschlaggebend für das moralische Handeln sind, ist dann auch der Kernpunkt von Humes Theorie über Moral. Die Grundlegungen dafür finden sich überwiegend in „A treatise of Human Nature“[1] (1740) und andererseits in „An enquiry Concerning the principles of Morals“[2] (1751).

Vor allem im Buch III („Über Moral“) des „Traktats über die menschliche Natur“ nimmt Hume ausführlich Stellung zu verschiedenen Bereichen der Ethik. Im Zentrum von Humes Philosophie der moralischen Empfindungen stehen aber letztlich der „öffentliche Nutzen“ und die „sozialen Tugenden“.[3] Interessant sind die Ausführungen zu den Tugenden. So nimmt Hume eine für ihn wichtige Trennung vor: Er unterscheidet zwischen natürlichen und künstlichen Tugenden.

In der vorliegenden Arbeit soll dieser Dualismus der Tugenden und ihre Bedingungen kurz dargestellt werden um sich dann dem Rechtssinn zu widmen, der nach Hume zu den künstlichen Tugenden zählt. Für Hume ist die Frage sehr wichtig ob der Rechtssinn zu den künstlichen oder natürlichen Tugenden gehört, da dies in seinen Augen ein Argument gegen die Behauptung ist, dass der Rechtssinn eine natürliche gegebene Gabe des Menschen sei. In diesem Zusammenhang soll hier ein Hauptaugenmerk auf die Bedeutung der Motive für die Tugendhaftigkeit gelegt werden. Denn für Hume kann nur aus tugendhaften Motiven eine tugendhafte Handlung entstehen. Diese radikale Folgerung soll anhand einiger Beispiele diskutiert werden und schließlich einen Zusammenschluss von einigen Thesen aktueller Forschung mit der Theorie von Hume erfolgen.

Methodisch wurde dabei zuerst nur ein immanenter Zugang von Humes Theorie gewählt. So ergaben sich bei der Lektüre schon selbstständig einige Überlegungen, die in dem Zusammenhang diskutierbar schienen. Daraus ergab sich keine methodisch stringente Reflexion, sondern ein leicht essayistischer Zugang. In einem weiteren Arbeitsschritt wurde sich dann mit einer Auswahl von Sekundärliteratur beschäftigt in dem einige Überlegungen meinerseits ebenfalls diskutiert wurden. So kam es dazu, dass die Gesamtkonzeption der vorliegenden Arbeit weiterhin einige essayistische Momente beinhaltet, versehen mit einigen Überlegungen und Lesarten aus der Sekundärliteratur. Die Vielzahl an Einsprüchen und konträren Moraltheorien sind somit nur inadäquat dargestellt. Sie ließen sich in diesem Rahmen aber auch nicht darstellen und darum ist dieser etwas spezielle Zugang vielleicht als subjektives wissenschaftliches Arbeiten eine Art Versuch, der hier als Methode geprüft wird.

Letztlich ist es das Ziel dieser Arbeit, aufzeigen, dass nach Hume Moral grundsätzlich etwas Natürliches ist, bei seiner Theorie aber einige wichtige Einschränkungen zu machen sind.

B Der Rechtssinn im Spannungsfeld von Motiven und Tugenden

I. Die Motive als Gradmesser für Handlungen

Im Buch III des Traktats über die Menschliche Natur verfolgt Hume die grundlegende Frage wie sich Tugend und Laster unterscheiden lassen. Er behauptet, dass Handlungen an sich keinen Wert hätten und der Mensch erst das „Sittliche im Inneren suche“.[4] Also das erst die Intention einer Handlung zu Lob oder Tadel veranlassen. Deshalb geht Hume davon aus, dass moralische Handlungen nach ihren Motiven gelobt oder getadelt werden. Das heißt, dass der Mensch dazu geneigt ist nach einem Grund für eine Handlung zu fragen. Es machen also erst die Motive, die hinter einer Handlung stehen, diese tugendhaft.[5] Ein Argument, welches diese These stützen soll, beschreibt Hume mit einem zurückgenommen Tadel. Wenn wir nach Hume jemanden wegen einer untugendhaften Handlung tadeln, uns später aber Hintergründe bekannt werden, die zeigen, dass seine Motive durchaus tugendhaft waren und es einfach andere Gründe waren, warum er nicht tugendhaft gehandelt hat, dann nehmen wir unseren Tadel zurück. Hume würde sogar so weit gehen, dass man diese Person als genauso tugendhaft ansehen würde, als wenn diese tatsächlich tugendhaft gehandelt hätte.[6]

Hume geht an dieser Stelle nicht genauer ein auf diesen Aspekt. Das hängt damit zusammen, dass sich Hume in Buch II seines Traktats eingehend mit den Affekten beschäftigt hat und in diesem die Beweggründe bzw. die Motive eingehend erläutert werden. In diesem Zusammenhang kommt auch der berühmte Satz auf, dass die Vernunft nur „der Sklave der Affekte [ist] und soll es sein; sie darf niemals eine andere Funktion beanspruchen, als die, denselben zu dienen und zu gehorchen.“[7] Es unterstreicht die Vorherrschaft der Affekte gegenüber dem Verstand. Deshalb ist es für Hume nur einleuchtend wenn ein Tugendhaftes Motiv stärker zu gewichten ist als die tugendhafte Handlung.

Danach konzentriert sich Hume eher auf den Zusammenhang zwischen Motiven und natürlichen, sowie künstlichen Tugenden, um dann auf den für ihn Problematischen Fall des Rechtssinns zu kommen. Diese Schlussfolgerung ist dennoch wichtig, weil sie eine Grundannahme für den Lob oder den Tadel eines moralischen Sachverhalts ist. Dieser Zusammenhang wird nach der Darstellung der hume´schen Einteilung von Tugenden noch einmal aufgegriffen.

II. Die Unterscheidung von natürlichen und künstlichen Tugenden

Grundsätzlich sind Tugenden nach Hume unterschiedlicher Art. So sind gewisse Instinkte und Triebe bereits seit Urzeiten für Tugenden verantwortlich. Jene positiven Aspekte der Urinstinkte werden bei Hume natürliche Tugenden genannt. Dazu zählen das Wohlwollen, die Milde und die Freundschaft.[8] Dagegen sind künstliche Tugenden erst im Laufe der Zivilisation zu diesem Prozess hinzugekommen. Zu den künstlichen Tugenden zählen laut Hume die Ehrlichkeit, die Treue und die Gerechtigkeit.[9]

Begrifflich ist es wichtig darauf zu verweisen, dass mit „künstlich“ [artificial] Hume nicht die negativen Konnotationen verbindet wie sie heutzutage hin und wieder diesem Begriff beiliegen. Es ist damit also „künstlich“ nicht als „gekünstelt“ oder gar „unecht“ gemeint. Für Hume sind natürliche wie künstliche Tugenden letztlich etwas Natürliches[10] Die Unterscheidung dient für Hume dazu, heraus zuarbeiten, dass natürliche Tugenden eher das Instinktive des Menschen betonen und künstliche Tugenden eher auf Planung und Absicht beruhen, sowie Urteil und Verstand voraussetzen.[11]

Im Gegensatz zu den natürlichen Tugenden, den Instinkten und Trieben, die ohne Konventionen und gesellschaftliche Regeln vorzufinden sind, sind die künstlichen Tugenden solchen unterworfen. Diese sind außerordentlich wichtig, damit ein Zusammenleben in einer Gesellschaft funktioniert.

Die natürlichen Tugenden sind nach Hume dem Menschen angeboren und dienen als Überlebensstrategie. Dem hingegen benötigen die künstlichen Tugenden Gesellschaftsverhältnisse und betonen damit die soziale Veranlagung des Menschen. Hume wendet sich somit gegen das egoistische Menschenbild wie beispielsweise jenes von Thomas Hobbes. Er gesteht zwar dem Menschen auch zu, dass sie ihr Eigeninteresse pflegen wollen, doch seien sie letztlich dazu in der Lage sowie gewillt, die Interessen anderer zu berücksichtigen.[12]

Hume wendet sich ebenfalls gegen eine Behauptung von manchen Philosophen, die davon ausgehen, dass es eine Art Naturrecht gibt, das unumwunden für jeden Menschen gilt, weil es Gottgewollt ist.[13] Hume entgegnet dem, dass Menschen notwendigerweise in die Gesellschaft einer Familie hineingeboren werden. Deswegen ist für Hume nun auch die Frage entscheidend, ob der Rechtssinn [justice] eine Tugend ist, die auf einem natürlichen Motiv und bereits für Menschen in einem vor zivilisierten Zeit tugendhaft gewesen ist. Hume vermutet dort auch grundsätzlich Hinweise auf die Konstitution von Gesellschaften anhand der Ausformung ihrer Regeln des Rechts.

III. Die Herleitung des Rechtssinn als künstliche Tugend

Um zu der Herleitung zu kommen, dass der Rechtssinn eine künstliche Tugend ist, ist es wichtig Humes Argumentationsstruktur genauer zu betrachten. Hume verweist vorerst darauf, dass tugendhaften Handlungen von natürlicher Art auch ein tugendhaftes Motiv vorausgehen muss.[14] Außerdem schließt Hume aus, dass die alleinige Rücksicht auf die Tugendhaftigkeit des Handelns nicht das Motiv sein kann.[15] Im Verlauf seiner Argumentation führt Hume dann vier ursprüngliche Motive an, die allerdings für Hume nicht als schlüssiges Motiv für den Rechtssinn in Frage kommen. Als Beispiel, aus der sich diese Frage generieren kann nimmt Hume das Zurückzahlen eines Darlehns. Welchen Grund gäbe es, das Darlehn in einer nicht zivilisierten Welt zurückzuzahlen.[16]

[...]


[1] Hume, David: Ein Traktat über die menschliche Natur (A Treatise of Human Nature). Buch I-III. Übersetzung Theodor Lipps: Hamburg 1973. Im folgenden als „Hume: Traktat“ abgekürzt.

[2] Hume, David: Eine Untersuchung über die Prinzipien der Moral. Übersetzung Gerhard Streminger. Ditzingen 2002.

[3] Klemme, Heiner F.: David Hume zur Einführung. Hamburg 2007. S. 142.

[4] Hume: Traktat Buch III: S.219.

[5] Hume: Traktat Buch III. S. 220.

[6] Ebd. S. 220.

[7] Hume: Traktat Buch II. S. 153.

[8] Hume: Traktat Buch III. S. 332. Methodisch verwundert es aus heutiger Sicht natürlich ein wenig, dass Hume erst viel später die natürlichen Tugenden genauer expliziert und bei der Frage nach dem Rechtssinn diese Unterscheidung als bekannt voraussetzt.

[9] Siehe dazu Hume: Traktat Buch III. S. 219, sowie Hume: Traktat Buch III. S. 226.

[10] Rawls, John: Geschichte der Moralphilosophie. Hume ,Leibniz, Kant, Hegel. Frankfurt 2002. S. 89.

[11] Rawls: Geschichte der Moralphilosophie. S. 89.

[12] Krauthausen, Udo: Die Moralphilosophie von David Hume und ihre Aktualität in der Rechtsphilosophie. München 2009. S. 122

[13] Damit sind vor allem Philosophen aus einer mittelalterlichen Tradition gemeint, die von einem Gottgegebenem Urzustand ausgehen. Als Vertreter könnte man Grotius, Pufendorf aber auch Locke nennen. Siehe dazu: Rwals: Geschichte der Moralphilosophie. S. 93

[14] Hume: Traktat Buch III. S. 220.

[15] Ebd. S. 220. Hume verweist darauf, dass eine Handlung nicht per se Tugendhaft sein kann, wenn man keine Erfahrungen mit der Handlung hat. Hume stellt dies m. E. Schlüssig als Zirkelschluss dar.

[16] Ebd. S. 222

Ende der Leseprobe aus 11 Seiten

Details

Titel
Davide Hume: Natürliche und künstliche Tugenden
Untertitel
David Humes Moralphilosophie zwischen Affekten und dem Verstand
Hochschule
Universität Hildesheim (Stiftung)  (Institut für Philosophie)
Veranstaltung
Individuum & Gesellschaft
Note
1,7
Autor
Jahr
2011
Seiten
11
Katalognummer
V280474
ISBN (eBook)
9783656736349
ISBN (Buch)
9783656736332
Dateigröße
407 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
David Hume, Ethik, Moral, Moralphilosophie, Hume, künstliche Tugend, natürliche Tugend, Empirismus, praktische Philosophie, Affekten
Arbeit zitieren
Bernard Hoffmeister (Autor), 2011, Davide Hume: Natürliche und künstliche Tugenden, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/280474

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