Transatlantische Wanderungsprozesse deutschsprachiger Emigranten im 19. Jahrhundert


Hausarbeit, 2014
17 Seiten, Note: 2,7

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Motive und Beweggründe der Auswanderer

3. Die unterschiedlichen Phasen der Massenmigration im Jahrhundert

4. Möglicher Ablauf einer Emigration
4.1 Auswanderungsvereine
4.2 Kettenwanderung

5. Ausblick: Situation in den USA

6. Schlussbetrachtung

7. Quellen - und Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Solange Menschen auf der Erde leben, so lange sind sie in Bewegung. Als 1991 die Eismumie des „Ötzis“ gefunden und untersucht wurde, konnte man den Todeszeitpunkt der Mumie etwa auf das dritte Jahrtausend vor Christus datieren. Des Weiteren ist belegt, dass dieser Mensch sich auf einer Reise befand und seinen Lebensort aus für uns unbekannten Gründen verlagern wollte oder musste. „Der Mann aus dem Eis“, wie er auch genannt wird, ist also vor mehr als 5000 Jahren ausgewandert und steht stellvertretend für den Beginn der Geschichte der Menschheit, die immer eine Geschichte von Wanderungsprozessen darstellt.

Im so genannten „langen 19. Jahrhundert“ von 1789 bis 1914 wanderten über 5,5 Millionen „Deutsche“1 in die Vereinigten Staaten von Amerika aus. Gründe dafür gab es in dieser Zeit ebenso unzählige, wie Ereignisse mit welthistorischer Bedeutung für Europa und die Welt. Die Französische Revolution 1789, die napoleonischen Kriege, der Weimarer Kongress 1815 und die gescheiterte Deutsche Revolution von 1848 sorgten für zahllose Unruheherde. Europa war im Wandel, sowohl politisch, wie auch wirtschaftlich. Der technische Fortschritt der 1850er Jahre sorgte für die schrittweise Industrialisierung in den deutschsprachigen Gebieten. Doch all dies geschah schleppend und langsam, verbunden mit Krieg, Vertreibung und Elend. Amerika war Europa in seiner Entwicklung als Nation schon voraus.

Ab 1776 war Amerika unabhängig und hatte seit 1787 eine zu dieser Zeit fortschrittliche und aufgeklärte Verfassung erarbeitet. Außerdem gab es unendlich scheinende Ländereien, Arbeit, Toleranz und Frieden in diesem riesigen Land unzähliger Möglichkeiten. Die Idee, die Anfang des 20. Jahrhunderts zum Mythos des „American Dream“ wurde, begann bereits in den Köpfen der Menschen aufzukeimen.

Diese wissenschaftliche Hausarbeit soll einen Überblick über Wanderungsprozesse von der „alten“ in die „neue Welt“ geben. Hierbei liegt der Fokus auf den Auswanderergruppen, die selbst die Entscheidung zum Verlassen ihres Herkunftslandes wählten und nicht gezwungen wurden oder flüchten mussten. Allerdings wird sich herausstellen, dass die Motive der „freiwilligen“ Auswanderer auch mit Formen von Zwang und Vertreibung verbunden waren, auch wenn es sich anders äußerte2. Die Frage nach den Motiven und Beweggründen der deutschsprachigen Auswanderer bildet das erste Kapitel des Hauptteils. „Es gibt nicht die typische Auswanderungserfahrung“, so Kamphoefner3, daher ist es schwer dieses umfassende Phänomen zu verallgemeinern. Um die Dimensionen und einzelnen Phasen der Massenabwanderung Deutscher in die USA zu verstehen, berichtet das dritte Kapitel über Auswanderungswellen und liefert einige Zahlen zum besseren Verständnis.

Im nächsten Kapitel werden zwei signifikante Beispiele gängiger Formen des Auswanderns näher erläutert. Zum Einen der Weg über Auswanderungsvereine und Agenturen, zum Anderen die Kettenwanderung, die einen bedeutenden Anteil an der Dimension der Auswanderung nach NordAmerika hatte. Um den vollständigen Wanderungsprozess abzurunden und zu schließen, liefert das fünfte Kapitel einen kurzen Ausblick über Siedlungsverhalten und die Situation in den USA. Im letzten Kapitel, der Schlussbetrachtung, steht dann der komplette Prozess der transatlantischen Auswanderung im Fokus, der durch die vorangegangen Kapitel herausgearbeitet wurde, um das Phänomen und die Abläufe dieser Massenmigration verstehen zu können.

2. Motive und Beweggründe

Die Situation im 19. Jahrhundert war gewiss eine völlig andere, als die zu Lebzeiten der Gletschermumie. Die Menschen waren mobiler, fortschrittlicher und aufgeklärter aber auch sie haben einst die Entscheidung getroffen, ihr gewohntes soziales Umfeld zu verlassen, um von nun an auf unbestimmte Zeit an einem anderen Ort zu leben. Die Gründe hierfür sind sehr zahlreich. Das Schema von „Push-Faktoren“ und „Pull-Faktoren“ ist sehr gängig, wenn es um Aus - und Einwanderung geht, allerdings neigt diese Herangehensweise sehr zur Simplifizierung des Prozesses. Oftmals, wie sich herausstellen wird, ist Migration nämlich ein viel komplexeres Gebilde aus mehreren Reizen, als eine reine Schwarz-Weiß-Sicht von negativen und positiven Faktoren.

Der Mangel an Arbeit und die Unzufriedenheit mit dem politischen System sind zentrale Beweggründe für deutschsprachige Migranten gewesen, um das Land zu verlassen. Allerdings bekräftigen Briefe von Auswanderern Kamphoefners These, dass es keine typische Auswanderungserfahrung gebe. Die Briefe des gebürtigen Westfalen August Hölscher, der nach Amerika auswanderte, verraten, dass in seinem Fall vor allem soziale Gründe den nötigen Antrieb für die Emigration gaben. Die familiären Spannungen und der Drang auf eigene Faust sein Glück zu versuchen, überwogen bei August Hölscher4. In einem Brief seines Bruders Anton heißt es an deren beider Vater:

Jahrhundert“, V&R unipress, Göttingen, 2006, S. 21

„Als neulich Bruder August hier war, wurde ich sehr erstaunt, da ich von ihm erfuhr, daß er nach Amerika wollte. Er sagte mir, daß er sich mit Dir nicht vertragen konnte, und daß Du ihn aus dem Hause geworfen habest, [...]“5

Bei der Mehrheit der Auswanderer fiel die Entscheidung allerdings nicht nur aus einem bestimmten Antrieb heraus, sondern wurde gefällt, aufgrund einer Vielzahl von sozialen, politischen, konfessionellen und wirtschaftlichen Motiven, die simultan bei den Betroffenen wirkten. So genannte Arbeitsmigrantinnen und - migranten fanden schlichtweg im deutschsprachigem Raum des 19. Jahrhunderts keine oder nur unzureichend bezahlte Arbeit. Es waren einerseits Menschen die keine oder keine besonders qualifizierte Berufsausbildung oder Erfahrung hatten andererseits aber später auch Fachkräfte, wie zum Beispiel Weber oder Handwerker, die im Zuge der Industrialisierung ihren Arbeitsplatz an eine Maschine verloren hatten. Sie alle hofften am hoch angepriesenen Arbeitsmarkt der USA genug Geld für ihre Familien und Angehörigen in Deutschland zu verdienen, um nach einer gewissen Zeit eventuell zurück zu kehren6. War dies der Fall, so nennt man diesen Prozess eine temporäre Auswanderung. Viel üblicher war es aber, dass die Arbeitsmigranten in den USA tatsächlich besser verdienten und sich eine neue Existenz aufbauen konnten, was je nach Person und eingeschlagenem Weg unterschiedlich lange dauerte. Dann holten die meistens jungen Männer ihre Frauen, Kinder und manchmal sogar ihre ganze Großfamilie in ihre neue Heimat, um dort ihr weiteres Leben zu verbringen. Die als Suche nach Arbeit angetretene Auswanderung auf unbestimmte Zeit kann sich demnach zu einer so genannten Kettenwanderung entwickeln, die an anderer Stelle noch näher beleuchtet wird.

Für diese spezielle Gruppe von Arbeitsauswanderern überwogen die wirtschaftlichen Faktoren, zumal die schlechten Löhne und Arbeitsbedingungen im Heimatland und die versprochenen besseren Arbeitsverhältnisse in den Vereinigten Staaten zusammen den Anreiz für eine Auswanderung ausmachten. Wirtschaft ist in diesem konkreten Beispiel also sowohl Push - als auch Pull-Faktor.

Die politisch motivierte Auswanderung war für andere Menschen in Deutschland der Anreiz in eine bessere Zukunft. Die Flucht vor dem politischen System im deutschsprachigem Raum, welches bis zur Reichsgründung 1871 sehr chaotisch war, war zum Beispiel ein Motiv. „Deutschland“ bestand vor 1871 aus einem Flickenteppich von mehreren Kleinstaaten, Bündnissen und Reichsstädten und wurde vom preußischen Königreich und vom österreichischen Kaiserreich gewissermaßen gelenkt. Viele sehnten sich nach einer einheitlichen Nation, nach mehr Freiheit und vor allem nach Frieden. Das Nord-Amerika des 19. Jahrhunderts konnte die meisten politischen Wünsche dieser Auswanderer erfüllen, da es seit 1776 unabhängig und souverän war und zudem seit 1787 eine einheitliche Verfassung besaß. Für viele deutschsprachige Migranten genügte diese Prämisse bereits, um dem zersplitterten Kleinstaatenterritorium, welches sie ihre Heimat nannten, zu entfliehen. Die Auswanderung gen Amerika nach der gescheiterten Revolution von 1848 nahm deutlich zu. Das ist zum Einen den politischen Unruhen zuzuschreiben aber mehr noch spielten zu dieser Zeit wieder die zahlreichen wirtschaftlichen Probleme eine bedeutende Rolle, wie zum Beispiel die große Kartoffelfäule von 1846/47, die viele Menschen ihres Hauptnahrungsmittels beraubte7. Außerdem wurde ungefähr zu dieser Zeit in Kalifornien Gold gefunden. Diese Goldfunde führten schnell zum bekannten Goldfieber im Westen der Vereinigten Staaten, dem auch viele deutschsprachige Auswanderer erlagen. Nur die Wenigsten machten an der Westküste mit Gold - oder Silberfunden tatsächlich ein Vermögen8.

Bismarcks Kulturkampf mit der katholischen Kirche und seine bekannten Sozialistengesetze in den 1870er Jahren führten zu politisch motivierter Auswanderung. Allerdings ist anzunehmen, dass diese Ereignisse nur einen geringen Ausschlag zur Auswanderung gaben. Die politisch motivierte Auswanderung machte nur einen sehr kleinen Teil der transatlantischen Migration im 19. Jahrhundert aus. Im Vordergrund stehen immer wieder wirtschaftliche und soziale Gründe, wie die bereits angesprochene Industrialisierung.

Sie begann Mitte des 19. Jahrhunderts im deutschsprachigen Gebiet. Die bis dato landwirtschaftlich und handwerklich geprägte Wirtschaft und Arbeitswelt wurde von maschineller Massenfertigung abgelöst. Menschen, die Jahre lang im Agrarsektor oder in Handwerksbetrieben arbeiteten, mussten plötzlich auf Arbeitssuche gehen. Andernfalls drohte in den meisten Fällen den Menschen mit ihrer veralteten Erwerbstätigkeit der persönliche und finanzielle Ruin. Des Weiteren konnten viele Bauern nicht mehr von ihrer Tätigkeit leben, aufgrund des Realerbteilungsrecht. Diese so genannte „Realteilung“ sah vor, dass das Erbe, wie etwa das Land des Verstorbenem, zu gleichen Teilen unter allen Nachkommen aufgeteilt wird. Für die meisten Betroffenen reichte das kleine Landstück oder der Acker nicht aus, um davon leben zu können.

In Nord-Amerika allerdings waren Handwerker und fähige Landwirte gefragt, wegen des eklatanten Mangels an Fachkräften9. Die amerikanische Wirtschaft florierte zunehmend, daher brauchte und schätzte man Leute mit Berufserfahrung, Qualität und Ehrgeiz. Der Pioniergeist der amerikanischen Bevölkerung zu dieser Zeit war schon vorhanden.

[...]


1 „Deutschland“ und „Deutsche“ im heutigen Sinne gab es noch nicht. Gemeint sind hier die deutschsprachigen Bewohner der Gebiete des heutigen Deutschlands, sowie ab 1871 die Bewohner des Deutschen Reiches.

2 Vgl. Liebig, Sabine (Hrsg.) : „Migration und Weltgeschichte“, Wochenschau Verlag, Schwalbach, 2007, S. 10

3 S. Kamphoefner, Walter D.: „Westfalen in der Neuen Welt. Eine Sozialgeschichte der Auswanderung im 19.

4 S. Pallaske, Christoph (Hrsg.) : „Ein Westfale in Amerika. Dokumentation der Auswanderung August Hölschers in Briefen 1834 - 1860“, Winddruck Verlag, Siegen, 1992, S. 11f

5 Ebenda, S.39

6 Vgl. Liebig, Sabine (Hrsg.) : „Migration und Weltgeschichte“, Wochenschau Verlag, Schwalbach, 2007, S. 9

7 Marschalck, Peter: „Deutsche Überseewanderung im 19. Jahrhundert“, Klett-Verlag, Stuttgart, 1973, S. 39

8 S. Fisher, Michael H. : “Migration: A World History“, Oxford University Press, New York, 2014, S. 86

9 Vgl. Bretting, Agnes: „Mit Bibel, Pflug und Büchse: deutsche Pioniere im kolonialen Amerika“, in: „Deutsche im Ausland. Fremde in Deutschland. Migration in Geschichte und Gegenwart“, hrsg. von Klaus J. Bade, Verlag C. H. Beck, München, 1993, S. 137

Ende der Leseprobe aus 17 Seiten

Details

Titel
Transatlantische Wanderungsprozesse deutschsprachiger Emigranten im 19. Jahrhundert
Hochschule
Universität Siegen  (Philosophische Fakultät)
Note
2,7
Autor
Jahr
2014
Seiten
17
Katalognummer
V280480
ISBN (eBook)
9783656736479
ISBN (Buch)
9783656736462
Dateigröße
487 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
transatlantische, wanderungsprozesse, emigranten, jahrhundert
Arbeit zitieren
Manuel Freudenstein (Autor), 2014, Transatlantische Wanderungsprozesse deutschsprachiger Emigranten im 19. Jahrhundert, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/280480

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