Gewalt an Schulen. Ursachen, Erscheinungsformen und Handlungsmöglichkeiten


Bachelorarbeit, 2013
26 Seiten, Note: 2,0

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Begriffsbestimmungen
2.1 Aggression.
2.2 Gewalt
2.3 Mobbing.

3. Differenzierungsmerkmale von schulischer Gewalt
3.1 Geschlecht
3.2 Schulform
3.3 Alter
3.4 Gewalt – ein neues Phänomen?

4. Ursachen von schulischer Gewalt..
4.1 Sozialisationstheoretischer Ansatz
4.2 Familie
4.3 Schule
4.4 Peers..
4.5 Medien

5. Der „Fall-Rütli“

6. Peer-Mediation

7. Resümee..

8.Literaturverzeichnis

1. Einleitung

„Gewalt ist die Waffe des Schwachen.“

Mahatma Gandhi

Auf den ersten Blick scheint das Thema „Gewalt in der Schule“ allgegenwärtig zu sein. In den Medien wird oft von Gewalt von Kindern und Jugendlichen berichtet. Es scheint, als würde die „gefühlte Kriminalität“ in der Bevölkerung ansteigen und die Jugendgewalt ständig zunehmen, wobei „die Täter immer jünger und brutaler werden“ (Schubarth, 2013, S. 9). Besonders groß war die öffentliche Aufmerksamkeit, als Lehrer im März 2006 beim Berliner Bildungssenator in einem „Brandbrief“ die Schließung der Rütli-Schule verlangten, weil sie der Gewalt durch Schüler nicht mehr standhalten konnten. Dieses “Medienereignis“ löste eine bundesweite Debatte über das Thema „Gewalt an Schulen“ aus.

Bei näherer Betrachtung hingegen zeigt sich, dass „Gewalt an Schulen keine neue gesellschaftliche Enwicklung“1 ist (Klett, 2005, S. 6). Im Gegensatz zu dem Eindruck, den viele Presseberichte erweckt haben, kann von alltäglichen massiven Gewalttaten an unseren Schulen keine Rede sein (vgl. Tillmann, 2000, S. 16).

In diesem Zusammenhang scheint es von großer Bedeutung, sich ein differenziertes Bild über das Thema zu verschaffen.

Die vorliegende Arbeit widmet sich dem Thema Gewalt an Schulen und untersucht Ursachen und Erscheinungsformen von Gewalt sowie mögliche Lösungsansätze. Zunächst werden die grundlegenden Begriffe Gewalt, Aggression und Mobbing definiert. Als Nächstes werden die Erscheinungsformen näher beleuchtet und die Schule als Institution ins Blickfeld genommen: „Wozu ist die Schule eigentlich da?“, „Werden etwa jugendliche Straftäter an Schulen zu ihrem Verhalten erzogen ? und „ist Schule womöglich ein Nährboden für Jugendgewalt?“ (Jannan, 2008, S. 11). Anschließend werden unterschiedliche „Risikofaktoren“ für gewaltförderndes Verhalten vorgestellt. Abschließend wird die Peer-Mediation als präventive Gewaltmaßnahme näher beleuchtet.

2. Begriffsbestimmungen

Es ist notwendig, die Begriffe „Aggression“ und „Gewalt“ zu präziseren. In der Literatur findet sich ein breites Spektrum von Definitionsversuchen (Wahl, 2009, S. 2). Ein Grund dafür ist, dass unterschiedliche wissenschaftliche Perspektiven auf die Erscheinungen und die herangezogenen Erklärungsebenen existieren. Es gibt soziologische, ethnologische, politikwissenschaftliche, kriminologische, entwicklungspsychologische, psychiatrische, ethologische oder neurobiologische Anstrengungen, welche versuchen die Konstrukte Aggression und Gewalt zu operationalisieren. Jede dieser Wissenschaften besitzt „unterschiedliche Traditionen, Interessen und Ausblendungen“ (Wahl, 2009, S. 6).

Abgesehen davon, dass es bis heute nicht gelungen ist, „eine allgemein akzeptierte Begriffsbestimmung vorzunehmen“ (Micus, 2002, S. 17), werden die Aggressions- und Gewaltbegriffe in der Literatur in eine weit gefasste und eine enge Definition unterteilt.

2.1 Aggression

Der weit gefasste Aggressionsbegriff geht vom lateinischen Ursprung des Wortes aggredi aus und meint so viel wie „sich nähern, herangehen, angreifen“ (Krall, 2004, S. 9-10). Für Bach und Goldberg ist mit Aggression „jedes Verhalten (gemeint), dass im Wesentlichen das Gegenteil von Passivität und Zurückhaltung darstellt“ (Bach & Goldberg, 1974, S.14, zit. nach Nolting 2000, S.24). Aggression wird mit „Aktivität“ gleichgesetzt und als eine für den Menschen „notwendige lebenssichernde und lebenserhaltende Anpassungs- und Bewältigungsleistung“ verstanden (Klein & Palzkill, 1998, S. 13).

Diese Definitionen implizieren, dass Aggression zur menschlichen Natur gehört und notwendig für die Lebensbewältigung ist (Meier, 2004, S. 18). Von diesem Ansatz ausgehend beschreibt Hacker Aggression „als die dem Menschen innewohnende Disposition, Kompetenz oder Bereitschaft, aufgrund seiner angeborenen Lernfähigkeit Handlungsweisen zu entwickeln, die sich ursprünglich in Aktivität und „Kontaktlust“, später in den verschiedensten gelernten und sozial vermittelten, individuellen und kollektiven Formen, von Selbstbehauptung bis zur Grausamkeit, ausdrücken“ (Meier, 2004, S. 18). Eine „Aggression kann offen (körperlich, verbal) oder verdeckt (phantasiert), sie kann positiv (von der Kultur gebilligt) oder negativ (missbilligt) sein“ (Selg & Mees u.a., 1968, S.22).

Aggression kann demnach in konstruktive (positive) und destruktive (negative) Handlungsweisen unterschieden werden (vgl. Silkenbeumer, 2007, S.22).

Solch weit gefasste Definitionen sind für die vorliegende Arbeit ungeeignet, da die Verhaltensweisen der Schüler nicht als konstruktiv, sondern als destruktiv bzw. „schädigend“ angesehen werden (vgl. Meier, 2004, S. 19). Dieser Arbeit liegt somit das eng gefasste Verständnis zu Grunde, in dem Aggression „als negativ bewertetes, schädigendes Angriffsverhalten“ beschrieben wird (Meier, 2004, S. 19).

Die destruktive Aggression ist gekennzeichnet durch „ein Verhalten, dessen Ziel eine Beschädigung oder Verletzung ist“ (Berkowitz, 1980, S. 27). So definiert Bandura ebenfalls Aggression im engen Verständnis als „jene Verhaltensweisen und Tendenzen verbaler und nicht verbaler Art, die sich auf Personen oder Sachen richten und die zu Beschädigung oder Zerstörung der Sachen führen bzw. dazu, dass sich andere verletzt, geschädigt usw. fühlen“ (Bandura 1979, zitiert nach Meier, 2004).

Schließlich ist es wichtig „konkrete Kriterien“ zu nennen, um „eindeutig zu entscheiden, ob ein Verhalten als Aggression angesehen werden kann oder nicht (Meier, 2004, S. 19). In der wissenschaftlichen Diskussion beinhaltet der eng gefasste bzw. der destruktive Aggressionsbegriff vier Bestimmungsmerkmale, wenngleich das vierte Merkmal nach wie vor kontrovers diskutiert wird:

- „Schädigung bzw. Schädigungsabsicht
- Intention bzw. Zielgerichtetheit
- Normabweichung
- bzw. Unverhälnismäßigkeit“ (Meier, 2004, S.19).

2.2 Gewalt

Schrecklich immer auch in gerechter Sache, ist Gewalt.“

(Friedrich von Schiller, aus: Willhelm Tell II, 2.)

Ähnlich wie beim Aggressionsbegriff wird „Gewalt in der Literatur oft nur sehr unpräzise gebraucht und häufig nicht explizit definiert“ (Lamnek, 2009, S. 177 ). In Anlehnung an Willems und Hansel wird der Gewaltbegriff unterteilt:

1. engeres Verständnis (physische Gewalt) und
2. erweitertes Verständnis (psychische und strukturelle Gewalt)

(Weißmann, 2003, S. 7)

Trotzdem ist festzuhalten, dass die Definitionen von Gewalt nie den Anspruch auf Vollständigkeit und Eindeutigkeit erheben können (Lamnek, 2009, S. 177).

Der enge Gewaltbegriff beinhaltet die physische Gewalt bzw. Schädigung. Die physische Gewalt ist einerseits gegen Personen gerichtet – wie zum Beispiel das Schlagen eines Mitschülers – und andererseits gegen Sachen (Vandalismus) – wie zum Beispiel die Zerstörung von Schuleigentum (Bäuerle, 2001, S. 9). Die Vorstellung, physische Gewalt sei als objektiver Sachverhalt klar registrierbar, erweist „sich bei näherem Hinsehen als trügerisch“ (Weißmann, 2003, S. 7). Diese Annahme beruht darauf, dass „normative Momente eine wesentliche Rolle“ spielen, denn von Gewalt kann erst gesprochen werden, wenn der physische Zwang als moralisch unangemessen gilt“ (Tillmann, 1999, S. 19). Die „Ohrfeige“ oder der „Klaps“ auf den Hintern eines Dreijährigen galten lange Zeit als normales Erziehungsmittel und „was in den 50er Jahren noch „ jungmännliche Auseinandersetzung gewesen sein mag, kann heute eine Schlägerei sein, Gewalt also“ (Tillmann, 1999, S. 19).

An diesen Beispielen wird deutlich, dass sich normative Vorstellungen im historischen Verlauf verändern. Der Bedeutungswandel von „körperlicher Gewalt“ stellt demzufolge eine Schwierigkeit einer begrifflichen Präzisierung dar, denn „ob sie als gut oder schlecht, als normal oder abweichend angesehen wird, ist eine soziale Interpretation“ (Tillmann, 1999, S. 20).

Zum erweitertem Verständnis zählt die psychische Gewalt in Form von verbalen Attacken, wie Beleidigungen, ironische Bemerkungen, Bloßstellungen, aber auch Drohungen, um den anderen zu nötigen oder zu erpressen (Bäuerle, 2001, S. 9). Es ist offensichtlich, „dass man Menschen nicht nur mit einem Faustschlag, sondern oft viel wirkungsvoller mit Worten treffen kann“ (Tillmann, 2000, S. 20). Vor allem im schulischen Bereich kommen verbale Attacken und massive Bloßstellungen unter Schülern häufig vor.

Ob eine „verbale Gewalt“ oder eine „psychische Schädigung“ vorliegt, kann im konkreten Fall mal sehr eindeutig, mal höchst umstritten sein: Die dauerhafte Beschimpfung eines Außenseiters in der Klasse dürfte ein solch eindeutiger Fall sein; wann aber aus „Witzeln“ verbale Gewalt wird, ist äußerst schwer zu bestimmen (Tillmann, 1999, S. 21).

Ein entscheidender Nachteil dieser erweiterten Definition besteht in der Schwierigkeit der intersubjektiven Überprüfbarkeit, wann ein Handeln als psychische Gewalt einzustufen ist (Meier, 2004, S. 21). Eine Erweiterung des Gewaltbegriffs ist die so genannte institutionelle bzw. strukturelle Gewalt: „Strukturelle Gewalt ist die vermeidbare Beeinträchtigung grundlegender menschlicher Bedürfnisse oder, allgemeiner ausgedrückt, des Lebens, die den realen Grad der Bedürfnisbefriedigung unter das herabsetzt, was potentiell möglich ist“ (Galtung, 1969, S. 167). Allerdings ist die strukturelle Gewalt „empirisch schwer zu erfassen“ und kann „deshalb meist nur als verursachende Bedingung für Gewalt herangezogen werden“ (Schubarth, 2013, S. 17).

Nun soll kurz auf eine begriffliche Abgrenzung zwischen Gewalt und Aggression eingegangen werden, denn beide Begriffe werden „zum Teil sowohl in der Alltags- als auch Wissenschaftssprache synonym verwendet“ (Melzer, 2006, S. 12). Berücksichtigt man die Definitionsversuche, dann wird deutlich, dass „Gewalt“ und „Aggression“ zwar weite Überschneidungsbereiche haben, aber dennoch nicht deckungsgleich sind (Tillmann, 2000, S. 24).

In letzter Zeit ist eine besondere Ausprägungsform „ schulischer Aggression und Gewalt unter der Bezeichnung Mobbing ins Blickfeld der (fach)öffentlichen Debatte gerückt, was eine weitere Begriffsbestimmung erforderlich macht (Schubarth, 2013, S. 17).

2.3 Mobbing

Der Begriff Mobbing kommt vom englischen Verb „to mob“ und bedeutet „fertigmachen, anpöbeln“. Nach Olweus wird Mobbing wie folgt definiert: „Ein Schüler wird gemobbt, wenn er wiederholt und über eine längere Zeit den negativen Handlungen eines oder mehrerer anderer Schüler ausgesetzt ist“ (Schubarth, 2013, S. 17). Zudem werden für Mobbing folgende Merkmale genannt:

- „zielgerichtete Schädigungshandlung: verbal (z.B. Drohen, Hänseln, Spotten, Beschimpfen), körperlich (Schlagen, Treten, Stoßen, Kneifen usw.), nonverbal (z.B. Gestik, aus Gruppe ausschließen, Ignorieren)
- Häufigkeit und Dauer: wiederholt und über eine längere Zeit
- Ungleichgewicht der Kräfte: Der Schüler ist alleine nicht in der Lage, aus der Mobbingsituation herauszukommen“ (Schubarth, 2013, S. 18).

Das letzte Merkmal zeigt, wie wichtig die Rolle von Außenstehenden wie Mitschülern, Lehrern oder Eltern ist. Vor allem Lehrer müssen Signale frühzeitig wahrnehmen.

Jedoch stellt sich die Frage: „Verfügen Lehrer über die erforderlichen Qualifikationen, um solche Situationen wahrzunehmen, zu thematisieren und erfolgreich zu bearbeiten?“ (Gebauer, 2005, S. 28).

3. Differenzierungsmerkmale von schulischer Gewalt

Der Mensch, der nicht geachtet ist, bringt um.“

Antoine de Saint-Exupéry

Im Folgenden geht es darum, Einblicke in die Schulgewaltforschung zu geben, einige Schwierigkeiten und Forschungslücken aufzuzeigen, sowie zentrale Ergebnisse zum Thema Gewalt im Zusammenhang mit Geschlecht, Schulform und Alter in der Schule vorzustellen.

[...]

Ende der Leseprobe aus 26 Seiten

Details

Titel
Gewalt an Schulen. Ursachen, Erscheinungsformen und Handlungsmöglichkeiten
Hochschule
Freie Universität Berlin
Note
2,0
Autor
Jahr
2013
Seiten
26
Katalognummer
V281053
ISBN (eBook)
9783656747673
ISBN (Buch)
9783656747666
Dateigröße
564 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
gewalt, schulen, ursachen, erscheinungsformen, handlungsmöglichkeiten
Arbeit zitieren
Zeynep Ören (Autor), 2013, Gewalt an Schulen. Ursachen, Erscheinungsformen und Handlungsmöglichkeiten, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/281053

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