Konstruktion von Wirklichkeit im Fotojournalismus

Möglichkeiten und Ursachen der Anwendung von bildkompositorischen Mitteln zur gestalterisch-inszenierenden Manipulation während der Aufnahme einer Pressefotografie


Bachelorarbeit, 2014

65 Seiten, Note: 1


Leseprobe

Inhalt

I EINLEITUNG

II HAUPTTEIL
1 Fotojournalismus
1. 1 Fotojournalismus - Definition und Tätigkeiten
1. 2 Das Pressefoto - Funktionen und Besonderheiten
2 Manipulationsmöglichkeiten im Produktionsprozess eines Pressefotos
2. 1 Manipulation
2. 2 Inszenierung von Bildinhalten als Manipulation
2. 3 Die neue Bildwirklichkeit als inszenierende Manipulation
2. 4 Gestaltungsmittel der Bildkomposition als inszenierende Manipulation
3 Ökonomische und kommerzielle Ursachen für eine gestalterisch-inszenierende Bildmanipulation
3. 1 Aufmerksamkeitsökonomie und Verkauf
3. 2 Selektion anhand des Nachrichtenwertes als ökonomisches Handlungsmotiv
3. 2. 1 Der Schlüsselbild-Effekt
3. 3 Kunstkommerzielle Verwendung von Pressebildern - der World Press Photo Award .
4 Konstruktion von Wirklichkeit im Fotojournalismus
4. 1 Objektivitätsanspruch und Authentizität im Fotojournalismus
4. 2 Wirklichkeit im Konstruktivismus
4. 2. 1 Medienwirklichkeit - Die ptolemäische und kopernikanische Perspektive
4. 3 Wirklichkeitskonstruktion im Fotojournalismus - das Pressefoto als Ausschnitt der Realität
5 Möglichkeiten zur Reduktion von Wirklichkeitskonstruktion
5. 1 Die Bildunterschrift
5. 2 Visual Literacy

III FAZIT

IV LITERATURVERZEICHNIS

ABBILDUNGSVERZEICHNIS

Abbildung 1: Ruben Salvadori 1

Abbildung 2: Ruben Salvadori 2

Abbildung 3: Ruben Salvadori 3

Abbildung 4: Ruben Salvadori 4

Abbildung 5: Aufnahmesituation

Abbildung 6: Market requirement

I EINLEITUNG

„Das Bedürfnis nach Bestätigung der Realität und Ausweitung des Erfahrungshorizontes durch Fotografien ist ein

ästhetisches Konsumverhalten, dem heute jedermann verfallen ist.“1

Die Fotografie ist ein nicht mehr wegzudenkender Bestandteil unserer kulturellen und kommunikativen Umwelt.2 „Zeitungsfotos bringen die Welt ins Haus. Durch sie kennen wir viele Dinge, die wir in Wirklichkeit [...] nie gesehen haben: Länder, Personen, Katastrophen, Kriege und vieles mehr.“3 In der Literatur findet sich diesbezüglich häufig die Aussage, wir leben in einem visuellen Zeitalter.4 Eine Tendenz zur Visualisierung hat sich auch in den Printmedien in Form der stetig wachsenden Bedeutung des Fotojournalismus bemerkbar gemacht.5 Trotzdem ist der Fotojournalismus, obwohl sich sowohl die sozialwissenschaftlich geprägte Kommunikationswissenschaft und Journalistik als auch die kulturwissenschaftlichen Fächer wie Kunstgeschichte, die Medienwissenschaft und die transdisziplinäre Semiotik sich bereits mit seinen Inhalten und Darstellungsformen beschäftigt haben, ein in allen Disziplinen randständiges Forschungsgebiet.6 Gleichzeitig wird Fotografie als spezifisches Produkt des Journalismus zwar konzeptionalisiert, jedoch wird selten der Rahmen des spezifischen (sozialen) Produktionskontextes analysiert.7 Deshalb soll sich diese Arbeit mit diesem Bereich des Journalismus auseinandersetzen. Als gedanklicher Ausgangspunkt für diese Bakkalaureat-Arbeit, dient die Arbeit des Fotojournalisten Ruben Salvadori, welcher in seinem Projekt „Photojournalism behind the scenes“ aktuelle Probleme des Fotojournalismus anspricht.8 Seine fotografische Arbeit verdeutlicht auf eindrucksvolle Weise, dass der dargestellte Inhalt eines Pressebildes oft nicht der „realen“ Situation der Aufnahme entspricht. Salvadori zeigt, wie dem Rezipienten anhand von stark perspektivisch aufgenommenen Bildern und teils inszenierten Situationen Inhalte vermittelt werden können, die ein Geschehnis suggerieren, das so nie stattgefunden hat.9 Dies soll anhand der folgenden Beispielbilder, entstanden in der Konflikt-Zone Jerusalem, über die auch aufgrund der aktuellen politischen Lage wieder vermehrt (foto-)journalistisch berichtet wird, verdeutlicht werden:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 1: Ruben Salvadori 1

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 2: Ruben Salvadori 2

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 3: Ruben Salvadori

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 4: Ruben Salvadori 4

Abbildungen 1 und 3 bilden die Aufnahmesituation ab, Abbildungen 2 und 4 zeigen die daraus entstandenen Pressebilder, wie sie laut Salvadori veröffentlicht werden. Sie wirken bereits auf den ersten Blick dynamischer und dramatischer als die Abbildungen 1 und 3. Alleinstehend veröffentlicht, vermitteln die Abbildungen 2 und 4 somit auch einen “verfremdeten“ Inhalt. An diesem Punkt stellt sich die Frage, auf welche Weise sich die Situationsaufnahmen und potentiellen Veröffentlichungen unterscheiden, wie die jeweiligen Effekte erzielt werden und warum. Die Thematiken, welche hiermit weiter angesprochen werden, sind vor allem die vorhandene Objektivität im Fotojournalismus als auch die damit weiter zusammenhängende Konstruktion von Wirklichkeit durch die Medien, mit denen sich die Wissenschaft bereits intensiv auseinandergesetzt hat.10 Während nachträgliche Bildmanipulationen im Zeitalter der digitalen Nachbearbeitung von den Medien oft selbst aufgedeckt und verurteilt werden11 wird der Frage der Inszenierung des ursprünglichen Bildinhaltes, also der Manipulation im Entstehungsprozess, weniger Bedeutung zugemessen.12 Hieraus ergibt sich das Forschungsinteresse für die vorliegende Bakkalaureat-Arbeit. Die Forschungsfragen, die sich an diesem Punkt stellen sind folgende: Was hat während der Aufnahmesituation eine manipulierende Auswirkung auf das entstehende Pressebild? Demnach auch: Welche äußeren Einflussfaktoren gibt es während der Aufnahmesituation? Und welche Gestaltungsmittel und Möglichkeiten zur Bildkomposition stehen einem Fotojournalisten selbst zur Verfügung? Ebenfalls von Bedeutung ist die Frage, wo die Ursachen für diese Art der Manipulation im Fotojournalismus liegen? Was bewegt Fotojournalisten dazu den Inhalt ihrer Bilder zum Zeitpunkt der Aufnahme dramatisch(er) zu gestalten/inszenieren und später so weiterzuleiten? Daraus ergibt sich die Frage, welches Ausmaß an Objektivität dem Fotojournalismus zugesprochen werden kann, wie dies in Zusammenhang mit der Wirklichkeitskonstruktion durch die Medien steht und wie sie sich im Fotojournalismus äußert? Und zuletzt stellt sich die Frage, wie dem von Seiten der Medien und der Rezipienten entgegengewirkt werden kann. Diese Fragen sollen anhand einer fundierten Literaturrecherche in der geplanten Arbeit beantwortet werden. Während z.B. eine Feldforschung noch differenziertere Ergebnisse hervorbringen könnte, ist eine umfassende Beantwortung der gestellten Forschungsfragen im Rahmen dieser Arbeit nur auf diese Weise zu bewältigen.

Der inhaltliche Fokus dieser Literaturarbeit soll auf der Untersuchung von Fotojournalismus im Printbereich liegen wobei die Ergebnisse dieser Literaturrecherche auch für den Online-Bereich v.a. die Online-Versionen von Printmedien relevant sein können. Weiter wird im Bereich der Möglichkeiten der Bildmanipulation inhaltlich eingegrenzt, wobei die Möglichkeiten der digitalen Nachbearbeitung bzw. technischen Retusche aufgrund fehlender Relevanz für die Beantwortung der gestellten Forschungsfragen vernachlässigt werden. In Bezug auf die Fotografie, wäre eine detailliertere Erklärung von optisch-technischen Mechanismen und Prozessen möglich. Da dies aber wie die bereits genannte digitale Nachbearbeitung eher zum technischen Bereich der Fotografie gehört und nicht zur Klärung der Forschungsfragen beiträgt, soll dieser Detailbereich des Themas Fotografie nicht dargestellt werden, da dies den Rahmen dieser Arbeit sprengen würde. Auch kann auf den Aspekt der Wirkung beim Rezipienten, u.a. auf kognitive Prozesse der Bildverarbeitung nicht eingegangen werden. Eine Abhandlung der Problematik der Manipulation aus ethischer und moralischer Sicht liegt leider ebenso außerhalb des für diese Arbeit gesetzten Rahmens. Der Fokus der Arbeit liegt auf den inhaltlichen Komponenten des Arbeitens eines Fotojournalisten, also darauf was auf welche Weise aus welchen Gründen wie abgebildet wird. Die vorliegende Arbeit gliedert sich wie folgt auf: Zunächst wird der Begriff des Fotojournalismus definiert und seine Tätigkeiten, Funktionen und Besonderheiten erörtert. Daraufhin wird auf die Manipulationsmöglichkeiten im Produktionsprozess eines Pressefotos eingegangen. Im Detail findet eine Auseinandersetzung sowohl mit den Begriffen der Manipulation und der Inszenierung (Definition für diese Arbeit) als auch den Gestaltungsmitteln, die einem Fotojournalisten während der Aufnahme zur Verfügung stehen, statt. In Folge dazu werden die Aufmerksamkeitsökonomie, die Selektion anhand des Nachrichtenwertes und die kunstkommerzielle Verwendung von Pressefotos als ökonomische Handlungsmotive für Fotojournalisten dargestellt, die eine inszenierende Bildmanipulation begünstigen. Anschließend wird die Konstruktion von Wirklichkeit im Fotojournalismus diskutiert, mit anfänglicher Abklärung der Aspekte der Objektivität und Authentizität. Zuletzt werden die Bildunterschrift und die visuelle Medienkompetenz als Möglichkeiten zur Reduktion von Wirklichkeitskonstruktion durch den Fotojournalismus dargestellt.

II HAUPTTEIL

1 Fotojournalismus

Im Folgenden wird im Sinne einer grundlegenden Auseinandersetzung mit der Thematik sowohl der Begriff des Fotojournalismus/Fotojournalisten definiert als auch auf die Tätigkeiten, die diese Form des Journalismus beinhaltet, eingegangen. Weiter werden in 1. 2 die Funktionen und Besonderheiten des Pressebildes erarbeitet und erörtert.

1. 1 Fotojournalismus - Definition und Tätigkeiten

Journalist ist, wer hauptberufliche an der Verbreitung von Informationen, Meinungen und Unterhaltung durch Massenmedien beteiligt ist.13 Fotografien sind seit langer Zeit fester Bestandteil dieser journalistischen Berichterstattung und haben sich mittlerweile als Fotojournalismus und Pressefotografie zu einem eigenen, professionellen Teilbereich des Journalismus entwickelt.14 Täglich leisten Fotojournalisten/Pressefotografen auf der ganzen Welt, sogar unter Einsatz ihres eigenen Lebens,15 einen Beitrag dazu, den Rezipienten Nachrichten aus der ganzen Welt in Bildformat näher zu bringen. Sie berichten mit den Mitteln der visuellen Darstellung über einen Moment, ein Ereignis und zwar innerhalb eines einzigen, rechteckigen, fotographischen Rahmens.16 Die Berufsbezeichnung fällt, da es keine gesetzlich festgelegte Bezeichnung gibt, oft unterschiedlich aus - Pressefotograf, Bildjournalist, Fotojournalist.17 „Die Verwendung dieser orientiert sich nach den unterschiedlichen Schwerpunktsetzungen im Tätigkeitsbereich.“18 Von zentraler Wichtigkeit ist, dass der Fotojournalist, nach dem vom Deutschen Journalisten- Verband (DJV) bereits 1978 verabschiedeten „Berufsbild des Journalisten“ dem Wortjournalist gleichgestellt ist.19 Rossi g definiert den Begriff Fotojournalist wie folgt:

„Die offizielle Bezeichnung im Behördendeutsch lautet Bild- bzw. Fo- tojournalist- und das nicht ohne Grund. Denn um die besonderen Zwänge des Mediums verstehen zu können, sollten Sie in allererster Linie Journalist sein. Die Silbe ,Foto‘ steht irritierender Weise zwar vorn, kommt bedeutungsmäßig aber erst an zweiter Stelle [...].“ 20

Ebenso schreibt Newton:

„A journalist tells stories. A photographer takes pictures of nouns (pe- ople, places and things). A photojournalist takes the best of both and locks it into the most powerful medium available - frozen images.“21

In der vorliegenden Arbeit sollen die Bezeichnungen Fotojournalist/Fotojournalismus und Pressefotograf/Pressefotografie verwendet werden, da sie in Anlehnung an Rossig und Newton die Bereiche der Fotografie und des journalistischen Arbeitens auf wörtlicher Ebene am deutlichsten vereinen. An diesem Punkt ist allerdings ergänzend festzuhalten, dass die Bezeichnungen Fotojournalist und Pressefotograf zwar synonym verwendet werden, in der Literatur aber eine noch detailliertere Unterscheidung zwischen diesen beiden vorgenommen wird. Dazu schreibt Freund: „Erst von dem Augenblick an, wo das Bild selbst zur Geschichte wird, die in einer Folge von Photos [sic!] über ein Ereignis berichtet, während der danebenstehende Text oft nur aus Bildunterschriften besteht, beginnt der Photojournalismus [sic!].“22 Weiter beschreibt Grittmann, dass die Pressefotografie als Teilbereich des Fotojournalismus betrachtet wird, der sich auf die aktuelle Produktion von Einzelbildern, vor allem für Tages- und Wochenzeitungen konzentriert und durch fotojournalistische Routinen geprägt ist.23 Zuweilen gilt Pressefotografie laut Grittmann sogar nur als rein technische Leistung.24 Fotojournalismus dagegen ist geprägt durch einen größeren kreativen Spielraum, welcher sich durch Darstellungsformen wie Fotoreportagen, vermehrt in Magazinen und Illustrierten abgedruckt, äußert.25 Da allerdings aus den zwei verschiedenen Bezeichnungen, die grundlegenden Tätigkeiten für die Jeweiligen nicht trennscharf abgeleitet und voneinander abgegrenzt werden können, werden in dieser Arbeit beide Bezeichnungen miteinbezogen und verwendet, trotz tendenzieller Unterschiede der für die Fotografien verwendeten Darstellungsformen und vorhandenen Kreativitätsspielräumen. Weiter wird an dieser Stelle durch die Entscheidung für die Verwendung der Bezeichnungen Fotojournalist/Pressefotograf eine klare inhaltliche Abgrenzung zu den Begriffen Bildjournalist und Bildredakteur vorgenommen, da diese sowohl die Arbeit mit bewegten Bildern wie Filmbeiträge als auch Zeichnungen und Karikaturen einschließen würde.26 Kerntätigkeiten für einen Fotojournalisten können aus dem „Berufsbild des Journalisten“ des Deutschen Journalisten-Verbandes (DJV) wie folgt abgeleitet werden:

- Arbeiten in und für Redaktionen (Presse, Agenturen, Korrespondenzen, Pressestellen).
- Vermittlung von Informationen über Vorgänge, Ereignisse und Sachverhalte mit visuel len Mitteln.
- Sammeln und Koordinieren von Informationen, Zusammenstellen der fotografischen Ausrüstung.
- Herausfinden günstiger Aufnahmestandorte unter Berücksichtigung äußerer Bedingungen und Einflüsse, Auswahl des erforderlichen technischen Gerätes.
- Bildauswahl, Ausschnittbestimmung und Bildbeschriftung.
- Kenntnis der Verbreitungswege und unterschiedlicher redaktionellen Arbeitsweisen.
- Archivierung des Fotomaterials.27

Diese Tätigkeiten dienen der bereits genannten Hauptaufgabe eines Fotojournalisten, Nachricht in Bildformat zu produzieren. Schlussfolgernd stellen Fotojournalisten/Pressefotografen ebenso wie ein schreibender Journalist Inhalte für (Print-)Medien her, bedienen sich dafür nur anstatt der Sprache, des Mediums der Fotografie. Im Folgenden soll auf die Funktionen und Besonderheiten dieses Mediums in Bezug auf dessen journalistischen Gebrauch eingegangen werden.

1. 2 Das Pressefoto - Funktionen und Besonderheiten

Eine Fotografie wird dann zum Pressefoto wenn sie veröffentlicht wurde. Demnach wird das Pressefoto, in den meisten Fällen, auch mit Absicht auf Veröffentlichung aufgenommen. Das Einzelbild ist die am meisten verbreitete Form in Tageszeitungen ebenso wie in Zeitschriften oder Magazinen.28 Von einer rein privaten oder rein künstlerischen Aufnahme unterscheidet das Pressefoto, dass es eine bestimmte Themenbezogenheit aufweist; es wird nie ohne Zusammenhang oder zeitlichen Rahmen präsentiert, es gehört zu einer Nachricht, einem Bericht oder einer Reportage.29 „Es soll von einem Ereignis oder einer Person berichten, eine abstrakte Nachricht illustrieren oder selbst als Mitteilung wirken.“30 Als Nachricht wird bei Sachsse die „ [...] um Objektivität bemühte Mitteilung eines allgemein interessierenden, aktuellen Sachverhalts in einem bestimmten formalen Aufbau“ definiert.31 Als erste Funktion eines Pressefotos kann somit die gleichzeitige Hauptaufgabe des Fotojournalisten festgehalten werden: die visuelle Vermittlung einer Nachricht durch das Medium der Fotografie. „Das Foto soll informieren.“32 Auch laut Sachsse ist es primär dem Informationsauftrag der Medien verpflichtet.33 Das Beschriebene kann als Informationsfunktion betitelt werden. Zweitens erfüllt das Pressebild durch die visuelle Vermittlung einer Nachricht auch eine Beweisfunktion,34 welche die Richtigkeit einer Information für den Leser bildhaft belegt, im Sinne von „Diese Nachricht ist authentisch“ und „Meine Zeitung/Zeitschrift etc. war dabei.“35 Sontag beschreibt die Beweisfunktion wie folgt: „Fotos liefern Beweismaterial. Etwas, wovon wir gehört haben, woran wir aber zweifeln, scheint »bestätigt«, wenn man uns eine Fotografie davon zeigt. [...] Eine Fotografie gilt als unwiderleglicher Beweis dafür, daß [sic!] ein bestimmtes Ereignis sich tatsächlich so abgespielt hat.“36 Auf den Aspekt der vermeintlichen Objektivität und Authentizität der Fotografie und deren Problematik im (Foto-)Journalismus, auf welche hier hingedeutet wird, wird in dieser Arbeit unter Punkt 4. 1 eingegangen. Weiter steht an diesem Punkt fest: „ [...] kein anderes Element findet in Zeitungen so viel Aufmerksamkeit wie Fotos und Grafiken.“37 Denn „Bilder eignen sich gut als Signale, die Aufmerksamkeit erregen.“38 Laut Sachsse ist das Erregen von Aufmerksamkeit sogar das erste Ziel jedes Fotojournalisten und damit eine weitere wichtige Funktion eines Pressebildes (Vgl. 3. 1).39 Aufmerksamkeit steht wiederum in engem Zusammenhang mit einer weiteren Funktion des Pressebildes: Die Einstiegsfunktion. Denn der Einstieg in eine Seite, der erste Blickkontakt verläuft in der Regel über das Bild und nicht über die Schlagziele.40 Eine Erklärung für die Einstiegsfunktion des Pressebildes findet man bei Kroeber-Riel: „Ein Bild wird müheloser aufgenommen und vermittelt in der gleichen Zeit mehr und einprägsamere Informationen als eine sprachliche oder numerische Darstellung.“41 Weiter erfährt man bei Kroeber-Riel: „Bilder werden in größeren visuellen Einheiten aufgenommen und »ganzheitlich analog« verarbeitet. Sprachliche Informationen werden dagegen nacheinander in kleinen Sinneinheiten aufgenommen und »sequentiell analytisch« verarbeitet.“42 So hat die ganzheitliche Informationsaufnahme eines Bildes wiederum eine schnellere Aufnahme der Information durch das Gehirn zur Folge, was bedeutet, dass das Thema eines Bildes in Bruchteilen einer Sekunde, die vergleichsweise gerade genügen würden um ein Wort zu lesen, aufgefasst werden.43 Durch diese Gegebenheiten des Bildes im Vergleich zur Sprache erklärt sich, dass der Rezipient, aufgrund natürlicher kognitiver Vorgänge, ein Bild in den meisten Fällen vor der Sprache/der Schlagzeile betrachtet bzw. verarbeitet. Haller sieht in Pressebildern durch deren Visualisierung von Sprache ebenfalls eine Unterstützung des verbalen Vermittlungsprozesses und betont deren nachgewiesene Wichtigkeit für das Aufnehmen und Speichern von Informationen.44 Er formuliert somit eine weitere Funktion des Fotojournalismus/des Pressebildes: die Veranschaulichungsfunktion.

„Anschaulichkeit ist ein spezielles journalistisches Instrumentarium, dessen sich der Journalist bedient, um einen Beitrag besonders effekt- voll zu schreiben. Die konkret-anschauliche Darstellung stellt dabei ei- nen wesentlichen Ausgangspunkt für die Wirksamkeit des journalisti- schen Produkts und die Erkenntnisgewinnung des jeweiligen Rezipien- ten dar.“ 45

Dies nimmt Rückbezug auf die als erstes genannte, im Verlauf nicht zu vergessende Informationsfunktion des Fotojournalismus. An dieser Stelle soll betont werden, dass Fotojournalismus nicht nur eine unterstützende Funktion für textlichen Inhalt darstellt, sondern ebenso als Einzelbild und -nachricht für Medien und brancheninterne Wettbewerbe (siehe 3. 3) von Bedeutung ist. Weiter haben laut Trommsdorff Bilder im Vergleich zu sprachlichen Informationen einen höheren Erlebnis- und Unterhaltungswert;46 Unterhaltung des Lesers stellt laut Beifuß eine weitere Funktion des Pressefotos dar (dieser Begriff muss in einem weiteren Rahmen als der vorliegenden Arbeit individuell definiert werden): „Bilder erfüllen das [...] Bedürfnis des Lesers, über die reine Sachinformation hinaus [...] auch emotional angesprochen zu werden.“47 Die Begründung für diese Verknüpfung von Bild und Emotion findet sich in den Ergebnissen der Hemisphären Forschung, worunter man „die Richtungen der Gehirnforschung, die sich mit den funktionalen Unterschieden der beiden Großhirnhälften für die geistig-seelischen Aktivitäten des Menschen beschäftigen“48 versteht. Diese besagen, dass sich die Bildverarbeitung vor allem in der rechten Gehirnhälfte abspielt, welche auch stärker auf emotionale Reize reagiert.49 Das weist wiederum auf eine enge Beziehung zwischen der Bildverarbeitung im Gehirn und dem emotionalen Verhalten hin50 was bedeutet, dass sich Bildverarbeitung und emotionale Vorgänge gegenseitig bedingen.51 So wird die Aufgabe eines Fotojournalisten, eine Nachricht bzw. Information zu vermitteln auch in Rossigs Definition von Fotojournalismus mit dem Aspekt der Emotionalität zusammengeführt:

„[...] Dann lautet das ultimative Ziel, genau wie das der Kollegen von der schreibenden Zunft, eine Geschichte zu erzählen. Über Geschehenes zu be- richten, Menschen zu porträtieren, Emotionen darzustellen. Und das alles nicht mit Wörtern oder O-Tönen, sondern in einem einzigen Foto.“52

Die Bedeutung der emotionalen Wirkung von Pressebildern ist für den Fotojournalismus größer denn je, da Fernseh- oder Videosequenzen zu schnell verfliegen, um sich im Gedächtnis festschreiben zu können. Fotografien können dies allerdings durch ihre Statik und die Verbindung von Emotions- und Bildverarbeitung im menschlichen Gehirn immer noch erreichen.53 So werden bestimmte Bilder, wie z.B. von ölverklebten Wasservögeln nach einem Tankerunfall, bei der Rezeption mit Emotionen gekoppelt und erschüttern stärker als eine wörtliche Schilderung des Vorfalls (Vgl. 3. 3).54 Haller schreibt hierzu sogar: „Viele Bildreporter und Blattmacher sind überzeugt, dass es diese emotionale Faszination sei, die am Ende übrig bleibe.“55 Somit ergibt sich daraus die Emotionalisierungsfunktion für den Fotojournalismus. In Anlehnung an Meckel, kann zusätzlich die Erlebnisfunktion formuliert werden.56 Diese steht, in engem Zusammenhang mit der Emotionalisierungsfunktion, für das Gefühl beim Rezipienten ein Ereignis mit Hilfe der medialen Vermittlung wirklichkeitsnah miterleben zu können (Vgl. 4. 1). Zusammenfassend können somit aus der Literatur folgende Funktionen für den Fotojournalismus/das Pressebild formuliert werden: Die Informationsfunktion, die Beweisfunktion, die Aufmerksamkeitsfunktion, die Einstiegsfunktion, die Veranschaulichungsfunktion, die Emotionalisierungsfunktion und die Erlebnisfunktion. Diese Funktionen beziehen sich in erster Linie auf die Bedürfnisse des Rezipienten, jedoch verdeutlichen sie damit gleichzeitig, dass ihre Erfüllung auch im wirtschaftlichen Interesse der Printmedien selbst liegt. Gleichzeitig zeichnen sich hier bereits Widersprüche zwischen den einzelnen Funktionen ab, wie z.B. das sachliche Vermitteln von Information mit der Emotionalisierungsfunktion in Einklang zu bringen.57 So schreibt Holicki:

Vor allem dramaturgische Momente wie ein spannungsreicher Bildaufbau, ein spektakulärer Augenblick, die Konzentration auf ein rührendes, erschütterndes, belustigendes oder ästhetisch bildwirksames Detail entsprechen nicht der im Wortjournalismus verankerten Vorstellung von Sachlichkeit und Ausgewogenheit, weil sie Einzelheiten überbetonen und an Gefühle zu appel- lieren suchen.“58

Jedoch wird in der Literatur die gleichzeitige Erfüllung der hier aufgestellten Funktionen auch nicht gefordert. Auffällig ist die immer wiederkehrende Betonung der Informationsfunktion von Pressefotografien. So ist laut Holicki das Pressefoto vor allem eine Nachrichtenstilform, „deren Qualität in der unbedingten Gebundenheit an sichtbare Fakten liegt. Damit kommt es den journalistischen Textgattungen nahe. Die Beschränkung auf wenige, prägnante Informationen, die das Wesentliche eines Ereignisses unmittelbar erfassen sollen, erinnert an die Stilform der Nachricht - wenn auch dort die Informationsauswahl und -präsentation eine andere ist.“59 Trotzdem ist für den weiteren Verlauf dieser Arbeit hier festzuhalten, dass das Pressefoto bereits hier als „Stilform“ der Nachricht betitelt wird, was bereits einen gestalterischen Aspekt anspricht und journalistischen Textgattungen nur „nahe kommt“, somit aber nicht als ident mit einer Text-Nachricht angesehen werden kann, sondern nur an sie „erinnert“. Damit zeigt bereits dieses Zitat einen Widerspruch zwischen der Definition von und dem Anspruch an Fotojournalismus. Dies stellt einen zentralen Konflikt der Thematik dieser Arbeit dar.

2 Manipulationsmöglichkeiten im Produktionsprozess eines Pressefotos

2. 1 Manipulation

Laut dem DJV gehört zur journalistischen Leistung die Erarbeitung von Wort- und Bildinformationen durch Recherchieren sowie Auswählen und Bearbeiten der Informationsinhalte, deren eigenschöpferische (!) medienspezifische Aufbereitung (Berichterstattung und Kommentierung) als auch Gestaltung und Vermittlung. Dies im Bereich der Fotografie gestaltend umzusetzen, darin besteht laut Sachsse die Aufgabe des Fotojournalisten.60 An dieser Stelle wird bereits deutlich, dass Fotojournalisten eine gestalterische Tätigkeit im Produktionsprozess ihrer Arbeit durchaus zugesprochen wird. Die Problematik darin besteht in der weiten Auslegungsmöglichkeit des sogenannten „Eigenschöpferischen“ und „Gestaltenden“. Hierauf kann eine Legitimation für jegliche Manipulationen fußen und spricht damit bereits die, in Punkt 4 näher erörterte, Problematik der Objektivität und der Wirklichkeitskonstruktion im Fotojournalismus an. Die Frage, die sich weiter stellt ist, wie Manipulation definiert wird und wie sie sich im Entstehungsprozess eines Pressebildes äußern kann. Hier muss für diese Arbeit vorab zwischen der Manipulation mit einer Absicht auf Verhaltensänderung beim Rezipienten, also der verhaltenswirksamen Manipulation und der rein „technisch-handwerklichen“ Manipulation unterschieden werden. Auf Letzteres beschränkt sich diese Arbeit. In Bezug auf einen Definitionsversuch des Begriffs der Manipulation schreibt Straßner: „Sind Bilder nicht manipuliert, lügen sie nicht, sind archivierbare Dokumente.“61 Jedoch bleibt eine Definition von Manipulation bei ihm aus. Nach Beifuß ist der Begriff der Manipulation für die Fotografie wörtlich zu nehmen, was bedeutet, dass jeder

Eingriff in Objekt und Bild als Manipulation gilt.62 Dementsprechend sind laut Sachsse auch 90 Prozent aller bildjournalistischer Fotos inszeniert.63 Aus berufsethischer Sicht gilt bei Forster als Manipulation, wenn eine „mit einer Täuschungsabsicht verbundene intentionale Veränderung von Informationen durch Auswahl, Zusätze oder Auslassungen vorliegt.“64 Haller unterscheidet weiter verschiedene Arten der Bildmanipulation:

„[...]wenn Bildinformation gelöscht, wenn eine externe Information eingefügt, wenn eine Bildmontage hergestellt, wenn die Beschriftung irreführend formuliert ist oder - der heikelste Punkt - wenn das Objekt der Berichterstattung ,inszeniert‘ wird.“65

In dieser Arbeit wird die Manipulation der digitalen Nachbearbeitung, wie Bildinformation löschen oder einfügen, zu Gunsten der Klärung einer anderen Manipulationsmöglichkeit vernachlässigt: Der Fokus liegt auf der von Haller zuletzt genannten Inszenierung von Bildinhalten und damit auf der vernachlässigten Dimension der Manipulation im Produktionsprozess eines Pressebildes, also während der Aufnahme. Somit wird das Forschungsinteresse dieser Arbeit auf der Ebene der Produktionsanalyse von Pressefotografien eingeordnet. „Die Produktionsanalyse fragt nach dem Entstehungskontext visueller Kommunikation: Zu welcher Zeit, unter welchen Bedingungen und mit welcher Intention ist ein Bild entstanden? In und unter Verwendung welcher Technik wurde das Bild erstellt?“66

[...]


1 Sontag, 2006: S. 29.

2 Vgl. Waller, 1982: S. 13.

3 Macias, 1990: S. 61.

4 Vgl. Haller, 2008: S. 69.

5 Zitiert nach: Glotz, 1994: S. 40.

6 Vgl. Haller, 2008: S. 69.

7 Vgl. Grittmann, 2007: S. 175.

8 Vgl. Grittmann, 2007: S. 178.

9 Vgl. Salvadori, 2013.

10 Vgl. Luther, 2012.

11 Vgl. Merten et al., 1994.

12 Vgl. Carlson, 2009.

13 Vgl. Grittmann, 2007: S. 36ff.

14 Vgl. Macias, 1990: S. 45.

15 Vgl. Grittmann, 2007: S. 15f.

16 Vgl. Luyken, 2014 / ZEIT ONLINE, 2014.

17 Vgl. Newton, 2009: S. 236.

18 Vgl. Kranzelmayer, 2006: S. 5.

19 Kranzelmayer, 2006: S. 5.

20 Vgl. Beifuß, 1994: S. 11.

21 Rossig, 2007: S.11.

22 Newton, 2009: S. 236. Freund, 1986 : S. 117.

23 Vgl. Grittmann, 2007: S. 35.

24 Vgl. Grittmann, 2007: S. 53.

25 Vgl. Grittmann, 2007: S. 32.

26 Vgl. Beifuß, 1994: S. 11.

27 Vgl. Beifuß, 1994: S. 11f.

28 Vgl. Sachsse, 2003: S. 74.

29 Vgl. Beifuß, 1994: S. 11.

30 Vgl. Sachsse, 2003: S. 65.

31 Sachsse, 2003: S. 17.

32 Beifuß, 1994: S. 115.

33 Vgl. Sachsse, 2003: S. 66.

34 Vgl. Straßner, 2002: S. 19.

35 Vgl. Beifuß, 1994: S. 118f.

36 Sontag, 2006: S. 11.

37 Beifuß, 1994: S. 181.

38 Straßner, 2002: S. 15.

39 Vgl. Sachsse, 2003: S. 17.

40 Vgl. Beifuß, 1994: S. 185.

41 Kroeber-Riel, 1993: S. 145.

42 Vgl. Kroeber-Riel, 1993: S. 103.

43 Vgl. Kroeber-Riel, 1993: S. 107.

44 Vgl. Haller, 2008: S. 69.

45 Haller, 2008: S. 71.

46 Vgl. Trommsdorff, 2009: S. 71.

47 Beifuß, 1994: S. 119.

48 Kroeber-Riel, 1996: S. 22.

49 Vgl. Kroeber-Riel, 1996: S. 23f.

50 Vgl. Kroeber-Riel, 1996: S. 24.

51 Vgl. Kroeber-Riel, 1993: S. 109.

52 Rossig, 2007: S.11.

53 Vgl. Sachsse, 2003: S. 67. / Waller, 1982: S. 44.

54 Vgl. Straßner, 2002: S. 5.

55 Haller, 2008 : S. 51.

56 Vgl. Meckel, 2001: S. 26.

57 Vgl. Holicki, 1993: S. 36.

58 Holicki, 1993 : S. 36.

59 Holicki, 1993 : S. 33.

60 Vgl. Sachsse, 2003: S. 13.

61 Straßner, 2002: S. 13.

62 Vgl. Beifuß, 1994: S. 86.

63 Vgl. Sachsse, 2003: S. 69.

64 Forster, 2003: S. 66.

65 Haller, 2008 : S. 39.

66 Knieper, 2002: S. 133.

Ende der Leseprobe aus 65 Seiten

Details

Titel
Konstruktion von Wirklichkeit im Fotojournalismus
Untertitel
Möglichkeiten und Ursachen der Anwendung von bildkompositorischen Mitteln zur gestalterisch-inszenierenden Manipulation während der Aufnahme einer Pressefotografie
Hochschule
Universität Wien
Note
1
Autor
Jahr
2014
Seiten
65
Katalognummer
V281626
ISBN (eBook)
9783656755630
ISBN (Buch)
9783656755623
Dateigröße
846 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Fotojournalismus, Pressefotografie, Wirklichkeit
Arbeit zitieren
Melanie Maiterth (Autor), 2014, Konstruktion von Wirklichkeit im Fotojournalismus, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/281626

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