Interaktives Fernsehen


Hausarbeit (Hauptseminar), 2003
21 Seiten, Note: 1,3

Leseprobe

Inhalt

1. Einleitung

2. Zum Begriff interaktives Fernsehen

3. Die Geschichte interaktiven Fernsehens in Deutschland
3.1. Individuelle Interaktivität
3.2. Kollektive Interaktivität
3.3. Interaktive Projekte der jüngsten Vergangenheit

4. Eine mögliche Zukunft des Fernsehens
4.1. Von analogem zum digitalen und interaktiven Fernsehen
4.2. Interaktives Fernsehen heute
4.3. Fernsehen der Zukunft

5. Schluss

6. Literatur

7. Internetquellen und -links

Interaktives Fernsehen

1. Einleitung

Die Diskussion über die Zukunft des Fernsehens hält spätestens seit 1997 an, als der Bundestag im Frühjahr über ein Multimediagesetz zu debattieren begann: Zahlreiche Pilotprojekte, die unter Stichworten wie interaktiv oder Medienrevolution von der EU, dem Bund oder den Ländern gestartet wurden, flankierten die kontroversen Meinungen über das kommende Fernsehprogramm. Der Begriff interaktiv ist in diesem Zusammenhang eine Bezeichnung für ein potentielles Fernsehmodell, das die Seh- und Nutzverhaltensweisen der Zuschauer Grund legend ver-ändern könnte: Zunächst ist der Abruf einzelner Sendungen, die Zeit versetzt ausgestrahlt werden realisiert worden (near video on demand), eine Entwicklung die in der Theorie in der Möglichkeit für den einzelnen Zuschauer mündet, aus Videotheken und Archiven individuell Filme und Sendungen zu jeder Zeit auszuwählen und anzusehen (video/media on demand). Einher mit dieser Entwicklung ginge die Erweiterung der Eingriffsmöglichkeit von Zuschauern in den laufenden Live-Betrieb von Fernsehsendungen. Möglich ist bereits die Wahl der Kameraperspektive bei Live-Sendungen, die Auswahl verschiedener Handlungsstränge bei Spielfilmen oder das Bestellen von Waren mit Hilfe der Fernbedienung wären denkbar.

Ziel dieser Arbeit ist es, eine interaktive Zukunft des Fernsehens zu untersuchen, welche Möglichkeiten es bieten und wie es das Fernseh- und Sehverhalten verändern könnte. In diesem Zusammenhang ist auch der Frage nachzugehen, welche Entwicklung interaktives Fernsehen von den Anfängen der Rundfunkübertragung bis heute durchlaufen hat und welche Ursachen dazu führen könnten, dass der Zuschauer offensichtlich seit Entstehen des Fernsehens die Möglichkeit zur interaktiven Teilnahme gesucht haben könnte.

2. Zum Begriff interaktives Fernsehen

Um über die Möglichkeiten eines Fernsehangebotes, das interaktive Möglichkeiten für die Zuschauer bietet, nachdenken zu können, ist es unabdingbar, den Begriff Interaktivität an sich zu definieren.

Dieser Begriff in Zusammenhang mit Fernsehen wird häufig als Wider-spruch empfunden, da „aktiv selektierendes bzw. bewusst gesteuertes Medienverhalten und passive Fernseh- Berieselung als zwei unterschied-liche Rezeptionsarten betrachtet werden, die sich schwerlich zusammen denken lassen“[1].

Interaktivität ist ein Begriff „für das aufeinander bezogene Handeln zweier oder mehrerer Personen in dem Sinne, dass entweder 1. die Handelnden ihr Handeln wechselseitig an einander komplementären Erwartungen [...] orientieren oder 2. das Handeln einer Person (Reiz) dasjenige der anderen (Reaktion) auslöst.“[2]

Entscheidend auch für die Betrachtung des interaktiven Fernsehens ist somit ein actio - reactio -Schema, das sich gegenseitig bedingt: Der Zu-schauer verlässt die Rolle des passiven Betrachters eines Programms und vertritt nicht weiter die Position eines reinen Fernseh-Konsumenten. Kurz zusammengefasst definiert sich der Begriff Interaktivität in Bezug auf das Fernsehprogramm, „dass der Nutzer in den Programmablauf eingreifen und das Geschehen beeinflussen kann“[3].

Reinhard und Salmony definieren dies unter der Verwendung der klassischen Bezeichnungen des Empfängers, der Reaktion und der Rück-kopplung:

„Interaktives Fernsehen ist durch die kausal zusammenhängende Abfolge von Datentelekommunikation eines Empfängers, externer Reaktion und individueller Rückkopplung an den Empfänger charakterisiert.“[4]

Alexander Schwarz fügt diesen Definition eine entscheidende Grund-voraussetzung hinzu: Entscheidend für jedwede Realisation interaktiver Programmformate ist die Rückführung des Fernsehens auf den live -Betrieb. Die Abfolge von Reaktion des Zuschauers, externer Reaktion und feedback darauf macht eine Übertragung in Echtzeit unabdingbar, da nur dadurch eine reale und individuelle Rückkopplung gewährleistet werden könnte.[5]

3. Die Geschichte interaktiven Fernsehens in Deutschland

Um die Gegenwart des interaktiven Fernsehens verstehen und einen Ausblick in eine mögliche Entwicklung tätigen zu können, ist die Be-trachtung des Verlaufs von den Anfängen des Rundfunkempfangs in Deutschland unabdingbar. Hierbei wird auch deutlich, dass offensichtlich schon kurz nach der Flächen deckenden Verbreitung von Fernsehgeräten ein Interesse der Programmplanenden und der Zuschauer bestanden hat, das Fernsehprogramm oder Teile davon vom Betrachter beeinflussen lassen zu können. Unterschieden werden soll bei der folgenden historisch-en Betrachtung nach individueller und kollektiver Interaktivität.[6]

3.1. Individuelle Interaktivität

Die ersten individuell interaktiven Fernsehformate erscheinen ab 1953 auf dem Bildschirm: Im Programmangebot fanden sich Sendungen wie Treffpunkt Fernsehen. Schreiben Sie uns, wen sie kennen lernen wollen – wir werden uns bemühen, die Bekanntschaft zu vermitteln, ein Partner-vermittlungsformat auf NWDR, das auf Postzuschriften der Zuschauer basierte.

Der Zuschauer als Kriminalbeamter und Quizteilnehmer in den eigenen vier Wänden konnte bei s. g. Mitrate-Krimis aktiv werden, bei denen die Zuschauer, ebenfalls durch Zuschriften, den Täter ermitteln sollten. Den Schluss des Films und damit die tatsächliche Auflösung des Fernseh-Verbrechens gab es eine Woche später zu sehen.

Am 4. Dezember 1964 startete das erste tatsächlich interaktive Format im ZDF: Lou van Burg moderierte die Sendung Der goldene Schuss, der die Sage von Wilhelm Tell zugrunde lag. Mit Hilfe einer Tele-Armbrust, die an einer Fernsehkamera montiert war und deren Zielvorrichtung im Fernsehbild zu sehen war, schossen vier Saalkandidaten und vier Fernsehzuschauer, die per Telefon zugeschaltet waren, mit Hilfe von verbalen Anweisungen wie auf ein Ziel.

Thomas Gottschalk begann 1977 seine Fernsehkarriere mit der Sendung Telespiele. Prominente Gäste, Studiozuschauer und per Telefon zugeschaltete Fernsehzuschauer hatten hier durch das Erzeugen von Geräuschen die Spielfiguren in Videospielen wie Ping-Pong oder Autorennen zu steuern.

Das Konzept des goldenen Schusses wurde 1978 noch einmal von der ARD in der Sendung Der Superschuss aufgenommen. Im Mittelpunkt des Sendekonzepts stand hier das Elfmeterschießen mittels einer Fußball-maschine gegen einen prominenten Torwart.

Im Jahre 1992 ermöglichte eine Gemeinschaftsproduktion von ARD und ZDF dem Zuschauer, die Wahl der Perspektive eines Fernsehfilms selber auszuwählen. Am 15. Dezember strahlten die beiden Sender zeitgleich den Krimi Mörderische Entscheidung – Umschalten erwünscht aus. Dabei wurde in der ARD die Handlung aus der Sicht der Hauptdarstellerin gezeigt, während das ZDF die des männlichen Gegenparts anbot. Lange Kameraeinstellungen am Ende verschiedener Episoden sollten die Umschaltbereitschaft der Zuschauer unterstützen.

Der Erfolg dieses Experiments ist jedoch umstritten. Während sich die Zuschauer durch die individuelle Wahl der Perspektive einerseits offenbar stärker in das Geschehen hineingezogen fühlten und die größeren Identifikations-möglichkeiten schätzten, wurde andererseits beobachtet, dass Zuschauer aus Angst, etwas zu versäumen, so oft hin und herschalteten, bis sie den Handlungsverlauf aus den Augen verloren hatten und schließlich das Interesse verloren. Seither hat es in Deutschland nur noch sporadische Versuche gegeben, die Zuschauer interaktiv in den Verlauf einer Geschichte mit einzubeziehen.[7]

[...]


[1] Beckert, B. Interaktives Fernsehen im Kontext staatlicher Programme für die Informationsgesellschaft. (Abdruck der Dissertation in der Datenbank der Hessischen Landes- und Hochschulbibliothek Darmstadt), München, 2001, S. 49

[2] Meyers Lexikon, 1990

[3] Müller, W. Multimedia, Interaktive Medien in Städten und Gemeinden. Düsseldorf, 1993

[4] Reinhard, U./Salmony, M. Interaktives Fernsehen – Ein Definitionsversuch. Heidelberg, 1994

[5] vgl. Schwarz, A. Utopie und Realität interaktiven Fernsehens. Ein Bericht aus der Praxis. in: montage/av, Zeitschrift für Theorie & Geschichte audiovisueller Kommunikation, 4/1/95: S.144

[6] zur Geschichte des interaktiven Fernsehens in Deutschland vgl. Schwarz, A. Utopie und Realität interaktiven Fernsehens. Ein Bericht aus der Praxis. in: montage/av, Zeitschrift für Theorie & Geschichte audiovisueller Kommunikation, 4/1/95: S.150-157; Ruhrmann, G./Nieland J.-U. Interaktives Fernsehen: Entwicklung, Dimensionen, Fragen, Thesen. Wiesbaden, 1997, S. 87ff; Hecht, R. Computervermittelte Kommunikation als demokratische Infrastruktur? Politische Information und Interaktion im Vergleich von Fernsehen und Internet: http://www.ralf-hecht.de/magister/cmc/

[7] vgl. Beckert, B. Interaktives Fernsehen im Kontext staatlicher Programme für die Informationsgesellschaft. (Abdruck der Dissertation in der Datenbank der Hessischen Landes- und Hochschulbibliothek Darmstadt), München, 2001, S. 50

Ende der Leseprobe aus 21 Seiten

Details

Titel
Interaktives Fernsehen
Hochschule
Technische Universität Darmstadt  (Institut für Soziologie)
Veranstaltung
Seminar: Geschichte und Theorie des Fernsehens
Note
1,3
Autor
Jahr
2003
Seiten
21
Katalognummer
V28203
ISBN (eBook)
9783638300537
Dateigröße
503 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Interaktives, Fernsehen, Seminar, Geschichte, Theorie, Fernsehens
Arbeit zitieren
Michael Kaiser (Autor), 2003, Interaktives Fernsehen, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/28203

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