„Lassma Kiez sprechen, lan!" Eine linguistische Untersuchung von Kiezdeutsch


Hausarbeit, 2014

19 Seiten, Note: 1,7


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Was ist eigentlich „Kiezdeutsch“? Keine Kanak Sprak
2.1. Sprachwissenschaftliche Betrachtung des Kiezdeutschs
2.2. Die Dynamik von Kiezdeutsch im mehrsprachigen Kontext
2.3. Kiezdeutsch: Grammatische Innovationen und ihre Basis
2.4. Sprachliche Neuerungen in Kiezdeutsch
2.4.1. Wortstellung in Kiezdeutsch
2.4.2. Artikel und Pronomen
2.4.3. Neue Wörter und feste Wendungen
2.4.4. Wegfall des Werbs „sein“ 10
2.4.5. Neue Fremdwörter

3. Kiezdeutsch ist eine Mischsprache?

4. Wer spricht Kiezdeutsch?

5. Kiezdeutsch in anderen Ländern Europas

6. Ist Kiezdeutsch ein Dialekt?
6.1. Dialekte, Soziolekte, Regiolekte
6.2. Dialekt oder Standarddeutsch?
6.3. Jugendsprache, Soziolekt und Slang
6.4. Code switching, code-mixing und language crossing

7. Fazit und Ausblick

8. Literaturnachweis

1. Einleitung

Die vorliegende Arbeit müsste ich „Lassma Kiez sprechen, lan!: Eine linguistische Untersuchung von Kiezdeutsch“ nennen. Das linguistische Hauptseminar 52-149 Metaphern von Sprache bei Herrn Prof. Dr. Svend Sager im Wintersemester 2012-13, in dem sprachliche Variationen von Jugendsprachen aus verschiedenen Perspektiven beleuchtet wurden und an dem Personen mit verschiedenen zwei- und mehrsprachigen Hintergründen teilnahmen, weckte mein Interesse für das Thema der vorliegenden Seminararbeit. Aus diesem Grund beschäftige ich mich in dieser Seminararbeit ebenfalls mit der Analyse des Kiezdeutschs. Was ist eigentlich Kiezdeutsch? Wer spricht Kiezdeutsch? Kann man Kiezdeutsch als einen Dialekt akzeptieren oder ist es falsches Deutsch? Diese Hausarbeit soll als Endarbeit und Modulabschluss für das Seminar Metaphern von Sprache dienen und sie soll dazu beitragen, eine sprachwissenschaftliche Sicht auf Kiezdeutsch zu entwickeln. In der Arbeit werden die Begriffe Jugendsprache, Kiezdeutsch, Dialekt, Soziolekt, Regiolekt usw. anhand der abstrakten Beispiele diskutiert.

Was ist eigentlich Kiezdeutsch? Ist es ein Dialekt oder eine neue Art der Sprache? „Kanak-Sprak“, „Türkendeutsch“ oder „Kiezdeutsch“ sind nur drei der Begriffe, die für die Sprache jugendlicher Migranten gebraucht werden. Diese neue Art des Dialekts kann als „krass reden“ oder „Kiezsprache von den Jugendlichen“ benannt werden“. „Kiezdeutsch“ kann als ein sprachliches Phänomen in der Sprachwissenschaft akzeptiert werden, welches sich vor allem in Megastädten mit vielen verschiedenen Einwanderergruppen etabliert hat. Außerdem ist an Kiezdeutsch interessant, dass nicht nur die jungen Migranten diese Sprache gebrauchen, sondern auch die deutschen Freunde aus ihrer unmittelbaren Umgebung. Diese deutschen Jugendlichen beherrschen neben Kiezdeutsch durchaus die standardsprachlichen Varietäten des Deutschen. Ähnliche Jugendsprachen gibt es auch in anderen Ländern von Europa wie in Schweden, in Dänemark und in den Niederlanden. In Kiezdeutsch sieht man sprachliche Kreativität, mit anderem Wort “Neuerungen“, und „grammatische Innovation“. Die Jugendlichen, die Kiezdeutsch sprechen, verwenden beispielsweise eine Reihe neuer Fremdwörter aus dem Türkischen, Arabischen oder Russischen, die die Standardsprache nicht hat. Diese Wörter stammen in der Regel aus den Herkunftssprachen der jugendlichen Sprecher/innen des Kiezdeutschs. Beispielsweise lan aus dem Türkischen, abu aus dem Arabischen usw.

Diese Hausarbeit mit dem Titel „Lassma Kiez sprechn lan!: Eine linguistische Untersuchung von Kiezdeutsch“ – eine grammatische und linguistische Untersuchung zu Kiezdeutsch – untersucht auf der Basis eines Korpus gesprochener Sprache von Jugendlichen verschiedene grammatische und pragmatische Besonderheiten ihrer Sprache („Kiez-Sprache“).

2. Was ist eigentlich „Kiezdeutsch“? Keine Kanak Sprak

<Wallah, hab ich ihn gesehen lan! ischwöre!>“, „<Lassma Kino gehn, lan!>“, „<Musstu Doppelstunde fahrn>“, „<Lassma Jungfernstieg aussteigen>“. Diese Art zu sprechen ist in den letzten Jahren unter den Jugendlichen in Deutschland, besonders in den größten Städten, immer öfter zu beobachten. Diese Art des Deutschen wird „Türkendeutsch“, „Kanak Sprak“ oder meistens „Kiezdeutsch“ genannt. Kiezdeutsch wird häufig von den Jugendlichen mit Migrationshintergrund gesprochen. Können diese Jugendlichen, die Kiezdeutsch in großen Städten sprechen, nicht richtig Deutsch? Wieso haben sie eine große Tendenz, diese Sprache zu sprechen? Heike Wiese wollte uns in ihrem Buch zeigen, dass Kiezdeutsch ein neuer Dialekt im Deutschen ist. Jetzt möchte ich einen Abschnitt dazu aus dem Buch von Heike Wiese zitieren.

In diesem Buch will ich Ihnen zeigen, dass es hier nicht um einen Sprachmangel geht, sondern dass wir Zeuge einer faszinierenden neuen Entwicklung in unserer Sprache werden: der Entstehung eines neuen deutschen Dialekts. Ich will Ihnen zeigen, dass der Sprachgebrauch, der hier illustriert ist, nicht einfach <falsches Deutsch> ist, sondern eine eigene Dialektgrammatik bildet. Mit anderen Worten: Hinter den Besonderheiten, die wir hier finden, steckt ein System. Sie sind keine willkürlichen Fehler, sondern weisen auf systematische, in sich schlüssige sprachliche Entwicklungen[1].

Im folgenden Gesprächsausschnitt findet man ganz verschiedene Konstruktionen bei Kiezdeutsch aus dem Standarddeutsch. In diesem Gespräch sprechen zwei junge Frauen mit türkischem Migrationshintergund in Berlin-Kreuzberg miteinander.

Seda: Isch bin eigentlisch mit meiner Figur zufrieden und so, nur isch muss bisschen hier abnehmen, ein bisschen noch da.

Dilay: So bisschen, ja, isch auch.

Seda: Teilweise so für Bikinifügur und so, weißt doch so.

[...]

Dilay: Isch hab von allein irgendwie abgenommen. Isch weiß auch nisch, wie. Aber dis is so, weißt doch, wenn wir umziehen so, isch hab keine Zeit, zu essen, keine Zeit zu gar nix. [...]

Heute muss isch wieder Solarium gehen[2].“

In dem Gespräch sieht man das Personalpronomen „isch“ auf den ersten Blick in der ganz anderen Aussprache. Bei der geschriebenen Sprache spricht man normalerweise dieses Pronomen als „ich“ aus. Die Kiezdeutsch sprechenden Jugendlichen sprechen aber im Allgemeinen „ich“ als „isch“ bei der gesprochenen Sprache aus. In der Verwendung von manchen Nomen – wie wir in den Beispielsätzen sehen – bevorzugen sie Nomen ohne Artikel (für Bikinifigur, Solarium gehen). Nach diesen einführenden Beispielen möchte ich hier noch einmal die Definition von Heike Wiese für Kiezdeutsch zitieren.

Kiezdeutsch ist ein Sprachgebrauch im Deutschen, der sich unter Jugendlichen in Wohnvierteln wie Berlin-Kreuzberg entwickelt hat, in denen viele mehrsprachige Sprecher/innen leben – und die Ausschnitte,[...], stammen auch alle aus Gesprächen unter Kreuzberger Jugendlichen[3].“

Natürlich ist Kiezdeutsch nicht auf Kreuzberg beschränkt, Jugendliche sprechen diesen neu entwickelten Dialekt in multiethnischen Wohngebieten in Deutschland, wo Menschen mit unterschiedlicher Herkunft zusammenleben. Das bedeutet, dass Kiezdeutsch als eine informelle, alltagssprachliche Form des Deutschen zu akzeptieren ist. Man kann gerne sagen, dass Kiezdeutsch Deutsch ist.

Kiezdeutsch ist jedoch nichts Exotisches oder Fremdes, sondern ist ein deutscher Dialekt mit hohem Wiedererkennungswert“ (Wiese, Heike (2012): S.15)

Das habe ich im vorigen Satz gemeint. Die sprachlichen Eigenheiten von Kiezdeutsch können nicht getrennt vom System der deutschen Grammatik analysiert werden. Wenn man eine sprachliche Einheit in Kiezdeutsch sieht, wäre es auch möglich, dass man diese Einheit im Standarddeutsch sehen kann. Heike Wiese verwendet einen anderen Begriff für Kiezdeutsch und sie nennt Kiezdeutsch als „ Turbodialekt “ in ihrem Buch:

Das Besondere an Kiezdeutsch ist der Aspekt, der es zu einem so spannenden deutschen Dialekt macht, dass es sehr viel dynamischer ist als andere Dialekte. Kiezdeutsch kann man sich als eine Art <Turbodialekt> vorstellen, in dem wir Sprachentwicklung wie im Zeitraffer beobachten können.“ (Wiese, Heike (2012): S.17)

Im nächsten Kapitel werde ich mich mit den sprachlichen Merkmalen des Kiezdeutschs beschäftigen.

2.1. Sprachwissenschaftliche Betrachtung des Kiezdeutschs

In diesem Teil beschäftige ich mich mit Kiezdeutsch als sprachliches Phänomen. Ich tue dies in Form einer sprachwissenschaftlichen Betrachtung. Neue grammatische Eigenschaften werden natürlich aus den Kontaktsprachen ins Kiezdeutsch transferiert werden. Wenn man besonders auf Kiezdeutsch achtet, kann man neue Wörter, neue Wendungen oder ein neues grammatisches System in Kiezdeutsch sehen. Heutzutage diskutieren die Linguisten häufig über Kiezdeutsch und sein eigenes Sprachsystem. Manche Linguisten akzeptieren diesen neuen Sprachgebrauch als „Dialekt“, aber manche akzeptieren ihn nicht. Im folgenden Kapiteln fokussiere ich mich auf die grammatischen Innovationen des Kiezdeutschs.

2.2. Die Dynamik von Kiezdeutsch im mehrsprachigen Kontext

Kiezdeutsch ist für mich ein neuer Dialekt, der eigene neue sprachliche Variationen hat. In diesem Sinne wird Variation als ein natürlicher Bestandteil von Sprachen akzeptiert. Heike Wiese definiert die Beziehung zwischen Variation und Sprache in ihrem Buch und sagt dazu:

Sprachen sind nicht starre, einmal festgeschriebene und unveränderliche Regelwerke, sondern Systeme, die im und durch den Gebrauch einer Sprechergemeinschaft und durch diesen leben und sich daher mit Variationen dieses Gebrauchs auch verändern[4].“

Man sieht aber diese Veränderungen bei den Sprachen durch Entstehung neuer Stile, Register, im engeren Sinne wegen der Entstehung neuer Wörter. In diesem Zusammenhang ist für mich Kiezdeutsch ein neuer Dialekt mit seinen typischen und regelhaften Einheiten. Jede lebendige Sprache verändert sich an einem Tag in der Zukunft. Neue Wörter oder Wendungen kommen in ihren Wortschatz. Wegen dieser neuen Wörter oder Wendungen wird sich diese Sprache vollständig in der Zukunft in allen Bereichen der Grammatik verändern. Lautstrukturen dieser Sprache verändern sich natürlich, manche Wörter verlieren ihre Bedeutungen und es kommen neue Endungen zu Wörtern und andere entfallen. Neben diesen Veränderungen sieht man bei Kiezdeutsch, dass die Sprecher/innen von Kiezdeutsch neben dem Deutschen noch eine oder sogar mehrere andere Sprache fließend beherrschen. Diese Sprecher/innen sprechen Kiezdeutsch mit ihren Freundinnen und andererseits sprechen sie zum Beispiel Russisch oder Türkisch mit ihrem Großvater oder ihrer Großmutter. Ein Jugendlicher, der in Deutschland lebt, kann mit der Hilfe des Kiezdeutschs ein paar Wörter oder Sätze vom Türkischen oder Arabischen lernen und sprechen. Ich möchte jetzt ein Beispiel für eine Neuerung von Kiezdeutsch im lautlichen Bereich veranschaulichen. Die Silbe [r] tritt in Kiezdeutsch manchmal am Silbenende in Wörtern wie Tor oder lecker auf, die man im Standarddeutschen stattdessen ungefähr als <Toa> und <leckea>/<lecka> mit einem verschliffenen <a>- Laut [ɐ] am Ende aussprechen würde. Die Jugendlichen, die in Deutschland geboren sind, sprechen sehr vorherrschend Kiezdeutsch. Diese Jugendlichen verändern die lautlichen Besonderheiten von Kiezdeutsch, wenn sie Kiezdeutsch sprechen möchten. Zum Beispiel der Gebrauch von [s] statt [ts] am Wortanfang: Sie sprechen beispielsweise <Swerg> statt <Zwerg> aus. Hierzu gehört auch die bekannte Ausspracheveränderung vom Typ < isch schwöre mich>, also die Ersetzung des sogenannten <ich> - Lautes ch durch sch bzw. Im lautlichen Bereich von Kiezdeutsch gibt es auch viele starke Einflüsse der anderen Fremdsprachen wie aus dem Türkischen und Arabischen. Neue Fremdwörter und Wendungen sieht man typischerweise in Bereichen wie Anrede, Redebeginn oder Redeabschluss. Hier finden wir einige Beispiele für diese Wendungen.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

2.3. Kiezdeutsch: Grammatische Innovationen und ihre Basis

In diesem Teil der Arbeit geht es um grammatische Innovationen in Kiezdeutsch, also um sprachliche Neuerungen, die sich weniger im Wortschatz als im grammatischen Bereich entwickelt haben. Ich kann Grammatik als Puzzle bezeichnen, weil eine Sprache unterschiedliche sprachliche Besonderheiten hat. Die Grammatik einer Sprache könnte auch System genannt werden.

[...]


[1] Wiese Heike: Kiezdeutsch: Ein neuer Dialekt entsteht. Verlag C.H. Beck, München 2012, S.9

[2] Wiese, Heike (2012): S.9

[3] Wiese, Heike (2012): S.12

[4] Wiese, Heike (2012): S.29

Ende der Leseprobe aus 19 Seiten

Details

Titel
„Lassma Kiez sprechen, lan!" Eine linguistische Untersuchung von Kiezdeutsch
Hochschule
Universität Hamburg  (Sprache, Literatur, Medien I und II (SLM I und II))
Veranstaltung
Metaphern der Sprache
Note
1,7
Autor
Jahr
2014
Seiten
19
Katalognummer
V282491
ISBN (eBook)
9783656769644
ISBN (Buch)
9783656769699
Dateigröße
657 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
lassma, kiez, eine, untersuchung, kiezdeutsch
Arbeit zitieren
Erhan Kaya (Autor), 2014, „Lassma Kiez sprechen, lan!" Eine linguistische Untersuchung von Kiezdeutsch, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/282491

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