Geschichte und Theorie des Bilderbuches


Akademische Arbeit, 2007
21 Seiten, Note: 1,5

Leseprobe

Inhalt

1. Historisches zum Bilderbuch
1.1. Ursprünge des Bilderbuchs und das Bilderbuch in der Aufklärung
1.2. Bilderbücher in der Romantik
1.3. Die Entstehung des erzählenden Bilderbuches
1.4. Das Bilderbuch im 20. Jahrhundert
1.4.1. Bis 1939
1.4.2. 1939 - 1945
1.4.3. Nach 1945

2. Definition Bilderbuch
2.1. Abgrenzung zum illustrierten Buch
2.2. Einteilung von Bilderbüchern nach Qualitätsmerkmalen
2.3. Typologien nach Thiele (vgl. Thiele 2000b, 237)
2.3.1. Das Sachbilderbuch
2.3.2. Das problemorientierte Bilderbuch

3 Schluss: Das erzählende Bilderbuch in der Wissenschaft

4. Literaturverzeichnis (inklusive weiterführender Literatur
a) Primärliteratur
b) Sekundärliteratur

1. Historisches zum Bilderbuch

1.1. Ursprünge des Bilderbuchs und das Bilderbuch in der Aufklärung

Die ersten bebilderten Bücher erschienen kurz nach der Erfindung des Buchdruckes 1445 durch Gutenberg, jedoch waren sie nicht an Kinder adressiert, sondern an leseunkundige Erwachsene. Gedruckt wurden vor allem ABC-Bücher zum Lesenlernen, Fabelbücher und Bücher religiösen Inhalts, wie zum Beispiel Bilderbibeln.

Erst in der Mitte des 17. Jahrhunderts wurde dieses Angebot ergänzt durch illustrierte Sachbücher. Als Beispiel für ein frühes Bilderbuch ist das meist verbreitete und nachgeahmte Lehrbuch „Orbis sensualium pictus“ (1658) des tschechischen Pädagogen Jan Amos Komensky (Johann Amos Comenius) zu nennen. In 150 Kapiteln präsentiert Comenius die Welt in Wort und Bild. Das Wissen wird eingeordnet in einen größeren Zusammenhang und somit den Kindern „die ganze Welt“ dargestellt. Nach Comenius pädagogischer Vorstellung wollte er den Lesern Sinnzusammenhänge aufzeigen, man sollte die Welt als eine Ordnung begreifen. Der „Orbis sensualium pictus “ war nicht nur die erste Enzyklopädie, sondern gleichzeitig ein Lehrbuch und eine Lateinfibel. Comenius wollte durch seinen Stil die Leser mit allen Sinnen ansprechen und ihnen das Lernen vergnüglicher gestalten.

In den folgenden Jahren wurde das Werk oft kopiert. Es entstanden zahlreiche gut gemeinte Bilderbücher, die den Kindern die Welt näher bringen sollten: die illustrierten Elementarwerke von Johann Bernhard Basedow (ab 1770), Johann Sigismund Stoy (1784), Christian Gotthilf Salzmann (1785) bis hin zu Friedrich Justin Bertuchs, der sein Werk sogar ausdrücklich „Bilderbuch für Kinder“ nannte (1790-1830) und Thesen für die Erstellung eines guten Bilderbuches festhielt.

Im Zeitalter der Aufklärung (Epoche des 18. Jahrhunderts) galt das Kind als „Erziehungsobjekt, das auf die Zeit als Erwachsener vorbereitet wird“ (Richter 2001 ,5), in der Kinder- und Jugendliteratur schlugen sich dementsprechend insbesondere pädagogische Ziele nieder. In dieser Epoche konnte man erstmals von einer spezifischen Kinder- und Jugendliteratur reden. Dichter und Denker in Deutschland und Europa versuchten, dem Kind mit „kindgerechter“ Literatur zu begegnen. Die Literatur als solche gehörte sogar zu einem wichtigen Instrument der Erziehung. Diese Tendenzen und Erkenntnisse sollten aber schon bald Gegner finden.

1.2. Bilderbücher in der Romantik

Die Vertreter der Romantik (Ende des 18. Jahrhunderts bis erstes Drittel des 19. Jahrhunderts) setzten der „pädagogischen Instrumentalisierung“ das der Literatur Eigene, das Künstlerische, das Poetische und Fantastische entgegen. „Man trat nicht mehr von der moralischen, sondern von der ästhetisch-sinnlichen Seite an das Kind heran, lockte sein Interesse, seine natürliche Neugierde mit der Buntheit, der Komik oder der Sentimentalität der Bilddarstellung." (Niermann 1979, 56). Auch das Kindheitsbild der Romantik war ein ganz anderes: Kinder wurden als göttliche unschuldige Wesen gehandelt, die Kindheit wurde idealisiert. In der Frühromantik wurde kaum Kinderliteratur geschaffen, da die Frühromantiker der Meinung waren, Kinder sollten Volkspoesie rezipieren. Dies führte zu poetischen Bilderbüchern in denen Volkslieder, Kinderreime, Märchen und Gedichte illustriert worden sind. Die Spätromantiker hingegen schrieben Texte für Kinder, als Beispiel ist E.T.A. Hoffmanns „Das fremde Kind“ (1817) zu nennen, das als Märchen der neuen Kindheit gilt.

Die wachsende Schaulust in der Romantik führte zu illustrierten Büchern und zu Berufszeichnern. Die Bilder dienten überwiegend als Beigabe und Ergänzung von Massenartikeln, „die Berufszeichner arbeiteten bildnerische Standards heraus, die zum Inbegriff der leicht fassbaren, gefälligen Buchillustration wurden.“ (Thiele 2000c, 18).

In der Biedermeierzeit (1815 - 1848) gipfelte die Vorstellung vom Bilderbuch als Unterhaltungsmedium: Es entstanden unrealistische, groteske und kitschige Bilder, die sogar in Kinderenzyklopädien keine Wirklichkeit mehr darstellten.

1.3. Die Entstehung des erzählenden Bilderbuches

Erst in der folgenden Zeit entwickelten sich erzählende Bilderbücher, ihren Ursprung haben sie also im Sachbilderbuch. Als frühes Beispiel wird oft der „Struwwelpeter“ (1844) im Vergleich zum „Orbis pictus“ (1658) genannt. Der Autor, Heinrich Hoffmann, betrachtete die vorhandenen Bilderbücher als nicht angemessen für seinen Sohn und entwickelte deshalb Bildergeschichten, die bald nach ihrem Erscheinen zu internationaler Berühmtheit gelangten. Warngeschichten wie der „Struwwelpeter“ zeigen, „wie Bedürfnisse und Wünsche der Kinder mit den strengen Verhaltensnormen der bürgerlichen Gesellschaft des 19. Jahrhunderts in Konflikt geraten; Fehlverhalten wird mit drastischen und unerbittlichen Strafen geahndet.“ (Hollstein; Sonnenmoser 2006 ,12). Neben viel Beifall erntete das Buch auch nicht enden wollende Kritik, noch heute gibt es Befürworter und kategorische Ablehner. Vor allem die drastischen Strafen und Folgen der Handlungen der Kinder werden kritisiert.

In der darauf folgenden Zeit um 1900 handelten erfolgreiche Bilderbücher von den inneren Erlebniswelten der Kinder, natürlich aus Sicht der Erwachsenen, von naturhaften und paradiesischen Räumen mit Kindern und vermenschlichten Tieren. Dieses extrem Künstliche wurde als besondere Nähe zur Psyche des Kindes erklärt.

1.4. Das Bilderbuch im 20. Jahrhundert

1.4.1. Bis 1939

Das 20. Jahrhundert startete mit der pädagogischen Reformbewegung vom Kinde aus, was auch der Kinder- und Jugendliteratur zu Gute kam. „Die frühen Bilderbücher aus den Anfängen des letzten Jahrhunderts ließen durchaus schon ambivalente, mehrschichtige Lesarten zu, gaben aber noch die pädagogische Richtung für das (...) Kind vor.“ (Thiele 2004, 13).

Als Beispiel für den Einfluss von aktuellen Strömungen des 20. Jahrhunderts ist „Etwas von den Wurzelkindern“ (1906) von Sybille von Olfers zu nennen, das sich dem Jugendstil zuordnen lässt. Der Jugendstil (Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert) wollte Kunst und Leben vereinen. In Bilderbüchern wurde Kindern ferne, künstliche Lebenswelten gezeigt (vgl. Thiele 2000b, 234 ff).

Gleichzeitig herrschte in der Kinder- und Jugendliteratur auch eine neue Themenvielfalt: soziale Ungerechtigkeit, der erste Weltkrieg und andere Themen aus dem Erfahrungshorizont der Kinder wurden erstmals thematisiert, jedoch ohne großen Erfolg in den Buchläden.

Allerdings gibt es auch zahlreiche Belege dafür, dass sich der Bilderbuchmarkt gerne von Strömungen abschottet und konservativ bleibt. Als Paradebeispiel gilt „Die Häschenschule“ (1924) von Fritz Koch-Gotha und Albert Sixtus. Der Leser erlebt den Schulalltag von Hasenkindern mit: Mutter verabschieden, Schulweg, Morgengebet zu Schulbeginn, Pflanzenkunde, Tiergeschichte und Eier bemalen. Der strenge Lehrer begleitet die Schüler in den Sportunterricht, in den Schulgarten und in die Musikstunde bis die Hasenschüler wieder nach Hause gehen und dort mit der Familie zu Mittag essen. Der Alltag einer kleinbürgerlichen Familie aus den 20er Jahren wird hier auf Hasen transformiert und das Reimschema unterstreicht das eingängige Thema. Die Tatsachen, dass es sich um eine monoszenische Bildfolge und eine auktorial erzählte Ebene handelt, wobei die Bilder dem Erzählten deutlich unterliegen, prägen den konservativen Charakter. Auch wenn das Bilderbuch doppelsinnige Elemente aufweist, die nur den erwachsenen Leser schmunzeln lassen, wie zum Beispiel die Figur des typischen Lehrers, der nicht immer die besten Manieren hat, ist es in seiner Gesamtwirkung jedoch sehr konservativ. Vor allem das klare Rollenverhalten von Vater und Mutter und die Dominanz des männlichen Geschlechts war häufig Grundlage dafür, dass das Buch „zum beliebtesten Prügelknaben vieler Kinderbuchkritiker“ (Bode 1995, 76) wurde. Trotzdem zählen meist solche konservativen und klassischen Werke wie die Häschen-Schule zu den großen Klassikern des Bilderbuchmarktes, die jeder kennt, jeder verschenkt und als typisches Bilderbuch versteht.

Auch auf der bildlichen Ebene war in den meisten Bilderbüchern eine klare Linie gefordert: Details, klare Umrisse und Formen, eindeutige Farben und Verzicht auf räumliche Darstellungen sollten mit „Rücksicht“ auf das Kind ein Bilderbuch prägen. Malerei in Bilderbüchern war verpönt, da sie für Kinder angeblich unklar war und sie ablenkte (vgl. Thiele 1997, 150). Hinter diesen Forderungen nach „kindgerechten“ Bildern steckte die Annahme, dass Kinder einen Mangel in der Fähigkeit, Bilder wahrzunehmen, haben. Diese Erfindung der Erwachsenen beherrscht leider noch heute die Produktion, Kritik und Rezeption von Bilderbüchern (vgl. Thiele 1997, 151).

1.4.2. 1939 - 1945

Während des NS-Systems fand, wie in allen Bereichen der Literatur, eine Zensur statt, die viele Bücher verbot und die so genannte „NS-Literatur“ etablierte. Bilderbücher von Elvira Bauer oder Ernst Hiemer sind Beispiele für dieses dunkle Kapitel der Bilderbuch-Geschichte. Wie schon die Titel verraten („Trau keinem Fuchs auf grüner Heid und keinem Jud bei seinem Eid“ aus dem Jahr 1936 und „Der Giftpilz“ von 1938), wurde hier versucht, die Juden zu verteufeln und gleichzeitig die Deutschen zu verherrlichen. Die Wirkung solch rassistischer Bücher ist nur schwer auszumachen, jedoch spricht es für sich, dass Elvira Bauer selbst nur 18 Jahre alt war, als sie die rassistischen Bilder und Texte schuf.

[...]

Ende der Leseprobe aus 21 Seiten

Details

Titel
Geschichte und Theorie des Bilderbuches
Hochschule
Pädagogische Hochschule Heidelberg
Note
1,5
Autor
Jahr
2007
Seiten
21
Katalognummer
V282572
ISBN (eBook)
9783656770398
ISBN (Buch)
9783668139794
Dateigröße
423 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
geschichte, theorie, bilderbuches
Arbeit zitieren
Theresa Linnéa Müller (Autor), 2007, Geschichte und Theorie des Bilderbuches, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/282572

Kommentare

  • Noch keine Kommentare.
Im eBook lesen
Titel: Geschichte und Theorie des Bilderbuches


Ihre Arbeit hochladen

Ihre Hausarbeit / Abschlussarbeit:

- Publikation als eBook und Buch
- Hohes Honorar auf die Verkäufe
- Für Sie komplett kostenlos – mit ISBN
- Es dauert nur 5 Minuten
- Jede Arbeit findet Leser

Kostenlos Autor werden