(Anti-)Rassismus in Kinder- und Jugendliteratur


Hausarbeit (Hauptseminar), 2010

20 Seiten, Note: 1,3


Leseprobe

INHALT

1 .Einleitung

2. Identität als Selbst- und Fremdkonstruktion

3. Rasse und Rassismusdiskurs

4. Antirassismus als Gegenkonzept zum Rassismus?

5. Das Fremde als literarisches Mittel

6. (Anti-)rassistische Kinder- und Jugendliteratur
- Die Geschichte von den schwarzen Buben
- Harry Potter

7. Fazit

Literaturverzeichnis

1. Einleitung

„Alle Menschen sind frei und gleich an Würde und Rechten geboren.[]“ (vgl. UN- Charta 1948), wurde am 10 Dezember 1948 in der Generalversammlung der Vereinten Nationen in Paris verkündet Die Artikel der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte von 1948 aller UN- Mitgliedsstaaten sichern jedem Menschen dieser Welt die gleichen Grundrechte zu.

Der Umstand, dass nach der Katastrophe des Zweiten Weltkriegs und der Shoah der Nationalsozialisten, die Menschenrechte durch die UNO- Vollversammlung deklariert wurden, hat seine Begründung auch darin, dass Menschenrechte bis dato .immer wieder übergangen wurden.

Doch Rassismus, Fanatismus und Genozid sind keine rein historischen Ereignisse, sondern aktuell relevant.

Auch der Begriff ‚Rasse’, der in Artikel 2 der Charta der Menschenrechte die Unterscheidung von Menschen auf Grund biologischer Merkmale vornimmt und somit eine angebliche Beseitigung der ‚Rassekategorien’ unterläuft, zeugt davon, dass Rassifizierung auf institutioneller Ebene genau wie im sozialen Sektor existent ist.

In unserer weißen ‚toleranten’ Mehrheitsgesellschaft sind wir stets bemüht akzeptierend, nicht rassistisch zu sein und ‚Fremde’ zu integrieren. Menschen mit Migrationshintergrund gehören inzwischen selbstverständlich zu unserer Lebenswelt. Dennoch haben laut gängigen Tageszeitungen zwei dreiundzwanzigjährige ‚Albaner, Türken, Marokkaner etc.’ einen Kiosk überfallen. Auch alltägliche Begegnungen und Situationen wie die ‚polnische’ Putzfrau in der Schule, die vor zwanzig Jahren als Diplomingenieurin nach Deutschland kam, oder der ‚namibische’ Toilettenmann bei MC Donalds, der sich sein Leben in Deutschland anders vorgestellt hat, zeigen wie gängige Klischees und strukturelle sowie institutionelle Rassismen unaufgebrochen gelebt und weitergegeben und reproduziert werden.

Ziel dieser Arbeit ist eine kritische Auseinadersetzung mit Rassismus reproduzierenden Konzepten und deren Integration in Kinder- und Jugendliteratur.

Im Folgenden wird auf Identitätskonstruktion durch Projektion und Anerkennung eines ‚Anderen’ eingegangen und wie sich aus dieser Abgrenzung mangels Reflexion Rassismen bilden können. Des weiteren werden die Probleme die sich aus Antirassismus als Gegenentwurf zu Rassismus ergeben angesprochen. Zusätzlich wird das ‚Fremde’ als literarisches Mittel angesprochen und im Bezug auf Kinder- und Jugendliteratur beleuchtet. Im Anschluss soll anhand scheinbar antirassistischer bzw. rassismuskritischer Kinder- und Jugendliteratur („Harry Potter“ und der wesentlich älteren „Geschichte von den schwarzen Buben“ im „Struwwelpeter“)untersucht werden, in wiefern sich Rassismen in der Literatur verstecken oder reproduziert werden. Im Fazit wird etwaige Kritik zusammengefasst und die Arbeit mit einem allgemeinen Anspruch an Kinder- und Jugendliteratur vollendet.

2. Identität als Selbst- und Fremdkonstruktion

Der Mensch stellt sich sein Gegenüber und dessen Erwartungen auf Basis seiner eigenen Erfahrungen vor und handelt dementsprechend. Da dem Menschen nie das gegenüber als Ganzes erscheint, er also stets nur Teile des Anderen erkennen und verstehen kann, muss er die fehlenden Teile durch bekannte Stereotypen ergänzen. So projiziert er eigene Sichtweisen und Erfahrungen auf sein Gegenüber und nutzt für alles Unbekannte und Neue konsensuelle Klischees. Werden die Eigenschaften auf Gruppen von Minoritäten angewendet und somit generalisiert, handelt es sich um Rassismus (vgl. Linzer 2009, S. 41).

Stuart Hall, weist darauf hin, dass alle Begriffe dir wir uns von Dingen bilden diesen nicht natürlich inhärent sind, sondern lediglich unsere abstrakten Gebilde und Entwürfe von dem, was uns begegnet. Diese Skizzen sind geprägt durch das kulturelle Umfeld der Individuen. Zusätzlich zu dem was dem Menschen unmittelbar begegnet, werden auch Vorstellungen von Gegenstandlosem, wie Fremdsein gebildet (vgl. Hall 1997, S. 21-4).

So konstruiert der Mensch die Bilder seiner Wirklichkeit selbst dadurch, dass er sich Stereotypen bedient um Unbekanntes zu verstehen und einem Gegenüber zu begegnen und sich zusätzlich Konzepte bzw. Begriffe davon bildet.

Auch Adorno und Horkheimer verstehen als Wahrnehmung immer auch eine Projektion eigener Eigenschaften auf das Andere, um ihm handelnd gegenübertreten zu können, das heißt ihm zu begegnen (vgl. Adorno,/ Horkheimer 1969, S. 78).

Diese Wahrnehmung muss aber auch immer einer Reflexion unterzogen werden, das heißt um den Anderen in seiner Ganzheit wahrzunehmen bzw. verstehen zu wollen muss das Individuum sich dem bewusst sein. Fehlt dieses Bewusstsein, werden im schlimmsten Fall alle negativen Merkmale und Gefühle auf den Anderen projiziert. Oder wie Adorno und Horkheimer es ausdrücken: “Die Störung liegt in der mangelnden Unterscheidung des Subjekts zwischen dem eigenen und fremden Anteil am projizierten Material.“( ebd. 1969, S. 78)

Die Gefahr an dieser ‚bewusstlosen’ Projektion liegt besonders in einer, von der Mehrheit ausgehenden, Verallgemeinerung und somit einer Demütigung von Minoritäten als different und widernatürlich (vgl. Linzer 2009, S. 42f)

Trotz der Gefahr die sich also in der Projektion und der Gegenüberstellung verbirgt, ist sie dennoch unausweichlich für die Konstruktion der eigenen Identität. In der Interaktion mit dem Anderen bildet sich das Selbst, denn Identität ist aus sozialkonstruktivistischer Sicht keine natürliche Konstante, sondern ein vielschichtiger Prozess, der immer wieder neu verhandelt werden muss und möglicherweise Widersprüche aufweist (vgl. Linzer 2009, S.43).

So ist auch der Begriff der „kulturellen Identität“(Hall 1996), nur als eine stereotype Identitätskonstruktion zu verstehen, die verbirgt, dass es eine homogene Kultur als solche nicht gibt und versucht „Identität an einer Form von Gruppenzugehörigkeit festzumachen.[…]Es verbirgt sich häufig ein neuer Substantialismus hinter dem Verweis auf kulturelle Identität, also ob nicht auch kulturelle Praktiken sehr differenziert, regional verschieden und historisch bedingt wären.“ (Keupp u.a. 2006, S. 172). Des weiteren birgt dieser Begriff die Gefahr soziale Differenzen unter dem

Deckmantel ‚kultureller Verschiedenheit’ zu verstecken, obwohl diese „im wesentlichen auf ökonomischer Benachteiligung beruhen“ (ebd. 2006, S. 172).

Gerade in Zeiten der Globalisierung, dem Versuch eine ‚europäische Identität’ zu erschaffen und der Gegenüberstellung von entworfenen ‚fremden’ Identitäten wie einem fundamentalen Islamismus, laufen wir Gefahr uns allein über unsere Ängste und die Furcht vor Unbekanntem ein Gegenüber zu erschaffen, das es als solches gar nicht gibt. Ein so konstruiertes essentialistisches Identitätskonzept führt im Zusammenhang mit Macht zu der Gefahr Rassismen zu begünstigen(vgl. Linzer 2009, S. 44).

3. Rasse und Rassismus

Die Klassifizierung von Menschen durch den Rassebegriff ist kein rein nationalsozialistisches Phänomen, sondern eines allgemeiner rassistischer Ideologie, die ‚kulturelle’ oder religiöse Unterschiede biologisiert. Auch wird das äußere Erscheinungsbild, die Herkunft oder Religion als Indiz für Charakter oder Intelligenz verwendet obwohl sich der der Begriff der Rasse biologisch nur auf „genetische Merkmalsunterscheide innerhalb einer Tierart“ (Linzer 2009, S. 53) anwenden lässt.

Allgemein wird der Rassebegriff wird sowohl zur „positiven Selbstdefinition als auch zur negativen Fremddefinition“ verwendet. Der Gebrauch der bewerteten Differenzierung bildet Rassismus, der als „komplexes gesellschaftliches Phänomen“ bereits im 19Jahrhundert entstanden ist (vgl. ebd. 2009, S. 54).

So werden Rassenmerkmale und Klassifikationen gebildet, die die eigenen körperlichen Merkmale positiv und die davon abweichenden Merkmale negativ bewerten und mit „[…]moralische[n], ökonomische[n] und gesellschaftliche[n] Wertvorstellungen verbinden und dazu benutzt „soziale, politische und ökonomische Praxen zu begründen, die bestimmte Gruppen vom Zugang zu materiellen oder symbolischen Ressourcen ausschließen.“(Hall 2000, S.7)

Also kann man „Rassismus [als] ein[flexibles] System der Benachteiligung und Degradierung durch Unterschiede “(Mecheril 2004, S. 187) verstehen. Nach Hall gibt es nicht nur die eine Form des Rassismus vielmehr kann man von Rassismen sprechen, die sich auch in ihrer Auswirkung unterscheiden, seien es nun die geistige Einstellungen, tätliche Übergriffe oder institutioneller Rassismus(vgl. Hall 1994.S.128f).

Wie bereits erwähnt, handelt der Mensch sein Selbst und seine Identität immer in Auseinandersetzung mit dem Gegenüber aus. Zur Konstruktion des Selbst gehört immer auch die Konstruktion des ‚Anderen’.

E.W. Said geht in seinem Buch „Orientalismus“ auf dieses Phänomen ein, in dem er beschreibt wie der „Orient“ als das Andere, dem „Okzident“ gegenüberstehende konstruiert wurde und somit zwei verschiedene Welten geschaffen wurden die als reine menschliche Konstruktionen existieren (vgl. Said 2009 S.14ff).

Bereits Buber führt in seiner Schrift „Elemente des Zwischenmenschlichen“ an, wie wichtig die Präsenz und die eigene Gegenwart im ‚Anderen’ ist (vgl Buber 1997, S.296-298). Dieses sich- in- Beziehung zum signifikanten ‚Anderen’ setzen, gehört also zur Basis „gelungener Identität“ (Keupp u.a. 2006, S.273ff). Dennoch muss sich der Mensch dieser Abhängigkeit und der Konstruiertheit bewusst sein und immer wieder reflektieren.

Denn auch „Rassismus kann […]als eine Praxis der Selbstpositionierung bezeichnet werden.“(Mecheril 2004, S.187) Rassisten aber projizieren ihre Ängste und Klischeevorstellungen und auch eigene Unzulänglichkeiten auf das Gegenüber und setzen es somit herab (vgl. Linzer 2009, S.59).

Diese „Rassismen von außen“ als Projektionen der Majorität auf eine Minorität begünstigen dann auch den „Rassismus von innen“ in dem sich Mitglieder der Minorität selbst der Diskriminierung unterwerfen und Rassismen annehmen (vgl. Hall 1994, S. 135).

So ist Rassismus das Nicht- wahrhaben- wollen, dass sich unser Selbst aus einer Symbiose mit dem ‚Anderen’ bildet, die Angst davor dass dieser ‚Andere’ ein Teil von uns ist.

Rassismus ist ein Phänomen, das alle betrifft. Niemand ist frei davon, denn ,,er ist Teil unserer Selbstdefinition, unserer Definition, zu welcher Gemeinschaft wir gehören und welches die Zukunft und das Schicksal unserer Kultur sein wird.“(Hall 2000, S.16)

[...]

Ende der Leseprobe aus 20 Seiten

Details

Titel
(Anti-)Rassismus in Kinder- und Jugendliteratur
Hochschule
Universität zu Köln  (Institut für Vergleichende Bildungsforschung und Politikwissenschaft)
Veranstaltung
Rassismuskritik und antirassistische Bildung
Note
1,3
Autor
Jahr
2010
Seiten
20
Katalognummer
V282800
ISBN (eBook)
9783656819097
ISBN (Buch)
9783656819103
Dateigröße
494 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Rassismus, Rassismuskrikik, Antirassistische Bildung, unterkulturelle Bildung, Literatur
Arbeit zitieren
Rea Ost (Autor), 2010, (Anti-)Rassismus in Kinder- und Jugendliteratur, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/282800

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