Varietätenlinguistik. Das Französische in Québec


Hausarbeit, 2012
16 Seiten, Note: 2,0

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Geschichtlicher Hintergrund

3. Linguistische Analyse des québecois
3.1 Phonetik
3.2 Morphologie
3.3 Syntax
3.4 Lexik
3.5 Anglizismen

4. Sprachgesetzgebung

5. Sprachnorm und Sprachqualität im Radio und im Fernsehen

6. Schluss

7. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Wer hierzulande an Kanada denkt, hat meist das Bild eines weitläufigen, naturgewaltigen Staates vor Augen, der sich mit den Vereinigten Staaten von Amerika nicht nur die längste gemeinsame Grenze der Welt teilt, sondern auch die gleiche Sprache: Englisch. Dieses Bild ist jedoch nicht ganz vollständig, da es in Kanada, wie auch in den USA, französischsprachige Minderheiten gibt. Die wohl bekannteste kanadische und französischsprachige Provinz ist Québec. Sie ist fünfmal größer als Deutschland und ihre alleinige Amtssprache ist das Französische (vgl. Kolboom, S. 7). Im Jahr 2006 erfolgte die Anerkennung durch den kanadischen Bundesstaat als „Nation innerhalb eines geeinten Kanadas“ (vgl. Kolboom, S. 7). Das heutige Kanada besteht aus insgesamt zehn Provinzen, die alle über die eigene Staatlichkeit verfügen (vgl. Kolboom, S. 9). Innerhalb dieser Provinzen gibt es weitere frankophone Minderheiten, so zum Beispiel in Ontario, Neufundland, Neubraunschweig, Neuschottland, Westkanada und auf der Prinz-Eduard-Insel. Jedoch sprechen die einzelnen Minderheiten unterschiedliches Französisch, das heißt in Québec, Ontario und Westkanada ist das Quebecer Französisch vertreten, in Neubraunschweig, Neuschottland und auf der Prinz-Eduard-Insel das akadische Französisch und in Neufundland das Neufundländische (vgl. Kolboom, S. 7ff).

In meiner nachfolgenden Seminararbeit möchte ich mich mit dem Französischen in Québec auseinander setzen. Dazu werde ich als erstes knapp die Geschichte Québecs behandeln und dann zur linguistischen Analyse des québécois überleiten. Dabei werde ich dessen Phonetik, Morphologie, Syntax und Lexik genauer betrachten, um dann meinen Fokus auf die Anglizismen und ihre Wirkung zu richten. Danach gehe ich zur Sprachgesetzgebung über und setze mich mit der Entwicklung des Französischen zur offiziellen Sprache auseinander. Zu guter Letzt spanne ich den Bogen zur Sprachnorm und Sprachqualität im Radio und im Fernsehen und werde zum Schluss eine kurze Zusammenfassung geben.

2. Geschichtlicher Hintergrund

Bevor Kanada von den ersten Europäern entdeckt wurde, siedelten verschiedene Indianerstämme und Inuit auf dem Kontinent. Im Jahr 1534 landete Jacques Cartier als erster europäischer Entdecker an der Küste von Gaspé und entdeckte somit den Sankt-Lorenz Strom (vgl. mit der offiziellen Tourismus-Webseite der Regierung von Québec). 1608 landete Samuel de Champlain am Nordufer des Sankt-Lorenz Stromes, der sich an dieser Stelle verengte und deshalb von den Ureinwohnern „Kébec“ genannt wurde (vgl. ebenda). Noch im selben Jahr gründete de Champlain die Stadt „Québec“, welche zur Hauptstadt der Kolonie Neufrankreich wurde (vgl. Webseite dem gouvernement du Québec). In den folgenden Jahren entwickelte sich ein gutes Zusammenleben mit den Ureinwohnern. Die neuen Siedler betrieben mit ihnen Handel und Missionare lernten in ihrem Versuch, die Indianer zu bekehren, deren Bräuche und Sprache besser kennen (vgl. Frenette, S. 18). Durch die Hilfe der Stämme und deren geographischen Kenntnisse konnte der Kontinent weiter erforscht werden (vgl. Frenette, S. 18f). 1754 bis 1762 kam es zum Siebenjährigen Krieg, in dem Großbritannien und Frankreich, jeweils unterstützt durch verbündete Indianerstämme, um die Vorherrschaft in Nordamerika kämpften. Frankreich erliegt 1759 schließlich den britischen Truppen in der Schlacht auf der Abraham-Ebene (vgl. mit der offiziellen Tourismus-Webseite der Regierung von Québec). Im Pariser Frieden von 1763 wird Neufrankreich an Großbritannien abgetreten (vgl. Webseite dem gouvernement du Québec). Es kommt zu einer massiven Einwanderungswelle von Engländern, Schotten und Iren und die Kolonie wird in Provinz Québec umbenannt (vgl. mit der offiziellen Tourismus-Webseite der Regierung von Québec). Die neue Regierung versucht die Quebecer zu assimilieren, scheitert jedoch und es kommt zum Acte de Québec (vgl. Webseite des gouvernement du Québec). Diese Akte ermöglicht den Quebecern seit 1774 den Gebrauch der französischen Sprache, die Ausübung der katholischen Religion und das französische Privatrecht in Québec (vgl. ebenda). 1791 wird der Acte constitutionnel du Canada beschlossen, der Kanada in ein englischsprachiges Oberkanada und ein frankophones Niederkanada einteilt (vgl. ebenda). In den darauf folgenden Jahren kommt es zu einem Verfassungskonflikt um eine liberale Verfassung in Niederkanada, der sich zu einer Rebellion gegen die britische Herrschaft ausweitet (vgl. mit der offiziellen Tourismus-Webseite der Regierung von Québec). Diese Rebellion gipfelt schließlich im Acte de l’Amérique du Nord britannique und es entsteht 1867 die kanadische Föderation (vgl. Webseite des gouvernement du Québec). Bis zu Beginn des 20. Jahrhunderts ist Québec geprägt von Land- und Forstwirtschaft (vgl. mit der offiziellen Tourismus-Webseite der Regierung von Québec). Die einsetzende Verstädterung und Industrialisierung führte 1960 zur Stillen Revolution, die eine umfassende Modernisierung im Gesundheitswesen, der Sozialpolitik, der Bildung und der Wirtschaft mit sich brachte (vgl. Webseite des gouvernement du Québec). Seit 1974 ist Französisch die offizielle Amtssprache und dennoch lehnen die Bürger immer wieder eine völlige Unabhängigkeit von Kanada ab (siehe ebenda).

3. Linguistische Analyse des québecois

Im Frankreich des 17. Jahrhunderts sprachen gerade mal 20 % der damaligen Bevölkerung standardisiertes Französisch. Als das Französische nun als kolonisierende Sprache in die neue Welt gebracht wurde, hatten die Auswanderer Verständigungsschwierigkeiten, da sie viele verschiedene Dialekte sprachen (vgl. Hewson, S. 8). Folglich wurden alle Formen zu einer einzigen Norm „zusammengeschmolzen“ und man bediente sich des Standardfranzösisch (siehe ebenda). Das Ergebnis dieser Prozession war, dass sich das Standardfranzösisch viel eher in Kanada verbreitete als in Frankreich selbst (siehe ebenda). Die Besonderheit des kanadischen Französisch im Vergleich zum europäischen Standard liegt nun darin, dass beide unterschiedliche Entwicklungen nahmen (vgl. Hoerkens, S. 11). Das kanadische Französisch basiert auf der Koiné des Pariser „usage“ des 17. und der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts und bleibt durch den unterbrochenen Kontakt zum Mutterland seit 1763 auf dieser älteren Sprachstufe stehen (siehe ebenda). Dadurch sind viele Begrifflichkeiten und grammatische Strukturen veraltet. Des Weiteren erfährt das kanadische Französisch geographisch bedingte Veränderung und ist englischen Einflüssen ausgesetzt (siehe ebenda). Genauso wie in allen Gebieten mit langer Siedlungsgeschichte, entwickelten sich auch verschiedene Akzente des Französischen in Kanada, so zum Beispiel spricht man in Québec Stadt anders als in Montréal (vgl. Hewson, S. 4).

Diese Abweichungen und Unterschiede zum Mutterland wurden 150 Jahre lang als negativ bewertet und führten sogar zu sprachlichen Minderwertigkeitskomplexen (vgl. Sarcher, S. 67). Dies änderte sich erst allmählich mit der Stillen Revolution, die zu einer sprachlichen Eigenständigkeit führte (vgl. Sarcher, S. 69). Jene Eigenständigkeit schränkt jedoch die Zusammenarbeit mit Frankreich an der Sprache erheblich ein (vgl. Sarcher, S. 67).

Im Folgenden werde ich nun die Besonderheiten des québecois skizzieren und dabei speziell auf Phonetik, Morphologie, Syntax, Lexik und Anglizismen eingehen. Jedoch werde ich nur die aus meiner Sicht wichtigsten und interessantesten Aspekte ansprechen.

3.1 Phonetik

Die Aussprache des Québecer Französisch ist zum Großteil sehr archaisch und orientiert sich daran, wie man in Frankreich vor der Französischen Revolution gesprochen hat, bzw. teilweise heute noch in einigen Mundarten (z.B. Nordwesten, Westen von Frankreich, Centre und Ile-de-France) spricht (vgl. Dähmlow, S. 6).

So hat man zum Beispiel die Aussprache [we] des Diphthongs oi, zum Beispiel in moi, beibehalten (vgl. Hoerkens, S. 12). Diese Aussprache wurde in Frankreich erst seit der Französischen Revolution durch [wa] abgelöst (vgl. Dähmlow, S. 6).

Auch bewahrte man die „Auslautkonsonanten“, das heißt man spricht das [t] oder [s] am Ende eines Wortes mit: tout, but, fait, ceux, gens, etc… (siehe ebenda).

Des Weiteren spricht Dähmlow auch von einer Assibilierung von [t] und [d] vor [i, y, j, Ч] (vgl. S. 6). So wird aus petit [pətsi] oder aus dimanche [dzimãʃ] (siehe ebenda).

Als eine weitere Eigenart gilt der Wegfall des intervokalischen –l- (vgl. Dähmlow, S. 7). Fast ausschließlich betroffen sind davon Artikel und Pronomen, wie la, les, elles, elle, ils und il (siehe ebenda). Das Pronomen, bzw. der Artikel le verliert das –l- nicht, da es sich hierbei um ein e muet handelt (siehe ebenda).

Beispiel: C’est la lettre de Marie [se a lƹtR d(ə) maRi]

3.2 Morphologie

Auch in der Morphologie macht sich, wie schon in der Aussprache, die Bewahrung der älteren Sprachform bemerkbar.

In Ausdrücken wie une grand‘ rivière, une grand‘ ville etc. wird das Adjektiv nicht an das Geschlecht des Substantives angepasst, was in Frankreich nur noch in einigen feststehenden Wortgruppen zu finden ist, zum Beispiel grand-mère, grand-chose (vgl. Hoerkens, S. 13).

Weiterhin sind viele Substantive im Quebecer Französisch feminin, hingegen im Neufranzösisch aber männlich (vgl. Hoerkens, S. 14). So zum Beispiel la poison, l’œil (f.) (siehe ebenda). Auch im Zuge der Frauenemanzipationsbewegung ist die Feminisierung der Berufsbezeichnungen in Québec schon wesentlich weiter voran geschritten als in Frankreich (vgl. Sarcher, S. 76).

Außerdem gibt es einige Unterschiede in den Zeitformen. So lebt passé simple in der gesprochenen Sprache in Québec weiter und im passé composé bilden einige intransitive Verben ihre Form mit avoir anstatt mit être (vgl. Hoerkens S. 14).

Typisch für das kanadische Französisch sind zum Teil anders konjugierte Verbformen. Ein besonderes Beispiel wäre aller: je vais je va(s) (vgl. Hoerkens S. 14). Mit diesem geht auch die Vereinfachung von unregelmäßigen Verben Hand in Hand: Sie werden nun regelmäßig konjugiert, zum Beispiel mourir je mours (vgl. Hewson, S. 54).

3.3 Syntax

Genauso wie die Phonetik und die Morphologie weist auch die Syntax des kanadischen Französisch Abweichung von der in Frankreich gesprochenen Standardsprache auf.

Als erstes wäre hier die Verwendung des Subjektpronomens ils, anstatt des unbestimmten on zu nennen (vgl. Hoerkens, S. 15). Außerdem fällt in feststehenden Verbindungen wie il faut oder il y a das neutrale Subjektpronomen il weg (siehe ebenda). Des Weiteren treten die Pronomen y und en auch in Verbindung mit Personen auf, was heute ebenfalls in den französischen Dialekten noch üblich ist (siehe ebenda). Im Imperativ werden in der bejahten wie auch in der verneinten Form die Pronomen hinter dem Verb platziert: Ne parlez-moi-z-en pas (vgl. Hewson, S. 53).

Eine weitere Besonderheit ist der präpositionale Gebrauch bei einigen Verben. Im heutigen Französisch wird de an essayer angeschlossen, die Frankokanadier benutzen jedoch à in diesem Zusammenhang (vgl. Hoerkens, S. 16).

Auffällig ist auch, dass in Kanada die Angleichung des Partizips an das Subjekt bei être und das Akkusativobjekt bei avoir nicht gemacht wird (siehe ebenda).

[...]

Ende der Leseprobe aus 16 Seiten

Details

Titel
Varietätenlinguistik. Das Französische in Québec
Hochschule
Technische Universität Dresden  (Institut für Romanistik)
Veranstaltung
PS Varietätenlinguistik / Variété du français
Note
2,0
Autor
Jahr
2012
Seiten
16
Katalognummer
V283649
ISBN (eBook)
9783656833130
ISBN (Buch)
9783656831198
Dateigröße
483 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Kanada, Québec, französisch, Linguistik
Arbeit zitieren
Lisa Pflister (Autor), 2012, Varietätenlinguistik. Das Französische in Québec, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/283649

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