Untersuchungsgegenstand der vorliegenden Hausarbeit soll die Fragestellung sein, inwieweit in Goethes 1795/1796 veröffentlichtem Prosawerk von einem Symbol Stein die Rede sein kann, das die Form des Bildungsromans beeinflusst oder umgekehrt durch diese als Teil der künstlerischen Gestaltung installiert wird.
Ziel der Arbeit ist es, ausgehend von konkreten Vorstellungen zu den Begriffen "Symbol" und "Bildungsroman" in Wilhelm Meisters Lehrjahre zu eruieren, inwieweit der Stein die zugrunde liegende Vorstellung von Symbol einlöst und welche Bedeutung er im Allgemeinen im Unterschied zu einer bestimmten Steinart hat, wobei diese Fragen in besonderer Weise von der Suche nach Verbindungen zur Gattung Bildungsroman, wie sie eingangs definiert wird, begleitet sein sollen.
Inhaltsverzeichnis
1 Einleitung
2 Begriffe
2.1 Symbol
2.2 Bildungsroman
3 Goethes Wilhelm Meisters Lehrjahre - Das Symbol Stein als Indikator für die Form des Bildungsromans
3.1 Stein des Anstoßes als Vermittler zwischen Innen und Außen
3.2 Steine für den Stein: Plural mit Verweis auf Singular
3.3 Flut und Fels als Metamorphose und Typus
3.4 Steine als Hüter und Marmor als Verwandler des Todes
3.5 Stolper- und Meilensteine einer teleologischen Ausrichtung
3.5.1 Status Nascendi: Ankunft der Steine in der Wirklichkeit
3.5.2 Adoleszenz: Steinerne Gebilde als Raumentfalter- und gestalter
3.5.3 Aetas Constans: Maximalexpansion in Turm und Hof
4 Fazit und Ausblick
Zielsetzung & Themen der Arbeit
Die vorliegende Arbeit untersucht, inwieweit das Symbol „Stein“ in Goethes 1795/1796 veröffentlichtem Roman „Wilhelm Meisters Lehrjahre“ als konstituierendes Element für die Form des Bildungsromans fungiert und wie dieses Symbol den Entwicklungsprozess der Hauptfigur Wilhelm strukturell unterstützt.
- Analyse des Goetheschen Symbolverständnisses im Kontext von Natur und Poesie.
- Untersuchung der metaphorischen Funktion von Steinen als Indikatoren für Bildungsschritte.
- Verbindung von individueller Selbstfindung und Integration in ein Kollektiv durch das Symbol „Stein“.
- Interpretation der symbolischen Bedeutung von „Fels“, „Marmor“ und „Turm“ für den Romanverlauf.
- Verknüpfung der Romanstruktur mit der teleologischen Ausrichtung des Bildungsgangs.
Auszug aus dem Buch
3.1 Stein des Anstoßes als Vermittler zwischen Innen und Außen
Im ersten Buch ist expressis verbis lange kein Stein zu finden. Über die intertextuelle Ausdeutung der Bibelgeschichte David und Goliath (1 Sam 17: 1-54) macht sich dagegen ein versteckter Stein bemerkbar. Zunächst erinnert sich Wilhelms Mutter, wie sehr sich das Kind für die beiden Figuren interessiert:
„[…]. Ich weiß, wie du mir das Büchlein entwendetest und das ganze Stück auswendig lerntest; ich wurde es erst gewahr, als du eines Abends dir einen Goliath und David von Wachs machtest, sie beide gegeneinander perorieren ließest, […].“26
Dieses Interesse löste in jenem eine Theaterbegeisterung aus, die der Stein, den David in der biblischen Geschichte in die Schleuder setzt und der Goliath tödlich trifft, metaphorisiert und Wilhelm auf die Seite Davids zieht. Das ist an Textstellen zu belegen. Nach der Erinnerung der Mutter ist von Wilhelm selbst zu erfahren, welchen Zauber David und Goliath auf ihn ausüben:
[…], nur ein geschriebenes Büchelchen, worin die Komödie von David und Goliath aufgezeichnet war, […]. / Von der Zeit an wandte ich alle verstohlenen einsamen Stunden darauf, mein Schauspiel wiederholt zu lesen, […] und mir […] vorzustellen, wie herrlich es sein müßte, wenn ich auch die Gestalten dazu mit meinen Fingern beleben könnte. Ich ward darüber in meinen Gedanken selbst zum David und Goliath. […]. So lagen mir die großmütigen Reden Davids, […], Tag und Nacht im Sinne; ich murmelte sie oft vor mich hin, […].27
Zusammenfassung der Kapitel
1 Einleitung: Definiert das Ziel der Arbeit, die Rolle des Symbols „Stein“ in Wilhelm Meisters Lehrjahre als Formelement des Bildungsromans zu bestimmen.
2 Begriffe: Erläutert die theoretischen Grundlagen zum Symbolverständnis bei Goethe und die Definition des Bildungsromans.
3 Goethes Wilhelm Meisters Lehrjahre - Das Symbol Stein als Indikator für die Form des Bildungsromans: Hauptteil, der in verschiedenen Unterkapiteln die Funktion des Steins als Symbol für Wilhelms Entwicklung untersucht.
3.1 Stein des Anstoßes als Vermittler zwischen Innen und Außen: Analysiert den intertextuellen Bezug zu David und Goliath als ersten symbolischen Anstoß für Wilhelms Theaterbegeisterung.
3.2 Steine für den Stein: Plural mit Verweis auf Singular: Untersucht den plurale Gebrauch des Begriffs Stein als Indikator für ein Kollektiv, das auf ein harmonisches Ziel hindeutet.
3.3 Flut und Fels als Metamorphose und Typus: Beleuchtet die Felsen-Metaphorik als Zeichen für Festigkeit und Prozesshaftigkeit in Wilhelms Entwicklung.
3.4 Steine als Hüter und Marmor als Verwandler des Todes: Behandelt die Rolle von Mignon und Harfner sowie die Bedeutung von Marmor zur Vollendung des Todes in ein dauerhaftes, symbolisches Bild.
3.5 Stolper- und Meilensteine einer teleologischen Ausrichtung: Zusammenfassung der Entwicklungsschritte vom Anfang bis zum Turm und Hof als Symbol der Zielerreichung.
3.5.1 Status Nascendi: Ankunft der Steine in der Wirklichkeit: Untersucht den ersten Kontakt mit Steinen in der Kunstsammlung des Großvaters.
3.5.2 Adoleszenz: Steinerne Gebilde als Raumentfalter- und gestalter: Analysiert die Bedeutung von Kulissen und die räumliche Dimension in Wilhelms Interaktion mit seiner Umwelt.
3.5.3 Aetas Constans: Maximalexpansion in Turm und Hof: Beschreibt die finale Einordnung des Protagonisten in das symbolische Gebilde des Turms als Ausdruck seiner allgemein nützlichen Tätigkeit.
4 Fazit und Ausblick: Resümiert, dass Steine als Symbol den Bildungsgang Wilhelms als Prozess und Ergebnis verdeutlichen und somit die Form des Bildungsromans mitkonstituieren.
Schlüsselwörter
Goethe, Wilhelm Meisters Lehrjahre, Symbol, Stein, Bildungsroman, Metamorphose, Typus, Turm, Hof, Marmor, Bildungsprozess, Literaturwissenschaft, Ästhetik, Allegorie, Individualität.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit?
Die Arbeit untersucht, wie das Symbol des „Steins“ in Goethes Roman „Wilhelm Meisters Lehrjahre“ eingesetzt wird, um den Entwicklungsweg der Hauptfigur vom Individuum hin zu einem harmonischen Teil der Gesellschaft darzustellen.
Was sind die zentralen Themenfelder der Analyse?
Die zentralen Felder umfassen Goethes Symboltheorie, die Gattungsmerkmale des Bildungsromans sowie die empirische Analyse von Gesteins- und Architekturmetaphern (wie Stein, Fels, Marmor, Turm) im Roman.
Was ist die primäre Forschungsfrage?
Die Frage lautet, inwieweit das Symbol Stein die Form des Bildungsromans beeinflusst oder durch diese als Teil der künstlerischen Gestaltung installiert wird.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es wird eine textnahe, literaturwissenschaftliche Analyse durchgeführt, die intertextuelle Bezüge (Bibel, Antike) und Begriffe der Goetheschen Ästhetik (Typus, Metamorphose) kombiniert.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in eine detaillierte Untersuchung der „Stein-Metaphorik“ in verschiedenen Lebensphasen Wilhelms – von der frühen Theaterbegeisterung über die Konfrontation mit dem Tod bis hin zur Reife im Turm und Hof.
Welche Schlüsselbegriffe charakterisieren die Arbeit?
Neben dem zentralen Begriff „Stein“ sind „Bildungsroman“, „Goethe“, „Metamorphose“ und „Symbol“ entscheidend für das Verständnis der Argumentation.
Welche Bedeutung hat das Symbol „Marmor“ für die Interpretation der Charaktere Mignon und Harfner?
Der Marmor dient als Verwandler des Todes, der die Einseitigkeit der verstorbenen Figuren Mignon und Harfner in eine „vollkommene“ Form überführt und somit ein Gegenbild zur harmonischen, lebensbejahenden Entwicklung Wilhelms darstellt.
Wie interpretieren Sie das Gebilde des „Turms“ in Bezug auf Wilhelms Lernprozess?
Der Turm repräsentiert die Spitze der empirischen Steinreihe im Roman und steht für die gefundene, allgemein nützliche Tätigkeit sowie die erfolgreiche Integration des Individuums in das gesellschaftliche Kollektiv.
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- Frank Tichy (Author), 2014, Goethes "Wilhelm Meisters Lehrjahre". Das Symbol "Stein" als Indikator für die Form des Bildungsromans, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/283921