Begonnen hat diese Arbeit mit der Ausgangsfrage der Bewertung der Leistung Luthers für die Germanistik. Dabei stellte sich sehr schnell heraus, dass diese Frage in der Forschungsliteratur nahezu immer einhergeht mit der Frage, ob Martin Luther der ‚Schöpfer’ unserer heutigen neuhochdeutschen Schriftsprache sei oder nicht.
Betrachtet man die Einschätzungen zu Martin Luthers Leistungen und langfristiger Wirkung in Bezug auf die Entwicklung der neuhochdeutschen Schriftsprache, so finden sich durch die gesamte Rezeptionsgeschichte hindurch gegensätzliche Äußerungen. Zwischen absolut positiv oder negativ ausfallenden Meinungen liegen diverse weitere, verschiedene Aspekte beleuchtende, mitunter weniger eindeutig wertende, dafür aber objektivere Einschätzungen.
Daher wird sich in dieser Arbeit auf Martin Luthers Rolle bezüglich der Entwicklung der neuhochdeutschen Schriftsprache und seiner Leistung bzw. langfristigen Wirkung in diesem Zusammenhang konzentriert. Der Umfang dieser Arbeit machte es nötig, sich exemplarisch auf drei Texte zu fokussieren, die sich mit dieser Frage beschäftigen. Der Schwerpunkt liegt auf der neueren Rezeptionsgeschichte, da nur hieraus und nicht durch zeitgenössische Rezeption die nachhaltige Wirkung Luthers für unsere heutige Sprache untersucht werden kann. Der erste Text stammt von Paul Pietsch aus dem ausgehenden 19. Jahrhundert, der zweite von Carl Franke aus dem Jahre 1914 und der dritte schließlich von Joachim Schildt aus den 1980er Jahren. Anhand dieser Meinungen, die natürlich im Kontext ihrer jeweiligen Entstehungszeit zu betrachten sind, soll analysiert werden, ob und wie sich das Lutherbild bezüglich der Fragestellung im Laufe der letzten zwei Jahrhunderte verändert hat. Dabei sind folgende Fragen zu stellen: Gibt es Konstanten und wenn ja welche? Wo und inwiefern treten Veränderungen auf? Wie sind sowohl die Konstanten als auch die Veränderungen zu bewerten? Die Fragen verfolgen das Ziel dem Sprachschaffen Luthers in Folge der beispielhaften Analysen eine – soweit möglich – objektive Beurteilung zukommen zu lassen, sowie damit einhergehend einen Überblick über die Luther-Rezeption samt ihrer zugrundeliegenden Motive in den letzten zwei Jahrhunderten zu geben.
Um die Einordnung und Bewertung von Luthers Sprachschaffen verständlich zu machen, wird zunächst eine kurze überblicksartige Darstellung zur sprachlichen Situation seinerzeit im deutschsprachigen Raum gegeben.
Inhaltsverzeichnis
1. EINLEITUNG
2. DIE SPRACHLICHE SITUATION IM DEUTSCHSPRACHIGEN RAUM ZUR ZEIT LUTHERS
3. TEXTANALYSEN
3.1. Paul Pietsch (1883): Martin Luther und die hochdeutsche Schriftsprache
3.2. Carl Franke (1914): Der geschichtliche Kern der Legende von Luthers Schöpfung der neuhochdeutschen Schriftsprache
3.3. Schildt, Joachim (1986): Zum deutschen Sprachschaffen Martin Luthers. Schwerpunkte und Entwicklungstendenzen der Forschung
4. ZUSAMMENFASSUNG DER ERGEBNISSE AUS DEN TEXTANALYSEN
5. FAZIT / AUSBLICK
Zielsetzung & Themen
Das primäre Ziel der Arbeit besteht darin, die wissenschaftliche Bewertung von Martin Luthers Rolle bei der Herausbildung der neuhochdeutschen Schriftsprache zu untersuchen und zu analysieren, inwiefern sich das Bild Luthers in der germanistischen Forschung über die letzten zwei Jahrhunderte gewandelt hat.
- Analyse der Rezeptionsgeschichte von Luthers sprachlicher Leistung
- Untersuchung der sprachlichen Situation im deutschsprachigen Raum zur Zeit Luthers
- Kritische Auseinandersetzung mit dem Mythos von Luther als „Schöpfer“ der Sprache
- Betrachtung von Luthers Einfluss im Kontext gesellschaftlicher und kommunikationstheoretischer Faktoren
Auszug aus dem Buch
3.1. Paul Pietsch (1883): Martin Luther und die hochdeutsche Schriftsprache
Paul Pietsch erkennt zurecht, dass das Ziel der Allgemeinverständlichkeit schon vor Luther angestrebt wurde, aber er sieht in Luther den ersten, dem es gelang „so zu schreiben, dass es von Seiten der Sprache jedem überhaupt der deutschen Sprache mächtigen verständlich wäre.“ Dabei spielen einerseits die günstigen Vorbedingungen eine Rolle – das Aufwachsen sowohl im Niederdeutschen als auch im Mitteldeutschen Raum, sowie das Leben in einer Übergangszone dieser beiden Sprachlandschaften – andererseits möchte Pietsch den wesentlicheren Grund für Luthers Erfolge nicht in diesem zufälligen Umstand sehen, sondern in seinem „ziel- und zweckbewussten verfahren […] mit Überlegung und Konsequenz.“
Pietsch attestiert Luther ein so bisher nie dagewesenes feines Sprachgefühl – unter anderem durch Kenntnis verschiedener Mundarten – und ein ebenso hohes Sprachideal, welches eine perfektionistische Grundeinstellung mit sich brachte, was sich zum Beispiel in den zahlreichen Selbstkorrekturen besonders in der Bibelübersetzung zeigt. Weitere Verdienste Luthers seien außerdem eine angestrebte und auch erreichte Objektivität in der Wahl der sprachlichen Mittel und besonders die Orientierung an der deutschen – vornehmlich der volkstümlichen und weniger der komplexen zum Beispiel der Kanzleien – Sprache und nicht mehr wie zuvor meist geschehen am Latein.
Zusammenfassung der Kapitel
1. EINLEITUNG: Die Einleitung führt in die Problematik der Luther-Rezeption ein und formuliert die Forschungsfrage zur Bewertung seiner Rolle bei der Entstehung der neuhochdeutschen Schriftsprache.
2. DIE SPRACHLICHE SITUATION IM DEUTSCHSPRACHIGEN RAUM ZUR ZEIT LUTHERS: Dieses Kapitel skizziert die dialektale Vielfalt und die beginnenden Prozesse des Sprachausgleichs vor und während Luthers Zeit.
3. TEXTANALYSEN: Hier werden drei wegweisende Forschungstexte von Pietsch, Franke und Schildt hinsichtlich ihrer Einschätzung von Luthers Sprachleistung analysiert.
4. ZUSAMMENFASSUNG DER ERGEBNISSE AUS DEN TEXTANALYSEN: Die Ergebnisse aus den drei Analysen werden zusammengeführt, um gemeinsame wissenschaftliche Tendenzen in der Bewertung Luthers aufzuzeigen.
5. FAZIT / AUSBLICK: Das Fazit fasst die Ergebnisse zusammen und relativiert Luthers Rolle als „Schöpfer“ der Sprache zugunsten einer differenzierteren Sichtweise auf einen gesamtgesellschaftlichen Prozess.
Schlüsselwörter
Martin Luther, neuhochdeutsche Schriftsprache, Sprachgeschichte, Sprachwandel, Reformation, Germanistik, Luther-Rezeption, Allgemeinverständlichkeit, Schriftsprachenentwicklung, Sprachschaffen, Dialekte, Sprachnormen, Sprachlandschaften, Sprachwissenschaft, Historische Linguistik.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit befasst sich mit der germanistischen Bewertung von Martin Luthers Beitrag zur Entwicklung der neuhochdeutschen Schriftsprache und der Frage, ob er als deren „Schöpfer“ gelten kann.
Welche zentralen Themenfelder stehen im Mittelpunkt?
Zentrale Themen sind die Rezeptionsgeschichte von Luthers Sprachwerk, der gesellschaftliche Kontext der Reformation sowie die historische Entwicklung der deutschen Literatursprache.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das Ziel ist es, eine objektive Beurteilung von Luthers Sprachschaffen zu erarbeiten und den Wandel des wissenschaftlichen Lutherbildes im Laufe der letzten zwei Jahrhunderte aufzuzeigen.
Welche wissenschaftliche Methode wird in dieser Arbeit verwendet?
Es handelt sich um eine rezeptionsgeschichtliche Analyse, bei der drei exemplarische Fachtexte aus unterschiedlichen Epochen (1883, 1914, 1986) detailliert untersucht und miteinander verglichen werden.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in eine Darstellung der sprachlichen Situation zur Zeit Luthers sowie in die drei detaillierten Textanalysen, die Luthers Rolle aus linguistischer und soziologischer Sicht beleuchten.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Wichtige Begriffe sind unter anderem Martin Luther, neuhochdeutsche Schriftsprache, Sprachwandel, Reformation, Luther-Rezeption und Sprachgeschichte.
Warum wird Luther in der Forschung oft als „Schöpfer“ bezeichnet?
Die Bezeichnung ist oft mit dem sogenannten „Lutherkult“ des 19. Jahrhunderts verbunden; die Arbeit zeigt jedoch, dass diese heroisierende Sichtweise der komplexen sprachgeschichtlichen Realität nicht gerecht wird.
Welche Rolle spielen der Buchdruck und die Reformation für die Sprache?
Die Arbeit arbeitet heraus, dass der Buchdruck und der Erfolg der reformatorischen Schriften die Verbreitung von Luthers Sprachstil erst ermöglichten und damit zur Herausbildung überregionaler Normen beitrugen.
Was ist das zentrale Ergebnis der Analyse von Joachim Schildt?
Schildt betrachtet Luther nicht als isoliertes Genie, sondern als eine wichtige Persönlichkeit an einem Knotenpunkt gesellschaftlicher und kommunikationstheoretischer Entwicklungen.
Wie unterscheidet sich die Sicht von Paul Pietsch von der modernerer Autoren?
Pietsch ist stärker dem traditionellen Bild verhaftet, das Luther eine überragende, schöpferische Rolle zuschreibt, während spätere Autoren wie Schildt den Fokus stärker auf soziale und ökonomische Rahmenbedingungen legen.
- Arbeit zitieren
- B.A. Marina Bierbrauer (Autor:in), 2013, Martin Luther und die Entwicklung der neuhochdeutschen Schriftsprache, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/284990