Untersuchung der zwei Screenings HASE und KiSS im Hinblick auf die allgemeingültigen Gütekriterien


Hausarbeit (Hauptseminar), 2012

24 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Sprachstanddiagnoseverfahren
2.1 Grundlagen
2.2 Screenings
2.2.1 HASE
2.2.2 KiSS

3. Gütekriterien
3.1 Objektivität
3.2 Reliabilität
3.3 Validität
3.4 Zusammenhang zwischen den Gütekriterien

4. HASE und Kiss im Vergleich
4.1 Erfüllung der Gütekriterien
4.2 Wie sinnvoll sind Screenings überhaupt?

5. Abschließende Bemerkungen

6. Literaturverzeichnis

7. Anhang

1. Einleitung

Immer öfter werden bei Kindern im Vor- bzw. Grundschulalter Sprachdefizite festgestellt. Dies betrifft sowohl deutsche Kinder als auch – und vor allem – Kinder mit Migrationshintergrund und Kinder mit Deutsch als Zweitsprache. Meist ist es dann für eine Frühförderung schon zu spät. Spätestens seit PISA ist deutlich geworden, dass vermehrt darauf geachtet werden sollte, über welchen Sprachstand Kinder bei der Einschulung verfügen und ob dieser altersgemäß oder eher auffällig ist und somit einer Förderung bedarf. Wie und wann man diese Defizite feststellen kann bzw. dies tatsächlich getestet wird, ist innerhalb Deutschlands von Bundesland zu Bundesland verschieden und ein umstrittenes Thema in der Bildungspolitik. Dabei ist es sicher unumstritten, „[…] dass der Sprachkompetenz als Voraussetzung für den Bildungserfolg eine Schlüsselfunktion zukommt“ (Schulz et al., 2009, S. 124).

In dieser Arbeit soll es darum gehen, zwei Screenings miteinander zu vergleichen, nämlich HASE und KiSS[1]. Dabei soll insbesondere die Frage beantwortet werden, inwiefern sich die einzelnen Verfahren für die Anwendung im Alltag im Hinblick auf allgemein gültige Gütekriterien eignen, bzw. inwiefern Screenings im Allgemeinen überhaupt als adäquate und sinnvolle Mittel zur Ermittlung des Förderbedarfs der sprachlichen Fertigkeiten von Kindern dienen.

Nach einer Anführung der Grundlagen im Hinblick auf Sprachdiagnoseinstrumente werde ich kurz darauf eingehen, was Screenings sind und wo ihre Vor- und Nachteile im Allgemeinen liegen. Im Anschluss daran werden die beiden ausgewählten Screenings einzeln vorgestellt. In einem weiteren Schritt werden relevante und allgemeingültige Gütekriterien dargelegt, worauf die beiden Screenings dahingehend betrachtet werden, inwiefern sie diesen Gütekriterien entsprechen. Auch Screenings im Allgemeinen werden an dieser Stelle auf ihre Anwendbarkeit hin genauer betrachtet.

Abschließend werde ich die Testverfahren miteinander vergleichen und eine Bewertung dahingehend vornehmen, welches sich in meinen Augen am besten für den Einsatz bei einer Sprachstandsdiagnose eignet. Auf die zu Beginn angeführte Fragestellung werde ich dann noch einmal zurück kommen. Außerdem wird das zuvor Genannte noch einmal zusammen gefasst und ein Fazit gezogen.

2. Sprachstanddiagnoseverfahren

2.1 Grundlagen

Aufgrund der immer wieder festgestellten gravierenden Sprachdefizite von deutschen Schulkindern und vor allem von Schulkindern mit Migrationshintergrund wurden in den letzten Jahren zahlreiche Sprachfördermaßnahmen entwickelt, die sowohl diagnostisch als auch fördernd wirken sollen. „Ziel dieser Initiativen ist es, ungleiche Bildungschancen aufgrund unterschiedlicher Sprachbiographien möglichst früh auszugleichen“ (Schulz et al., 2009, S. 125). Bevor der Sprachstand eines Kindes getestet bzw. untersucht werden kann – was meist schon im Kindergarten geschieht – sollte zunächst festgelegt werden, wie die Grundlagen für eine Testumgebung aussehen sollen. Da die Aufgabe der Diagnose immer häufiger Erzieherinnen in pädagogischen vorschulischen Einrichtungen bzw. Kitas[2] zufällt, „[…] müssen [diese] […] im diagnostischen Methodenspektrum gezielt geschult werden“ (Kany & Schöler, 2007, S. 100).

Um eine Grundlage festzumachen, stellen Kany und Schöler (2007) drei diagnostische Fragen auf, „[…] mit denen man sich zu Beginn einer diagnostischen Tätigkeit beschäftigen muss:

Inhalt: Was soll diagnostiziert werden?

Ziel: Wozu soll diagnostiziert werden?

Methode: Wie soll diagnostiziert werden?“ (ebd., S. 102)

Diese drei Fragen sollen im Folgenden noch etwas näher betrachtet werden.

Was?

Diese Frage ist relevant, da man nicht alle Bereiche einer Sprache auf einmal testen kann. Aufgrund der Komplexität des Untersuchungsgegenstandes Sprache bedarf es unterschiedlicher Aufgabentypen um verschiedene Bereiche zu testen und selbst dann ist die Erfassung von sprachlichen Fertigkeiten anhand von Tests sehr schwierig (vgl. Schulz et al., 2009, S. 128f.). Der Erwerb von Phonetik, Phonologie, Morphologie, Syntax, Semantik und Grammatik im Allgemeinen verläuft in verschiedenen Phasen ab, die als Meilensteine bezeichnet werden (vgl. Schulz, 2007, S. 67-86.). Der Erwerb dieser Meilensteine verläuft bei jedem Kind in der gleichen Reihenfolge, jedoch nicht immer zum gleichen Zeitpunkt. Daher sind die Altersangaben, wann ein Bereich komplett erlernt sein sollte, nur ungefähre Angaben, an denen man sich orientieren kann.

Wichtig ist auch, bei mehrsprachigen Kindern die Sprachdominanz zu berücksichtigen. Die Diagnose der verschiedenen sprachlichen Ebenen führt allerdings nur dann zu einem Ergebnis, wenn man den Horizont erweitert, indem man nämlich andere Leistungsbereiche, wie die kognitiven Fähigkeiten des Kindes mit einbezieht. Nur dann ist es möglich, zu beurteilen, „[…] ob der Spracherwerb altersangemessen oder gestört verläuft“ (vgl. Kany & Schöler, 2007, S. 102f.).

Wozu?

Häufig gibt es einen bestimmten Anlass, ein Kind zu testen. Das kann der bevorstehende Schuleintritt sein, oder auch aber bestimmte Auffälligkeiten bei der Sprachproduktion, die schon vorab von einer Erzieherin oder einem Elternteil festgestellt werden. Man muss sich im Vorfeld eines Tests schon Gedanken über mögliche Konsequenzen der Ergebnisse machen, was die Auswahl des Diagnoseinstruments im Hinblick auf die Frage „Warum?“ häufig erleichtert. Oft sind es Kinder mit Deutsch als Zweitsprache, bei denen ein erhöhter Förder- und somit vorhergehender Diagnosebedarf festgemacht wird. Aber auch deutschsprachige Kinder können Sprachdefizite aufzeigen, die eine Diagnose ihres Sprachstandes unumgänglich machen. Bei einem Blick auf die Vorgaben in den einzelnen Bundesländern (vgl. Lüdtke & Kallmeyer, 2007, S. 244-260) kann man beispielsweise sehen, dass in Bayern ausschließlich Kinder mit Migrationshintergrund getestet werden, während es in Hessen überhaupt keine feste Vorgabe gibt, dass überhaupt im Vorfeld des Schuleintritts eine Sprachdiagnose durchgeführt werden soll. Diese unterschiedliche Umsetzung in den Bundesländern macht deutlich, dass die Frage, warum man überhaupt testen sollte, so wichtig ist.

Es steht also im Mittelpunkt, herauszufinden, ob sich ein Kind altersgemäß entwickelt. Wenn ja, verläuft die Entwicklung in allen Bereichen simultan? Ist der Spracherwerb nicht altersgemäß muss untersucht werden, worauf dies zurückzuführen sein könnte (vgl. Kany & Schöler, 2007, S. 103). Auch eine physische Einschränkung des Kindes muss in Betracht gezogen werden, wie z.B. auditive Wahrnehmungsstörungen.

Wie?

Es gibt unterschiedliche Möglichkeiten, den Sprachstand eines Kindes zu testen. „Im Wesentlichen werden drei diagnostische Methoden unterschieden: Befragung, Beobachtung und Elizitation[3] “ (ebd., S. 103).

Elizitationsverfahren sind Diagnoseverfahren, „[…] mit denen direkt und gezielt Verhaltensweisen oder Leistungen des Kindes ausgelöst bzw. hervorgelockt (elizitiert) werden“ (ebd., S. 109). Sie haben den Vorteil, dass durch das Provozieren bestimmter Verhaltensmuster gezielt Bereiche beobachtet und getestet werden können. Neben informellen Tests, die oft mit nicht viel Aufwand entwickelt wurden und nur geringfügig geprüft und standardisiert sind, lassen sich standardisierte Tests nennen. Diese sind „wissenschaftliche[ ] Verfahren“, die man als standardisiert und normiert beschreiben kann. Anhand der ermittelten Ergebnisse eines Tests, die man mit vorgegebenen Normwerten vergleicht, kann man sehen, wie der Leistungsstand eines Kindes z. B. im Bezug auf seine Sprachfähigkeit in einem bestimmten Bereich ist (vgl. ebd., S. 109ff.). Die Normwerte ergeben sich dabei aus zuvor durchgeführten Tests in Kontrollgruppen, die man zur Auswertung der Ergebnisse heranzieht.

Zu den standardisierten Tests zählen Screenings und Langzeitverfahren. Wie der Name schon sagt, beanspruchen Langzeitverfahren einen langen Testzeitraum und bedeuten somit einen erhöhten Aufwand. Häufig benötigt es Jahre, um zu einem repräsentativen Ergebnis zu kommen. Screenings hingegen sind zeitlich und im Hinblick auf den allgemeinen Aufwand eher ökonom, was häufig gleichzeitig kostengünstig bedeutet. Sie werden in Kapitel 2.2 näher vorgestellt.

Ziele der Sprachdiagnostik sind zum einen, Kinder mit Sprachförderbedarf von den anderen Kindern zu selektieren, was man als Selektionsdiagnostik bezeichnet. Auf der anderen Seite gibt es als förderdiagnostisch bezeichnete Verfahren[4], die es ermöglichen „[…] den individuellen Sprachentwicklungsstand des Kindes in Bezug auf zentrale sprachliche Eigenschaften so differenziert zu bestimmen, dass sich konkrete Förderentscheidungen ableiten lassen.“ Schulz et al. argumentieren dafür, „[…] dass systematische und standardisierte Testverfahren es am ehesten ermöglichen, in der komplexen Diagnosesituation zu verlässlichen Entscheidungen zu gelangen“, in welche Gruppe man die nun vorgestellten Screenings durchaus zählen kann (vgl. Schulz et al., 2009, S. 127).

2.2 Screenings

Screenings „[…] ziel[en] darauf ab, für eine große Anzahl von Probanden frühzeitig festzustellen, ob ein Risiko […] besteht oder nicht“ (Schulz et al., 2009, S. 127). Wenn also ein Kind einen bestimmten Wert im Screeningtest nicht erreicht, wird es als auffällig eingestuft. Ziel ist dabei, aufgrund der ermittelten Ergebnisse auszusieben, wer von den Testpersonen Gefahr läuft, „[…] Entwicklungsstörungen auszubilden.“ Es geht also weniger darum, die Ursachen der Entwicklungsstörungen aufzudecken und diese zu beschreiben, sondern viel mehr darum, künftige Entwicklungsverläufe zu prognostizieren. Daher eignen sich Screenings besonders gut beispielsweise bei der Einschulungsuntersuchung. Der Vorteil an Screenings ist sicher vor allem der zeitliche Aufwand, denn innerhalb kurzer Zeit kann man recht zuverlässig einstufen, ob ein Kind als auffällig gilt oder nicht. Ist dies der Fall, muss es genauer untersucht werden. Dann werden Fragen nach Ursache und Art der spezifischen Entwicklungsstörung bzw. -auffälligkeit im Hinblick auf eine gezielte Förderung wieder relevant (vgl. Kany & Schöler, 2007, S. 114).

Häufig werden Testverfahren aber auch als kritisch betrachtet. Testsituationen im Allgemeinen sind für Testpersonen, vor allem für Kinder oft mit einem unangenehmen Gefühl verbunden, denn sie fühlen sich in Prüfungssituationen häufig unter Druck gesetzt. Auch gibt es Meinungen, die sagen, Fähigkeiten und Fertigkeiten von Menschen seien nicht messbar. Schließlich muss die zu testende Person in einer bestimmten Situation ihr Wissen zu einem ganz bestimmten Bereich abrufen, wonach sie als risikoreich oder eben nicht eingestuft wird. Alle Vorteile, die Testverfahren mit sich bringen, sollten also auf der anderen Seite auch ein wenig kritisch betrachtet werden.

In dieser Arbeit sollen zwei Screenings vorgestellt und anschließend miteinander verglichen werden. Diese beiden Testverfahren heißen HASE und KiSS und sind zwei der bekanntesten und am häufigsten angewandten Screenings, die die Ausbildung einer Lese-Rechtschreibschwäche bzw. spezifische Sprachentwicklungsstörungen aufdecken sollen.

2.2.1 HASE

Das Heidelberger Auditive Screening in der Einschulungsdiagnostik (HASE) (Brunner & Schöler, 2002), das mit 98,00 € zu erwerben ist, eignet sich besonders zum Einsatz im letzten Kindergartenjahr bei 5- bzw. 6-jährigen Kindern im Rahmen des Einschulungstests oder in der U9-Vorsorgeuntersuchung. Es soll auditive Wahrnehmungsstörungen aufdecken. Getestet werden alle Kinder, unabhängig von Herkunft und Muttersprache. Das Verfahren enthält vier Aufgabengruppen:

Nachsprechen von Sätzen

Wiedergabe von Zahlen-Folgen

Nachsprechen von Kunstwörtern und

Erkennen von Wortfamilien

Es geht hier vor allem darum, „Risikokinder[ ] für Sprach- und Schriftspracherwerbsstörungen“ zu identifizieren, wobei die Kinder anhand von vorgegebenen Lauten, Wörtern und Zahlen Aufgaben lösen sollen. Gemessen werden „[m]ündliche rezeptive und produktive phonische, semantische und syntaktische Qualifikationen, die wesentlich auf die Wiedergabe und die Diskriminierung vorgegebener Oberflächenstrukturen reduziert werden“ (Schnieders & Komor, 2005, S. 296). „Aufgrund der Heterogenität der erfassten Leistungen kann kein Gesamttestwert, aber für jeden Untertest ein Risikowert ermittelt werden“ (Fried, 2004, S. 20). Um eine gewisse Objektivität zu erreichen, sollen die Aufgaben nicht von der durchführenden Person (i. d. R. Kinderärztin, Erzieherin etc.) vorgesprochen werden, sondern dem Programm liegt eine CD bei, die während der Testdauer von ca. 10 Minuten abgespielt wird. Im Anschluss an diese kurze Testlaufzeit wird anhand der Ergebnisse ermittelt, ob ein Kind als risikoreich oder unauffällig eingestuft wird (vgl. Kany & Schöler, 2007, S. 151ff.).

Hier kommt die Frage auf, wie man Kinder mit Spracherwerbsstörungen und Kinder mit Migrationshintergrund und Deutsch als Zweitsprache differenziert, denn man kann ihre Defizite wohl kaum als gleich bezeichnen. Während Kinder mit DaM[5] mit Spracherwerbsstörungen erwartungsgemäß in allen vier Aufgabenbereichen gleich schlecht abschneiden, können Kinder mit DaZ[6] ohne Spracherwerbsstörungen durchaus in den Aufgaben „Wiedergabe von Zahlen-Folgen“ und „Nachsprechen von Kunstwörtern“ vergleichbare Ergebnisse wie DaM-Kinder erzielen. Die Aufgaben „Nachsprechen von Sätzen“ und „Erkennen von Wortfamilien“ jedoch erfordern gewisse Deutschkenntnisse. Es kann also durchaus herausgefiltert werden, ob ein DaZ-Kind lediglich über mangelnde Deutschkenntnisse, oder aber zusätzlich über Spracherwerbsstörungen verfügt.

[...]


[1] Die genauen Bedeutungen werden in den Kapiteln 2.2.1 und 2.2.2 erläutert.

[2] Kurz für „Kindertagesstätten“.

[3] An dieser Stelle beschränke ich mich auf die Vorstellung der Elizitationsverfahren, da lediglich diese relevant für die Arbeit und die folgenden Abschnitte sind.

[4] Der Begriff der Förderdiagnostik wird von Schöler (2008) intensiv kritisiert, siehe auch Kapitel 4.2.

[5] DaM= Deutsch als Muttersprache

[6] DaZ= Deutsch als Zweitsprache

Ende der Leseprobe aus 24 Seiten

Details

Titel
Untersuchung der zwei Screenings HASE und KiSS im Hinblick auf die allgemeingültigen Gütekriterien
Hochschule
Johann Wolfgang Goethe-Universität Frankfurt am Main  (Institut für Psycholinguistik und Didaktik der deutschen Sprache)
Note
1,0
Autor
Jahr
2012
Seiten
24
Katalognummer
V285798
ISBN (eBook)
9783656860655
ISBN (Buch)
9783656860662
Dateigröße
512 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
KiSS, HASE, Screening, Testverfahren, Sprachstandsdiagnoseverfahren, Gütekriterien
Arbeit zitieren
Lena Thies (Autor:in), 2012, Untersuchung der zwei Screenings HASE und KiSS im Hinblick auf die allgemeingültigen Gütekriterien, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/285798

Kommentare

  • Noch keine Kommentare.
Im eBook lesen
Titel: Untersuchung der  zwei Screenings HASE und KiSS im Hinblick auf die allgemeingültigen Gütekriterien



Ihre Arbeit hochladen

Ihre Hausarbeit / Abschlussarbeit:

- Publikation als eBook und Buch
- Hohes Honorar auf die Verkäufe
- Für Sie komplett kostenlos – mit ISBN
- Es dauert nur 5 Minuten
- Jede Arbeit findet Leser

Kostenlos Autor werden