Sprache und Geschlecht - Beurteilungen geschlechtsspezifischen Sprachverhaltens


Hausarbeit (Hauptseminar), 1999

27 Seiten, Note: 1,7


Leseprobe

Inhalt

1. Frauenbewegungen in Europa und den USA
1.1 Stereotype Geschlechtsrollenbilder und Verhaltensnormen
1.2 Sexismus und Gewalt

2. Geschlecht und Sprache
2.1 Sprachsystem und Sprachgebrauch
2.1.1 Systemimmanente Faktoren der Diskriminierung
2.1.2 Sexistische Tendenzen im Sprachgebrauch
2.2 Interaktions- und Gesprächsverhalten

3. Interpretationstendenzen gesprächsanalytischer Studien
3.1 Die Defizithypothese
3.2 Die Dominanzhypothese
3.2.1 Geschlechtsspezifisches Sprachverhalten in Institutionen und Beruf
3.2.2 Erweiterung des gesellschaftlichen und sprachlichen Dominanz- begriffes
3.3 Die Differenzhypothese
3.3.1 Symmetrische und asymmetrische Gesprächsstrategien
3.3.2. Gespräch als Produkt zahlreicher Situationsvariablen

4. Abkehr von dualistischen Denkmodellen

5. Literaturverzeichnis

1. Frauenbewegungen in Europa und den USA

Die Erforschung des Zusammenhangs von Geschlecht und Sprache kann nicht losgelöst erfolgen von einigen grundlegenden Erkenntnissen, die sich auf das Zusammenleben von Frauen und Männern in der Gesellschaft beziehen.

Thematisiert wurde diese Problematik vor allem durch die Frauenbewegung in den USA und Europa, deren Anfänge zum Ende des 18. Jahrhunderts zurückreichen. Die Engländerin Mary Wollstonecraft veröffentlichte bereits 1787 „Thoughts on the Education of Daughters“ und im Jahre 1792 das für die Frauenbewegungen bahnbrechende Werk „A Vindication of the Rights of Woman“.[1] In Deutschland existierten aktive Frauenbewegungen von der Mitte des 19. Jahrhunderts an. Von ihnen schlossen sich im Jahre 1894 insgesamt 137 Vereine zum „Bund deutscher Frauenvereine“ (BdF) zusammen, deren Mitgliederzahl bis zum Beginn des Ersten Weltkrieges auf ca. 500 000 angewachsen war. Die organisierten Frauen nahmen sich dabei sehr unterschiedlicher Themenbereiche an, die von den traditionellen weiblichen Bereichen der sozialen Fürsorge bis zu modernen emanzipatorischen Anliegen reichten.[2] Nachdem während des Dritten Reiches und des Zweiten Weltkrieges diese Bewegungen in Deutschland gewaltsam unterdrückt wurden, kamen sie gegen Ende der 60er Jahre wieder auf und entwickelten sich seither ständig weiter. Entscheidende Impulse erhielten sie während der letzten zwanzig Jahre vor allem aus den USA.

Ein Ergebnis der feministischen Bewegung der 70er und 80er Jahre war die Formulierung folgender Erkenntnisse:

- Die westliche Kultur und Gesellschaft ist durch patriarchalische Macht- und Gesellschaftsstrukturen gekennzeichnet.
- Die gesellschaftliche Geschlechterrolle ist nur in geringem Maße genetisch festgelegt und weitgehend Produkt einer sozialen Erziehung und Disziplinierung
- In einer patriarchalisch orientierten Gesellschaft existieren stereotype Geschlechts-rollenbilder, d.h. die Rollen von Männern und Frauen sind traditionell festgelegt. Sie weisen stark unterschiedliche Verhaltensnormen auf und haben beträchtlichen Einfluß auf die Lebens- und Arbeitsbedingungen von Frauen und Männern.[3]

1.1 Geschlechtsstereotypen und ihre soziale Bewertung

Bis heute lassen sich Eigenschaften typischer Geschlechtsrollenbilder isolieren, die auf die familiäre Arbeitsteilung zurückgehen: Die Frau war in erster Linie für die Familie, den Haushalt und die Kindererziehung zuständig, während der Mann primär die Ernährerrolle ausfüllte. Im Zuge der Sozialisierung wurden daher den Mädchen stärker personen- und beziehungsorientierte Verhaltensweisen und Normen vermittelt, während bei den Jungen sach- und statusorientiertes Verhalten gefördert wurde. Daraus ergeben sich folgende im Alltagswissen verankerte Vorstellungen von idealtypischem Geschlechtsrollenverhalten:

Für Frauen wird ein eher passives, freundliches, emotionales, fürsorgliches und sensitives Verhalten erwartet, das die soziale Abhängigkeit und Schutzbedürftigkeit betont. Männer dagegen entsprechen dem positiven Stereotyp, wenn sie dominant, emotional kontrolliert, berufsorientiert, unabhängig und kompetitiv auftreten. Dabei werden die männlichen Eigenschaften traditionell höher bewertet als die weiblichen. Diese Polarisierung der Geschlechter ist mit einem starken Machtgefälle verbunden und impliziert eine Benachteiligung der Frau. Schon der Zwang, sich zwischen den verschiedenen Rollenerwartungen entscheiden zu müssen (Familie, Kinder oder Karriere), stellt eine solche Benachteiligung dar, der sich Männer nur in seltenen Fällen ausgesetzt sehen. Obwohl Frauen laut Grundgesetz die gleichen Rechte wie Männer haben und die traditionellen Vorstellungen von Weiblichkeit und Männlichkeit innerhalb der letzten Jahre zunehmend in Frage gestellt werden, sind auch heute noch relativ wenige Frauen in höheren beruflichen Schichten anzutreffen.

Die Hamburger Sprachwissenschaftlerin Karsta Frank sieht als die erste, bedeutendste Legitimation der Frauenbewegung die Feststellung, daß die Bedürfnisse und Fähigkeiten der Frauen nicht allein in der ihnen traditionell zugewiesenen Rolle aufgehen. Ziel war und ist die Überwindung jener strukturell oder direkt wirkenden Gewalt, welche Frauen an der Realisierung und Entfaltung ihrer individuell höchst unterschiedlichen Potentiale hindert.[4]

1.2 Sexismus und Gewalt

Die Konstanzer Sprachwissenschaftlerin Senta Trömel-Plötz sieht als eine der wichtigsten Strömungen der heutigen Zeit die Bestrebung, in allen gesellschaftlichen Bereichen für Frauen eine faire und gerechte Behandlung zu erreichen. Sexismus liege dann vor, wenn Menschengruppen aufgrund ihrer Geschlechtszugehörigkeit diskriminert werden, und dies betreffe in unserer männlich dominierten Gesellschaft die Frauen. Trömel-Plötz bezeichnet sexistische, d. h. frauenfeindliche Einstellung als ein allgemeines Phänomen, das so sehr in unserer Gesellschaft verankert ist, daß wir es kaum bemerken.[5]

Karsta Frank definiert den Begriff der Gewalt nach Johan Galtung folgendermaßen: „Gewalt liegt dann vor, wenn Menschen so beeinflußt werden, daß ihre aktuelle somatische und geistige Verwirklichung geringer ist als ihre potentielle Verwirklichung“[6] Sexistische Gewalt sei gegeben, wenn durch eine Einwirkung prinzipiell vermeidbare Umstände oder Bedingungen geschaffen werden, die zum Nachteil von Frauen hinter dem Gleichheitsprinzip zurückblieben.

Dabei ist Galtungs Gewaltbegriff, nach Frank, vom Objekt der Gewalt her definiert. Er geht nicht von der Intention eines Täters oder einer Täterin aus, sondern von dem Schaden, welcher den Betroffenen entsteht. Daher könne nicht nur ein physischer Akt Gewalt darstellen, sondern auch die Androhung desselben oder die bloße Möglichkeit, an einem bestimmten Ort körperliche Gewalt zu erfahren. Ferner könne nicht nur die negative Sanktionierung eines bestimmten Verhaltens Gewalt darstellen, sondern auch dessen Belohnung. So könne das Lob, „eine gute Mutter“ zu sein, für eine Frau zum Hindernis werden, weitere Lebensentwürfe zu realisieren.

Entscheidend ist jedoch für Frank die Unterscheidung Galtungs zwischen personaler und struktureller Gewalt. Nicht nur Personen können Subjekte, also Urheber, von Gewalt sein, sondern auch Interaktionssysteme bzw. Strukturen, die als geltende Ordnung etabliert sind. Strukturelle Gewalt kennt nach Frank verschiedene Erscheinungsformen. „Entsprechend unterscheiden sich personale und strukturelle Gewalt prinzipiell auch in ihren Objekten. In dem einen Fall ist das Objekt ein konkretes Individuum, im anderen Fall eine Totalität: ein Geschlecht, ein Lebensalter, eine Schicht etc.“[7]

Als eine Erscheinungsform struktureller Gewalt nennt Frank die ethologische Gewalt, welche aus ethologischem, also dem zur Gewohnheit fixierten, habitualisierten Handeln erwachsen kann. Aus dieser Habitualisierung entstehen tradierbare, „allgemein übliche“ Denkmuster, die zu Stereotypen führen. „Stereotypen ist ihrerseits ethologische Gewalt immanent, wenn sie aufgrund askriptiver Merkmale zugewiesenen Status von Individuen legitimieren und damit stabilisieren (...) und wenn sie Akte personaler Gewalt gegen Individuen als Mitglieder bestimmter Kategorien bedingen, legitimieren und als Gewalt unkenntlich machen.“[8] Der Begriff der strukturellen Gewalt schärfe, nach Frank, den Blick für die strukturellen Bedingungen, die personale Gewalt gegen Frauen gedeihen lassen und somit selbst gewalttätig sind. Er erlaube, Gewalt in der Normalität des Geschlechterverhältnisses zu verorten, das ungleichen Status und ungleiche Lebenschancen für Frau und Mann generiere.[9]

2. Geschlecht und Sprache

Die Entwicklung eines allgemeinen Bewußtseins für die unterschiedlichen gesellschaftlichen Positionen der Geschlechter und die damit verbundene Benachteiligung der Frauen führte dazu, daß auch die moderne Linguistik die Kategorie Geschlecht aufgriff und problematisierte. Es ist jedoch zu bemerken, daß ‘Sprache und Geschlecht’ durchaus kein neues Thema der Sprachwissenschaft ist. Die Soziolinguistin Claudia Schmidt stellt fest, daß die Kategorie Geschlecht, neben der sehr alten Diskussion in der Grammatiktheorie über den Zusammenhang zwischen ‘natürlichem’ und ‘sprachlichem’ Geschlecht, vor allem in der vergleichenden Sprachwissenschaft und der Anthropologie Beachtung fand. Auch in der Dialektforschung und in der älteren Sondersprachenforschung wurde der Frage nach der Ausprägung von Frauensprachen nachgegangen. Nach Schmidt sind die älteren sprachwissenschaftlichen Untersuchungen dadurch

gekennzeichnet, daß die Kategorie Geschlecht weder genau definiert noch problematisiert wird. Tiefergehende Fragen nach den Beziehungen zwischen den linguistischen Befunden und ökonomischen und kulturellen Bedingungen fehlen fast völlig. Diese Fragen, verbunden mit der Thematisierung gesellschaftlicher und sprachlicher Benachteiligung von Frauen, traten erst mit dem Einsetzen der neueren feministischen Bewegung der 70er Jahre ins Blickfeld der Wissenschaft.[10]

2.1 Sprachsystem und Sprachgebrauch

Die feministische Sprachwissenschaft untersucht zwei Themenschwerpunkte: Sprache und Sprechen. Auf dieser Basis bietet sich eine linguistische Grundunterscheidung an, die den Begriff der Sprache zwei Dimensionen zuordnet:

1. Sprache als lexikalisch-grammatisches System, d.h. als Komplex von Wörtern und von grammatischen Regeln
2. Sprache im Sinne von Sprachgebrauch, d.h. der Art, wie wir dieses System verwenden, wie wir kommunizieren.[11]

Die vorliegende Arbeit beschäftigt sich in der Hauptsache mit der Forschungslage zu geschlechtsspezifischem Sprachverhalten, also zu Sprache im Sinne von Sprachgebrauch. Zur Klärung der Frage, wie Frauen in gesellschaftlichen und sprachlichen Situationen unterdrückt werden, müssen jedoch beide Dimensionen betrachtet werden.

2.1.1 Systemimmanente Faktoren der Diskriminierung

Nach Ansicht der Linguistin Karsta Frank bestätigt die soziale Wahrnehmung und Bewertung des Verhaltens von Männern und Frauen den inferioren Status der Frau im Geschlechterverhältnis. Diese Feststellung führe zwangsläufig zu der Frage, wie Männer und Frauen diesen sexistisch verzerrten Blick auf die objektive Wirklichkeit gewinnen. Eine Ursache hierfür sieht Frank in den sexistischen Sprachnormen, wie etwa den geschlechtsmarkierten Personenbezeichnungen, Pronomen und Eigennamen oder dem generischem Maskulinum. „Mit diesen Normen übernimmt das Kind, das seine Muttersprache erwirbt, die darin geronnenen Erfahrungen seiner Gesellschaft, d.h. insbesondere eine bestimmte Sicht der objektiven Wirklichkeit.“[12] Das Thema Sprachsystem soll daher kurz in der Zusammenfassung zweier Forschungsansätze angerissen werden.

Die Konstanzer Linguistin Luise F. Pusch untersucht den Aspekt ‘Sprache als System’ in ihrem Beitrag „Das Deutsche als Männersprache“.[13] Sie befaßt sich darin mit der Geschlechtsspezifikation in der deutschen Sprache in den folgenden grammatischen Subsystemen:

- Lexikon (lexeminhärente Geschlechtsspezifikation sowie die Attribute weiblich und männlich)
- Grammatische Kategorien (die Genera Femininum und Maskulinum)
- Wortbildung (Suffixe zur Spezifikation des weiblichen Geschlechts)

[...]


[1] vgl. David F. Crystal, (1998): The Cambridge Biographical Encyclopedia. Cambridge

[2] vgl. Gabriele Haefs, Klaus Gille (1994): Von Sittenstrenge und Aufbegehren. Hamburg

[3] vgl. Angelika Linke, Markus Nussbaumer, Paul R. Portmann (1994): Studienbuch Linguistik. Tübingen

[4] vgl. Karsta Frank (1992): Sprachgewalt: Die sprachliche Reproduktion der Geschlechterhierarchie. Tübingen

[5] vgl. Senta Trömel-Plötz u.a.: Richtlinien zur Vermeidung sexistischen Sprachgebrauchs, S. 1. In: Luise F. Pusch, Senta Trömel-Plötz (Hgg.): Sprache, Geschlecht und Macht II, Linguistische Berichte 71/81

[6] Karsta Frank (1992), S. 1

[7] Karsta Frank (1992), S. 1

[8] Karsta Frank (1992), S. 3

[9] Karsta Frank (1992), S. 9

[10] Claudia Schmidt (1988): „Typisch weiblich - typisch männlich.“ Geschlechtstypisches Kommunikationsverhalten in studentischen Kleingruppen. Tübingen

[11] vgl. Josef Klein: Wie Frauen sprachlich benachteiligt werden - und was frau/man dagegen tun kann. In: Elisabeth de Sotelo (Hg.) (1997): Wissenschaftliche Weiterbildung für Frauen. Münster, S. 173 - 180

[12] Karsta Frank (1992), S. 145

[13] vgl. Luise F. Pusch: Das Deutsche als Männersprache - Diagnose und Therapievorschläge. In: Linguistische Berichte, Heft 69/80, S. 59 - 74

Ende der Leseprobe aus 27 Seiten

Details

Titel
Sprache und Geschlecht - Beurteilungen geschlechtsspezifischen Sprachverhaltens
Hochschule
Universität Koblenz-Landau  (Germanistik)
Veranstaltung
Soziolinguistik
Note
1,7
Autor
Jahr
1999
Seiten
27
Katalognummer
V28710
ISBN (eBook)
9783638304146
ISBN (Buch)
9783638853422
Dateigröße
519 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Sprache, Geschlecht, Beurteilungen, Sprachverhaltens, Soziolinguistik
Arbeit zitieren
Cornelia Peters (Autor), 1999, Sprache und Geschlecht - Beurteilungen geschlechtsspezifischen Sprachverhaltens, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/28710

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