Die Gralswelt des Eduard Stucken und ihre musikalischen Folgen


Forschungsarbeit, 2015

14 Seiten


Leseprobe

Die Gralswelt des Eduard Stucken – und ihre musikalischen Folgen

Eduard Stucken

Sucht man heute bei Ebay nach Büchern von Eduard Stucken, so schlägt einem in erster Linie eine Flut von Editionen seines Romans „Die weißen Götter“ entgegen, – in prachtvollen Original- und Fest-Ausgaben, wohlfeilen Buchgemeinschaftsausgaben, Nachdrucken und Taschenbuch-Ausgaben und international vertriebenen Reprints und Ebook-Versionen, – also vermutlich in sämtlichen Ausgaben von 1918 bis heute, ungeachtet der zahlreichen Übersetzungen in andere Sprachen.

Zweifellos, zumindest die Bände 1 und 2 dieser Trilogie über die Eroberung Mexikos durch Hernando Cortes und über den Untergang des Aztekenreiches waren ein Bestseller. Dieser erschien aufgrund der Schrecken des Ersten Weltkriegs, wie aus einer Äußerung des Autors hervorgeht:

„Ohne die Erschütterung des Krieges hätte ich es mir nicht zum Ziel gesetzt, im Untergang Mexikos unsere Zeit und unser Schicksal zu spiegeln, eine Art Götterdämmerung und Weltbrand, das Schreckensbild einer Kulturvernichtung, einer Kulturausrottung mit Stumpf und Stil – wie sie seit Ninives und Ilions Fall immer wieder möglich gewesen ist und wohl immer auf Erden möglich sein wird."[1]

Wer war dieser Eduard Stucken, der 1865 in Moskau geboren wurde und 1936 in Berlin starb?

Zweifellos ein Multitalent. Nach seiner Lehrzeit in Bremen studierte der Sohn eines deutsch-amerikanischen Großkaufmanns Naturwissenschaften, Philologie, Assyrologie und Ägyptologie. 1890/91 nahm er an einer Expedition nach Syrien teil, danach lebte er als freier Schriftsteller in Berlin.

Neben seiner Tätigkeit als Dichter beschäftigte er sich auch erfolgreich mit Völkerkunde, mit Religions- und sprachwissenschaftlichen Vergleichen. Im Zuge seines Studiums der Geschichte Amerikas, edierte Stucken das vorkolumbianische Drama der Maya, „Rabinal Achi“, unter dem Titel „ Die Opferung des Gefangenen“.

Heute noch fußt die komparative Wissenschaft gemeinsamer Quellen in den Mythen unterschiedlicher Völker – in der Maya- und in weiteren Kulturen – auf einem umfassenden wissenschaftlichen Werk von Eduard Stucken, den „ Astralmythen“:

„Noch ehe die Menschheit in Erz und Stein zu meißeln lernte, projizierte die mythenbildende Fantasie ihre Gestalten an das gestirnte Himmelsgewölbe. Das ist das Anfangsstadium aller Kunst, älter und primitiver als die Zeichnungen der Rentierhöhlen“ [2], heißt es darin.

Stucken trat aber auch als Zeichner hervor, als minutiöser Realist – und ungleich überzeugender – als Phantast in der Nachfolge eines E. T. A. Hoffmann.

Von Wagner kommend...

Die dreiteilige zyklische Form des Dramas, basierend auf den Festspielen im antiken Griechenland, wurde von Richard Wagner in seinem Festspiel „Der Ring des Nibelungen“ durch einen den drei Tage vorangestellten Vorabend von der Trilogie zur Tetralogie erweitert.

Der Musikdramatiker August Bungert (1846-1915), dessen Opern in Dresden, Hamburg, Köln und Berlin mit wechselndem Erfolg gespielt wurden, konzipierte eine „Homerische Welt “, op. 30: die zwei Musiktragödien „Die Ilias“ und die nachfolgenden vier Musiktragödien „Die Odyssee“ [3] sollten als insgesamt sechsteiliger Zyklus ein hellenisches Gegenstück zu Wagners nordischem „Ring des Nibelungen“ bilden.

Bungerts Sechsteiligkeit wurde überboten von Siegfried Wagner, der auch seinen Vater Richard in der Anzahl an vollendeten musikdramatischen Werken überrundete: seine 18 Opern verknüpfte er zu einem thematisch-motivischen Gesamtkosmos. Deren erste sechs sollten im Jahre 1914 im Dresdener Zirkus Sarrasani als Zyklus zur Aufführung kommen, aber dieses Projekt kam durch den Ausbruch des Ersten Weltkrieges nicht zustande.

Der Komponist Isaak Albeniz (1860 - 1909) , der Gründer der spanischen Wagner-Gesellschaft Associado Wagneriano in Madrid, plante eine Artus-Trilogie, von der er jedoch nur „Merlin“ vollendete, der erst im Jahre 2003 seine Uraufführung erlebte.

Eduard Stucken konzipierte einen elfteiligen Zyklus „Der Gral“. Die Zyklusform ist bei diesem Dichter auch im Lyrischen anzutreffen, etwa im Romanzenzyklus „Triumph des Todes“, 1911 in den „ Romanzen und Elegien“.

Ursprünglich ebenfalls als ein dramatisch zyklisches Epos plante Stucken seine Roman-Trilogie „Die weißen Götter“.

Max Reinhardt, dem Stucken es verdankte, wie eine Leuchtrakete am Dramatikerhimmel aufzusteigen, definiert nach seiner Lektüre neuer Dramen im August 1917, in einem Schreiben an seinen dramaturgischen Mitarbeiter Felix Hollaender: „Bahr hat sich an Goethe begeistert, Stucken an Wagner, Fulda an sich selbst.“ [4]

Eine emotionale Verbindung zu Richard Wagner und dessen Werken mag bei Stucken biographisch begründet sein durch das Haus Wesendonck, obgleich Stucken schreibt, „Erst sehr viel später lernte ich Wagners Noten lieben und seine Worte – nicht lieben.“ [5] Stuckens Onkel war mit Otto Wesendonck befreundet, dessen kränklicher Sohn Hans war Stuckens Spielkamerad, und so begegnete er oft Mathilde Wesendonck, die „jedes Mal an einem vergoldeten Rokoko-Schreibtisch [...] ‚dichtete’“ [6]. Und 1880 übersiedelte er mit seinem Vater sogar selbst in die Dresdener Villa Wesendonck; in Dresden besuchte er das Gymnasium.

Verschollen ist Stuckens frühe Tragikomödie „ Wieland der Schmied“ aus dem Jahre 1887, mit dem er – wie so viele seiner Zeitgenossen[7] – Wagners dramatischen Entwurf zur Ausführung brachte.

Stuckens erste Edition seiner „Balladen“, ausgestattet vom Maler Fidus, enthält das Epos-Fragment „Götterdämmerung“, eine Paraphrase auf die Götterwelt der Edda, die dem Leser jener Tage insbesondere aus Wagners Musikdramatisierung bekannt war.

Derselbe Band schlägt wiederholt den Bogen vom Buch zur Bühne. So enthält „Balladen“ ein fünfaktiges Ritterdrama „Wisegard“, welches im Jahre 1905 seine Uraufführung in München erlebte. Als „Psychoanalyse hemmlungsloser Leidenschaften“ umreißt Stuckens Biografin Ingeborg L. Carlson dieses Drama mit seinen „übernatürliche [n] Vorgängen, wie astrale [n] Liebesumarmungen“ [8].

Ästhetisch verbunden durch Fidus’ Zeichnungen, steht in den „Balladen“ neben dem Keltischen auch Fernöstliches, wie „Die Höllenfahrt der Ischtar“.

In der späteren Ausgabe seiner „Balladen“ von 1920 unterdrückte Stucken dann acht seiner Balladen der frühen Ausgabe, darunter sowohl „Wisegard“, als auch die „Götterdämmerung“ – und seltsamerweise auch „Das Weib des Intaphernes“. Da letzteres später vertont wurde, wird darauf zurückzukommen sein.

Stuckens erster „Balladen“ -Edition vorangegangen waren im Jahre 1892 Erzählungen unter dem Titel „Die Flammenbraut“. Von 1896 bis 1907 folgten in vier Bänden die „Astralmythen“. Ein indianisches, erotisches Kurzepos ist die 1901 erschienene „Hine-Moa“.

1902 erschienen Stuckens „Beiträge zur orientalischen Mythologie“, 1911 ein Band mit „Romanzen und Elegien“. 1913 folgte die wissenschaftliche Abhandlung „Der Ursprung des Alphabets und die Mondstationen“ und 1917 „Das Buch der Träume. Lieder“. Als Zeichenkünstler zu erleben ist Stucken in eigenen Publikationen der Jahre 1922 und 1923, dem „Saalecker Skizzenbuch“ und den „Grotesken. Lithographien“. 1926 veröffentlichte der Autor den in der Tektonik der Erzählweise seiner Zeit deutlich vorauseilenden Roman „Lariòn“, über die fanatische Selbstverstümmelungssekte der Skopzen.

Im Jahr darauf folgte eine wissenschaftliche Abhandlung über „Polynesisches Sprachgut in Amerika und Sumer“.

Neben dem Fortsetzungsroman „Die weißen Götter“ fanden auch Stuckens Romane „Im Schatten Shakespeares“, 1929 und „Giuliano“, 1933 eine breite Leserschaft.

1935 erschien ein Band mit den Erzählungen „Adils und Gyrid / Ein Blizzard“, 1935 eine neue Ausgabe von Gedichten und Balladen unter dem Titel „Die Insel Perdita“.

Postum erschienen sind die Erzählung „Die segelnden Götter“ 1937 und im Jahr darauf ein weiterer Band „Gedichte“.

Bevor ich zum Hauptthema dieses Vortrags komme, zu Stuckens Gralswelten, seien noch jene Bühnenwerke erwähnt, die dem Drama „Yrsa“ von 1897 und der Uraufführung von „Wisegard“ folgten und die Stuckens „Der Gral“ ergänzend umrahmten:

1908 erfolgte die Veröffentlichung von „Myrrha“; aber das moderne, psychologische Drama über einen Erfinder zwischen zwei Frauen, der ein persönliches Flugzeug für jedermann plant[9], kam erst 1920 zur Uraufführung, als Stucken bereits ein berühmter Dramatiker war.

Ebenfalls 1908 publizierte Stucken das Drama „Die Gesellschaft des Abbé Châteauneuf“, welches im Jahr darauf in Düsseldorf uraufgeführt wurde: der junge Chevalier de Villiers verliebt sich in die berühmte Kurtisane Ninon L’Enclos; als sich herausstellt, dass sie seine Mutter ist, erschießt er sich.

„Astrid“, eine Familien-Saga aus dem frühen elften Jahrhundert , wurde 1910 veröffentlicht und drei Jahre später in Berlin uraufgeführt.

Das bereits erwähnte Tanzspiel „Die Opferung des Gefangenen“ erschien im Jahre 1913; in der Vertonung von Egon Wellesz kam es 1926 in Köln erstmals auf die Bühne.[10]

„Die Hochzeit Adrian Brouwers“ ist ein Drama über einen Vagbunden und Gossenmaler im Antwerpen des frühen 17. Jahrhunderts; es erschien 1914 und wurde 1915 im Deutschen Schauspielhaus Hamburg erstmals in Szene gesetzt.

Anlässlich des 25-jährigen Jubiläums[11] des Deutschen Schauspielhauses in Hamburg, erfolgten drei Uraufführungen von kurzen Festspiel-Stücken; Eduard Stucken dichtete hierfür „Die Flamme“, ein szenisches „Gespräch über alte und neue Kunst“ [12], wie der Rezensent der Zeitschrift „Das Theater“ über die Uraufführung am 15. 9. 1925 berichtet.

In einer Auflage von nur 25 Exemplaren als Privatdruck veröffentlichte Stucken das 1922 zur Hochzeit von Paul und Margarete Schulze-Naumburg als Freilichttheater dargebotene Scherzspiel „Amors Missetat“[13].

Und schließlich wurde im Jahre 1937, ein Jahr nach dem Tod des Dichters, die bis heute unveröffentlichte Tragikomödie „Der irrende, wirrende Liebesbrief“ uraufgeführt.

[...]


[1] Eduard Stucken: Musste ich Die weißen Götter schreiben? Aufsatz. Zitiert nach Ingeborg L. Carlson: Eduard Stucken. Ein Dichter und seine Zeit. Berlin 1978, S. 9.

[2] Eduard Stucken: Astralmythen. Band 1: Abraham. Leipzig 1896, S. S. 51.

[3] August Bungert: Homersche Welt. Klavierauszug. Berlin 1896.

[4] Max Reinhardt an Felix Hollaender, Sils Maria, 15. 08. 1917. In: Hugo Fetting (Hg.): Max Reinhardt. Ich bin nichts als ein Theatermann. Briefe, Reden, Aufsätze, Interviews, Gespräche, Auszüge aus Regiebüchern. Berlin 1989, S. 128.

[5] Eduard Stucken: Personalnachrichten für das Archiv der Akademie der Künste, Berlin. Zitiert nach: Ingeborg L. Carlson: Eduard Stucken. Ein Dichter und seine Zeit. Berlin 1978, S. 25.

[6] Ebenda.

[7] „Wieland der Schmied“ komplettierten u. a. die Komponisten Max Zenger, Kurt Hösel, Edmund von Mihalovich und Paul Graener. Jan Levoslav Bella schuf mit seiner „Oper nach Richard Wagner“ die slowakische Nationaloper. Siegmund von Hausegger komponierte „Wieland der Schmied“ als Symphonische Dichtung nach Richard Wagner, als Drama gestalteten den Stoff u. a. Oscar Schlemm und Carl Vollmoeller. Zu dessen – mit Bezug auf Wagners Vorlage – den Mythos modern parodierendem „Wieland“ vgl.: Frederik Tunnat: Leben als Gesamtkunstwerk. Richard Wagner und Carl Vollmoeller. Ein biografischer Essay. Berlin 2013.

[8] Ingeborg L. Carlson. Eduard Stucken. Ein Dichter und seine Zeit. Berlin 1978, S. 40.

[9] Hier schimmert offensichtlich das frühe, verschollene Drama „Wieland der Schmied“ durch.

[10] Eduard Stucken sah darin durchaus ein mit dem Komponisten gemeinsames Kind, wie aus seinem Schreiben vom 31. 12. 1929 an Egon Wellesz hervorgeht (Deutsches Literaturarchiv Marbach/Neckar). Nach Wellesz komponierte noch Erwin Schulhoff diesen indianischen Stoff, unter dem Titel „ Xahoh-Tun“.

[11] vom 14. bis 19. September 1925.

[12] „Abends gab es dann drei für das Jubiläum geschriebene Festspielchen: ‚Flamme’ von Eduard Stucken [...]“. Dr. Carl Müller-Rastatt: Das Jubiläum des Hamburger Deutschen Schauspielhauses. In: In: Erich Köhrer (Hg.): Das Theater, Illustrierte Halbmonatsschrift, Jg. VI, Heft 20, Berlin, Oktober 1925, S. 472.

[13] Ein Exemplar und Fotos dieser Aufführung müssen sich im Stucken-Archiv befunden haben, denn sie sind heute – aus dem Nachlass des Dichters – im Besitz des Deutschen Literaturarchivs Marbach. Ingeborg L. Carlson lässt dieses Drama unerwähnt, vermutlich um nicht näher auf die anfängliche Freundschaft zwischen Stucken und Paul Schultze-Naumburg, dem Direktor der Weimarer Kunstakademie, eingehen zu müssen. Bei Carlson ist zu lesen: „Das germanisch orientierte Schönheitsideal Schultze-Naumburgs kam der Ideologie der Nationalsozialisten entgegen. Saaleck wurde in frühen zwanziger Jahren mehr und mehr zum Treffpunkt der Parteiführer. Stucken fühlte sich in Saaleck deplatziert, nicht nur der jüdischen Abstammung seiner Frau wegen. Seine Besuche wurden auch nach dem Tode Frau Anias 1924 seltener. Ein Unglück, dass die Familie Schulze-Naumburg betroffen hatte, brachte die alten Freunde menschlich wieder näher. Doch es dann zu viel zwischen ihnen, und im Jahre 1930 konnte die versöhnende Geste Stuckens, sich am Grab seiner jüdischen Frau in Saaleck nochmals zu treffen, Schulze-Naumburg kaum noch erreichen. Der Bruch war endgültig.“ (a. a. O., Seite 73 ff.)

Ende der Leseprobe aus 14 Seiten

Details

Titel
Die Gralswelt des Eduard Stucken und ihre musikalischen Folgen
Autor
Jahr
2015
Seiten
14
Katalognummer
V287747
ISBN (eBook)
9783656878964
ISBN (Buch)
9783656878971
Dateigröße
554 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
gralswelt, eduard, stucken, folgen
Arbeit zitieren
Prof. Dr. Peter P. Pachl (Autor), 2015, Die Gralswelt des Eduard Stucken und ihre musikalischen Folgen, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/287747

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