Die Bedeutung des Themenfelds Tod für Kinder und Jugendliche


Akademische Arbeit, 2006

28 Seiten, Note: 2,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Einleitung

1. Der Tod
1.1. Sterben und Tod – was ist das?
1.2. Ein Tabuthema in unserer Gesellschaft

2. Kindliche Erfahrungen mit Sterben und Tod
2.1. Sterben, Tod und Vergänglichkeit in der kindlichen Lebenswelt
2.2. Sterben und Tod in den Medien im Erleben des Kindes
2.3. Sterben und Tod eines Tieres im Erleben des Kindes
2.4. Sterben und Tod eines Verwandten im Erleben des Kindes
2.5. Sterben und Tod eines Freundes im Erleben des Kindes
2.6. Sterben und Tod von Geschwistern im Erleben des Kindes

3. Das kindliche Todeskonzept in den einzelnen Altersstufen
3.1. Kleinkinder unter drei Jahren
3.2. Kindergartenkinder zwischen drei und fünf Jahren
3.3. Grundschulkinder zwischen sechs und neun Jahren
3.4. Schulkinder zwischen zehn und vierzehn Jahren
3.5. Jugendliche

4. Schlusswort

Literaturverzeichnis und weiterführende Literatur

Einleitung

Das Thema „Tod“ beinhaltet Grundfragen der menschlichen Existenz, die im Laufe der Geschichte an Aktualität und Brisanz nicht verloren haben.

Seit einigen Jahren scheint die öffentliche Auseinandersetzung mit diesem Thema sogar noch bedeutsamer geworden zu sein. Fernsehsendungen, Bücher, Ausstellungen, die Hospiz- und Lebenshausbewegung und zahlreiche andere Beispiele zeugen davon.

Und dennoch lässt sich in der Gesellschaft im Umgang mit dem Thema „Tod“ oft eine allgemeine Sprachlosigkeit feststellen.

Diese Sprachlosigkeit verstärkt sich, wenn es darum geht, mit Kindern über dieses Thema zu sprechen.

Noch immer denken viele Erwachsene, dass „Tod und Sterben“ Kinder nicht interessieren, „dass sie noch zu klein oder vielleicht auch zu >unschuldig< sind und dass sie von solchen schweren Themen verschont bleiben sollen – frei nach dem Motto: „Das Leben ist später noch hart genug“ [1]

Die oft geäußerte Meinung Erwachsener, Kinder seien noch zu jung, um sich mit solch einer Thematik zu befassen und möglichst in einer heilen Welt aufwachsen, die von Tod und Sterben weitgehend unberührt bleibt, zeugt nicht nur von einer falschen Einschätzung der Kinder, sondern verkennt auch die Realität.

Schon kleine Kinder werden heute mit dem Thema Tod in den Medien, in der Familie und in der Gesellschaft konfrontiert. Sie trauern nach einem Todesfall genau wie Erwachsene.[2]

Doch wie können Erwachsene auf Fragen der Kinder, bezüglich Sterben und Tod, angemessen reagieren? Was können sie den Kindern antworten, teilweise verbunden mit eigener Ratlosigkeit und Unsicherheit? Sollten Kinder ein Mindestalter erreicht haben, um über das Thema sprechen zu können?

Welche Vorerfahrungen haben die Kinder mit dem Thema schon gemacht?

Welche Vorstellung hat ein Kind vom Tod?

Wie können Erwachsenen die Kinder in einer Trauersituation begleiten?

Die folgende Arbeit soll der immer noch vorherrschenden gesellschaftlichen Tabuisierung entgegenwirken, indem sie wichtige thematische Aspekte hervorhebt und darstellt, zum einen die Schwierigkeit und Schwere der Thematik offen legt.

Dieser Text soll ein Basiswissen schaffen, indem auf verschiedene Sichtweisen, gesellschaftliche Erfahrungen und verschiedene kindliche Todeskonzepte der einzelnen Altersstufen eingegangen wird.

Die Schlussbetrachtung beinhaltet eine Reflexion und Bewertung des Erarbeiteten.

1. Der Tod

1.1. Sterben und Tod – was ist das?

Die erste Herausforderung, die sich stellt, ist, ob es überhaupt möglich ist, eine ganzheitliche Antwort auf diese Frage zu geben. Können lebende Menschen, die den Tod noch nicht am eigenen Leibe erfahren haben, ihn definieren oder sogar begreifen.

So unterschiedlich die Menschen sind, so unterschiedlich ist auch der Tod. Es erlebt nicht nur jeder Mensch seinen Tod auf ganz eigene individuelle Weise, der Tod tritt auch ganz unterschiedlich in Erscheinung. Er kann als Alterstod am Ende eines langen, erfüllten Lebens stehen, so kann er aber auch junge Menschen unverhofft, radikal und katastrophal aus dem Leben reißen. Kriege, Krankheiten und Unfälle sind nur wenige Bereiche, in denen der Tod 'gewaltsam und brutal' in Erscheinung tritt.

Was der Tod für jeden einzelnen Menschen bedeutet, hängt von seinen subjektiven Empfindungen, Vorstellungen und Erfahrungen ab.

Georg Simmel unterstreicht, dass gegenüber dem Tod zwei gänzlich verschiedene Einstellungen existieren. Die eine beschreibt den Tod als etwas von außen in das Leben Eindringendes, als ein plötzlich und unerwartetes Ereignis. Die zweite Einstellung versteht den Tod als von Beginn des Lebens an dem Leben immanent und für das Leben richtungsweisend.[3]

Der Tod gehört zum Leben. Er ist die endgültige Grenze des Lebens und der Mensch weiß, im Gegensatz zum Tier, um seinen Tod, lange bevor dieser eintritt. Doch „trotz dieses Wissens […] glaubt im Grunde niemand an seinen eigenen Tod.“[4]

Doch obwohl unser eigener Tod uns so fremd erscheint, gehört er doch untrennbar zu uns. „Er bleibt […] als unser Ureigenstes das uns Fremdeste. Das macht den Tod so rätselhaft.“[5]

Da der Mensch sich, aufgrund seines Wissens um den Tod, als ein Wesen versteht, dass Zeit hat, jedoch nicht unbegrenzt Zeit hat[6], empfindet er sein Leben als unendlich wertvoll. Die Bedeutung des Lebens erwächst also unmittelbar aus der Gewissheit des Todes. Die Fragen, die der Tod bei den Menschen auslöst, stehen daher unmittelbar im Zusammenhang mit den Fragen der Menschen nach dem Sinn des Lebens. Die Frage, warum es sich zu leben lohnt, wenn am Ende des Lebens unmittelbar der Tod folgt, beantwortet wohl jeder aus seinen eigenen Erfahrungen mit dem Leben und dem Tod, verbunden mit individuellen Todesvorstellungen, Glaubensüberzeugungen und der Hoffnung auf ein Leben nach dem Tod.

Eberhard Jüngel vertritt die Meinung, dass der Tod nicht definierbar sei. Er erklärt die Undefinierbarkeit des Todes, indem er Definitionen an sich als Herrschaftsakte bezeichnet. Da alle Lebewesen sterblich sind, kann niemand behaupten, des Todes mächtig zu sein. „Wer den Tod zu definieren verstünde, wäre im Begriffe, seiner Herr zu werden. Doch das Gegenteil scheint der Fall zu sein. Nicht wir beherrschen den Tod, sondern der Tod beherrscht uns.“[7]

Da es jedoch in der menschlichen Natur liegt, herrschen und beherrschen zu wollen, gibt er sich nicht damit zufrieden, den Tod als undefiniert, unbedingt und gleichzeitig unbestimmtes Ende des Lebens zu akzeptieren.

Verschiedenste Bereiche des Lebens bedürfen, um den Umgang mit dem Tod mitten im Leben zu ermöglichen, zumindest einiger Antwortversuche auf die Frage: 'Der Tod – was ist das?'

1.2. Ein Tabuthema in unserer Gesellschaft

Seit langem wird das Thema Tod und seine Endgültigkeit von der Gesellschaft ausgeklammert, verdrängt und tabuisiert. Die dahinterstehende Einstellung kann mit dem Motto „Es lebe das Leben, es lebe die Jugend!“[8] zusammengefasst werden. Gerade die heutige Gesellschaft grenzt den Tod und Krankheit allzu oft aus dem Alltag aus, sondert diese Phänomene aus dem Bewusstsein der Lebenden aus.

Erwachsene sind stets darum bemüht, den Kindern unserer Gesellschaft ein gesundes, unbeschwertes und glückliches Leben zu ermöglichen.[9]

Das Leben der Kinder und deren heile Welt sollen vor Themen wie Tod, Leid, Trauer und Angst vermeintlich geschützt werden, indem ihnen der Zugang zu diesen verwehrt wird.[10]

Viele Eltern behaupten: „Kinder sind zu jung, um das alles zu verstehen. […]

Warum ersparen wir ihnen nicht den Kummer der Erwachsenen?“[11]

Eine Konfrontation mit dem Thema Tod ruft bei Erwachsenen häufig Gefühle der Sprach- und Hilflosigkeit und Unsicherheit hervor.

Dies sind Gefühle, die unangenehm erscheinen und verständlicherweise vermieden werden wollen. Sie bedrohen die heutige „Happy- Gesellschaft“[12], die für Leistung sowie berechenbaren und messbaren Erfolg und Konsum steht.[13]

Mit dem Beginn der Industrialisierung veränderte sich auch der Umgang mit dem Thema Tod und Sterben. Mit der Verstädterung veränderten sich auch die Lebensgemeinschaftsformen.[14] Die überwiegende Anzahl der Haushalte stellten nun Kernfamilien und nicht mehrere Generationen übergreifende Großfamilien dar; die Großeltern leben nicht mehr direkt in der Familie.[15]

Früher wurden das Sterben und der Tod von Ritualen, wie die Verbringung der Sterbezeit zu Hause, die Erfüllung letzter Dienste für den Sterbenden, die Aufbahrung des Leichnams im Hause, die Totenwache und die Totenwaschung, begleitet, die für Erwachsene und Kinder als selbstverständlich galten. Während der Sterbende von Familienmitgliedern und Verwandten fürsorglich begleitet wurde, ergab sich für diese, sich gemeinsam auf den bevorstehenden Tod vorzubereiten.

Die zahlreichen Rituale gaben Erwachsenen und Kindern ausreichend Zeit, den Tod zu realisieren.[16] Neben den direkt miterlebten Todesfällen im Familienkreis gab es viele indirekte Bezüge zu diesem Themenkreis wie Gebete, Lieder, Geschichten und Sprichwörter.[17]

In früheren Zeiten boten sich für Kinder viele Möglichkeiten, dem Tod unvoreingenommen und unbeschwert zu begegnen, sich mit ihm und seinen Folgen auseinander zu setzen, ihn zu verstehen und zu realisieren.

Im Vergleich zu damals gibt es heutzutage kaum Möglichkeiten zur Konfrontation mit dem Tod. Aufgrund veränderter sozialer Lebensweisen, Beziehungen und Familienkonstellationen hat sich ebenfalls der Umgang mit dem Sterben und Tod verändert. Rituale und Verpflichtungen, die früher Aufgabe der Familie gewesen sind, werden heute von professionellen und auf den Tod spezialisierten Dienstleistungsunternehmen wie Bestattungsunternehmen, Altenheimen und Lebenshäusern übernommen. Das Zusammenleben mit Alten, Kranken und Sterbenden wird aus dem direkten häuslichen Umfeld ausgeschlossen. In der heutigen Gesellschaft findet der Tod meist unter Ausschluss der Allgemeinheit statt. Allem Anschein soll sich durch den Tod eines Menschen niemand belästigt oder gestört fühlen. Der sozialen Ordnung soll nicht unnötig Schaden zugefügt werden.[18]

Kinder werden kaum mehr mit der Sterbekultur vertraut gemacht. Sobald das Thema Tod und Sterben angesprochen wird, werden Kinder regelrecht ausgegrenzt. Die Verdrängung des Themas Sterben und Tod in unserer Zeit hat dazu geführt, dass wir den natürlichen Zugang zu diesem Pol des Lebens verloren haben.[19] Somit reden viele Eltern nicht mit ihren Kindern über Krankheiten oder den bevorstehenden Tod eines Verwandten oder Familienangehörigen. Sie werden von Krankenhausbesuchen und Beerdigungen ausgeschlossen. Dadurch wird ihnen vermittelt, dem Erfahrungsbereich des Sterbens und des Todes nach Möglichkeit auszuweichen. Gefühle, Gedanken, Fragen und Gespräche über Sterben und Tod sollen ebenfalls vermieden werden.[20] Einige Erwachsene weichen sogar einer direkten Konfrontation mit einem sterbenden Menschen aus, zum einen aus mangelnder Erfahrung mit Sinn gebenden Ritualen und zum anderen aus der Unsicherheit heraus, wie man mit der endgültigen Trennung umgehen soll. Rituale, wie sie früher einen Sterbenden begleitet haben, werden immer seltener, obwohl gerade diese wichtig wären, um Sinnzusammenhänge und richtiges Handeln zu erkennen.[21]

[...]


[1] Hinderer, Petra/ Kroth, Martina: Kinder bei Tod und Trauer begleiten. Konkrete Hilfestellungen in Trauersituationen für Kindergarten, Grundschule und zu Hause. Reihe: Pädagogische Kompetenz, Band 3. Ökotopia Verlag, Münster 2005. S.5

[2] Vgl. Hinderer, P./ Kroth, M., 2005, S.5

[3] Vgl. Stern, Erich: Kind, Krankheit und Tod. München/Basel 1957, S.70.

[4] Arens, Veronika: Grenzsituationen. Mit Kindern über Sterben und Tod sprechen. In der Reihe: Knollmann,Roland (Hrsg.): Religionspädagogische Perspektiven. Band 19. Essen 1994 S. 24.

[5] Jüngel, Eberhard: Tod. 5 Aufl., Gütersloh 1993, S.13.

[6] Jüngel, Eberhard: Tod. 5 Aufl., Gütersloh 1993, S.26.

[7] Vgl. ebd. S.11.

[8] Spölgen, Johannes/ Eichinger, Beate: Wenn Kinder dem Tod begegnen. Fragen – Antworten aus der Erfahrung des Glaubens, Erich Wewel Verlag, München 1996, S. 17.

[9] Student, Johann-Christoph: Sterben, Tod und Trauer. Handbuch für Begleitende. Verlag Herder, Freiburg im Breisgau 2004. S.119.

[10] Franz, Margit: Tabuthema Trauerarbeit. Erzieherinnen begleiten Kinder bei Abschied, Verlust und Tod. Don Bosco Verlag München 2004. S.49.

[11] Grollman, Earl A.: Mit Kindern über den Tod sprechen. Ein Ratgeber für Eltern. Christliche Verlagsanstalt GmbH, Konstanz 1991. S.34.

[12] M. Franz, 2004, S.46.

[13] Vgl. ebd., S.46f.

[14] Vgl. J. Spölgen/ B. Eichinger, 1996, S. 17

[15] Vgl. ebd., S. 17.

[16] Vgl. Franz, Margit: Tabuthema Trauerarbeit. Erzieherinnen begleiten Kinder bei Abschied, Verlust und Tod.Don Bosco Verlag München 2004. S.49.

[17] Vgl. Spölgen, Johannes/ Eichinger, Beate: Wenn Kinder dem Tod begegnen. Fragen – Antworten aus der Erfahrung des Glaubens, Erich Wewel Verlag, München 1996, S. 17.

[18] Vgl. M. Franz, 2004, S. 51f.

[19] Specht-Tomann, Monika, Tropper, Doris: Wir nehmen jetzt Abschied. Kinder und Jugendliche begegnen Sterben und Tod. Patmos Verlag GmbH & Co. KG Düsseldorf 2004, S. 9.

[20] Vgl. Franz, Margit: Tabuthema Trauerarbeit. Erzieherinnen begleiten Kinder bei Abschied, Verlust und Tod.Don Bosco Verlag München 2004. S.49.

[21] Vgl. M. Franz, 2004, S. 53.

Ende der Leseprobe aus 28 Seiten

Details

Titel
Die Bedeutung des Themenfelds Tod für Kinder und Jugendliche
Hochschule
Westfälische Wilhelms-Universität Münster
Note
2,0
Autor
Jahr
2006
Seiten
28
Katalognummer
V288355
ISBN (eBook)
9783656884972
ISBN (Buch)
9783656906032
Dateigröße
444 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Tod, Kinder, Pädagogik, Aufarbeitung, Eltern
Arbeit zitieren
Marcel Stempel (Autor), 2006, Die Bedeutung des Themenfelds Tod für Kinder und Jugendliche, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/288355

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