Die Suche nach der vollkommenen Sprache und die Welthilfssprache Esperanto


Hausarbeit (Hauptseminar), 2010
15 Seiten, Note: 14

Leseprobe

"Die Utopie einer vollkommenen Sprache hat nicht nur die europäische Kultur umgetrieben." Gleich im ersten Satz seines Resümees über die langjährige Entwicklung der Suche nach einer idealen Sprache zeigt der italienische Schriftsteller und Semiotiker Umberto Eco seine tiefe Skepsis gegenüber dem Traum vieler Sprachwissenschaftler und Philosophen. Dennoch lässt sich die Frage stellen, warum jegliches Projekt einer Idealsprache, sei es nun durch die Suche nach einer adamitischen Ursprache oder die Schaffung eines neuen Kommunikationsmittels, zum Scheitern verurteilt war und ob es nicht doch eine weltumfassende Sprache geben könne, die nicht nur als Welthilfssprache dient, sondern andere Sprachen überflüssig werden lässt. Schließlich hat es auch die wohl bekannteste Plansprache, das Esperanto, zu einer angesehenen Sprecherzahl gebracht, darunter Linguisten, Naturwissenschaftler und philosophische Fürsprecher, die trotz aller Skepsis gegenüber der Vorstellung einer Universalsprache zugeben müssen, dass "das Esperanto funktioniert." (Antoine Meillet, vgl. Umberto Eco: Die Suche nach der vollkommenen Sprache, S. 330).

Zur Beantwortung dieser zentralen Frage der Sprachtheorie, die sich ebenso auf philosophische wie auf politische Diskussionen ausgewirkt hat und die von unzähligen Linguisten und Philosophen vom antiken Griechenland bis in die Moderne bearbeitet wurde, werde ich mich im Folgenden mit dem Werk „Die Suche nach der vollkommenen Sprache“ von Umberto Eco beschäftigen und die zentralen Grundgedanken wiedergeben, wobei ich der skeptischen Haltung Ecos besondere Bedeutung zukommen lasse. Im Zuge seiner Beschäftigung mit den Welthilfssprachen werde ich mich auch genauer mit dem ebenfalls im Werk enthaltenen Esperanto beschäftigen und dessen Konstruktionsprinzipien und Abgrenzung von den Universalsprachen kurz darstellen.

Abschließen werde ich mit einer kurzen Stellungnahme zu Ecos Argumentation und den Verbreitungsmöglichkeiten einer Universalsprache im Allgemeinen.

Umberto Eco, geboren 1932 in Italien und bekannt geworden vor Allem durch seinen Roman „Der Name der Rose“, stellt in seinem 1993 entstandenen Werk „La ricerca della lingua perfetta nella cultura europea“, das im deutschsprachigen Raum unter dem Titel „Die Suche nach der vollkommenen Sprache“ veröffentlicht wurde, die Evolution eines zählebigen Traums der Philosophen und Linguisten dar. In insgesamt 17 Kapiteln, davon einem abschließenden und unter dem Stichpunkt „Konklusionen“ gefassten, bearbeitet der italienische Sprachwissenschaftler die seiner Meinung nach utopische Suche nach einer perfekten Sprache, die zudem in vielen Fällen als Universalsprache aller Menschen dienen sollte. Beginnend mit einigen Zitaten, unter Anderem von Herodot und Gottfried Wilhelm Leibniz, verdeutlicht Eco die zeitliche Reichweite seines Themas und die durchaus kontroversen Meinungen über die Möglichkeiten zur Verwirklichung des Traumes einer vollkommenen Einheitssprache, um anschließend sein Thema einzuschränken. So gibt der Semiotiker an, dass es sich bei der Ursache der Sprachvielfalt und der Entdeckung einer gemeinsamen Sprache nicht um ein rein europäisches Thema handele, dass aus Gründen des Umfangs aber lediglich die in Europa verfassten Theorien Platz in seinem Werk finden könnten. Zudem werde er einigen über die Idee der Idealsprache hinausgehende Bereichen, wie den Sprachursprung und die Suche nach einer universalen Grammatik nur dann Beachtung schenken, wenn sie unmittelbar mit dem von ihm gewählten Thema korrelieren.

Auch die Bereiche der fantastischen Sprachen, der Jargons und der Fachsprachen, die für ihren Zweck eine gewisse Perfektion erreichen, aber keine kompletten Sprachsysteme darstellen, werde Eco nicht bearbeiten, sodass er seinen Themenbereich auf die seiner Meinung nach wichtigsten europäischen Theorien zur Sprachverwirrung, zur Realisierung der Universalsprache und zu den Thesen zur vollkommenen Sprache beschränkt. Letztere seien dabei unterteilbar in Theorien artifizieller und als universal einsetzbar geplante Sprachen und die Suche nach einer ursprünglichen Sprache, die vor der confusio linguarum von allen Menschen gesprochen wurden sei.

Die von Philosophen und Wissenschaftlern aller Art entwickelten künstlichen Sprachen seien dabei mit unterschiedlicher Zielsetzung geschaffen, während die Suche nach einer Ursprache in vielen Fällen zu einem nationalpolitischen und religiösen Streitthema wurde. Künstliche Sprachen seien entweder funktional, um bestimmte Ideen unmissverständlich auszudrücken, was durch eine Vollkommenheit der Struktur erreicht werde, universal, um allgemeine Verständlichkeit zu erreichen, was meist durch einen aposteriorischen Akt der Sprachensynthese ermöglicht werde, oder vollkommen in ihrer Praktikabilität, so wie die später im Werk umfassend beschriebenen Polygraphien, die die Entschlüsselung und Übersetzung jeder Sprache möglich machen würden. Zunächst beschäftigt sich der Autor aber mit den wesentlich älteren Theorien zur Entstehung der Sprachenvielfalt durch die „confusio linguarum“ und die Wiederentdeckung der verlorenen Ursprache und geht von dort aus relativ chronologisch, mit einigen Vor- und Rückgriffen, sowie Querverweisen bis zu den in der Moderne entstandenen Plansprachen weiter.

Umberto Eco beginnt den Hauptteil nun mit einer Erläuterung der biblischen Geschichte der Zerstörung des Turms zu Babel, mit dem die Menschen versuchten sich auf eine Stufe mit Gott zu stellen, von diesem für ihre Selbstüberschätzung aber mit der Sprachverwirrung bestraft wurden, sodass ein erneuter Turmbau nicht möglich wäre. Die einstige Ursprache, die Gott an Adam weitergegeben hatte, damit dieser die Tiere und Gegenstände der Welt nach ihrem Wesen benennt, ging dadurch verloren und die Sprachenvielfalt setzte ein, die für viele Sprachtheoretiker eine Wunde darstellt, die sie zu schließen suchen. So wird in den ersten Theorien zur vollkommenen Sprache nicht nur eine Verständigung gesucht, die universal für alle wäre, sondern eine, die zudem eine, die alle Gegenstände „bei ihrem Namen“ (Eco 1993: 22) nennt und somit als perfekt anzusehen ist. Unter dem Begriff der Wiederherstellung der adamitischen Sprache ist dennoch keine homogene Vorstellung zu finden, da die Meinungen der Linguisten über die Ursprache weit auseinander gehen und selbst die biblische Quelle sich im Zeitpunkt der Entstehung der Sprachvielfalt widerspricht. So wird einerseits die Zerstörung des Turms zu Babel und die anschließende Strafe Gottes als Ursprung der Aufspaltung einer Ursprache gesehen, andererseits wird auch in Genesis 10, also dem vorangegangen Kapitel, in dem die Geschichte der Söhne Noahs erzählt wird, von unterschiedlichen Sprachen gesprochen. So hätten sich also auch vor der confusio linguarum verschiedene Sprachen ausdifferenziert, eine Ursprache sei demnach gar nicht, oder noch früher in der biblischen Geschichte zu finden. Dennoch wird zunächst von vielen Sprachtheoretikern Babel als Ursache der Sprachverwirrung gesehen und die Widersprüche, die Eco hier anführt, wurden in früheren Theorien schlichtweg nicht beachtet, was sich auch darin zeigt, dass die Geschichte Babels, trotz ihrer Kürze von nur neun Versen, eine der bekanntesten biblischen Erzählungen darstellt, die schließlich sogar namensgebend für die Babylonische Sprachverwirrung ist. So erstreckt sich die Illusion einer Ursprache, die nach Babel verloren ging, über das Mittelalter und die Idee des „volgare illustre“ des italienischen Dichters Dante Alighieri, der im weiteren Verlauf des Werkes noch umfangreicher behandelt wird, bis ins siebzehnte Jahrhundert, wenn man langsam beginnt die Widersprüche zu entdecken und die Sprachvielfalt aus anderen Ursachen zu erklären sucht. Erst im 18. und 19. Jahrhundert kommt es, vor Allem durch Georg Friedrich Hegel aber zu einer Neubewertung Babels, das schließlich als etwas positives gesehen wurde. In der Antike und dem Mittelalter aber wurde Babel größtenteils als ein gescheiterter Versuch der Gleichstellung mit Gott gesehen, dessen Strafe die Zerstörung der einheitlichen Ursprache war.

Schon vor der christlichen Theorie der adamitischen Ursprache aber gab es philosophische Untersuchungen zu einer vollkommenen Sprache, die vor allem aus dem antiken Griechenland stammen. So sahen die griechischen Philosophen ihre Sprache als die einzige Sprache der Vernunft, während alle anders Sprechenden als Barbaren bezeichnet wurden. An diesen Theorien, so Eco, ließe sich aber kritisieren, dass das eigentliche Einheitsgriechisch aber erst durch die Eroberungen Alexanders des Großen entstand und es vorher viele Varianten des Griechischen gab, die keineswegs als eine Sprache der Vernunft anzusehen wären, allenfalls hat man es hier also mit verschiedensten Abwandlungen einer Sprache der Vernunft zu tun.

Neben dieser Frage nach der vollkommenen Sprache entstanden in Griechenland aber, vor allem durch Platon bereits linguistische Untersuchungen, die die auch in späteren sprachwisenschaftlichen Theorien wichtige Frage nach der Herkunft der Worte stellt. So ist Platon, ebenso wie einige weitere Generationen von Philosophen und Linguisten uneinig darüber, ob die Worte durch die natürlichen Eigenschaften der zu benennenden Dinge vorgegeben werden, oder ob sie nur in konventioneller Übereinkunft entstehen könnten. Sowohl Platon als auch die frühen christlichen Geisteswissenschaftler sehen vielfach eine Benennung nach natürlichen Eigenschaften, allerdings glauben diese, dass die Namensgebung in der verloren gegangenen adamitischen Ursprache geschah.

Während die griechischen und auch viele römische Denker das Griechisch als Sprache der Vernunft sahen, entwickelte sich das Latein zunehmend zur Weltsprache, das sich durch die Eroberungen der Römer in weiten Teile Europas und bis nach Ägypten durchsetzt. Erst im zweiten Jahrhundert n.C. setzt sich schließlich die Meinung durch, auch die barbarischen Sprachen könnten „eine harmonische Totalität der Erfahrung“ (Eco, 1993, 96) beinhalten, wie sie bis zu diesem Zeitpunkt nur im Griechischen und allenfalls im Lateinischen gesehen wurde. Das Latein hielt sich dennoch weiter als die wichtigste und hauptsächlich gesprochene Sprache, selbst nach Entwicklung des Christentums, dessen Anhänger oftmals im Hebräischen die Ursprache sahen.

Die Suche nach einer „allen Menschen gemeinsame[n] Sprache, deren Zeichen nicht Wörter sind, sondern die Dinge selbst“ (Eco 1993, 28) wird aber, besonders durch den christlichen Gelehrten Augustinus von Hippo, der eine unzweifelhafte Transkription der heiligen Schrift suchte, immer wichtiger. Zwar sah auch er das Hebräische als die Ursprache, er verspürte aber, anders als andere Gelehrte seiner Zeit, nicht den Drang einer Wiederauferstehung dieser Sprache, die nur noch von wenigen verstanden wurde, sondern dachte laut Eco an eine neue Universalsprache, die von Allen verstanden wurde und somit auch zur Verbreitung der christlichen Wahrheit die am besten geeignetste Sprache sei. Durch den raschen Zerfall Roms im fünften Jahrhundert nahm die Sprachenvielfalt aber erst wirkliche Ausnahmezustände an. Hatte man vorher zwar einige barbarische Sprachen, die neben dem Latein existierten, bildeten sich nun etliche Volkssprachen heraus, die nach Eco „Europa zunächst als ein Babel von neuen Sprachen“ (Eco 1993, 32) erschienen lassen mussten, das zunächst durch sprachlichen Zerfall, dann erst durch die neue nationale Vielfalt gekennzeichnet war. Zwar blieb das Latein weiterhin die Sprache der christlichen Religion, die Spaltung der, laut Dante künstlichen Universalsprache Latein konnte aber auch das Christentum nicht verhindern.

Dieser stellt die neu herausgebildeten Volkssprachen als die natürlicheren Sprachen dar, während das Latein zwar nahezu überall verstanden wurde, aber eine artifizielle und „von Regeln beherrschte Sprache“ (vgl. Eco 1993, 48).

Neben Dantes Gegenüberstellung, die von Eco in einem späteren Kapitel einer genaueren Analyse unterzogen wird, hebt der Zerfall der lateinischen Universalsprache und die Zukunftsvision einer erneuten Sprachverwirrung aber die Suche nach der adamitischen Ursprache, oder aber die Schaffung einer neuen allgemeingültigen Sprache auf ein neues Level. Die Entstehung vieler Theorien zur Universalsprache lassen sich also als Nebenwirkungen des römischen Niedergangs und der politischen Spaltung charakterisieren und aus deren Scheitern ließen sich, so Eco, die durchaus positiven Aspekte der natürlichen Sprachen ableiten. An dieser Stelle wiederholt Eco zwar, dass er die aufgestellten Theorien zur Universalsprache für eine Utopie hält, er sieht aber dennoch einige positive Aspekte dieser Suche nach einer vollkommenen Sprache.

Die natürliche Sprache, die sich nach dem hjelmsslevschen Modell des dänischen Linguisten Louis Hjelmslev zusammensetzt aus der Ausdrucksebene, die aus Wortschatz, Syntax und Phonologie besteht und aus der Inhaltsebene, die die Gegenstände in der Welt beinhaltet impliziert eine gewisse Weltsicht und umfasst demnach nicht alle denkbaren Sätze. Eine vollkommene Universalsprache hingegen muss alle Gegenstände und Handlungen unmissverständlich benennen können und somit alle Weltsichten einschließen- weshalb sie in Ecos Augen als Utopie zu betrachten seien.

Zudem seien die natürlichen Sprachen dadurch gekennzeichnet, dass die Masse der Ausdrücke arbiträr sei, also durch Konventionen festgelegt und nicht natürlich durch die Eigenschaften der Gegenstände die sie benennen. Die vollkommenen Sprachen hingegen, so Eco, würden eine unmöglich realisierbare Korrelation von Zeichen und Gegenstand voraussetzen. Ein weiteres Manko der Plansprachen sei laut Eco auch, dass sie die Nebenerscheinungen der natürlichen Sprachen, wie Gesten, Mimik und Tonfall nicht zwingend mit einschließe, da sie auf eine Vollkommenheit der sprachlichen Ausdrücke setze, allerdings sei es nicht möglich für jedes Gefühl und jede Handlung einen adäquaten Ausdruck zu finden, sodass die Suche nach einer vollkommenen Sprache stets scheitern müsse.

Neben der Entstehung der Volkssprachen und der damit verbundenen Suche nach einer neuen Universalsprache die das politisch gespaltene Europa wiedervereinigen könnte setzen sich auch immer mehr mystische Sprachtheorien durch, allen voran die jüdisch-kabbalistische Pansemiotik. Als textliche Grundlage dient hier selbstverständlich die Torah, die der Kabbalist auf unterschiedliche Art dechiffriert, um daraus verschiedene Bedeutungen herauszulesen. Daraus ergibt sich die Erkenntnis, dass aus einem endlichen Alphabet durch die Methode der Kombinatorik nahezu unendlich viele Worte hervorgebracht werden können, wodurch die Sprache für den Kabbalisten ein „Universum an sich“ (Eco 1993, 43) bilden würden.

Auch für den Kabbalisten gilt das Hebräische als die Ur-Muttersprache und so schreibt der kabbalistische Gelehrte Abraham Abulafia im 13. Jahrhundert, dass die 22 hebräischen Laute „notwendig zur Schaffung aller anderen Sprachen“ (vgl Eco 1993, 46) seien. Das als heilige Sprache angesehene Hebräisch wird dann laut Abulafia wieder die vollkommene Universalsprache, die es vor der babelischen Sprachverwirrung war, wenn der Messias die Kabbala-Geheimnisse aufdeckt und so die Sprache Gottes seiner Bestimmung zukommen lässt.

Ebenso wie Abulafia, glaubte auch der italienische Dichter Dante an einen gemeinsamen Intellekt der Menschen, der außerdem zu einer gemeinsamen „Gabe der Sprache“ (Eco 1993, 60) führt. In seinem Werk „de vulgara eloquentia“ beschreibt er 1303, laut Eco als erster christlicher Denker des Mittelalters, die Möglichkeiten einer vollkommenen Sprache, die seiner Meinung nach eine poetische Sprache sein müsse, da nur diese die Nähe zu den Gegenständen wieder bringen könne, die nach Verlust der adamitischen Ursprache ebenfalls verloren ging. Zu diesem Zweck stellt er, wie bereits erwähnt, das Latein und die Volkssprachen gegenüber und sieht für seine Zwecke die Volkssprachen als die edlere Kommunikationsmöglichkeit, die allerdings in Dialekte zerfallen war und so, nach Ecos Meinung, keine Möglichkeit bestand eine Universalsprache daraus zu bilden. Ein wichtiger Punkt seiner Arbeit, den auch Eco an dieser Stelle lobend erwähnt, ist, dass Eco bereits in diesem frühen Text die Möglichkeiten des Sprachwandels sieht, der sich von einzelnen Sprechern unabhängig vollzieht, sodass Dante zu einem Schluss kommt, der für die gesamte Linguistik ein wichtiges Grundprinzip darstellt: Die Unterscheidung der Sprache (bei ihm lingua) und des konkreten Sprechaktes (bei ihm locutio). Allerdings, so merkt Eco an, widerspricht sich Dante in seinen Ausführungen mehrfach, da er einerseits zwar das Hebräische als Ursprache sieht, die durch die Zerstörung Babels in mehrere Sprachen zerbrochen ist, andererseits aber nur ein Sprachvermögen als Ursprünglich herausstellt.

Auch die damals beginnende Diskussion über die Universalgrammatik scheint Dante bekannt gewesen zu sein, in der die „Modisten“, deren wichtigster Vertreter Boethius von Dacien war, die These vertraten, dass jeder Sprache zu Grunde liegende Universalien den Gebrauch der Sprache regelten und so ist es für Eco auch bewiesen, dass „Dante an eine universale Grammatik denken konnte“ (Ec 1993, 57), wenn er von der der „Wiederherstellung jener paradiesischen forma locutionis“ (ebd.) träumte. Dante habe also, ebenso wie die Modisten, daran gedacht, dass jedem Menschen dieselben grammatischen Grundgedanken natürlich angeboren seien und dass diese sich demnach in jeder Sprache wiederfinden würden. Zwar habe Dante nicht von der Wiederauferstehung einer antiken Sprache geträumt, eine neue künstliche Sprache, das „volgare illustre“, sei aber dazu geeignet die Verwundung Babels rückgängig zu machen, indem es aus den Universalien und einer poetischen Sprache aufgebaut sei.

Dante sei somit als einer der ersten christlichen Sprachphilosophen anzusehen, der nicht eine adamitische Ursprache wiederentdecken, sondern eine neue Sprache erschaffen wollte, zu dessen Vorbild er sich dabei selbst macht.

Ebenso wie Dante hatte auch der aus Katalonien stammende christliche Gelehrte Ramon Llull im ausgehenden 13. Jahrhundert das Ziel eine Sprache zu schaffen, wobei seine kombinatorische Sprachkunst die christliche Wahrheit propagieren und somit Ungläubige bekehren sollte. Seine Idee der „Ars Magna“, die aus mathematischen Kombinationen auf der Ausdrucks- und den allen gemeinsamen Ideen auf der Inhaltsebene bestand, sollte dabei besonders leicht zu erlernen sei, da sie nur wenige Buchstaben und Figuren beinhaltete, und trotzdem durch Permutation, Disposition und Kombination unendliche Möglichkeiten haben sollte. Allerdings, so die Meinung Ecos, seien Rückschlüsse auf Aussagen oft nur durch das bereits vorhandene Weltwissen möglich, sodass das eigentliche Ziel der kombinatorischen Sprache, die Verbreitung des christlichen Wissens, nicht gelingen konnte.

Zwar gelingt es Llull mit nur wenigen Sätzen, die in bestimmten Mustern kombiniert werden können, ein eingängiges Sprachsystem aufzustellen, damit „auf Basis der universalen Vernunft zu überzeugen“ (Eco 1993, 76), so wie es der Katalane geplant habe, sei aber nicht möglich. Trotzdem wird Llull später aber von Guillaume Postel und Gottfried Wilhelm Leibniz wieder aufgegriffen, die ebenso nach einer Sprache suchten um die christlichen Ideen zu verbreiten. Leibniz kritisiert dabei aber richtigerweise, dass Llullus zwar Wiederholungen der Sätze in seiner Kombinatorik zulasse und dass sie auch „Kombinationen hervorbringen [würde], die der klare Verstand zurückweisen muß (sic!)“ (S. 73), die Möglichkeiten einer solchen mathematisch-kombinatorischen Sprache aber ungenutzt blieben.

Ein weiterer Teil des Projektes war der arbor scientiarum, den Llull aufstellte, um das Wissen in einem streng hierarchisierten System zu ordnen, da er nicht an eine feie Kombinatorik dachte, sondern stets einen Syllogismus vor Augen hatte, also ein System in welchem jede Tatsache aus einem anderen Wissensbestand abgeleitet wird. Eco kritisiert an dieser Stelle aber folgerichtig, dass somit die Kombinationskunst kein neues Wissen hervorbringen könne und „keine Enthüllungsmechanik“ (Eco 1993, 80) sei. Llulls Sprache verkommt somit regelrecht zu einer bloßen Ordnung des Wissens, womit es trotz der offensichtlichen Ähnlichkeit auch von der kabbalistischen Methode der Kombinatorik abzugrenzen sei, die in den Texten der Thora neue Wissensbestände ersuchte. Im Endeffekt schließt sich Eco an dieser Stelle mehr oder minder Leibniz Kritik an und kommt zu dem Schluss, dass Llulls System nicht als vollständige Sprache, sondern als ethnozentrisch-christliche Wissensorganisation zu sehen sei. Trotzdem schafft es Llull eine sprachliche Kombinatorik aus mathematischen Grundsätzen zu erschaffen, die mehrfach rezitiert wird. So greift schon Nikolaus von Ces etwa zwei Jahrhunderte darauf Llulls Idee einer allgemeinen Sprache der Wahrheit wieder auf und stimmt diesem zu, in dem er eine universale Sprache als Brücke zwischen Religionen bezeichnet. Dabei denkt er allerdings mehr daran, die Ungläubigen zu bekehren, sodass sie „mit der christlichen Wahrheit übereinstimmen“ (Eco 1993, 83), als die Religionen in Dialog treten zu lassen.

Eco liefert nun, im Zuge der genaueren Analyse der monogenetischen Hypothese, einen kurzen Einschub, in dem er seine bisherigen Kritiken zusammenfasst. Zunächst einmal wurde seiner Meinung nach nicht klar genug zwischen vollkommener und universaler Sprache unterschieden, da beide zwar möglicherweise aufeinander hinauslaufen sollen, dies aber nicht in jedem Fall tun müssen. Zudem sei auch zwischen „ursprünglicher Sprache und universaler Grammatik“ (Eco 1993, 85) keine klare Grenze gezogen wurden und beides werde vielfach als ähnlich, oder sogar gleich gesehen. Auch die Trennung von Laut und Buchstabe sei, so Eco weiter, in vielen Fällen nicht gegeben in denen, ohne auf grammatische Strukturen zu sehen, Nomenklaturen in unterschiedlichen Sprachen gesucht wurden, die eine allgemeine Ursprache beweisen sollte.

Eco widmet sich nun erneut den Theorien die das Hebräische als Ursprache sahen und die die adamitische Ursprache im 16. und zu Beginn des 17. Jahrhundert wieder zu verbreiten gedachten. Guillaume Postel, der nicht nur Llulls Kombinatorik wieder aufgreift, sondern auch die Geschichte des Hebräischen aus seiner Sicht neu interpretiert, wird dabei zu einem der frühen Vertreter dieser lobenswerten Schätzung des Hebräischen als die eigentliche Ursprache.

[...]

Ende der Leseprobe aus 15 Seiten

Details

Titel
Die Suche nach der vollkommenen Sprache und die Welthilfssprache Esperanto
Hochschule
Justus-Liebig-Universität Gießen
Veranstaltung
Einführung in das Studiengebiet Sprache
Note
14
Autor
Jahr
2010
Seiten
15
Katalognummer
V288647
ISBN (eBook)
9783656888192
ISBN (Buch)
9783656888208
Dateigröße
572 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
suche, sprache, welthilfssprache, esperanto
Arbeit zitieren
Philip Neuß (Autor), 2010, Die Suche nach der vollkommenen Sprache und die Welthilfssprache Esperanto, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/288647

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