Magersucht als Verhaltensstörung


Vordiplomarbeit, 2003
35 Seiten, Note: 1

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Verhaltensstörungen
2.1 Begriffsklärung
2.2 Definition
2.2.1 Ausmaß
2.3 Erscheinungsformen
2.4 Ursachen und Maßnahmen
2.4.1 Das „Drei-Phasen-Modell“
2.4.2 Das „Ökologische Modell“

3. Magersucht
3.1 Begriffsklärung
3.2 Definition
3.2.1 Ausmaß
3.2.2 Verlauf
3.3 Symptomatik
3.3.1 Somatische Begleiterscheinungen
3.3.2 Psychisches Erscheinungsbild
3.3.3 Verhalten Magersüchtiger
3.4 Ursachen und Maßnahmen
3.4.1 Überlegungen zu einem identitätsorientierten Ansatz
3.4.2 Soziokulturelle und gesellschaftliche Ansätze

4. Diskussion: Magersucht als Verhaltensstörung
4.1 Übereinstimmungen
4.2 Abweichungen

5. Aufgabe der Pädagogen

6. Fazit

Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Magersucht ist ein in unserem Kulturkreis weit verbreitetes Phänomen, das von Wissenschaft und Publizistik inzwischen in einer Fülle von Literatur behandelt wird. Oft jedoch scheint es, als fänden die unterschiedlichen Ansätze aus Medizin, Soziologie, Psychologie und Pädagogik kaum mehr eine gemeinsame Sprache. Dies wird deutlich wenn man sich die unterschiedlichen Zuordnungen des Störungsbildes vor Augen führt.

In der Literatur wird Magersucht vornehmlich als eine psychosomatische oder psychische Krankheit dargestellt. Baeck (1994) beschreibt Magersucht als eine „psychosomatische Erkrankung, bei der Körper und Seele aufeinander reagieren und in der Folge zwanghafte mit Körperverlust einhergehende Verhaltensweisen beim Essen bewirken“ (S. 8). Gerlinghoff (1990) ist ebenfalls der Ansicht, Magersucht trete als psychosomatische Erkrankung in Erscheinung, wobei sich die offenbar zugrundeliegenden psychischen Probleme in organischen Symptomen und abweichenden Verhaltensweisen äußern (S. 16). König (1991) dagegen ordnet Magersucht den psychoneurotischen Störungen zu (vgl. Pierro 1995, S. 10).

Seltener wird Magersucht als eine Verhaltensstörung definiert. Nach Myschker (1990) beinhalten Verhaltensstörungen auch psychophysische Störungen, zu denen er die Magersucht zählt (S. 352 f.). Auch Vernooij (1987) begreift Magersucht als eine Verhaltensstörung und definiert sie als „eine psychische Störung des Wahrnehmens, Erlebens und Verhaltens, die im Überschneidungsfeld von Sonderpädagogik und Medizin anzusiedeln ist“ (S. 69). Nach dem Klassifikationssystem psychischer Störungen (ICD-10) wird Magersucht unter dem Kapitel „Verhaltensauffälligkeiten in Verbindung mit körperlichen Störungen und Faktoren“ (F5) aufgelistet (vgl. Dilling et al. 2000, S. 38 und 135).

Die Literaturrecherchen ergeben keine eindeutige Antwort auf die Frage der Zuordnung der Magersucht. Ist sich die Wissenschaft nicht einig über eine klare Klassifikation ? Oder teilen die Wissenschaftler doch alle die Meinung, dass es sich bei Magersucht vorrangig um eine psychische Störung handelt, deren Symptome z.T. in einem von der Norm abweichenden Verhalten der Betroffenen zu erkennen sind? Oder kann Magersucht selbst als eine Verhaltensstörung definiert werden?

Diese offenen Fragen sowie ein großes eigenes Interesse am Thema der Essstörungen haben mich dazu bewegt, diese Arbeit zu schreiben, in der es mir darum geht, Belege, d.h. Kriterien heraus zu arbeiten, die dafür sprechen, dass Magersucht eine Verhaltensstörung ist. Anschließend soll diskutiert werden, ob dieser Verhaltensstörung mit pädagogischen Maßnahmen entgegengewirkt werden kann.

Die Basis meiner Überlegungen zu den Verhaltensstörungen sind vor allem die Ausführungen von Myschker (1999), in denen er Magersucht eindeutig den Verhaltensstörungen zuordnet und somit meiner Fragestellung nahe kommt.

Im ersten Teil meiner Arbeit werde ich die Definitionskriterien, die Erscheinungsformen und die Ursachen von Verhaltensstörungen darstellen.

Im weiteren folgt eine Darstellung der Magersucht, sowie deren Ursachen. Im Rahmen der vorliegenden Arbeit werde ich keine detaillierte Darstellung der einzelnen Erklärungsansätze und Therapiemodelle ausführen, sondern mich auf die für meine Arbeit relevanten Aspekte beschränken.

Abschließend diskutiere ich anhand der vorliegenden Fakten, ob Magersucht als eine Verhaltensstörung definiert werden kann und ob ihr mit pädagogischen Maßnahmen entgegengewirkt werden kann.

Der Einfachheit halber und um eine bessere Lesbarkeit dieser Arbeit zu gewährleisten werde ich in dieser Arbeit bei allgemeinen Formen die maskuline Form verwenden.

2. Verhaltensstörungen

Da Verhaltensstörungen eine komplexe Problematik darstellen sind sie begrifflich und definitorisch nur annäherungsweise zu fassen. Dennoch halte ich es für notwendig, die Begrifflichkeiten näher zu bestimmen.

2.1 Begriffsklärung

Auffälliges bzw. gestörtes Verhalten bei Kindern und Jugendlichen wird unterschiedlich beschrieben.

Begriffe wie Erziehungsschwierigkeit und Schwererziehbarkeit gelten heute als zu eng auf die Erziehungssituation bezogen und werden wegen ihrer Einseitigkeit abgelehnt (vgl. Hillenbrand 2002, S. 29f.).

Heute finden die Begriffe Verhaltensauffälligkeit und Verhaltensstörung, die als Synonyme gelten, am häufigsten Verwendung.

Der Begriff Verhaltensauffälligkeit gilt zwar als wertneutral, ist jedoch aus verschiedenen Gründen nicht geeignet. An ihm wird kritisiert, dass nicht alle Kinder und Jugendliche, die unter beeinträchtigenden Problemen leiden, durch ihr Verhalten auffallen. Ängstliche, gehemmte Kinder und Jugendliche z.B., die unter Problemen leiden, fallen häufig mit ihrem Verhalten nicht auf. Ebenso müssen nicht alle Kinder und Jugendliche, die durch ihr Verhalten auffällig sind, ernste und andauernde Probleme mit sich oder ihrer Umwelt haben. Z.B. können sehr begabte oder fröhliche Kinder zwar durch ihr Verhalten auffallen, müssen jedoch nicht zwangsläufig Probleme haben. Außerdem scheint jeder Mensch in bestimmten Situationen ein auffälliges Verhalten zu zeigen, wie z.B. in angetrunkenen, übermüdeten oder überarbeiteten Zustand. Der Begriff Verhaltensauffälligkeit gilt somit als zu allgemein, zu mehrdeutig und somit als Oberbegriff in der Wissenschaft als nicht geeignet (vgl. Myschker 1999, S. 38).

Die größte Verbreitung in der wissenschaftlichen Diskussion hat, trotz einiger Einwände, als zu entwertend zu gelten, der Begriff Verhaltensstörung gefunden. Laut Myschker beschreibt dieser Begriff die Situation am treffendsten. Außerdem dient er der interdisziplinären und internationalen Kommunikation, da er in anderen Sprachen gut zu übersetzen ist und in der Heilpädagogik, in der Psychologie sowie in der Kinder- und Jugendpsychiatrie einheitliche Verwendung findet (vgl. Myschker 1999, S. 38ff.).

1950 wurde der Begriff Verhaltensstörung auf dem 1. Weltkongress für Psychiatrie in Paris als Sammelbegriff für alle „Abwegigkeiten und Handlungen und Haltungen von den einfachsten ‚Ungezogenheiten’, dem Ungehorsam, dem Jähzorn, den Tics, den Eß- und Schlafstörungen bis zu den schwersten Formen der Verwahrlosung und Kriminalität“ international geprägt (Wiesenhütter 1964, zit. n. Myschker 1999, S. 38).

Es besteht Einigkeit den Begriff nicht als Wertung einer Person, ihrer Charaktereigenschaften und Persönlichkeit zu verstehen, sondern ihn als zusammenfassende Kennzeichnung von Verhaltensweisen zu verwenden. Demzufolge sollte eher die Formulierung ’Kinder mit Verhaltensstörungen’ Verwendung finden als die Bezeichnung ’verhaltensgestörte Kinder’. Die gemeinten Kinder und Jugendlichen sind häufig fröhlich, intelligent, sensibel etc. Sie zeigen zwar auch Verhaltensstörungen, sind deshalb jedoch nicht als (nur) ’verhaltensgestört’ zu typisieren. Somit wird der Bezeichnung ’Pädagogik bei Verhaltensstörungen’ gegenüber jener der ’Verhaltensgestörtenpädagogik’ der Vorzug gegeben (Myschker 1999, S. 39f.).

Geklärt ist noch nicht, ob der Begriff im Plural oder im Singular verwendet werden soll. Für die Pluralform spricht die multidimensionale Symptomatik d.h., dass Störungen in verschiedenen Lebensbereichen und unterschiedlichen Kombinationen auftreten. Außerdem lässt sich mit dem Begriff ‚Verhaltensstörungen’ das Aufeinanderfolgen vieler Störungen treffend beschreiben. Trotz der verschiedenen Symptome besteht eine einheitliche Problematik bezüglich der Reaktionen der Umwelt und bezüglich der Beeinträchtigungen der betroffenen Kinder und Jugendlichen. Treten Verhaltensstörungen auf, kann von einem normabweichenden, negativauffälligen Fehlverhalten gesprochen werden, das pädagogisch-therapeutische Maßnahmen benötigt. Wenn die Betroffenen unter zahlreichen unangemessenen, beeinträchtigenden Verhaltensweisen leiden, können diese zusammen als Verhaltensstörung bezeichnet werden. Die Plural- sowie die Singularform erscheinen in der Fachliteratur als sinnvoll und einander ergänzend (vgl. Myschker 1999, S. 39).

In der vorliegenden Arbeit werden je nach Kontext Plural- und Singularformen des Begriffs Verhaltensstörung nebeneinander Verwendung finden.

2.2 Definition

Zur Feststellung der Notwendigkeit besonderer Hilfestellungen für Kinder und Jugendliche mit Verhaltensstörungen sind genaue, beobachtbare Kriterien notwendig.

In den internationalen Klassifikationssystemen (ICD-10 und DSM-IV) sind Kriterien für Verhaltensstörungen festgelegt (Hillenbrand 2002, S. 31).

Da die Vielfältigkeit und Unterschiedlichkeit der Symptomatik von Verhaltensstörungen ein differenziertes, geordnetes und der Praxis dienliches Klassifikationsschema bisher nicht ermöglicht haben, werde ich in dieser Arbeit nicht näher auf die Klassifikationssysteme eingehen.

Von Verhaltensstörungen bei Kindern und Jugendlichen wird dann gesprochen, wenn die Verhaltensprobleme länger andauern, also mehr als eine normale, zeitlich begrenzte Reaktion besonderer Stressereignisse sind. Sie treten unter unterschiedlichen Bedingungen, in verschiedenen Situationen auf und werden von den Betroffenen nicht bewusst und kontrolliert zum Erreichen von bestimmten Zielen eingesetzt. Der Begriff Störung drückt aus, dass individuelles und soziales Leben länger andauernd durch Normabweichungen beeinträchtigt ist. Da eine Störung der Interaktion mit der Umwelt vorliegt, ist für das Kind oder den Jugendlichen eine angemessene Entwicklung in Frage gestellt. Aus pädagogischer Sicht sind es für die Betroffenen vor allem die, durch das Problemverhalten entstehenden, erschwerten Lern- und Arbeitsmöglichkeiten. Störung bedeutet aber auch, dass ein Problem bzw. eine Beeinträchtigung durch Hilfeleistungen aufgehoben werden kann. Die Störung kann auf körperliche Ursachen zurückgeführt werden, sowie umweltbedingt sein und in verschiedenen Lebensbereichen der Kinder und Jugendlichen auftreten (vgl. Myschker 1999, S. 38ff.).

In einer Grobdifferenzierung unterteilt Myschker (1999) Verhalten in adaptive und maladaptive Aspekte. Adaptives Verhalten, das durch angemessene Wahrnehmung, Verarbeitung, Einschätzung und Aktivierung entsteht, dient zur optimalen Umweltbewältigung. Maladaptives Verhalten hingegen meint unvorteilhafte und sozial unverträgliche Situations- und Lebensbewältigung (S. 40f.). Demnach lautet seine Definition für „Verhaltensstörung“ :

„Verhaltensstörung ist ein von den zeit- und kulturspezifischen Erwartungsnormen abweichendes maladaptives Verhalten, das organogen und/oder milieureaktiv bedingt ist, wegen der Mehrdimensionalität, der Häufigkeit und des Schweregrades die Entwicklungs- , Lern- und Arbeitsfähigkeit sowie das Interaktionsgeschehen in der Umwelt beeinträchtigt und ohne besondere pädagogisch- therapeutische Hilfe nicht oder nur unzureichend überwunden werden kann“ (Myschker 1999, S. 41).

Myschkers Auffassung nach umfasst ‚Verhaltensstörung’ als phänomenologischer Oberbegriff Probleme, die auch in verschiedenen Nachbardisziplinen der Pädagogik behandelt werden.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

(Myschker 1999, S. 40f.)

Auch Havers (1978) identifiziert den Begriff Verhaltensstörung als Oberbegriff:

„Jede Erziehungsschwierigkeit kann auch ‚Verhaltensstörung’ genannt werden, aber nicht umgekehrt jede Verhaltensstörung ‚Erziehungsschwierigkeit’. ‚Verhaltensstörung’ ist also der Oberbegriff für ‚Erziehungsschwierigkeit’“ (Havers 1978, zit. n. Hillenbrand 2002, S. 30).

Im Unterschied zu Myschkers Definition muss nach Goetze (1994), der Verhaltensstörung als „eine Behinderung, die durch abweichende Verhaltens- oder sozial- emotionale Reaktionen bei Kindern und Jugendlichen gekennzeichnet ist“, auffasst, ein Problemverhalten vor allem in der Schule auftreten um als eine Verhaltensstörung definiert zu werden (S. 7f.).

Ebenfalls gegensätzlich der Definition Myschkers ist Seitz (1991) der Ansicht, dass Verhaltensstörungen durch „pädagogische Maßnahmen grundsätzlich zu beheben“ seien, da er unter Verhaltensstörungen primär diejenigen Störungen fasst, die sich aus zurückliegenden Erziehungseinflüssen entwickelt haben. (S. 8). Außerdem erwähnt er in seiner Definition das Problem, dass Kinder und Jugendliche mit Verhaltensstörungen auch andere Kinder in ihrer Erziehung und Entwicklung beeinträchtigen. Ähnlich wie Myschker fasst Seitz (1991) jedoch ebenso das „psychische Verhalten im weiteren Sinne“, somit auch das innere Erleben (Gefühle, Bedürfnisse, Absichten, Selbstbild) unter den Begriff Verhaltensstörungen. Zu Verhaltensstörungen zählt er Auffälligkeiten und Störungen im Bereich der Verhaltensstile, Motive, des Selbstbildes sowie der Gefühle und Stimmungen eines Kindes oder Jugendlichen (S. 9f.).

Diese Definitionen reflektierend möchte ich mich Myschker anschließen und Verhaltensstörungen als einen Oberbegriff für verschiedene Störungen begreifen, die nicht nur in der Schule, sondern in verschiedenen Situationen auffallen und auch außerschulische Interventionen notwendig machen.

[...]

Ende der Leseprobe aus 35 Seiten

Details

Titel
Magersucht als Verhaltensstörung
Hochschule
Universität Bielefeld  (Fakultät für Pädagogik)
Note
1
Autor
Jahr
2003
Seiten
35
Katalognummer
V29020
ISBN (eBook)
9783638306492
Dateigröße
591 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Magersucht, Verhaltensstörung
Arbeit zitieren
Nadja Tapyuli (Autor), 2003, Magersucht als Verhaltensstörung, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/29020

Kommentare

  • Gast am 16.10.2006

    Welcher Prof?.

    Klingt ja interessant. Dafür gab es eine 1? Bei welchem Prof denn?

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Titel: Magersucht als Verhaltensstörung


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