Franz Kafkas "Der Fahrgast" und "Kleider". Versuch einer Interpretation


Wissenschaftlicher Aufsatz, 2015
38 Seiten

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einordnung der Betrachtungs-Texte in Kafkas Gesamtwerk

2. die beiden Bedeutungen des Begriffs ‚Betrachtung‘

3. der Junggeselle als betrachtendes Ich

4. die wissenschaftliche Vernachlässigung der Betrachtungs-Texte

5. Ich-Erzählform und personales Erzählverhalten

6. Interpretation des Textes Kleider
6.1 deren Einbettung und Funktion in der Beschreibung eines Kampfes
6.2 formale und inhaltliche Analyse des Textes Kleider

7. Interpretation des Textes Der Fahrgast
7.1 Vorbemerkung zur Entstehungszeit
7.2 inhaltliche und formale Analyse des Fahrgast-Textes

Literaturverzeichnis

Franz Kafka, Kleider

Oft wenn ich Kleider mit vielfachen Falten, Rüschen und Behängen sehe, die über schönen Körper schön sich legen, dann denke ich, dass sie nicht lange so erhalten bleiben, sondern Falten bekommen, nicht mehr geradezuglätten, Staub bekommen, der, dick in der Verzierung, nicht mehr zu entfernen ist, und dass niemand so traurig und lächerlich sich wird machen wollen, täglich das gleiche kostbare Kleid früh anzulegen und abends auszuziehn.

Doch sehe ich Mädchen, die wohl schön sind und vielfach reizende Muskeln und Knöchelchen und gespannte Haut und Massen dünner Haare zeigen, und doch tagtäglich in diesem einen natürlichen Maskenanzug erscheinen, immer das gleiche Gesicht in die gleichen Handflächen legen und von ihrem Spiegel widerscheinen lassen.

Nur manchmal am Abend, wenn sie spät von einem Feste kommen, scheint es ihnen im Spiegel ab-genützt, gedunsen, verstaubt, von allen schon gesehn und kaum mehr tragbar. [1]

Franz Kafka, Der Fahrgast

Ich stehe auf der Plattform des elektrischen Wagens und bin vollständig unsicher in Rücksicht meiner Stellung in dieser Welt, in dieser Stadt, in meiner Familie. Auch nicht beiläufig könnte ich angeben, welche Ansprüche ich in irgendeiner Richtung mit Recht vorbringen könnte. Ich kann es gar nicht verteidigen, dass ich auf dieser Plattform stehe, mich an dieser Schlinge halte, von diesem Wagen mich tragen lasse, dass Leute dem Wagen ausweichen oder still gehn, oder vor den Schau-fenstern ruhn. - Niemand verlangt es ja von mir, aber das ist gleichgültig.

Der Wagen nähert sich einer Haltestelle, ein Mädchen stellt sich nahe den Stufen, zum Aussteigen bereit. Sie erscheint mir so deutlich, als ob ich sie betastet hätte. Sie ist schwarz gekleidet, die Rockfalten bewegen sich fast nicht, die Bluse ist knapp und hat einen Kragen aus weißer kleinmaschiger Spitze, die linke Hand hält sie flach an die Wand, der Schirm in ihrer Rechten steht auf der zweit-obersten Stufe. Ihr Gesicht ist braun, die Nase, an den Seiten schwach gepresst, schließt rund und breit ab. Sie hat viel braunes Haar und verwehte Härchen an der rechten Schläfe. Ihr kleines Ohr liegt eng an, doch sehe ich, da ich nahe stehe, den ganzen Rücken der rechten Ohrmuschel und den Schatten an der Wurzel.

Ich fragte mich damals: Wieso kommt es, dass sie nicht über sich verwundert ist, dass sie den Mund geschlossen hält und nichts dergleichen sagt? [2]

1. Einordnung der Betrachtungs-Texte in Kafkas Gesamtwerk

„Die Einteilung von Kafkas Werk in eine Frühphase (bis 1912), die Reifezeit (1912-1917/20) und eine Spätphase (1921-1924) deckt sich mit wichtigen Zäsuren im Leben des Dichters, besonders die Jahre 1912 (Kennenlernen von Felice Bauer, Heiratspläne) und 1917 (Ausbruch der Krankheit) können als wichtige Lebenswende-punkte gelten, die auch für die Werkphasen von Bedeutung sind.“[3]

Zu den Werken der Frühphase zählen die Beschreibung eines Kampfes (1904/05), das Fragment Hochzeitsvorbereitungen auf dem Lande (1906/07) und „die achtzehn im Band Betrachtung (1913) zusammengefassten kleinen Prosaskizzen sowie einige verstreut publizierten [sic!] Stücke, [...].“[4] Über die Texte der Betrachtung schreibt Beicken, sie erhellten „den zwischenmenschlichen Bereich, Konflikte, Einsamkeiten, Abweisungen im Erotischen, gespensterhafte Visionen, verfremdete Alltagsrealität, die Existenzsorgen eines Kaufmanns, der sich geschäftlich ausgeliefert [...] und als Mensch dem Übergriff feindlicher Mächte ausgesetzt fühlt [...].“[5]

Beicken spricht bei den Betrachtungs-Texten von Prosaskizzen, Barbara Neymeyr räumt im Kafka-Handbuch (Metzler) ein, eine „präzise Gattungsbestimmung [sei] schwierig“, sie zählt einige der vom Autor im Tagebuch und in Briefen verwendeten Bezeichnungen für diese Texte auf: „Kleine Prosa“, „Stückchen“, „Sachen“, „meine kleinen Winkelzüge“. Neymeyr hält die Begriffe „Prosaminiaturen“, „Skizzen“ oder „Studien“ für „legitim“, weil sie die Distanz zu tradierten Werkbezeichnungen andeu-teten, weil sie das Subjektive und Vorläufige und auch das Reflexive mit einschlös-sen.[6]

Ritchie Robertson findet einschränkend: „Die Skizzen der Betrachtung hinterlassen eher den Eindruck von Stimmungsbildern als von Erzählungen.“[7]

Man kann aber der Gattungsproblematik aus dem Weg gehen, wenn man von kurzen Prosatexten bzw. -stücken spricht, bei denen das Narrative dominant ist (z. B. in der die Betrachtung einleitenden ‚Kindergeschichte‘ Kinder auf der Landstraße) oder das Reflexive überwiegt (z. B. in Die Bäume) oder erzählerische Elemente sich mit Reflexionen mischen.

„Schon während seines kurzen Gastspiels an der Assicurazioni Generali hatte Kafka sein Debüt als Schriftsteller in der Öffentlichkeit vollzogen. Die von Franz Blei (1871-1942) herausgegebene Zweimonatszeitschrift Hyperion druckte in ihrer ersten Ausgabe im März 1908 unter dem Titel Betrachtung acht kurze Prosastücke: Die Bäume, Kleider, Die Abweisung, Der Kaufmann, Zerstreutes Hinausschaun (sic!), Der Nachhauseweg, Die Vorüberlaufenden und Der Fahrgast. Kafka kannte den Herausgeber über Brod, der mit Blei zusammenarbeitete.“[8] Für die Mai-Ausgabe 1909 steuert Kafka zwei weitere Texte bei: Gespräch mit dem Beter und Gespräch mit dem Betrunkenen, Abschnitte aus der wohl 1903 oder 1904 entstandenen Be-schreibung eines Kampfes. Der Hyperion, der überwiegend Texte der literarischen Avantgarde gedruckt hat, muss nach zwei Jahren sein Erscheinen einstellen.

Barbara Neymeyr ergänzt die Ausführungen Ekkehard Harings im KHb, die acht „Prosaminiaturen“ seien unter dem Titel Betrachtung „mit römischen Ziffern, aber noch ohne Überschriften in der von Franz Blei und Carl Sternheim“[9] edierten Zeit-schrift erschienen. Gerhard Kurz betont, die 1908 im Hyperion veröffentlichten Prosa-texte ohne Einzeltitel seien Kafkas „erste Publikation überhaupt.“[10]

Die Prager Tageszeitung Bohemia, in der ein von Kafka verfasster Nachruf auf den exklusiven Hyperion erscheint, „in welchem er [dessen] Bedeutung für randständige Autoren betont“[11], druckt 1910 fünf Prosastücke Kafkas, nämlich diese Titel: Am Fenster (später: Zerstreutes Hinausschaun), In der Nacht (später: Die Vorüberlaufen-den), Kleider, Der Fahrgast und als neuen Text Nachdenken für Herrenreiter.[12]

Ende Juni 1912 fährt Kafka mit Max Brod - es ist ihre letzte gemeinsame Reise - nach Weimar und in den Harz. Auf dem Hinweg machen sie Station in Leipzig und treffen dort den Verleger Ernst Rowohlt und seinen Kompagnon Ernst Wolff (er ist stiller Teilhaber). Man verständigt „sich über die Vorbereitung eines ersten Prosaban-des, der kürzere Erzählungen enthalten soll.“[13] Am Ende werden diesem Band 18 kurze Prosatexte angehören.

Ernst Rowohlt bringt dann gegen Ende des Jahres 1912 unter dem Titel Betrach-tung die erste Buchveröffentlichung des jungen Autors Franz Kafka heraus. Neben den neun Texten von 1908 (Hyperion) und 1910 (Bohemia) enthält der in 800 un- nummerierten Exemplaren erschienene Band neun weitere kurze Texte mit eigenen Überschriften: Kinder auf der Landstraße, Entlarvung eines Bauernfängers, Der plötzliche Spaziergang, Entschlüsse, Der Ausflug ins Gebirge, Das Unglück des Junggesellen, Das Gassenfenster, Wunsch, Indianer zu werden und Unglücklichsein.

Der Band Betrachtung besteht somit „zur Hälfte aus unveröffentlichten, zur Hälfte aus veröffentlichten Stücken.“[14] Überdies hat Kafka sich mit der Zusammenstellung der Texte schwergetan: Der Ausflug ins Gebirge, Kleider, Die Bäume und Kinder auf der Landstraße stammen aus den verschiedenen Fassungen der Beschreibung eines Kampfes; Raabe bemerkt treffend, man erkenne, „dass Kafka sein frühestes Werk wie einen Steinbruch abbaute.“[15]

„Kafkas Widmung <M. B.> in der Buchversion der Betrachtung gilt seinem Freund Max Brod, der ihm den Verlagskontakt vermittelt hatte.“[16]

2. die beiden Bedeutungen des Begriffs ‚Betrachtung‘

Kafka hat nach Neymeyr auf dem „singularischen Titel Betrachtung“ bestanden.[17] Gerhard Kurz behauptet: „Der Titel [...] bestimmt die einzelnen Texte als Teile eines Betrachtungsaktes.“[18] Die Etymologie des Verbums ‚betrachten‘ meint „[längere Zeit] prüfend ansehen“.[19] Man kann jemanden neugierig, ungeniert, aus nächster Nähe, von oben bis unten, wohlgefällig, eingehend, bei Licht oder mit Aufmerksamkeit be-trachten. Betrachtung meint damit ein Anschauen und zugleich eine Überlegung, eine Untersuchung.

Barbara Neymeyr sagt demzufolge treffend, der Begriff <Betrachtung> bedeute bei Kafka zweierlei, nämlich zum einen „die optische Wahrnehmung von Außenwelt“, zum anderen aber ziele er „auf abstrakte Reflexion oder kontemplative Verinnerli-chung“. Sie begründet ihre Sicht mit zwei Textüberschriften: Zerstreutes Hinaus-schaun und Zum Nachdenken für Herrenreiter.[20]

Diese zwei Seiten des Betrachtens hebt auch Gerhard Kurz hervor, er schreibt, „Kafka [experimentiere] in diesen Texten geradezu mit Möglichkeiten des Erzählens: Kinder auf der Landstraße enthält eine narrativ-chronologisch entfaltete Handlung, ebenso Entlarvung eines Bauernfängers und Unglücklichsein. Andere Texte be-stehen nur aus einem Monolog (Der Ausflug ins Gebirge), einem imaginierten szenischen Dialog (Die Abweisung) oder formulieren einen Wunsch, einen Vergleich (Wunsch, Indianer zu werden, Die Bäume), eine Überlegung (Der plötzliche Spazier-gang z. B.).“[21]

„Viele Texte der Betrachtung“, sagt Kurz zusammenfassend, „exponieren die Situ-ation eines anonymen „ich“ oder „man“ oder „wir“, das redet, sich erinnert, reflektiert, sich etwas vorstellt, sich fragt, vergleicht, Schlüsse zieht, Vermutungen anstellt.“[22]

Aus dieser summarischen Nennung der Tätigkeiten des/der Protagonisten wird deutlich, dass die Texte angeschaute Augenblicke und Stimmungen der Außenwelt/ Wirklichkeit und die darauf beruhenden nachdenklichen Überlegungen festhalten.

Der Germanist Rüdiger Zymner (Bergische Universität Wuppertal) hat in dem Kafka-Handbuch des Metzler-Verlages den „systematischen und historischen Zu-sammenhang von Denkbild, Parabel und Aphorismus“[23] erläutert. In dem Abschnitt „Kafkas Denkbilder“[24] kommt er zu dem Ergebnis, die Texte in dem Band Betrach-tung (1912) seien Denkbilder, da „man von monologischer Gedankenrede sprechen“ könnte.[25] Kennzeichnend für den reflektierenden Grundgestus ist für ihn z. B. eine texteröffnend formulierte Vermutung. Das Unglück eines Junggesellen beginnt näm-lich so: „Es scheint so arg, Junggeselle zu bleiben, als alter Mann unter schwerer Wahrung der Würde um Aufnahme zu bitten, [...], krank zu sein und ...“[26]

Die Annahme, das Junggesellendasein bestehe aus lauter solchen unglücklichen (‚argen‘) Zuständen, belegt ein namenloses „man“ durch 11 mit ‚zu‘ erweiterte Infini-tivgruppen.

In Kafkas erster Buchveröffentlichung (1912) finden sich allerdings auch Texte, die wie Kinder auf der Landstraße und Entlarvung eines Bauernfängers mehr „ausführ-liche Erzählungen als reflektierend oder auf Reflexion angelegte Denkbilder [...] sind.“[27] Vielleicht sollte man zu den weniger reflektierenden Prosastücken noch Un-glücklichsein zählen, wo „als kleines Gespenst [...] ein Kind aus dem ganz dunklen Korridor [fährt], in dem die Lampe noch nicht brannte, und [...] auf den Fußspitzen stehn“ bleibt.[28]

3. der Junggeselle als betrachtendes Ich

Alle Betrachtungen in der Betrachtung gehen von einem betrachtenden Ich aus, alle Betrachterfiguren - der Kaufmann, der Spaziergänger, der Fahrgast, der am Gassenfenster Stehende, der Unglückliche - sind figürliche Darstellungen eines Junggesellen. Sophie von Glinski betont: „Das Junggesellen-Ich ist nicht auf ein Autor-Subjekt zurückzuführen, es ist bestimmt als Funktion im Text.“[29] Damit weist sie Deutungen zurück, die den Junggesellen als Personifikation des Dichters an-sehen, wie es z. B. James Rolleston in Landschaften der Doppelgänger erklärt.[30] Zugleich beurteilt sie dieses Junggesellen-Ich so: „Das Subjekt der Betrachtung ist ein Ich, das von einer exzentrischen, <weltfremden> Position aus seinen Blick auf die Welt richtet.“[31] Übersetzt heißt das, sie hält das Ich für überspannt, verschroben und sich von der Gemeinschaft distanzierend.

Peter-André Alt hat in seiner Kafka-Biographie auch über die Protagonisten der Betrachtung geschrieben: „In der Mitte des Buches hatte Kafka seine Junggesellen-geschichten untergebracht, die von <plötzlichen Spaziergängen>, nächtlichen Ge-dankenreisen und der Einsamkeit unverheirateter Männer handeln.“[32] Den Jung-gesellen schreibt er eine Art Flaneur-Rolle zu und führt aus: „Die einsamen Spa-ziergänger der frühen Prosa sind unverheiratete junge Männer, die [...] in der Rolle zermürbter Berufsmenschen auftreten, die am Abend nach ermüdendem Arbeits-alltag in den Gassen flanieren. Aus dem engen Zimmer, in dem sie hausen, treibt sie zumeist die Angst vor dem, was Ernst Bloch in den Spuren (1930) das <allzu Eigene> genannt hat. Wenn sich Kafkas Junggesellen dem Kraftstrom der Passan-ten preisgeben, so tun sie das auch, um ihrer nur auf sich selbst bezogenen Lebensform zu entgehen. Freilich unterliegen sie einer Täuschung: Die Begegnung mit der äußeren Wirklichkeit erfolgt allein im Wahrnehmungsmedium des Blicks, der das Fremde sofort wieder in die geschlossene Reflexionsordnung des einsamen Subjekts zurückspielt.“ Diese Betrachtungsweise berge aber das „Risiko eines glei-tenden Realitätsverlustes.“[33]

Alt hat ein ganzes Kapitel den „Flaneure[n] und Voyeurs“[34] gewidmet und weist auf Kafkas Tagebücher hin, die voll seien „von voyeuristischen Beschreibungen junger Mädchen, die er während eines Spaziergangs, im Caféhaus oder bei Lesungen und Vorträgen mit den Augen verfolgt hat.“ Auffallend dabei sei, dass „immer wieder [...] Details der Haare, der Gesichtsform und Augenfarbe, Kleidungsstücke [...] sowie Hüte beschrieben [werden].“ Alt nennt das eine „Leidenschaft für den Fetisch“ und spricht von einer „atomisierenden Wahrnehmung, die isolierte Reize einfängt und die Einheit der Person zerstört.“[35] Alt kreiert sogar einen besonderen „Kafka-Blick[s]“, dessen Besonderheit bestehe „in seinem Sinn für Details, der die visuelle Szene ato-misiert, indem er den Eindruck eines ganzen Menschen in Bruchstücke zerlegt.“[36]

Das geht so: In der vor 1908 geschriebenen Ich-Erzählung Der Fahrgast greift ein zugleich erzähltes und erzählendes, männliches Ich „auf der Plattform des elektri-schen Wagens“ ein junges Mädchen vor dem Aussteigen derart mit Blicken ab - Alt sagt: „mit sezierender Genauigkeit“[37] -, dass der Ich-Erzähler sagen kann: „Sie er-scheint mir so deutlich, als ob ich sie betastet hätte.“ Diese „In-persona-Identität von erzählendem und erlebendem Ich“[38] beginnt im ersten Satz und geht bis zum Ende des zweiten Absatzes: also von „Ich stehe auf der Plattform ...“ bis zu „Ihr kleines Ohr liegt eng an, doch sehe ich, da ich nahe stehe, den ganzen Rücken der rechten Ohrmuschel und den Schatten an der Wurzel.“ Im dritten Absatz trennen sich die beiden (möglichen) Ichs, es spricht nur noch das erzählende Ich: „Ich fragte mich da-mals ...“[39] Nach Alt bleibt auch dieser ‚Betrachter‘ „letzthin ein einsamer Zuschauer, ohne dass ihn der Rhythmus der autonomen Lebenswirklichkeit erfassen kann.“[40]

Ausgehend von der Worterklärung zu ‚Voyeur‘ im Fremdwörterduden: „jmd., der durch [heimliches] Zuschauen bei sexuellen Handlungen anderer Lust empfindet“[41] habe ich diese Sicht Alts nicht in meinen Unterricht eingebracht. So richtig die anderen Feststellungen Alts auch sind, besonders das „atomisierende[n]“ Betrachten „mit sezierender Genauigkeit“, halte ich einen den einsamen Ichs unterstellten Vo-yeurismus für nicht ganz zutreffend bzw. übertrieben. Im Übrigen schränkt Alt ja auch ein, von den 18 Texten der Betrachtung thematisierten nur acht Stücke dieses vo-yeuristische Betrachten.[42]

Gerhard Kurz weist auf Folgendes hin: „Wie aus Äußerungen Kafkas selbst hervor-geht, ist die Betrachtung als Erzählzyklus angelegt.“[43] Barbara Neymeyr betont in diesem Zusammenhang, die Forschungsliteratur zur Betrachtung sei „‘auffallend schmal‘ (Kurz)“ bzw. die Anzahl der Arbeiten sei „‘gering‘ (von Glinski)“, und beklagt diese „Forschungslücke“.[44]

Es gibt natürlich einige Untersuchungen, was diese 18 Erzähltexte verbindet. Wolf-gang Kittler z. B. sieht im Binder-Handbuch die Erzählsammlung als Einheit; er meint, einzelne Texte fügten sich zu Gruppen zusammen. Eine Konnexität sieht er beispielsweise zwischen den ersten drei Betrachtungs-Texten (Kinder auf der Land-straße, Entlarvung eines Bauernfängers, Der plötzliche Spaziergang) in der überein-stimmenden erzählten Zeit des Abends. Der innere Zusammenhang der Abendzeit ist zwar zutreffend, aber die Landstraßenkinder und der entlarvte Bauernfänger sind fast reine Erzähltexte, der Plötzliche Spaziergang hingegen ist eine rein „monologi-sche[r] Gedankenrede“[45] einer als „man“ auftretenden Erzählinstanz und besteht lediglich aus zwei überlangen Sätzen. Ich sehe daher in der Zeitgleichheit wenig Übereinstimmung. Kittler sagt natürlich richtig, den unglücklichen Junggesellen und den Kaufmann verbinde die Einsamkeit.[46] Aber: „Einsamkeit durchzieht die Texte wie ein Leitmotiv“[47], schreibt Susanne Kaul. Sie hätte auch sagen können: alle Texte. Barbara Neymeyr hat „thematische Elemente und Motive“ gesucht und einige leitmotivliche Wiederholungen herausgestellt, „die auf eine zyklische Komposition der Betrachtung verweisen (Kurz 1994, 53 f.).“ Sie meint aber: „Die Diskontinuität von Kafkas Frühwerk Betrachtung entspricht der zeitgenössischen Krise der Identität. Ähnlich wie bei der Multiplikation des Ich in der Beschreibung eines Kampfes scheint Kafka auch hier an Nietzsches These vom Ich als bloßer Fiktion und an Ernst Machs Diktum anzuschließen, das Ich sei <unrettbar> (Neymeyr, 14-21).“[48]

Die Klammerangabe am Zitatende verweist auf Neymeyrs 2004 erschienene Ana-lyse der Beschreibung eines Kampfes, in der sie ausführlich darlegt, wie Kafka die moderne Krise der Identität in der Persönlichkeitsspaltung eines Ich-Erzählers in-szeniert.[49]

Sie spricht aber, z. B. auf den Kaufmann bezogen, auch von dem „durch Einsam-keit verunsicherte[n] Ich“[50], sie sieht daher trotz der „formalen Heterogenität“ in den Texten der Betrachtung gleichwohl eine weitreichende inhaltliche „Homogenität.“[51] Diese Gleichartigkeit bestehe zum einen in dem „spannungsvolle[n] Verhältnis des Individuums zu seinem sozialen Umfeld.“ Zum anderen: „Die jeweilige Perspektivfi-gur, die sich direkt als Ich artikuliert, sich in eine Wir-Gruppe einreiht oder hinter einem diffusen Man verschwindet, erscheint zumeist als einsames Wesen, unglück-lich, haltlos, <vollständig unsicher> [...], von Angst, Scham oder Reue gequält und von Sehnsucht nach Integration in eine Gemeinschaft erfüllt.“[52] Mitunter deute, nach Neymeyr, schon die Überschrift diese „negative Befindlichkeit“ an, z. B. Das Unglück des Junggesellen oder Unglücklichsein. In Beschreibung eines Kampfes und in Be-trachtung ringe oft „ein labiles Ich [...] um Selbststabilisierung.“ In vielen Texten sieht sie daher die „Grundproblematik“ einer „labile[n] Identität.“[53]

4. die wissenschaftliche Vernachlässigung der Betrachtungs-Texte

Dem Interpreten ist aufgefallen, wie unterschiedlich die wenigen wissenschaftlichen Analysen die Texte der Betrachtung beurteilen. Die von B. Neymeyr beklagte „For-schungslücke“ lässt sich zum Teil erklären durch den Umstand, dass Kafkas Früh-werk lange „im Schatten seiner späteren Werke stand.“ Aus der Sicht, erst das Urteil von 1912 „markiere seinen eigentlichen literarischen Durchbruch“[54], ist das frühe Werk oft als minder künstlerisch angesehen worden, als unvollkommen und unreif. Eine solche Voreingenommenheit findet sich auch im Binder-Handbuch von 1979. Hier spricht James Rolleston den frühen Schriften einen ästhetischen Rang ab, er schreibt: „Kafka macht hier Versuche, experimentiert mit den Möglichkeiten der Spra-che, und es ist sinnlos, solche Tätigkeit literarisch beurteilen zu wollen.“[55] Ähnlich urteilt Ingeborg C. Henel: die vor dem Urteil liegenden Werke seien, „als Kunstwerke betrachtet, bloße Versuche und nicht einmal besonders geglückt“, sie bereiteten al-lerdings „sowohl in Thematik wie Form auf die folgenden Werke vor.“[56]

Andere Forscher haben anders geurteilt. Vor allem Gerhard Kurz versucht in sei-nem Sammelband von 1984, den Werken zwischen 1909 und 1912 den „Ruch des Vorläufigen zu nehmen.“[57] Er sieht „viele Erzählmuster und Erzählmotive der spä-teren in den ersten Texten konstitutiv schon angelegt.“[58] In der den Materialien vorangestellten Einleitung: Der junge Kafka im Kontext weist Kurz darauf hin, dass Kafka auch Gedichte geschrieben habe, was aber kaum bekannt sei. Er zitiert ein zehnzeiliges Gedicht aus einem Brief Kafkas an Hedwig Weiler vom 29.8.1907:

Die zweite Strophe bildet das Motto für die erste Fassung der Beschreibung eines Kampfes. In einer kurzen Deutung liest G. Kurz aus den ersten fünf Zeilen eine früh-expressionistische „Stimmung von Untergang, Trauer, Schwäche. Die auffallende Vokabel ‚blinzeln‘ diente schon Nietzsche in der Vorrede von Also sprach Zarathustra zur Charakterisierung von Lebensschwäche. Die zweite Strophe evoziert eine exis-tentielle Situation des Menschen: Schwanken, Unsicherheit.“[59]

So arbeiten auch die meisten Veröffentlichungen zur Betrachtung pauschal den unsicheren, um Orientierung ringenden Protagonisten heraus, der sich über seine eigene Identität und über sein Verhältnis zur Außenwelt noch nicht ganz klar ist.

Dementsprechend spricht P.-A. Alt verallgemeinernd von einem „Panorama der dort [i. e. in der Betrachtung] versammelten Neurotiker“, später sieht er „Nachterfah-rungen der einsamen Melancholiker, Junggesellen und Sonderlinge.“[60] Ausführlich erklärt er: „Kafkas frühe Prosa verwandelt die soziale Umwelt ihrer Helden in labyrin-thische Ordnungen, die dem Einzelnen die Orientierung rauben. Diese Grundsitu-ation löst hektische Erklärungsversuche aus, in denen sich das Verlangen nach Beherrschung eines unübersichtlich gewordenen Lebens äußert. Kafkas Protagonis-ten treten der Wirklichkeit, [...], mit einem nervös-angespannten Deutungswillen ent-gegen, ohne jedoch ihre Lage praktisch ändern zu können.“[61]

Den meines Wissens besten Überblick über alle Texte der Betrachtung bietet Bar-bara Neymeyr im Metzler-Handbuch.[62] Eine exemplarische Textanalyse findet sich dort für Die Bäume, Der plötzliche Spaziergang, Entschlüsse, Die Vorüberlaufenden und Kinder auf der Landstraße. In ihrer 2004 publizierten Dissertation analysiert Sophie von Glinski die Beschreibung eines Kampfes, Kleider, Der Kaufmann, Der Fahrgast und Die Vorüberlaufenden. Dabei konzentriert sie sich allerdings auf „die spezifischen Verschränkungen von Traum und Realität, die das Phantastische in Kafkas Frühwerk sowie in seinen experimentellen Tagebuch-Skizzen kennzeich-net.“[63]

Aus einem Münsteraner Oberseminar ist ein Sammelband „mit dekonstruktivisti-scher Tendenz“[64] von H.-J. Scheuer hervorgegangen; da dieses Buch leider ver-griffen ist, kann ich zu der da vorgenommenen Deutung nicht Stellung nehmen. Nur so viel: ich kenne einige dekonstruktivistische Interpretationen von Kafkas Die Bäu-me („Denn wir sind wie Baumstämme im Schnee...“), „in diesem hermeneutischen Kontext“ sieht beispielsweise Hans-Thies Lehmann[65] „auch in den Baumstämmen im Schnee [...] eine Evokation schwarzer Buchstaben auf weißem Papier.“[66] Kurz er-wähnt an dieser Stelle, dass z. B. die Worte des nach Geschäftsschluss nach Hause gehenden Kaufmanns „Ich gehe dann wie auf Wellen, klappere mit den Fingern beider Hände“ (aus: Der Kaufmann) bei dieser Sicht auch „als Anspielung auf die Bedeutungsdimension literarischer Selbstbezüglichkeit“ gelesen wird, nämlich als eine „Anspielung auf das Wandeln von Jesus auf dem Meer (Johannes 6,19) und auf das Bedienen einer Schreibmaschine.“[67] Ich habe in meinen Unterricht die Inter-pretation H.-J. Scheuers[68] und seiner Mitinterpreten nicht eingebracht, weil ich ihre Sicht nicht teile.

5. Ich-Erzählform und personales Erzählverhalten

Bei der erzählten Wirklichkeit eines narrativen Textes habe ich im Unterricht stets unterschieden: a) das erzählte Geschehen. Das bildet den Inhalt einer Erzählung und umfasst das Handeln der erzählten und/oder erzählenden Figuren. Hinzu kommen natürlich alle figurenunabhängigen Ereignisse. b) die erzählte Zeit, d. h. die Dauer des fiktiven Geschehens. Die erzählte Zeit kann linear oder nicht-linear ablaufen, es gibt zeitdeckendes, -dehnendes und -raffendes Erzählen sowie Rückwendungen und Vorausdeutungen. c) den erzählten Ort, dessen Konturierung durch Figuren-und/ oder Erzählerrede (auch Erzählerbericht genannt) erfolgt. d) erzählte und erzählende Figuren, sie werden ebenfalls durch Figuren- und/oder Erzählerrede konfiguriert.

- die erzählte Zeit

Im Gegensatz zu vielen narrativen Texten gibt es in Kleider keinen Hinweis auf die erzählte Zeit. Einzig aus dem Erzählerbericht, die erzählten Figuren der Mädchen be-trachteten „manchmal am Abend“ ihr Spiegelbild, könnte man schließen, der Ich-Er-zähler betrachte sie tagsüber. Auch Der Fahrgast enthält keine Zeitangabe. Nur die Erwähnung des Ich-Erzählers, er sehe „Leute dem Wagen ausweichen“, oder die beobachteten Passanten „vor den Schaufenstern“ lassen eine Sicht auf diese zwei Gruppen bei Tageslicht annehmen und nicht zu irgendeiner nächtlichen Stunde.

- der erzählte Ort

Der erzählte Ort ist ebenso schwer zu bestimmen. Kleider macht gar keine Anga-ben, wo das Betrachter-Ich die Kleider und die Mädchen anschaut und über sie nachdenkt. Der Fahrgast nennt immerhin die „Plattform des elektrischen Wagens“ unweit einer „Haltestelle“ als erzählten Ort, an dem sich das Geschehen vollzieht.

- das erzählte Geschehen

Das erzählte Geschehen besteht in beiden Texten im wesentlichen aus einem ein-dringlichen Sehen. Jedesmal betrachtet das Ich Mädchen. In Kleider spricht der Ich-Erzähler mit dem Handlungsverb ‚sehen‘ ganz allgemein von jungen Frauen, der Fahrgast hingegen verfolgt ein einzelnes Mädchen, „nahe den Stufen, zum Ausstei-gen bereit“, kurz vor der „Haltestelle“ mit dem speziellen „Kafka-Blick[s]“[69]. Im Kleider-Text beschränkt sich die eigentliche Handlung auf die durch die beiden Prä-dikatskerne „[ich] sehe“ und „[ich] denke“ angedeutete Tätigkeit des betrachtenden Ichs. Im Fahrgast-Text fehlt zwar am Textanfang ein Verbum videndi - der Prädikats-kern „sehe [ich]“ taucht nämlich erst am Ende des atomisierenden, nur Bruchstücke der Frau wahrnehmenden Betrachtens auf -, aber ohne die Frau mit Blicken ab-gegriffen zu haben, könnte das Ich nicht so viele Details der betrachteten Person nennen. Das zweite Handlungsverb neben dem zu ergänzenden ‚Sehen‘ (des schwarz gekleideten Mädchens) substituiere ich gleich im ersten Hauptsatz nach der Ortsangabe (nach dem Adverbial „auf der Plattform“) an Stelle des Verbums ‚bin‘ und des Adjektivs ‚unsicher‘. An die Stelle von „ich bin vollständig unsicher“ setze ich ein Verbum sentiendi: „[ich] fühle mich völlig unsicher“. Der Ich-Erzähler hat die ungute Empfindung, nicht nur habe er keinen sicheren Stand auf der ruckelnden Plattform (deshalb hält er sich an der Schlinge fest), sondern auch seine „Stellung in dieser Welt“ biete ihm keine Sicherheit, da er sich allen möglichen vorgestellten Situationen nicht gewachsen fühlt. Angesichts des unerwarteten sicheren Auftretens des jungen Mädchens fragt er sich verwundert, woher sie ihre Selbstsicherheit nehme.

- erzählte und erzählende Figuren

Beide Protagonisten, der die Mädchen und Kleider Musternde und der in der Tram um Halt Bemühte, treten jeweils im ersten Satz als Ich auf.

Ein Erzähler kann grundsätzlich zwischen zwei Möglichkeiten wählen: Er berichtet nicht von sich selbst, sondern von einer anderen Person, die in der 3. Pers. Sg. (oder Pl.) als Er oder Sie auftritt. So beginnt der Prozeß: „Jemand musste Josef K. ver-leumdet haben, denn ohne dass er etwas Böses getan hätte, wurde er eines Morgens verhaftet.“[70]

Diese Er-Erzählform liegt hier nicht vor, Kafka hat für Kleider und Der Fahrgast die Ich-Erzählform gewählt.

Jochen Vogt, dessen Terminologie ich in meinem Unterricht verwendet habe, hat in seinen Aspekten erzählender Prosa die verwirrende Vielfalt der bis dahin von den einzelnen Schulen der Erzählforschung verwendeten Grundbegriffe verständlich re-duziert, wenn er sagt, „von der Ich-Erzählung [solle] nur gesprochen werden, wenn“ das Ich „den Erzähler und eine mit ihm identische Handlungsfigur - oft, aber nicht notwendigerweise die Hauptfigur - bezeichnet.“ Noch deutlicher formuliert er: „Die Erste Person der Grammatik [bezeichnet] den Erzähler und eine mit ihm identische Handlungsfigur.“[71] In den in der Ich-Erzählform geschriebenen zwei Texten spricht der Erzähler in der Ich-Form also von sich selbst. Das Ich ist sowohl erzählendes Medium als auch handelnde Figur (Person). Das erzählende Ich (der Ich-Erzähler) tritt als erzählte Figur der erzählten Wirklichkeit auf. In Kleider und in Der Fahrgast ist die das erzählte Geschehen erlebende (erzählte) Ich-Figur mit dem erzählenden Ich identisch. Da die Ich-Form (1. Pers. Sg. des Personalpronomens) nach Vogt sowohl den Erzähler als auch eine Handlungsfigur benennt, kann es zwei verschiedene Ichs geben: „Ein Ich, das einst gewisse Ereignisse erlebte, und ein anderes, das sie nach mehr oder weniger langer Zeit erzählt.“[72] Diese wichtige Unterscheidung zwischen dem erzählenden und dem erzählten Ich brauchen wir in Kleider nicht zu machen. Der in der Ich-Form die Erscheinung der Mädchen Begutachtende ist der Ich-Er-zähler, das Narrator-Ich ist also Erzähler (= erzählendes Ich) und gleichzeitig Han-delnder (= erlebendes Ich) in einer Person. Diese „In-persona-Identität“ (Franz K. Stanzel) gibt es im Fahrgast auch, aber sie reicht nur bis zur „Ohrmuschel und den Schatten an der Wurzel“. Dann trennen sich die beiden möglichen Ichs, den nächs-ten Satz „Ich fragte mich damals ...“ spricht nur noch das erzählende Ich, der Nar-rator, sein Erzählen ist ein späteres Erzählen und liegt zeitlich nach dem über die Begegnung in der Straßenbahn Erzählten.

Theoretisch kann der Erzähler aber auch, wie in Der neue Advokat, lediglich eine erzählende Figur sein:

„Wir haben einen neuen Advokaten, den Dr. Bucephalus. In seinem Äußern erinnert wenig an die Zeit, da er noch Streitross Alexanders von Macedonien war. Wer allerdings mit den Umständen vertraut ist, bemerkt einiges. Doch sah ich letzthin auf der Freitreppe selbst einen ganz einfältigen Gerichtsdiener [...] den Advokaten bestaunen, als dieser, hoch die Schenkel hebend, mit auf dem Marmor aufklingendem Schritt von Stufe zu Stufe stieg.“[73]

In diesem Text (aus: Ein Landarzt. Kleine Erzählungen) ist der Ich-Erzähler weit-gehend entindividualisiert und beobachtet die erzählte Handlung als erzählende Fi-gur aus einer „sichere[n] Distanz.“[74] Der in der 1. Pers. Sg. sprechende Erzähler lässt nicht erkennen, wer er ist oder was er denkt, er erzählt lediglich, distanziert beobach-tend, wie der pferdeartige Anwalt Dr. Bucephalus als „Halbwesen“[75], das sowohl menschliche als auch tierische Züge aufweist, agiert. Das erzählende Ich erzählt von dem Dr. Bucephalus, das ist die erzählte Figur, sie „trägt noch den Namen des Streitrosses Alexander des Großen, das er einmal war. Auch kann der Beobachter [i. e. das erzählende Ich] Spuren der früheren Existenz in seinem Gang wahrneh-men.“[76]

Der Ich-Erzähler ist immer fiktiv [i. e. erdacht, erdichtet], er darf nicht mit dem realen Autor, dem Verfasser des epischen Textes, verwechselt werden. Die im Fahr-gast als Ich auftretende Figur ist nicht Franz Kafka, obwohl nach einer Pferde-straßenbahn die erste elektrische Bahn in Prag schon 1896 den Verkehr aufnahm. Und Ilse Aichinger ist in Die Maus kein Nagetier, obgleich auch hier ein Ich-Erzähler auftritt. Ebenso ist der real existierende Erfinder des fiktiven Oskar Matzerath nicht verrückt, auch wenn Günter Grass‘ Roman Die Blechtrommel so beginnt: „Zu-gegeben, ich bin Insasse einer Heil- und Pflegeanstalt, mein Pfleger beobachtet mich, er lässt mich kaum aus den Augen; denn in der Tür ist ein Guckloch ...“

[...]


[1] Franz Kafka, Erzählungen, hg. v. Max Brod, Fischer: Frankfurt/ M. o. J. (1952), S. 32

[2] ebd., S. 31 f.

[3] Editionen für den Literaturunterricht, hg. v. Dietrich Steinbach: Peter Beicken, Franz Kafka. Leben und Werk, Klett: Stuttgart 1986, S. 42

[4] ebd., S. 42

[5] ebd., S. 46

[6] Kafka-Handbuch. Leben - Werk - Wirkung, hg. v. Manfred Engel/ Bernd Auerochs, Metzler: Stuttgart 2010, S. 114 (im Folgenden: KHb)

[7] Ritchie Robertson, Franz Kafka. Leben und Schreiben. Aus dem Englischen von Josef Billen, Wissenschaftliche Buchgesellschaft: Darmstadt 2009, S. 37

[8] KHb, S. 9

[9] KHb, S. 111

[10] Gerhard Kurz, Lichtblicke in eine unendliche Verwirrung, in: Text und Kritik. Zeitschrift für Literatur, hg. v. Heinz Ludwig Arnold, Sonderband IV/06: Franz Kafka, R. Boorberg Verlag: München 2006, S. 49

[11] KHb, S. 10

[12] Kurz (2006), S. 49

[13] Peter-André Alt, Franz Kafka. Der ewige Sohn. Eine Biographie, Beck: München 22008, S. 247

[14] Franz Kafka, Sämtliche Erzählungen, hg. v. Paul Raabe, Fischer: Frankfurt/ M. 1970, S. 390

[15] ebd., S. 394

[16] KHb, S. 112

[17] KHb, S. 112

[18] Kurz (2006), S. 54

[19] Duden. Das große Wörterbuch der deutschen Sprache in 8 Bänden, hg. v. Günther Drosdowski u. a., hier: Bd. 1, Dudenverlag: Mannheim-Leipzig-Wien-Zürich 21993, S. 509 f.

[20] KHb, S. 113

[21] Kurz (2006), S. 51

[22] Kurz (2006), S. 52

[23] KHb, S. 450-456

[24] KHb, S. 452-456

[25] KHb, S. 455

[26] Franz Kafka, Erzählungen, hg. v. Max Brod, Fischer: Frankfurt/ M. o. J. (1952), S. 28

[27] KHb, S. 455

[28] Franz Kafka, Erzählungen, hg. v. Max Brod, Fischer: Frankfurt/ M. o. J. (1952), S. 35

[29] Sophie von Glinski, Imaginationsprozesse. Verfahren phantastischen Erzählens in Kafkas Frühwerk, de Gruyter: Berlin-New York 2004, S. 166 f.

[30] James Rolleston, Betrachtung: Landschaften der Doppelgänger, in: Gerhard Kurz, Der junge Kafka. Mate-rialien, Suhrkamp: Frankfurt/ M. 1984, S. 185 (Suhrkamp-Taschenbuch Bd. 2035)

[31] von Glinski, S. 89

[32] Alt, S. 248

[33] Alt, S. 251

[34] Alt, S. 249

[35] Alt, S. 250

[36] Alt, S. 251

[37] Alt, S. 252

[38] Franz K. Stanzel, Typische Formen des Romans, Vandenhoeck & Ruprecht: Göttingen 101981, S. 35 (Kleine Vandenhoeck-Reihe Bd. 1187)

[39] Franz Kafka, Erzählungen, hg. v. Max Brod, Fischer: Frankfurt/ M. (1952), S. 31 f.

[40] Alt, S. 249

[41] Der Duden in zwölf Bänden, Bd. 5, Fremdwörterbuch, hg. v. der Dudenredaktion, Dudenverlag: Mannheim-Leipzig-Wien-Zürich 82005, S. 1087

[42] Alt, S. 251 f.

[43] Kurz (2006), S. 53

[44] KHb, S. 115

[45] KHb, S. 455

[46] Kafka-Handbuch in zwei Bänden, hg. v. Hartmut Binder u. a., Bd. 2: Das Werk und seine Wirkung, Kröner: Stuttgart 1979, S. 209 f.

[47] Einführungen Germanistik, hg. v. Gunther E. Grimm und Klaus-Michael Bogdal: Susanne Kaul, Einführung in das Werk Franz Kafkas, Wissenschaftliche Buchgesellschaft: Darmstadt 2010, S. 37

[48] KHb, S. 112

[49] Barbara Neymeyr, Konstruktion des Phantastischen. Die Krise der Identität in Kafkas Beschreibung eines Kampfes, Universitätsverlag Winter: Heidelberg 2004

[50] KHb, S. 113

[51] KHb, S. 116

[52] KHb, S. 116

[53] KHb, S. 116 f.

[54] KHb, S. 115

[55] Binder 2, S. 242

[56] Binder 2, S. 221

[57] Kurz (1984), S. 7

[58] Kurz (1984), S. 8

[59] Kurz (1984), S. 35

[60] Alt, S. 255 f.

[61] Alt, S. 258

[62] KHb, S. 111-126

[63] KHb, S. 116

[64] KHb, S. 116

[65] Hans-Thies Lehmann, Der buchstäbliche Körper. Zur Selbstinszenierung der Literatur bei Franz Kafka, in: Kurz (1984), S. 213-241

[66] Kurz (2006), S. 63

[67] Kurz (2006), S. 63

[68] Hans-Jürgen Scheuer, Justus v. Hartlieb, Christina Salmen, Georg Höfner (Hg.), Kafkas Betrachtung. Lektüren, Peter Lang Verlag: Frankfurt/ M. 2003

[69] Alt, S. 251

[70] Franz Kafka, Der Prozess. Roman, hg. v. Max Brod, Fischer: Frankfurt/ M. o. J. (1950), S. 7

[71] Jochen Vogt, Aspekte erzählender Prosa. Eine Einführung in Erzähltechnik und Romantheorie, Westdeut-scher Verlag: Opladen 81998, S. 66

[72] Vogt, S. 71

[73] Raabe, S. 123

[74] KHb, S. 220

[75] KHb, S. 225

[76] KHb, S. 225

Ende der Leseprobe aus 38 Seiten

Details

Titel
Franz Kafkas "Der Fahrgast" und "Kleider". Versuch einer Interpretation
Veranstaltung
Deutsch Leistungskurs (gymnasiale Oberstufe)
Autor
Jahr
2015
Seiten
38
Katalognummer
V293110
ISBN (eBook)
9783656907121
ISBN (Buch)
9783656907138
Dateigröße
650 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
franz, kafka, fahrgast, kleider, versuch, interpretation
Arbeit zitieren
M.A. Gerd Berner (Autor), 2015, Franz Kafkas "Der Fahrgast" und "Kleider". Versuch einer Interpretation, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/293110

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