Der Einfluss von Temperament und Bindungsstil auf die Emotionsregulierung


Bachelorarbeit, 2011

43 Seiten, Note: 3,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Zusammenfassung

1 Einleitung

2 Die Emotionsregulierung
2.1 Definition Emotion
2.2 Definition Emotionsregulierung
2.3 Prozessmodel der Emotionsregulierung nach Gross
2.3.1 Die Situationsauswahl
2.3.2 Die Situationsmodifikation
2.3.3 Die Aufmerksamkeitslenkung
2.3.4 Die kognitive Veränderung
2.3.5 Die Reaktionsveränderung
2.4 Zusammenfassung Emotionsregulierung

3 Das Temperament
3.1 Einordnung in die Forschungsgeschichte
3.2 Das Temperamentskonzept von Thomas und Chess
3.2.1 Die New Yorker Langzeitstudie
3.2.2 Die Temperamentskonstellationen
3.3 Das Modell der Passung
3.4 Zusammenfassung Temperament

4 Die Bindungstheorie
4.1 Die Wurzeln der Bindungstheorie
4.1.1 Einflüsse auf John Bowlby
4.1.2 Einflüsse auf Mary D. Salter Ainsworth
4.2 Die Bindungstheorie
4.2.1 Abgrenzung der Bindungstheorie
4.2.2 Grundlagen des Bindungsverhaltens
4.2.3 Die Phasen der Entwicklung des Bindungsverhaltens
4.2.4 Innere Arbeitsmodelle
4.2.5 Die vier Bindungsstile
4.3 Zusammenfassung Bindungsthoerie

5 Studien
5.1 Studie1: Temperament und Emotionsregulierung
5.1.1 Persönlichkeitseigenschaften, Emotionales Erleben und die Hypothese
5.1.2 Methode
5.1.3 Ergebnisse
5.1.4 Diskussion
5.2 Studie 2: Bindung und Emotionsregulierung
5.3 Studie 3: Temperament und Bindung

6 Diskussion

7 Literatur

Zusammenfassung

Im Rahmen dieser Arbeit soll anhand von den dargestellten Studien der Einfluss von Temperament und Bindungsstil auf die Emotionsregulierung im Erwachsenenalter untersucht werden. Die Grundlage dafür bildet das Prozessmodell der Emotionsregulierung nach Gross (1998), das Temperamentskonzept nach Thomas und Chess (1980) inklusive des Passungsmodels und die Bindungsthoerie nach Bowlby (1975). Die Ergebnisse der Studie 1 (Ready & Robinson, 2008) weisen darauf hin, dass der Einfluss des Temperaments auf die Emotionsregulierung durch einen Alterseffekt moderiert wird. So hat das Temperament im jüngeren Erwachsenenalter einen signifikant größeren Effekt auf die Emotionsregulierung als im älteren Erwachsenenalter. Studie 2 (Wilson & Ruben, 2011) hat den Einfluss von Bindung auf die Emotionsregulierung, operationalisiert durch den Umgang mit akutem physischem Schmerz, untersucht. Das Ergebnis ist, dass Bindung einen regulierenden Einfluss auf die emotionale und physiologische Homöostase zu haben scheint. Studie 3 (Laurent & Powers, 2007) hat den Einfluss von Temperament und Bindungsstil auf die Emotionsregulierung im Erwachsenenalter untersucht. Die Ergebnisse deuten darauf hin, dass das Temperament einen indirekten Einfluss durch die Beeinflussung des Interaktionspartners hat. Der Einfluss von Bindung konnte hingegen nachgewiesen werden. Somit scheint die Emotionsregulierung kein Prozess zu sein, welcher nur von dem Individuum abhängig ist, sondern ein interindividueller Prozess, der sowohl von der Umwelt beeinflusst wird, als auch diese selbst beeinflusst (Laurent & Wilson, 2007).

1 Einleitung

Die Regulierung von Emotionen stellt im Leben eines jeden Menschen einen wichtigen Faktor dar welcher mit steigendem Alter an Bedeutung zunimmt, da sowohl die Ansprüche und Erwartungen einer Person an sich selbst, als auch von der Umwelt steigen. So wollen oder können Menschen ihre Emotionen nicht in jeder Situation frei ausleben, man könnte sogar fast sagen, dass sie dies eher selten tun. Warum Menschen ihre Emotionen regulieren kann verschiedene Gründe haben. Es könnte daran liegen, dass das Ausleben einer Emotion in der betreffenden Situation kulturell als nicht erwünscht gilt. Beispielsweise wird ein Gast eines Restaurants in Deutschland einen Kellner, welcher ihm ausversehen ein Glas Wasser über die Hose geschüttet hat, voraussichtlich nicht körperlich angreifen, auch wenn er in diesem Moment Ärger oder Wut verspüren sollte, sondern sich vor Augen führen, dass der Kellner auch nur ein Mensch ist und ein solches Missgeschick jedem passieren kann. Es könnten jedoch auch die Ziele einer Person sein, welche die Regulierung von Emotionen auslösen. Beispielsweise wird eine Person, die die Möglichkeit hat ein Auto zu einem Schnäppchenpreis zu kaufen, versuchen, ihre Freude gegenüber dem Verkäufer zu unterdrücken. In vielen Situationen scheint es folglich gerade für Erwachsene nicht angemessen oder nicht zielführend zu sein, seine „wahren“ Emotionen zu zeigen sondern diese zu regulieren.

Allerdings gibt es Menschen die ihre Emotionen besser regulieren können als Andere. Das heißt, es muss Einflussfaktoren geben, welche zu einer besseren bzw. schlechteren Emotionsregulierung führen. Zur Entwicklung und den Einflüssen auf die Emotionsregulierung gibt es zahlreiche Studien. Die meisten haben sich mit dem Kindes- und Jugendalter beschäftigt. So konnten z.B. Kochanska, Murray & Harlan (2000) zeigen, dass das Temperament eines Kindes mit der Emotionsregulierungskompetenz zusammenhängt. Andere Studien zeigen einen Einfluss des Erziehungs- bzw. Bindungsstils auf die Emotionsregulierung im Kindes- und Jugendalter (z.B. Cooper, Shaver & Collins, 1998). Die vorliegende Arbeit hingegen wird die Studien zusammentragen und bewerten, welche sich mit dem Einfluss von Temperament und Bindungsstil auf die Emotionsregulierung im Erwachsenenalter beschäftigt haben.

Den ersten Block der Arbeit wird der Theorieteil bilden. In diesem Block werden die drei Konzepte dargestellt; das erste Konzept bildet die Emotionsregulierung nach Gross (1998), darauf folgt die Darstellung des Temperaments nach Thomas und Chess (1980) inklusive des Goodnes of fit Models (Passungsmodell) und den letzten Teil stellt die Darstellung der Bindungstheorie nach Bowlby (1975) dar. Die einzelnen Theorieteile sind so aufgebaut, dass zu Beginn eine kurze Einordnung in die Forschungsgeschichte gegeben wird und dann die jeweilige Theorie dargestellt wird. Dabei wird besonderer Wert auf die für die Beantwortung der Fragestellung relevanten Aspekte gelegt.

Auf den Theorieteil folgt der empirische Teil, welcher Studien beinhaltet, die den Einfluss von Temperament und Bindungsstil auf die Emotionsregulierung im Erwachsenenalter untersucht haben. Auch wenn die Erforschung der Emotionsregulierung in den letzten 15 Jahren stetig zugenommen hat, gibt es nach wie vor keine Einigung darüber, was Emotionsregulierung ist, und was nicht, wie sie sich über die Zeit verändert und welche Effekte sie hat (vgl. Gross & Thompson, 2007). Aus diesem Grund gibt es speziell zu dem Thema der vorliegenden Arbeit nur wenige Studien. Nichtsdestoweniger soll in der abschließenden Diskussion der Versuch unternommen werden, auf Grundlage der gefundenen empirischen Studien und theoretischer Überlegungen die Eingangsfrage zu beantworten, ob Temperament und Bindungsstil die Emotionsregulierung im Erwachsenenalter beeinflusst.

2 Die Emotionsregulierung

Dieser Teil der Arbeit wird sich mit der Emotionsregulierung befassen. Um jedoch auf die Regulierung von Emotionen eingehen zu können, muss erst definiert werden, was überhaupt reguliert wird. Aus diesem Grund wird den ersten Teil dieses Kapitels die Definition von Emotion darstellen.

Daran anschließen wird ein kurzer Überblick über die Forschungsgeschichte der Emotionsregulierung. Den Hauptteil dieses Kapitels wird die Beschreibung des Prozessmodells der Emotionsregulierung nach Gross (1998) darstellen. Der letzte Teil besteht aus einer kurzen Zusammenfassung des Prozessmodells der Emotionsregulierung nach Gross (1998).

2.1 Definition Emotion

Emotionen dienen dazu den Organismus in Handlungsbereitschaft zu versetzen, um auf innere oder äußere Herausforderungen reagieren zu können, „indem Reaktionstendenzen auf behavioraler, subjektiv-gefühlsmäßiger und physiologischer Ebene ausgelöst werden (Egloff, 2009, S.488).

Gross und Thompson (2007) haben eine prototype Auffassung von Emotion d.h. sie definieren Merkmale, welche vorhanden bzw. nicht vorhanden sein müssen, damit etwas als Emotion bezeichnet werden kann (vgl. Gross & Thompson, 2007). Dabei konzentrieren sie sich auf drei Hauptmerkmale von Emotion; die Antezedenzbedingungen von Emotionen, die emotionale Reaktion und die Verbindung zwischen den beiden (Gross und Thompson 2007).

1. Das antezedenzfokussierte Merkmal der Emotion bezieht sich auf den Zeitpunkt, der vor der emotionalen Reaktion liegt und ist dadurch gekennzeichnet, dass „emotions arise when an individual attends to a situation and sees it as relevant to his or her goals“ (Gross & Thompson, 2007, S. 4). Es geht folglich um die Bedeutung die die Situation, welche sowohl intern (z.B. Gedanken) als auch extern (z.B. Restaurantbeispiel) sein kann, für das Individuum hat. Auf das eingangs beschriebene Beispiel mit dem Restaurantgast und dem Kellner bezogen ist dies der Zeitpunkt zu welchem der Gast das Wasser auf die Hose geschüttet bekommt und dadurch eine für den Gast relevante Situation entsteht.
2. Eine emotionale Reaktion führt zu einer Veränderung des gesamten Organismus d.h. auf der Ebene des Erlebens, des Verhaltens und der zentralen und peripheren Physiologie (Mauss, Levenson, McCarter, Wilhelm & Gross, 2005, zitiert nach Gross & Thompson, 2007). So führt eine Emotion nicht nur zu einem subjektiven Gefühl sondern meist auch zu einer Reaktionstendenz (Verhalten), welche mit der physiologischen Reaktion assoziiert ist (Gross & Thompson, 2007). Gross (1999a) beschreibt das folgendermaßen: „Emotions not only make us feel something, they make us feel like doing something“ (S. 528). Bezogen auf die Restaurantsituation fühlt der Gast die Emotion Wut, welche mit einer physiologischen Erregung einhergeht und die Reaktionstendenz des körperlichen Angriffs hervorruft.
3. Das dritte Merkmal der Emotion ist das für die Emotionsregulierung entscheidende. Auch wenn Emotionen durchaus jedwede Handlung die wir ausführen unterbrechen können und sich in den Aufmerksamkeitsfokus des Betreffenden zwängen können, sind wir doch in der Lage diese Emotion zu beeinflussen bzw. zu regulieren (Gross & Thompson, 2007). Auf das oben genannte Beispiel angewendet, reguliert der Gast seine Wut und folgt nicht seiner ersten Handlungstendenz - das Zuschlagen - sondern hält sich zurück.

2.2 Definition Emotionsregulierung

Der Begriff Emotionsregulierung kann auf zwei unterschiedliche Weisen Verstanden werden. Zum einen könnte er so verstanden werden, dass Emotionen etwas regulieren z.B. das Verhalten oder Denken. Auf der anderen Seite kann mit Emotionsregulierung auch der Prozess gemeint sein, bei welchem die Emotionen selbst reguliert werden d.h. Angst, Wut, Freude usw. werden reguliert (vgl. Gross & Thompson, 2007). Das Prozessmodel der Emotionsregulierung von Gross (1998) bezieht sich auf die zweite Verwendung des Begriffs d.h. es geht um die Regulierung von Emotionen.

In diesem Rahmen können unterschiedliche Arten von Emotionen auf unterschiedliche Art und Weise reguliert werden. Gross und Thompson (2007) gehen von drei Hauptmerkmalen aus. Erstens, können sowohl positive als auch negative Emotionen reguliert werden. Zweitens, kann Emotionsregulierung sowohl bewusst als auch unbewusst ablaufen. Drittens, wird die Emotionsregulierungskompetenz nicht von vornherein als etwas positives oder negatives gesehen, sondern sie ist, in Abhängigkeit vom jeweiligen Kontext, höher oder niedriger ausgeprägt. „For example, cognitive strategies that dampen negative emotions may help a medical professor operate efficiently in stressful circumstances, but also may help neutralize negative emotions associated with empathy, thereby decreasing helping” (Gross & Thompson, 2007, S. 9).

2.3 Prozessmodel der Emotionsregulierung nach Gross

Die Regulierung von Emotionen kann an verschiedenen Punkten des Emotionsentstehungsprozesses ansetzen. Abbildung 1 zeigt die fünf Zeitpunkte zu denen eine Regulation möglich ist (vgl. Gross, 1998). Dabei können die Regulationsstrategien in zwei Kategorien unterteilt werden. Auf der einen Seite in die antezedenzfokussierten Strategien, bestehend aus der Situationsauswahl (Situation Selection), Situationsmodifikation (Situation Modification), Aufmerksamkeitslenkung (Attention Deployment) und Kognitive Veränderung (Cognitive Change). Eine Situation kann in diesem Modell sowohl internal, also innerhalb einer Person, als auch external d.h. außerhalb einer Person liegen. Auf der anderen Seite in die reaktionsfokussierte Strategie, welche die schon ausgelöste Emotionsreaktion verändert (Response Modulation). Im Folgenden werden die einzelnen Strategien beschrieben.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 1: Prozessmodell der Emotionsregulierung (Gross & Thompson, 2007, S. 10)

2.3.1 Die Situationsauswahl

Die Situationsauswahl ist die Emotionsregulierungsstrategie, welche die größte Voraussicht benötigt (Gross & Thompson, 2007). Das Individuum muss antizipieren, welche Situation welche Emotion hervorrufen kann. Dazu benötigt es einerseits das Wissen um emotionsrelevante Situationen und zum andererseits eine gute Selbstkenntnis, gerade wenn es darum geht, die Kosten und Nutzen von kurzfristigen Zielen gegenüber langfristigen abzuschätzen (Gross, 1998).

Bei der Situationsauswahl wird aus diesem Grund das Individuum häufig durch sein Umfeld unterstützt. So übernehmen Eltern für ihre Kinder häufig die Situationsauswahl, indem sie ihre Kinder z.B. zu einem kinderfreundlich eingerichteten Friseur schicken (vgl. Gross & Thompson, 2007). In vielen klinischen Kontexten versucht der Therapeut den Patienten bei der Situationsauswahl zu unterstützen, beispielsweise beim Konzept der Stimuluskontrolle im Zusammenhang mit Adipositas (Junge-Hoffmeister, 2006). Bei dieser Technik soll der Patient bestimmte Nahrungsmittel (z.B. Schokolade) nicht einkaufen, um einer „impulsiven stimmungsinduzierten Nahrungsaufnahme“ (Junge-Hoffmeister, 2006, S. 438) vorzubeugen. Auf das Restaurantbeispiel bezogen, könnte der Gast den Besuch von Restaurants entweder komplett vermeiden oder in solche gehen, die gut ausgebildete Kellner beschäftigen.

2.3.2 Die Situationsmodifikation

Die Situationsmodifikation ist eine Strategie, welche zum Tragen kommt wenn ein Individuum sich bereits in einer potenziell emotionsauslösenden Situation befindet, welche sich in diesem Fall nur auf die Modifizierung von “external, physical environments“ (Gross & Thompson, 2007, S. 12) und nicht auf internale Prozesse bezieht. Lazarus und Folkman (1984) haben diese Strategie im Rahmen Ihrer Coping- und Stressforschung problemfokussiertes Coping genannt. Durch die Modifikation einer Situation entsteht postwendend eine neue Situation weshalb es oft schwierig ist Situationsselektion und -modifikation zu unterscheiden (Gross, 1998).

In dem Restaurantbeispiel könnte der Gast beispielsweise nichts zu Trinken bestellen, um so die potentiell emotionsauslösende Situation zu entschärfen.

In der sozialen Interaktion spielt der Ausdruck von Emotionen eine große Rolle und kann eine Situation verändern (Gross & Thompson, 2007). „In this sense, emotion expressions can be powerful extrinsic forms of emotion regulation, changing the nature of the situation” (Rimé, 2007, zitiert nach Gross & Thomspon, 2007, S.12).

Das Ausdrücken von Emotionen und die Reaktion der Umwelt darauf spielt eine Rolle bei der Entwicklung der Emotionsregulierung im Kindesalter (Thompson & Meyer, 2007). So entwickeln Kinder, welche beim Ausdrücken ihrer Emotionen Verständnis und Unterstützung von Seiten der Eltern erfahren, eine positivere Emotionsregulierungskompetenz, als Kinder welche auf Ablehnung und Unverständnis stoßen (Thompson & Meyer, 2007).

2.3.3 Die Aufmerksamkeitslenkung

Die Aufmerksamkeitslenkung ist sozusagen die Situationsauswahl innerhalb eines Individuums. Sie lenkt die Aufmerksamkeit in einer Situation, um die Emotionen zu regulieren (Gross & Thompson, 2007). Die Aufmerksamkeitslenkung ist die Emotionsregulierungsstrategie, welche sich als erste entwickelt (Rothbart, Ziaie & O´Boyle, 1992) und von der Kindheit bis ins Erwachsenenalter angewendet wird (Gross & Thompson, 2007).

Die Aufmerksamkeitslenkung kann in drei Kategorien unterteilt werden: die Ablenkung, die Konzentration und die Rumination.

Bei der Ablenkungsstrategie wird die Aufmerksamkeit entweder auf nicht emotionale Aspekte der Situation gelenkt, oder aber es findet eine komplette Abwendung von der Situation statt (Gross & Thompson, 2007). In diesem Fall kann die Situation sowohl internal (z.B. Grübeln) als auch external (z.B. Abwenden von einem schlimmen Unfall) sein.

Die Konzentration dient der Auslösung bzw. Intensivierung von Emotion, indem sich das Individuum auf die emotionsauslösenden Aspekte konzentriert um eine Emotion auszulösen oder zu verstärken (Gross, 1998).

Bei der Rumination kreisen die Gedanken um die eigenen Emotionen. Rumination führt bei der depressiven Störung zu einer Aufrechterhaltung und Verstärkung der Symptomatik und sagt Angstsymptome vorher (Nolen-Hoeksema, 2000).

Um es wieder an dem Restaurantbeispiel zu verdeutlichen, wäre es denkbar (wenn auch ein wenig konstruiert), dass der Gast aufgrund seiner schlechten Erfahrungen in Restaurants ständig daran denkt, dass ihm jederzeit ein Glas Wasser über die Hose geschüttet wird und dadurch die Emotion des Ärgers darüber auslöst.

2.3.4 Die kognitive Veränderung

Die kognitive Bewertung einer Situation geht der Emotionsentstehung unmittelbar voraus d.h. der wahrgenommen Situation muss eine Bedeutung zugeschrieben werden und das Individuum muss abschätzen, ob es die Ressourcen und Möglichkeiten hat, auf die Situation angemessen zu reagieren (Gross, 1998). Der Emotionsregulierungsprozess setzt an dem Punkt der Bewertung an, welcher verändert werden kann. Dies kann z.B. durch abwärts- oder aufwärtsgerichteten sozialen Vergleich (Taylor & Lobel, 1989) erreicht werden.

Die kognitive Neubewertung (reappraisal) ist eine weitere gut untersuchte Strategie der kognitiven Veränderung (Gross, 2002). „This type of cognitive change involves changing a situation´s meaning in a way that alters its emotional impact” (Gross & Thompson, 2007, S. 14). Die Neubewertung einer Situation wird durch Verleugnung, Isolierung oder Intellektualisierung erreicht (Gross, 1998).

In der Restaurantsituation könnte der Gast, nachdem er das Wasser über die Hose geschüttet bekommen hat, die Situation dahingehend neubewerten, indem er sich vor Augen führt, dass dies jedem passieren kann und das unabhängig davon die Hose in Bälde auch wieder trocken sein wird.

Die Entwicklung der kognitiven Neubewertung wird bei Kindern stark durch die Eltern beeinflusst (Gross & Thompson, 2007). So liefern Eltern ihren Kindern Bewertungen über emotionsrelevante Situationen, indem sie nur bestimmte Informationen über Situationen preisgeben z.B. dass man in einem Campingurlaub in der Natur ist, nicht aber das es dort Mücken gibt. Oder dadurch, dass sie Erklärungen für das Auftreten von Emotionen geben; beispielsweise: die Oma ist traurig, weil ihr Hund gestorben ist. Oder sie vermitteln ihnen „feeling rules“ (Gross & Thompson, 2007. S. 14), indem sie sagen: große Kinder weinen nicht, wenn sie in den Kindergarten gehen. Außerdem greifen sie in den Emotionsregulierungsprozess von Kindern ein, indem sie die Emotionen für das Kind neu bewerten („man freut sich nicht über das Leid Anderer, versetz dich mal in deren Lage!“) (vgl. Denham, 1998; Eisenberg et al., 1998; Thompson, 1994, zitiert nach Gross & Thompson, 2007). Durch die Emotionsregulierung durch die Eltern entstehen bei den Kindern bestimmte Repräsentationen von Emotionen und der Umwelt, welche einen Einfluss auf die eigene Emotionsregulierung im späteren Leben hat (Mesquita & Albert, 2007).

2.3.5 Die Reaktionsveränderung

Im Unterschied zu den oben beschriebenen Emotionsregulierungsstrategien findet die Reaktionsveränderung statt, nachdem die entsprechenden Reaktionstendenzen aktiviert wurden (vgl. Gross, 1998). Die Reaktionsveränderung bezieht sich auf die Veränderung der Physiologie, das Verhalten und Erleben. Die Regulation der Physiologie und des Erlebens kann durch Sport, Drogen und Entspannung umgesetzt werden um beispielsweise negative Gefühle zu modifizieren.

Eine weitere Form der Reaktionsveränderung liegt in der Regulation des Ausdrucks der Emotion. Wie Eingangs bereits erwähnt, gibt es Situationen, in denen das Ausdrücken von Emotionen nicht von Vorteil für eine Person sein kann (siehe Beispiel Autokauf). Desweiteren zeigen Studien (z.B. Izard, 1990), dass das Ausdrücken von Emotionen eine leichte Verstärkung dieser zur Folge hat.

Allgemein sind Menschen kompetenter bei der Regulation ihrer Emotionen, wenn sie adaptive Reaktionsalternativen beherrschen (Gross & Thompson, 2007). „At older ages, the extent to which emotions can be successfully managed is based, in part, on the availability of adaptive response alternatives for expressing emotion” (Gross & Thompson, 2007, S. 15). Ob eine Reaktionsalternative adaptiv ist, hängt von verschiedenen Faktoren ab. Erstens, ist der Kontext in dem sich die Person befindet entscheidend. Zweitens, kann dies durch die Eltern dadurch gefördert, dass sie ihre Kinder dazu ermutigen ihre Emotionen mit Worten auszudrücken (Gross & Thompson, 2007).

2.4 Zusammenfassung Emotionsregulierung

Zusammenfassend lässt sich festhalten, dass unter Emotionsregulierung im Rahmen dieser Arbeit die Regulation von Emotionen verstanden wird. Dabei wird von einem Prozessmodell der Emotionsentstehung ausgegangen, wobei an jedem Punkt der Entstehung regulierende Strategien ansetzen können (Gross, 1998). Dabei wird grundsätzliche zwischen antezedenzfokussierten Strategien (diese regulieren vor der emotionalen Reaktion) und reaktionsfokussierten Strategien (welche die emotionale Reaktion regulieren) unterschieden. Die antezedenzfokussierten Strategien bestehen aus der Situationsauswahl, dabei wird eine zukünftige Situation so ausgewählt, dass sie nicht emotionsrelevant wird; die Situationsmodifikation ist eine Strategie, welche die Situation in der sich eine Person befindet modifiziert bzw. ändert; die Aufmerksamkeitslenkungsstrategie lenkt die Aufmerksamkeit in einer emotionsrelevanten Situation auf nicht emotionale Aspekte der Situation; die kognitive Veränderung geht der emotionalen Reaktion unmittelbar voraus und bewertet eine Situation auf ihre emotionale Bedeutung hin. Diese Bewertung kann kognitiv verändert werden. Die Reaktionsveränderung hingegen bezieht sich auf die Veränderung von Physiologie, Verhalten und Erleben nachdem die Emotion ausgelöst wurde (Gross 1998).

3 Das Temperament

Dieser Teil der Arbeit wird das Temperamentskonzept von Thomas und Chess (1980) vorstellen. Dabei wird zuerst auf die Forschungsgeschichte von verschiedenen Temperamentsansätzen eingegangen, um dann im Hauptteil das Temperamentskonzept von Thomas und Chess (1980) und das darin eingebundene Modell der Passung darzustellen. Den letzten Teil wird eine kurze Zusammenfassung bilden.

3.1 Einordnung in die Forschungsgeschichte

Bereits in der Antike entwickelte Hippocrates (460 v. Chr.) eine Temperamentlehre, welche davon ausging, dass es entsprechend den vier Naturelementen, Luft, Erde, Feuer und Wasser auch beim Menschen vier Grundausrichtungen geben müsse, nämlich das sanguinische (eher unzuverlässig, heiter, agil), melancholische (für Freude eher unempfänglich und grübelnd), cholerische (aufbrausend und leidenschaftlich) und phlegmatische (ruhig und schwer aus der Fassung zu bringen) Temperament (Zentner, 1993). Diese Temperamentseinteilung hat sich zum Teil bis heute gehalten.

Die Entwicklungspsychologie beschäftigte sich ab dem 19. Jahrhundert mit dem Temperament. So wurde zum einen der Zusammenhang zwischen Temperament und Lebensphase hergestellt, zum anderen wurde die Bedeutung des Temperaments für Erziehungsfragen diskutiert (Zentner, 1993).

Kretschmer (1921, zitiert nach Zentner, 1993), ein Konstitutionspsychologe, entwickelte auf der Grundlage der vier Körperbautypen eptosomer/ asthenischer, pyknischer, athletischer und dysplastischer und durch klinische Beobachtungen und den zugehörigen psychischen Eigenarten drei Temperamentstypen; das schizothyme, das zyklothyme und das visköse Temperament.

Ende des 19. Jahrhunderts beschäftigte sich unter anderen Hartmann (1896, zitiert nach Zentner, 1993) mit der Frage, welche Methode zur Untersuchung des Temperaments geeignet sei und kam zu dem Schluss, dass die systematische Längsschnittstudie die effektivste sei, da sie ihm als am objektivsten erschien. Thomas und Chess (1980) haben später in Ihrer Untersuchung des Temperaments ebenfalls die Längsschnittmethode gewählt und auch einige Items des von Hartmann entwickelten Fragebogens zum Temperament, zumindest inhaltlich, übernommen (Zentner, 1993).

Durch den Missbrauch des Temperaments durch den Nationalsozialismus wurde die Temperamentsforschung danach vorübergehend eingestellt und erst in den 1950er Jahren wiederaufgenommen (Zentner, 1993). In dieser Zeit begann auch die New Yorker Langzeitstudie zur Erforschung des Temperaments von Thomas und Chess, welche im nächsten Kapitel beschrieben wird.

3.2 Das Temperamentskonzept von Thomas und Chess

Thomas und Chess haben sich mit der Untersuchung des Temperaments beschäftigt, da sie mit den zu ihrer Zeit vorherrschenden Annahmen bezüglich der Entwicklung des Kindes unzufrieden waren (Zentner, 1993). So ging man davon aus, dass es sich in den ersten fünf Lebensjahren eines Kindes entscheiden würde, ob dieses sich gesund oder pathologisch entwickelt; dass individuelle Unterschiede im Verhalten und der Persönlichkeit eines Menschen durch die Umwelt, speziell den Erziehungsstil der Eltern, besonders der Mutter, entstehen würden; das eine psychische Störung im Kindes- oder Erwachsenenalter auf den Erziehungsstil oder Umwelteinflüsse zurückzuführen sei (vgl. Zentner, 1993). Da Thomas und Chess klinische Erfahrungen mit Kindern machten, welche nicht mit den oben beschriebenen Ansichten vereinbar waren, vermuteten sie einen Einfluss von angeborenen Verhaltensunterschieden, welche die Entwicklung eines Kindes mitbestimmen (Zentner, 1993). Um diese Vermutung zu überprüfen, begannen Thomas und Chess 1956 die New Yorker Langzeitstudie.

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Ende der Leseprobe aus 43 Seiten

Details

Titel
Der Einfluss von Temperament und Bindungsstil auf die Emotionsregulierung
Hochschule
Universität zu Köln  (Psychologie)
Note
3,0
Autor
Jahr
2011
Seiten
43
Katalognummer
V294055
ISBN (eBook)
9783656920212
ISBN (Buch)
9783656920229
Dateigröße
673 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Emotionsregulierung, Emotionsregulation, Temperament, Bindung, Bindungstheorie, Bowlby, Gross, Bindungsverhalten, Bindungsstil, Persönlichkeitseigenschaften, sicher gebunden, unsicher gebunden, unsicher-ambivalent gebunden, unsicher-vermeidend, unsicher-desorganisiert, Thomas, Chess, Affekt, Gefühle, Psychologie, Erwachsen, Zusammenhang, Einfluss
Arbeit zitieren
Julian Böck (Autor), 2011, Der Einfluss von Temperament und Bindungsstil auf die Emotionsregulierung, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/294055

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