Tristan. Liebendes Opfer und betrügender Held


Seminararbeit, 2011

29 Seiten, Note: 2,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung: Tristan bei Gottfried von Straßburg, Kevin Reynolds und Heinrich von Freiberg

2. Die Figur Tristan
2.1 Tristans Kindheit
2.2 Tristans Jugend
2.3 Tristan als Erwachsener

3. Tristans Ankunft In Irland
3.1 Treffen Auf Isolde
3.2 Trennung Von Isolde

4. Tristans Verhältnis Zu Marke
4.1 Vor Der Hochzeit
4.2 Nach Der Hochzeit
4.3 Kurz Vor Dem Ende

5. Resümee: Rechtfertigungen - Opfer Von List Und Liebe?

6. Literatur- Und Quellenverzeichnis

1. Einleitung: Tristan bei Gottfried von Straßburg, Kevin Reynolds und Heinrich von Freiberg

Der Name „Tristan“ ist zu unserer Zeit nicht unbeliebt und dabei macht sich kaum Einer einmal Gedanken darum, woher dieser Name kommen mag. Er stammt vom französischen triste, was „Trauer“ bedeutet – zumindest legt Gottfried von Straßburg diese Erklärung der Figur Rual li Foitenant in den Mund, dem edlen Vasallen, der den Tristan erzieht, der uns mittlerweile als Held einer weltberühmten Sage bekannt geworden ist. Der Autor selbst deutet, „[s]owohl rückblickend als auch vorausweisend[, …] den Namen Tristans […] und stellt ihn in die Spannung eines trureclichen Lebens (v 2011) und eines trureclichen todes (v 2013) [1] “, ist doch seine Geschichte durch und durch von Trauer durchzogen; Und setzt man sich damit auseinander, stellt man schnell fest: „No doubt, Tristan’s birth and his later life are essentially triste.“[2]

Gottfrieds Tristan, der um 1210 in Mittelhochdeutsch entstand, kann als Versroman bezeichnet werden und, will man die Gattung etwas näher zu fassen bekommen, als Roman-Fragment, denn leider verstarb der Autor, bevor er die ursprünglich geplanten ca. 30 000 Verse vervollständigen konnte. Somit bricht die Erzählung einfach kurz vor der Peripetie der Erzählung ab und der Leser darf das Ende der Sage seiner Fantasie überlassen, denn er erfährt nichts mehr über das Schicksal der Figuren – zumindest nicht aus Gottfrieds Feder.

2005 - fast ein Jahrtausend nach dem ersten Erscheinen der Sage in klassischer Schriftform – gelingt es dem Regisseur Kevin Reynolds, den mittelalterlichen Unterhaltungsstoff in ansprechenden Bildern auf die Kinoleinwand zu bringen. Mehrere haben diesen Schritt auch vorher schon gewagt, doch mit Reynolds' Werk präsentiert sich hier die wohl modernste Interpretation des behandelten Stoffes. Setzt man sich mit klassischer Vorlage und gleich im Anschluss danach mit dem modernen Streifen auseinander, freut man sich über Parallelen, Szenen, die einem in Erinnerung geblieben sind, Figuren, die man besonders ins Herz geschlossen hat, doch wie bei fast jeder Verfilmung ist man etwas enttäuscht über fehlende Szenen, umgestaltete Personenkonstellationen, für die sinnvolle Kürze verkrümmte Handlungsstränge. Verständlich ist auch, dass Reynolds seinem Film ein rundes Ende geben wollte. Doch wie hätte er es tun sollen, ohne sich die Neuschöpfung, nur eine „ergreifende Neubearbeitung [3] “ der alten Sage anzumaßen? Gottfried hatte den Tristan schließlich ohne Ende gelassen.

Doch auch, wenn das Romanfragment unvollständig geblieben ist, heißt es nicht, dass es nicht versucht worden ist, es im Nachhinein zu beenden. Dieser Aufgabe haben sich Ulrich von Türheim (1195-1250) und Heinrich von Freiberg (zweite Hälfte des 13. Jahrhunderts) gewidmet. In ihren Texten wird an das Ende von Gottfrieds Tristan angeknüpft, die Handlung etwas fortgeführt, neue Figuren erwähnt und das Ende des Helden und seiner geliebten Isolde beschrieben. Zwischen den beiden Versionen finden sich viele Parallelen, wobei Heinrichs Version auf den ersten Blick umfassender, nachvollziehbarer und vollständiger erscheint. Dass diese Version einen besseren Ruf besaß, als die Ulrichs, könnte daran liegen, dass „es Heinrich gekonnt versteht, Gottfrieds Stil zu imitieren.“[4] Dadurch, dass er außerdem „die Äquilibrien der Handlung zum Erzeugen von Scheinschlüssen [nutzt] und […] das Handlungsgeschehen noch eindringlicher als Ulrich mit relativierenden Signalen [umgibt]“ [5], werden Heinrichs Figuren und ihre Gefühle und Entscheidungen menschlicher und verständlicher dargestellt, besonders, als er dem bisherigen Romangeschehen mit Kritik begegnet.[6] Deshalb soll im Laufe dieser Arbeit, ist einmal vom „Ende“ der Sage die Rede, Bezug auf Heinrichs Version der Katastrophe genommen werden.

Diese Arbeit befasst sich aber nicht mit dem gesamten Tristan-Mythos (, denn das würde ihren Rahmen vermutlich sprengen, gäbe es doch viele Ansätze und Fragestellungen, die man daraus ziehen könnte), sondern nur mit der Figur des Helden, der dem Epos seinen Namen verleiht. In den folgenden Kapiteln soll, unter Berücksichtigung sowohl der mittelalterlichen Vorlage, als auch der filmischen Interpretation, der Mann Tristan beschrieben werden, untermauert dadurch, wie Worte diese Aufgabe zu erfüllen vermögen und cinematografische Mittel diesen Worten gerecht zu werden versuchen. Zuerst soll Tristan anhand seiner überlieferten Äußerlichkeit und seinen Charaktermerkmalen skizziert werden. Darauf sollen zwei Aspekte aus dem Epos, auf die sowohl in der Schrift, als auch im Film Wert gelegt wird, diese Beobachtungen unterstützen. Doch bevor dies geschehen kann, ist es vielleicht von Nutzen, kurz die Handlung der Erzählung abzureißen, um die nachfolgenden Untersuchungen klarer zu gestalten.

Die Sage handelt von Tristan, dem Sohn des Herrn von Parmenien, der früh seine Eltern verliert und seine Jugend wohlerzogen, an einem adeligen Hofe, verbringt. Er wird in allen höfischen Künsten und Wissenschaften unterrichtet und wächst mit Interesse an Weltgeschehen und Politik auf. Auf seinen Reisen verliebt er sich in Isolde, Königstochter von Irland, das mit Cornwall, dem Reich seines Verwandten Marke, in Erzfeindschaft steht. Um Frieden zu besiegeln, beschließt Marke, Isolde zu heiraten. Dies ist ein starker Hieb für die Bande der Liebenden, doch sie fühlen sich den gesellschaftlichen Normen unterworfen – Isolde wird Markes Ehefrau, Tristan bleibt an dessen Hofe. Weil sie aber durchgehend Kontakt zueinander haben, pflegen Tristan und Isolde ein geheimes Verhältnis, das dem König von seinen Bediensteten schließlich gemeldet wird. Das Paar wird getrennt und lebt seither in Kummer.

Hier endet Gottfrieds Erzählung und es gibt viele Variationen davon, wie sie schließlich weitergeht. Bei Heinrich bleibt Tristan trotz aller Versuchungen im Herzen seiner Isolde treu, wird im Kampf um einen Freund tödlich verwundet und lässt nach Irland schicken, Hilfe bei seiner Wunde erbittend, denn Isolde zählt als die mächtigste Heilerin auf Erden. Als ihm fälschlicherweise vermittelt wird, dass Isolde der Bitte nicht nachkommt, stirbt er. Isolde, die aber freilich zu Hilfe geeilt ist, kommt zu spät und stirbt an Tristans Bett an gebrochenem Herzen. Marke beerdigt beide in einem Kloster in Cornwall, einen Rosenstock auf Tristans, eine Weinrebe auf Isoldes Grab setzend, die sich seither ineinander verflechten. Bei Reynolds verlässt Tristan Cornwall gar nicht, denn es steht an der Schwelle des Krieges mit Irland. Er rettet Marke in seiner Not und wird dabei tödlich verletzt, worauf Cornwall siegreich bleibt, dessen Held aber in Isoldes Armen stirbt. Sie bestattet ihn, zwei Weiden auf sein Grab setzend, und verschwindet ohne jede Spur.

2. Die Figur Tristan

In diesem Kapitel soll eine Charakterisierung von Tristan als (Roman-)Held stattfinden. Dies soll zunächst anhand von Textpassagen von Gottfried geschehen, die im Anschluss immer wieder mit den entsprechenden Griffen aus dem Film verglichen werden sollen. Aufgeteilt in Beschreibungen seiner Kindheit, Jugend und seines Erwachsenendaseins soll aufgezeigt werden, wie unterschiedlich, aber vielleicht auch ähnlich Gottfried und Reynolds das Bild eines mittelalterlichen Helden zeichnen. Das Augenmerk liegt hierbei auf Tristans Äußerem, wie auch den Charaktereigenschaften, die ihm in Text und Filmrezeption zugesprochen werden.

2.1 Tristans Kindheit

Gottfrieds Tristan wird geboren als Sohn von Riwalin, des tapferen und vortrefflichen Fürsten von Parmenien und seiner Frau, der schönen Königin Blanscheflur. Doch fast im gleichen Moment wird Riwalin auf dem Schlachtfeld erschlagen und Blanscheflur stirbt vor Kummer, worauf Parmenien in die Hände von Riwalins Gegner Morgan fällt, der das Reich mit Schatten der Tyrannei überzieht. Das Baby wird von Riwalins Gefolgsmann Rual li Foitenant und seiner Frau Floraete versteckt und vor Morgan als ihr eigenes ausgegeben. Somit wächst Tristan als Waisenjunge auf, ohne es zu wissen, und erst Rual gibt ihm seinen Namen, in Ehrerbietung an seine verschiedenen Eltern, seine Herren.

Als höfisches Kind genießt Tristan viele Arten von schöner Erziehung: Er lernt Lesen und Schreiben, einige Sprachen (, darunter Englisch, Französisch, Latein und einige Dialekte), Gesang und Saitenspiel. Dazu gehören auch typisch höfische Rituale von Gebärde und Sprechkontakt. [7] Auch körperlich ist er aktiv: er reitet, kämpft – zwar nicht in der Schlacht, aber er lernt es – mit Schild und Speer, fährt mit auf Jagd und Pirsch, hält sich sportlich und trainiert und wird als „so schön, daß niemals von einer Frau ein liebreizenderes Kind geboren wurde [8] “ beschrieben. Seine Außergewöhnlichkeit als Kind beruht also vor allem durch intellektuelle Erziehung.[9] Dadurch ist es dem Jungen von Kindheit an in die Wiege gelegt, „auf Leute zu wirken und Interesse an seiner Person zu wecken.[10] “ Daraus resultiert, dass er auf allen Seiten einen ehrenhaften[11] Eindruck zu wecken vermag. Doch all diese Bemühungen halten Tristan nicht davon ab, sich zu seiner eigenen Gunst der Lüge zu bedienen. Schoenwald geht sogar so weit, zu behaupten, „Gottfrieds Werk [sei..] ein Roman der Listen und des Betrugs, der trickreichen Dialoge bis hin zum kalkulierten Schwurspruch, der falschen Fährten, der Verkleidung und Tarnung“[12], worauf er einige Beispiele wie den Betrug der Pilger, die Lügen am Hof etc [13]. aufführt. Aber die Lüge ist dem jungen Tristan nicht so angeboren wie seine Güte und Ehre, sondern schaltet sich als Filter vor der kindlichen Naivität ein. Tomasek behauptet, der Junge werde sich seiner „Sorglosigkeit bewusst [...] und lässt sich [...] nicht mehr in die Karten blicken.“[14] Lüge und List werden von Anfang an also als wesentliche Elemente anerkannt, doch durch Notwendigkeit und Selbstschutz legitimiert. Der weitere Verlauf der Geschichte erklärt diese Haltung.

Reynolds' Tristan ist der Sohn des Landlords Aragon, der seinen Herrschaftssitz in einer kleinen, gebirgigen Dorfstadt hat. Gespielt wird der junge Tristan von Thomas Sangster. Man sieht bereits in den ersten Einstellungen einen kleinen, zäh gebauten Jungen mit dunklen, wachen Augen und mutig gestrafften Lippen, hell von der Bergsonne ausgeblichene, doch ursprünglich braune Locken auf seinem Kopf. Er ist mit seinem Vater auf der Jagd. Ein harmonisches und idyllisches Bild, das keinerlei Unruhe oder Irritation, oder irgendwelche Besonderheit eines Wunderkindes erzeugt. Er ist gehorsam, aufgeweckt, aber leicht zu erzürnen, „von Kind an der geborene Krieger [15] “ – das merkt man, als sein Dorf plötzlich von irischen Streitern angegriffen wird und Aragon und seine Frau nahezu vor Tristans Augen abgeschlachtet werden. Marke, der bei Aragons überfallenem Rat anwesend war, rettet den Jungen und nimmt ihn mit nach Cornwall, um ihn statt eines eigenen Sohnes aufzuziehen.

2.2 Tristans Jugend

Mit 14 Jahren zählt Gottfrieds Tristan schon als vollständig zurechnungsfähig und es ist ihm erlaubt, überall im Reich umherzureiten, wie es ihm beliebt. Er hat sich als besonderer Junge ausgezeichnet, er ist begabt, handwerklich geschickt und bezaubert alle mit seinem Gesang. Als Handelsleute an die Küsten Parmeniens kommen, besucht Tristan mit seinem Lehrer Kurvenal deren Schiffe und schlägt einige der Norweger im Schach. Seine über die Maßen auffallende Klugheit reizt die Seeleute, ihn zu entführen, was sie in die Tat umsetzen. Doch der Sturm auf See (und somit, ihrer Meinung nach, Gottes Zorn) zwingt sie dazu, den Jungen schließlich doch bei der nächsten Gelegenheit auszusetzen. So kommt Tristan nach Cornwall. In der Stunde der Not und völliger Einsamkeit ist er verzweifelt und scheut sich nicht davor, bittere Tränen zu weinen. Doch der Glaube an Gott und seine Gebete geben ihm Mut und klaren Verstand für sein nächstes Vorgehen. „Seiner Ausbildung und seinem Könnertum entsprechen seine äußere Erscheinung, seine Gesinnung und sein Auftreten:“ [16]

„Er trug Rock und Mantel

aus einem Seidenstoff, der prächtig war

und wundervoll gewirkt.

Er war von Sarazenen

mit zierlichen Borten

in fremdartiger Herrlichkeit

auf heidnische Art

durchwebt und bestickt

und war so vorzüglich angepaßt

seinem herrlichen Körper,

daß von Männern oder Frauen

niemals vornehmere Kleider

angefertigt wurden als diese.“[17]

Auch dieser für Cornwall ungewöhnlichen, fürstlichen Gewandung bedient er sich als Respektverschaffer, als er in der Wildnis auf Marke und seine Mannen trifft, die zur Jagd ausgeritten sind [18]. Er erzählt ihnen, er sei der Sohn eines parmenischen Kaufmanns, den das Fernweh gepackt hätte, sodass er hierher kam, um Neues zu lernen. Als er vor versammelter Mannschaft professionell und nach fremder Sitte einen Hirsch zerlegt, nimmt Marke ihn bei sich am Hofe auf. Auch wenn Tristans Herz und Gedanken noch an der Heimat hängen und er sich Sorgen macht, weiß er sich mit Besonnenheit und List zu helfen. Hermann beschreibt diese Situation folgendermaßen:

„Indem er höfisch-waidmännische Entwicklungshilfe leistet, gelingt es ihm, eine führende Stellung in der Gesellschaft einzunehmen. Tristan versucht sich zu integrieren, ohne sein wahres Gesicht zu zeigen. Höfische Identität, Erziehung und Bildung erlauben eben, was unter der Bürde seiner Herkunft schwer möglich wäre. Sie ermöglichen weiterhin eine Integration ohne Assimilation.“ [19]

Er wächst heran in enger Freundschaft mit dem König, der ihm alle Ehren zuteilwerden lässt [20], und ist überall beliebt wegen seiner unumschränkten Hilfsbereitschaft, „in der Fremde erwachsen, [...] sich am Hof Markes als Außenseiter [...] durchsetzen[d]“[21] und wird, an des Königs Seite, „ - noch entscheidender als dieser – zum Repräsentanten und Gestalter des Hofes.“[22] Überall zeigen sich Tristans „Willensstärke und Kommunikationsfähigkeit“, seine „Kultiviertheit“, und alle Aufmerksamkeit wird abgelenkt von seiner „Verstellung“, wodurch er noch „die Bewunderung [steigert], die ihm ohnehin schon zuteilwird [23] “. Dadurch wird „das Motiv des spils zum wesensmäßigen Ausdruck in Tristans Leben.[24]

Als er jedoch von Rual, der, auf der Suche nach „seinem“ Sohn, auch in Cornwall vorbeikommt, erfährt, dass er in Wahrheit der Sohn Riwalins und Herr über Parmenien ist, ist diese Wahrheit ein Schock für seine empfindsame Seele, denn die Lüge, mit der er aufgewachsen und somit auch der Verlust des echten Vaters zermürben ihn in diesem Moment. Dennoch nimmt er sein Schicksal tapfer an und wird in ganz zartem Mannesalter nicht nur Herrscher über Parmenien, sondern auch, durch Markes Gunst, der Erbe von Cornwall.

Da Reynolds' Tristan ja bereits in Cornwall aufgewachsen ist, wird das Stück seiner Jugendentwicklung im Film vollständig ausgelassen. Es gibt einen Zeitraffer – 9 Jahre später. Tristan ist erwachsen.

2.3 Tristan als Erwachsener

Als Herrscher von zwei namhaften Reichen ist Gottfrieds Tristan in aller Munde – ein Star, eine aufsteigende Berühmtheit. Er ist immer reich ausgestattet und gerüstet, mit allem, was ihm beliebt, führt seine eigene Ritterschar an und ist seelisch trotzdem eng an beide seine Vaterländer – Parmenien und Cornwall – gebunden. „[...] Alle, die etwas verstanden von Rittern und Rüstungen, waren sich einig darin, dass Ritter und Rüstung noch niemals besser ausgesehen hätten.“[25] Sein Körper ist schön und wohlgeformt, seine Haltung ist „erlesen“. Wenn es sein muss, stürzt er sich mutig in den Kampf, schreckt aber auch nach wie vor nicht vor List zurück, um Gegner in einen Hinterhalt oder in die Irre zu führen. Er ist ein rechtschaffener Mann, der es allen recht machen will und daran glaubt, dass es gut sei, für das Wohl Anderer Opfer zu bringen. Er wird geführt von Entschlossenheit und festem Willen, der ihm auch Gewaltbereitschaft beschert – erst verwundet von Môrolds giftiger Klinge zweifelt er an seinen Kräften und macht sich auf den Weg nach Irland, weil er von Môrolds Schwester Isolde gehört hat, der klugen Königin und einer bekannten, großen Heilerin.

So heldenhaft Tristan sich gegen Männer schlägt, so ergeben scheint er gegenüber den Frauen, denn diese, und vor allem seine zukünftige Geliebte, die Prinzessin Isolde [26], verändern seinen Charakter und sein Erscheinungsbild nachhaltig. Diese Einstellung dem anderen Geschlecht gegenüber bezeichnet Curschmann als „complete submission of the hero. He must be put – or put himself – completely at the lady's mercy to win that kind of battle, to be victorious in love.“[27] Diese „love“ ist eine Gegnerin für die Marke gegenüber empfundene Loyalität und zerrt Tristan in einen inneren Kampf, der seine Entschlossenheit und Standhaftigkeit vehement auf die Probe stellt. So kehrt er zwar heim nach Cornwall als „niuborner man“ [28], fühlt sich aber krank und ohnmächtig vor Liebe, einzig Isolde und die Zeit mit ihr ist seine Heilung. Flecken-Büttner schreibt:

„Hier wie da werden die Liebenden freudlos und unruhig, verliert alles für sie an Wert, während das Gegenüber an Anziehungskraft gewinnt.“ [29]

Und, ferner:

„Die Entstehung der Liebe zwischen Tristan und Isolde bedeutet eine Katastrophe.“ [30]

Und wenngleich er noch immer als Krieger gefürchtet wird, fechtet Tristan einen harten Krieg in seinem Inneren und leidet Kummer und Klagen, ein „Ringen zwischen Minne und Ere“, das „im Grunde bereits entschieden“[31] scheint: der Held unterliegt einer „Diskrepanz von innerem Wunsch und äußeren Anstandsregeln“ [32], denn durch seine eigenen Worte erkärt er die Kraft der Liebe für stärker.[33] Er ist emotional, scheut sich nicht davor, vor Liebeskummer zu weinen und ist gleichzeitig paranoid misstrauisch allen gegenüber, in denen er Hindernisse für seine Affäre mit Isolde sieht, denn diese leugnen sie beide, sogar bis Eid und Gottesurteil gehend, auch gegenüber Marke: „Der Treuebruch gegen den König stellt immerhin eine Staatsaffäre dar.“[34] Sneeringer bestätigt jedoch, dass der entstandene Konflikt stark an Tristans Gewissen zehrt:

„[T]he conflict between faithfulness and honor is the first thing Tristan thinks of in relation to his feelings for Isolde.“ [35]

Hermann beschreibt diesen Zustand folgendermaßen:

„Sein kalkulierendes, tricksterhaftes Auftreten muß dem Drang nach Liebe weichen. Ohne Gegenwehr – dem Kreatürlichen (Liebe, Leid, Tod) nun ganz ergeben – nimmt er den Liebestod in Kauf. Die Konsequenzen der gegenseitigen Liebe werden von ihm nicht mit Kalkül abgewogen. Vielmehr gleicht seine Rede einem Rausche, dem er sich nicht zu entziehen versucht.“[36] [37]

Die ehemalige Verbundenheit zum König wandelt sich immer mehr in Furcht [38], was Tristan schließlich dazu führt, aus Cornwall zu fliehen und Isolde zurückzulassen, zu ihrer beider Wohl.

Seinem Kummer zu entfliehen hofft er durch das Wiederaufnehmen ritterlicher Taten, weshalb er sich in u. a. Deutschland als Söldner verpflichtet. Als er zu all seinem Leid auch noch von dem Tod Ruals und Floraetes erfährt, verreist er abermals, diesmal nach Arundel, um Gutes zu tun und ein völlig neues Leben zu beginnen. Im Kampf ist er fair, großmütig und gnädig; in seinem Inneren zerrissen und vertrauert. In diesem Zwiespalt trifft er Isolde Weißhand, ein junges, hübsches, höfisches Mädchen, das ihm den Kopf verdreht und die Prüfung seiner Treue an Isolde von Irland darstellt. Tristan ist sich seiner treulosen Gedanken und Gefühle wohl bewusst und wird übermannt von Gewissensbissen; als er jedoch die Realität ein kleines Stück walten lässt und erwägt, dass die Wahrscheinlichkeit, je wieder mit Isolde von Irland zusammen und glücklich zu sein, weniger als gering ist, entsagt er seiner bisherigen Liebe und versucht, diese Entscheidung dadurch zu legitimieren, dass er sich Untreue ihrerseits einredet. Ein sehr menschlicher Gedankengang, der Tristan als Figur von seinem bisherigen, ikonenhaften Bild abhebt. Damit endet Gottfrieds Tristan-Fragment.

[...]


[1] Kraschewski-Stolz, Siegrun: Studien Zu Form Und Funktion Der Bildlichkeit Im 'Tristan' Gottfrieds Von Straßburg. Göppingen 1983, S. 243

[2] Stevens, Adrian Wisbey, Roy: Gottfried Von Straßburg And The Medieval Tristan Legend. Cambridge 1990, S. 230

[3] Vgl. dazu: http://tristanundisolde.kinowelt.de/inhalt.html

[4] Tomasek, Tomas: Gottfried Von Straßburg. Stuttgart 2007, S. 292

[5] Ebd., S. 293

[6] Vgl. dazu: Heinrich 6847 ff.

[7] Vgl. dazu: Hermann, Henning: Identität Und Personalität In Gottfrieds Von Straßburg Tristan. Hamburg 2006, S. 140

[8] „ouch was er an dem lîbe, / daz jungelinc von wîbe / nie saeleclîcher wart geborn.“ Von Straßburg, Gottfried: Tristan. Band 1. Stuttgart 2010, S. 135

[9] Vgl. dazu: Hermann, Henning: Identität Und Personalität In Gottfrieds Von Straßburg Tristan. Hamburg 2006, S. 115 ff.

[10] Hermann, Henning: Identität Und Personalität In Gottfrieds Von Straßburg Tristan. Hamburg 2006, S. 129

[11] Unter „Ehre“ in der klassischen Tradition versteht Sneeringer „goodness, happiness, blessedness, good fortune, and virtue [linked] closely to one another.“ Vgl. Sneeringer, Kristine K.: Honor, Love, And Isolde In Gottfried's Tristan. New York 2002, S. 13

[12] Schoenwald, Ulrich: Hermes' Spuren. Geist Und Struktur In Gottfrieds Tristan. Göttingen 2005, S. 32

[13] Diese Beispiele werden in den nächsten Kapiteln näher erläutert.

[14] Tomasek, Tomas: Gottfried Von Straßburg. Stuttgart 2007, S. 186

[15] Vgl. dazu: http://www.filmstarts.de/kritiken/39875-Tristan-und-Isolde/kritik.html

[16] Hermann, Henning: Identität Und Personalität In Gottfrieds Von Straßburg Tristan. Hamburg 2006, S. 119

[17] „roc unde mantel haete er an / von einem pfelle, der was rîch / und an gewürhte wunderlîch. / er was von Sarrazînen / mit cleinen bortelînen / in vremedeclîchem prîse / nâch heidenischer wîse / wol underworht und underbriten / und was der alsô wol gesniten / nâch sînem schoenem lîbe, / daz von manne noch von wîbe / enwurden edeler cleider nie / baz gesniten danne die.“ Von Straßburg, Gottfried: Tristan. Band 1. Stuttgart 2010, S. 160 f.

[18] Okken behauptet, „Was Tristan trägt, ist viel kostbarer als [...] die Kleidung, welche dem Hofgesinde zweimal jährlich von rechtswegen zugeteilt wird.“ Okken, Lambertus: Kommentar Zum Tristan-Roman Gottfrieds Von Strassburg. Amsterdam 1985, S. 254

[19] Hermann, Henning: Identität Und Personalität In Gottfrieds Von Straßburg Tristan. Hamburg 2006, S. 136

[20] Vgl. dazu: Flecken-Büttner, Susanne: Wiederholung Und Variation Als Poetisches Prinzip. Exemplarität, Identität Und Exzeptionalität In Gottfrieds Tristan. Bonn 2007, S. 95

[21] Hermann, Henning: Identität Und Personalität In Gottfrieds Von Straßburg Tristan. Hamburg 2006, S. 130

[22] Ebd., S. 141

[23] Flecken-Büttner, Susanne: Wiederholung Und Variation Als Poetisches Prinzip. Exemplarität, Identität Und Exzeptionalität In Gottfrieds Tristan. Bonn 2007, S. 96

[24] Kraschewski-Stolz, Siegrun: Studien Zu Form Und Funktion Der Bildlichkeit Im 'Tristan' Gottfrieds Von Straßburg. Göppingen 1983, S. 246

[25] „ [...] die dô wol prîsen / beidiu man und îsen, / die kâmen alle samet dar an, / daz beidiu, îsen unde man, / geworhten schoener bilde nie.“ Von Straßburg, Gottfried: Tristan. Band 1. Stuttgart 2010, S. 407

[26] Mutter und Tochter tragen bei Gottfried den gleichen Namen.

[27] Curschmann, Michael: „Images Of Tristan“, in: Stevens, Adrian Wisbey, Roy: Gottfried Von Straßburg And The Medieval Tristan Legend. Cambridge 1990, S. 5

[28] Kraschewski-Stolz, Siegrun: Studien Zu Form Und Funktion Der Bildlichkeit Im 'Tristan' Gottfrieds Von Straßburg. Göppingen 1983, S. 128

[29] Flecken-Büttner, Susanne: Wiederholung Und Variation Als Poetisches Prinzip. Exemplarität, Identität Und Exzeptionalität In Gottfrieds Tristan. Bonn 2007, S. 100

[30] Ebd., S. 109

[31] Kraschewski-Stolz, Siegrun: Studien Zu Form Und Funktion Der Bildlichkeit Im 'Tristan' Gottfrieds Von Straßburg. Göppingen 1983, S. 212

[32] Kraschewski-Stolz, Siegrun: Studien Zu Form Und Funktion Der Bildlichkeit Im 'Tristan' Gottfrieds Von Straßburg. Göppingen 1983, S. 328

[33] Vgl. dazu: Tristan, Verse 12498-12506

[34] Karner, Daniela: Täuschung In Gottes Namen. Fallstudien Zur Poetischen Unterlaufung Von Gottesurteilen In Hartmanns von Aue „Iwein“, Gottfrieds Von Straßburg „Tristan“, Des Strickers „Das Heiße Eisen“ Und Konrads Von Würzburg „Engelhard“. Frankfurt am Main 2010, S. 58

[35] Sneeringer, Kristine K.: Honor, Love, And Isolde In Gottfried's Tristan. New York 2002, S. 47

[36] Hermann, Henning: Identität Und Personalität In Gottfrieds Von Straßburg Tristan. Hamburg 2006, S. 236

[37] Huber erläutert diesen Zustand der Liebeswandlung: „Wahrnehmung und Zielsetzung, die wir an die Dinge herantragen, sind verkehrt. So sind die genannten Werte, Betrug gegen Loyalität, selbstzerstörerische Inkonsequenz gegen ein Beharren in der Minne durch die Leidfreude hindurch, nicht generelle Normen, sondern solche, die sich im Raum der Minneverwirklichung zwischen den Partnern bewegen.“ Huber, Christoph: Gottfried Von Straßburg. „Tristan Und Isolde“. München 1986, S. 73

[38] Tomasek geht sogar so weit, zu behaupten, Tristans Treueverständnis würde eine vollkommene Umkehrung erfahren: „[...] [D]enn nicht nur verkehrt sich seine alte Treue gegenüber dem König und Onkel nun in extreme Untreue, sie wird auch von einem konkurrierenden Treuekonzept verdrängt [...], das sich nicht an gesellschaftlichen Normen, sondern an der Herzensaufrichtigkeit zweier Einzelmenschen bemisst: dem der Minnetreue [...].“ Tomasek, Tomas: Gottfried Von Straßburg. Stuttgart 2007, S. 191

Ende der Leseprobe aus 29 Seiten

Details

Titel
Tristan. Liebendes Opfer und betrügender Held
Hochschule
Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg  (Institut für Germanistik)
Veranstaltung
Seminar "Bilder erzählen"
Note
2,0
Autor
Jahr
2011
Seiten
29
Katalognummer
V294075
ISBN (eBook)
9783656917632
ISBN (Buch)
9783656917649
Dateigröße
484 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Tristan, Isolde, Gottfried von Straßburg, Kevin Reynolds, Heinrich von Freiberg
Arbeit zitieren
Ava Sergeeva (Autor), 2011, Tristan. Liebendes Opfer und betrügender Held, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/294075

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